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Der liberale Beobachter und Berks, Montgomery und Schuylkill Caunties allgemeine anzeiger. ([Reading, Pa.) 1839-1864, April 30, 1850, Image 1

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Meil V i n tz, Penn. Gedruckt und herausgegeben von Arn o l d Pnwell e, in der Süd 6ten Straße, zwischen der Franklin- nnd Chesnur - Straße
Jahrg. I I , ganze Nun«. SS2.
Scdingungen: Der Nilierale IZevliacilter erscheint jeden Dienstag auf einem großen Superial - Bogen mir schonen vettern gedruckt. Der Subscriptions - Preis ist Ein Thaler des Jahrs, welcher in halbjährl'^l.r
Vorausbezahlung erbeten wird. Wer im Laufe des Jahres nickt bezablt, dem werden HI 5» angerechnet. Für kürzere Zeit als « Monate wird kein llnterschreiber angenommen, und etwaige 'Aufkündigungen werden »uc
dann angenommen, wenn sie einen Monat vor Ablauf des Lubstriptions-Termins geschehen und gleichzeitig alle Rückstände abbezahlt werden. Bekanntmachungen werden dankbar angenommen und für den gewöhnlichen Preis ein
gerückt. Unterschreibern in hiesiger Stadt wird die Zeitung portofrei geschickt, weitere Versendungen geschehen durch die Post oder Träger, auf Kosten der llnterschreiber. Briese und dergl. müssen postfrei eingesandt werden.
John Mills, der Mormone,
und sein Kampf mit Colonel Tnrk.
Als die Mormonen sich imJahre 1833,
in Missouri niederließen, war ein junger
Enthusiast, mit Namen John Mills, ei
ner ihrer begabtesten und beliebtesten Pr
ediger. Wo immer hin eine Versamm
lung, bei der er predigen sollte, berufen
wurde, da erschienen zahlreiche Schaaren
der Heiligen, so groß war der Ruf seines
Namens unter ihnen.
Um diese Zeit hatte sich eine zahlreiche,
gewaltige Bande von Lynchers zur Ver
treibung oder Vertilgung der Mormonen
gebildet, deren Haupt Colonel Türk war,
einer der gefährlichsten, verzweifeltsten
Menschen, die Missouri oder vielleicht ir
gend ein Land der Erde noch je hervorge
bracht hat Mehrere Mormonen waren
getheert und gefedert, mehrere mir langen
knotigen Hickories geschlagen worden, bis
sie vor Schmerzen und Blutverlust beina
he den Geist aufgaben—andere wurden
mit Gewalt um ihr ganzes Vermögen
und in einem einzigen Tage an den Bet
telstab gebracht, während wieder andere
ein besseres Loos traf, indem sie wie wilde
Thiere auf den Prairien erbarmungslos
gehetzt und dann niedergeschossen wurden.
Endlich sollte die Reihe auch an den Pre
diger Mills kommen, den Türk unter al
len Mormonen am wüthendsten haßte,
und Letzterer bot alle seine Anhänger auf,
> um Jagd auf ihn zu machen.
Es war eine ungewöhnlich kalte Nacht
in der Mitte des Winters I8l»3, der
Himmel war unbewölkt, der Vollmond
schien im hellsten Glänze herab, aber die
Erde lag kalt und traurig da im freund--
lichen Lichte, wie ein weites Grab; eine
dichte Schneedecke umhüllte Wald und
Prairie und der Nordwind heulte einen
schauerlichen Klagegesang über sie hin.
Es war eine Nacht, in der Niemand selbst
einem Diebe oder Morder ein Obdach in
cinem Winkel seines Hauses verjagen
möchte und in welcher Jeder, der eine He
imath halte, sich gerne behaglich am Feuer
! seines eigenen Heerdes wärmte.
Allein trotz der grimmigen Kälte, trotz
heulenden Windes hatten eine Anzahl
Menschen ihre Wohnungen verlassen und
sich in einem großenßlockhause, ungefähr
dreihundert Flards vom Missouriflusse,
der damals von cinem Ufer zum andern
zugefroren war, versammelt, um daselbst
Gottesdienst zu halten. Niemand wird
wohl erst fragen, welcher Sekte sie ange
hörten. Kein Fanatiker eines älteren
Glaubens würde sich in einer solchenNacht
hinausgewagt haben, um eine Kirche zu
besuchen ; sie mußten Zeloten einer neuen
Ueberzeugung sein, eine neue Idee mußte
in ihnen aufgetaucht sein, mußte ihr Herz
erwärmt, ihre Einbildungskraft erhitzt
haben mit der Glurh desMärtyrerthumS,
sonst würden sie den warmen Heerd nicht
vertauscht haben mit der eisigen Kälte die
ser Nacht. Es waren Mormonen. Die
Versammlung bestand aus Männern und
Frauen, beinahe in gleicher Anzahl, - und
die meisten derErsteren führten eineßüch
se mit sich, die sie selbst dann nicht aus
der Hand gaben, wenn sie sich zum Ge
bet niederknieeten. So groß und drohend
war die Gefahr, in der sie beständig
schwebten, oder doch zu schweben wähnten,
daß sie selbst ihren Gottesdienst nicht un
bewaffnet verrichteten.
Der Prediger Mills war so eben am
erschütterndsten Abschnitte seiner ergrei
fenden Rede angelangt und schilderte mit
einem seltenen Feuer der Beredsamkeit
und mit den glühendsten Farben die Ver
folgungen und Leiden, welche noch alle
großen Reformatoren des Menschenge
schlechts seit der Entstehung desselben bis
zur gegenwärtigen Zeit zu erdulden hat
ten. Nie noch war er selbst so bewegt
gewesen, nie noch hatte er seine Zuhörer
zu solcher Begeisterung hingerissen. Sei
ne blauen Augen glänzten wie feurige
Meteor/, seine Stimme scholl wie eine
Posaune, seine Rede ergoß sich über die
Der Liberale Beobachter
Und Berks, Montgomery und Schuylkill Cauncies allgemeiner Anzeiger,
Häupter der Andächtigen, gewaltig wie
der Nordstiirm, der über den First des
Bethauses'dahinfuhr.
Die Seufzer und Thränen der Män
ner und der Angstschrei der Frauen be
wiesen, welche despotische Gewalt er mit
seinerßeredsamkeit über die Zuhörer aus
übte.
Plötzlich unterbrach ihn der rasch auf
einanderfolgende Knall dreier Büchsen,
u. unmittelbar darauf stürzten drei Män
ner, die draußen Wache gehalten hatten,
zur Thür herein und riefen in Todes:
angst aus: ~Der Mob! Der Mob!
Rettet Euch vor Colonel Turk's Bande!
Ninnand vermag die Scene von Angst
und Verwirrung zu beschreiben, welche
diese Nachricht hervorrief. Mehrere Män
ner sprangen aus den Fenstern und flo
hen, als würden sie von einer Legion
Teufel verfolgt, die Frauen schrieen laut
auf, als sehen sie ihre letzte Stunde un
aufhaltsam herannahen, und eine plötzli
che Betäubung schien unfähig zu machen,
auf Flucht zu denken oder Widerstand zu
verursachen. Sie hatten aber auch kurze
Zeit, um sich auf letzteren vorzubereiten.
In wenigen Augenblicken hatte der Mob,
mehrere Hnderte an der Zahl, das Ge
bäude umringt, und die Mündungen von
fünfzig gespannten Flinten und Pistolen
blickten drohend zu den Fenstern und zur
Thür herein. Allein nicht ein Finger
erhob sich zur Vertheidigung—die Angst
schien die Mormonen alle in Stein ver
wandelt zu haben. Die Heiligen der letz
ten Tage waren damals noch nicht durch
so viele Verfolgungen zu Veteranen ab
gehärtet und die später so berühmt ge
wordene Mormonen-Legion existirte da
mals blos in der Einbildungskraft ihres
Propheten.
Jetzt stürmten die Lynchers zur Thür
herein, an ihrer Spitze der allgesürchte
te, riesige Colonel Türk, und begannen
mit den eisernen Ladstöcken ihrer Büch
sen wüthend und schonungslos, ohne ir
gend eine Rücksicht auf Alter und Ge
schlecht, auf die vor Furcht halbtodten
Mormonen loszuhauen. Das Geschrei
und die vergeblichen Rufe um Gnade und
Hülfe übertäubten das Heulen des Stur
mes, der noch immer forttobte. Endlich
schrie Colonel Türk seinen Leuten zu:
Schafft die Weiber hinaus, haltet die
Männer fest und bringt Hickoryruthen
und Theer und Federn herein!
Und die betrunkene Bande jubelte vor
Lust und beeilte sich, die viehischen Befeh
le ihres Anführers zu vollziehen.
BiS zu diesem Augenblicke war Mills,
mit derßibel ihres Propheten in der Hand,
auf seinem Platze stehen geblieben, ohne
sich zu rühren ; sein Außeres zeugte je
doch von einem furchtbaren Kampfe, der
in ihm vorging; sein Gesicht war Lei
chenblaß, seineLippen krampfhaft geschlos
sen, seine Fäuste waren geballt und seine
Augen schössen tödtliches Feuer. Plötz
lich sprang er mit einem Satze nach dem
nächsten Fenster, und trotz zwanzig Ar
men, die sich nach ihm ausstreckten, um
ihn zu fassen, entkam er glücklich aus dem
Hause.
Jagt ihm nach —schießt ihn nieder
faßt ihn, lebendig oder todt! schrie Türk
in der heftigsten Wuth und ermahnte sei
ne Leute durch sein eigenes Beispiel zur
Verfolgung, indem er wie rasend zur
Thür hinausstürmte.
Mills floh geraden Wegs auf den
Strom zu und eine fast wunderbare Be
hendigkeit verschaffte ihm bald einen be
deutenden Vorsprung vor seinen Verfol
gern. Mehrere der Letzteren feuerten
ihre Büchsen nach ihm ab, aber ohne Er
folg. Als er den Strom erreicht hatte,
bückte er sich einige Augenblicke nieder
und schnallte sich inEile ein Paar Schlitt
schuhe an die Füße, die er, längst auf ei
nen Ueberfall gefaßt, seit dem Zufrieren
des Stromes immer bei sich trug; dann
betrat er dasEis und flog mit der Schne
lligkeit des Windes den zugefrorenen
Strom dahin.
"TVillig zu loben und obne Furcht zu tadeln."
Dienstag den SS». April, I8S4».
Hat denn Niemand ein Paar Schlitt
schuhe bei sich? schrie Colone! Türk mit
einem gräßlichen Fluche und schlug sich
bei dem Gedanken, daß ihm sein Todfeind
entkommen könne, mit der Faust vor die
Stirne.
Hier ist ein Paar, antwortete einer
aus der Bande, aber mir müßt ihr nicht
zumuthen, daß ich sie in einer solchen
Nacht auf dem Eise versuchen soll.
Schnell her damit—gebt sie mir! rief
Türk im Tone brennender Ungeduld aus.
Mit diesen Worten riß der Colonel jenem
die Schlittschuhe aus der Hand, band sie
an seinen Füße« fest und fuhr, mit einem
abermaligen Fluche schwörend, er wolle
den Scalp des Predigers zurückbringen
oder diesem seinen eigenen lassen, auf der
Eisdecke hinaus auf die gefährliche Jagd.
Kein Muth läßt sich mit der Verwegen
heit vergleichen, welche die Rachsucht und
Blutgier einflößt.
In der Zwischenzeit hatte sich Mills
dem entgegengesetzten Ufer genähert, be
merkte aber zu seinem größten Erstaunen,
daß auch dieses von Bewaffneten besetzt
war. Er wußte in einem Augenblick spä
ter, was dies zu bedeuten habe. Colo
ne! Türk hatte, um das Entkommt« der
verfolgten Mormonen zu verhüten, jen
seits des Flusses eine Wache zurückgelas
sen. Er richtete nun ohne Zögern seinen
Lauf stromabwärts, und gleich darauf
schössen sämmtliche Bewaffnete ihreßüch
sen auf ihn ab, deren Kugeln ihn jedoch
der großen Entfernung wegen nicht er
reichten. Sie rasselten, ohne ihn zu ver
letzen, über die Spiegelfläche des Eises
dahin.
Dießmal gedenke ich diesen Teufeln
noch zu entrinnen, sagte er zu sich selbst
und lief nun aus allen Kräften. So
flog er einige Zeit fort, als er plötzlich
bemerkte, daß ihn Jemand auf dem Eise
verfolge. Da ließ er in seiner Eile nach
und drehte sich herum, um seinen Verfol
ger zu Gesicht zu bekommen. Der Letz
tere war jedoch noch zu weit zurück, als
daß er ihn hätte erkennen können, und
der Mormone betete nun laut, gleichfalls
vom Wahnsinn der Rache ergriffen : Ge
be Gott, daß es Colonel Türkist, und ich
will gerne sterben!
Immer näher kann der Verfolger her
anbrauser.d wie eine Lawine. Das Ras
seln seiner Eisenschuhe übertönte dasHeu
len und Toben des Nordsturms, seine ho
he Gestalt, von den schimmernden Strah
len des Vollmonds erleuchtet, wurde im
mer deutlicher, die Umrisse immer schär
fer, und bald war er so nahe, daß ihn
das scharfe Auge des Mormonen nicht
mehr verkennen konnte. Der junge Pre
diger hatte seine Annäherung mit der
größten Spannug erwartet. Als er aber
nun den Erzfeind seiner Glaubensgenos
sen erkannte, da brach er in ein' Gelächter
aus, das über den erstarrten Strom da
hin schallte, und mit der Freude eines
höllischen Dämons sah er, wie jener sein
Messer aus der Scheide riß.
AuchMills zog nun das seine und fuhr,
rasch wie der Blitz, zur Seite, um einen
Zusammenstoß mit dem heranfliegenden
Gegner zu vermeiden, der Beide zu Bo
den werfen und einen längern Kampf un
möglich machen mußte.
Nun begann ein Kampf, der an Aus
dauer, Verwegenheit und Geschicklichkeit
schwerlich jemals seines Gleichen gehabt
hat. Ein Gegner übertraf den andern
an Schnelligkeit, Schlauheit u.Gewandt
heit, und lange versuchten sie vergeblich,
sich gegenseitig irgend einen Vortheil ab
zugewinnen. Beide beschrieben die man
nigfaltigsten Figuren auf dem Eise, Krei
se, Ellipsen, Winkel, Quadrate Parallel
ogramme bedeckten die glatte Oberfläche
nach allen Richtungen; aber einer zeigte
sich als ein ebenso vollendeterSchlittschuh
läufer als der andere, und keiner konnte
den andern auf einer Blöße ertappen oder
sonst einen Vortheil erringen. Zu wie
derholten Malen kamen sie auf Stoßwei
te nahe, und dann kreuzten sich ihre Mes-
fer, wie zwei Blitze, aber keiner erhielt
eine tödtiiche Wunde.
Die Kälte wurde immer grimmiger,
der wüthende Sturm heulte immer schau
erlicher, während die beiden Gegner in
unzähligen Bendungen den Strom im
mer weiter hinab fuhren, wo die Eisdecke
dünner wurde und immer lauter unter
ihren Füßen zu krachen begann.
Endlich faßte der Mormone den Ent
schluß, dem Streite ein Ende zu machen
und seinen Feind zu vernichten, sollte er
auch selbst mit ihm zuGrunde gehen müs
sen. Er beschloß, bei der nächsten Be
wegung nicht mehr auszuweichen, wie er
bisher gethan hatte, sondern dem Lyn
cher geradezu entgegen zu rennen; er
machte zuerst einen weiten Bogen, um
die Geschwindigkeit seines Laufes zu er
höhen, und fuhr dann in gerader Linie
auf Türk los.
Dieser kam ihm eben so rasch entgegen
—eine Sekunde später prallten sie aus
einander wie zwei feindliche Eometen, und
stürzten, sich gegenseitig umklammernd,
zusammen. Im Augenblicke ihres Falles
borst das Eis unter ihrer Wucht mit be
täubendem Krachen, und das von seinen
Banden befreite Wasser riß sie wallend
und zischend in den tiefen Strudel hinab,
der den Verfolger wie den Verfolgten
als willkommene Opfer verschlang.
Stöhnend unter seiner Last rollte der
Strom unaufhaltsam weiter zur fernen
See ; die Sterne schienen mild u. freund
lich herab auf die winterliche Erde, so
schön wie am Tage ihrer Erschaffung nur
der eisige Nord stürmte heftiger denn zu
vor, und heulte seinen schauerlichsten Kla
gegesang dahin über das eisige Grab der
beiden Kämpfer, die jetzt friedfertig um
schlungen auf dem riefen Grunde des
Stromes ruhten.
Das Todtenschiff.
Am linken Ufer des Vierwaldstätter
fees, am Fuße des Bürgenberges, dehnt
sich ein liebliches, jedoch einsames Gelän
de aus. Ein kleines Dörfchen, eine Ka
pelle und einzelne, zetstreute Wohnungen
sind die belebtesten Punkte, bei denen das
Auge verweilt. Die Verbindung mit
dieser Ortschaft ist schwierig und zwar in
dem Maaße, als dieselbe zu Lande nur
mittelst eines steilen Bergpfades, sonst
aber zur See stattfindet. Eine solche
Abgeschiedenheit und Beschränktheit auf
sich selbst muß natürlicherweise ganz be
sonders auf die Eigenthümlichkeit der Le
bensweise und des Charakters der dorti
gen Bewohner einwirken und diesen den
Mangel an vielen Nothwendigkeiten des
Daseins oft recht fühlbar machen. Bei
sehr vielen Anlässen, namentlich in Fäl
len von Krankheiten, wird das Bedürf
niß nach den Hülfsmitteln und Einrich
tungen größerer Ortschaften sich besonders
dringlich herausstellen; denn man findet
dort keinen Arzt, höchstens eine Person,
welche die Kräuter kennt, nicht aber die
Krankheiten oder deren Symptome. Das
geschichtlich Wahre, welches der nachste
henden Sage zu Grunde liegt, ist ohne
Zweifel aus diesen eben nicht beneidens
werthen Verhältnissen hervorgegangen.
Vor vielen, vielen Jahren —Geschlech-
ter sind seitdem dahin gewelkt—lebte in
Kersiten ein nicht unbemittelter Mann,
Fridli Amstäg genannt. Der Kummer
hatte ihn früh alt gemacht, denn dasMiß
geschick ging hart mit ihm um und entriß
ihm in kurzer Zeitfrist fein Eheweib und
alle Kinder bis auf seine Tochter, ein lie
benswürdiges Mädchen von achtzehn Ja
hren. Der Arme glich einem vom Stur
me zerrissenen, niedergedrückten Baume,
welcher nur noch einen grünen Ast befitzt. >
der Früchte zu erzeugen verspricht. In
dem nächsten Sommer, welcher auf sei
nen verhängnißvollenVerluft folgte, ging
es leidlich mit ihm ; er fand Zerstreuung
in der Arbeit und einigen Trost im An
blick der herrlichen Natur. Aber beim
Anrücken des Spätherbstes, als die Er
heiterungen und Genüsse aufhörten und
Laufende Nummer
die kalte Witterung ihn in die einsame
Stube bannte, in welcher selbst der ge
ringfügigste Gegenstand ihn an sein Ün
glück erinnerte, da wurde er schwermüthig,
und endlich in Folge dessen ernstlich krank
Ein 'Arzt aus dem zwei Stunden entfern
ten Luzern behandelte ihn, und wenn die
ser nicht selbst kam und das Nöthige mit
brachte, so fuhr die junge Marie in einem
leichten Nachen nach der andern Seite de 6
See's und eilte von da nach der Stadt,
um Bericht zu erstatten und die Arzneien
abzuholen. Marie war eine gute Toch
ter, die den Vater recht innig liebte, und
sie unterzog sich diesen mühe- und nicht
selten gefahrvollen Sendungen mit einer
kindlich frommen Hingebung, die eines
glücklicheren Looses werth gewesen wäre.
Aber hienieden geht es manchmal sonder
j bar zu, und es bedarf hie und da, wenn
wir sehen, wie Tugend und Unschuld mit
Kummer und Elend heimgesucht werden
und das Laster im Bollgenuß vonGlücks
gürern triumphirt, eines felsenfesten Ver
trauens auf die göttliche Vorsehung und
eine spätere Vergeltung, um in Glaube
und Hoffnung nicht irre zu werden.
Es war das letzte Mal, daß Maria
nach St. Nikolaus hinaberfahren sollte,
denn der Vater begriff, daß die Jahreszeit
nicht mehr geeignet sei ein junges Mäd
chen allein über Straßen und Land zu
schicken, und ein Nachbar hatte ihm ver
sprochen, dieses Geschäft künftighin gegen
eine gute Entschädigung zu übernehmen.
Unglücklicherweise war der Arzt abwe
send, als Marie in Luzern anlangte, und
als sie nach langem Harren das Nöthige
endlich erzielt, war es spät geworden. Auf
der Höhe am Tribschen angekommen dun
kelte es bereits, denn ein heftiges Schnee
gestöber verfinsterte den Rest der Tages
helle und ein schneidend kalter Westwind
durchbrauste ungestüm die entblätterten
Wipfel der Bäume. Das arme Kind
eilte heimwärts und zwar mit solcher Hast,
daß ihm, ungeachtet des Frostes, der
Schweiß in großen Tropfen von derStir
ne perlte. Glücklich, jedoch von Anstren
gung und Angst niedergedrückt, erreichte
es den Nachen. Aber der Gedanke an
das wahrscheinlich bangeHarren des kran
ken Vaters wirkte elektrisch auf die ge
schwundene Kraft, und ohne diese, gegen
über der Gefahr, zu würdigen, ohne auf
den Gedanken zu kommen: Jemand zum
Beistand herbeizurufen, stieß sie das
Schiffchen vom Ufer und vertraute sich
sammt demselben den treulosen Fluthen
an. Die Wellen gingen hoch und verur
sachten ain felsigen Gestade eine schäu
mende Brandung.
Aus der Bucht von Alpnacht her heul
te der Sturm und über den See herüber
schwebte kein einziger Lichtstrahl, denn
Wolken von Schnee schwebten gleich Ge
spenstern in raschem Fluge über die to
benden Gewässer hin.
Die Leute zu St. Niklaus hatten ge
sehen, wie das ihnen wohlbekannte Mäd
chen dem Nachen zueilte; sie glaubten
aber nicht, daß es die Ueberfahrt wagen,
sondern wieder zurückkommen und sich bei
ihnen schirmen oder wenigstens um Hülfe
bewerben würde. Mit Freuden würden
sie das eine und anderer zugestanden ha
ben ; allein sie irrten sich in ihrer Erwar
tung. Marie kam nicht, und als sie
angsterfüllt, am Gestade nach ihr suchten,
sahen sie mit Entsetzen, daß dieselbe fort
sei. Armes Kind! riefen sie händerin
gend, nur ein Wunder kann dich retten.
Vergebens harte der kranke Vater in
der Todesangst auf die Heimkehr der
Tochter: Vergebens war sein heißes Fle
hen, waren seine Gelübde —Marie kam
nicht wieder. Nur einmal—es war um
die zwölfte Stunde der Nacht glaubte
er zuerst ein rasch wiederholtes Klopfen
am Fenster, darauf ihre Stimme, einem
langgedehnten Hülferuf ähnlich, zu ver
uehmen. In wahnsinniger' Freude stürz
te er zum Fenster hin, aber er fühlte nur
den kalten Hauch des Sturmes, er hörte
nur sein Brüllen und wie er die Fluthen

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