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Der Sonntagsbote und der Seebote. (Milwaukee, Wis.) 1912-1922, December 01, 1912, Image 3

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TcrMord in öcrPaboja-Schlucht
Von Rudolf PreZber.
Ehe ich morgen vor den Geschwo
renen erscheine, um wich. des vorsätz
lichen Mordes an der Dorothea Ka
thinka Kabeljau angeklagt, zu ver
teidigen. muß ich .mir selbst, ganz
kühl und ruhig, ohn: zu beschönigen
ohne zu fälschen, das Bild jener
furchtbaren Tage heraufbeschwören,
dcmlit ich es meinen Richtern in sei
ner ganzen grausigen Farbenpracht
malen kann.
Niemand versteht, wie ich, gerade
ick, dazukomme, eine Frau in den
späten Jasiren ibres MLdwentums
in die Tiefe der Padoja-Schlucht zu
stürzen. Und dock tat ichs: kann?
nd wi?!s nicht leugnen. Zwar ist
der Leicknam nickt gesunden. Dieses
fasse ich aber nur als eine bewußte
Da'ik''eklqme der Dame auf.
Ich war immer galant. Ick war
der einzige, der wußte, daß Taute
Laura solche Zähne und keine eckten
Locken batte, und ich habe mein Ge-
Bei unseren Kinderspielen heiratete
ich immer das Lieschen voiußuchbin
der Schulz, das eine Stuppsnase
und krumm: Beine hatte. Ick wur
de auch mii dem Lieschen eingesegnet,
weil niemand anders mit ihr in die
Kircke gehen wollte. Später als ich
wirklich heiratete, da nahm ich
meines älteren Bruders Braut.
Damals nahm ich die leitende Stel
lung einer belletristischen Zeit
schrift an. Das stand auck in den
Zeitungen, und diese eilige Bekannt
gabe meiner Plätze wurde mein Un
glück Durch djese Notiz unter „Mo
saik" wurde ich zum Schwerverbre
cher,
Ebe ich mich der neuen Aufgabe
widmete, unternahm ich eine Erho
lungsreise und mietete mich auf dem
„Miroihkovf" ein. Der Ulirothkopf
ist ein Berg, der damals eigentlich
erst erfunden wurde. Er hat emen
„Höhenkurort", der besteht ars einem
Hotel, einem Teich, einer Allee und
einem Aussichtstempel. In dem Ho
tel ricchts nach toten Fischen in der
Allee riechts nach lebenden Kühen,
und in dem Aussichtstempel riechts
nach Kindern. Man steht von dem
Ulirothkopf aus elf Seen. Auf dem
Prospekt- Am Tage meiner Ankunft,
dem 4. Juli, sah man zwar keine elf
Seen, denn es war Regenwetter, aber
sehr viel mehr Damen. Nicht mehr
ganz junge Damen. Die saßen in
der Halle in Schaukelstühlen um zwei
Spiritusöfen und waren ln sehr ma
lerische Tücher gewickelt. Einige tru
gen Kneifer auf der Nase und hatten
Emporlesebücher in den Händen. An
dere häkelten. Alle sprachen von den
Obermüllers aus Bremen, die eben
abgereist waren, weil Herr Obermül
lkr Frostbeulen bekommen hatte.
Als ich meinen Namen in das
Fremdenbuch eingetragen hatte be
scheiden klein unter die Riesenbuch
si-ben eines Oekonomierats aus Han
nover und von der Treppe zufällig
zurücksah ins Vestibül, beugte sich
eine spindeldürre Dame, die keines
falls. als solche auffiel, über das
Buck. Sie schien sehr befriedigt von
der Lektüre. Sie hatte weit heraus
gtt'-ttumte rotblonde Haare und
ich weiß nicht, warum ein lila
Band darin, das sich wie der kühne
Tchi-mnstrcmg xiner Hochgebirgsbahn
d'.nck die Wellen der Frisur zog und
iebr neckisch mit ganz kleinen Mu
scheln benäht war. Außerdem trug
sie einen goldenen Kneifer mit Kon
*ava!äi::ii, am vierten Finder einen
Siegrlririg mit einer Krone im Stein
und dieß Dorothea Kathinka Ka
bel sau.
Des sagte sie mir am Abend bei
Tisch denn sie saß neben mir. Die
qnrcccn wußten es offenbar schon.
Auch daß ihre Mutter adelig gewesen
dr Siegelring, dacht' ich war
am Tn.che bekannt. Wie ich aus dem
diskreten Lächeln dcs Oekonomierats
ans Hannover und seinen Damen ge
genüber entnahm. Die Mutter hieß
„Lusa" wieso, weiß ich nicht, ich
tchtte auch diesen Namen eher für eine
Bezeichnung von Seife oder Frucht
buckon:- gehalten. Luja wurde in
ibrrr I-.gend nur „das Baroneßchen"
gen an! war hinreißend schön und
ber.nnckend talentvoll. Sie starb
:>esb ib sr.-b. Vom Later, der bür
gcrchck war und nicht schön, war nicht
die Rede. Doch existierte er be
stimm Die Tochter sah ihm offen
bar äbu'ich; denn ich sagte das
schon die Mutter war hinreißend
scköu.
Tir Hecrschg.ftcu gegenüber spra
chen Pc a den elf Seen, die man nicht
sebrü !ar-n. und von dem Spazier
gang in der Allee.
D::ot!,ea Kathinka Kabeljau aber
'vr-.'ch n ur von'sich. Uno von der
Matter, dem hinreißend schönen, ke
rn ai-che ach w.lentvollen Baroneßchen,
als de:>rn Fortsetzung sie sich gewis
se: i-n auffaßte. Die Beteiligung
c - Batt-t- blieb durchaus im Dun
kel.
Tic lirs; durchblicken, daß ich ihr
d->- -i 'ch'a.rnigten Platz am Tische
zu ver. :.!trn hätte. Tic „Geistigen"
n un::-, „zusammenhalten", sagte sic;
uns sie ah sehr viel Hammelkeule mil
bahnen dazu. Und sie freute sich,
ge!::! oder gelesen zu haben, daß ich
lue Lei: mg einer illustrierten Mo
tt-aarä: übernehme, sagte sie; denn
tza-r rönne man wahrhaft Gutes und
GraichS wirke! Dazu aß sie eine'
Pvrlion Kirschcnkompott. die eine
: beiden vegetarisch lebende Fa
un!':- in Zeiten der Not durchaus ge
u '.wd cri ahrt hätt. Es sei schade,
sie. daß ich ihre Mutter nicht
tt mr habe, die Luja hieß und daS
- r nksi -Ni genannt wurde. Sir'
s-f six leider auch nicht ge
' - ri. ab-r sie freue sich, mich
' 7'v z c lernen. Dazu ah sie zwei
b 'örtcken, wodurch die ökonomi
k: Bere.kmung des Nachtttcks auf-'
-z und der Orkonomierat aus '
7, -tznx Mobntörtchrn blieb.
Tn mei-er anderen Seite saß ein
üb-'ches. junH da- im-j
mer rot wurde, wenn sie mm die
Saucen reichte. Sie erinnerte mich
mit ihrem glattgefchcitclten Haar und
ihren lcinggewimperten Augenlidern
an ein Bild der heiligen Cäcilie im
'Museum zu Brüssel oder Antwer
- pea. Und ick mußte, während Do
rothea Kathinka Kabeljau sprach,
immerzu denken, ob diese heilige Eä
j cilie nicht die Kaicilogniimmer 243
habe. Denn ich habe zuweilen den
! Zahlen Drall.
Für den Abend war Mondschein
' brophezeit. Ter Hausknecht machte
das. Er war aus dem Tessin und
- lehr wetterkundig. Sonst fehlte ihm
j jedes Talent und ein Vorderzahn.
Oekonomierats hatten schon den ein
! zigen Kahn auf dem Teich er hieß
i „Möwe", rock nach Teer. war immer
balb voll Wasser und sehr hart in
den Rudern nir eine „Veneziani
sche Nacht" bestellt.
Es regnete aber, so daß Oekono
mierats statt der venezianischen
Kahnfahrt in der Halle Tarock spiel
ten und auf da? Wetter die Tempe
ratur, den Teich, den Kahn und eine
Familie in Hannover, die nickt mit
ihnen verkehren wollte, schimpften.
Ich stand in dein Glasbau der
Vorhalle und sah in den Regen und
überlegte mir, warum ick bei solchem
Wetter ausgerechnet 1095 Meter über
dem Meeresspiegel mich befinden
müsse. Zum ersten fiel mir ein, daß
' 1095 die Kirckenversammluno zu
> Clcrmont war, auf der Pavst Urban
11. den ersten Kreuzzug empfahl; und
'daran anschließend beschäftigte ich
meine Gedanken damit, daß im Jah
're meiner Zimmcrnummer „48"
im ersten Stock Cäsar über den
Rubicon ging und Pomvejus in
Aeavpten erstochen wurde. Da stand
Dorotbea Katkünkc, Kabeljau neben
mir, lächelte und hatte immer noch
das !ila Bändchen mit den vielen
Müschelchen im Haar.
Sie teilte mir mit, daß sie einen
Znklus „Mondgedichte" geschrieben
oder eigentlich mehr unbewußt „emp
fangen" habe, an den sie hier die letzte
Feile zu legen gedenke. Und sie pries
mich, daß ich in meiner neuen Stel
lung die Lyrik pflegen werde; wovon
ich noch gar nichts gesagt hatte. Ich
hatte überhaupt nichts gesagt. Weder
von Lyrik, noch vom Mond, noch
von meiner Stellung, noch vom
Uebergang Cäsars über den Rubieon.
Aber Dorothea Kathinka Kabeljau
gehörte und ich sage das wirklich
nicht nur, weil ich sie später umge
bracht habe und weil man von Tod
ten, insbesondere von solchen, die
man selbst dazu gemacht hat, nur
Gutes reden soll gehörte zu den
seltenen Menschen, die immer schon
wissen, was die anderen sagen wol
len oder werden oder gegebenen Fal
les gesagt hätten. So daß sie reckt
gut unter Trappisten hätte leben und
sick entfalten können, ohne an Fä
higkeit und Lust zu dem, was sie
Konversation nannte, einzubüßen.
Von jenem Abend weiß ich nur noch,
daß der Mond nicht kam und Doro
thea Kathinka Kabeljau nicht auf
hörte, von ihm zu reden. Immer
mit Beziehung auf ihre Gedichte, von
dennen ein mir unbekannter Doktor
Brettsäger gesagt hatte: das Him
melslicht selber fingere silbern hin
durch.
In der Nacht träumte ich von dem
Doktor Brettsäger, der mir mit sil
bernen Fingern in den Mund griff
und versuchte, das Zäpfchen vom
Gaumen zu reißen. Ich kam des
halb etwas müde zum Frühstück auf
der nassen Terrasse: aber gerade noch
recht, m Oekonomierats im erbosten
Kampf gegen einige Wespen über dem
Gelceiöpschen zu unterstützen. Wo
für ich die Belehrung erhielt, daß wer
hier länger als zwei Tage bleibe,
unbesehen reif für ein Irrenhaus sei.
Was mir nicht angenehm zu hören
war, da ich um die Vorteile der
Pension zu genießen für drei Wo
chen fest gemietet hatte. Es erwies
sich, daß für mich an dein letzten
Frübstückstifchlein gedeckt war, an
dem schon Dorothea Kathinka Ka
beljau mit einem Notizbuch saß und
mich anlächelte. Beim Frühstück habe
sie ihre besten Gedanken, sagte sie.
Das mochte wohl richtig sein; kei
nesfalls aber gehörte es zu diesen
besten Gedanken, daß sie mir als
bald mehrere Gedichte rezitierte
von sich; für anderes versagte ihr
monomanes Gedächtnis. Die Ge
dichte beschäftigten sich liobevoll mit
Wifpei, und Schmetterlingen und
waren für Menschen sehr unange
nehm. Sie reimten sich zwar hinten,
und es gehörten offenbar immer vier
Zeilen zusammen; aber sie wirkten
doch nicht so.
Ich schützte einen Spaziergang nach
dem Tempelchen vor. Dorothea Ka
thinka Kabeljau hatte es bereits be
sungen. In zivei Sonetten, die ich
hören mußte, während wir den Kuh
weg der All entlang gingen. Der
Weg. der Kuhschmutz und die So
nette endeten gleichzeitig. Das Tem
pelchen war voller Kinder, dir es teils
mit Sandspiclen unwobnlich mack
ten, teils Unsinniges an seine weißen
Säulen kritzelten. Dies veranlaßte
Dorotbea Kathinka Kabeljau, mir
die seltsamsten Beispiele der Früh
reife aus ihrer Jugend zu erzäblen,
Jhren ersten Vers hatte sie mit kaum
secks Jahren in daS Fremdenbuch
eines Aussichtspunktes bei Niederbrei
sach eingetragen. Er lautete:
Die Sonne scheint es blüht dir
Au
Anna Kathinka Kabeljau.
Ohne die Dichtung überschätzen zu
wollen, wies sie darauf hin, wie stch
hier die früh entzündete Phantasie in
der Früblingsmalerei der ersten Zeile!
mit der energischen Realistik der Ver-
Wendung des Familiennamens in der
zweit mische. Hierin sei gewisser
maßen die Entwickelungsrichkuna ih
re- Talentes angedeutet, wie ihre letz
te Arbeit, in Gedicht io Prosa:
Somrtagsbote, Milwaukee, Sonntag, 1. December 1912.
s„Te. Regenmacher", beweise, das sie
jbei Beobachtung des wetlerkundigen
'Hausknechtes ans dem Tessin kon
jz-viert habe. Sie batte es durch ei
l nen glücklichen Zufall bei sich. Wes
lhalb ne aksoqleich die Kinder samt
jibren Fräulein aus dem Tempelchen
vertneb und s mir vorlas. In dieie
! Vorlesung hinein läutete die Diner
' siocke. Aber da ick, wie die Dickte
! meinte, die einmal empfanaenc
j Stimmung durchaus festhalten müsse,
las sie obne Uebereilung zu Ende,
ilch kam, balb unsinnig vor Hunger,
Tafel, als gerade der Pudding
j gereicht wurde. Das Nachservieren
, erböhte den Pensionspreis um eine
ohne daß dadurch die bereits
kalten Speisen wärmer wurden.
Als ich nach Tisch in tiefer Er
schöpfung auf meinem Zimmer gerade
ein Nickerchen machte, erschreckte mich
der eintretende Zimmerkellner sebr,
der mir im Auftrag von Fränlein
Kabeljau ein Essan brachte. Es war
jvor drei Jabren in einer Sonntags
beilage zum „Budweiser Beobachter"
erschienen, handelte von der poetischen
Sendung der Dorothea Kathinka Ka
beljau und hatte, wie es schien, einen
Mann zum Verfasser, der der geprie
senen Dichterin verständnisvoll und
gütig, aber der deutschen Sprache ver
ständnislos und feindlich gegenüber
stand.
Beim Nachmittagskaffee bedauerte
eS die im „Budweiser Beobachter" Ge
feierte schmerzlich, daß sic mir irr
tümlich das falsche Blatt geschickt ba
be. Sie habe mir nämlich den weit
tiefer schöpfenden Aufsatz aus der
„Iserlohner Tagepost" unterbreiten
wollen, „Was sie nun nackbolte
Und damit ich in der genußreichen
Lektüre nicht gestört werde, nahm sie
mir so lange den Kaffee weg und
beobachtete scharf meine Züge. Und
ich fühlte mich Sklave dieser entsetz
lichen konkaven Brillengläser, die
meine seelischen Regungen bei Genuß
fremden Ruhms kontrollierten.
Als ich endlich, nachdem ich noch
in den Plan eines Romans und
zweier Opcrntcxte eingeweiht worden
ein plötzliches Unwohlsein vor
schützend, fluchtartig mein Zimmer
ausgesucht hatte, erschien alsbald das
dicke Zimmermädchen mit einer Be
stellung von Fräulein Kabeljau. Die
brave Auguste brachte mir ein Fläsch
chen Baldriantropfen und das Bild
der Dickterin in Kabinettform, In
einer Steilschrift, die sich ansah wie
eins der sinnigen Zündholzspiele, war
auf dem leider ähnlichen Porträt die
Widmung zu lesen: „Dem Mitstre
benden, Mitstreitenden, Mitleidenden,
Mitempfindenden zu dankbarer
Dauererinnerung an bedeutsame Wo
chen geistigen Austauschs. Dorothea
Kathinka Kabeljau."
Wochen!? Wochen geistigen
Austauschs!!
„Wie lange bleibt die Dame?"
fragte ich das Mädchen.
„Sie hat eben mit dem Wirt auf
drei Wochen abgeschlossen . . .
Drei Wochen! So lange wie ich!
Drei Wochen Austausch, geistigen
Austausch! Die Sonne scheint
es blüht die Au . . . Ich warf die
Baldriantropfen nach Auguste und
wühlte meinen Kopf in ein Sofa
kissen. das leider mit Seegras gefüllt
war.
Sieben Tage hab' ichs ausgehal
ten. Sieben furchtbare Tage. Die
heilige Cäcilie an meiner anderen
Seite wurde immer blässer. Sie
wartete, daß ich sic anrede. Wie
konnte ich das, da Dorothea Ka
thinka Kabeljau zu mir sprach: von
ihren Inspirationen, ihrer Vorliebe
für Orchideen und Terzinen, ihrem
inneren Verhältnis zu Spinoza, ih
rem Abscheu, gegen Pferdedroschken
und Pflaumenkucyen. ihrer Neigung
für Verlaine, Giotto, Velvet, Ame
thyste und Rhabarbergemüse. Ein
fröhlicher Ungar war angekommen,
der sehr 'gut Billard spielte. Ich
hätte zu gern mit ihm gespielt. Aber
wie konnte ich das, da Dorothea
Kathinka Kabeljau immer zwischen
mir und jedem anderen. Mensch oder
Möbel, gleichviel, zu stehen wußte und
mir Geständnisse machte über ihre
rein menschlichen Beziehungen zu Goe
the, Beethoven, ihrer Tante. Napo
leon, dem Redakteur der „Iserlohner
Tagespost", Kaspar Hauser, der ro
mantischen Schule, der Madame Bia
vatzky und Alexander dem Großen.
Wenn ich nach einer Zeitung griff,
warnte sie mich, nahm mir liebevoll
dos Blatt fort und teilte mir mit,
was sie einmal gegen die Pest der Ta
gesjournale geschrieben. Wenn ich
einen Svaziergcmg machte, war sie
an meiner Seite und rizitierte mir
Oden an die Allmutter Natur. Und
als ich einmal verzweifelt auf dem
Zimmer frühstückte, schickte sie mir
.zwei mit Bleistift in der Nacht ge
schriebene Skizzen mit der dringen
deri Bitte, ihr beim Lunch meinen
unmittelbaren Eindruck mitzuteilen.
Durch die Hintertür des Hotels
! entwischte ich in der Frühe des achten
! Tages am wetterkundigen Hausknecht,
oer die, ach, so kleinen Stiefel der
heiligen Cäcilie mit Creme schmierte,
und den Küchenmädchen, die mißduf
tende Abfälle nach den Ställen tru
gen, vorbei. Den Regenschirm hatte
ick aufgespannt, obschon die Sonne
schien, damit mich von oben aus den
Fenstern niemand erkennen sollte. Ich
jmied die sonettoerseuchte Allee und
den schrecklichen Tempel und schlug,
geduckt wie rin Schleichhändler, oei,
einsamen Weg nach der Padoja-
Schlucht ein. Zwischen den hohen,
grauen, nassen Felswänden einmal i
allein zu sein! Ohne Sonette,
sichten, Bekenntnisse, Erinnerungen!!
Herrlich —! Tiefatmend schritt ich
die Steinstufen hinauf und sog zum
erstenmal mit Bewußtsein die Lust
dr Berge rin. Tief unten gurgelte.!
sprang, tanzte das silberne Wasser'
des Wildbachl. Das knorrige Holz
geländer des Klammpfades hatte hier
eine Lücke und ließ den Austritt zu
einer schmalen Plattform frei. Auf
der stand ich nun. Und dachte an
nichts. Lüftete bloß mein Gehirn,
ventilierte mein Seele, entspannte
meine Nerven. Vegetierte in einem!
lustig von oben durch Farn und Efeu
fallenden Sonnenstrahl.
Da leise, deutlicher, drohend
em menschlicher Sohlrnschlas . . .
sich nabender Schritt' Ich erkenne!
ihn und erblasse. Treie unwillkür j
lrch, die Fäuste geballt, einen Schritt j
zurück, um nicht fassungslos in den!
Abgrund zu taumeln. Sie sie!!
Die Dickurin. die Schreckliche, dir!
Unvermeidliche sie! Schon kann
ich das nnischelbksetzte violette Band!
im rostroten Haar unterscheiden.
Schon ircknlt mir die Miüeidslcie mit
der Hand nein, schlimmer, mil
einem Papier.
„Welch glücklicher Zufall." kräht sie,
„nein, nennen wirs, die wir tiefer in!
die Dinge sihn, keinen Zufall. Welche '
lustvolle Schickung, welch sinnreiche
Fügung! Reute nack: labe ich diese!
Ode nein, ich muß sie schon Hvnrne
nennen diese Hmnne kozipiert:
„Tie Padoja-Sckluck! Und!
jetzt, da ich hierher Emme, nachzu-!
prüfen, heimlich, wie ich denke, al
lein, wie ick annehme:' muß, finde ich
Sie, finde ich den emsigen, der mir
nachsiiblen kann, der mich verlieben
wird, der . . . Aber büren Sie!!"
Sie war neben rmd .wirrten, her
aus auf die Platform Ich rock wie
der das Mvrrbenzab: Wasser, sah die
Konkavaläser spiegeln, die Miilchel
chen glitzern Und sic will beginnen
Da hab' ichs getan. Da hab'
ich mich gebückt und ich weiß selbst
nicht, wie sie aufmwoben auf mei
nem Arm wie ein Stück Holz, wie
ein Bündel Wäsche, nie einen Sack
Kohlen und hab' sie hinunterge i
worfen in die Sckluckt. Und hab'
ihr nachgerufen: „Du , . . also D
Du Vampir, Du Sümmungsmör
der. Du Ferienrresser, Du Skandier
antomat, Du Dichtn- sibinc ich
!bin zu meiner Erholung hier, ver-'
siehst Du, zu meiner Er--ho —-
sung....!"
! Und dann fiel mein Blick auf die
! Tafel, die über der mosigen Stein
platte angebracht war und auf der zu
! lesen stand: „Es wird gebeten, diesen,
'Aussichtspunkt nur einzeln zu betre
ten."
Und etwas wir Genugtuung strömte i
erlösend, versöhnend durch mein hüp-i
sendcs Herz.
Na, also! dacht' ich, Wahrhaftig'
nur: „Na. also!"
Und dann ging ick ruhig ins Hotel
zurück wie nach vollbrachter guter
Tat, wie von einem LÜschwcrk heim
kehrend oder einer Rettung Schiff
brüchiger.
Und ich ließ mir den Wirt rufen
und sagte ilun:
„Herr Griittlichinger, Nummer 65
iin zweiten Stock ist soeben frei ge
worden. Die Dame liegt in her
Padoja-Schlucht und kommt weder
als Dichterin noch als Pensionärin in
Betracht."
- *
Hier endet der Bericht dcs Mannes,
der am 25. Jtzln 18 . ~ ungefähr
l zchn Minuten dem Hotel Uliroth
jtopf entfernt/die dreiundvierzigjäh
rige Schriftstellerin Dorothea Ka
thinka Kabeljau aus Bimmelshausea
in die Padoja-Schluchl warf, die im
Baedeker einen Stern hat.
Sein Prozeß fand am 20. Oktober
desselben Jahres vor dem Schwurge
richt zu Biittelheim statt.
Die Geschworenen sprachen den An
geklagten nach kurzer Beratung ein
stimmig frei.
Trci busseln.
Von M. Walter.
An der Tadle d'hote eines Hotels
in Nizza saßen eines Tages zwei jun
ge Belgier. Sie waren intime
Freunde, hatten zusammen das Ly
zeum besucht und glänzende Exa
men bestanden. Nun machten sic ge
meinsam eine kleine Erholungsreise,
um sich alsdann in Brüssel als Ad
vokaten niederzulassen.
Ihnen gegenüber an der Tafel saß
ein Engländer, der seit Jahren Niz
za besuchte und für ebenso reich wie
exzentrisch galt. Bei Tisch sprach
er mit niemand; er nahm schweigend
seine Mahlzeit ein und zeigte dabei
ein so steifes Wesen, Laß der eine der
beiden Belgier, namens Paul Fuolle,
eine stets zum Scherzen aufgelegte
Natur, beschloß, ihn auf irgendeine
Weise aus seiner stoischen Ruhe auf
zuscheuchen. Während er sich schein
bar lebhaft mit seinem Freunde un
terhielt, drehte er kleine Kugeln aus
Brot und schnellte eine derselben zu
dem Engländer hinüber. Sie traf
diesen an dem rechten Arm und blieb
auf dem Rock haften.
Sir Alfred Tennyson, so hieß der
Brite, löste das kleine Geschoß vom
Aermel ab und schob es gleichmütig,
ohne eine Miene zu verziehen, in die
Tasche.
Dieses Phlegma reizte Paul zu ei
nem neuen Angriff. Bereits in der
nächsten Minuten haftete ein zweites
Brotkügelchen an seinem Gegenüber;
diesmal hatte cs die rechte Schulter
getroffen.
Auch jetzt blieb das Gesicht des
Engländers völlig unbewegt, während
er die kleine Kugel niit gleicher Ruh:
in die Tasche steckte.
Dieser unerhörte Gleichmut begann
Paul zu ärgern, und ohne zu be
denken. welche Beleidigung er dem
Fremden mit seinem knabenhaften
Scherz zufügte, schnellte er die dritte
Brotkugel ab. Sie flog dem Eng
länder mitten auf die Nase, zum heim
lichen Gaudium der Kellner, die das
Bombardement des jungen Belgiers
bemerkt hatten.
Und abermals löste Sir Alfred,
ohne ein Zeichen des Unwillens, die
Brotkugel los und schob sie gleich
gültig in die Tasche.
Nach aufgehobener Tasel begaben
sich die beiden Freunde auf die Ho
telterraffr, um dort ine Zigarre zu
rauchen. Sie hatten kaum Platz ge
nommen. als der Etigländrr zu ih
nen trat. In fließenden Französisch
ersuchte er Paul um eine kurze Unter
redung. die dieser ihm auch gewährte.
„Sie werben ohne lange Ertläruii-,
gen begreifen, mein Herr", begann!
Sir Alfred, „daß Sie mich bei Tisch
gröblich insultierten. Ich hab; Sa-!
her das Recht, Genugtuung von Jh-;
nen zu fordern und als Mann on!
Ebre werden Sie mir dieselbe nicht
crrwciaern."
höflicher Verd-ugung, „ich stehe ganz
zu Ihren Diensten."
„Gut. Also morgen früh um 5
Uhr."
„Unv die Bedingungen?"
-Auf Pistolen. Dreißig Schritt
Entfernung. Dreimaliger
sei. In einer Stunde werven sich
meine Sekundanten bei Ihnen vor
stellen. Ich habe die Ehre, mein
Herr."
Er grüßte gemessen und entfernte
sich.
Bestürzt blieben die beiden Freunde
zurück. Eine so ernste Wendung des
allerdings unpassenden Scherzes
hatten sie nicht erwartet. Alwin die
Sacke ließ sich nicht mehr ändern.
Pünktlich zur festgesetzten Stunde
iand die Begegnung zwischen den
Duellanten statt. Die Schritt
wurden abgezählt, die Pistolen ge
prüft, dann nahmen die Gegner ihre
Stellungen ein. Bevor die Sekun
danten das Zeichen gaben, zog Sir
Alfred eine kleine Brotkugel aus der
Tasche und sie Paul vorhaltend, sag
te er scharf: „Vergessen Sie nicht
damit trafen Sie mich hier." Er
deutete auf seinen rechten Arm, ließ
das Kügelcben fallen und stellte sich
aus deinen Platz.
I der nächsten Minute krachten
zwei Schüsse; Paul schwankte die
Kugel des Engländers hatte ihm den
reckten Arm durchbobrt, während die
seinigc feblg'ng.
Die Wunde war nicht gefährlich,
aber sehr schmerzhaft, und es vergin
gen volle vier Wochen, bevor Paul
den Arm wieder gebrauchen konnte.
Sir Alired hatte sich täglich nach sei
nem Befinden erkundigt, und sobald
er erfahren, daß sein Gegner wieder
hergestellt war, suchte er ibn auf.
„Sir werden eutscyuldigen, mein
Herr", redete er den jungen Mann
an, „aber nun Ihr Arm geheilt ist,
gestatte ich mir. Sie darauf auf
merksam zu machen, daß mir die
l Satisfaktion, die Sie geleistet haben,
noch nicht genügt. Ich habe gedul
! dig Ihr Genesung abgewartet, doch
I nun möchte ick mein Reckt geltend
s machen und Sie zur Fortsetzung un>
! sires Duelles, dessen Bestimmung
aus dreimaligen Kugelwechsel lautet,
auffordern."
„Sehr wohl. Ich bin bereit!" ent
gegnet Paul, äußerlich ruhig, ob
gleich er entrüstet war über die Art
i und Weise, wie dieser kaltblütige
Engländer leine Racke nahm.
Am nächsten Morgen fand ein
! abermaliger Zweikampf unter den
! gleichen Bedingungen statt.
Wieder zog Sir Alfred vor Beginn
des Duells eine Brotkugel aus der
Tasche und sagte: „Vergessen Sie
nicht damit trafen Sie mich hier."
Er deutete auf seine linke Schalter.
Dann krachten die Schüsse. Ein
Ast über dem Haupt des Brite siel,
von Panis Kugel getroffen, zur Er
de, während der junge Belgier mit
durchschossener Schulter bewußtlos
zusammenbrach.
Diesmal war die Wunde gefähr
lich. Man legte Paul einen Verband
an, und sobald es sein Zustand er
laubte. wurde er zu seiner in Gens
verheirateten Schwester gebracht, die
ihn aufopfernd pflegte. Natürlich
verheimlichte man ihr die Ursache sei
ner Verletzung, die sie einem Unfall
zuschrieb. Wochenlang lag Paul in
heftigem Fieber; seine kräftige Natur
siegte jedoch und nach Verlaus von
zwei Monaten war er auf dem Weg
der Genesung, Er erholte sich zwar
nur langsam, da ihm aber eine Nich
te seines Schwagers, ein anmutiges
junges Mädchen, täglich Gesellschaft
leistete, verstrich ihm die Zeit wie >ni
Traum. Annette war so fürsor
gklid, so voll Teilnahme, daß sie bald
sei'' Herz in Fesseln schlug.
Er wagte jedoch nicht, ihr seine
Liebe zu gestehen. Erst als sie da
von sprach, nach Hause zurückzureisen,
gestand er ihr seine Gefühle und war
überglücklich, als sie sie erwiderte.
Es wurde beschlossen, möglichst
bald Hochzeit zu halten. Paul
sehnte sich nach einer geregelten Tä
tigkeit, die er in Brüssel, wo sein
Freund ihn bereits erwartete, zu fin
den hoffte.
„Ich habe ganz vergessen, dir mit
zuteilen". sagte eines Tages seine
Schwester zu ihm, „daß sich ein Herr
nach dir erkundigt hat; er wollte aber
nicht hereinkommen."
„Ein Herr?" fragte Paul, von ei
ner bösen Ahnung ergriffen. „Weißt
du seinen Namen? Heißt er etwa
Sir Alfred Tennyson?"
„Ja, ja. so heißt er", bestätigte die
Schwester. „Bist du mit ihm be
kannt?"
„Ich habe ihn in Nizza oft gese
hen," entgegnetc Paul ausweichend.
„Wenn er noch hier ist, muß ich ihn
durchaus sprechen. Der Arzt hat
mir erlaubt auszugehen und so soll
mein erster Besuch Sir Alfred gel
ten."
Die Nachricht von der Anlvrfenh-it
seines Gegners hatte Paul in große
Aufregung versetzt. Er erkannte so
fort, in welcher Gefahr er schwebte.
Der rachsüchtige Engländer wollte
nur Pauls Genesung obwarten, um
ihn zum dritten Male vor die Pisto
le zu fordern, und dieses Mal
das fühlte der junge Monn mit un
umstößlicher Gewißheit würde sein
zielsicherer Feind ihm erbarmungslos
oas Leben nehmen.
Aber wie es auch ausfallen moch-!
te. er war fest entschlossen, dieser un-!
erträglichen Nachstellung von seiten l
des Briten ein Ende zu machen. So'
begab er sich denn an, folgenden'
Morgen in die Wohnung Sir Ai- j
fredS. der sehr erstaunt war. ihn zu
sehen.
„Ich weih, daß Sie mich noch im-s
wer verfolgen", sagte Paul, „und wenn ,
ich Ihnen heute zuvorkomme und mich >
Ihnen auch bas dritte Mal zur V-r
-fügunq stelle, so geschieht es, um mich
endlich von Ihnen befreit zu sehen.
Nur muß ich Tie bitten, unsre Be
segnung um einen Monat zu verschie
ben d. h. bis nach dem Tag. an wel
chem ich einem Mädchen, da- ich über
alles liebe, meinen Namen gegeben
habe,
I,S:e wollen heiraten?" fragte der
Engländer, zum erstenmal seine ge
ilEakeir ableaend. „O.
darauf, daß Sie mir unter diesen
Umständen erlauben werden, der
Hochzeitsseieriichtkil beizuwohnen."
„Gewiß!" lautere die förmliche
Antwort. „Ich habe keinen Grund,
es Ihnen zu verwehren." Und sicy
! gegenseitig höflich grüßend, trennten
sie sich.
! Bier Wochen später fand die Hoch
- zcii statt. Für den Augenblick vcr
, gessend, welches Verhängnis ihn de
drohle. nahm Paul mit stolzer Freu
de die Glückwünsche.seiner Freunde
! entgegen. Der letzte unter den Gca
'tulanten war Sir Alfred. Als er
Paul die Hand reichte, drückte er
verstohlen eine goldene Kapsel in des
sen Rechte mit den leise gesprochenen
Worten. „Mein Geschenk für Sie!"
Dann war er verschwunden.
Sobald Paul sich einen Augenblick
unveinerkt sah, öffnete er die stapfet,
j Sie enthielt nichts als eine kle.ne,
vertrocknete Brotkugel die „dritte".
Wie von einer Zentnerlast befreit,
! atmete der junge Mann auf. Dies
' Geschenk war für ihn das kostbarste,
denn es kündete ihm, daß Sir Al
! fred auf seine Rache verzichtet, daß er
listn freigegeben Hütte. Und diese
: Versöhnung bedeutete für Paul Leben
und Glück
Noch am selben Tag batte der seit
! same Engländer die Stadt verlassen.
! und als er drei Jahre später starb.
, vermachte er Paul eine beträchtliche
sSumme mit der Erklärung: er hin
terlasse sie ibm in Anerkennung seines
bewiesenen Mutes, mit dem er vbne
Zögern die Folgen eines unbedachten
- Scherze? auf sich genommen hatte.
Keimlrehr.
Von Bäte Tamm,
Seit er in Hamburg bei den St.-
Pauli - Landungsbrücken ausgeschifft
war, hatte er nur Deutsch gehört.
Nach vierzig Jahren! Der alte Mann
rechnete an den Fingern her. waren eS
wirklich vierzig Jahr, die er fern ge
wesen war?
Er mußte sich anstrengen, daS
wenige Deutsch, das er als geborener
Sorbenwende gelernt hatte, wieder zu
sammenzubringen. Es gelang, schon
deshalb, weil er etwas wortkarg war.
Das war er immer gewesen und
als er damals, vor vierzig Jahren,
als untauglich zum Militärdienst er
klärt war, war er ilberS große Wasser
gegangen. Eigentlich aus Eigensinn,
aus ganz zweckloser Wut gegen das
Schicksal, das ihn zum zweiien Sohn
gemacht. Denn im Famil'icngesetz der
bäuerlichen Sorbemvenden stand das
ungeschriebene Recht, das schon seit
ttiencrationen gehalten wurde: der
älteste Sohn bekommt den Hof, wenn
die Eltern aufs Altenteil ziehen. Da
sollt' er denn bleiben, als Knecht beim
Bruder, oder sich als Knecht auf einem
fremden Hvf vermieten oder in ein
anderes Dorf? Nein das wollte
er nicht. Und Industriearbeiter irsir
den? Die Fabrik lockte ihn nicht.
Auch das Einheiraten in einen ande
ren Hof, das so vielen zweitgeborenen
Söhnen eine Zukunft gibt, nicht, o
nein Fritzko hatt immer seinen
Kops für sich gestabt. Vielleicht wäre
er für immer in Amerika geblieben,
wenn seine Frau nickt gestorben
wäre. Kinder hatte er nicht, und er
kam sich mit einem Male so sehr ver
lassen vor. Und in seiner Verlassen
heil, bei der Arbeit auf den. Mais
feld, tauchte die heimische Feldflur
vor seinem geistigen Auge auf. Iw
Strudel der amerikanischen Arbeit
fast verblaßt und vergessen. Die Fel
der mit Roggen und Hafer,
Schläge mit Kartoffeln, Hirse und
blaublühender Leinsaat. Und dabei
dachte er der Mädchen, die zur Spinte
gingen an dunklen Winterabenden,
und wie sie sangen und scherzten, und
wie die jungen Burschen sich durch die
Türen drängten.
Abends, in seinem Bungalow, rech
nete er sein Geld nach, das in New
Port auf einer Sparbank lag; Reich
tümer hatte er nicht erworben, acht
tausend Mark waren fein Vermögen.
Und dann war sein Entschluß ge
saßt, er wollte die, die von den Seini
gen noch lebte, wiedersehen! Niemals
hatte er geschrieben, vielleicht glaubten
sie, er sei tot! Er erhielt ein Papier
von der Bank, um von einer deutschen
Bank sein Geld erheben zu können,
und, nachdem er in Berlin den Zug
geN'echfelt hattt, fuhr er durch die
stille, märkische Landschaft heim. Das
Städtchen, wo er aussteigen mußte,
war ihm bekannt und vertraut, der
alte, trotzige Festungsturm, die klaren,
weiten Fischteiche, und im Abend
flimmern schritt er. wie van einer alt
gewohnten Macht geleitet, dem Dorfe
zu.
Da lag der vätcrliche Hof vor ihm,
verschlossen, wie es wendische Hose zu
sein Pflegen das war das Haus, in
dem er geboren, das die Ställe, in
denen er das Vieh besorgt, das der
Ziehbrunnen ober daneben, jenseits
des großen Hostores, wo früher große
Holzmieten gestanden, erhob sich ein
kleines, neues HauS, sorgfältig aus
roten Steinen gebaut, mit rotem,
spitzen Ziegeldach, mit blitzenden,
weißgerahmten Fenstern und bunten
Steinfliesen auf dem Flur.
Er öffnete die Hoftür, unbesorgt
um Mirko, der sofort durch wütendes
Gebell den Eindringling meldete. An
der Tür des alten Hauses schaute ein
freundliches Frauengesicht, und ein
schlanker, alter Mann kam über den
Hof-
Stumm standen die drei sich gegen
!über, dann sagte der Fremde, müh
i sam die paar sorbischen Worte her
'vorsuchend, die er noch wußte: „Gu
l tcn Abend Matches, der Fritzko ist
l wieder da!"
- Einen einzigen langen Blick warf
Matches Klodder aus den Reisenden,
z dann ging ein Strahl des Erkennens
! über seine Züge, und mit der ganz:n,
schönen, rührenden Selbstvrrständlich
, keil sorbischer Familientradition sagt
er: „Willkommen daheim Fritzko
! mein Bruder!"
Es war gar keine Frage, daß
Fritzko zur Familie gehörte der
'junge Sohn war noch nicht verheira
tet, das alte Paar hatte dos neue
Haus, ihr Ausgidmghaus, noch nicht
bezogen die zweite Kammer dacin
3
Und dann, als der altgeworden
j Fritzko wieder einige Verbindung mit
i der alten Heimat gewonnen batte,
j safien die Brüder und der Maurer
' zusammen. An der letzten leeren Ecke
.des großen Hofes war alles ciusgcmes
scn worden, und in der nächsten
Möwe sollten di? Steine gebracht wer
, den. eine kleine Stube mit Kiich
wurde für den zurückgekehrten Hof
!sohn angebaut.
„Ich will mir dann Geld holen,"
sagte Fritzko. ..und kauf' mir alles
schon bequem: Bert. Schrank. Tisch
und Lebnftuhl wir gut, daß ich
aus dem fremden Land noch heimgr
! funden hab für ein paar Jahre
Rast."
Mit eigenen Händen schichtete
spritz! die Steine auf. die Matthrs
mit keinem Ochsengespann von der
! Ziegelei halte, und in der nächsten
Woche sollte der B i beginnen. Zum
Winke. wenn Mattbes und seine
Fra. il:r neues Haus zogen, war
tauch FritzkoS Altenteil fertig.
Und so rechnend und erwägend
fudr Fritzko Klodder am Abend des
großen Tages, da er in der Stadt
seine Möbel gckausi hatte, heim. Er
t mußte wohl geschlafen haben, der Zug
' hielt Fritzko stieg ans und erst,
als der Zug weiterschnaulte. erkannte
!er. daß er nicht am rechten Babnhof,
sondern zwei Haltestellen vor der
Stadt ausgestiegen war.
Der herbeikommende Wärter sagte
ihm Bescheid: „Etwas weiter ist's ja
i aber Sie Werdens ja schaffen."
„Ja," sagte Fritzto in seinem merk
würdigen Dialekt, dem man sein lan
ges Aurlcindsleben wohl anmerkte:
„Ich wcrdS schon schaffen."
Und. den großen Stock, den er von
Amerika mir herübergebracht hatte, in
der Hand, ging er rüstig vorwärts.
Wenn er den Je stungstri sah,
mußt er sich rechts wenden daS
hatte der Streckenwärter besonders
betont.
Im Nebel des sinkenden Abends lag
die beimische Landschaft vor ihm, hier
und dort blinkte aus einsamem Ge
höft ein Licht auf. Der alte Mann
lehnte sich an einen kleinen Blockzaun,
der ein Gemüsefeld von der Straße
abschloß, und blickte in den stillen
Abend, und ein frohes Gefühl der
Heimatfreude und des Geborgenseins
kamiiber ihn. Er schaute zum dun
kelnden Himmel, an dem schon ein
zelne Sterne sichtbar wurden, und eS
war ihm in diesem Augenblick fast un
möglich, sich vorzustellen, daß Amerika
vierzig Jahre lang ihm Heimat gewe
sen war. Und trotzdem er nicht ge
schrieben hatte nd man hier hätte
annehmen können, er sei tot, war er
selbstverständlich und liebevoll will
kommen geheißen, hatte er seinen alten
Platz als zweiter Hofsohn
und niemand hatte ihn aefrogt, ob er
Geld oder Vermögen erworben hatte.
Der Wind wehte kühler, über Feld,
und Weg. Frjtzko Klodder ging kräf
tig vorwärts der Weg war doch
weiter, als er geglaubt halt, und da-
Hecz begann mit einem Male so un
rubig zu schlagen, wie schon öfter
drüben in Amerika bei der Arbeit.
Ach ja ein ruhig? Herz für die
paar Jahre der Heimatrast —da
war sein wortloses Gebet während
dieser Zeit geinesen, denn daS ciuS
dem Elternhaus gewohnte Beten, daS
hatte er im Lebenskampf verlernt und
konnte es noch nicht wiedergewinnen,
wenn er auch die Hände faltete, wenn
Matches dos Tischgebet und den,
Abendsegen sprach.
Nur einen Augenblick ruhen nur'
einen Augenblick das .Herz schlagen
lassen; Fritzko setzte sich auf einen
Stein und legte den Kopf an einen
Weidrnstamm. Da tauchte der hei->
mische Hof vor ihm auf, und das neu
HauS, das er haben sollte, das Stüb
chen mit dem Hellen Fenster, für daS'
die Maita, die jüngst Nichte, dil
Gardine häkelte, und er malte sicG
aus, wie er da leben wollte. Zu Hel*,
fen auf dem Hof gab es ja immers
Heinko, der Neffe würde cs gern sehen,'
wenn der Oheim etwaS angriff. Eos
hatte ein unruhiges Leben hinter sicher
die Ruhe dcs Feierabends breitete ihrM
Arme über ibn. „Ruhe Ruh und
Frieden, das möchtest du noch habri
weiter nichts, und vor Not bist dn>
geschützt wie gut, daß du zurzeitl
an die Heimkehr gedacht hast an
das still Sorbendorf in der Mark;
Brandenburg." Und es schien, daß
kor seinen lauschenden Ohren die
Feierabendalocken klangen, wie es noch
Sitte und Brauch jener Gegend ist.
Die Hand auf das immer unregel
mäßiger klopfende Herz gedrückt,;
schlief Fritzko Klodder ein und
ihm wars, als läge er in seinem
neuen schönen Bett in seiner neuen,
kleinen Kammer,
Am anderen Morgn finden die zur
Arbeit gehenden Leute Fritzko Klodder
! tot, den Kopf an den üveidenbcium ge
' lehnt. Auf dem Friedhof seines Hei
matdorfes Hot man ihn bestattet, nach-
dem das Gericht festgestellt hatte, daß
, der alt Mann einem Herzschlag er
legen war und auf dem väterlichen
Hofe stelln, schön ausgestellt, die
'.neuen Steine für Frihkos Altenteil,
das man in der Heimat ihm bereitet
! hatte, in der Heimat, in der er hei
! matlos am Wege gestorben ist.
- -
! ModernesJnserat. Gu
tes Dienstmädchen suchte eine Paffeno
Stellung. Heirat mit Sohn de<
Hauses nicht ausgeschlossen.
Eihatrecht, Lehrer: „Wer
kann mir das Tier nennen, das dem
Menschen überall hin gefolgt ist auf
Erden?" Fritzchen: „Der Storch."
> Allerdings. Herr (erregt
zu einem unvorsichtigen Passanten):
Wenn Sie der Kutscher jetzt maustot
gefahren hätte, hätten Sie sich gar
-nicht beschweren können!
i Nettes Brüderchen.
Fritzchen: „Mütterchen, gib mal
schnell unser Baby her! Ich hab'
mit Müller's Willy getauscht; er gibt
mir seinen Dackel!"
EineandereSach. Pfar
rer: „Schau, Sepp, wie kannst Du
Dich nur so betrinken! Selbst daS
liebe Vieh weiß, wenn es sauft, wann
ec aufhören soll!"
Sepp: „Iss. Herr Pfarrer, wenn
ich Wässer trink', nacha weiß ich cuu^

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