OCR Interpretation


Ohio Staats-bote. (Canton, Stark County, Ohio) 1846-1851, September 04, 1850, Image 1

Image and text provided by Ohio Historical Society, Columbus, OH

Persistent link: https://chroniclingamerica.loc.gov/lccn/sn88078466/1850-09-04/ed-1/seq-1/

What is OCR?


Thumbnail for

elben
e i n u n e n
Ser
„0l)to StaatS.Bote" erscheint Mittwochs.
Der Sntscriptionspreis für 52 Nmnmrn ist $2 in
Vorausbezahlung. $2,25 wenn innerhalb des ersten
halben Jahres, $2,50 wenn während des zweiten hat«
ten Jahres und $2,75 wenn erst nach Verlaufdes
Jahre» bezahlt wird. Niemand kann die Zei«
tung aufgeben ohne vorher alle Rückstände bezahlt zu
haben. Briefe und Mittheilungen müssen portofrei
ein, wenn sie berücksichtigt werden sollen.
(Tj- PostmcMcr können
tti
solche Briest
und addressiren lät.
muffen hungern und darben.
Der Herr
hat höhnisch
nach einer Verordnung
Gcncral-.PostamtS SubscriptionSgeldcr
o
an Acitttngshcrausglber
fr a n-
senden, wenn wanden
offen übergiebt, sie versiegeln
(Jahrgang 3.
Fabrikarbeiter.
Wa
brauset wie dumpfer Donner von fern?
Was leuchten die Flammen da drüben?
Gie haben erschlagen den reichen Herrn
Die Rache der Armen sie üben.—
Gie
arbeiteten da wohl Tag und
ttnfc
Rächt
mir gelacht,
Wenn in einsamem Jammer sic starben.
Gie arbeiteten si ch in's kühle Grab—
Und mlißten'S still ertragen.
Der Lohn, ach, der war so klein, so knapp—
Gie durften nicht seufzen und klagen.
Doch endlich hat sie der Zorn übermannt,
Der Herr war ja nicht zu erweichen.
Da sind sie in blutigem Hasse entbrannt,—
Run liegen dort faulende Leichen
Die Flammen fressen die Stätte der Rtth,
ES stehn mir noch rauchende Trümmer.—
Gagt an, ihr Reichen, was blieb euch int lod
Von all' eurem goldnen Schimmer
'Mk-i
Site».
O o e s e
A N K S A S A
a k o e e
Eine Criminalgeschichte.
I.
„Was sagen Sie aber zn dem Prozeß der
^Madame Lacoste?" fragte der Geneimerath
Saves. „Und Kalten Sie auch diese Dame
i für unschuldig, wie einst die Laffarge?"
„Mindestens halte ich hier, wie damals,
"die Verkältnisse schuldiger alSdaSWeib,"
antwortete Artkur.
„Die Verhältnisse, was verstehen Sie dar
Gunter?"
„Die Verkältnisse des Staates nnd der
Kirche," antwortete Arthur mit glühenden
Augen. „Die Unauflösbarkeit der Ehe, das
ist die ungeheure Klippe, an der in Frant
reich die Tugend so manchen Weibes zer
schellt, und an der sie zur Verbrecherin
wixd."
„Ach, Sie sind also ein Vertbeidiger der
Ehescheidungen?" fragte der Geheimratk
spöttisch. Und was sagt denn die schöne Leo
nore, Ihre Verlobte dazu?"
„Gerade, weil ich meine Brant liebe,"
»rief Arthtir," ,/gerade weil ich die tiefste und
heiligste Ekrfnrcht vor der Eke habe, gerade
darum ist es, daß ich ein Anhänger der Eke
scheidung bin. Ach, diese Ehe, welch ein er
babenes, reines und, weuu Sie wollen, auch
freies Institut ist sie! Dieses köstliche Zwei
leben zweier durch die reinste Liebe Verbun
dener, dieses Aufgeben der eigenen Persön
lichkeit, um sich selbst schöner nnd besser in
dem zweiten Ich wieder zu finden, dieses
Hiugeben an des Andern Wünsche nnd Nei
gungen, und dann dieses göttliche Gefühl
der Festwurzelung im Leben, selber sich stüz
zend, eine Stütze zu sein, gewiß das Alles
sind Gefühle, die nur die EKe uns zu geben
vermag. Aber je erbabeuer eine solche Ver
bindnng seiu kann, lint so mekr sollte man
sich hüten, sich zu einer Zwangsanstalt zu
machen, in der man mit gebundenen Händen,
geschmiedet an den Pfahl unfreiwilliger
Treue, arbeitet für den taglichen Bedarf des
Lebens. Muß nicht das Gefühl der Unanf
lösbarkeit, des Zwanges, gleich einem MeKl
than auf alle diese köstlichen Blüthen und
knospenden Triebe der freien, sich zwanglos
gebenden, zwanglos empfangenden Liebe sich,
legen Wird nicht das Bewußtsein der Un
anflösbarkeit die Wahrheit selbst zur Lüge
machen, und den Schwur der Liebe selbst al#
einen Zwang erscheinen lassen
„Aber Sie vergessen, daß ja Niemand
gezwungen wird, eine Ehe einzugehen," rief
der GeheimratK ärgerlich.
„Um so schlimmer eben ist es, die freiwil«
lige That, sobald sie getban, zn einer Fessel
machen zu wollen, die unzerreißbar ist," sagte
Arthur. „Man läßt Jedermann die Wahl,
sich sein Glück zu suchen, und wenn er dann
mit irrenden Händen den Schein für die
Wahrheit nahm, so spricht man ihm das
Recht ab, diesen Schein von sich zu werfen."
„Das Glück zu suchen hat Jeder die Frei
heit, aber das Unglück von sich zu werfen,
Keiner! Und aus diesem Zwang entsprin
gen alle diese Krebsschäden der Gegenwart,
dieser Zwang ist es, der alle unsere Zustände
unserer Zeit unterhöhlt, und indem er den
freien Tempel der Ehe zu einem Gefängniß
erniedrigt, muß dieser Zwang gleich einer
Warnungstafel an dem Eingang dieses Tem
pels hängen, und selbst den Gläubigen ab
schrecken einzutreten in diese Hallen, die so
bald Du sie betreten, sich zu einem Gefaug
titß verengen, dem tu niemals wieder tut#
rinnen kannst!"
„Mindestens wird die Unauflösbarkeit der
Ehe ein sicheres Mittel sein, diese leichtsinnig
geschlossenen Ehen, an denen die Gegenwart
krankt, zn vermindern," sagte der Geheim
rath.
„Im Gegentheil," n'ef.Arthnr eifrig, „sie
wird mir dazu dienen, diese leichtsinnig ge
schlosseuen Ehen zu vermehren. £ie Eke,
sobald sie ein Institut geworden, ein bürger
liches, entheiligtes irdisches Verkältniß, die
Ehe wird ein Gegenstand der Spekulation,
der Berechnung feilt, man wird sich endlich
in das Unvermeidliche fügen, weil es eben
hergebracht ist, man wird in diesem Zwang
sich die Freiheit zu suchen, man wird trach
ten sich diese Fesseln, die man nicht abwerfen
kann, zu erleichtern, und da man gewiß ist,
die zweite Hälfte der Ehe niemals verlieren
zu können, wird kein Streben mehr da sein,
ihr immer gefallen, stets von ihr geliebt sei«
zu wollen!"
„Wir wollen darüber nickt weiter rechten,"
sagte der Geheimrath verdrießlich, „denn
Sie sind einmal nicht zu überzeugen. So
viel aber istaewiß, daß diese Madame Lacoste
bei uns nicht freigesprochen wäre. Alle Indi
cien sprechen gegeu sie, uud wenn sie auch
nicht als überführt gestraft worden wäre, so
doch mindestens, als der That höhl st ver
dächtig. Keinesfalls wäre sie bei uns unge
straft geblieben!"
„Das ist eine Barbarei unserer Verhält
Bisse," rief Arthur entrüstet, „vor der wir
beschämt sollten die Augen niederschlagen.
Bei unserem heimlichen Gerichtsverfahren
freilich, gilt die moralische Uebcrzeugung
nichts, sondern nur der Buchstabe des Ge
setzes entscheidet, und nach diesem muß der
Richter, oft gegen seine eigene Ueberzengnng,
entscheiden!"
„Aber die Gesetze sind gerecht, nnd werden
Mit Gerechtigkeit gehandhabt," rief der Ge
heimrath ärgerlich.
„Diese Ausübung der Gesetze, dieses blinde
Sichcrgeben an dieselben, Keißt den freien
Menschen zu einem Sklaven des Besitzes
erniedrigen! Nein, mein Freuud, versuchen
Sie es nicht, dieses heimliche Gerichtsver
fahren vertheidigen zu wollen, es ist eine
Minoritätserklärung des menschlichen Gei
stes, ein Kindheitszustand, dem wir längst
sollten entwachsen sein! Nicht in der Stille
geschlossener Kerkermaueru, nicht in verrie
gelten Zimmern soll das Gesetz des Buchsta
bens über den Menschen nrtkeileu öffnet
die dumpfen Hallen Enrer geheimuißvollen
Gerichts säte, zeigt, daß Eure Gesetze kein
menschliches Ohr scheuen, laßt das Volk
Zeuge sein, wie einer seiner Brüder nach
weisen Gesetzen gerichtet wird, laßt ihn Zeuge
seiu von der Schuld und der Strafe, gebt
ihm Gelegenheit, sich selbst ein Urtheil, ritte
Ansicht zu bilde», und dann lauscht auf daS
Urtheil dieses freien, nnvcrdorbsncn Volkes,
und laßt dies UrtKeil einwirken auf Euer
eigeues. Denn es ist Wahrheit in der Stim
me des Volkes, uud das alte abgedroschene
Wort: vox populi, vox dei hat immer noch
seine heilige Bedeutung! Aus Maimer« des
Volkes wird die Jury gebildet, aus uuver
dorbenen, einfachen Gemütheru, denn gerade
das Gemüth muß urtheilen in Sachen des
Gemüthes."
„Aber das Gemüth ist jv leicht einznneh
men und irre zu leiten," sagte der Geheim
rath.
„Freilich, der Buchstabe des Gesetzes ist
unerbittlich uud unbeugsam," rief Arthur
mit Bitterkeit, „das Gesetz ist blind und
herzlos! Ach das Gesetz richtet zuweilen mit
einer Ungerechtigkeit und Strenge, vor der
die Richter beschämt die Augen niederschla
gen, und die eine Ungerechtigkeit der Gerech
tigkeit ist."
„Sie übertreiben," bester Freund
/,Ich sage die WahrheH, und roifr
ein Beispiel als Beleg meiner Aussage ge
ben. In ... machte im vorigen Jahre ein
junger Lieutenant Aufsehen unter seinen
Kameraden wegen seines wüsten Lebens, sei
ner heftigen Leidenschaften, seiner zügellosen
Begierden. Er verschwärmte seine Nächte im
Spielhause, oder in noch schlechterer Gesell
schaft, man fand ihn Tags überall, nur nicht
in seinem eigenen Hause. Und doch hatte er
eine liebenswürdige, junge nud schöne Gar«
tin, ein junges Weib von achtzehn Jahren,
die jetzt den kurze» Traum ihres Glückes
und ihrer Liebe mit bittern Thränen bewein
te, und deren jüngst noch so frische Waugen
unter dem Mehlthan des Kummers zu blei
che« begannen. Und Jedermann beklagte sie
um ihrer Schmerzen willen, Jedermann
kannte Den, der diese'Schmerzen veranlaßt,
diese Wangen gebleicht, Jedermann zürnte
ihm, zumeist seine Kameraden und Vorgesetz
ten —ßrs war au einem rauhen und stürmi
schen Decemberabend, als dieser junge Wüst
ling, von einem wilden Gelage heimkehrend,
durch eine entlegene Straße da hinschritt, und
s
"mm'
n
s
m-
nicht ohne eine Art Vergnügen eine weibliche
Gestalt gewahrte, die leichten, jugendlichen
Schrittes dahineilte. Er liebte solche Arten
von Abenteuern, sie hatte« ihm schon manche
Erheiterung, manche reizende Stunde gege
brii, und den Militärmantel fester um sein
Gesicht ziehend, näherte er sich raschen Schrit
tes dem jnnqen Mädchen, das angstvoll vor
dem Verfolger uud seiner rohen, stürmischen
Begrüßung weiter eilte. Dies schüchterne
Entfliehen, statt ihn zn rühren, reizte deu
Verfolger nur zu rascherem Nacheilen. Er
drängte sich dichter an das zitternde Mäd
che», er flüsterte in ihr Okr Worte, die ihr
einen Schrei des Entsetzens erpreßten, er
wagt es endlich sie zn umarmen, aber die
Angst, die Verzweiflung giebt dem armen
Mädchen Kraft, sie stoßt den Verführer von
sich, da gleitet der Mantel von seinem Ant«
litz, und beim Schein der Straßenlaterne er
kennt sie deu ihr wohlbekannte« Lieutenant,
bei dessen Gattin sie als Näherin gestern
noch beschäftigt war.—Das Glück will, daß
sie eben vor der Thür ihrer Wohnung aitge
langt ist zitternd wie ritte erschreckte Taube
fliegt sie die steile« Treppen Kitt auf, und stürzt
ihrem Vater weinend und schluchzend in die
Arme, ihm ihre Angst, ihre Beschimpfung zn
klagen. Der Vater Kat'e in seiner Armnth
und unter der lastenden Arbeit um das täg
liche Brod, doch das Gefühl der Ehre sich
treu bewahrt dieser Angriff auf sein einzi
ges, unschuldiges Kind empörte ihn, und in
der Frühe des nächsten Morgens ging er zu
dem Offizier, ihn zur Rechenschaft zn ziehen
wegen der seiner Tochter augetkanen Be
schinipfung. Er wird mit kaltem Spott zu
rückgewl'eseu, gereizt durch hochmüthiges Höh
nen der Offizier fragt nach den« Zeugen
seiner That, er wagt es, die beschimpfte Tech«
ter der Lüge zu znkett, und der erzürnte,
außer sich gebrachte Mann verläßt ihn, um
sofort deu Verfolger fetner Tochter beim
Kriegsgericht anzuklagen! Das Kriegsge
richt versammelte sich, der Augeklagte mußte
vor den Schränken erscheinen, der Ankläger
wiederholt seine Beschuldigungen, und seiu
Gegner längnete mit frecher Stinte die Tkat,
an der Niemand, selbst seiu Richter nicht,
zweifelte, um so mehr als es erwiesen war,
daß sein Weg ihn gerade tint die angegebene
Stunde durch diese Straße geführt. Endlich
ward dem Offizier ritt Neiuigungseid aufer
legt, er weigerte sich nicht, diesen zu leisten,
aber während er die rechte Hand zum Schwur
seiner Unschuld erhob, sah man manches Auge
vor Entsetzen sich abwenden, manche Wange
seiner Richter erbleiche«, den« trotz seines
Eides hatten sie alle die moralische Ueberzeu
gung seiner Schuld. Inzwischen war er
durch diese« NemigungSeid von jeder Schuld
befreit, und mit verdoppeltem Gewicht fiel
diese Schuld auf de« Ankläger zurück, der es
gewagt, die Ehre und deu Wandel eines
Offiziers anzugreifen. Das Kriegsgericht,
obwohl von der Unschuld des Anklägers über
zeugt, mußte ihn zu einer Gefänguißstrafe
von acht Monaten vernrtheilen, so will es
das Gesetz, nnd das Kriegsgericht vernr
theilte ihn, uud der Richter hatte den Muth,
dieß UrtKeil zn sprechen, dieß Urtheil, von
dem er wußte, daß
ti
3
eine schmachvolle Un­
gerechtigkeit sei."
„Das ist freilich ein schneidender Beleg
Ihrer Ansicht," sagte der Geheimrath, als
Arthur schwieg, „uud läugnen will ich nicht,
daß solche Einzelnfälle freilich gege« unser
Gerichtsverfahren sprechen."
„Eine Jury hätte diesen Menschen für
schuldig erkannt, weil trotz alles Mangels
an Zeugen und Beweisen, ihre moralische
Uebcrzcnguug gegen ihn sein mußte eine
Jury hätte diese ihre moralische Ueberzen
gnng zum Gesetz erhoben, und den Schnldi
gen gestraft, den tmschuldige» Ankläger eh
renvoll entlassen! Aber was hier der weltli
'che Richter, dem Gesetze folgend, unterließ,
das strafte ein höherer Richter. An demsel
be« Tage noch, nachdem er den Eid geleistet,
stürzte der Offizier mit seinem Pferde, und
brach sich dreimal den Arm. Das war ein
Gottesurthcil, gerechter wie das Urtheil der
Menschen."
„Bah, aber wie manchen Schuldigen
spricht nicht auch die Jury frei," sagte der
Geheimrath.
„Aber nach andern Motiven," sagte Ar
tlmr. „Sie nimmt bei der Schutd selbst
Rücksicht auf die Motive der That, auf die
ganze Vergangenheit, den ganzen Charakter
des Angeklagten, und Sie müßen gestehen,
daß von diesem Standpunkte aus mancher
überführte Mörder und Verbrecher selbst zu
entschuldigen ist."
„Aber das heißt Willkühr an die Stelle
des Gesetzes schieben."
„Oder auch, es heißt, menschlich richten
über menschliche Vergehen! Mancher begeht
ein Verbrechen, ohne deßhalb doch ein Ver
brecher zn sein, und Mancher ist es, den das
Gesetz dennoch nicht als Verbrecher strafen
*1
«r.
fa
/,*
r,
'•{£}$¥« -V$
fr*
e*V "rl X*
r-
fiten
kau« i Soll ich Ihnen eine Geschichte crzah
e n a s e e e i n e A n s i
Der GeKeimeratb nickte bejahend nnd
Arthur zog eilte Rolle vergilbtes Papier her
vor. „Ich fand dieß Manuscript unter den
nachgelassenen Papieren meines Vaters,"
sagte er, „nnd da es mir seiner äußern Fas»
sunq nach für den Druck und die Oeffentlich
feit bestimmt war, denke ich, es dieser nicht
länger zu entziehen?"—Dann breitete er die
Blätter vor sich aus nnd las:
II.
„Aber können Sie uns denn gar nicht sa
gen, wer dieser junge Mensch eigentlich ist?"
fragte das schöne Fräulin Julie den Doktor
Alfred.
„O doch," sagte er. Er heißt Karl Wan«
gerlin nnd ist der Wirtkssokn ans Ostrau
„Mein Gott, was kümmert uus sein Na
me!" riefen alle um den Thretifch versam
melten Damen im Chor. „Seinen Namen
wollen wir ja gar nicht wissen. Sie sollen
uns seine Schicksale erzählen, Herr Doktor.
Denn Sie müssen diese doch kennen. Sie
müssen doch wissen, weßhalb dieser junge
Mann Hieher gebracht O, da Sie fein Arzt
sind."
„Nun," „Sie wissen es ja selbst, meine
Damen, daß itttscr Krankenhaus hier in
Halle überall berühmt und anerkannt ist
Weßhalb wundern Sie sich denn, wenn die
ser arme Geisteskranke gleichfalls zur Hei
luug hieher gebracht worden?"
„Wir wundern litis ja auch nicht," rief
Fräulein Julie, „Sie sollen nns nur erzäh
len, wesihalb er geisteskrank geworden
„Daß weiß ich selber nicht," sagte Alfred.
„Niemand weiß es, auch sein Vater nicht.
Man fand ihn eines Morgens lang ausge
streckt, unbeweglich nnd starr auf einem
Grabhügel liegen, in welchem man Tags
zuvor ein armes junges Mädchen begraben
hatte. Er war ganz steif und kalt nnd man
hielt iktt schon für gestorben. Aber den Be
mühunge« der Aerzte gelang es endlich, ihn
in's Leben zurückzurufen. Er schlug die An
gen auf, er blickte starr umher, dann seufzte
er so tief nnd schmerzlich, daß es seinem ar
men Vater, dessen einziges Kind er ist, Thrä
nen in die Augen trieb. Aber auf alle seine
zärtlichen, angstvollen Fragen, erwiederte
seiu Sohn kein Wort. Er schlug sich nur mit
der Hand auf tie Brust uud seufzte und
wimmerte laut, man wußte nicht, ob vor gei
stiger Qual oder vor körperlichem Schmerz.
Daun brach er in eine fo wilde Tobsucht
aus, daß sechs Männer kaum im Staude
waren, ihn zu halte«. Er wollte durchaus
zum Fenster hinausspringen uud schrie und
schlug nach denen, die ihn daran verhinder
ten. Vergebens waren alle Mittel der Sanft
ninth und Liebe, diese Anfälle erneuerten
sich täglich mehrere Male und so sah sich
sei« alter, trostloser Vater endlich geuöthigt,
ihn hieher nach Halle zn bringen in nnser
Krankenhaus. Das ist Alles, was ich von
ihm weiß."
„Uud da5 ist wenig genug !'C rief Julie
spöttisch. „Was aber denken Sie von der
Ursache seines Znstandes?"
„Ii, was denken Sie davon tiefen
alle Damen.
„Ich denke," sagte der Arzt, „daß irgend
ein ungeheurer Schmerz, den er geheim hal
ten wollte, ihn in diesen beklagenswerthen
Zustand gebracht hat. Irgend ein tiefes
Scelenleiden hat seinen Geist zerrüttet."
„Sagten Sie nns nicht, man habe ihn
ans dem Grabe eines jungen Mädchens ge.
funden
„Ja wobl! Auf dem Grabe deS fnngen
Mädchens, dessen Mörder man in einigen
Tazen hinrichten wird."
„Oh gewiß hat er daS junge Mädchen
geliebt, gewiß hat der Schrecken über ihren
plötzlichen, jammervollen Tod, ihm den Ver
stand geraubt!"
„Auch ich dachte daran," erwiederte der
Arzt, nnd habe deßhakb in Ostran nackige
fragt. Doch wußte Niemand, ob er mit dem
Mädckien in irgend einem Verhältnisse ge
standen, vielmehr jagt man, der Wirth, sein
Vater habe das Mädchen Heirathen wollen."
„Seltsam!" sagte Fräulein Julie nach
denklich. „Ich mögte wohl den Zusammen
hang dieser Geschichte wissen, denn dieser
bleiche junge Mann interessirt mich nuend
lich. Es liegt ein so nnanssprechlicher Aus
druck von Jammer nnd Qual in seinem
Antlitz, in seinen Blicken, und wenn er
lächelt, so ist dieß Lächeln Herzzerreißend."
„Gestern begegneten wir ihm auf einem
Spaziergange," erzählte eine andere Dame.
„Er stand an eine Eiche gelehnt, und blickte
mit ineinandergeschlagenen Armen starr hin
auf zn den fliegenden Wolken, und wölken
gleich zogen Stürme über sein bleiches, schö
nes Gesicht und um seinen Mund zuckte es
wie Wetterleuchten des Schmerzes. Dann
schrie er mit einem durchdringenden Wehe
laut: Beide in einem Grab!"
Septbr. 1830.
s
AS*
„Und dann," unterbrach sie der Arzt,
„dann kniete er nieder nnd weinte laut! SD,
ich kenne das! Es sind seine täglichen, stünd
lichen Leiden. Die Raserei hat ihn jetzt ganz
verlassen und seine ganze Krankkeit besteht
jetzt in diesen Anfällen verzweiflungsvoller
Traurigkeit, Anfälle, die aber in ihrer Heftig
keit fchoit beginnen seine Gesundheit zu zer
rütten. So lauge er wirklich wahnsinnig
war, blieb, wie dies immer z« sein pflegt, sein
physisches Wohlbefinden ungeschwächt, seit
aber diese Geisteskrankheit gehoben ist, er
greift die Krankheit seine« Körper."
„Er ist also wirklich ganz geheilt fragte
Julie.
„Das heißt," sagte der Arzt, „er hat sein
Bewußtsein wieder erlangt, aber auch, wie
es scheint, mit diesem das Bewußtsein eines
großen, geheimuißvollen Schmerzes! Aber
sehen Sie, dort kommt er selbst i Lopes in
fahulii!"
„Wirklich war in diesem Augenblick ein
jmlger Mann in's Zimmer getreten, dem
wie mit zauberhafter Gewalt die Blicke aller
jtmge« Dame« eutgegeufloge«. Er fchieit
dieß gar nicht zu bemerke«, sondern schritt
gesenkten Hauptes, wie Einer, den der Gram
gebeugt, zu dem Doktor Alfred hin.
„Schelten Sie nicht, Herr Doktor," sagte
er mit einer Stimme, die wie in tiefem
Schmerz klagte und zitterte, „ach, schelten
Sie mir nicht, lieber Doktor, daß ich Sie
Hier hier aufsuche. Ihr Diener sagte mir,
daß ich Sie hier finden würde."
„Und was führt Sie zu mir, lieber Karl?"
fragte der Arzt mit teilnehmenden Blicken,
dem bleichen Jüngling die Hand reichend.
Ich komme, um Abschied von Iknen zu
«ehmcn," sagte dieser nach einer Pause.
„Abschied? So wollen Sie uns schon
heute verlassen?" fragte Alfred. „Ich
meinte, Sie wollten noch acht Tage hier ver
weilen, bis—"
„Bis Jakob Eltester hingerichtet wäre?"
fragt? der Kranke mit einem matten Lächeln.
„Ja freilich, das wollte ich airch Anfangs.
Aber jetzt habe ich mich anders besonnen.
Ich werde meinem Vatw Hülfe leisten müs
sen in seinem Geschäft. Denn diese Hinrich»
tung wird von nah' und fern Neugierige
herbeiziehen und da wird es viel zu tbun
gebe« im Gasthof meines Vaters."
„Da haben Sie wohl recht," sagte der
Arzt. „Aber fühlen Sie sich wirklich kräftig
genng, sich schon wieder Anstrengungen nnd
Geschäften zu unterziehen
„Oh doch! sagte Karl mit einem eigen
thümlichen, schmerzvoll zuckenden Lächeln.
„Ich fükle mich ganz gekräftigt zu dem, was
ich zn thrnt habe. Und also denn, Herr Dok
tor, leben Sie wohl," fuhr er fort, dem Arzte
die Hand reichend. „Ich danke Ihnen für
alle die Liebe nnd Geduld, die Sie mit mir
gehabt. Möge es Ihnen immer gut gehen!
der Himmel bewahre Sie vor großem Knm
mer, lieber Herr, und erhalte Ihnen, was
Sie lieben!"
Er seufzte noch einmal tief auf, dann
wandte er sich nm, und schritt gebeulten
Hauptes aus dem Gemach,
Die Damen hatten tief gtrWhrf, 'fmtni
athmend, rnn keines feiner Worte zu verlie
rot, zugebaut, und auch jetzt noch, als der
Unglückliche wieder verschwunden, saßen sie
«och eine Zeit lang schweigend und still da.
,llttd ich glaube doch, daß er das ermor
bete Mädchen geliebt hat," jagte endlich die
schöne Julie, nnd mit diesen Worten war
das Signal gegeben zn einer lebhaften Un
terhaltung, über die möglichen Ursachen von
Karl Wangerlin's Krankkeit. Doktor Alfred
aber war feit den letzten Worten still in sich
gekehrt gewesen er raffte sich endlich auf,
und näherte sich der schönen Julie, die ab,
seits von den Ander«, tu eine Fensternische
Utyctot war.
i „Julie," sagte er leise und dringend, „die
strArme hat mich schwerntüthig, angstvoll
gemacht. Es ist, als ob eine Vorahnung tie
fen Kummers auf meiner Seele lastete. Ich
muß Gewißheit haben! Das Wort muß end
lich gesprochen werden. Sie wissen es, dag
ich Sie liebe. Und Sie, Julie, werden Sie
mich von sich stoßen? Werden Sie mir die
Hand reichen, um an meiner Seite durch
daS Leben zu wandeln?"
Sie antwortete einige leije, «»verständig
che Worte. Er neigte sich näher zu ihr, ihre
Hände berührten sich, und dann mußte er
auch ihre Worte verstanden haben, dum
bald stellte er der froh überraschten Gesell
schaft die schöne Julie als feine Braut vor.
Man scherzte und lachte, und freute sich, und
au den unglücklichen Karl Wangerlin dachte
Keiner mehr! So ist das Leben! dieselbe
Stunde, die dem Einen Freude bringt und
Lust, trägt für den Andern Leid und uuaus
sprechliches Weh in ihrem Herzen.
Während diese hier scherzten und lachten,
wanderte Karl Wangerlin raschen, muthi#
V
St,
5 7. ^1..
Gekanntmaekmtgett.
16 Zeilen und weniger tosttN Ihaler fSr a*ÜI
Ott Einrücken, jede nachfolgende tostet 26 Cent.
*-16 Zeilen und weniger
vierteljährig .?»
#2£0
i.„.i halbjährig #406
ein Jahr $7fiO
GeschaftStartcn
von
4 Zeilen für
ein
Zahr #3,00
Shimmer go.)
gen Schrittes gegen Ostran, einen, wenige
Stunden von Halle entfernten Marktflecken,
in welchem sein Vater, der reiche Gastwirch,
wohnte. Es schien, als triebe eine ängstliche
Hast den Wanderer fort, als gehe er einer
drängenden Pflicht entgegen, und bange, die
rechte Stunde zu verfehlen. Oft zog er seine
große, silberne Uhr hervor und schante mit
ängstlichem Blick auf die langsam »orfdhtfU
tenben Zeiger hin, nnd die langen Schatten,
welche die Abendsonne an den Bäumen da
hinzog, schienen ihn mit Schrecken zu erfül
len. Er murmelte zuweilen einige leise, un
verständliche Worte, zuweilen drang es auch
wie ein Schrei der Qual aus seiner Brust
hervor, und dann plötzlich stürzten ihm die
Thränen aus den Augen. So wanderte er
immerfort, durch die wallenden Kornfelder
dak'n, die, von der scheidende« Sonne be
leuchtet, wie ein goldenes Meer wogten Utld
rauschten. Jetzt erklomm er eiligen, nnge
hemmten Schrittes den steilen Hügel dort,
und nun, auf der Höhe augelangt, sah er eS
vor sich liegen dort drunten im Thal, daS
geliebte Heimathsdorf Ostran. Da lag eS
inmitten einer lachenden. Üppig prangenden
Flur, auf den Hügeln rings umkränzt von
dichtem Waldgehölze friedlich und still käg
es da mit seinen ranchenden Schornsteinen
und hoch überragt vs« dem stolzen Schloß
des Grafen F..., das in der Mitte deS
Ortes auf einem Hügel, rings umgeben von
einem tiefe« Grabe«, sich erheb, und mit
semen altertümlichen Thimnen und Erkern
gar wunderbar contrastirte zu den kleinen
demüthigen Häuser«, die rings es umgaben.
Rur eines dieser.Häuser ragte bedeutender
hervor über die andern, nnd das war daS
Haus des reiche« GastwirtKs. Aber nicht
dorthin, nicht nach dem Hause seines Vaters
waren Karls Blicke gerichtet. Dorthin
schweifte« seine Auge«, dorthin nach dem
stillen Friedhof, und dort suchte« sie unter
den Kreuzen, das weiße Marmorkreuz eines
Grabhügels. O, dieß Kreuz, es leuchtete hell
zu ihm herüber, und Karl breitete die Ar
wie begrüßend dorthin, nnd flüsterte leise:
Morgen dann sank er auf feine Knie nnd
weinte bitterlich. Aber bald raffte er sich
wieder auf, und seine Thränen tmfneitb
schritt er den Hügel hinab. Bald hatte er
jetzt Ostrau erreicht, und durch die klemm,
offenen Gassen ging er eiligst dahin. Wie
war es heute lebendig und menscheubewegt
in dem sonst so stillen Orte zu ganze«
Schaaren zogen die Menschen herbei von
nah nnd fern die arme« Leute hatte« nicht
die weite« Wege, nicht de« verlorene« Sei*
dienst eines ganze« Tages gescheut, sie waren
herbeigeströmt von allen Seiten, nm einen
ihrer Brüder sterben zusehen die Reichen
kamen gefahren in stolzen Carossen, und hin
ter den glänzenden Spiegelscheiben sah ma»
das hübsche Augesicht mancher schönen, ttei»
venschwachen Dame, die es doch nicht sche«,
te, einer Hinrichtung beizuwohnen. Es war
ein Wogen «ud Drängen in den Straßen,
wie zu irgend einem freudigen, köstliche«
,Feste, man lachte und jubelte, hier und da
waren Buden aufgeschlagen zu Würfelspiel
und Lotterie, schön geputzte Bäuerinnen gi»
gen umher, ihre Eßwaaren feil zu biete«,
und hier und da klang eine schrille Weib»
stimme zu den melancholischen Tönen des
Leierkastens irgend ein fröhliches, lustiges
Lied. Niemand dachte daran, daß er gekom
men, einen Menschen sterbe« zu fthe«. Nie
mailt1, daß das Geräusch dieser FröhlichkeÄ
auch zu den Ohren Dessen dringen muffe,
der schon des Todes geweihtes Qpfer, und
jetzt seine letzten Abschiedsstunden vom Lebe«
feierte! Karl Wangerlin achtete nicht auf
die wogende Menge, durch die er sich hin#
durchdrängte, er blickte starr vorwärts auf
einen einen einzigen schwarzen Punkt, der
dort vom Marktplatze her ihm sichtbar ward,
und jetzt, um eine Straßenecke biegend, lag
er vor ihm, dieser Markt, mit seinem Gra
fenschlosse, und hier, dem Schlosse gegenüber,
erhob es sich drohend nnd schwarz, das Blut
gerüst! Wie Karl das erblickte, schien es, alS
blitze eine wilde, grausame Freude in seinen
Augen auf seine zusammengesunkene Gestalt
richtete sich stolz und fuhrt empor, wie im
Triumph. So schritt er zn dem Hause seines
Baters, das dem Schaffst gegenüber lag.
Und in der Thür stand eine hohe Greisenge
stalt fein weißes Haar flatterte im Winde,
seine trüben, schwermütkigen Blicke waren
auf das schwarze, unheilvolle Schaffst gerich
let, und er sah nicht seinen Sohn, der fe$t
schon vor ihm stand, wieder ganz zusammeH^
gesunken, ganz gebeugt und wehmuthsvoll.^"^
„Bater-j" jagte endlich Karl leise, fchnch»'
lern.
Der Alte schreckte zusammen und fragßs
wild: „Bater! Wer nennt mich Vater?"
„Ich, Dein Sohn Karl!" sagte dieh^
Heinend.
„Ach Du," sagte der Greis, ««d iridis3
i
A
1
r*

(Aus dem Erzähler am Ohio
Canton, Stark Caunty, Ohio, Mittwoch, den
e i i n n V e a u S e e e n v o n I N o n a e
W o K s n O e i n S a a n
fBti Yttfrtp* wie» «in liberaler p$
stattet.
0C/*Poetma8iers are poÜtety requested end
Ihorised to act as agents.
H. J. NOTHNAGEL, publisher
Corner of 7ih & South Mirket Str. CANTON, Ö
V- k v ....

xml | txt