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Ohio Staats-bote. (Canton, Stark County, Ohio) 1846-1851, September 11, 1850, Image 1

Image and text provided by Ohio Historical Society, Columbus, OH

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Bedingungen.
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,,0hio StaatS.Botc" erscheint Mittwochs^
Subftriptionsprcis fur 52 Nummern ist $2 Hl
Vorausbezahlung, K2,25 wenn innerhalb des erstm
halben Aahres, $2,50 wenn während des zweiten htl*
tee ZahreS und $2,75 wenn erst nach Verlauf dt
Jahres bezahlt wird. Niemand kann die 3tt»
tung aufgeben ohne vorher alle Rückstände bezahlt zu
'haben. Briefe und Mitteilungen müssen portofrei
tin, wenn sie berücksichtigt werden sollen.
*S •0j= Postmei^er können nach einer Verordnung
General-Postamts Subftriptionsgeldrr u
k o au Aeitungsherausglber senden, wen« »»an de«»
«Iben solche Briefe offen nbergiebt,
UNd addresstren last.
(A. d. deutschen illnft. Untcrhaltungbt.
Die Glutbrose». „*.
Iii ffact.rn die Kerzen so lustigen Schein'S
An dcs Schenken gastlichem Stübchcn, ~J}
Denn morgen schon einet der goldene Reif,
Den Schenken mit Rosa, dem Liebchen.
Des Bräutigams Mutt. r, die segnet sie just,
'»-Der Vater war heimgegangen—
Sie drücket den Sohn, die Tochter an's Herz,
E leuchten vor Freuden die Wangen. .\
Don Madchen und Burschen der landliche Reih*»
In Ue festliche Stube nun dringet,
Mit purxurncn Rosen umschlingt man das Paar,
UtU das Jüngste der Mägdlein singet:
„Wie glühende Blumen, wie blühende GluG»
Die wir Euch zu bekränzen hier bringen,
So möge sich stets Ench. wir wünschen eshM»
Mit Rosen das Leben durchschlingen."
Der Abend geht hin, es verstummt der Gesang.
Und die Nacht folgt dem fröhlichen Leben
ES schlummert die Mutter, und Sarl der E«hn,
Die Braut in dem Häuschen daneben.
S« donnert »cm Thurm der Wächter ®ch«t*i
Und ringsum erdröhnen die Glocken:
,,'S ist Feuer!" hallt schaurig ein einziger
Schon wirbelt'S rcn feurigen Flocken
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fit
»ttfitgcflt
'••ms
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9Uif,-
Und Carl fährt auf aus dem weichen Schlaf,
Und eilet die Treppen hinunter,
Da sieht er in Flammen die Häuser all',
Das Haus der Geliebten darunter.
Wohl jammert die Mutter, wohl
jammert dieSratzt,
Wen soll er verzweift lnd erretten
„Hilf. hilf, mein Carl! ich sterbe foiifc"
Umfaßt's ihn mit eisigen Ketten.
muß ja so sein rust er und
reifet sich fo#,
Durchdringet der Gaffenden Reihe,
Und fasset die Mutter mit kindlichem 3fnt),
Und trägt sie, geborgen, ins Freie.
Schon athmet sie wieder, sie presset den Sohn
An ihr Herz, das dem Tod er entrissen,
Und segnet ihn, wie eine Mutter nur kann,
Und bedeckt ihn mit Thranen und Küssen.
„Ich Hab' deinen Segen, lieb' Mütterlein,
Str wird «n im Himmel dort einen,
Doch lasset mich früher noch sterben
fftr fit,
Zhr lebet und könnt' um sie «einen
blicket er wild auf das Ha«« nchB **,
Wo Rola, die Liebste, gelebet.
Und plötzlich erbleicht seiner Wang« Gluth,
Daß Zeder auf's Neue erbebet.
Und schnell an der Theurm hellloderndem HWO
Erden brennenden Gipfel erklettert,
D'rauf stürzt er sich tief in die Gluth hinab,
Zerrissen, verbrannt und zerschmettert.
Wohl ist nun vereinigt das liebende Paar,
Dem das Züngle der Mägdlein hat gelungen,
Und war nicht ihr Leben, so war doch ihr lot
Mit glühenden Rosen umschlungen .J
fii
r.
S tu 3 8 »0) in 118 mm
a k o e s e N
Eine Cn'nn'nasgcschichte."
1
(Fortsetzung.)
MWnWst, daß ich Dich
Vir ganz träumerisch, „und Dn warst nicht
Wfe deßhalb? Ach, sage mir, Marie, ist es
denn wirklich Dein Ernst, daß Dn mir gut
bist? Ach treibe keinen Scherz mit mir, es
wäre gar so grausam Marie, denn siebst
Du, wenn ich erst einmal an die Möglichkeit
geglaubt babe, daß Dn mein Weib werden
könntest, dann müßte ich ja sterben, wenn es
doch nur ein Scherz gewesen. Sage mir deß»
halb die Wahrheit, Marie, hier am Grabe
Meiner Mutier, sage mir, ob es Dein Ernst
ist, daß Du mich lieben und mein Weib fein
willst?"
Er sah sie so flehentlich und angstvoll an,
daß Märiens Augen sich mit Tbränen füll
ten. „Mein armer, lieber Jakob, ist es denn
f» schwer an das Glück zu glanben? sagte sie
krlse. Warum zweifelst Du denn, wenn ich
Vr doch sage, daß ich Dich liebe, daß ich mit
i&iv leben und sterben, und Dein treues
Neib sein will!"
„O mein Gott, wein Gott!" rief Jakob,
„Marie will mein Weib sein! Mutter hast
jilt's gehört," rief er in einer Art Trunken
Nif sich dem See zuwendend. „Mutter, so
steig doch wie sonst empor ans den Wellen,
und nicke mir zu und sieh, daß ich glücklich
bin. Mutter, so hö.e dock, ick bin nicht mehr
cfoifam, ich werde ein Weib haben, ein treu
Oß, junges, schönes Weib!"
Ganz überwältigt, ganz sinnlos stürzte er
lüftder auf seine Kniee und weinte iiitd schluchz
te laut, und es war, als töne vom See her
über ein leises Flüstern nnd Klingen, als
rauschten die Wellen mit raschem Drang zum
Ufer hin, mit heimlichem Kichern nnd Seuf
zen, und Marie neigte sich schandernd nieder
|i dem Geliebten, und sagte angstvoll:
„WfS kil TM«
gen unseres Glückes! Wir leben, so läß uns
des Lebens uns freuen, wir haben ja nichts
1» schaffen mit dem Tod."
v „Tod," rief leise das Echo ihr nach und
ward bleich und schmiegte sich enger
Hn Jakob. Diese Berührung ihres warmen
frischen Lebens weckte ihn aus seiner Betän
bung nnd er drückte das erröthende Mädchen
'fest, fest an seine Brust, als wollte er sie er
Eicken in dieser Umarmung des Glückes.
Meine Lippen strömte«! über in wonnetrnnke
j|mt Worten, iflnb diese so lange verborgene,
im't stillem Kummer gepflegte Liebe, sie war
plötzlich in ihm zu einer goldenen, leuch
kenden Sonne des Glückes geworden, sie
Überstrahlte seine ganze Zukunft uud machte
Ihn jauchzen vor Glück und Lust.
„O, nun werde ich freudigen Mnth haben
zur Arbeit," sagte er, „denn die Arbeit soll
mir geheiligt sein durch den Gedanken an
Dich."
„Uud anch ich werde fleißig sein, nnd noch
einmal so rasch nähen," jagte Marie mit
einem süßen Lächeln. „Wir werden Beide
immer daran denken, daß nnser Fleiß und
unsere Arbeit der Priester sein wird, drr uns
zum Traualtare führe» mnß. Je fleißiger
wir sind, desto eher kann ich Dein Weib sein,
desto mehr können wir zurücklegen und spa
reit."
„Wie viel werden wir wohl ersparen müs
sen, um uns Heirathen zu können?" fragte
Jakob gedankenvoll.
„Nun," sagte sie nach kurzem Besinnen,
„dreißig Thaler mindestens. Denn einmal
kostet die Trannng viel Geld, nnd dann müs
sen wir uns doch auch eine kleine Aussteuer
anschaffen, eine kleine Wohnnng für uns
einzurichten."
„Marie, eine kleine Wohnung für Dich
und mich," jauchzte Jakob „ach, wenn ich
Abends nun von der Arbeit heimkehre, dann
wird meine Kammer nicht öde und leer sein,
dann wird meine Marie da sein, mich zu be
grüßen, nnd ich werde ihr helfen unser Abend
brod bereiten und dabei werden wir uns er
^zählen von unserer Arbeit und unserem
"Glück! Ach, Marie, wenn doch diese köstliche
Zeit erst gekommen wäre!"
„Das wird wohl noch lange, lange dau
rru," seufzte Marie. „Und wenn Du noch
fo fleißig arbeitest, und ich Tag und Nacht
tiähe, so wird doch ein Jahr vergehen, ehe
wir uns dreißig Thalcr ersparen können."
„Ein ganzes, volles Jahr," seufzte Jakob,
und drückte Marie angstvoll an sein Herz,
als fürchte er, sie zu verlieren in diesem lau
gen Jahr des .Marrens und des £offens.
Von der Wiese her tönte fröhlicher Gesang
und deutlich unterschied man die Worte des
Volksliedes: „Mußt Du noch sieben Jahre
wandern, so nehme ich mir keinen Andern.
Sieben Jahr sind bald herum, ja bald her
«M!"
,Hörst DU
„Sieben Jahr sind bald herum, und wir
habe« doch nur Ein Jahr zu warten! nnd
bis dahin wollen wir fleißig sein, nns lieben
und auf Gott vertrauen."
.,Ja, das wollen wir," rief Jakob, sie fest
umarmend, „nnd Gott wird gewiß unsere
Arbeit segnen, denn Du, Du bist ein Engel,
Marie!"
IV.
Wochen, Monate vergingen. Jakob und
Marie arbeiteten und hofften, liebten und
harrten auf die Erfüllung ihrer Wünsche.
Allabendlich nach vollbrachtem Tagewerk,
trafen sie sich am Ufer des See's, und der
stille Wald hörte ihre Gelübde ewiger Liebe,
ewiger Treue. Jakob war ein Anderer ge
worden seit jenem Tage seines ersten Ge
staudnisses, die trübe Echwermuth war von
ihm genommen, er athmete auf in Lust und
Frohsinn, seine Augen glänzten in seligem
Entzücken, und seine ganze Gestalt schien ge
tragen und stolz aufgerichtet in der Sicherheit
seiues Glückes. Und wenn er vom Aufgang
der Sonne bis zu ihrem Sinken arbeitete,
wenn der Schweiß in großen Tropfen von
seiner Stirne quoll, und seine. Muskeln
schwellten von der Anstrengung, dann jauchz
te und schrie Alles in ihm: „Ich arbtite für
fr, damit sie mein Weib wird." Bald waf
er der gesuchteste Arbeiter des ganzen Ortes,
und dem fleißigen gesil Ickten Jakob Eltester
bewilligte man gerne ein erhöhtes Tagelohn,
denn immer noch war Vortheil dabei, ihn
zum Arbeiter zu haben, er arbeitete für Zwei.
So war daS erste Vierteljahr vergangen,
und wieder war es Sonntag, ein schmier,
köstlicher Sommertag, und ans der Miese
tanzten und sangen, schrien und jnbelteN die
Jünglinge und Mädchen. Am Ufer des See's
aber war's lauschig uud still, und dort saß das
glückliche Brautpaar, und vor ihnen auf dem
Nasen ausgebreitet, lagen ihre köstlichen
Schätze, lagen die blinkenden Thaler, die sie
erspart, und die sie jeht mit entzückten Blik
ken betrachteten und zählten, zehn Thaler.
v
fragte Marie lächelnd.
„W• h»f., da
Jahrgang 3, Canton, Stark Cannty, Ohio, Mittwoch, den Uten Septbr. lSSO.
„Schon zehn Thaler!" rief Jakob außer
sich vor Lust. „Ach, Marie, wir werden also
nicht nöthig haben ein ganzes Jahr zu war
ten, denn schon haben wir das Drittel der
Summe also mir noch ein halbes Jahr, nnd
Du bist mein Weib! O, Du liebes, herziges
Mädchen, sechs Monate nur noch, und dann
bist Du mein für alle Ewigkeit."
„Bin ich es nicht jetzt schon, Jakob," sagte
Marie, sich an ihn schmiegend. „Gehöre ich
Dir nicht jetzt schon für alle Ewigkeit?"
„Dann aber, Marie, „sagte er glühend,
dann erst wird mein Glück vollendet sein,
denn dann wirst Du mein Weib Ach, weißt
Du, was das sagen will, mein Kind, meine
Taube! Weißt Du, daß Du dann mein bist
mit Deinem Leibe und Deiner Seele, daß
dann jede Deiner Stunden mir gehört, daß
dann nichts mehr uns trennen wird, weder
der Aufgang noch Untergang der Sonne,
daß Du mein bist bei Tag und Nacht?"
Marie jchmiegte sich fester an ihn und
trank mit entzücktem Ohre die heißen Liebes
worte, die ihr Jakob jetzt zuflüsterte, Jakob,
der leidenschaftliche, liebeglühende Jüngling.
Nur noch iit der Ferne tönte der Gesang der
Jünglinge und Mädchen, die Heimzogen nach
Ostrau, leiser und leiser ertönte der Gesang
und verstummte dann ganz. Noch einen letz
ten blutrothen Streif zog die Sonne durch
den See, dann begann es zu dämmern. Aber
die Liebenden saßen noch immer am Ufer des
See's nnd flüsterten heiße, glühendeSchwü
re, und die Baume rauschten und flüsterten
wie leise Wiegenlieder, und der See mnr
melte und wogte und sang ihnen ein Lied
vom süßen Vergessen, und süßes Vergessen
und selige Luft war in ihnen Beiden, den
jugendlichen, naturvollen Liebenden! Die
Sterne gingen auf und blitzten und flammten
wie funkelnde Diamanten am duuklen Him»
mel, und fester in einander verschlungen,
weilten die Liebenden noch immer am Ufer
des See's. Die Bäume raujchten und schüt
feiten sich im Nachtwind, hier und da Hört#
man das leise, sehnsüchtige Flöten eines Vo
gels. Der See rauschte fort und fort, aber
nicht mehr sang er, wie einst, für Jakob
Sterbelieder und Todesweisen,—heute sang
er ihm Lieder des Entzückens nnd der Luft,
und Jakob wollte nichts mehr hören als diese
Und wieder waren Wochen nnd Monde
vergangen, ein zweites Vierteljahr, und wie»
der saßen Jakob und Marie am Ufer deS
See's und zählte« ihre Ersparnisse.
^Siehst Du, schon vierundzwanzig Tba
fer," sagte Jakob ganz glücklich „nun, mein
Mariechen, mir noch wenige Wochen, nnd
dann nenne ich Dich vor GsG Mid Me«My
mein Weib."
Marie seufzte nnd schwieg.
^Freust Du Dich nicht mehr auf diese
Zleit?" fragte Jakob.
„O doch," sagte sie schwermüthig, „aber
drei Monate sind noch gar so lange!"
V.
Neue Regimenter sollten zur Armee gestellt
werden, um dem Schrecken der Könige und
Kaiser, dem großen Napoleon, zu folgen, mit
die Lorbeeren jahrelanger Schlachten und
Siege auf seinem Haupte durch eine neue
Krone zu vergrößern. Der Feldzug nach
Rußland begann und der König von Sach
sen. Napoleon's treuer Verbündeter, ließ
überall in feinen Staaten die waffenfähige
Mannschaft ausheben, um sie zur großen
Armee zu senden. Und überall verbreitete
sich Schrecken und Entsetzen, überall weinten
die Frauen und Mütter, die Bräute und
Schwestern um ihren Geliebten, die dahin
ziehen sollten, nach Nußland's Schneefel
dern, nm ihr Blut zur verspritzen für eines
Fremden Erobernngslust. Aber es gab noch
ein Mittel, dieses Unglück abzuwenden der
Kaiser brauchte nicht nur Soldaten, er
brauchte auch Geld, und wer im Stande
war, sich von der Kriegspflicht loszukaufen,
durfte daheim bleiben b« den Seinen, im
Kreise der Geliebten. Auch nach Ostrau
kamen die Werber, nnd zwanzig kriegsfahige
Männer sollte der Ort stellen. Da zogen die
Jünglinge hinauf zum Rathlwuse, um die
verbänquißvolle Nummer zu ziehen, die ihnen
vielleicht den Tod auf dem Schlachtfeld?,
vielleicht die rnbige Sicherheit der Heimath
geben sollte. Marie lag auf ihren Knieen
und betete heiß und zitternd vor Angst für
ihren Jakob, Verzweiflung und Schrecken
sprach ans ihrem, bleichen Antlitz, und sie
rang die stände in fhrcs Herzens tiefer Noth.
Aber sieh! da kommt Jakob, sein Gesicht
strahlte vor Freude und Glück, und auf sei
nem Hute prangt die schöne, die freiheitge
bende Zahl 21. Und Mariechen stürzt ihm
entgegen, ganz Glück, ganz Entzücken.
„Jakob, Du bist frei?"
„Ja, mein herziges Mädchen, ich bin frei,
und bleibe bei Dir. O dießmal war Gott
mit dem Armen, und bat mich beschützt und
bewahrt vor
HP MWW
iff: w*t» V«Mt *.'
söhn, Karl Wangerlin, aber hat sich fest
geloost, er hat Nummer 20."
„Oh, der kann ziehen," sagte Marie lä
chelud, „der hat keine Braut!"
„Uud heute Abend fragte Jafobv„Dil
kommst doch zum See?"
„Ich komme."
Sie reichten sich noch einmal die Hand
und nickten sich lächelnd den Abschiedsgruß.
Und wahrend Jakob, der glückliche, freie
Jakob hinging, um zu arbeiten und seine
schöne, erbarmungsreiche, befreiende Nummer
21 gleich einer Nationalcocarde an seinem
Hute trug, ging Karl Wangerlin, der reiche
Gastwirthssohu, zum Werbehauptmann, der
gekommen war, die Mannschaft auszuheben.
„Herr Hauptmann," sagte er trotzig, „ich
habe die letzte Nummer gezogen, und soll zn
Felde ziehen, aber ich will nicht und ich kann
nicht. Ich muß daheim bleiben."
„Mas kümmert mich Euer Müssen und
Wolle»," sagte der Hauptmann barsch.
„Die Ordre lautet auf zwanzig Mann, und
wenn Ihr Nummer 20 gezogen habt, nun
gut, fo müßt Ihr mir folgen."
,.Aber warum denn gerade ich!" rief
Karl Wangerlin heftig. „Warum soll gerade
ich unglücklich sein, und der arme Schelm,
der mein Hintermann ist, soll frei davon
kommen! Pah, ihm kann es gleich sein, ob
er als Soldat nach Rußland zieht. Er hat
hier nichts zn verlieren, nnd kann dort nur
gewinnen. Ich aber, ich bin reich, ich muß
daheim bleiben und helfen meinem Vater
fein Hab und Gut zu verwalten. Und Ihr,
Herr, Ihr sollt nicht grausam sein gegen
reiche Leute. Die Reichen sind berufen,
glücklich zn sein so laßt uns doch unser
Glück und nehmt Euch die Armen, die dazu
da sind, um geschunden zu werden."
„Nun freilich," sagte der Hauptmann
»ilve und freundlich, „wenn die Sachen so
stelun, dann könnt Ihr befreit werden, und
Euer Hintermann muß für Euch eintreten."
„Pab, sagt nur, wie viel ich bezahlen
mnß," rief Karl, „nnd sogleich sollt Ihr daS
Geld haben. Ich bin reich, ich muß frei fein,
und der arme Teufel, der Jakob Eltester,
kann ganz zufrieden fein mit dem Tausche
gebe ihm die beste Gelegenheit die Welt
zn sehen er wird anf meine Kosten eine
schöne Reife machen!"
Uud Karl lachte laut und höhnisch über
seine eigenen Worte.
„So gebt hundert Thaler," fi»gte der
Hauptmann, „dann habt Ihr Euch damit
Euren Hintermann als Stellvertreter ge
kauft."
„Hundert Tbalerl Ss vieles Geld um
einen armen Teufel, 'der kaum zwanzig Tba
ler werth ist sagte Karl verächtlich. „Nun
aber, es mag drum sein! Da habt Ihr das
Geld! Ich habe es sogleich mitgebracht,
denn ich wußte es ja vorher, daß ich glücklich
davon kommen würde. Und da habt Ihr
anch Eure Nummer 20, damit Ihr sie dem
Herrn Jakob geben könnt. Sagt ihm, ich
laß ihn grüßen, und ihm eiue glückliche Reift
Wünschen!"
Ein lustiges Liedchen pfeifend ging Karl
von bannen stolzen Schrittes wanderte er
über die Straße dahin, und wer vorüberging,
der grüßte respektvoll den Sohn des reichsten
Mannes im Ort und er dankte nachlassig
und gnädig wie ein großer und stolzer Herr.
Sei» Weg führte ihn vorüber an einem
Hanse, vor dessen Thür ein schönes, bleiches
Mädchen stand, man wußte nicht, hatte sie
ihn erwartet oder war's nur zufällig, daß sie
die Straße hinauf sah. Bei ihr blieb Karl
stehen und sagte laut, daß Jedermann e6
hören konnte: „Mein Vater läßt Euch grüs»
seu, Jungfer Else. Er kann die Zeit bis zur
Hochzeit kaum mehr erwarten vor Ungeduld."
Dann flüsterte er leise: Sei ohne Sorge
Else, ich bleibe hier, und nach wie vor bist
Du mein herzig Liebchen. Der arme Schluk
for, der Jakob geht für mich in den Krieg.
Pah, der kann gehen, er hat nichts zu vcrlie
ren!"
Mit welchem Schrecken abtt erfuhr Jakob,
zum Hauptmann beschieden, die furchtbare
Nachricht. Bleich und sprachlos mußte er
sich an die Wand lehnen, um nicht nmznsin«
ken, und dann murmelte er vor sich hin: „Ich
dächtL es wohl! Die Armen sind dazu da,
um unglücklich zu sein! Und warum muß ich
denn fort, schrie er dann laut und verzweif,
lungsvoll, warum muß ich den» fMr da Ufr
mich doch freigeloost habe!"
„Weil der reiche Karl Wangerlin, Dew
Vordermann, sich losgekauft hat," sagte der
Hauptmann.
„O freilich, der Reiche ist glücklich, der
kann sich befreiend" rief Jakob bitter.-—
„Aber ich, Herr Hauptmann, ich mnß anch
frei sein Ich muß, Herr Hauptmann, dem»
ich babe eine Braut, die ich nicht verlasse«
kann.
u
NN
ich
5
£,
u :.y»v r.f r'wiifi
lachend, „wenn ich darauf Rücksicht nehmen
wollte, würde ich gar keine Soldaten bekom
men. Irgend eine Liebste hat Jeder, das ver
steht sich, aber das macht Nichts. Sie wird
sich.schon trösten bei einem andern Burschen!"
„Aber ich!" schrie Jakob, „ich habe ja
nichts anf der Welt, als sie allein, ich kann
sie nicht aufgeben! O Herr Hauptmann,
habt doch Mitleiden mit unserer ArmutH und
serer Noth Denkt doch, daß die Armen
auch Liebe und Schmerz empfinden wie die
Reichen, und daß sie ihr ganzes Leben lang
einhergehen, gebeugt unter der Last der Ent
behrnngen und Noth! Ach ist es denn nicht
genug, seilte Jugendkraft und seinen LebenS
muth zu zerreiben für diesen armseligen, täg
lichen Bedarf des Lebens Sollen wir auch
noch die Last, die der Reiche von seinen
Schultern wirft, auf unfern schon gebeugten
Rücken nehmen?"
„Warum feit» Ihr arm?" sagte der
Hauptmann achfelzuckend.
„Ja, warum siud wir es!" rief Jakob mk
bitterem Tone. „Ach, wie oft habe ich in
meiner öden Kammer mit gerungenen Hän
den auf meinen Knieen gelegen und zu Gott
diese Frage emporgeschrien: Ach warum bin
ich arm? Was that ich denn, daß ich hinab
geschleudert werden mußte in diesen Abgrund
des Entbehrens und Leidens? Warum ward
ich geboren mit dem Fluch der ArmutH anf
meiner Stirn? O, Herr Hauptmann, laßt
doch diesen Fluch nicht meine ganze Zufoutf#
vergiften! Aus Mitleid gebt mich frei!"
„Das ist unmöglich!" sagte der Haupt
mann, es ist wider meine Vorschriften. Aber
ich will thnn, was ich kann. Kauft Euch ei
nen Stellvertreter! Schafft nur fünfzig
Thaler, aus Mitleid will ich gestatten, daß
Ihr mit fünfzig Thalern Quid) loskauft."
„Aber ich habe keine fünfzig Thaler,"
schrie Jakob außer sich.
„So leiht sie Euch," sagte der Haupt
mann.
„Niemand wird mir leihen, denn der Ar
me hat keine Sicherheit zu geben."
„Nun dann ist Euch nicht zu helfen," rief
der Hauptmann verdrießlich. Seht zu, was
Ihr erreichen könnt. Geht zu Euren Frenn
den und Bekannten und seht zu, ob sie Euch
helfen können. Bis morgen Mittag will ich
warten, das ist Alles, was ich für Euch thun
kann. Bringt Ihr mir dann fünfzig Thaler,
gut so seid Ihr frei und Euer Hintermann
muß für Euch eintreten. Könnt Ihr das
Geld nicht zusammenbringen, so kann ich
Euch nicht helfen, und Ihr müßt Soldat
werden."
„Ich kann keine fünfzig Thaler zusammen
bringen!" schrie Jakob.
„So müßt Ihr Soldat werden Uebri
gens habe ich weder Zeit noch Lust, Eure
Klagen länger anzuhören. Kehrt morgen
Mittag wieder nnd entscheidet Euch! und
jetzt geht."
Jakob stürzte von bannen, Witth vnd Ver
zweiflung im Herzen. Thränen füllten seine
Augen, sein Herz war voll bitterer Verwün
schungen und Qualen. Mechanisch, kaum
wissend, wohin seine Füße ihn trugen, ging
er zum See hinab. Da saß seine Marie am
Ufer, schon seiner harrend, und Jakob, als
er, sie erblickte, seufzte laut vor Qual ii. Weh.
Und als Marie aufstand und ihm entge
gen kam, als sie in sein bleiches, verstörtes
Angesicht schaute, da fühlte sie, daß irgend
ein großes Unglück sie bedrohe, und mit einem
Schrei der Angst klammerte sie sich fest
seinen Arm.
„Ich muß Soldat werden," sagte er
ruhig vor übermäßsigem Weh. Karl Wan
gerlin hat sich frei gekauft und darum muß
für ihn Soldat werden."
„Nein, nein kreischte Marie,"
kannst mich nicht verlassen."
„Ich muß!" sagteer. „Ich könnte mich
auch loskaufen, wenn ich fünfzig Thaler
hätte. Oh, fünfzig Thaler könnten mir meine
Freiheit wiedergeben. Aber ich habe sie nicht
und wenn ich ein Jahr meines Lebens dafür
hingeben wollte, ich würde dennoch das Geld
nicht bekommen!"
„Du mußt. Du mnßt!" schrie Marie
angstvoll, ganz außer sich. „Du mußt Dich
loskaufen. Du darfst mich nicht verlassen!
Es ist unmöglich. Bin ich nicht vor Gott
Dein Weib, und muß der Mq«» nicht biev
ben bei seinem Weibe!"
„Mein Gott, aber ich kann ja nicht daS
Geld schaffen," riefJakob bleich und zitternd.
„Und ich kann Dich nicht frei lassen,"
schrie Marie.
te es Dir nicht sag
Höre, Jakob, höre! Ich woll-
darf irf» mich mrfii tiiAmp« 1 j».«
darf ich mich nicht schämen mehr vor Dip
wisse denn—"
Sie schwieg, und ihre bleichen Wange«
übergoß jetzt eine dunkle Röthe.
„Sprich, sprich rief Jakob athemlos.
i
lagen, ich schämte mich Z Aber Zerbrochen. „Ich muß aLein sein, ganz allein
jetzt, Jakob, jetzt mußt Du Alles wissen, ^etzt Zum ein Mittel zu unfern Rettuna erfind
baue
&et*nntmad}un$en.
jfB Zeilen und weniger koste»
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0t* Einrücken, feto nachfolgend« kostet SS
HS Aetle» und
weniger
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vierteljährig
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u ein Jahr $TJXf
von 4 Zeilen für tin Aahr 93£9
Bei größeren Tinpti&n wird ein liberaler
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(J^PMliWITCTflre pwfwywjüilipwi flr
thorised to act as agents.
H. J. NOTHNAGEL. PAL6N3^ER
Ooroef sf"7th & South M-trket Sir»
CA
if
TOW,
CK
Rummer 51.)
mich nicht verlassen, denn Du mußt de»
Kinde, das unter meinem Herzen ruht, de»
Vater erhalten."
Ein lauter Schrei drang von Jakobs Lip
pen, dann verhüllte er sein Gesicht mit sei
nen Händen und ächzte laut. Eine lange,
schmerzvolle Pause trat ein, nur unterbrochen
von dem leisen Murmeln des See's und
dem lauten Aechzen Jakobs. Marie hatte
sich ganz zerbrochen, ganz bleich zurückgelehnt
an den Stamm des Baumes, unter welchem
sie stand und wie sie fo dastand, hätte man
sie der Eva vergleichen mögen, die von dem
Baum der Erkenntniß genossen und nach
dem Genüsse zusammensinkt in den Schauern
der Furcht. Und waren nicht diese Beide«
für immer vertrieben aus dem Paradiese deS
Glückes, waren sie nicht hinausgestoßen is
die mitleidlose Welt, um in dem Schweiß
ihres Angesichts ihr Brod zu essen, um z»
leiden und zu verzweifeln! Ach, jeder Mensch
ist sich selbst ein Adam und die Welt ist ihA
ein Paradies, dessen köstliche Wonne 0
schlürft mit trunkener Lippe und taumelnde»
Sinnen. Aber eines Tages, eines schwarzeW,
grauenvollen Tages wird er von dieser biß-
tern Frucht der Erkenntniß genießen «ich
hinter dem zerrissenen goldenen Schleier, dflr
ihm die Nacktheit und Blöße der Welt veff
hüllte, wird er all' den Schmutz und daS
Elend, die Schmach und Lüge dieser Weßt
erkennen und mit dieser Erkenntniß hat er
sich selber auf ewig vertrieben au6 de« Pch»
radiese.
„Höre mich an, Jakob," sagte Marie end
lief). „Wenn Du mich jetzt verläßst, wen»
Du mich der Schande preisgiebst und txm
mir gehst, so ist es um mein Leben geschehen."
„O Marie, Marie, wie gransam Du bist!
rief Jakob verzweiflungsvoll. „Mein Gott,
Du weißt es ja, daß id) Dich liebe. Du weißt,
daß ich mein halbes Leben hingeben würde,
um Dich glücklich zu machen, daß ich in trost
loser Sehnsucht vergehen würde, wenn
Dich verlassen muß. Aber es ist unmöglich»
ich kann diesen Schlag nicht abwenden Ich
habe fein Geld, ich but ganz arm I Wir be
sitzen ja Nichts, als dreiundzwanzig Thaler,
die wir in sechs Monaten erspart haben, und
das ist noch nicht die Hälfte von dem,
ich haben muß, um frei zu werden
Aber die Angst, die Verzweiflung hatte
Marien schon egoistisch gemacht sie achte«e
nicht auf Jakob's Qualen, sie dachte nicht
daran, daß sie feine Schmerzen und Leide«
nur noch vergrößere.
„Nein/- sagte sie mk zitternden Lippen,
todesbleich. „Nein, die Schande ertrage ich
nicht. Soll ich meiner Mutter, meiner a.'teD
Mutter bekennen, daß ich ihren Namen ge»
schändet habe und daß der, dem ich meittl
Ehre, meinen guten Namen geopfert habe,
mich verlassen hat? Sollen die Kinder auf
der Straße mit Fingern auf mich zeigen dür
fen, die Weiber und Mädchen erröthend sich
abwenden, wenn ich vorübergehe, um mich
nicht zu begrüßen in meiner Erniedrigung.
Jakob," schrie sie ganz außer sich, „Jakob,
Du darfst nicht gehen, ich muß vor Gott und
Menschen Deine Gattin werden!"
„Marie, Du marterst mich!" jammerte
Jakob leise. „Nimm mein Leben hin, Gott
weiß eS, daß ich es willig hingeben würde
für Dich, Gott weiß, daß wenn ich mein
Blut ausmünzen und es in Gold verwandeln
könnte, ich es freudig für Dich vergießen
würde! Aber selbst für mein Blut giebt mir
Niemand d.'e fünfzig Thaler, die ich bedarf."
„Du mußt Hülfe schaffen/- rief Marie,
„Du bist der Mann, Du mußt Rath wissend
denn, das schwöre ich Dir beim allmächtige»
Gott, ehe ich die Schande ertrage, springe
ich hinunter in den See, wie Deine Mutter
eS gethan dat."
„Marie!" rief Jakob sich'andichtend nnd
sie bleich und angstvoll an sich drückend.
„Nein, Marie, das sollst Du nicht, daS darfst
Du nicht!"
„Mir bleibt keine andere RettuUg, wenn'
Du mich verläßst," schluchzte sie.
„Wir müssen Rettung ersinnen, sie komm
woher sie wolle," sagte Jakob plötzlich gan
rnhig, ganz entschlossen. „Du darfst Di
den Tod nicht geben. Wolltest Du zwe
Leben hiuopfern, «n der äußer« Schande^
willen!"
,Ich stürze mich in deu See, wenn D«t
mich verläßst," sagte sie.
„Und ich verlasse Dich nicht!" rief er fei#*
erlich. „Mag es kommen, wie es wolle, ichß
werde nicht Soldat. Aber jetzt geh, geh hrimI
Marie," fuhr er dann fort, ganz matt, ganjl
nen. Noch eine» Kuß, Marie! So, und nuns
geh!"
„e-b- «»dl, 2.'°I,!" schluck.,,.
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Fe.
auf Dich! Du schale« «iL,
f-oieftr großen Roth."
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.. Franz Fitzin gt «*.
(Aus dem Erzähler am Ohio _.n
N e i u i S e a S e e e n v o n I N o n a e -l i

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