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Der fortschritt. [volume] (New Ulm, Minn.) 1891-1915, February 27, 1896, Image 8

Image and text provided by Minnesota Historical Society; Saint Paul, MN

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E.
i.Jilgpnyr"lfd'Hlfi'1 "•nim'W"»1
WWW
Sie sah aschfarben aus und zitterte
wie Espenlaub.
Er trug sie viel mehr, als er sie
führte, in ihr Zimmer zurück, wo er
sie auf das Sofa bettete. Er sah mit
leidig auf sie herab. Der Schreck schien
ihren Verstand verwirrt zu haben.
Sie hatte die Todte glücklich machen
wollen aus ihre Weise und es nicht
gewußt, wie verkehrt ihr eigener Sinn
war. Aber in ihrem Herzen war doch
Alle Räume waren gesäubert und
geschmückt, viel Blumen- und frischer
Kuchenduft ließ sich in 'der Etage
spüren.
Das alte Geschwister paar erwartete
Eberhard und seine Braut. Der rü
stige Achtziger, dem die Jahre wirk
lich nichts anzuhaben schienen, saß
während des unruhigen Treibens um
ihn Herl in feinem Lehnstuhl, mit Lek
türe beschäftigt. Sein stilles Reich
mußten sie unangetastet lassen, sein
Geist 'blieb unter allen Wechselfällen
'des Lebens im Gleichgewicht. Auch die
Freude störte ihn nicht aus seiner phi
losophischen Ruhe aus.
Er las ein Werk über den Geheim
buddhismus. dem et schon bei seinem
Ausenthalt in Indien nachspürte, und
sein, geschulter, denfgeübter Geist fand
in diesen Lehren Wahrheiten und ein
unbegrenztes Gedankengebiet.
Da stürmte Frau Ida in's Zimmer.
„Justus, sie kommen, mm wirf Deine
alte Scharteke fort, die Jugend das
frische Loben mit seinen Wonnen und
seinem Reichthum tritt in unser
Haus."
Der Alte legte bedächtig den gewich
tigen, schweinsledernen Band beiseite
und erhob sich. Er kannte Eberhards
Braut noch nicht und war gespannt.
Da tönte schon draußen Ida's jubeln
der Ruf und 'dann öffnete sich die
Thür und Eberhard führte feine
Braut herein.
Hoch aufgerichtet stand der G?eis,
sein noch immer flammendes Auge
prüfte das junge frische Gesicht. Adel
heid stand da erröthend, auch sie sah
gelspannt, ehrfürchtig scheu zu dem
alten Herrn empor, für den sie einst
schon als Siebenzehnjährige ge
schwärmt hatte. Der Moment über
wältigte sie jetzt, sie eilte vorwärts
und neigte sich tfcf über die Hand des
Greises, .die sie inbrünstig küßte.»
Ida redete später oft von diesem
Moment, sie war entzückt von dem
Anstand der jungen Dame, von der
unnachahmlichen Ehrerbietung, die
sich in ihren Bewegungen
hatte.
Der Baurath umfing sie in seinen
Armen und küßte ihre Stirn. Er sah
ihr freundlich in die glückseligen Au
gen.
„Meine Tochter," sagte et langsam,
während er auch Eberhard die Hand
zum Gruß reichte, „sei willkommen
unter meinem Dache."
Es schien, als ob feine alten Augen
sich nicht losreißen konnten von ihren
Zügen, er-führte sie zum Sofa und
'hielt ihre Hand fest. Eberhard, der
den Vater so gut kannte, wußte jetzt,
haß Adelheid ihm gefiel. Die bewegte
Spannung löste sich. Ida hatte im
Eßzimmer einen Imbiß hergerichtet,
am Arm des Alten wandelte Adelheid
durch die Räume. Das war die
Wohnstätte eines hervorragenden Gei--
if "V-1
W.'AktfÄtoWir.
A
ten war die schlimme Saat früh auf fam
alten Dame traf, zogen diese Gedan
ken durch seinen Sinn. Der Verwalter
erwartete ihn draußen, er trug ihm
auf. die nächsten Obliegenheiten zu be
sorgen. und schloß sich in sein Zimmer
ein. Das Unerwartete überwältigte
ihn, er stand wie damals bei seines
Vaters Tode an einem Wendepunkte
seines Lebens.
28.
Im Hause 'des alten, jetzt achtzig
jährigen Baurath Rommler herrschte
rege Tätigkeit. Frau Ida war sehr
geschäftig!. Ihre rundliche Erscheinung
war merkwürdig unverändert, ihr
Auge noch ebenso lebhaft wie in ihren
jungen Jahren, ihre Bewegungen
rasch und energisch, nur das Haar,
das sie noch hoch toupirt trug, war
silberweiß geworden.
www*?*x
ist
Was
(Schluß.)
Arthur wandelte ein tiefes Mitleid
an. Da 'war ein Wesen, welches die
Todte geliebt hatte, dieser Schmerz
war echt. Er ergriff die Fassungslose
bei der Hand urtd versuchte, sie sanft
von der Leiche zu entfernen. Sie sah
ihn wie geistesabwesend an, klammer
te sich hilflos an seinen Arm und
raunte in unheimlichem Flüsterton:
„Wer hat das gethan? O. sagen Sie
mir. daß eS nicht wahr ist! Ich wollte
sie ja glücklich machen und sie nannte
mich den Dämon ihres Lebens."
w~$wm
Glück?
Alexander Römer
stes. der jedem Ding hier seinen
Stempel aufgeprägt, der in köstlicher
Beschaulichkeit, ungestört durch den
Strom des Tagesgetri««bes, die Er
fahrungen eines reichen Lebens ge
sammelt und seine
Umgebung
offenbart Adelheid eifrig, „und mein Anerbieten
zu ei­
nem Kunsttempel geschaffen hatte.
Sie stand bewundernd still vor' den
alten Bekannten und Lieblingen da an
den Wänden, Rafael, Tizian, Rem
brandt, Rubens ihre leuchtenden
Blicke drückten ihr« Empfindungen aus.
Sehnsüchtig streifte ihr Auge die um
fangreichen Mappen, welche noch ver
hüllte 'Schätze enthielten, und mit einem
ungewöhnlichen hellen Schein auf sei
nen markigen Zügen schritt de?» Greis
neben ihr, verständnisvolle Rede und
Gegenrede flog von Mund zu Mund,
und lächelnd verhieß er ihr, daß ihr sich
alle diese verschlossenen Heiligthümer
enthüllen sollten. Ida stand harrend
an der Thür, ihre warme Schüssel
drohte zu erkalten, aber wer konnte es
roar. mti in njitm «ytigm wagen, die beiden zu störfcn. Zuletzt ka- fernen »vuu uuv _—
selbstlose Liebe gewesen, bei der Tod-
men

ma§
Während Arthur Anordnungen für ^iden Alten freuten sich ihrer kernig! Heid zu feiern, und hatte zugesagt. Er
die Überwachungen und Pflege der g^nden
i,innen Sßaai
Eberhards Herz schwoll im Gefühl Unternehmen versprach reichen
seines Glückes. „Wer hätte gedacht, ^inn.
daß ich mit ein solches Wesen erringen
könnte?" sagte er leise: „aber ich weiß
es zu würdigen, Vater. Dir danke ich
auch dies wie alles."
Am Abend dieses Tages erhielt
Eberhard Arthurs jßttef, der die An
zeige von Irmgards Tod enthielt. Er
war von Berlin hierher nachgeschickt
worden. Die Nachricht erschütterte ihn
tief. 'Adelheid war bleich geworden
und drückte heimlich seine Hand. Eine
beklommene Stimmung verdrängte die
glückliche Heiterkeit der letzten Stun
den.
Da löste der alte Rommler zuerst
den Bann. „So ist Arthur also frei
geworden," sagte er, „Gott hat ihn er
löst von den Folgen feinet Übereilten
That. So ist ihm Spielraum gegeben
für eine neue Richtung. Es wird
sich zeigen, ob fein Kern hohl geworden
oder ob et noch Inhalt hat."
Eberhard fuhr aus feinem Sinnen
empor. „Du hast recht, Vater, daß
Du das zunächst ins Auge saßt Ar
thur ist frei. Sie—ihre arme Seele hat
Ruhe gefunden o, es war schade um
sie, in ihr steckten die Keime zu Besse
rem!"
„Die stecken in uns allen, mein
Sohn, der Weitenschöpfet ließ keines
feiner Geschöpfe leer ausgehen—unsere
Arbeit ist es, die aus uns macht, was
wir werden. Jetzt ist das geistige Theil
auch dieser Irrenden gelöst von den
Schlacken dieses Lebens—gönnen wir
ihr die Erlösung."
Eberhard war ans Fenster getreten,
Adelheid trat zu ihm und schlang ih
ren Arm um ihn, sie flüsterten mit ein
ander.
Dann traten sie zu den anbeten zu
rück und das Gespräch lenkte sich aus
Arthurs Lage. „Jetzt ist ihm wirksa
mer zu helfen," sagte Adelheid, „wir
stützen ihn. wo wir können, nicht wahr.
Eberhard? Es bedarf größere Sum
men zur Ausführung des neuen Pro
jeks. ich bin Herrin meines mütterli
chen Vermögens. Du wirst einverstan
sügung stelle.
Große Seele," sagte Eberhard „aber
erst müssen wir genauere Einsicht ha
ben, ob das Unternehmen genügende
Garantien bietet."
my. wiv »Ich bin davon überzeugt, meinte jmuuec
ist nicht so übertrieben selbstlos, tm,
Gegentheil, -ine ganz MteSpeu°«°n. „p
Der alte Rommler sagte es ernst und
die übrigen schwiegen. Dann war ge
sorgt, das wußten sie.
29.
Das neue Haus, welches Eberhard
sich erbaut hatte, war ein absonderliches
welches in Berlin Aufsehen machte und
oft von Kennern und Kunstverständi
gen besichtigt 'wunde. Er hatte es in
freiem Geist den alten Patrizierhäu
sern in Nürnberg nachgebildet, ohne sich
fest an den überlieferten Stil zu bin-
HD?
den. Eine große runde Eingangs
halle die zugleich als Aufenthaltsstätte
für die Familie dienen sollte, war mit
Wandbildern geziert und mit kunst
reich geschnitzten Holzmöbeln ausge«
stattet. Ein kostbarer Majolikaofen
thronte als Wärmespender in einer der
Wandnischen. Eine breite Treppe
führte aus der Mitte der Halle in den
ersten Stock empor und mündete oben
auf eine Gallerie mit zierlichdurchbro
chenem Geländer, aus der ringsum
Thüten in die. Gesellschafts-,Wohn
und Schlafgemächer führten. Weit,
luftig, schön und gefällig in Formen
und Aufbau präsentirte sich das ganze,
und Eberhards Finanzen mußten gut
bestellt sein, denn er plante bereits den
Bau einer Villa am Meer.
Seit dem Sommer hauste das junge
Ehepaar in dem nach eigenem Sinn
geschmückten Heim. Jetzt nahte das
Weihnachtsfest. Adelheid war unge
mein geschäftig in diesem Jahr Eber
hard behauptete. daß aus. ihrem lieben
Gesicht immer eine versteckte, jubelnde
Fröhlichkeit schimmere, für die ve noch
nicht den genügenden Raum jum Aus
breiten habe.
Bertha wohnte noch bei oem Forst
meister. sie war diesem eine gewohnte
liebe Gesellschaft, er würde sich sonst
gar zu einsam gefühlt haben. Sie
sahen sich freilich meist nur «ei den
Mahlzeiten, denn Bertha's Zeit war
sehr in Anspruch genommen, aber das
genügte beiden. Der Forstmeister hatte
seinen Klub und seine Kinder und
fte doch zum Mahl und fröhlich Hebte seine Freiheit und ein gewisses
jetzt von den Lippen der jungen Sichgehenlassen.
empfänglichen Boden gefallen und Sie verstand es auszusprechen, Arthur war eingeladen worden, das
hatte jede Liebesfähigkeit erstickt.
die Seele bewegte, und die Weihnachtsfest mit Eberhard und Adel-
Als Adelheid später von Ida in Be
schlag genommen und durch das ganze
kleine Reich geführt wurde, drückte der
Greis Eberhards Hand. „Ich gra
tuliere Dir," sagte er mit seinem Voll
ton, „ich hoffte wohl, daß Deine Wahl
eine glückliche gewesen fei, ich erwartete
aber nicht so viel zu finden. Dir wird
ein köstliches Loos zu theil und mir in dort aufgeführt wurde und die
meinem hohen Alter eine große Freu- tung überwacht werden mußte,
de." I ersten Versuche waren geglückt,
war noch nicht bei dem jungen Paar
gewesen, hatte überhaupt wenig Men
schen gesehen feit feiner Frau Tode
und sich ganz der Bewirthfchaftung der
beiden Güter gewidmet.
In der letzten Zeit wohnte er auf
Gtambow. wo feine Anwesenheit am
nöthigsten 'war, weil das Gebäude für
die Fabrikation der fondensirten Milch
Sei-
Die
das
Ge­
Arthur hatte es Papa Rommler zu
danken, daß die für den Anfang nb
thigen Mittel ihm bequem zuflössen,
der Alte hatte von feinem Vermögen
und durch feine weitverzweigten Ver
bindungen alles beschafft, und Arthur
sagte sich selbst oft in stillen Stunden,
da| er ein anderer gworden sei, seit er
den theuren Greis wiedergesehen hatte.
Allein mit ihm in der alten, trauten
Umgebung hatte et ihm sein Herz aus
geschüttet und 'diesem seinem selbstge
wählten Hohenpriester seine Beichte ab
gelegt. Da sah er, was vielleicht vor
ihm noch keiner gesehen, wie die Thtä
nen aus den treuen Augen in den wei
ßen Bart rollten und die Freude über
den Wiedergewonnenen den eisernen
Alten wich machte wie ein Kind. We
der et noch jener sprachen je übet diese
Weihestun'de, aber in Arthur's Seele
war sie unauslöschlich eingegraben.
Seitdem war die alte Haltlosigkeit und
Schwäche in ihm besiegt, mit der noch
ungebrochenen Kraft, mit neuem Hoff
nungsmuth ging et an seine schweren
Aufgaben.
Als Eberhard ihn heute am Nach
mittag des Christabends auf dem
Bahnhof empfing, freute er sich über
das frischere Aussehen des Freundes,
und da et ja bis aus alle Einzelheiten
in die Sorgen und Interessen Arthurs
eingeweiht war, so gab es schon auf
dem Wege nach Haufe einen lebhaften
Austausch. Arthurs Bericht klang be
friedigend und Eberhard sah man die
Freude darüber an.
In der weiten Halle glühte der
mächtige Ofen, hier sollte am Abend
die Bescherung stattfinden. Als ob
man nicht in Berlin, der hochmodernen
Großstadt sei, sondern in der guten al
ten Zeit, wo patriarchalischere Sitten
herrschten und den eng geschlossenen
Familien ihr Haus ihre Burg war, so
heimelte Arthur dieses Hauses Geist
und Einrichtung an. Adelheid, in
modernem Anzug doch einer edlen Pa
triziersrau aus jenen Tagen nicht un
den sein, wenn ich ihm das zur Ver- ähnlich, empfing ihn mit der bekannten
Herzlichkeit, noch mit tiz weißen £\iux
stauenschiitze angethan und vielgefchäf
tig. Sie hatte außer ihrem Hausge
sinde noch einen ihr hier schon wieder
anhängenden Stamm alter und junger
Mütter und 'deren Kindern zu besche-
uuu
ren#
uctc» jimun.« gu
und später erst sollte der Famiii-
cnltcig
sich versammeln.
cherzmsen ausnehmen. I seinem Klub htiben vorher ihre Weih
„Nein das soll er nicht, dafür nachtsfeier, der er anwohnen will, und
wird gesorgt werden." Bertha hat versprochen, bei Helmuth
odjt
uhr."
faflfT lie, „kernt d!e ledigen Heeren in
Hiller den Baum und den Jubel des
Erstgeborenen mit anzusehen. Denken
Si? nur, Asberg, 'der alte Rechnungs
rath und Fra'u Lina sind gekommen.
Hans Hilles hat mit zweiundzwanzig
Jahren seinen Doktor gemacht ein
prächtiger Mensch, dieser Hans, und
Helmuth ist überglücklich, all die Sei
nen um sich zu haben."
Arthur hörte freundlich zu, er hatte
nie viel Verbindung mit Jrmgatd's
Familie gepflogen, jetzt nach ihrem To
de waren die Beziehungen nicht reget
SB
'•'"fi?"4
5'^
Eberhard zeigte ihm voll Stolz und
Freude sein ganzes Haus, und in Ar
thurs Seele stieg «ine schmerzliche
Sehnsucht empor. Sein Leben, wel
ches so aussichtsreich begonnen hatte,
war verfehlt, verpfuscht, und dieser
hatte sich hier durch alle Klippen ge
steuert.
Später, als "die Bescheetung für die
Armen vorüber war und er sich erbot
der Hausfrau bei dem Aufbau für den
Familienkreis zu helfen, bei dem Eber
hard verbannt wurde, stand et neben
Adelheid allein in .der Halle unter dem
noch unangezündeten Riefenbaum aus
dem Hechthaler Forst.
„Weht uns der nicht heimathliche
Lust zu?" sagte die Frau fröhlich „ich
behaupte, die Hechthaler Tannen haben
ihren eigenen Dust."
Arthur antwortete nicht, er hatte sich
abgewendet. Da legte sie leise ihre
Hand auf seinen Arm.
„Ich muß Ihnen noch etwas sagen,
ehe die anderen totfimen," begann sie
plötzlich, „früher durfte ich ja nicht re
den, aber heute, wo Sie sich wiederse
hen—"
Er wandte sich um, sein Gesicht war
finster. „Lassen Sie die alten Dinge
ruhen Sie meinen Fräulein Flied
ner, aber seien Sie ohne Sorgen, wir
sind uns fremd geworden, und Sie
können versichert sein, daß ich nicht an
der Vergangenheit rühre."
Adelheid sah traurig und enttäuscht
aus. ..Und doch muß ich Ihnen et
was aufklären, was Sie nie erfuhren.
Sie wissen nicht, daß Ihr Vater da
mals Bertha aufsuchte und sie schwer
beleidigte, er forderte ihre Entfernung
und den Bruch ihres Verhältnisses zu
Ihnen."
Arthur fuhr zusammen, faßte an
seine Schläfen und starrte sie verwirrt
an. „Mein Vater?" Et stammelte,
er wankte und stützte sich schwer auf
den Tisch.
„Kommen Sie," sagte Adelheid gü
tig, „setzen wir uns, ich muß Ihnen
das ausführlich erzählen."
„Ich war damals auch an Ihnen
irre geworden," sagte, Adelheid, „Sie
thaten zu wenig dazu, das Mißtrauen
zu entkräften. Verzeihen Sie, daß ich
auch an Ihnen sündigte, aber denken
Sie einmal nach, 'wie die Dinge derzeit
lagen. Mir sagte man von allen Sei
ten, daß Sie um mich zu werben ge
dächten, und Sie waten freundlich ge
nug, trotzdem auch Sie um dieses Ge
rüchte wußten, um es ein eitleres Mäd
chen glauben zu achen. Sie waren
ein leichtlebiger Kavalier, Bertha Ih
nen nicht ebenbürtig, und ihre Wün
sche, der Heimlichkeit ein Ziel gesetzt zu
sehen, hatten Sie unberücksichtigt ge
lassen. Nun erklärte ihr Ihr eigener
Vater, daß Sie im Begriffe ständen,
um eine andere zu werben, daß Noth
wendigkeit Sie dazu zwänge seien
Sie gerecht, der atmen Bertha mußten
wohl Zweifel den Sinn trüben. Ich
bestätigte sie darin, ich glaubte nicht
an die Redlichkeit Ihrer Gesinnung,
Bertha stand meinem Herzen sehr na
he später haben die unseligen Fol
gen mir viel Kummet gemacht.
Sie schwieg beklommen und et sah
noch immer vor sich auf den Boden
und erwiderte kein Wort. Da spranh
er plötzlich auf, warf die Arme in die
Luft und tief in wildem Aufschrei:
„So verdanke ich also diese Kette von
Elend, diese verlorenen, unauslöschli
chen Iahte meinem leiblichen Vater!"
Es entstand eine peinliche Pause.
Dann unterbrach Adelheids milde
Stimme dieselbe. „Es thut mir weh,
daß ich einen Tobten noch anklagen
mußte, aber die Sorge für die Leben
den forderte es. Es ist Weihnacht und
Fried» auf Erden. Die Tobten ruhen
und werben einst erwachen in anbetem
Geist, wir Lebenden haben noch Zeit
zum Ausgleichen. Auch Ihre über
eilte Heirath war eine Schulb. —Da
kommt Eberharb unb kündet uns bie
Ankunft unserer Gäste. Feiern wir
fröhliche Weihnacht mitsammen."
Eberharb eilte mit großen Schritten
aus bie Thür zu, Abelheib unb ber
Dienet zünbeten eilig den Baum an.
„Kommen Sie, helfen'Sic rasch!"
tief sie freundlich Arthur zu „wir ha
ben uns beim 'Plaudern verspätet."
Er verstand ihre gute Absicht, aber
es würbe ihm schwer, sich zu fassen,
unb feine zitternden Hände brachten
kaum ein Lichtlein zum Brennen.
Als bie Thür sich öffnete unb bie
Erwarteten eintraten, strahlte aber
boch die 'Prachttanne aus bem Hechtha
ler Forst im vollen Lichterglanz.
Der Forstmeister übertrat als erster
bie Schwelle im schneebedeckten Man
tel. den ihm der Diener eilig von den
Schultern nahm. Hinter ihm stand,
ebenfalls in warme Hütten eingewi­
wp?
-".-»v .'•
geworden. So waten diese Nachrichten
ihm neu. Aber auch Ber
tha's Name war gefallen
und dabei war er doch zufam
mengezuckt. Schon als diese Einladung
erging, als er sie annahm, sagte et sich,
daß es ein Wiedersehen mit Bertha be
deute. War er denn darauf vorbe
reitet? Er grollte ihr noch, wenigstens
redete er sich ein, weil sie ihn damals
verlassen hatte und jetzt o, jetzt war
sie eine berühmte Persönlichkeit in
glänzenden Verhältnissen und et ein
armer Schlucket, der sich eben über
Wasser hielt!
ckelt, eine schlanke weibliche Gestalt, ge
folgt von einem jungen Mann.
„Donnerwetter! das ist hübsch, Kin
der," rief ber Forstmeister bewundernb,
„ja, zu solchem Fest paßt die Halle.
DaS wirkt, das macht sich." Et rieb
sich vergnügt die Hände und reichte sie
dann der Tochter und dem Schwieget
söhn.
Bertha hatte ihre Umhüllung abge
worfen und war ebenfalls herangette
ten an die Wirthe und den Baum, ne
ben ihr ein hochgewachsener, hübscher
junget Mensch mit röthlich blondem
Lockenhaar. „Hans, sieh nur, diese
Pracht!" rief sie und sah zu dem Herr»
lichen mit Goldfäden umsponnenen
Baum auf. Ihr Gesicht sah frisch aus,
von der Winterkälte geröthet, aber wer
sie kannte, merkte, daß sie nicht unbe
fangen, nicht wie sonst war. Sie hat
te ihren Arm durch den ihres jungen
Begleiters geschlungen und hielt ihn
feft an ihrer Seite, als ob er ihr ein
Schutz und Schirm fein solle.
Arthur war in den Hintergrund der
Halle zurückgewichen, seine Augen ver
folgten die anmuthige Gestalt in dem
dunkelblauen Wollkleide, das knapp
die schönen Formen umschloß.
Jetzt spähte auch ihr Auge verstohlen
suchend umher, sie fand ihn nicht
feiner dunklen Ecke, und ihre Mienen
drückten Frage und Unruhe aus.
„Wo ist denn aber Herr Asberg? Ist er zu Bertha heran.
fragte jetzt der
Sie übt noch den Zauber, sie ist schö
ner denn je! klang es in ihm, während
er des jungen neugebackenen Doktors,
Et und Bertha erzählten von der
eben erlebten Feier in Helmuth's Hau
se. Vater war so aufgeräumt, wie ich
ihn nie gesehen habe," berichtete Hans
lachend, „und er sagte ein Wort, wel
ches wir alle bejubelten, nämlich, daß
er ganz zufrieden fei. Mutter meinte,
das habe er in feinem Leben noch nicht
zugestanden."
„Helmuth's Frau ist auch allerliebst,"
fügte Bertha hinzu. „Sie weiß mit
angebotenem Takt einen jeden zu neh
men nach feinet Eigenart und umgab
den alten Schwiegervater unmerklich
mit allen Sorten von Behaglichkeit.
Mich freut es, daß Tante Lina endlich
Freude und gute Tage hat."
Irmgard fchien niemand zu vermis
sen, ihrer wurde nicht erwähnt. Auch
Arthur ertappte sich darauf, daß er sie
vergessen hatte, daß für Momente ihm
die Vergangenheit versunken war.
Später, als man sich um den festlich
gedeckten Tisch in der Halle gruppirte,
in der behaglichen Atmosphäre des
Tannen- und Wachskerzendustes, sorg
ten die Wirthe für eine fröhliche Stim
mung. Das Gespräch ward allgemein
und lenkte sich auf Adelheids und Ber
thas Arbeiten.
Adelheid erklärte lächelnd, sie werde
nun wohl ihre Kunst zum Opfer brin
gen müssen auf dem Altar des Hauses,
aber Bertha, der seien die Flügel un
gestutzt, und jetzt könne sie dem innern
freien Zuge folgen und von dem Pot
trätfach zu eigenen Kompositionen
übergeben.
Bertha erröthete und schüttelte den
Kopf.
Arthur sah überrascht auf und rich
tete zuerst das Wort direkt an sie.
„Warum malten Sie denn aber bisher
nur Porträts?" fragte er verwundert.
Sie sahen einander an und um ihre
Lippen spielte ein Lächeln, das harm
los sein sollte, aber unendlich schmerz
lich aussah.
„Weil ich bis so lange ums Brot
arbeiten mutzte, und da war dieses
Fach das sicherste und einträglichste.
Nur dem glücklichen Gelingen des et
sten kleinen Auftrages, den Warbeks
mir vermittelten, verdanke ich es, daß
ich überhaupt vorwärts kam und rasch
auf eigenen Füßen stehen konnte."
Arthurs Blicke ruhten auf ihr mit
seltsamem Ausdruck.
„Und hätten Sie nicht durch eigene
Kompositionen noch mehr erreicht?"
fragte er mechanisch.
Sie lachte und Adelheid stimmte ein.
„Da spricht der Laie," tief Adelheid.
„Wissen Sie wohl, Asberg, daß es für
eine Dante, der die Wege ja immer
noch recht schwer gemacht werden, fast
unerschwinglich ist, sich alle diese Din
ge, welche zur Komposition eines Bil
des gehören, ausreichend, zu verschaf
fen? Wir können nicht, wie die jungen
Herren, eine Akademie besuchen, wo
alle nach einem Modell malen. Was
dort für viele gemeinsam zu beschaffen
TT*r.
.cwxv'.riv-y--':^ j*
Gottlob! et sieht frischer aus, sagte daß das trauliche „Du" ber alten Zeit
sie sich und eine seltsame Ruhe kam in lieber über die Lippen glitt und daß
ihr unruhiges Herz. die Herzen wieder den alten Schlag
Hans Hillet Scheitel streichelte und danken an demselben.
ihm seinen Glückwunsch zollte. Hans ,Mein Brief, den ich Dir von Stein
lachte und machte kein großes Aufheben Hude schrieb?" wiederholte er. „Wenn
von seiner so früh errungenen Würde.
Spielend hatte er sie gewonnen und die
Welt erschien ihm wie ein Rosengarten.
Arthur hatte auf seinen Teller ge
sehen, wie in tiefes Sinnen verloren,
jetzt erhob er mit aufleuchtendem Blick
das Haupt. Seine Züge waren Heller,
und ein Seufzer, der wie Erleichterung
klang, hob feine Brust.
Als Adelheid die Tafel aufhob, trat
p-
-1-
er nicht gekommen?" fragte jetzt ber „Bertha," sagte er gepreßt, „ich
Forstmeister. fuhr vor einet Stunde erst Dinge,
„Freilich ist er gekommen—Arthur!, welche mir früher nicht hätten vorent
wo steckst Du?" Eberhard holte ihn halten werden sollen. Da muß ich an
aus feiner Ecke hervor. Und jetzt, nach-! die Vergangenheit rühren wollen Sie
dem er dem Forstmeister die Hände ge-j mir ein paar Augenblicke gönnen?"
schüttelt hatte, ruhte auch Bertha ^ie ward sehr bleich, nickte aber und
Fliedner's kleine Hand in ber seinen j*te setzten sich in bie Nische hinter ben
unb einen Moment begegneten sich ihre. Tannenbaum. Und da quoll es em
Augen. Was lag zwischen jenem un-! das lang Begrabene, nie Ertöb
heilvollen Abend, als sie ihn angstvoll ^te. Aus Bertha's Munb erfuhr et,
aus dem Stübchen ber elterlichen Woh-^ sie gelitten hatte, wie sie gekämpft,
nung trieb, und heute! und sie waren es selbst nicht bewußt,
hatten.
,j5Exin Brief war schrecklich," sagte
Bertha und schauderte noch im Ge--
Du hättest ahnen können, wie mir in
dem Augenblick zu Muth war, ich
weinte wie ein Junge, ehe ich ihn
schrieb."
Bertha verhüllte ihr Gesicht. „O,
ich hätte nicht heimlich fortgehen—ich
hätte offener zu Dir fein sollen, aber
—durfte ich Deinen Vater vor Dir an
klagen? Meine Lage war verzwei
seit."
„Und ich hätte mich Adelheid anver
trauen sollen, sie hätte alles ins Reine
gebracht," murmelte er.
Bertha saßt« sich gewaltsam, sie
schüttelte die weiche Stimmung ab.
„Was nützt es, jetzt noch darüber zu
grübeln," sagte sie. Sie begann in hu
moristischer Färbung von ihren ersten
«Studienjahren zu erzählen. Die
Schilderungen des Ateliers mit dem
Kochosen und des Dachkämmerchens
fielen komisch genug aus.
„Verhängnis, Verhängniß!" seufzte
er. „Und jetzt, Bertha, jetzt habe ich
nichts zu bieten als ein unsicheres Loos
eine auf Arbeit und Entbehrungen be
ruhende Existenz, die aus dem Trüm
rnern vergeudeter Güter mühsam Neu
es aufbauen soll. 'Du aber stehst auf
dem stattlichen Grunde des Selbster
rungenen, da wäre die Partie zu un
gleich.
„Und war denn die Partie damals
gleich, als Du mich zu Dir erheben
wolltest?" rief sie. „Und wäre das Lie
be, welche sich scheute, jedwedes Loos
zu theilen, es falle, wie es wolle?"
„Bertha!" Seine Hand zitterte, als
er die ihre ergriff und ihre schonen Au
gen strahlten im Glanz des Glücks.
„Bertha, könntest Du Dich noch zu dem
Gestrandeten gesellen, der in Nothund
Mühsal auf dem Wrack feines Schiffes
das noch zu Rettende zusammensucht?
Nein das Opfer könnte ich nicht an
nehmen," setzte er dumpf hinzu.
„Arthur!" Das war derselbe Ton,
den er von ihr gehört hatte, als er sie
vor fast einem Jahre nach ber langen
Trennung unvermuthet wiebersah:
„Glücklich war ich nie, trotz aller Ar
beit, trotz aller Erfolge." bekannte sie
leise. „Ich war. befriedigt mitunter,
nie glücklich. Und ich bin nicht unfä
hig geworben für bie täglichen Aufga
ben des Lebens, vielleicht könnte ich
boch helfen beim neuen Aufbau."
Er beugte sich tief ergriffen über ih
re Hanb unb küßte sie.
Da sagte eine junge, frische Stimme
neben ihnen: „Gute Nacht!" Doktor
Hans Hiller stanb da, die Mütze in der
Hand und verabschiedete sich. Es war
Mitternacht, er mußte nach Hause.
Die beiden Weltverlorenen fuhren
empor. Arthur sprang auf. das
war wieder die lebhafte Art, die an
früher erinnerte, er nahm des jungen
Doktors Kopf zwischen seine beiden
Hände und küßte ihn herzhaft.
„Schwager Hans." fagte er, „Du
hast ein gutes, gesegnetes Gesicht, Du
bist ein Glücklicher und ein Glückbrin
ger!"
Hans lachte. Ob er wohl ahnte,
was ihm heute Abend dies Lob ein
trug?
mm
i*-,
ist, müssen wir un8 jede einzeln herbei«
holen, und dabei fehlt der gegenwärti
ge Sporn, die Anregung. Nur ganz
außerordentliche weibliche Genies
dringen durch, und wie ich meine, auch
nur eine Zeit lang,"
„Du bist durchgedrungen, Adelheid,
Dein Plato ist ein hervorragendes
Werk," rief Bertha mit glänzenden
Augen.
„'Denke nicht, daß ich mich darüber
täusche," entgegnete Adelheid, „es ist
ein Erstlings- und immer noch unrei
fes Werk und wird mein einziges und.
letztes fein. Und es wäre auch mein
letztes gewesen, wenn der hausfrauliche
Beruf mich auch nicht zur Abtrünni
gen gemacht hätte." Sie nickte dabei ih
rem Eberhard zu und fuhr fort: „Ich
weiß es am besten, mit welchen
Schwierigkeiten ich bei ber Lösung der
Aufgabe zu kämpfen hatte."
„Unb so würbe es mir auch gehen,"
sagte Bertha, „batum beschränke ich
mich und bleibe zünftige Portträt
malerin, so lange bie Konkurrenz mei
ne Manier in ber Mode erhält."
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