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Der fortschritt. [volume] (New Ulm, Minn.) 1891-1915, April 09, 1896, Image 10

Image and text provided by Minnesota Historical Society; Saint Paul, MN

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Auf der Brautsnche.
«No, jetzt
nor
ganz hinke losse. Erscht wolle mer noch I
en Schoppe trinke Alles annere wird ,j
sich schon sinne!"
Er schlug mit dem leeren Glas einen
dreimaligen kurzen Wirbel, wcbei et
Pulch ermuthigend zunickte, dessen sonst
immer vergnügtes, gutmüthrges Gesicht
sich merklich verfiltert hatte. Zwar
allzu schmerzhaft sratz ihm der »tum*
mer nicht am Herzen, und der neue
Schoppen war ganz dazu cmgethcm,
ihn wieder auf menscyenfreunoücyere
Gedanken zu bringen, istn guter Tro
pfen verfehlte auf '.pulch überhaupt nie
mals seme Wirvun'g.
Die kleinen, Fenster der beliebten
Apfelweinwirthschaft in der Äreitegas
se gu Frantsurt a. M. standen weit
offen. Es war heule schon das zwei
te Mal. daß Pulch und der dicke Rump
ler hier in einer dunklen Ecke eine ern
ste Sitzung abhielten. ü)ie erste sretltch
in einer viel kühneren, gehobeneren
Stimmung. Da halte Puzcy voll Un
ternehmungslust eine hielte in das
Knopfloch seines blauen Fracks mit
gelbem Mefsingknöpson geftecri und sich
herausfordernd auf die sriscygewasche
ntn, weißen Hosen gellaifajt. iir war
von dem Zauber iserner Persöntichteit
vollständig überwältigt gewesen. Als
er nun gar dem geborgten Zylinder et
stark geölten Kop^gegeben hatte, schritt
er in einer Haltung durch die engen
Gassen, die mehr als deutlich aus
sprach: was kostet Frankfurt?
«Etwas von diesem erhebenden
Selbstbewußtsein ging schon verloren,
als er mit dem keucyenoen Heirats
vermittler beim Vater des niedlichen
Settchens saß und der Schmtedemeister
etwas nüchterne Ansichten über das
Thema entwickelte: wenn iS'iner heira
ten wolle, und noch dazu ein „Frem
der" er sprach das Wort langsam,
mit sehr scharfer Betonung aus ein
UT-aitalte» Bürgermädchen obendrein
ja —da müsse man doch tn erster
Linie wissen, ob es auch „damit" or
dentlich bestellt sei.
Er rieb den hocherhobenen Daumen
und Zeigefinger mit einer absolut nicht
mißzuverstehenden Energie. Das war
Pulch peinlich sehr peinlich sogar. Mit
seinen Bermbgendberhältntjj en sah es
wirklich etwas windig aus. Ein tüch
tiger Schuhmacher war er: ohne allen
Zweifel. Aber sonst... .na... .wenn
er nur erst mal Meister wäre, da wollte
er schon zeigen....
Meister! Ja, ja: das war der Haken!
Damals Anfang der Vierziger Jah
re, wo noch der Zunftzwang herrschte,
tonnte man in Frankfurt nur Meister
werden, wenn man das Glück hatte,
als eingeborenes Stadtkind auf die
Welt gekommen zu sein oder eine Bür
gerin zu iheirathen.
Der gute Pulch hatte sich eine Hei
rath nicht so sehr schwierig gedacht
Während 'der Schmiedemeister die Thür
mit ziemlicher Kraft hinter ihnen
schloß, stieg Pulch wie rtn begossener
Pudel die Treppe hinunter. In recht
gemäßigtem Marschtempo kamen sie
wieder an ihrem Ausgangspunkt, der
Wirthschats in der Breitegasse, an.
Bei dem neuen Schoppen wurde
Rumpler redselig. Er machte zuerst
seiner inneren Entrüstung über den
Hochmuth gewisser Leute Luft und
sprach davon, er habe gar Manchen
gekannt, der zuerst vor Stolz beinahe
geplatzt fei, und dann froh gewesen,
daß Frankfurt so viele milde Stiftun
gen htibe.
Pulch mickte beifällig. Dann mein
te der Heirathsmacher zu grämen brau
che sich Pulch nicht. Hübsch sei ja das
Settchvn. Er habe noch eine andere
Partie für ihn in Aussicht, gleich nach
her wollten sie hingehen. Die Betref
fende sei zwar eine Wittfrau, doch gar
nicht alt. Im Gegmtheil. So Ende
Zwanziger. Und ein Grübchen in
den Backen.
Pulch schmunzelte behaglich. Ver
ständnißvoll stieß er mit Rumpler an.
Als ihre Gesichter wieder aus den
Gläsern auftauchten, sahen sie zuerst
höchlich befremdet ihr neues Gegen
über, doch noch befremdeter sich selbst
an.
AN ihrem Tisch hatte soeben ein
Herr Platz genommen, der genau wie
die zweite Ausgabe Pulch's aussah.
Er trug denselben blauen Frack mit
gelben Knöpfen, die frischgewaschenen,
weißen Holsen, idie Nelke und den ge
borgten lEhlin'der! Aber zu seinem Bei
stande hatte er sich einen spindeldürren,
baumlangen Herrn erkoren, den ge
fährlichsten Gegner Rumpler's, den
HeirathsiverMittler und Makler Der
schow. IDer rannte auf seinen langen
Beinen mit seltener Schnelligkeit durch
die Gassen und schnappte dem phleg
matischen Rumpler die besten Geschäfte
vor ider Nase weg. Er haßte ihn des
halb unsäglich.
Hm so wertiger ließ es der äußere
Verkehr an Freundlichkeit fehlen. Die
beiden Paare kamen gleich in ein leb
haftes Gespräch, bei dem sich die
Häuptlinge gegenseitig cmszuhorchon
suchten. 'Der Erfolg war gleich Null
„No, meine Herren, wolle Se ne
W I
imiiv*
Iso en scheener Küche! Ganz frisch. Unn! «ihnen zu, doch ein Loos zu nehmen.
voller Rosine!" Es sei das letzte und gewinne sicher»
«Er hielt einen großen, dick mit Zu« Pulch .schüttelte zuerst den Kopf er
I E Er hielt einen großen, dick mit Zu-! Pulch schüttelte zuerst oen «opy,
Eine Geschichte aus Frankfurt a. h^rvuten Kuchen in die Höhe, daß war mißtrauisch geworden. AlS aber
V0N C. G. NoulMg.
.1 »-.ü— 1.—
«i—grinsend
man ihn von allen Seiten bewundern Rumpler meinte, die Gans
tonnte. Acht neugierige Augen richte- passe ja gut zu dem Kuchen, kam ihm
net gleich den Kopp r^'nÄ verlangend'nach dem! die" Geschichte" selbst lächerlich vor, und
....
erzählte achtzehn Kreuzer, in der heim
„'s kost ja nor en Grosche," er-
sLoos
',nn8
munterte 'der Verlooset. „Versuche Se
Ihr Glück, meine Herrn Bräutigams."
Die beiden Herausgeputzten suchten
in einiger Verlegenheit eilig nach dem
Groschen. Die Anrede war ihnen au
genscheinlich etwas faul! Pulch legte
das Geldstück mit einem Nachdruck auf
die Platte, daß der Tisch wackelte.
Der Mann ging,.feinen Kuchen an
preisend, weiter. Schon nach kurzer
Zeit verkündete er die Werloofung kön
ne jetzt stattfinden. Für einen Augen
blick wurde es ganz still in der ©tube.
Selbst die Kartenspieler setzten aus.
Athemlose Spannung'
„Meine Herren... jetzt geht's los Rumpler stehen. Der Schweiz rann thm
von der Stirn. Er pustete wie eine
Achtung."
„Nummer 9 hat gewonnen! Wer hat Lokomotive.
Nummer 9?'
,M ich!" rief Pulch mit Stentor
stimme.
brachte. Pulch und Rumpler fchauten
ihn schmunzelnd an. Sie dachten an
das Hochzetisessen!
„Glück im Spiel, Unglück in der
Lieb'" meinte Der schow, mit etwas
lM'sch«. Wch-W Di« b-.-°ch.
tend.
„Des werd sich ja sinne und zwar
bald" entgegnete der Dicke, in seiner
Geschäftsehre gekränkt. „Wer zuletzt
lacht, lacht am Beste!"
Pulch ließ zur würdigen Feier des
Ereignisses noch zwei Schoppen kom
men. Ihr Gegenüber zahlte dagegen
und verließ die Kneipe.
„So en etlicher Kerl," rief Rumpler
höhnisch, als sie aus der Thüre waren
„die wer'n lang' suche könne, bis se
Mädche sinne, des so en Kamuff
nimmt."
Und in aller Seelenruhe tranken sie
aus und machten sich dann auf den
Weg. Pulch hatte sich ein Papier ge
ben lassen und trug seinen Kuchen lie
bevoll im Arme.
«Die hübsche Wittwe wohnte so ziem
lich an 'dem entgegengesetzten Ende der
Stadt und weder Pulch noch Rumpler
gehörten der Zunft der Schnellläufer
an. ©nldlich hatten sie aber das Haus
erreicht und stiegen die Treppe hinauf.
Im zweiten Stock verschnaufte Rum
pler ein wenig dann zog er mit großer
Energie die Schelle.
Einen Augenblick später wurde die
Thüre geöffnet. Pulch streckte erwar
tungsvoll den Kopf bor. Wahrhaftig!
Der Heiratsvermittler hatte flicht zu
viel versprochen. Das war ein Weib
chen so appetitlich, so nett. Pulch's
Liöbe wuchs in's Riösengroße!
„Gun Dag, Madamche," nickte
Rumpler- ihr zu. „Lasse Se uns
mol bissi erein. Des da is der
Pulch, wisse Se, von dem ich Ihne ge
sagt Hab', Madamche
Gin prüfender Blick flog über
Pulch's hohe Gestalt, der lächelnd eine
kokette Haltung einzunehmen suchte.
„'s thut mer leid, meine Herren ...
Se komme ebbes zu spät. Bor *ner
'Vertelstunn da ha to ich mich ver
lobt!"
„W—a—a—3? Ei mit wem
dann?"
„Der Derschow hat en gebracht.
Wär'n Se nor bissi friher da getoese
... werklich es thut mir sehr leid
... .awer..."
Noch ein langer Blick auf Pulch!
Es lag etwas von schmerzlich entsagen
der Wehmuith darin. Dann fiel die
Thür in's Schloß.
„Himmeldonnerwetter! Der oosig
Derschow! Vergifte könnt' ich den
Mensche..." raisonnirte Rumpler auf
der Straße. „So Weibche...Ja..
jetzt sieht die Sach ebbes schief aus.
Ich Hab' noch een Mädche uff Lager....
Hab' noch een Mädche uff Lager ....
aber scheen is annerscht!"
„Eene muß es sein," tief Pulch ver
zweifelnd aus. Ohne Heirath gab es ja
für 'ihn keine Meisterschaft!
„No,.. ansehn kenne Se ja die
Jungfer mol
„Awer gleich! Uff der Stell!"
„No ja!"
Sie trabten den Weg zurück. Es
sing schon an, dämmerig zu werden.
Rumplet fluchte leise in sich hinein.
Das war ein heißer Tag für ihn.
Schon von Morgen an auf den Bei
nen noch nichts verdient dabei so eine
dicke 'Luft sein Hals war ganz tro
cken
«.«$«•» Si» (SUitiS
vichen Hoffnung, die Götter' zu versöh
ntn und sich mit seinem Verlust das
Glück in der Liebe zu erkaufen.
Ein Paar Minuten später lag die
Gans eintrcichtiglich neben dem Ku
chen. Pulch bekam einen ganz fürch
terlichen Schreck. Beinahe hätte er
feinen Schoppen stehen lassen. Dann
aber schnellte er mit einem Hechtsprung
auf die Straße, daß ihm Rumpler
kaum folgen tonnte. Den Kuchen in
der einen, die Gans, auf die er von
Zeit zu Zeit wüfhende Blicke schleuder
te, in der anderen Hand, stürzte er der
Heiligkreuzgasse zu.
Vor einem schmalen Hause blieb
1
„So! 'Da wohnt 'die Jungfer Gack
ftätter. Awer mit ettitff geh ich net.
Se könne mich dadriwe im Schwarze
Die Blicke aller Anwesenden folgten Bock abhole. Verftanne
neugierig dem Verlooser. der dem ,. ..
qlüetlichen Gewinner 'seinen Kuchen Treppen mit Todesverachtung in die
'|cb
lAlücklickerweise verloren Pulch's Awer es soll noch
gemerkt Der Stoff da drin soll gut
sein!"
„Ein Stchschoppe könne mehr roppe
mchr awer ganz gewiß net."
A
Pulch nickte und kletterte die drei
CK'AUA
-flC* hltfr tttl! '9tßTlirtD61I5
Er kam sich wie ein Verurtheil-
ten vor, der die Stufen des Hochge
richts betritt!
[email protected] zog die Schelle. Lange Zeit
Todtenstille. Endlich ein leiser, schlür
fender Tritt von innen.
Ein geübliches, schmales Gesicht lugte
durch die Thürspalte. Zwei kleine,
graue Augen musterten mit unverhoh
lener Bewunderung die prächtige Gans
und «den Kuchen. Dabei blieb es.
„Js Ihr' Jungfer zu Haus?"
'die Jungfer Gackstätter da is"
rief Pulch lauter.
rWte
meint Sc?"
„'IhreHerrfchast —ja die Jung
ser Gackstätter is die net da?" schrie
Pulch aus Leibeskräften.
„So laut brauche Se net zu spreche!
Ich hör ganz gut! Die Jungfer Gack
stätter die bin ich seltner!"
Pulch athmete tief auf. Dann hätte
er nicht so zu rennen brauchen! Ein
altes,, sogar ein ur-ura'ltes Borjermäd
che... ja... das war die Jungfer oh
ne allen Zweisei!
Einen lAugenlblick schwankte er un
schlüssig. Das hübsche Settchen
die niedliche Wittwe...noch einmal
tauchten sie wie eine 'Fata Morgana
vor ihm auf... Met die Meisterschaft
.. .Er schluckte heftig...der Realis
mus hatte gesiegt.
Freundlich trat er auf die Jungfer
Grittchen zu und flüsterte ihr etwas
in's Ohr.
Sie erröthete leicht. Die sittsam nie
dergeschlagenen Augen hafteten an der
Gans. Dann machte sie die Thür weit
auf.
'Rumpler saß bereits an dem vierten
Glas, als seine Aufmerksamkeit von
einem jungen Mädchen ly't einem ge
waltigen Krug et hielt sicher seine
sechs Maß in Anspruch genommen
touUde.
Seine Neugier wuchs noch um
ein Bedeutendes, nachdem er von beim
Wirth auf seine Frage hin gehört hat
te, das Mädchen sei ein Nachbarskind
der Jungfer Gackstätter.
Trotzdem dauerte es immerhin noch
eine gute Beile, bis Iber Wissensdrang
die angeborene Bequemlichkeit über
wunden hatte und er nach dem schräg
gegenüberliegenden Hause watschelte.
Aber die steile Treppe wollte er nicht so
auf's Gerathewohl hin wagen. Er faß
te deshalb die Schnur neben der Haus
tfhür, die zur Schelle vor toen Fenstern
des dritten Stockes führte.
Niemand regte sich. Ein zweites
Klingtin. 'Der Erfolg blieb der glei
che. Nun riß er, daß es wie ein Sturm
läuten 'durch die Gasse schrillte. Links
und rechts an den Nachbarhäusern
tauchten Köpfe auf. Untd jetzt wurde
auch das Fenster der 'Jungfer geöffnet.
„Was is dann los?"
^Können Se mer net sage, ob der
Pulch owe is?"
„Ich versteh' Sie net!"
„Js der Pulch bei Ihne?"
Me misse bißl lauter spreche!"
„iHimmelherrgottbunnerkeil, nehme
Se doch gefällig 'die BaUmwoll' aus
Ihne Ihre werthe Ohre Und beide,
Hänide an den Mund gelegt, donnerte
er mit äußerster Kraft seiner' ohnehin
schon starken Lunge:
,)Hockt dann der Pulch noch immer
bei Ihne. Jungfer Gackstätter? Er
wollte Ihne doch en Antrag mache!..."
Das zweite Fenster flog auf.
„Se Krischet—ihatte Se Ihr Schna
wel! Mir feiern ewe unser Verlowung.
Geheimniß
Kraftanwenidung zu!
.Ö1C ,cövcu ,iu, Die Ehe Pulch's. dem bald die et
qenen Entschuldigung freilich ganz na- sehnte Meisterwürde zu ThetI ward, ch
he an die Thüre. ein« tot glücklichsten tn ganz Frank-
Sie setzten sich trotzdem zu ihrer et-
Herren woue ne Schon nach dem ersten Zuge trat furt geworden. Die Beiden haben es
o»r» niitaelte eine raube auch hier wieder ein Versucher mit ei- vereint zu wirklich hervorragenden Lei
ihnen „Gucki Se, n« Hn-Nchw «M «ntti und ttbetejflun«« im Aps-lw-,n-°nsum gebraut.
bleiwe!
Wh S. »ol.
auch so ein merkwürdiges Kratzen in le, komme Se eruff.
Mi die Jungfer (Grittche is
es is heut so was Braut!" guck die Jungfer
der Kehle.
„iJch mein' als
trockenes in der Luft? he?"
'«w» 'cht! W^'-,sch°n°«M
Grittche!" „No, met gratultren auch
Deutschland und Frankreich.
(Aus der Köln. Ztg.)
Daß wir Recht hatten, als wir der
Begeisterung Wider Willen für Deutsch
land und für den deutschen Kaiser, die
in den letzten Tagen in der französi
schen Presse durchbrach, zunächst keine
allzu lange Dauer versprachen und ihr
keine allgemeine durchgreifende Bedeu
tung beilegten, zeigt sich schon jetzt an
den Auslassungen einzelner Blätter,
die davor warnen, daß Frankreich sich
von «Deutschend umgarnen lasse. Die
se Staatsweisen, so schreibt darüber
unser Pariser Berichterstatter, sind der
Meinung, man könnte immerhin
Deutchland sich auf's gründlichste mit
England verfeinden lassen, es dürfte
in Aegypten der Republik Hand- und
Spannidienste leisten, um die Englän
der aus dem Nilthale htauszuwerftn,
es sollte sich auch soweit mit Rußland
anfreunden, bis der Dreibund, der
hier als ganz und gar brüchig und
morsch gilt, von selbst zerfallen würde,
dann aber würde ihm eines schönen
Tages im günstigsten Augenblicke zu
Gemiithe geführt werden, daß alles
das mit Elsaß-Lothringen nicht das
Mindeste zu schaffen habe. Der Hin
weis auf Aegypten, wo man Deutsch
land nutzbar machen solle, findet sich
an verschiedenen Orten. Im monar
chistischm „Soleiii" schließt sich der
Akademiker Herve den oben erwähnten
Warnungsst immen folgendermaßen
an:
Deutschland schiebt Frankreich ge
gen England vor und rüstet sich, am
Tage nach dem Zusammenstoß den
Schiedsrichter zu spielen. Das ist seine
Berechnung und fern Spiel. Aber die
Rechnung wird nur dann zutreffen
und das Spiel nur dann gelingen,
wenn wir die Hand dazu leihen, und
ich hoffe ernstlich, daß wir das nicht
thun werden. Deutschland möge tu
hig seme Geschäfte selbst besorgen.
Es könnte uns durchaus nicht passen,
ihm die Kastanien aus dem Feuer zu
holen. Seine Interessen stehen mit
den englischen im Widerstreit. Es
möge sie auf diplomatischem Wege oder
mit Waffengewalt vertheidigen. Wir
haben nichts 'dagegen. Es möge im
merhin sogar Rußland in den Zank
hineinziehen. Möge sich das deutsche
Reich mit dem Slaiwenreiche gegen das
Angelsachsenreich 'verbinden. Es wird
ein schönes Ringen, ein interessantes
Schauspiel werden. Wir werden da
bei zusehen. Die Zeit ist vorüber, wo
Frankreich sich nach der Reihe für alle
fremden Länder opferte. Wir waren
lange recht harmlos. Wir dürfen es
heute nicht mehr sein. Wit haben uns
Lehren geholt, und wir wären Tho
ren, wenn wir sie uns nicht zu Nutze
zu machen verständen. Als wir vor
25 Iahten mit Deutschland im Käm
pft lagen, hat Jeder es uns überlas
sen, uns herauszuziehen, wie wir konn
ten. Jeder that, was ihm beliebte.
Wir werden am Tage des nächsten
Krieges das thun, was uns paßt. Wir
werden alsdann das entscheidende
Wort.sprechen, wenn wir, Gewehr im
Arm, als Zuschauet dabeistehen. Die
Völker haben das Recht, selbstsüchtig
zu sein. Man hat es uns gesagt und
bewiesen. Unsere Schiffe zum Kam
pft hinaussenden gegen die Engländer,
untsere Häfen in Brand schießen zu
lassen, um die Schläge abzuwenden,
die Kiel oder Wilhelmshaven bedro
hen könnten, hieße doch die Harmlo
sigkeit übertreiben. Gewisse Kriege
bringen denen am meisten Vortheil,
die sie nicht geführt haben. Der deutsch
französische Krieg hat Rußland, der
russisch türkische Krieg Oesterreich
Vortheil gebracht. SD&r nächste Krieg
muß uns Vortheil ohne Opfer bringen.
Wir werden uns dabei eintgermaften
von den vielen Kriegen erholen, die
uns Opfer gekostet Haiben, ohne Nutzen
zu bringen.
Der „Gaulois" hat durch einen
Mitarbeiter bekannte Persönlichkeiten
über ihre Ansicht-hinsichtlich der De
pesche des Kaisers abfragen lassen.
Der greife Jule Simon, einer von den
ruhigsten Männern des Landes, hat
sich dabei folgendermaßen vernehmen
lassen:
Ein Versuch zur Ableitung, um den
französischen Haß zu überwinden.
Allerdings, diese Neigung hat sich schon
früher kundgegeben und kommt auch
jetzt wieder zum Ausdruck. Es ist klar
wie der Tag, daß er sich bemüht, ein
Bündniß mit Frankreich zustande zu
bringen. Wird es ihm gelingen? Ich
glaube nicht. Und doch wäre es das
glücklichste Ergebnis}, das Europa seit
langer Zeit zugute gekommen wäre,
denn die Sache würde die Lösung der
elsaß-lothringischen Frage einschließen.
Damit ist alles gesagt. Unglücklicher
weise scheint mir die Frage unlösbar.
Der Gedanke der Neutoaltsirung der
beiden Provinzen muß ein- für allemal
ausgeschieden werden. Anderseits wird
Frankreich nie seine Ansprüche ausge
ben, und Deutschland ist entschlossen,
sein Einverleibungsrecht aufrechtzuer
halten. Die Dinge bleiben unverän
dert, d. h. im selben Zustande, wie am
Tage nach dem Kriege. Ich brauche
das Wort am Tage nach dem Kriege
sehr mit Absicht, denn das Elsaß ist
heute französischer als je zuvor. Die
Mehrheit der Bevölkerung ist zu Stun
de gegen Deutschland. Freilich was
Europa nicht möglich ist, läßt sich viel­
leicht im Auslande zuwege bringen.
Ich begreift, daß man zu Verstände
gungen gelangt, die gemeinsames Han
deln zur Vettheidigung oder
zum
Schutze gemeinsamer Interessen in As
rika oder Amerika nach sich ziehen.
Wenn es das ist, was der deutsche Kai
ser im Auge hat, das kann er errei
chen. Aber von da die Aufgabe einer
Verständigung auf dem europäischen
Festlande ableiten, new! Die Deut
schen scheinen so fest wie wir an El
saßLothringen zu hangen. So lange
das der Fall sein wird, ist kein Bünd
niß möglich.
Neben die Worte des ehemaligen Mi
nisterpräsidenten hat der „Gaulots"
die Erklärung des Präsidenten der
neubegriindeten Patriotenliga Fery
d'Esclands gestellt. Hören Sie sein
Urtheil:
Ich weiß es wohl, mit einem fran
zösisch russisch deutschen Einverneh
men wären wir die Herren der Welt.
Die Macht Englands wäre mit einem
Schlage gemindert. Unser Interesse
drängt uns dahin. Wäre aber unser
Interesse auch noch mächtiger, wir
würden doch in unserer Vereinzelung
verharren. Man gebe uns Elsaß-Lo
thringen zurück! Man blicke doch aus
Italien, auf Oesterreich. Sie haben
sich gebeugt und sind in den Dreibund
eingetreten, in diesen Dreibund, dessen
Deutschland zur Stunde überdrüssig
ist. Ist das nicht eine Lehre für uns?
Wer sagt uns, daß uns nicht das Glei
che widerfahren würde, falls wir uns
von dem Lächeln berücken ließen und
von'den Lockungen, die man an uns
verschwenden zu wollen scheint.
Wir haben bereits daraus hingewie
sen, daß der Eindruck, den die Depe
(che des deutschen Kaiser in Frankreich
gemacht, gar nicht beabsichtigt war,
daß er nur eine Begleiterscheinung ist.
Erfreulich bleibt es immerhin, daß sie
eine solche 'Seelenforschung gezeitigt
hat wie sie auch schließlich ausfallen
möge, Deutschland wird sich 'dadurch
nicht beirren lassen, auch in Zukunft
Frankreich gegenüber dieselbe correkte
Haltung zu beobachten wie bisher.
6iit Revenbuhler des Diamante«.
Es ist bekannt, wie oft wichtige Ent
deckungen den sonderbarsten Zufällen
ihr 'Däfern verdanken. Das Porzellan,
der Phosphor sind bei alchimistischen
Versuchen erfunden worden. Die un
dankbaren Bemühungen um das Per
petuum mobile haben erhebliche Fort
schritte im Maschinenwesen gezeitigt,
und heutzutage ist es wiederum das
unablässige Bestreben, den Diamanten
auf 'künstlichem Wege herzustellen, was
schon manche wichtige Entdeckungen
als Zufallsgewinn' abgeworfen hat.
Unter diesen aber ist die neueste und
vermutlich wichtigste der sogenannte
„Karborund". ein Körper, 'der gleich
zeitig von 'Schützenberger in Paris und
von Atcheson in Pennsylvania Ent
deckt wurde, in Amerika sofort den An
laß zur Bildung einer großen indu
striellen Gesellschaft gab und auf der
großen Ehicagoer Weltausstellung be
reits als patentirtes Fabrikerzeugniß
dem Publikum vorgelegt wurde.
Was ist nun der Karborund, der
nach den wissenschaftlichen Untersu
chungen der Ehennker mit der Härte
und Unschmekzbarkeit des Diamanten
eine völlige Unverbrennlichkeit und, für
die technische Verwendung 'der Haupt
punkt, eine verhältnismäßig billige
Herstellung verbindet?
Man 'hat zum Zweck der Herstellung
künstlicher Diamanten oft den Versuch
gemacht, eine Masse puwerisirten Koh
lenstaubes 'durch einen starken elektri
schen Strom theilweift zu schmelzen,
um bann aus dem bei diesem Prozeß
fret werdenden Kohlenstoff Diamanten
zu kryftalliftren. Thatsächltch sind bei
«diesen -Versuchen mehrfach kleine dia
Ntantähnliche Krystalle erfunden wor
den, welche man lange für schwarze
Diamanten hielt, obgleich sie einige von
diesen abweichende Eigenschaften tieft
tzen.
Bei der Anwesenheit von Kieselstoff
in der verwendeten Kohlenart entstehen
diese kleinen Körperchen reichlicher, und
bei ungefähr gleichen Mengen von
Kohlen- und Kieftlstoff entstand end
lich 'der merkwürdige Körper, dessen
Härte, Feuerfestigkeit and Unschmelz
barkeit so groß ist, daß man ihn tech
nisch noch über den Diamanten zu stel
len berechtigt ist, der „Karborund".
Seine feinsten, puderartigen Theile
sind hart genug, den Diamanten und
andere Edelsteine zu politen, was bis
her mit dem Staube des Diamanten
selbst geschehen mußte gröberes Pul
ver dient Kum Glasschleifen und Ae
tzen, sowie zum Schmirgeln harter Me
talle kleine, aus dem Katborundpul
ver hergestellte Stein chen, Rädchen oder
Scheiben werden zum Glasschneiden
und zum »Einsetzen in chirurgische In
strumente (zum Beispiel in Zahn
sägen
u. s. w.) gebraucht. Größere Schleif
scheiben oder Räder endlich können,
in schnelle Drehung versetzt, jedes
Glas, Metall oder andere harte Körper
mit. unübertrefflicher Schnelligkeit ab
schleifen, zerschneiden oder poffnen der
härteste Stahl wird von der Karbo
run'dscheibe zerschnitten, iwie Holz von
der 'Säge. Gerade das Schleifen der
Metalle anstatt der langsamen Bear
beitung mittelst stählerner Werkzeuge
gewinnt aber neuerdings so große Be-
deutung, daß idie Karborund Schleif
scheide allein hinreichen würden, der
neuen Entdeckung eine Zukunft zu ver«
schaffen. Eine solche stcht ihr ohnehin
schon offen, da tot billige Karborund
den Diamanten als Arbeitsmittel für
den Gräser, Schleifer. Steinschneider
u. f. w. sicherlich schr bald verdrängen
wird. Die Herstellung ist, wenn sie
im Großen betrieben wird, bereits jetzt
so einfach, »daß sie sich kaum noch ver
vollkommnen lassen wird. Ein etwa
zwei Meter langer Ofen aus ftuer
beständigen 'Steinen wird «der Haupt
fache nach mit ungefähr zwei Centnern
Coaksmehl, .kieselhaltigen Sand und
Seesalz gefüllt und dieses Gemisch
durch einen starken elektrischen Strom
gewaltig erhitzt. Nach siebenstündiger
Gluth findet man fast 25 Prozent der
werbhlofen Rohmaterialien in Karbo
tUnid verwandelt.
«affata
Kassala ist, seit in italienischem Be
sitz, als Festung seht erheblich verstärkt
worden. Das alte ägyptische Fort, das
hart on das rechte Ufer des Gafch stieß,
gab den Sreitern des Mahdi 1885
Wer ein halbes Jahr lang zu thun,
obwohl seine Wälle minder stark wa
ren und mit schlechteren Waffen ver
theidigt werden mußten, als das be
züglich des neuen italienischen Forts
der Fall ist. Es heißt „Baratieri"
früher ein GMcks-, heute ein Unglücks
name! und liegt mit seiner nach
Westen gerichteten Hauptfront etwa
3300 Fuß östlich vom Gasch. südlich
der alten Stadt. Seine größte Breite
beträgt 616, seine Tiefe 328 Fuß. Die
in Ziegelsteinen aufgeführte Umfas
sungsmauer ist 87 Fuß hoch und 3-ls2
Fuß dick, im Innern obendrein noch
durch eine breite gemauerte Bank ver
stärkt. Ein Graben von 10 Fuß Tie
ft, der am Bau-chorizont 16 Fuß breit
ist und durch drei Caponnieren flan
kirt wird, würde allein schon das Werk
sturmfrei machen, wenn nicht vor ihm
Drahtgeflecht und vor diesem wieder
ein Dornenwall (Zeriba) angelegt wä
re. Ausgiebige Brunnen befinden sich
im Fort. Die Bestückung besteht aus
einet 9 Cm.-, zwei 7 Cm.-Kanonen
und Viet Mitrailleusen dazu kommen
noch vier zur Verwendung im offenen
Felde bestimmte Gebirgsgeschütze (7
Ent.) Die ordnungsmäßige Besatzung
zählt 100 Italiener, 1300 reguläre
und etwa 500 irreguläre Eingeborene,
sowie 120 vorzügliche Pferde oder in
taktischen Einheiten: ein Batallion ein
geborener Infanterie, eine eingeborene
Schwadron (bewaffnet mit dem klein
kaübrigen Karabiner), zwei Züge Ge
birgsartillerie und kleine Abtheilun
gen Gestungsartillerie, Genie- and
Verpslegungstruppen. Commandant
ist der Major Hidalgo.
»teilt» aus der Chirurgie.
Auf dem in Berlin abgeholt :nen 17.
Balneologen-Kongreß wurde die Mit
theilung von einen neuen Wundheiwer
fahten gemacht, das der Vorsitzende
Geh.. Räch Liebreich als eine „.schöne
Entdeckung" bezeichnete. Man vir
dankte sie dem Berliner Chirurg:n Dt.
Schleich. Vor den Augen der Ver-
sammlung führte dieser an einer Pa
tientin unter Anwendung seiner Jn
filtrationsmethode eine Operation um
linken Schlüsselbein aus. Um den cht
rurgischen Eingriff schmerzlos zu ma
chen, benutzt Schleich^ eine oiffsrentc
Flüssigkeit, eine Kokainlösung von
1:1000 die er in das UntethiuizeLge
webe einspritzt. Hierdurch werden
an den JnfiltrationSstellen die Nerven
endungm betäubt und Einschnitte von
den Patienten nicht gefühlt. Während
sich der Operateur mhig mit der Kran
ken unterhielt, entfernte er ein Stück
des Schlüsselbeins. Bei dem ganzen
Eingreifen wurde auch nicht der lau
teste Schmerzenslaut hörbar. Die
Unempfindlichkeit hält gut 25 Minu
ten an. An jene Operation „coram:
publico," die keinerlei Gefahren in sich
birgt und in gleicher Weift von
Schleich wie von Hofftneistet-Tübingen
hundertfach ausgeführt ist, knüpfte der
Chirurg die Mittheilung einer neuen,
überraschend einfachen Wundbehand
lung, die das umständliche antisepti
sche Verfahren überflüssig macht. Sie
erfolgt durch Formalin-Gtlatine, Ivel
ches in pulvertsittet Form einfach in
die Wunde eingestreut wird. Durch
die drganische Einwirkung zerfließt die
Gelatine, die lebenden Zellen des Ge
webes machen das Formalin frei, tvel
ches nun einen ausgezeichneten antU
septifchen Einfluß übt. Wunden, die
sonst seht schwer heilen, werden schon
am nächsten Tage eiterfrei und' gelan
gen fchnell zur Heilung. Schleich hat
Hunderte von Quetschungen so bchan
belt, und in keinem Fall ist es zu einer
Eiterung gekommen.
Nach amtlicher Zählung hatte
Melbourne Ende 1895 447,461 Ein
wohner. Seit 1891 hat die Bevölke
rung der Stadt um 43,435 Seelen ab
genommen, ist dagegen seit Ende 1894
um 8506 gewachsen. Die Gesammt
bevNkertmg der 'sieben australischen
Kolonien wird auf 4,328,000 geschützt.
Seit 1891 ist sie um 11,25 Ct. gewach
sen.

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