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Der fortschritt. [volume] (New Ulm, Minn.) 1891-1915, May 07, 1896, Image 7

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I
daffelhe ansehe, kedse hinzu, dl
ItrlmtnaUlioman von fricOrtcb falt.
(Fortsetzung.)
„Mein Wort darauf, höchstens tn
einer kleinen halben Stunde folge ich,"
versicherte v. Yoskor, während Albrecht
den Wagen bestieg, der sofort vom
Gutshofe nach H. fuhr, wo er dem
dortigen Krüger Briefe zur Besorgung
an Herrn v. Falk übergab.
Der Maler begab sich nach dem Ge
richtsgebäude.
Mit einem freudigen „Guten Mor
gen, lieber Herr Neitsch!" trat der
Maler dort in das Amtszimmer des
Patrimonial-Gerichts.
Der Angeredete sprang auf, er sah
überrascht zu Herrn Albrecht hin. als
dieser fragte:
„Ist der Herr Rath zu sprechen?
„Nein, vor 2 Uhr nicht, der Rath
hat Termin in Miickow abzuhalten."
„Herr von Yoskor ist soeben in die
Stadt gekommen und in „Stadt Pe
tersburg" abgestiegen ich möchte mit
dem Herrn in Ihrer Gegenwart tute
kleine Unterhaltung pflegen, die Sie
gütigst Protokolliren werden.
„Es handelt sich jetzt darum." fuhr
Albrecht fort. ..denselben, ohne das ge
ringste Aufsehen zu machen, hierher zu
bekommen haben Sie nicht einen Vor
wand, denselben einladen zu lassen,
sich sofort einzufinden?"
„Ich denke, ja." gab der Aktuar zu
rück, „ich werde ihm eine Vorladung
in aller Form zugehen lassen, in wel
cher ich ihm mittheile, daß die Untersu
chung. den Tod des Barons von der
Brücken betreffend, als geschlossen an
zusehen sei. und er möge sofort hierher
kommen, um das Kästchen mit den
Pistolen in Empfang zu nehmen."
„Darf ich Sie bitten." sagte Herr
Albrecht, „mir das Pistol zu zeigen,
neben der Leiche des Barons
welches neben der Ketcye ves *aron» ^em, „icht ausgerenktem Arm ist
gesund«, routbt, und wahrmd ,ch
Bald darauf erschien der Bäumet
ster. Der Maler entfernte sich, indem
er zu dem Aktuar sagte:
„Wenn der Baumeister eingetreten
ist, komme ich auch bald hinein ersu
chen Sie mich, hierher hinter die Bar
riere zu kommen, wenn ich es nicht
schon, ohne Ihre Aufforderung abzu
warten, thun sollte, während Sie von
Yoskor außerhalb derselben, sowie er
eintritt, seinen Platz anweisen. Neh
men Sie die Untersuchungsakten zur
Hand, und wenn ich an v. Yoskor viel
leicht eine Frage stelle, die er mir falsch
oder gar nicht beantworten sollte, so
werden Sie mir die gewünschte Aus
kunft geben, natürlich nicht amtlich,
sondern aus Gefälligkeit, um meine
Neugierde zu befriedigen. Dies ist Jh
re Thätigkeit bis zu dem Augenblick,
wo ich offiziell einschreiten werde."
„Ah, ich danke Ihnen. Herr v. Yos
kor. daß Sie sich freundlichst eingefun
den haben," sagte Neitsch. zu der Thür
der Barriere schreitend und sich auf
dieselbe lehnend und damit den Durch
gang sperrend, „darf ich Sie bitten,
Herr von Yoskor, dort auf dem Sessel
Platz zu nehmen."
„Eilen Sie nur," gab Herr v. Yos
kor gereizt zurück, „machen Sie nur
schnell, daß ich hier wieder fortkomme,"
setzte er hinzu, sich in den Sessel wer
fend.
Der Maler trat ein. „Wie kommen
Sie denn hierher?" fragte von Yoskor
erstaunt, „was wollen Sie hier?"
fragte er hastig.
„Ist das so erstaunlich?" erwiderte
der Gefragte, Yoskor zunickend, wäh
rend er durch die Barriere und zu dem
Aktuar ging, demselben die Hand rei
chend.
„Guten Tag, Herr Neitsch, Sie
verzeihen, wenn ich störe, ich war im
Hotel, hörte, Herr von Yoskor wäre
zu Ihnen gerufen worden, da bin ich
auch hierher gegangen, ich wußte nicht,
was ich sonst beginnen sollte."
Der Aktuar sah etwas besorgt auf,
der Herr hatte sehr animirt gesprochen,
als fei er leicht angerauscht, auch fein
Übrigens Benehmen ließ einen solchen
Verdacht aufkommen et hatte feinen
Hut und Ueberzieher auf einen Stuhl
geworfen und einen anderen sehr ge
räuschvoll an den Tisch, auf dem das
Pistol lag, neben Neitfch's Pult ge
stellt. „Famose Waffe, hübsche Ar
beit," sagte der Maler, sich niederlas
send, das Pistol in die Hand nehmend,
den Hahn bald spannend, bald wieder
in Ruhe setzend, immer dasselbe von
allen Seiten betrachtend. „Ah, jetzt
verstehe ich, ist das das Pistol?"—
fragte er bedeutungsvoll, sich zu von
Yoskor wendend. Der Baumeister nick
te bestätigend, den Maler finster, fast
drohend anblickend.
„Sagen Sie, Aktuar, wie hat der
@|Qnb(| w,
I
A
«Schuß gesessen, in interessire mich für
•solche Fälle außerordentlich."
Der Aktuar blätterte in seinen Ak
ten. dann las er: „Die Kugel ist über
dem linken Ohr eingedrungen."
„Ueber dem linken Ohr?" unter
brach der Maler.
„Ja, der Baron schoß links." erläu
terte der Aktuar.
„Bitte, lesen Sie weiter," sagte der
Maler.
„Und am rechten Schläsbein neben
der Augenhöhle herausgetreten," las
der Aktuar.
„So da und da —,"
machte der Maler, die bezeichneten
Stelen an seinem Kopf berührend, zu
dem Aktuar gewendet.
„3a." sagte Neitsch. sein Auge prü
fend auf dem Frager ruhen lassend,
dessen Zunge etwas schwer zu sein
schien.
„Also hier und da," fragte der
Maler, nochmals die Stelle andeutend,
Yoskor ansehend.
„Ja! Ich ersuche Sie, dies Ge
sprach zu lassen," gab dieser im Zorne
zurück.
Der Maler sah ernst sinnend das
den Tisch und trat dicht neben Neitsch.
„War der Baron ein Krüppel, ich
meine, war des Barons linker Arm ab
norm gebildet, die Kugel des Arms
vielleicht oben aus dem Gelenk?" frag
te er in kindlich neugierigem Tone, ge
spannt den Aktuar anblickend.
Dieser schüttelte verneinend mit
dem Kopf.
„Dann. Herr Aktuar, hat sich Ba
TON
von der Brücken nicht selbst erschos
sen, dann ist derselbe durch die Hand
eines Meuchelmörders gefallen," sagte
Albrecht feierlich „kein Mensch mit
Uiwdung eines Pi-
Mn
ihm von JtatM19«* fei hie-, sich über dem Ohr anzusetzen
"".sew in eine solche Richtung j, b.in
Schriftstück durch, und Sie werden
bann gewiß überzeugt sein, daß ich zu
einem solchen Vorgehen amtlich berech
tigt bin."
soicht» Länge wie die-
gen, daß die Kugel bei dem Schläfen
Bein, neben der Augenhöhle heraustre
ten muß. Offen gestanden, Herr
Aktuar, kann ich nicht daran glauben,
daß die Kugel so den Kopf des Barons
durchbohrt hat, wie dies vorhin ange
geben, denn sonst hätte der Kriesphy
sikus gewiß Jein Bedenken der Behaup
tung gegenüber, daß der Baron sich
'selbst erschossen habe, aussprechen
müssen es muß hier ein Jrrthum ob
walten, vielleicht durch einen nicht
ganz präzisen Ausdruck im Pro
tokoll herbeigeführt, ich muß mich
selbst davon überzeugen," setzte er hin
zu, wieder seinen Platz am Tische und
das Aktenstück nehmend, in welchem er
sehr eifrig zu lesen anfing.
Herr von Yoskor wandte sich hier
auf der Thür zu, aber et hatte nur
einen Schritt gemacht, da tönte ihm ein
„Halt!" nach, das nicht überlaut, aber
mit so zwingendem Ernste gesprochen
war, daß er wie gebannt stehen blieb
und sich wieder dem Zimmer zukehrte
dort stand der Maler aufgerichtet, und
das Auge desselben traf ihn so, daß er
das seine wie im tiefen Unrecht zu Bo
den senkte.
„Ich bin der Kriminal-Kommissar
von Schleiden," sagte er, „im Namen
des Gesetzes verbiete ich Ihnen, Herr
von Yoskor, dieses Zimmer zu ver
lassen." I
Und der Kommissar hätte nicht die
se Worte auszusprechen brauchen, Yos
kor hätte, wenn er es auch gewollt,
nicht das Zimmer verlassen können,
denn verwirrt, vollständig niederge
drückt durch das, was er in seiner
Brust an Bösem verborgen, von dem
Erkennen, daß der Rächer sich ihm ge
nahet, schon gepackt, stand er da, un
fähig auch nur eine Bewegung zu ma
chen. Der Kriminalebamte sah, wie
es mit dem Manne dort stand, wie es
in ihm tobte, wie dieser, wenn er jetzt
Fragen an ihn richten würde, dieselben
doch nicht oder ungenügend beantwor
ten könne, et mußte ihm Zeit geben,
daß et mit sich einig werden, so weit
zur Ruhe kommen konnte, um sein Be
wußtfein, sein klares Denken wieder
zu haben.
„Darf ich Sie bitten, Herr Neitsch,"
sagte der Kommissar, „mit die Akten,
die über die mysteriösen Brände betich
ten, vorzulegen."
Und während der Aktuar vier Ak
tenstücke, das eine immer voluminöser
wie das andere, herbeiholte, sah der
Kommissar die Akten, die über den
Mord des Barons sprachen, weiter
durch, oft flüchtig die Seiten mit ge
übtem Blick überfliegend, dann wieder
Wort für Wort prüfend dann nahm
der Kraminalbeamte die Akten, die
über die Brände sprachen, er suchte
hier wohl nur bestimmte Stellen, die
ihm wichtig schienen, bald hatte et
auch diese Arbeit beendet.
„Herr Neitsch," sprach hierauf der
Kommissar, „darf ich Sie bitten, das
Protokoll zu führen.
„WaS können Sie mir über den
Tod des Barons sagen. Herr von YoS*
kor?" fragte er dann.
„Wie dies auch in den Akten stehen
muß. die Sie durchzusehen sich eben die
Mühe gemacht haben," sagte YoSkor
scharf, „habe ich auf dem GutShofe ge
standen, als der Baron im Park" er
stockte einen Augenblick, er war doch
um den Ausdruck in Verlegenheit, den
er wählen sollte „sich erschossen
hat." setzte er dann entschlossen hinzu.
„Und alS Sie den Schuß hörten, da
eilten Sie gleich in den Park und da
fanden Sie den Baron bei der Ruine
liegen?"
„Der Arbeiter Kahle, der mit mtr
in den Park geeilt war, bemerkte zuerst
den Baron auf dem Rasen liegen und
machte mich aufmerksam," gab v. YoS
kor korrigirend zurück.
Der Kommissar nickte bestätigend.
„Wie lange haben Sie den Baron
von der Brücken gekannt?" frug der
Kommissar.
„Etwa sechs Jahre."
„Sie waren mit dem Herrn ver
wandt?"
„Ja. durch die Frau Baronin, meine
Cousine."
„Sie. haben unzweifelhaft den Ba
ton in dieser Zeit genau kenen gelerent
wollen Sie mir von seinem Charak
tec ein getreues Bild entwerfen?"
„Ein Ehrenmann
„Ruhig, besonnen, klarer Ver
stand?" fragte der Kommissar.
„Bestimmt." bestätigte v. Yoskor.
„Nicht unüberlegt heftig, daß man
annehmen könnte, er hätte sich durch
ausgestoßen« Beleidigungen Feinde ge
macht?"
„Nein." gab von Yoskor zurück,
„heftig gewiß nicht, vielleicht zu ruhig,
zu nachlässig," setzte er hinzu, und es
war dem Kommissar, als wenn ein
verschmitztes Lächeln über das Gesicht
des Baumeisters huschte.
„Als der Brand das Gut in Asche
legte." sagte der Kommissar, „da
„Befand ich mich in Paris," unter
brach der Baumeister.
Der Kommissar nickte. „Das meine
ich nicht." sagte er sehr ruhig, „sondern
daß der Baron an jenem Abend und
bis das Feuer ausbrach in seinem
Zimmer mit seiner Gattin, den Herrn
von Persdors, von Falk und noch meh
reren anderen Gästen bei einem Rub
bet Whist saß und die Gesellschaft
auch nicht einen Augenblick verlassen
hat," der Kommissar schwieg, et sah
fragend Herrn v. Yoskor an.
„Ich habe auch so gehört bei meiner
Hierkunft," sagte dieser.
„Als dann wieder die Gebäude nie
derbrannten, da waren Sie, Herr
von Yoskor, mit dem Baron den gan
zen Tag in K., wo Pferdemarkt war."
„Ja, ich war mit dem Baron inK.,
auch der Krugwirth in Steinhagen,
derselbe hat mit uns die Reise zusam
men gemacht."
„Und wie im vorigen Herbst dann
wieder das Feuer die Wirthschastsge
bäude zerstörte, da war der Baron
schon seit acht Tagen zur Hochzeitssei
et einer Nichte verreist, dorthin wurde
ihm die Nachricht per Estafette ge
sandt."
„Jawohl, ich erinnere mich dessen
ganz genau," gab Herr von Yoskor zur
Antwort.
„Auch Sie waren in jener Nacht
vom Gute abwesend, Sie waren in
St. und kamen erst dann in Marien
thal an, als das Feuer schon die gan
zen Gebäude überfluthet hatte
,Jch bemerkte das Feuer, als ich
etwa eine halbe Stunde von St. ent
fernt war."
Der Kommissar nahm hierauf ein
Aktenstück, einen anonymen Drohbrief
an den verstorbenen Baron et trat an
die Barriere: „Die Schrift ist unzwei
felhaft von einer Frauenhand herrüh
rend," sagte der Kriminalbeamte, „es
sind orthographische Fehlet eigenthllm
licher Art darin, die fast zu dem
Schluß berechtigen, daß die Schreibe
rin eine Ausländerin und nicht ganz
der deutschen Sprache mächtig sei. Sie
haben den Brief nach dieser Seite, hin
prüfend gewiß nicht so angesehen,
darf ich Sie bitten, dies zu thun. Ha
ben Sie eine Ahnung, wer den Brief
geschrieben und an den Baron gesandt
haben kann?"
„Nein," war die entschiedene hastig
gegebene Antwort.
„Als Sie auf dem Gutshofe dem
Arbeiter Kahle Holz anwiesen und der
Schuß fiel, da ahnten Sie. daß etwas
Außergewöhnliches passitt fei, denn
Sie sagten zu dem Arbeitet: „Da ist
ein Unglück geschehen, kommt Kahle!"
ist dies so richtig?"
„3a!"
„Wie kam Ihnen denn dieser Ge
danke?"
Von Yoskor wurde verlegen, er be
sann sich nach einet Antwort.
„Ich vermag dies nicht so genau an
zugeben," sagte er endlich, „es war wie
eine Ahnung, die mir in dem Augen
blick kam."
„Dachten Sie daran, daß sich der
Baron erschossen habe?"
„Nein."
„Und als Sie dann im Park den
Baron auf dem Rasen erschossen san
den, sahen Sie sich denn da nicht nach
dem Mörder um?"
„Nein, ich habe garnicht daran ge
dacht."
„Sie nahmen an. daß der Baron sich
selbst erschossen habe?"
„3a gewiß. Ich wurde zu der An.
nähme, daß' der Baron sich selbst er
schössen habe, auch noch dadurch ge
bracht, daß ich im Park Niemand be
merkte." sagte von Yoskor.
„ES ist eigenthümlich, daß Sie des«
halb, weil Sie Niemand, im Park
sahen, nicht an ein Verbrechen denken
konnten, und doch mußten Sie sich
sagen, daß der Schreiber des Droh
briefeS sich wohl im Park versteckt ha
ben konnte, denn er hatte ja den Ba
ton zu einer Unterredung dahin be
stellt, und haben Sie nicht nach dem
kleinen Mädchen in der Umgebung des
Gutes sofort suchen fassejt, das dem
Baron den Drohbrief gebracht hat?"
„Nein, ich bedaure es heute, daß ich
e8 nicht gethan habe, aber in der Auf
regung. unter dem Einfluß des
Schrecks den ich" von Yoskor
schwieg, er nahm eine Miene an, als
käme es jetzt noch wie Schmerz über
ihn.
„Sie sind mit der Frau Baronin
verwandt, sie führt denselben Fami
liennamen, dasselbe Wappen wie Sie?"
fragte der Kommissar nach tütet Pau
se.
„Sie ist meine Kousine." gab von
Yoskor zur Antwort.
Der Kriminalbeamte schüttelte wie
mißbilligend erstaunt den Kopf.
„Die Dame beschwert sich, daß Sie.
Herr von Yoskor. ihr gehörige Bril
lanten verkauft hätten, in deren Be
sitz Sie sich ohne Wissen der Baronin
gebracht haben sollen."
Yoskor schien zu erstarren, denn in
ruhigem Tone fuhr der Beamte fort,
ein Etui aus rothem Maroquin aus
der Tasche seines Ueberziehers nehmend
und dasselbe aufschlagend, so daß der
darin befindliche Brillantschmquck im
Sonnenlicht spielte: „Dies Collier und
diese Ohrgehänge habe ich in der Re
sidenz mit Beschlag belegen und nach
hier schicken lassen, um es zur Rekog
nition der Baronin vorlegen zu kön
nen. Sie hatten den Schmuck an
Ephraim verkauft, der ihn schon wieder
verhandelt hatte, er ist noch nicht voll
ständig, aber ich hoffe, die anderen
Steine, die zu dem Familienschmuck
der Familie von der Brücken gehören,
auch noch herbeizuschaffen. Und Sie
geben zu, daß das Ihnen hier vorgeleg
te kostbare Geschmeide das ist, welches
Sie an Ephraim verkauft und der
Baronin
„3st diesem Satan vom Weibe das
Gehirn in der Hölle ausgebrannt," un
terbracht ihn von Yoskor in unbän
digster Wuth „ist dieser Teufel
wahnwitzig geworden, daß sie es wagen
konnte, eine solche Anklage gegen mich
vorzubringen? Herr, der Schmuck ge
hört meiner Cousine, und ich habe mir
denselben genommen, ob mit oder ohne
ihren Willen, so ist dies meine Sache,
die ich mit ihr ausmachen werde und
in die sich Niemand zu mischen hat.
„Ich habe mir denselben genom
men," fuhr von Yoskor fort, „um mich
für eine Privatfordetung, die ich an
meine hochverehrte Cousine hatte, be
zahlt zu machen und welche ich sonst
zu verlieren fürchtete ich werde ihr
dies in Ihrer Gegenwart sagen, sie
wird dies zugestehen müssen. Wann,
und wie haben Sie überhaupt Kennt
niß bekommen, da Sie nie die Baro
nin gesehen haben?" setzte von Yos
kor, wenn auch etwas milder, aber im
met noch sehr heftig hinzu.
„Zunächst habe ich Sie zu fragen,
und nicht Sie mich," erwiderte der
Kriminalkommissar, „wollen Sie hier
von Notiz nehmen dann, Herr von
Yoskor, haben Sie nicht, um sich für
eine Forderung bezahlt zu machen, die
Sie an die Baronin haben wollen, an
deren Privateigentum sich schadlos
gehalten, sondern Sie haben sich an
dem Familienschmuck der Familie von
der Brücken vergriffen. Der Schmuck
soll nach den bestehnden Bestimmun
gen stets in Händen einer Geborenen
von der- Brücken bleiben dies düfcftc,
Ihnen nicht unbekannt fein. Aber
ich will jetzt diese Sache ruhen lassen
Sie sollen sich in meinet Gegenwart
mit der Baronin aussprechen. Sie
hätten im Park Niemand bemerkt,"
fuhr der Kommissar nach einer Pause
fort, „und doch ist Jemand fünf Mi
nuten nachdem der Schuß gefallen war,
beobachtet worden, der aus dem Park
kam, eilig, bleich, erschreckend bleich,
Yoskor, er mußte im Park sehr Böses
gesehen haben, es war dies der Tischler
Voigt, er ist Ihnen doch bekannt?"
Yoskor antwortete nicht, er fühlte,
daß sich ein neuer Schlag vorbereitete,
et suchte augenscheinlich Zeit zu gewin
nen, um eine Antwort zu erfinden, wie
et denselben erfolgreich von sich abwen
den könne.
„Sie haben an Voigt nach Bremen
500 Thaler gesandt, wollen Sie mir
sagen, zu welchem Zweckv"
„Es war im Austrage der Baronin,"
gab Yoskor schnell zur Antwort.
„Und was veranlaßt? die Dame
dazu, an den Tischlergesellen 500 Tha
ler zu senden"?
„Ich glaube, es ist ein Darlehen,
welches der Baron dem Voigt früher
versprochen hatte, und die Baronin
wollte das gegebene Versprechen ihres
Gatten ehren."
„Also weiter wissen Sie nichts, nun
vielleicht besinnen Sie sich darauf,
wenn ich Ihnen Voigt gegenüber stet
len werde?
Sie konnten bei Ihrer Vernehmung
nicht sagen, weshalb das sonst so
fromme Pferd deS BaronS gescheut
habe, ich will Ihnen den Grund ange
ben," fuhr der Kommissar fort, ein
Kartenblatt auS der Brieftasche neh
mend, „sehen Sie, Herr von ÄoSkor,
diese Nadel ist in der Weiche deS
„Hektar" gefunden worden, also jeden
falls da hineingestocken worden, alS
daS Pferd bäumte. Sie bedauern heu
te. daß Sie nicht das Mädchen suchen
ließen. Sie haben damit ein großes Un
recht begangen und mir viele Mühe
gemacht mir ist es aber doch gelun
gen, ich habe das Kind bei Jhten Ver
wandten gefunden."
Wenn die Erde sich vor Yoslor ge
öffnet hätte, und alle Geister der Un
terwelt wären emporgestiegen, Yoskor'»
Gesicht hätte nicht ein gräßlicheres Er
schrecken zeigen können, als es sich bei
den einfachen Worten des Kommissars
„bei 3h"tt Verwandten" ausdrückte.
Die Thür hatte sich geräuschlos ge
öffnet, ein Mädchen in der Tracht der
Landkinder war in das Zimmer getre
ten, an der Thür stehen bleibend, die
sich wieder lautlos geschlossen hatte.
.,3a. bei Ihren Verwandten habe ich
das Kind gefunden," wederholte der
Krminalbamte. „sehen Sie sich um,
nach der Thür, das ist die Kleine, ich
irre doch nicht?" fügte der Kommissar
im ruhigsten Tone hinzu.
Yoskor wandte sich um, als suche er
einen Halt, in der nächsten Sekunde
stürzte ihm ein Blutstrom aus dem
Munde.
Der letzte Schlag hatte ihn zu uner
wartet, zu mächtig getroffen, es war
instinktiv über ihn gekommen, daß er
entlarvt, unrettbar verloren, daß der
an dem Barou. begangene Mord in
allen seinen Einzelheiten entdeckt, daß
an ein Entrinnen aus den Händen des
Gesetzes nicht zu denken, ein Flucht
versuch jetzt noch absolut unmöglich
sei.
Und dies Erkennen, welches mit
Blitzesschnelle über ihn gekommen, und
die vorhergegangenen Erregungen hier
im Gerichtszimmer, der unmäßig ge
nossene Wein, hatten die Katastrophe
herbeigeführt.
Der Kommissar war „Rolfs" tu
fend, zu Yoskor geeilt er hatte ihn in
einen, ihm zugeschobenen Sessel nieder
gedrückt, er hatte dies so leicht, so ent
schieden gethan, daß von Yoskor wil
lenlos gefolgt war.
Der Seemann und zwei Gerichts
diener waren ins Zimmer getreten.
„Eilen Sie zu einem Arzt," sagte
der Kommissar zu einem Gerichtsdie
net, dem Herrn von Yoskor die Hals
binde öffnend und die Weste aufrei
ßend, „und besorgen Sie Wasser," rief
er dem anderen Diener zu. „Herr
Neitsch, darf ich Sie bitten, die Klei
ne bei dem Gefangenwärter unterzu
bringen."
Die Befehle waren schnell, bestimmt,
aber ruhig gegeben, und deshalb wur
den sie auch verstanden und ausge
führt, im Augenblicke hatten die Be
auftragt«! das Zimmer verlassen.
Der Untersuchungsrichter trat bald
daraus ins Zimmer er blieb erstaunt
stehen, als er den Maler und einen
Unbekannten um den mit Blut über»
strömten von Yoskor beschäftigt er
blickte.
„Was tst geschehen? Was geht hier
vor?" fragte er heftig.
„Herr Rath, darf ich Sie um eine
Unterredung bitten." antwortete der
Kommissar und ging ohne eine Ant
wort abzuwarten, von dem Rathe ge
folgt, nach dem nächsten Zimmer. „3ch
bin Kommissar von Schleiden und
nach hier beordert, um die Thäter der
in Marienthal beaangenen Verbrechen
zu ermitteln, hier meine Legimation.
Der Kommissar reichte seine Karte,
die der Rath kaum ansah und dann
zurückgebend bemerkte:
„Also doch, ich habe mich nicht ge
irrt, ich ahnte es. als ich Sie hier
scheinbar harmlos herumgehen sah,
und Sie überall und nirgends zu tref
fen waren, und wie weit sind Sie in
der Sache gekommen?"
Der Kommissar theilte dem Rtchter
nun die schwerwiegenden Verdachts
momente mit, die von Yoskor, aber
mehr noch die Baronin belasteten.
„Sie würden mir, Herr Kommissar,
eine große Gefälligkeit erweisen,"
sagte der Richter, „wenn Sie nach dem
Gute der Baronin hinausführen und
mit der Dame das Verhör beginnen
wollten, ich werde hier bleiben, zunächst
für die Unterbringung des von Yoskor
sorgen und gleichzeitig abwarten, ob
nicht ein Verhör möglich, vom Arzt
vielleicht gestattet wird."
„Bin ganz zu 3hren Diensten." et
widerte der Kommissar, „aber ich muß
bitten, mir Herrn Neitsch und mehrere
Gerichtsdiener mitzugeben, die Ver
Hältnisse sind dort so eigentümlicher
das Gut umstellen lassen muß, damit
ich sicher bin, daß mir der Fuchs nicht
Art, daß ich in einem großen Kreise
aus dem Bau kann."
„Arrangiren Sie diese Angelegen
heit mit dem Aktuar, ich gebe zu Allem
meine Einwilligung, wenn wir nur die
Schuldigen fassen, ich werde Ihnen
Neitsch hierher schicken."
Der kleine Aktuar kam nach einer
Weile.
„Ist'Yoskor schon irgendwo unterge­
bracht, der Doktor schon gekommen?"
„Ja, von YoSkor ist in einem Zim
mer bei dem Gefangenwärter und auf
Anordnung des KreiSphyfikuS ins Bett
gebracht."
„Sie werden einen Schlüsselbund
in irgend einer Tasche seiner Kleidung
finden."
..Habe ich schon mit den übrigen
Sachen an mich genommen."
„Gut, ich brauche die Schlüssel, ich
werde dieselben mit nach Marienthal
hinauSnehmen Sie sind so freundlich
und kommen ebenfalls nach dort und
bringen einige Gerichtsdiener mit und
dann sprechen Sie mit meinem guten
Rolfs, er hat die genauen Instruktiv
nen, Sie fahren so bald als möglich,
in folge in etwa einer Stunde."
Der Wagen fuhr auf dem Gutshofe
in Marienthal die Rampe zum Herren
hause hinauf. ES währte lange, ehe
geöffnet wurde, und ein Diener er
schien der. langsam, träge, und wie
über die Frechheit, daß er in seiner
Ruhe gestört, und daß der Einlaß
Begehrende „der Maler." sei. diesen erst
einige Sekunden anglotzte und dann
brüsk herausfuhr:
„Was wollen Sie? Wissen Ste
nicht, daß
Weiter kam der Mann ntcht, der
Kommissar stand schon in der Halle.
„Rufen Sie die Kammerfrau der
Baronin," unterbrach er befehlend,
„haben Sie mich verstanden, Vereh
rungswürdigster?"
Der Kommissar hatte sehr laut, hes
tig gesprochen oben an der Treppe
erschien eine Zofe, er eilte hinauf.
Die Zofe führte den Kommissar
durch eine Reihe von Zimmern, überall
der ausgesuchteste Luxus. „Die Frau
Baronin lassen bitten, sie hier zu er
warten," sagte die Dienerin, eine Thür
öffnend und dem Kommissar eintreten
lassend die Thür hatte sich geschlossen.
Kurze Zeit darauf trat die Baconin
in das Zimmer eine hohe, schön ge
baute Frau, eine wahrhaft fürstliche
Erscheinung: die weichen, symmetri
schen Formen unter dem enganschlie
ßenden schwarzen Sammetkleide ver
riethen bei jeder Bewegung große Ela
stizität. Langsam kam sie auf den Kri
minalbeamten zu. Aus dem jetzt biet
chen Gesicht, welchem der gebräunte
Teint ein ungemein warmes Kolorit
verlieh, blickten demselben die dunklen
Augen unter den schön gewölbten
Brauen unheimlich forschend entgegen,
während der Mund wie durch einen,
in
neren Kampf fest geschlossen war.
„Meine Dienerin sagte mir, Sie
kämen im Auftrage des Herrn von
Yoskor, was ist es?" fragte die Baro
nin.
„Herr von Yoskor ist in H. plötzlich
von einem heftigen Blutsturz befallen
worden," gab der Komissar langsam
zur Antwort er schwieg, er hatte
scheinbar Nichts dem hinzuzufügen.
„Und Sie kommen' nur. mir dies
mitzutheilen?"
„Ja, ich hielt es für meine Pflicht,
Frau Baronin," war die gemessene
Antwort, „ich meine, es wäre auch für
den Augenblick genug," setzte der Kom
missar hinzu.
„Yoskor wird vermutlich unmäßig
getrunken haben, wie er es jetzt zu lie
ben scheint," entgegnete die Baronin
gleichgiltig, und ihr Auge richtete sich
durchbohrend, vorwurfsvoll auf den
Maler, als gelte auch ihm dieser Vor
Wurf. „Weiter haben Sie mir nichts
mitzutheilen?" setzte die Baronin hin
zu, und als der Beamte schwieg, färbte
eine leichte Zornesröthe ihre Wangen.
„Pardon! Frau Baronin," erwiderte
der Kommissar, „dann haben Sie nicht
Zeilen, die sich auf der Karte befanden,
gelesen. 5*arf ich Sie bitten, Frau
Baronin, Platz zu nehmen, es dürste
meine Mittheilung noch länger wäh
ren, als Sie voraussetzen, und leidend,
rote Sie sind, könnte eine solche An
strengung Ihnen nachtheilig sein."
„Aber mein Herr," unterbrach die
Baronin, und die Stimme zitterte vor
Zorn, „wollen Sie mir endlich genau
mittheilen, was Sie zu mir führt?"
„Was den Kriminalbeamten über
Haupt nur in ein ihm fremdes Haus
führt das Verbrechen," erwiderte
dieser, die Baronin zwar plötzlich, aber
so ruhig anblickend, als hätte er von
der gleichgiltigsten Sache »gesprochen.
Die Baronin war zusammengezuckt,
sie war todtenbleich geworden, der tief
athmende Busen ließ die Erregung, die
Angst, die plötzlich über sie gekommen,
erkennen.
Der Kriminal-Kommissar schien es
nicht zu sehen, denn ruhig, fast nach
lässig fuhr er fort: „Ihnen sind in
diesem Winter Brillanten im Werths
von 25,000 Thaler gestohlen worden,'
Sie haben den Diebstahl nicht zur
Anzeige gebracht, Ihnen sind nun kürz
lich 80,000 Thaler mittelst Einbruch
gestohlen worden, Sie haben auch hier
geschwiegen. Es wäre Ihnen leicht ge*
Wesen, den Schmuck, das Geld wieder
zu bekommen, da Sie den Dieb kennen,
Sie wollen aber lieber den Verlust
tragen, als eine solche Sache auf ge
richtlichem Wege austragen zu lassen,
auf solche Weise wäre der Name, den
Sie einst führten, mit dem Zuchthaufe
in Verbindung gebracht worden."
„Wer giebt Ihnen das Recht, mein
Herr, sich in meine Privatangelegen
heiten zu mischen?" fragte die Baronin
hochntüthig, den Beamten mit bösem
Blicke von oben bis unten messend.
(Fortsetzung folgt.)

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