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Der fortschritt. [volume] (New Ulm, Minn.) 1891-1915, June 11, 1896, Image 6

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Sie antwortete nicht darauf, und
auch der Senator schwieg, es war je
doch auf Beider Gesichtern unschwer zu
lesen, ihr einziger Sohn hätte nicht
nöthig gehabt, am Wochentag wie am
Feiertag von Haus zu Haus zu gehen,
um Klagen anzuhören und Rezepte zu
verschreiben.
Eine Verlegenheitspause war einge
treten, wie dies leicht geschieht, wenn
unversehens ein wunder Punkt berührt
worden ist. Fritz Herrich fand es
schicklich, sich jetzt ebenfalls zu empfeh
len, hauptfächlich in der Absicht, den
Fremden zu veranlassen, ein Gleiches
zu thun.
„Sehen wir uns vielleicht heute
Abend? wandte sich Letzterer, während
er mit Herrich den breiten Flur ent
lang zur Hausthür schritt, an diesen.
„Ich habe eine Einladung zu Herrn
Rosen."
„Nein, da werden Sie sich wohl mit
der Gesellschaft Jh? Wirthe Schelsen
müssen," sagte statt des Rechtsanwalts
Doktor Lamprecht, der ihnen folgte,
„Rofens haben feinen Verkehr."
Das enttäuschte, langgezogene
„Oh!", welches Wilson hören ließ,
klang so drollig, daß feine drei Beglei
ter in ein luftiges Gelächter ausbra
chen er befaß Humor genug, kräftig
darin einzustimmen, verabschiedete sich
aber dann ziemlich schnell von den An
deren.
1
Der Senator ponCiibccf
«»ma« to« ?. «mefettt
(Fortsetzung.) die schneebedeckten Bäume, die im
Ihre Frau Mutter hat gewiß noch Winterschlaf liegende Gärten und die
viele Verwandte in England?
„fcoch nicht wenigstens haben wir
nie etwas von solchen gehört."
„Und sie ist
.Mir scheint. eS dürfte hohe Zeit
sein, zu dm Damen zurückzukehren." eigentlich von dem Amerikaner?"
unterbrach hier Fritz Herrich das Ge- „Em etwas formloser Gesell aber,
spräch. indem er seine Cigarre in den sonst gar nicht ubel." bemerkte John
Aschenbecher warf und sich aus seiner gutmüthig.
bequemen Lage im Schaukelstuhl er-, Fritz Herttch ließ einen scharf durch
hob die Zähne gezogenen Laut hören.
„Du hast recht," stimmte ihm Otto „Bitte, lieber Fritz, willst Du dieses
bei. „die Eltern werden jetzt auch schon Urtheil nicht näher begründen?"
wieder zum Vorschein gekommen sein/scherzte Otto.
Wenn es den Herren gefällig wäre?" „Wenn es fem muß, warum ntcht.
Eingedenk seiner Pflichten als Wirth erwiderte der Rechtsanwalt. Einen
machte er eine einladende Handbewe-, Augenblick stehen bleibend, wie um
gung und führte seine Gäste nach dem feinen Worten einen besonderen Nach
Gesellschaftszimmer zurück, wo sie von, druck zu geben, sagte er bann: „Ich
Olivia mit einigen Stichelreden Uber halte diesen Mr. Wilson flle einen
ihr langes Ausbleiben empfangen wur- ganz geriebenen Burschen
v.- w:„ rcxrtft* mk#6 mit her trotte* Ab!" riefen feine Seal
den, die Cäcilie indeß mit der trocke
nxn Bemerkung abschnitt:
„Nehmt nur nicht Alles für baare
Münze, sie hat die Zeit zu einem recht zu viel Ehre an."
süßen Schläfchen angewendet."
Während man noch darüber lachte dem sagte, zu Langenbruch gewandt
und scherzte, kehrte die Frau Senator „Nehmen Sie es mir nicht übel, Lan
mit schlasgerötheten Wangen, aber in genbruch, aber ich habe mich heute ge
untadeligem Anzüge zurück. Ihr Gat- wundert, daß Sie ihm so bereitwillig
tc fand sich ebenfalls wieder ein, und
nun wurde der Kaffee mit reichlicher reine Verhör, das er mit Ihnen an
Zugabe von Festgebäck fervirt, denn es
herrschte im Hause noch die Sitte,
ihn nicht unmittelbar nach dem Mit
tagessen zu trinken, sondern eine Art
Zwischenmahlzeit daraus zu machen.
Noch ein Stündchen wurde geplau
dert und musizirt, dann erhob sich
John Langenbruch und sagte, er möch
te einmal wieder nach seiner Mutter
sehen sie sei am Vormittag recht an
gegriffen gewesen.
„Ich begleite Dich und will mich
von ihrem Befinden überzeugen, habe
ohnehin noch ein paar Krankenbesuche
zu machen," sagte Otto.
„Heute, am Nachmittage des ersten
Feiertages?" rief feine Mutter, und
es klang wie ein Vorwurf.
„Ja, die Krankheit hat leider gar
keinen Respekt vor den Feiertagen,
und der Tod macht auch davor nicht
Halt," erwiderte der Sohn scherzend.
Es war ein klarer, schöner Winter
tag gewesen, und die Kälte, nachdem
die Dunkelheit hereingebrochen, nur
wenig gestiegen. Am tiefdunNen Him
mel funkelten die Sterne, und der
Mond goß sein bläuliches Licht über
den Platz und das darauf befindliche
Monument des Dichters Geibel, des
sen Vaterstadt Lübeck sich mit gerech
tem Stolze nennt. Am Tage vorher
war Schnee gefallen, und hatte man
ihn auch aus den Straßen entfernt so
lag er doch auf den Dächern und vor
springenden Kanten und Knäufen der
Gebäude. Mehr noch wie am Tage,
glich die Stadt der zu Stein geworde- der Stadt wohnen
nen Geschichte einer großen, sagenrei
chen Vergangenheit.
Die Glocken der St. Marienkirche
begannen jetzt ihr melodisches Geläut,
um die Andächtigen zum Abendgottes
dienst zu rufen, der Dom und die St.
Katharinenkirche stimmten ein.
„Ich begleite euch noch ein Stück,"
sagte tief athmend Fritz Herrich, er
hielt aber nur ein stummes Nicken zur
Antwort, und es verlangte ihn auch
gar nicht nach mehr. Eine eigenar
tige Weihestimmung hatte sich der drei
Männer bemächtigt, die Jeder gemäß
seiner Richtung auskostete.
Schweigend schritten sie an der Hei
ligengeistkirche vorüber, die Burgstra
Fritz antwortete nur mit einem
Achselzucken, und Langenbruch versetz
te mit einem Seufzer: „Der Verkehr
in unserem Hause verbietet sich von
selbst."
Otto Langenbruch und Fritz Herrich
waren inzwischen die Luisenstraße
hinaufgeschritten und standen nun vor
dem von einem großen, parkattigen
Garten umgebenen zweistöckigen Hau
se, das Herr Robert Langenbruch vor
einigen Iahten an Stelle der kleinen,
luftigen Villa, die ihm und seiner Fa
milie zum Sommeraufenthalt gedient,
hatte erbauen lassen, um auch während
des Winters hier fern vom Geräusch
zu können. Die
Fensterläden waren geschlossen, aber
durch einige davon fiel ein Lichtschein
auf die fchneebedeckte Rasenfläche des
Vorgartens.
... —a,.— „Ist es denn nur möglich?" mut-
ße entlang. Erst als sie das Burgthyr melte er. „Wir leben im letzten Jahr
hinter sich hatten, und rechts und links1 zehnt des neunzehnten Jahrhunderts,
up 'I'!i»p II "M„' "M
"N W: f«,*» V-
„Ah!" riefen feine Begleiter wie aus
einem Munde, und Otto warf leicht
hin ein: „Ich glaube, da thust Du ihm
1
jetzt zum größeren Theile unbewohn
ten Häuser vor ihnen auftauchten, be
gann Otto Lamprecht wieder ein Ge
spräch und zwar mit der Bemerkung:
„Sagt mir einmal, was haltet ihr
1
Fritz antwortete darauf nicht, son-
Rede standen.. Das war ja schon das
steilte. Ich konnte es zuletzt nicht mehr
mit anhören und machte der Sache ein
Ende."
„Ich bin Ihnen dankbar dafür," er
widerte John, „denn offenherzig ge
standen, merkte ich erst da, daß ich
ausgefragt ward. Es kam Alles fo
natürlich, so unabsichtlich heraus."
„Und war es auch," fiel Lamprecht
ein. „Worüber sollte et sich mit uns
unterhalten? Viele Leute glauben recht
höflich zu fein, wenn sie großes Inte
resse für die Privatangelegenheiten De
rer. mit denen sie sich unterhalten, an
den Tag legen."
„Warum zeigte et dieses Interesse
nicht für Deine und meine Angelegen
heiten?"
„Weil er bei John mehr Anknü
pfungspunkte fand. Du bist diesem
Wilson gegenüber von einem sonder
baten Mißtrauen."
„Und Du von einer sonderbaren
Harmlosigkeit."
„Aber welche Absicht könnte et bei
seinen Fragen gehabt haben?" be
merkte John.
„Das vermag ich allerdings nicht zu
sagen," antwortete Herrich, „aber eine
besondere Absicht lag feinen Fragen
zu Grunde."
„Es waren doch keine Geheimnisse,
die er aus John herausgepreßt hat,"
sagte Lamprecht Beinahe unmuthig
„ich begreife Dich nicht. Was hat Dir
nur dieser Wilson gethan?"
„Nichts, aber er ist mit antipathifch,
und wäre ich an Ihrer Stelle, Langen
bruch, so ließe ich mich nicht allzu tief
mit ihm ein. Er scheint darauf zu
brennen, bei Ihnen eingeführt zu wer
den."
„Wie überall," lachte Lamprecht.
„Womit soll der Unglückliche sich denn
die Zeit vertreiben, wenn er sich wo
dienlang hier aufhalten will?"
„Und aus welchem Grunde will er
das?" rief Fritz eifrig. „Ich kann
mir nicht helfen, ich wittere irgend ei
nen geheimen Plan."
„Hällst Du ihn für einen französi
schen oder russischen Spion, der die
schwachen Punkte an unseren Küsten
ausfindig machen will?" neckte Lamp
recht.
...
(i
*mm
Und dabei verläßt mich seit einigen
Tagen die Besorgniß nicht, daß ihr
ein Unheil drohe, ihr und den Ihri
gen und zwar von diesem Wilson.
zu seinem Spott, und doch hat eine
Vorahnung, wie ich sie beim Zusam
mentreffen mit diesem Menschen
empfinde, mich noch nie getäuscht.
Plötzlich zuckte ein Gedanke in ihm
auf, der ihn in die Höhe fahren ließ,
als hätte er den Biß einer Schlange
verspürt.
„Wie sagte doch kürzlich Frau Oli
via: „Vielleicht will er sich eine Lübe
ckern» zur Gattin erkiesen!" Und man
fand die Annahme nicht so übel. Ein
Fremder, von dem man gar nichts
weiß, ist ja viel annehmbarer, als ein
geborener Lübecker, den man als den
Sohn eines Schuhmachers kennt!"
schaltete er mit großer Bitterkeit ein.
„Hat et sich bereits über die Familien
unterrichtet, in welchen es schöne und
nicht ganz mittellose Töchter gibt?
Drängt er sich deßhalb so an John
Langenbruch? Weiß er vielleicht schon,
daß die Eltern ihre Tochter gern einem
ihnen nicht angenehmen Freier durch
eine schnelle. Heirath mit einem Ande
ren entzögen?
Johanna, Johanna, wirst Du
standhaft, wirst Du mir treu bleiben,
wenn die Versuchung an Dich heran
tritt?" rief er ganz laut, und der Ton
ferner Stimme brachte ihn wieder zu
sich.
„Wohin gerathe ich?" dachte er jetzt
mit einer erbarmungslosen Selbstiro
nie. „Belauschte ich einen solchen Mo
nolog bei einem Klienten, so würde ich
ihn auf feinen Geisteszustand unter«
I
Doktor Lamprecht und John Lart-j
genbruch verabschiedeten sich von Fritz
Herrich und verschwanden in dem.
Hause, dessen Thür ihnen auf ihr:
Klingeln sofort geöffnet worden war.,
Der junge Rechtsanwalt stand noch
lange, an den Stamm einer breitä
stigen Buche gelehnt, und schaute hin
übet nach den geschlossenen Fcnsierlä^
den, hinter denen sich für ihn ein Pa-,
radtes verbarg, von dem er ausge
schlössen war.
Es ist die höchste Zeit,
suchen lassen
daß ich nach Hause gehe und mich in,_, ,.
t°- wird mich wohl wieder nüchtern
iiwi, ,,WPM. «IWWW^WAM^.
und verständige und sonst so Hebens» ihnen am verflossenen Abend bescheert
würdige Leute können noch in solchen sein mochte. Die übet das Buch ge
Vorurtheilen befangen sein! Sie ha- neigten Köpfe hatten genau dieselbe
ben nichts an mir auszusetzen, als Form, waren mit ganz gleichem blau
meine redlichen, grundbraven Eltern! schwarzem, gelocktem Haar bedeckt und
Mit Fäusten könnte man dreinschla- ruhten auf zwar noch mageren, aber
gen!" und er ballte wirklich die Hand, schön geformten Schlutern. Und als
..Wacht denn jetzt noch der ganz mit-1 sie jetzt beim Oessnen der Thür auf
teralterliche Spuk wieder auf? Hätte schauten, war es, als stelle sich ein Ge
ich um Cäcilie Lamprecht geworben, ficht und gleichzeitig dessen Spiegelbild
ich glaube kaum, daß die Eltern sie dar. Dieselben regelmäßigen und
mir versagt hätten, trotzdem sie alte, doch so eigen abgerundeten Linien,
eingesessene Lübecker sind. Und derselbe blasse und doch keineswegs
Langenbruch, der sonst gar nicht eng-^ kränklich aussehende Teint, dieselben
herzig, sonst allem alten Zopf so ab- tiefrothen Lippen, dunklen Augen
hold ist. versagt mir die Tochter! Er, braunen und langen, seidenweichen
der selbst vom hiesigen Kastengeist Wimpern an den breiten Lidern, die
manches zu leiden gehabt hat. Aber sich schwer über die Augen legten, wel-
nur weniger rücksichtsvoll wäre," setzte
er nach einer ganz kurzen Pause sein
Selbstgespräch fort, „ich meine, wir sprang es dem Beschauer nicht
müßten unser Glück uns ertrotzen und so urplötzlich in die Augen. Der
erzwingen können. Aber wäre es Mann, welcher neben entern mit Kis
dann wirklich ein Glück?" sragte sen. Decken und Betten bepackten Au­
er sich. „Mächt nicht gerade diese hebett. den Arm um den
zarte Rücksicht, diese selbstlose Hinge darauf liegenden Frau
bung mit ihren größten Reiz aus?
Möchte ich sie anders, wie sie ist?
„Still fein und hoffen!" sagt sie.
Aber wie lange? Wie lange? Ich habe
wenig von ihrer zuwartenden Geduld.
Ich möchte kämpfen um mein Glück,
wie ich mir so Vieles im Leben er
kämpft habe.
Gern hätte ich John noch eindring
licher vor ihm gewarnt, aber ich habe
auch nicht den Schatten eines Beweises
qeqen ihn. Otto war völlig berechtigt den entgegenging und, Lamprecht die
Ob et einen schwachen Punkt an
unseren Küsten ausfindig machen
will? fragt Otto in feinem llebermuth.
Nicht an unseren Küsten, aber in unse
ren Häufern. Was will der Mensch
hier? Unablässig verfolgt mich der Ge
danke, und fo viel ich auch grüble und von dem Thee ausbitten, dessen Duft
sinne, ich kann keine Losung des Räth- mir so einladend die Nase steigt?
sels finden."
das Studium meiner Akten vertiefe, sich, "nd Lamprecht bewundert einmal
mnrfipn" keit zwischen ihr und Johanna, die
soeben neben das Ruhebett getreten
Noch einen Blick warf er zu den Der-
Viertes Kapitel.
Bei ihrem Eintritt in das zu ebe-
dös ist es eben," unterbrach er sich, „er che in diesen Gesichtern wie eine große! Erklärungen zu den von ihnen besich
fürchtet, die Stellung zu gefährden, Ueberraschung wirkten. Sie zeigten tigten Bildern gegeben hatte.
die er mit vielen Anstrengungen er- eine große blaue Iris auf bläulichwei-1 „Im Senat mag er auf ein paar
worben hat! ßem Grunde. Ein Naturspiel, wie es Stimmen rechnen können, in der Bür-
Wenn Johanna nur entschlossener, nur selten vorkommt. gerschaft kaum." versetzte der Doktor
Und doch war es in diesem Zimmer mit Zuversicht „man darf Ihnen Heu
noch ein drittes Mal vorhanden, nur te schon zu der Wahl gratulieren,
mehr! Herr Langenbruch."
„Thun Sie das nicht! Sollte die
Nacken der
geschlungen,
auf einem Lehnftuhl faß, hatte die
schlanke, elastische Gestalt, welche bei
den Kindern knospend angedeutet war,
dieselbe Kopfform, dieselben regelmä
feigen Züge und blauen Augen bei
schwarzem Haar, das aber jetzt schon
reichlich mit Grau gemischt war. Bei
nahe weiß schimmerte der Bart, wel
cher das von vielen Runzeln und Lini
en durchfurchte Gesicht kranzförmig
umgab der Glanz der Augen war ge»
trübt, und damit hatte sich auch die
Farbe verändert.
Jetzt leuchtete es aber darin auf, als
er, sich schnell erhebend, den Eintreten-
Hand hinstreckend, rief: „Das ist lieb
und freundlich von Ihnen. Doktor!
Sie kommen trotz des Festtages noch
einmal heraus."
„Wer sagt Ihnen denn, daß ich als
Arzt kommt?" entgegnete Lamprecht,
den Händedruck erwidernd und gleich
zeitig den beiden kleinen Mädchen zu
nickend. „Kann ich mich nicht als
Freund einfinden und mir eine Tasse
Er trat zu Johanna und bot ihr die
Hand, während John unhörbar auf!
dem weichen Teppich zu dem Lager sei-
net Mutter gegangen war und, sich
zärtlich über sie beugend, nach ihrem
Befinden fragte.
„Es geht mir gut," erwiderte mit
leiser Stimme die Kranke und richtete
sich höher auf, wobei der Sohn sie un
terstützte, „was sollte mir fehlen, wenn
ich euch Alle um mich habe?" Ihr
graues, unnatürlich großes Auge glitt
mit einem Ausdruck unsäglicher Liebe
und Zärtlichkeit von Einem der im
Zimmer Anwesenden zum Anderen
und blieb endlich auf ihrem Gatten
ruhen.
„Recht fo, Frau Langenbruch." sag
te Lamprecht, indem er an das Ruhe
bett trat, sich auf den daneben stehen
den Stuhl niederließ und die schmale,
weiße, beinahe durchsichtige Hand der
Leidenden in die seinige nahm. „Die
Ihrigen sind viel zu besorgt um Sie,
und das thut auch nicht gut. Das ist
mit ein Grund, weshalb ich Sie fort
schicke. Johanna, Ihre Begleiterin,
wird hoffentlich vernünftig fein. Bei
dem kleinen Herzfehler.' den Sie haben,
kann man hundert Jahre alt werden."
Frau Langenbruch lächelte ihm
dankbar zu. Sein Ausspruch und
und noch mehr der zuversichtliche Aus-
um
dann
festen
umzu-
ihm und der Mutter eine
Tasse Thee zu reichen.
„Seltsam," dachte er, während er
in der Tasse rührte, „die älteste Toch
ter ist das Ebenbild der Mutter, die
schloffenen Fenstern hinüber,
wandte er sich und schritt
Schrittes, ohne noch einmal
schauen, der Stadt wieder zu.
„Was auch feine Absicht fei, ich wer-j Zwillinge gleichen dem
de die Augen offen halten," gelobte er, John hat von Beiden
sich „fo schlau Sie es auch anzustel- Man könnte glauben, daß er gar nicht
len gedenken, mein Herr Ralph Wil- zu der Familie gehörte.
son. Sie werden mich auf Ihrem Wege, „Wie meinen Sie?" fragte er auf
finden." fahrend, denn er merkte jetzt, daß Lan
genbruch eine Frage an ihn gerichtet.
bod
Vater, und
keinen Zug.
ohne daß er den Sinn verstanden hat
to­
ner Erde gelegene große, hellerleuchtete „Ich meine nur," wiederholte dieser,
und in der Art eines englischen Dra- „ob Sie wirklich der Ansicht sind, daß
wingrooms eingerichtete Wohnzimmer meine Frau bald nach Neujahr reisen
fanden Doktor Lamprecht und John kann."
Langenbruch daselbst die ganze, „Gewiß, treffen Sie nur alle Reise
Familie versammelt. An dem Vorbereitungen," erwiderte der Doktor
in der Mitte stehenden großen Tisch, ohne Zögern, fetzte aber dann ein
auf dem in einem über einer Spiritus-, schränkend hinzu: „vorausgesetzt, daß au's^t?efst^m H^rzen?"ün'd jetzt kamen
lampe hängenden silbernen Kessel das Frau Langenbruch die Reise nicht jauch die Zwillinge herbei und schmei-
siedende Wasser summte, war Johan-^noch hinauszuschieben wünscht."
na beschäftigt, den Thee zu bereiten. „Warum das?" fragte Langenbruch
Das aus der Kanne von feinem chi- befremdet, und feine Frau sagte:
nesischem Porzellan aufsteigende Aro- „Ich bliebe ja am liebsten hier in
ma mischte sich angenehm mit dem Ge- meinem Hause und bei meinem Mann
ruch von Maiblumen, Veilchen und, und meinen Kindern, wenn Sie doch
anderen süß, aber nicht zu stark duf- aber den Aufenthalt im Süden für
tenden Frühlingsblumen, welche zwei notwendig fhalten
Blumentische in den breiten Nischen „Für unbedingt nothwendig," schal«
des dreifenstetigen Zimmers füllten. tete Lamprecht ein.
An einem Seitentische saßen eng „So wüßte ich nicht, aus welchem
umschlungen zwei noch im Kindesalter Grunde ich die Abreise verschieben
befindliche Mädchen und betrachteten sollte."
mit großer Aufmerksamkeit Seite für „Nun, ich dachte nur, weil am 31.
Seite ein illustrirtes Prachtwerk, das Dezember Senatorwahl stattfindet,"
au$ mt^r
druck, den seine Menen dabei zur sich am Ziel ihrer Wünsche. Ihr
Schau trugen, that ihr sichtlich wohl. ^ohn war der Verlobte von Cäcilie
Das bleiche, schlaffe Gesicht belebte, Lamprecht, der Tochter des Hochange­
ri
@l!?m b'e S'»|
toa]
.f
fe
V«[IT,** 'V| :v M. \r.yy. IM-,
entgegnete Doktor Lamprecht
schlauem Augenblinzeln.
Frau Langenbruch stieß ein leises
„Ah!" aus, ihr Gatte sagte aber mit
angenommener Gleichgiltigkeit: „Was
hat daS mit der Reise meiner Frau zu
schaffen?"
„Aber so spielen Sie doch nicht den
Spröden, lieber Herr Langenbruch,"
entgegnete Lamprecht mit gutmüthi
gem Lachen, „Sie wissen doch eben so
gut wie ich. auf wen die Wahl fallen
wird."
„Das ist doch noch nicht so ausge
macht. Weinhändler Bräunlich hat ei
nen starken Anhang," bemerkte hinzu
tretend John, der bei den kleinen
.. Schwestern gestanden und ihnen einige
Wahl wirklich auf mich fallen, so wer-
de ich kaum in der Lage sein, sie an
zunehmen," tief Langenbruch, und es
wollte den Doktor bedünken, als werde
sein Gesicht plötzlich älter und verfalle
net, als sinke seine Gestalt mehr in
sich zusammen, und habe seine Stim
me einen Klang, als fürchte er sich vor
etwas.
Johanna schien dieselbe Wahrneh
mung zu machen, denn sie richtete be
sorgte Blicke auf den Vater. Ihre Mut
ter und John tiefen aber gleichzeitig:
Die Wahl nOt annehmen! Unmög
lich!"
„Das kann nicht Ihr Ernst sein,"
sagte auch Lamprecht.
„Doch, doch, mein voller Ernst."
„Aber warum?"
„Mein Geschäft ist so ausgedehnt, es
ic Ertlich nicht die erforder
liche Zeit
„Aber Vater, wofür bin ich denn
da?" unterbrach ihn sichtlich gekränkt
der Sohn. „Glaubst Du wirklich. Dich
nicht auf mich verlassen zu dürfen
„So ist es nicht gemeint, Du weißt
recht gut, was ich von Dir halte." sag
te Langenbruch un reichte ihm begüti
gend die Hand, „aber Du bist verlobt,
Deine Braut hat begründete Ansptü
che an Dich, und ich möchte, wenn die
mtd?
ben ÄIcmen tol
men können
„O, zu uns kommt ja während der
Zeit Fräulein Reichhelm, die wird
schon für uns sorgen, Papa," klang es
altklug von dem Seitentisch her. Die
Zwillinge hatten schon seit ein paar
Minuten von dem Gespräch der Er
wachsenen zugehört.
„Da haben Sie es," lachte Lamp
recht, und Frau Langenbruch setzte
hinzu:
„Das sind ja nur vorübergehende
Behinderungen. Robert! Du kannst
mir das nicht anthun wollen!"
„Würde es Dir denn eine so große
Freude sein, Frau Senator zu hei-!
ßen?" fragte Langenbruch. Es sollte!
scherzhaft sein, kam aber etwas weh
müthig heraus.
„Ja. eine große Freude und Genug
thuung," gestand sie ohne alle Um-!
schweife, während ihre Wangen sich
rötheten und ihre Augen leuchteten.
Sie hatte als Gattin eines fremd nach
Lübeck gekommenen, jung aufstreben
den Kaufmannes besonders in den er
sten Jahren doch manche Zurücksetzung
und Kränkung von den alteingesessen
nen Honoratiorenfamilien zu erfahren
gehabt, und ihr Ehrgeiz war dadurch
angestachelt worden. Jetzt nun sah
henen Senators, ihr Mann im Be-
griff«, selbst mit tiefer Bürde bellet»
bet zu werden. Und nun wollte er
darauf verzichten? Das durfte nicht
fein!
„Fühlst Du Dich unwohl?" fragte
sie und schaute ihm angstvoll in's Ge
ftrfit. Mit dem Egoismus der Kran
ken hatte sie keinen Blick für fein schon
einige Zeit verändertes Aussehen ge
habt, jetzt erst siel es ihr auf. „Du
siehst nicht gut aus."
Langenbruch beeilte sich, ihr zu der
sichern, daß ihm durchaus nichts fehle,
und sie ließ sich beruhigen. „Dann gibt
es keinen Grund, die Wahl abzuleh-!
nen, Du nimmst sie an. Mir zu Liebe."
„Dir zu Liebe!" wiederholte er, die
Hand, die sie ihm entgegenstreckte, an
'seine Lippen drückend, aber es klang,
als bringe er wirklich ein schweres
Opfer. „Und unserer Stadt zu Lie=|
be, Herr Langenbruch." sagte Lamp
recht.
„Ich danke Dir, Batet," tief John
(Helten, indem sie sich an ihn hingen:
„Du wirst Senator, Papa, nicht wahr,
Du wirst Senator?"
„Nicht übel," schmunzelte in hohem
Grade belustigt der Doktor. „Was
wißt denn ihr davon, ihr beiden Klei
nen?"
„In der Schule ist schon seit Wochen
davon gesprochen worden," erzählte
Renate wichtig.
„Sie nennen uns schon die Sena
torstöchter." fügte Josephine hinzu.
„Eva Gottheimer behauptet aber,
ihr Onkel Bräunlich werde gewählt."
/5
„Es ist schon darauf gewettet wor
den."
„Geheime Wahl!" spottete John.
„Papa, Du mußt Senator werden!"
riefen sie wieder Beide gleichzeitig.
„Ja, ja. er wird es! Solchen Argu
meten können Sie doch nicht widerste
hen," versetzte, sich von seinem Stuhl
erhebend. Doktor Lamprecht. „Ich
sende Ihnen morgen eine Arznei, die
soll Sie stärken, und halten Sie sich
recht ruhig, damit Sie kräftig genug
sind, in den ersten Tagen des Jahres
die Besuche der Kolleginnen empsan
gen zu können, liebe Frau Langen
bruch," wandte er sich an diese.
„Das ist nicht möglich, das erträgt
sie nicht," rief Langenbruch, wie der
Ertrinkende nach dem Strohhalm nach
dieser Ausflucht greifend, „ich werde
doch ablehnen."
„Aber Robert!" Es klang beinahe
heftig, wenn ein solcher Ausdruck auf
eine Aeußerung der zarten, blaffen
Frau anwendbar gewesen wäre. „Wie
kannst Du nur so reden! Ich werde die
Damen gewiß empfangen können, und
sollte ich mich wider Erwarten zu
schwach dazu fühlen, so werden sie es
mir verzeihen, wenn ich mich durch Jo
Hanne vertreten lasse."
„Das werden sie ohne Zweifel," ver
sicherte John, der nun den Stuhl ne
ben dem Ruhebett seiner Mutter ein
nahm, während der Vater den Dok
tor hinausbegleitete.
In dem, das Haus der ganzen Län
ge nach durchschneidenden Vorflur,
der erwärmt und erleuchtet und durch
die während des Winters darin aufge
stellten Orangen,- Mirthen,- Granat
bäume und andere Ziersträucher in ei
ne Art von Wintergarten umgewan
delt war, hielt Lamprecht ihn noch auf
einige Minuten fest und sagte, absicht
lich mit ihm unter die Lampe tretend:
„Herr Langenbruch, ich wiederhole,
Sie scheinen krank zu sein. Ich möch
te eine eingehende Untersuchung mit
Ihnen anstellen."
„Und ich wiederhole Ihnen, daß mir
nichts fehlt, und ich gar keine Veran
lassung habe, mich in ärztliche Be
handlung zu begeben," erwiderte Lan
genbruch mit einer ihm sonst gar nicht
eigenen Schroffheit und entzog dem
Doktor die Hand, die dieser ergriffen
hatte. Er bereute indeß, kaum daß
er die Worte gesprochen, seine Unzu
friedenheit und setzte in verändertem
Ton hinzu: „Verzeihen Sie, lieber
Doktor, aber es bringt einen sich ge
sund fühlenden Menschen wirklich auf,
wenn ihm von allen Seiten eingeredet
wird, er müsse krank sein."
„Ihr verändertes Aussehen fällt
eben auf es ist ganz natürlich, daß
man nach Gründen sucht."
Langenbruch machte unwillkürlich
eine heftige Bewegung, dann stieß er
ein kurzes, bitteres Lachen aus. „Muß
man darnach wirklich suchen? Liegt
der Grund nicht auf der Hand? Wenn
man das Liebste, das man hat, dahin
welken sieht
„Oho, so schlimm ist es nicht," un
terbrach ihn Lamprecht, „das habe ich
Ihnen und Ihren Kindern wiederholt
gesagt."
„Sie glauben an eine Wiederherstel
lung?" fragte Langenbruch aufath
mend.
„Eine völlige Genesung ist ausge
schlössen, keine ärztliche Kunst vermag
ein krankes Herz wieder gesund zu
machen," antwortete der Doktor ehr
lich. „Das Fortschreiten des Uebels
kann aber aufgehalten, feine Wirkun
gen können gemildert und verringert
werden. Bei einem ruhigen Leben
kann Ihre Frau Ihnen noch viele
Jahre erhalten bleiben. Aufregun
gen freilich
„Sehen Sie, sehen Sie!" fiel Lan
genbruch ein. „Nun sagen Sie es
selbst, wenn ich Senator werde—"
„Nein, wenn Sie nicht Senator
werden, gibt es für Ihre Frau Aufre
gungen, die Sie zu fürchten haben,"
fiel der Doktor unwillig ein. „Die
Freude wird ihr nicht schaden, auf die
ist sie vorbereitet. Ich begreife Sie
wirklich nicht, Herr Langenbruch. Las
sen Sie mich Ihnen als Freund und
Verwandter rathen, geben Sie den Ge
danken auf, die Wahl abzulehnen, es
würde das keinen guten Eindruck ma
chen."
Er schüttelte Langenbruch kräftig
die Hand, wünschte einen guten Abend
und entfernte sich, entfchloffen, den
heute gemachten Angriff zu wiederho
len.
„Der Mann mag sagen, was er
will, es ift mit ihm irgendwo nicht
richtig," murmelte er. „Man möchte
nach feinem ganzen Gebahren freilich
weit eher auf ein seelisches als auf ein
körperliches Leiden schließen. Sollte
es wirklich nur der Kummer um die
Frau sein?"
Robert Langenbruch stand, nach
dem die Thür hinter dem Doktor in's
Schloß gefallen war, unbeweglich auf
der Stelle, wo jener ihn erlassen hatte,
und hielt die Hände fest auf die Schlä
fenl gedrückt.
„Mein armer Kopf," stöhnte er.
„Es ist, als müsse er springen, ich bin
müde zum Sterben, aber ich darf
tmr nichts merten lassen um ihretwil
len. Die Aufregung würde sie töd
ten. Alles, Alles, was ihr Leid brin
gen könnte, muß ihr fern gehalten
werden. Ich muß auch das noch für
sie thun und Senator werden."
(Fortsetzung folgt.)

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