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Der fortschritt. [volume] (New Ulm, Minn.) 1891-1915, August 20, 1896, Image 10

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»"X
R«ch 25 Jahren.
E a
D'e Stadt war beflaggt, und alle
D-e Stadt war beflaggt, unc. au mt
Glocken lauteten. Die große Para ^rtc
VL?Irr?"Ki! W"iubr enbttdi
r,e"S. ?sch-u- 4
Man nannte ihr einen Namen.
„Ha. das isch jo mei Leutnant, freilich
isch's mei Leutnant, nur der Bart
hat er sich wachse lasse, drum Hab' ich
ihn net gleich kennt et war damals
unser Jüngster ach Gott." Sie brach
von Neuem in Thränen aus: „Wer
isch denn ja, wer isch denn der
Stelzfuß bort, der Flügelmann im
letzte Zug was isch jetzt bas für
einer? Ich mein', ich sollt' ihn kenne."
„Ha, schau daher!" jubelte sie auf,
„als hätt's Ihne mei guter Engel ge
steckt. stellt sich mei Kompagnie gerabe
wegs vor meiner Ras' auf—He, He!"
rief sie bcn ihr gegenüber stehenben
Veteranen zu, „ich bin's jo kennt
Ihr mich benn net? Ich, ich
Die Männer sahen bie rundliche,
lebhaft gestckulirende Frau, deren
dunkles Haar ein leichter Reis be
deckte, verständnißlos an, und der Po
lizeibiener triumphirte schon: „Habe
Sie's jetzt gesehe, kein Mensch will
was von Ihne wisse."
Allein eh' er sich's versah, stanb bte
Frau mitten auf bem Platz vor bem
Bataillonskommanbeur.
„Sie, Herr Leutnant," rebetc sie ihn
an, „ich bitt' Ihne um Alles in ber
Welt, bin ich denn so eine alte Hutzel
worde, daß Sie die luschtig' Weber
Mine nimmer kenne?"
„Was!" der Offizier packte die Per
son an beiden Schultern und schütte!
te sie, „richtig, das sind Ihre schwarzen
Augen, unb bei Gott, die schönen
Zähne sind auch noch ba!"
„Gelle Sie," rief sie aus, „und 'ote
dumme Kerle kenne ei'm nimmer!"
deres
Ritt einer war nicht gekommen
mer
.Z-dt h°n S,- m°l suhr ndlich n«chd.m fit mit ihr«
*k w.rJS nnrmirm K°mp°gni- ein tinem Tisch- Platz je.
-u g-h°-ch- »nd R.sp.It vor m.r ^ne. d°
eobt.»
Du li-bn ®ott, aach noch," lachte «re met wieder behtattbet!" tief f.e
an.
Ich
und Respekt vor Jemand habe, den
Buckel möcht' mer sich voll lache was
meine Sie denn, warum ich vom
Bühlerthal rein komm'?"
„Das ist mir ganz einerlei. Ruhig
ober Sie gehe da weg."
„Natürlich, auf der Stell', da kenne
Sie mich schlecht wann eins da her
gehört, so bin ich's ach Herr Jes
sesle, Herr Jessesle," schluchzte sie
plötzlich auf, „da kommt sie, da kommt
mei Kompagnie den ganz'. Krieg
lang sind mir zusamme g'west ich
und mei Kompagnie, ein Herz und
ein' Seel' auf den erst' Blick Hab'
ich den Schwarze, den Fahneträger,
wieder kennt, aber sonst, großer Him
mei, habe sich die Manne verändert.
z'meist graue Kerle sind's Wörde wer
isch auch der Offizier, der sie führt?"
Der Offizier wandte sich um: „Es jBelt als das Regischtrire: do gehört
ist die Weber-Mine, unsere Marketen- ber Mann hin, do gehört 's Weib han!
derin, Ihr Leute!" :r* 's
IWPPW
Sie hatte es damals nicht Wort ha
Ben wollen und die Blinde und Taube
gespielt, aber trotzdem hatte sie es be
merken müssen, wie aus dem stillen,
zurückhaltenden und ordentlichen
Menschen auf einmal ein Trinker ge-
b„
ausgelassene Reden
unb öon bem eg
zur Gedächtnlßfeler der Schlacht von Kompagnie hieß: Der Steiner ruht
Ruits, wo damals von 25 Jahren
Volk, von den Schutz euter. und Sol- mächtigen Saal herum, dessen
daten streng Or!)n gi Galerien bis hoch hinauf von der jun
Ganz vornstand eine ^l'bie3"
gen
often Belustigung der Umstehenden, rk«. „»a w»«
großen" Belustigung der Umstehenden
sich ohne Unterlaß bald mit dem Poll
zeidiener, bald mit dem Posten herum
stritt, die sich immer wieder gezwun
stritt die ttet) iminer rouoei Soldaten eine Rede, die ihnen ein
gen sahen, fte mit Hochgeschrei entlockte, das wie Don
Ordnung zu rufen Allem das Hochs
resolut .aussehende Frauenzimmer vorgerückter Stunde
drängte sich schon im nächsten Augen
blick wieder aus der Reihe heraus
ba und dort in
einc
^°.'"'Z„!°/Ä..7b»7nn?n °Di- «*60ft Otott --.suchm. s° t-ll'iihn
rungen wutde. hatte begonnen
ganze Mitte des Marktplatzes nahm
das Militär ein rechts und links an
den Fenstern der Häuser zeigte sich
^ugel hat. der thut
stellt er sich an.
Und er hatte seine Kugel gekriegt.
Des Abends in der Festhalle traf
oen bie Markentenderin wieder mit ihrer
Kopf an Kopf auf der Gass« Kompagnie zusammen. Eine mehr als
zu den Trotto,^ zurückgedrängt, das
taufenbfi$t)fifle
^enfle trieb sich in
Mannschaft besetzt waren. Le-
bende Bilder aus den Feldzugstagen
des Regiments wurden aufgeführt,
der Landesfürst hielt an seine alten
bcn
Saal brauste,
Erst zu vorgerückter Stunde fand
das Bankett statt. „So, jetzt kommt
endlich auch zu Wort," sagte die
un«auf,dm
„Alte Köpfe habe mer kriegt," schrie
einer, „ich Hab' siebe Bube, wer noch?"
In kurzer Zeit hatte die aus vier
zig Mann bestehende Kompagnie aus
gerechnet, daß sie eine Nachkommen
schaft von hundertundfünfzig Buben
und Mädeln aufzuweisen hatte, auf
deren Gedeihen alsbald ein Glas ge
leert wurde.
Die Marketenderin und der Stel
zenmann ihr gegenüber trafen sich mit
dem Blick und stellten dann plötzlich
wie auf Verabredung ihr halbvolles
Glas auf den Tisch.
„He, Weber Mine", rief einer,
„hascht Du net auch Famill'?"
„Ich bin allei'", gab sie zur Ant
wort, „der Mann isch vor sechs Jahr
g'storbe, Kinder Hab' ich keine."
„Hut, das war eine Lieb' damals,"
meinte einer der Männer, „wißt Ihr
noch, d' Weber-Mine und ihr Ber
gerle?"
„Lasse mer die alte Zeite'' meinte
sie, einen verlegenen Blick auf den ihr
gegenüber sitzenden Stelzfuß werfend,
der jedoch nicht aufsah, sondern sein
Essen mit der Aufmerksamkeit eines
Menschen genoß, dem nicht alle Tage
was Gutes beschert wird.
„Aber," sagte einer der Männer,
„wir nenne die alt' Kriegskameradin
immer noch Weber-Mine und mußten
doch eigentlich Frau Bergerle zu ihr
sage
„Gott bewahr'", fiel sie dem Mann
ins Wort, „ich bin immer d' Weber
Mine g'west, auch verHeirat', und die
bleib' ich und wär' ich so dumm und
thät noch emal heirathe."
„Sie scheint net ganz vergnügt
g'west zu sein in der Eh'", meinte
einer.
„Net b'sonders," warf sie hin.
„Herrgott," schrieen sie durcheinan
der, „und hat ihren Schatz mitte aus
'm Feuer geholt, damals
„Ja, ja, der Feind war auf der
Höhe und hat in die Marschkolonne
'neingeschosse der Bergerle isch ge
falle, und übet ei'mal bleibt d'Weber
Mine mit ihrem Wage zurück, schleppt
ihren Schatz daher und ladet ihn
auf
„Kteuzelement, und nachher hat er
net emal der Herr im Haus sein
derfe!"
„Die alte Marketenderin schlug auf
den Tisch: „So will ich net daher ge
red' habe, denn nix Dümmers auf der
Manchmal isch halt der Mann 's
Das war eine Freude, ein Geschrei, Weib unb 's Weiß ber Mann, unb bas
sie vergaßen alle, baß sie in Reih' schmeißt alle Grunbsätz' über bcn
unb Glieb zu stehen hatten, unb stürz- Haufe. Ich für mei' Person stamm'
ten auf bte Frau zu viele umarmten von einer martialische Großmutter ab
sie, die anbeten schüttelten ihr bie immer mit bem Pseifle im Mund
Hände, und jeder fragte sie 'was An- und zwei Schnapsflasche vorne in der
Rocktasche, so isch sie daher komme,
denn das ware ihre russische Gewohn-
der Stelzenmann war auf seinem heite sie hat bcn Feldzug mitgemacht
Platz geblieben, unb als bie Frau ihn von anno 13 unb isch mit der Medail'
mit bem Blick suchte, begegnete sie zurückkomme und einer schöne Pen
dem feinen. Und nun wußte sie, wer fton, dafor, daß sie in Rußland
er war, und von bem Augenblick an brinnc trgenb ein' hohe Herrn, ber
lag's ihr tote ein Dämpfet auf bet verwunbet war, auf bem Buckel übet
Freude, daß sie nur noch halb auf die den Berg Sintit trage hat
Worte der Männer hinhörte, die sie! „Potz Wetter!!" lachten die Zuhö
beftürmten: „Du kommscht heut Abend!
Ter
auf, „er isch ja in der Bibel
zur Fcschtfcier, gelt Weber Mine, „Sic wird die Beresina meine,"
wir müsse zusamme anstoße gelle sagte der Stelzfuß, „was ein großer
Sie, Herr Major, sie gehört dazu, sie Fluß in Rußlanb ist
isch so gut unser Kamcrab wie jeder „No ja," unterbrach ihn die Weber
andere?"
Sie nickte nur und sagte ja, dann
stellten sich die Veteranen wieder in
Reih' und Glied, und die Veteranin
kehrte auf ihren Platz zurück. Der
Polizeidienet behandelte sie jetzt mit
Mine, „ich bin damals noch ein klei
nes Mädele g'west, wie sie's verzählt
habe, da weiß ich's halt nimmer so
recht. Weber-Klein hat sie geheißen
und isch in Durlach daheim g'west.
Wenn ich mich auf der Gass' mit dem
|»v ku)cuu iuj uiiu uu| uci ^u|| mit uem
der ausgesuchtesten Höflichkeit, und Bubevolk so recht 'rum'balgt Hab', hat
sie war der Gegenstand der Neugier mei Vater immer g'sagt: „Die isch ihr
für alle Umstehenden aber sie 'be-!nämliche Großmutter, bie kennt auch
merkte nichts bation, sondern stand in! fei Forcht auf der Welt."
Gedanken verloren ihrer Kompagnie, Sie hatte es, während sie sprach,
gegenüber, bis diese sich in Bewegung schon eine Weile mit angesehen, wie
setzte. einer der aufwartenden Soldaten im-
Das also war aus dem Steiner ge- mer wieder vorsprach, um aus dem
worden, aus bem jungen Solbatcn.! Glase bes Stelzenmannes zu trinken,
dem sie einst gut gewesen, bis ein an-! „Isch das Euer Sohn?" wanbte sie
derer ihn aus ihrem Herzen verdrängt. sich an den Veteranen.
»M» SWWW,
Dieser schüttelte das Haupt: „Ich
bin net verHeirat', ein Krüppel, der
nur wenig verdienen kann, ischt just
kein begehrter Artikel es ischt der
Schwester Bub. Ich Hab' sie zu mir
genomme, im Spätjahr isch sie ge
stoitie es hat mir recht leid gethu'."
„Ja, der Stetoer Hat'S bös ge
tröffe," meinte einet der Männer.
„Ha, net übel," sagte der Stelzen
mann, „ich bin sonst gesund, und
wenn d'Schwester und der Bub net
g'west wäre, Hätt ich's ganz kommod
gehabt mit meiner Jnvalideunterstü
tzung und was ich sonst beim Kappen
machet verdien'. Für drei war's frei
lich ein bißle knapp."
Es wurden in diesem Augenblick
ein paar Liter Wein auf den Tisch ge
setzt, und die Weber-Mine gab die Er
klärung: Den spendier' ich, denn ich
kann's, ich Hab' ein schönes Gütle im
Bühlerthal. mit einem rentablen
Weingefchäft
Sie schenkte ein und erhob ihr
Glas: „Möge met alle mit'nander
noch lang lebe und gesund bleibe!
Wer von Euch Manne kann sage, daß
ihm sein Geschäft über zweitausend
Märkle im Jahr einbringt? Ihr
schweigt? no ja, da habe mcr's jo,
ich kann's sage und bin's einzig' Weib
unter Euch. Steiner, Ihr sollt net
immer dem junge Soldat Euer Glas
hinschiebe, Ihr sollet selber trinke,"
wandte "te sch an den Stelzenmann.
Der lächelte: „Wenn einer nur ein
Bein hat, thut er besser, sich den Kopf
frei halte."
„Ich bin ber Ansicht," sagte sie,
„daß auch bie jung' Mannschaft ber
Abend mit Verstand und net im Dus
genieße soll ein Exempel solle sie siti
nemme an unsere Vctcranc. 2)tu
bleib' Du nur auch nüchtern, Du
Grünschnabel," wandte sie sich an den
jungen Soldaten, „damit Du's bei
Hellem Kopfe mit ansehe magscht, wie
unser Kompagnie sich zu halte ver
steht, net nur vor dem Feind, sondern
auch vor die Flasche."
„Ante!" riefen die Männer aus,
„Mine, das war eine Red', wie ge
stoche, Milte, Du sollscht lebe!"
lDer Stelzenmann war der erste,
welcher die Festhalle verließ. „Merk
würdig," sprach er, draußen auf der
Straße vor sich hin, „da meint mer
wenn's emal bcn Fünfzig zugeht, da
sei alles vorbei 's isch net Wöhr
's kann ei'm als noch ebbes nah
geh'n."
Ja, ja, sie war eine bildhübsche Per
son gewesen, die Weber-Mine mit
ihren schwarzen, blitzenden Augen, in
dt* er viel zu tief für feinen Seeln
frieden hineingeschaut hatte. Eine
Zeitlang war sie ihm auch gut. gewe
sen, hatte ihn den anderen vorgezogen
und ihm das Versprechen gegeben:
Dich nehm' ich und sonst keinen
da kam der Bergerle et sah ihn
noch mit seinem blonden, schön frisir
ten Scheitel, dem gewichsten Bärtchen
und den Grübchen in den Wangen.
„Steiner," sagte plötzlich ewe
Stimme neben ihm, so daß er jäh zu
sammenschtak und ihm der Herzschlag
einen Augenblick aussetzte, denn es
war der alte Klang ihrer Stimme,
jener Ton, der seine Seele einst in
Freud' und Leid erbeben gemacht.
„Steinet, ich Hab' Dich gehe sehe,
ich bin Dir nach ich weiß, ich Hab
Dir weh gethu' wolle mer net nach
fünfundzwanzig Jahr Friede mache?"
„Ha, natürlich, lieber Gott, ich Hab'
keine Feindschaft nimmer, bisch jetzt
so alleinig als ich, wenn Du auch viel
glücklicher g'west bisch."
„Das fragt sich, Steinet."
„Was, Hätt' er Dich schlecht behan
delt?"
„Wie tier's nimmt. Denk Dir
einen Mann, der von Morgens bis
Abends jammert, ßalb hat et ein
bißle 's Kopfweh, balb einen Stich
im Rücke, iiber Alles isch er ängstlich,
meint gleich, er müßt' sterbe unb heult
wie ein alt's Weib mit so ei'm
Hab' ich lebe müsse, mit so einem mi
setablen Kerl ohne Knoche uttb Mark,
ber, wenn ber Hunb im Hof bellt hat
sich in sein Bett vergrabt und schreit:
Mint, Mine, schau nach, 's isch ein
Dieb im Haus! Vor jeder Arbeit
hat et sich brückt, vor jeber Anstren
gung hat et gethu, als thät sie ihn
beiße so ein nichtsnutzigs elenbigs
Gewächs Gottes, bas war et
Mann aber ich will ihm nit.
Schlechte nachgesagt habe, denn er
isch tobt unb mag auch weger mir se
lig toorbe sein. Ich hab's ja net vet
bient für mei Feigheit ja Steinet,
ich bin ein einzig's Mal in meint'
Lebe feig g'west, bamals, nachdem ich
ihn aus'm Kugelrege 'raustrage Hab'
ich leg' ihn auf meim' Wage und
fahr zu und denk' in meiner Todes
angst: wo urn's Gott'swille ihat's ihn
tröffe? Isch er am End' gar tobt,
baß er so blaß baliegt unb kein Muck
set thut? Unb wie met aus'm
Schlimmste 'raus fmb, schau ich nach
wettb' ihn unb dreh' ihn, finb' aber
nix, keine Wund', keinen Hieb, net
emal einen Streifschuß ha Kerl,
sag' ich, Dir schlt ja nix! Da macht
er to' Auge auf: was, betäubt bin ich
eine fürchterliche Ohnmacht Hab'
ich gehabt aber schon im nächste
Augenblick schreit er laut auf: Ich
bin doch verwund't Jesses, Jesses,
ich blut', ich Blut'! Sei still, sagr ich,
S
das kommt von mei'm Arm ich
Hab' die Kugel kriegt, wie ich Dich
geholt Hab'. Steiner, und mit dene
^Schmerze hat sich der gesund' Mensch
von mir auS'm Feuer trage lasse!
Eine Pause entstand, dann sagte
der Veteran: „Am Tag drauf Hab' ich
mei Kugel kriegt."
„Ich weiß, ich weiß, aber selbig's
mal Du glaubsch net, wie's in mir
zugange isch, wie ich den Kerl veracht'
Hab' und's doch net z'weg bringe
könne, von ihm zu lasse. Das war
mei Feigheit, Steiner. Ich sag' Dir
nur eins, Steiner, wenn Du's knapp
gehabt hasch, ich hab's schwer gehabt,
und ich Hab' oft denkt: mit'm Steinet
wär's anbers ausgefalle
Sie blieb stehen und ihre dunklen
Augen spähten nach seinem Gesicht:
„Du bischt jetzt allei, ich bin auch
allei, und war unser Lebenssommer
net schön, ein guter Winter isch auch
was Werth ich mach' keine lange Um
stand' 's wär' mer wie eine heilige
Vergeltung, könnt' ich Dir dafür, daß
ich Dich in der Jugend angeführt,
jetzt im Alter gute Täg' mache darf
ich, Steinet?"
Sie wartete eine Weile, und da der
Mann gesenkten Hauptes vor ihr
ftr .d, ohirte zu reden, nahm sie wieder
fc i3 Wort: „Brauchst Dich net zu ge
ni:re, Steiner, ich geh' schon lang auf
Freiers Füße, ich möcht' eins habe,
das irttr d' Auge zudruckt, wann ich
sterb', und die Beruhigung im Jen
seits habe, daß mei schön's Anwese in
gute Hände isch. Drum wär' mir's
besonders lieb, wtfil ich mit Dir auch
gleich einen netten Erben in Kauf
bekäm', denn daß ich's nur grad sag',
der jung' Soldat hat mei gefalle, et
könnt' Dein ausg'schlupster Sohn
sein. Nu, tote lang besinnst Dich
noch?"
„Hm," mc'nte er, „ich könnt's halt
ei vertrage, wenn mei Weib einen
.wideren Name führe wollt, als mei
iter."
„Mannshochmuth!" fuhr fte auf,
„tro ich doch all's mitbrmg! Und
was soll ich denn mache, wenn's halt
die Leut' einmal gewöhnt sind, mich
d' Weber-Mine zu nenne?"
„Du sollscht ihne verbiete."
„Potz Wetter, thuscht net anders?"
„Nei."
„Dann gut' Nacht!"
Sie lief nach rechts, et nach links,
aber schon nach ein paar Schritten
blieb sie stehen. Klipp, klapp, tönte
der Stelzfuß durch die stille Nacht,
klipp klapp tönte es wie eine Mah
nung an ihr Gewissen.
„Steiner! Steinet!" sie rannte ihm
nach und blieb athemlos vor ihm
stehen, „trenne mer uns net, Steiner,
schau, wie eim' in der Jugendzeit die
Lieb plagt, so plagt mich jetzt j' Ach
tung, d' Achtung vor Deim' Be
nemme, baß ich mein', 's müßt sein,
baß ich Dir's schön und gut mache
Wirft' gell ja? Wenn ich Dir sag',
ich häng' in Gottesname mei be
rühmten Name an ben Nagel unb sag'
in jedem, der mich in Zukunft noch
Weber-Mine nennt: auf der Stell'
nenne mich Frau Steiner! Isch's
recht so?"
Er nickte. „Ja, so muß es sein,
denn grad weil ich ein Krüppel bin,
inuß ich was auf mich halte."
In diesem Augenblick ertönte ber
mehr als tausendstimmige Gesang ber
Wacht am Rhein von ber Festhalle
her unb erfüllte bte Nacht mit seinem
Gebrause.
„Der Veteran riß den Hut vom
Kopf, und den Arm um die Schultet
ber alten Kriegsgefährtin legenb,
stimmten sie mit einer solchen Begei
sterung i)t bas Vaterlanbslieb ein, als
gelte es einen neuen Kamps zu käm
pfen, einen neuen Keinb zu besiegen
heimlich abr flössen ihnen dicke Freu
denthrönen über die gealterten Wan
gen hinab.
Pferde als Landplage.
Der südliche Theil 'des großen San
Joaquin Thales« in Kalifornien, ein
Gebiet von etwa 20,000 Quadrat
meilen, war in den 40er und 50et
Jahren von einer Gattung wilder
Pferde, den Mulangs oder den soge
nannten wilden mexikanischen Pset
den, förmlich Überlaufen. Die Thie
te lebten in Trupps von oft mehreren
Hundert Exemplaren und richteten
wiederholt großen Schaden an. Solch'
eine Bande wilder Pferde zerstörte,
wenn sie in bebautes Land einbrach,
.in einer einzigen Nacht die Hoff nun
gen monatelanger Arbeit, so daß die
frühen Anlsievler Grund genug hatten,
dieselben als eine Landplage zu be
trachten zumal auch die wilden Ge
sellen wegen ihrer kleinen Gestalt dem
jenigen, der sie einfing und zähmte,
wenig Nutzen boten. Obendrein nah
men die Mustangs sehr häufig die
zahmen Pferde der Ansiedler in ihre
Mitte und entführten dieselben.
Es war daher eine Maßnahme der
Selbsterhaltung, wenn die Bewohner
jener Thä'ler sich zusammenthaten und
große Jagden auf die Dhiere veran
stalteten.
Die Art, tote diese Jagden oder bes
set gesagt Treibjagden ausgeführt
wurden, war eine ganz eigentümliche.
War eine Jagd beschlossen und ein
passendes Gebiet dafür ausgewählt, soj
•HKfW*.
«»IXMDMWW
II«,"'•)'
I
i-n,i.
t,m.in.!I
w\\&k
errichteten die Jäger zunächst zwei
Zäune, welche wie die Schenkel eines
gleichschenkeligen Dreiecks angeordnet
waren und zwar so, daß sie an der
Spitze etwa vier Fuß,, an den anderen
Enden aber mehrere Hundert Uards
von einander entfernt waten. Die
Zäune waten hoch und stark genug an
der Spitze des Dreiecks, um erfolgreich
der Gewalt dort zusammengedrängter
Pferde zu widerstehen.
Dann machten sich die Jäger, alle
wohlberitten, auf, um eine Mustang
Heerde zu finden. Hatte man eine
solche gefunden so theilten sich die Jä
ger in Gruppen und das Treiben be
gann. Zunächst ritt Einer auf die
Heerde zu und hielt dieselbe in stetiger
Bewegung. Dies bot keine besondere
Schwierigkeit, denn die Mustangs
sprengten selten auf große Entfernun
gen in gerader Linie davon sie kehr
ten um oder liefen im Bogen, so daß
der Treiber dadurch, daß er die Ecken
abschnitt, die Heerde in Betregung
hatten konnte, ohne auch nur die Hälf
te des von den wilden Pferden durch
messenen Weges zurückzulegen. Nach
zwei Stunden wurde der erste Reiter
durch einen zweiten abgelöst und so
fort die Hauptsache war, daß tile
wilde Heerde durch bte beständige
Ruhelosigkeit ermüdet wurde. Die
Nacht brachte den Thieten keine Ruhe,
da die Treiben stets zur Zeit des Voll
moulds unternommen wurden. Am
zweiten Tag bildeten sämmtliche Jä
ger nach und nach einen vorn offenen
Kreis um die Heerde und trieben die
selbe schließlich nach der von den Zäu
nen begrenzten Fläche. Immer wie
der vorwärts strebten die Thiete es
blieb ihnen nur mehr der enge Aus
gang. Dort aber erwarteten Män
net mit starken Spießen das erschöpf
te Wild und richteten ein entsetzliches
Blutbad an. Kurz vorher wurden ge
wöhnlich einige besonders schöne Ex
emplare, die der Eine oder der Andere
zu haben wünschte, herausgefangen.
Das Einfangen geschah in der Weise,
daß den Mustangs sowohl von rechts
als von links ein Lasso über den Hals
geworfen wurde. Dann zogen die
Reitet von beiden Seiten an und es
gab kein Entkommen mehr. Heftig
urtd aufregend rar wob? der Wider
stand des vrrjircife'lten Thieres, aber
schließlich mußte es sich fügen.
Heutzutage ist das wilde Pferd in
Kalifornien selten es kommt fast nur
noch in der Gegend des Mi. Whitney
und Mt. Williamson vor und auch
dort nur in beschränkter Anzahl. Da
gegen richtet es auch dort manchen
Schaden an, irtdetn es die zahmen
Pferde von den Weideplätzen entführ
te.
Staunenswerth ist die Kraft, Ge
wandtheit unit) Bösartigkeit der wil
den Hengste. Ein Kampf zwischen
zwei Solchen-gehört, nach den Berich
ten von Augenzeugen, zu dem Groß
artigsten und Aufregendsten was man
sehen kann. Die Thiete beißen,
schlagen und stoßen anscheinend blind
lings auf einartder los und doch ist in
ihren Angriffen Methode. So suchen
sie mit ihren Votdechufen sich auf die
Kopfe zu schlagen und ihre Bisse rich
ten sie hauptsächlich nach dem Wider
rist. Dabei schreien und schnauben
sie so wüthend, daß man sie auf große
Entfernung hin hören kann. Ist ei
nes der Thiere zu Boden geworfen, so
sucht es den Gegner am Bein, direkt
oberhalb des Hufes zu fassen und ihn
ebenfalls niederzureißen. Der schließ
lich unterliegende Hengst ist meist so
zugerichtet, daß er zu ©runde geht.
Bei solchen Kämpfen lassen sich die
sonst scht vorsichtigen und scheuen
Mustangs durch die Gegenwart des
Menschen nicht stören.
Der wegen 'Kurpfuscherei ver
haftete Homöopath Dr. Bolbeding,
der in Düsseldorf seit 20 Jahren
praktizirt, hatte 'die größte Praxis
unter allen Aerzten. Er betrieb sein
Geschäft in rein kaufmännischer Weise
und zwar im Großbetrieb. Für die
1000 „Danksagungen", die er in den
weitesten Kreisen veröffentlichte, gab
er jährlich das Sümmchen von 160,
000 M. aus. Die Praxis brachte ihm
diese Ausgabe mehr als reichlich ein.
Denn et arbeitete mit 22 Leuten und
ließ von Bureauschteibern außer ge
wissen Pulvern und Tropfen ein wun
verwirkendes Geheimmittel, das den
mystischen Namen „Unispi" führte,
fabrikmäßig herstellen. Wie groß der
Zulauf Derer, die leider „nicht Alle
werden" jahraus jahrein war, geht
daraus hervor, daß er täglich 300 bis
500 Briefe erledigen ließ und in sei
ner Hausptaxis täglich 100 bis 160
Kranke abfertigte oder von seinen An
gestellten abfertigen ließ. Seine Jah
reseinnahme belief sich auf 420,000
bis 450,000 M.
A a
Freund, wie kann man denn eine so
elende Ktgarre rauchen?! Da kannst
Du doch keinen Genuß haben während
des Rauchens!" „Allerdings aber
wenn ich aufhöre!"
Studenten): „Als ich gestern über
den Marktplatz ging, sah ich Sie g'tad
aus dem Wirthshaus kommen!!"
Studiosus: „Das toar ich nicht!
Ich komm' nie g'tad aus dem Wirths
Haus!"
w/rr n*»» i" f".!#1 »n
Humoristisches.
I a S
wirklich der verschmitzteste Mensch auf
Erden sein»"
..Wieso?"
„Nun, mein Bruder sagt, daß et
nun schon seit fünf Jahren Ihr
Stammgast fei, und Sie hätten ihm
noch nie reinen Wein eingeschenkt."
W a
haben Sie den Ziegel, den Sie in der
Hand hielten, anstatt ihn auf das Ge
rüst zu legen, dem Paffanten auf den
Kopf fallen lassen?" Maurer: „3
bitt', es hat g'tad sechse g'fchlagen.
Um sechse is Feietabend."
Martha, Herr Professor, muß bekom
men die feinste Bildung. For de
französische Sprache engagireft wir ei
ne Gouvernante, und for de englische
eine Miß!" „Und wie halten Sie
es mit dem Deutschen?" «DaS
lerne wir 'se!"
Commercienrath (zu dem um feine
Tochter anhaltenden Baron): „Nun,
und wieviel?" Baron: „Herr Commer
cienrath ich habe keine Schulden!"
Commercienrath: „Bedaute dann
kann ich Ihnen meine Tochter nicht
geben!"
A N
mädchen (in's Zimmer guckend): »Soll
ich noch Bier holen?" Ehemann:
„Ich möchte schon Ehefrau (ihm
das Wort nehmend): „Mein Mann
will sagen: Ich möchte schon bitten,
nachdem ich schon eilten Liter getrun
ken habe, künftig solch' unnütze Fra
gen gar nicht mehr zu stellen!"
S
len. „Karoline, Sie verlassen heute
noch den Dienst!!" „Aber weshalb
denn, gnädige Frau?" „Sie haben
sich vorhin auf der Treppe von mei
nem Sohn küssen lassen!" „Sooo—
und neulich wollten Sie mir kündigen,
weil ich mich von einem wildfremden
Mann auf der Treppe habe küssen las
sen! Ihnen kann man's doch gar nicht
recht machen!!"
Einen für die Lehrerbesoldung
in den östlichen Provinzen Preußens
bezeichnenden Fall theilt die „Preuß.
Lehrerztg." aus dem Wahlkreise Me
mei mit. In dem Dorfe Saluten
ist der Lehrer 26 Jahre alt und 6
Iahte im Amte. In Schwatzort ist
ein Briefträger 19 Jahre alt und 6
Monate im Dienste. Der Lehrer hat
zu feiner Ausbildung 6 Jahre und
1,500 Mark gebraucht, der Btiefttä
get hat vorher als Knecht gearbeitet
und sich ein Sümmchen verdient. Bei
de erhalten jetzt ein gleiches Gehalt,
nämlich 45 Mark monatlich. Wenn eS
sich hier um einen Ausnahmefall han
delt, so könnte man die Sache auf sich
beruhen lassen. Aber ähnliche Zusam
menstellungen sind leider fast Ort für
Ort möglich, da noch Hunderte von
Lehrerstellen mit 540, 570, 600 und
630 M. dotirt fmb. Durch Annahme
des Besoldungsgesetzes würden diese
geradezu unwürdigen Gehälter, die
vielfach niedriger sind, als die Löhne
der verheirateten Knechte, beseitigt
werden.
Prinz Max von Sachsen, der die
Priesterweihe erhalten hat und in den
Klerus der katholischen Kirche aufge
nommen wurde, hat in Gegenwart
sämmtlicher Mitglieder des königli
chen Hauses in der Hofkirche in Dres
den zum ersten Male die heilige Messe
gelesen. Vorher hatte er im Beisein
des Vorsitzenden des Ministeriums,
Dr. Schurig, eine Urkunde, laut wel
cher er ein für alle Mal auf die Krone
verzichtet, unterzeichnet. Diese Ver
zichtleistung würde nur in dem Fall
ihre Wirksamkeit 'verlieren, daß Prinz
Max der einzig überlebende Prinz des
königlichen Haufes sein würde.
Der vor einigen Monaten in
Philadelphia verhaftete Effektenkassi
rer des Bleichröderfchen Bankhauses,
Goetze, ist in Berlin von der Straf
kämmet des Landgerichts 1 wegen
Unterschlagung nyd Fälschung zu vier
Iahten Zuchthaus verurtheilt worden.
Goetze hatte dem Bankhause etwas
über 100,000 Mark unterschlagen und
war in Begleitung eines jungen Mäd
chens mit dem größten Theile seines
Raubes nach Amerika entkommen.
Bundesmatschall Bernhardt verfolgte
feme Spur nach Philadelphia, wo er
ihn verhaftete. Goetze gab freiwillig
das bei feinet Geliebten verborgene
gestohlene Geld heraus und ließ sich
widerspruchslos nach Deutschland aus
liefern.
DaS Reichsgericht hat die gegen
das über Mathilde Heintze und Oscar
Hetlman von Bremberg gefällte To
desuttheil eingewandte Revision ver
worsen, so daß das Uttheil nunmehr
vollstreckt wird. Die Beiden hatten
den Ehemann der Heintze ermordet
und waren nach Amerika entkommen.
In Philadelphia wurden sie verhaftet
und nach Deutschland ausgeliefert.

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