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Der fortschritt. [volume] (New Ulm, Minn.) 1891-1915, June 16, 1897, Image 6

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(Fortsetzung.)
Oscar lächelte belustigt. „Auch mei
ne Mutter hatte soeben feinen Besuch'
unterbrach et sie. „nein, meine liebe
Watzmännin, im Pfarrhause war Nie
mand, müßte sonst sein, daß unsere
alte Dorette ah da ist sie ja Do­
Oscar liebte seine Blumen und int
Willig oft der Zerstörung seiner Lieb
linge beugte er sich über den gennßhan
deltm Rosenstock.
Dorette wurde in 'dem Augenblicke
durch Frau Doktor Reinhard in das
Haus gerufen, und als Oscar die zer
knickten Rosen traurig betrachtete, ent
deckte er plötzlich einenFetzen schwarzen
Zeuges, der sich hartnäckig in dm Dor
nen festgeklammert Ihatte. Oscar, das
Stück Zeug vorsichtig lösend, erkannte
sofort an 'der Feinheit des Stoffes, daß
derselbe 'nicht zu der Bekleidung eines
Mützelbacher Einwohners gehörte.
sielm ihm die Worte der Satz
manttsbäuerm wieder ein: „EineFrau
ensperson sei Vie toll mid blind um
die Gartenecke gestürzt", so hatte
sie gesagt.
Auf einmöf strömte pfleS Blut zum
Herzen, und wild sing es an ihm in
Ven^Schläfen zu hämmern. Aber mit
Gewalt versuchte er den Gedanken zu
bannen, der 'ihn so mächtig erregte.
Das, das war ja nicht möglich, nickt
denkbar! Kon'nte sie, die Schöne, Stol
ze, ihm so nah gewesen sein? Aber
was sollte sie im Pfarrgarten? Und
doch wie kam dies feine Stück Ziug
an den Rosenstrauch? Es war von
Einern Kleidungsstück, einem Mantel,
von einem Stoff, wie ihn Hur Städte
rinnen tragen, abgerissen, heftig abgc
rissen worden], uttjb fein armer Non
stock hatte dafür büßen müssen, daß
Oscar, 'den Tuchsehen krampfhaft
festhaltend, stürmte aus dem Garten.
Wollte er der Entflohenen nach? Er
trahm denselben Weg, welchen Erva
zuvor genommene über den Heintn
Steg, über den Wiesenpfad. Als er
'die Mauerpforte des Klostergart-ns
erreichte, war dieselbe verschlossen, sein
Rütteln half ihm nichts, er hätte
Idas wissen müssen! Nun ging
eiligen Schrittes »an der hohen Mauer
entlang, er kämmte eine schadhafteStel
le in derselben, die ihm das Ueberklet
tern erleichterte.
Aus dem Wahmannshos.
Er»»hl««e «. D-h».
»WC .»yvtet«' «V VW I" *U4U|l
reite!" rief er einer Magd zu, welche
just aus der Hauschür getreten mar,
um die Fensterläden zu schließen
ist soeben Jemand bei Dir gewesen?
rat
Dörte stand noch beim Herrn Pfar
rer am ©artenzauin, bis die dralle Ge
stalt der reichen Bäuerin ihren Blicken
entschwand.
„Gahen's nit mehr furt, HerrPsar
ter", meirntc sie besorgt, „gleich giewt's
was Nasses. Herr Du meine Gute
zeterte sie gleich 'darauf und wickelte
«ch die Arme aus tier Schürze, um sie
über dem 'Kopfe zusammenzuschlagen.
„Unse Rosen! unse Rosen!"
„Nun, was ist's bamtt, Dorette?
wandte sich Oscar fragend um. Jetzt
fah aber auch er, was er beim Heraus
treten im der Dunkelheit zuerst über
sehen, seme schön gehegten Centtfo
lien geknickt und wieBliithenschme lag
auf foen schwarzen Beeten, alle die am
Nachmittag üppig entfalteten Rosen
zerblättert und vemichtet.
Dorette. eine treue alte Seele, die mit
zum Hausinventar Iber Pfarre gehörte,
trat verwundert näher, und sich du prasselnd auf das Richte Baumlaub
Arme in die Schürze rollend, sagte sie:
„iRe Herr Pfarrer, bi met is kener
»ich gewesen."
„Na, gute Nacht, Herr Pfarrer, gute
Nacht Dörte", rief damn die Bäuerin.
-Schönen Gruß an die Frau Dokto
rin!" und rüstig schritt sie ihres Wges
davon.
m,
i— v— ~~?-y i'T"""' jjrr. fche kühle Nachflust vermochte auch
ble Dornen zu furwttztg sich ang.oakt Anregung zu lin
hatten.
Das alte Mauerwerk war hier aus
den Fugen und in einanldergefallen.
Immer noch beträchtlich hoch genug,
«m als Schutz für den sich nach die
sem Theil hinstreckeniden Küchengarten
zu dienen, hatte Herr von Uelzen bis
jetzt die Wiederherstellung der Mauer
versäumt. Ein Glück war's, daß die
biederen Mützelbacher, vergraben in
«ihre dicken Federbetten, keine Ahnung
von den Turnübungen ihres Seelsor
gets hatten. Sich mit 'den Händen
auf die Maueröffnung stützend,
schwang er sich gar geschickt auf die
Mauer und war mit einem «Sprunge
drüben in den Kohlköpfen und Rüben.
Dann eilte et durch Dick und' Dünn
weiter, und mäßigte erst seine Schritte,
als er in die Ulmen-Allee des Gartens
einbog. Als er vor 'dem in nächtliches
Dunkel gehüllten Hause stand, begann
sich seine fieberhafte Aufregung zu le
gen.
Nur zwei matt erleuchtete Fenster
schimmerten aus der langen, dunklen
Front 'des alten epheuumzogenen Ge
bäudes. Regungslos am den Stamm
einer lllme gelernt, stand Oscar, das
gerichtet. Die Fenster gehörten zu ei
nem der Fremdenzimmer des Hauses.
Plötzlich trat in den Lichtschein eine
weiße, zarte Frauengeftalfc. Das dunk
le Haar floß ihr aufgelöst über den
Rücken, die Hände hatte sie über der
Brust gefaltet. Die großen strahlen-
ben
Augen suchten vergebens nach ei-
nem einzigen freundlich blinkenden
(Sternchen am finsteren Horizont, Os
^gte kaum zu athinen, seine
Seele lag in seinen' Augen. Große
Regentropfen begannen klatschend und
zu fallen und in wenigen Minuten
regnete es in Strömen. Pechschwarze
Finsterniß legte sich über die Erde,
aber Oscar Ieu^tete das Himmelslicht,
so lange die junge, bleiche Frau am
Fenster stand. Erst als die grünen
Vorhänge zusammenrollten und das
Licht da oben erlosch,, erwachte er aus
feinem Traum. Und nun war Alles
dunkel, auch in des Mannes Seele
erlosch der letzte Hoffnungsstern mit
dem Schimmer des Lichtes.
Den Fetzen Zeug barg er in feiner
Brusttasche und dann trat er, viel ru
fhiger als er gekommen', den Heimweg
an. Seine nächtlicken Kletterübungen
entlockten ihm ein stilles Lächeln. Mit
verletzten Händen und vollständig
durchnäßten Kleidern kam er in feiner
Woihnung an, nur froh, daß er der
Mutter Fragen und Dörtes unaus
bleiblichem Bejammern glücklich entge
hen und sein Zimmer unbemerkt von
Beiden erreichen konnte.
„Wie fah die Frau so ungefähr
aus, iGustel, die Dir heute Moraen
die Hand gab?" fragte die Bäuerin
ihre Tochter, während 'dieselbe den
Mantel ihr abnehmen half.
„Je nun, Mutter, fem und zierlich",
meinte Gustel.
„Fein hin, fein her, Mädchen.
kann man eine Frauensperson nicht
näher beschreiben?"
Gustel ritz die Auowt aus. Ihre
Mutter war doch sonst nicht von der
Neugierde geplagt. „Nun, dunkles
Haar hatte sie, Mutter", berichtete Gu
stel, „und Augen so dunkel, grab wie
die Deinen aber weißt', Mutter, sie
hatte ein schwarzes Flortuch .halb über
den Kops gezogen, grab wie manNon
nen abgebildet sieht, man konnte das
Gesicht kaum durckerkennen."
„Ja, ja, das glaube ich", murmelte
die Bäuerin.
„Was, Mutter, Haft sie auch
Ne­
schen?"
„Wen? die feine Dame? hm!
Gch zu Bett, Mädchen," sagte die
Mutter gepreßten Tones. „Nein, geh
nur, ich schau nach dem Rechten.
Ist der Fritz daheim?"
„Nein Mutter, Wa^ mich auf ihn
warten!"
„Geh zu Bett, Gustel, ich warte
schon noch eine Viertelstunde", befahl
die Bäuerin entschiedener und Gustel,
gewohnt zu gthrfrthro, begab sich stur
Ruhe.
Der Bäuerin wurde es heiß und
niedrigen Wohnstube.
schwül der
Sie riß die Fenster auf, aber diefri-
dern.
Dann kam ihr Sohn, sie hörte durch
das Regengeprassel hindurch seinen
Schritt und ging ihm bis an das
Hofühor entgegen. Mutter und Sohn
verschlossen dann vorsichtig dasselbe.
„Fritz", sagte die Bäuerin in eigen
tümlich weichem Tone, da sie Beide
in dem Hausflur standen, „Fritz,
willst Du wirklich kein Bauer werden?
Schau den Hof an. Alles Ordnung,
Ruhe und Frieden. Brauchst nim
mer zu sorgen als ein freier Mann
auf freiem Boden."
Sie hatte ihn bei den Händen er
faßt und sah ihm fast flehend in das
hübsche feine Gesicht, und als Fritz die
dunklen Augen halb furchtsam—denn
so erregt hatte er die Mutter nie
sehen, halb ungeduldig zu ihr auf
schlug, schauderte die Bäuerin leicht
zusammen sie* hatte in dieselben
Augen soeben -~er*aut, in einem blei
chen entsetzten Gesicht, und dies Gesicht
Auge nach dem matten Lichtschimmer sah es gar wohl, wie Fritzens Stiefel
Fritz machte los von der Mutter,
ihm behagte es nicht, daß man ihn so
gleichsam überfiel, lieber das Ge.^t
der Bäuerin aber letzte
rx
»m finsterer,
feindseliger Zug sie schlug heftia die
Hausthür in's Schloß und trat ihrem
Sohn votan in die Wohnstube.
„Komm herein, Fritz, es ist spät,
und Du mluißt Dich der alten Sitte
gen in Deines Baters Haus dieWatz
mannß sind nimmer nach zehn Ubr
draußen hetumlgelungert beim Bauer
heißt's noch stets: Morgenstunde hat
Gold im Munde, da gehts früh zu
Bett und früh wieder an die Arbeit."
Die schweren Holzschuhe der BLu
erin knirschten aus dem Sande? der
dicht gestreut auf 'den Dielen lag, sie
die flehten knackenden Körnchen sorg
fältig beim Zutreten vermieden. Der
Junge war ein „Städter" geworden
vom Kopf bis zur Sohle.
„Gute Nacht, Mutter!" sagte Frttz.
Er fürchtete die in der Luft schwe
bende Strafpredigt, und verspürte
nicht die mindefteNetgung dieselbe noch
heute Abend anzuhören.
„Bleib noch einen Augenblick", sagte
dif Mutter.—..Sag', ist's Dein Ernst
gewesen mit dem was Du uns ab
schrieben?"
„Mein vollkommener Ernst, ja.
Mutter aber wenn Ihr mich zwin
gen wollt, muß ich natürlich mich fü
gen."
Die Bäuerin lachte höhnisch auf.
„Zwingen sagst Du? Dich dazu zwin
gen, Deines Vaters schuldenfreies Aao
umd Guit einst zu übernehmen? ch
denke, das wird wohl Keiner ltötbig
haben, wirst noch früh genug zu Ver
stand kommen und einsehen, daß
man
nicht so mir nichts dir nichts fein
Wohgeordnetes Erbe an den Nagel
hängt"
Fritz sah schweigend zu Boden die
Mutter beobachtete ihn sckars, der
Junge war ihre Hoffnung, es war der
Traum ihrer Zukunft, ihn als eckten
Bauer einst wirtschaften zu sehen,
eine rüstige Bäuerin zur Seite im
wohlgeordneten Heim.
Es war nicht zu verkennen, der jun
ge Mensch sah
rtar
zart und verwöhnt
aus, die Hände, welche aus tadellosen
Manschetten hervorschauten, hatten
bisher wie eine harte Arbeit zu ver
richten brauchen. War das seine eigene
Schuld Hatten die Eltern es nicht
selbst zu verantworten, wenn er dem
Landleben entfremdet war?
„Höre, Fritz," sagte dieBäuerin nach
einiger Ueberlegung viel ruhiger. „Du
bist unser einziger Sohn und als sol
cher hast Du ernste Pflichten zu erfül
len, Du kannst dieselben nicht leickt
sinnig von Dir werfen. Für Dich
haben wir gespart und gearbeitet, thun
es noch immer. Und wenn sonst Dir
Vater und Mutter fange erhalten blei
ben, dann wollen sie Dir auch nach be
sten Kräften Dein Erbe noch weiter be
wirtschaften und im Stande halten,
bis Du ein Mann geworden und es
von uns forderst.
Wenn ich Dir nun verspreche, Jun
ge, daß Du, sobaild Du «Soldat ge
wesen bist, Reisen gehen kav""
wie Du es Dir gewünscht, ein vaar
Jahre lang Dir die Welt ansiehst
willst Du mir dann dafür hier in die
Hand geloben, dereinst heim zu kom
men und ein echter, rechter Bauer ?u
werden hier auf Deines Vaters Gut
als fein Sohn und Erbe? Willst Du
das, Fritz?"
Er hätte nicht siebzehn Jahre alt
und so ein leichtsinniger enthusiasti
scher Bursche sein müssen, um nicht
die lockenden Aussichten, die sich ihm
da eröffneten, anzunehmen um '"den
Preis. Seiner Tugend lagen die kom
menden Fahre in zu weiterFerne und
war die Freiheit, welche die Mutter
ihm bot, denn nicht den Preis Werth,
welchen er mit seinen späterenLebens
jahren zu zahlen hatte?
Er versprach Alles, und dankte der
ja dm Glauben an ihn fo nothwendig
für ihre innere Zufriedenheit.
Aber lange, lange noch als Fritz zur
Ruhe gegangen, saß die Bäuerin noch
allein am offenstehenden Fenster der
Wohnstube. Den Kops in die ar
beitsharte Hand gestützt, quälte sie sich
ab mit Gedanken, deren Schwere sich
ahnen und erkennen ließ an den
heißen trüben Blicken, die in dasDun
kel der Nacht starrten.
10.
Alles, was im Watzmannshose
Hände zum Arbeiten hatte, mußte die
sen Morgen hinaus auf's Feld. Das
Heu war noch draußen geblieben,
mußte gewendet und getrocknet wer
den, der Nachtregen hatte es gehö
rig durchgeweicht, aber die liebe Juli
sonne brannte wieder heiß über die
Fluren und trocknete schnell.
Mutter noch obendrein in so beredten Augen der Wadmannsbäuerin streifte
Worten, daß sie ihrem Sohne vertrau* das Kind, und es ließ erschrocken ob
te und Glauben schenke. Sie hatte der Fremden Erscheinung fein Sviel-
Nur die Bäuerin war zu Haufe ge
blieben, sie hatte daheim für die hun
grigen Magen zu sorgen und einen
„tüchtigen Topf voll" zu kochen. Sie
war schon früh rührig bei der Hand
gewesen, das Mittagessen war bereits
gekocht, der Topf sicher gestellt, das
Feuer vorsichtig gedämpft, damit der
Inhalt im Topf nickt gar so arg ver
kochte und nun war sie eben die Stie
gen hinauf in ihre Kammer getreten.
Der Werkeltiagsanzug wurde abge
tham unto dafür sorgfältig und be
dächtig der Sonntagsstaat angelegt,
lieber 'die runden Hüften baufchte sich
ein Felbelrock aus roilhem Tuch, ein
schwarzes, knappes ©ammetmieder
mit silbernen Knöpfen umschloß die
volle Büste, weiße und blau gestreifte
Zwickelstrümpfe und ausgeschnittene
Lederschuhe vervollständigten den An
zug 'dazu kam noch eine lange und
weite seidene Sckürze, bereit lange
Bänder um die Taille liefen und hin
ten in einer stattlichen Schleife endig
ten.
Das Schönste und Großartigste
aber war 'doch die große Bändermütze,
die schnabelförmig sich vorn auf den
glätttfrf Schottel: ider Bäuerin preßte
und mit ellenlangen kostbaren breiten
schwarzen Bändern verziert war, die
ihr lag auf den Rücken sielen. Um
sich den Sonntagsanzug anzulegen,
dazu brauchte sie nicht einmal in das
Spiegelglas über der Commode zu
schauen, denn derselbe hatte in seinen
Bestandtheilen niemals eine Aende
rung erafhren so hatte sie ihn getra
gen als junge Frau, und gerade so
würde sie ihn tragen bis an ihr Le
bensende von ihrer Tracht wich sie
nicht, der Felbelrock und das Bauern
ntieder gehörten eben zu ihren Lebens
bedürfnissen wie das tägliche Brod.
Daß sie aber den woihÜSehüteten
Sonntagsstaat an einem Werttaoe
anlegte, war wunderbar genug und
das ernste Gesicht der Frau veränderte
sich um keinen Zug. Nur als sie den
Hausschlüssel vorsichtig int Stoffe
umdrehte, flog ein besorgter Blick
ringsum über die Hofgebäude, die still
und einsam, nur unter Phylax' Be
wachung dalagen. Dann aber seW» ffe
sich resoluten Schrittes in Bewegung,
und zwar schritt sie quer über den Hos
und betrat die aufräumte Scheune,
von welcher aus eine Thür in den
Garten führte.
Aus dem Garten nahm sie ihren
Weg über denDorfkirchhof, dann "ber
die Gemeinde-Wiese am Klostergarten
entlang gehend bog sie um die Ecke
der Mauer und erreichte bald das
große uralte Einfahrtsthor des Guts
hofes. Ein junger Hofverwalter, wel
cher sie kannte, begegnete ihr in dem
Thorbogen.
„Hallo, Base Watzmann, was
bringt Euch denn hierher?" fragte er
ganz erstaunt.
„MöchteFrau von Uelzen 'mal spre
chen, ist sie 'daheim?" antwortete sie
kurzi
„Das ist sie", nickte der Verwalter,
„habe sie soeben noch gesehen und wä
ret Ihr einige Minuten früher gekom
men, hättet Ihr die schöne Baronin
abfahren sehen können. Der Herr ist
selbst mit ihr zur Stadt gefahren.
Sapperlot, Base, die ist schön, sage
ich Euch, so was Feines giebt's nicht
alle Tage zu seihen."
Die Bäuerin stand eine Weile ^nz
verstört «da, als sie von der Abreise
der Fremden vernommen, besann sich
dann aber und schnitt dem jungen
Manne weitere Reden kurz ab mit dm
ungeduldigen Worten:
„Und könnt "TSr mich zurechtweisen,
daß ich die Frau von' Uelzen finde?"
„O geht nur in's Aaus" sagte der
Verwalter, die Hände in die Hosenta
schen pfropfend, „irgend Jemand
bringt Euch drinnen schon zurecht
Bald darau stand die WatzmannL
bäuerin der Frau von Uelzen in deren
Zimmer gegenüber. Letztere, obaleicy
im höchsten Grade verwundert über
diesen ungewöhnlichenBesuch, empfin?
dennoch die Bäuerin mit artiger
Freundlichkeit. |Aus dem Teppich zu
ihren Füßen spielte Ernas kleiner
blondlockiger Knabe. Das schöne Kind
scch gar 'lieb und verlockend aus in sei
nem duftigen weißen Kleidchen, aus
welchem die rosigen Aerntchen und
Beinchen wie zum „Anbeißen" hervor
schauten.
Ein einziger scharfer Blick aus den
zeug im Stich und versteckte furchtsam
das Köpfchen in Frau von Uelzens
Kleidern.
Die Bäuerin aber, rtachdem sieFrcm
von Uelzen steif die Hand gereicht hat
te zum Gruße, begann, indem sie sick
des besten Hockdeutsch bediente, wel
ches sie vorzubringen vermochte:
„Ich bin 'leider zu spät gekommen,
gnädige Frau, und hörte schon drau
ßeit von der Abreise der der ftetn
den Dame".
„Sie meinen die Baronin von Toir
paten?" sagte Frau von Uelzen er
staunt.
„Wenn sie sich so nennt, ja, die
meine ich," nickte die Bäuerin, „und
es ist schade, daß sie fort ist, ich hatte
rsie noch um etwas fragen wollen."
Frau von Uelzens Staunen und
Neugierde imirde immer größer.
„Kann Ihnen die Adresse der Frau
Baronin nützen, so will ich Ihnen
dieselbe gern geben", meinte sie
aber die Bäuerin, schüttelte langsam
den Kopf.
„Das nützt mir nichts," sagte sie.
„Unsereins giebt sich mit Briessckret
ben nicht viel ab, und was ich zu fra
gen hatte, Idas kann t* eben nur die—
Hirn)—bie Frau Baronin selber fragen.
Und kurz und gut, 'da ich denn
einmal hier bin, ich kann's Ihnen
ja tauch sagen. Ihre Frau Baronin
'hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit
einer Person, die mir einmal sehr na
'he stand und als ich die Fremde ge
stern Abend so plötzlich vor mir sah,
war's, als sähe ich diese Person leib
hastig vor mir. Nehmen Sie rntire
Reden nicht übel, gnädige Frau, denn
Diejenige, welche ich zu sehen meinte,
in deren Adern fließt gefurndes, unver
fälschtes Bttuernblut Erttd wenn auch
das weiße, erschrockeneGesicht sein und
vornehm genug aussah, die Natur
spielt ja olft wunderbar, aber sie Iiir»t
doch nicht!"
„Sie 'sprechen in Räthseln", ant
wertete kopsscküttelnd die Gutsfrau.
„Wenn Sie aber glauben, gestern
Abend meine Nichte gesehen zu haben,
fo irren Sie sich denn so viel ich weiß,
ist sie nicht von ihrem Kinde fortae
gangen und ist am Abend sicherlich
nirgend gewesen, wo Sie ihr hätten
begegnen können."
Die Bäuerin sah finster zu Boden.
„Ich glaube nicht an Gespenster",
sagte sie, „und wandle auch nicht mit
geschlossenen Augen einher. Es muß
ncche an zehn Uhr gewesen sein, bin
sonst selten noch um die späte Zeit
draußen. Und aus dem Rückweg dicht
am Pfarrhause prallten wir zusam
men, ich und die Fremde. Mützel
bach ist doch selten genug von fremden
Leuten besucht, als daß man nicht
auch ohne daß man erst mit ihnen -u
sürnntenrennt, von ihnen Hören sollte.
Nun, diese Dante Mit dem vornehmen
Namen würde mich dennoch nicht
kümmern, wenn ste nicht—diese Aehn
lichkeit besäße."
„Aber mit wem soll sie denn diese
ausfallende Aehnlichkeit besitzen?"
fragte Frau vom Uelzen. „Doch nicht
etwa mit Ihrer verloren gegangenen
Tochter?"
Die Worte klangen' Hochmüthiner
als es die Absicht der Sprecherin ge
Wesen war, aber die Vermuthung är
gerte sie etwas und der adelige „Pique"
der alten Dame trat doch hin und
wieder zum 'Vorschein.
Das Gesicht 'der Bäuerin war ptöfe
lich weiß geworden bis in die Lippen
diese direkte Krage und die Erwäh
nung ihrer Tochter brachten sie aus
ihrer ruhigen Fassung.
„Und wenn das so wäre, gnädige
Frau?" entgegnete sie in gepreßtem
Tno.
Frau von Uelzen hatte ihre Besitze
rin scharf beobachtet die Todtenbläs
se in dem G-^t der Frau, das
Schwanken ihrer Stimme begannen
ihr Mitleid zu erwecken.
„Liebe, besteFrau Watzmann," sag
te sie, „Sie haben sich durch eine zu
fälliqeAehnlichkeit, wie es scheint, re*t
schwere Stunden gemacht. Hätten Sie,
anstatt im Mützelbach, Zeit Ihres Le
bens in einer großen Stadt gewohnt,
würden Sie oft Gelegenheit gehabt
haben, dergleichen zuweilen ganz wun
derbare ^Ähnlichkeiten zwischen zwei
sich durchaus fern stehenden Personen
herauszufinden."
Die Bäuerin hatte die Hände über
die Schürze gefaltet und sah nock im
mer starr vor sich nieder.—WennFrau
von Uelzen glaubte sie überzeugt zu
haben, irrte sie sich, es war ein natür
Itches Tactgefühl, welches die Bäuerin
fchweigen machte, sie hatte richtig ge
nug herausgefühlt, wie peinlich der
Gedanke für dieArtstokratin war, ihre
vornehme Nichte mit einer Bauern
tochter zu veraleicken. Und die nack
te Wahrheit über die wahre Herkunft
derselben hätte die Mutter doch nur
von der Tochter entgegenhalten kön
nen.
Der wirre Lockenkopf des kleinen
Edgar hatte schon längst neugierig
aus Frau von Uelzens Kleidersalten
sich de.: fremden Besuch beschaut, und
die Watzmanns-Bäuerin, einen Blick
der großen, blauen Kinderaugeu aus
fangend, fragte: „Ist das ihr Kind?"
Frau von Uelzen zog den Kleinen
an sich, „Ja", sagte sie, wieder viel
reservirter, „und der Enkelsohn mei
ner verstorbenen Schwester. Und
meine liebe Frcv», da wir doch einmal
davon sprechen,—feine Mutter ist die
Tochter eines Regierunnsraths Stern»
fett unld stammt aus Kurland,"
Die Bäuerin nickte mit dem Kopfe.
„So?" sagte sie trocken. „Und
die Leute sagen ja auch, daß sie eine
berühmte Schauspielerin sei?"
„Da haben die Leute ganz recht",
erwiederte Frau von Uelzen. „Erna
Sternfeld war, ehe sie meinen Neffen
HeiratHete, bereits bekannt u. berühmt
als Schauspielerin—Kann ich Ihnen
sonst noch mit etwas dienen?"
„Ich idante, gnädige Frau, und
nähmen Sie die Störung nicht übel!"
antwortete die Bäuerin kalt. „Guten
Morgen^' Steif knixvnd und mit ei
nem finsteren Blick das Kinid streifend,
verließ sie das Zimmer. Ohne fi©
aufzuhalten', ben ab sie sich schnellen
Schrittes heimwärts. Sie zog die
Sonntagskleider wieder aus und den
Werktagsanzug an. sah nach dem
Topf auf dem Feuer und schürte die
Asche. Ruhig und bedachtsam ver
richtete sie die gewohnten häuslicken
Arbeiten und Niemand im Hause er
sujhr von ihrem Gesuche auf dem
Klostergut.
Ganz ohne Eindruck wait dieser Be
such für Frau von' Uelzen ooch vicyt
geblieben, wenn sie auch weit davon
entfernt war. die Wahrheit, oder was
die Bäuerin für möglich hielt, zu ah
nen». Sie erinnerte sich der Unierre*
dung, welche sie letzthin mit dem Pfar
rer über Sophie Watzmann gehabt
Oscar Reinhard aber hatte seine Er
holungsreise angetreten, er konnte ihr
int Augenblick feine Erklärung geben.
Er konnte sich «doch nicht durch eine
bloße Aehnlichkeit täuschen lassen
so calculirte Frau von Uelzen und
aus jeden Fall besaß er Menscken
kemttniß genug, er konnte nicht aus
die waghalsige ^dee gekommen sein,
unter der vornehmen distinguirtenEr
schemung der Baronin ein verkapptes
Bauernmäbchein zu vermuthen.
Es war ja schon1 möglich, baß bie
Bäuerin ihrer Tochter begegnet war
und am Pfarrhause ant allcrtonihr
schemlichsten. Die Jungfer Watz­
mann mochte sich ja in der Nähe ihrer
Heimath aufhalten, suchte vielleicht
Versöhnung mit den' Eltern durch des
Pfarrers Vermittlung.
Wie in aller Welt die Bäuerin auf
die Vermuchutog gekommen, just aus
dem Klostergut ihre verlorene Tochter
zu suchen, konnte Frau von Uelzen
nur auf die Hartnäckigkeit der Bäue
ritt schiebst», die, was sie sich einmal
in den Kopf fetzte, auch beharrlich
durchführte.
Frau von Uelzen beschloß, ihrem
Manne von dem Besuche der Bäuerin
vorläufig lnoch nichts zu erzählen der
alte Herr,, welcher sehr stolz auf die
schöne Nichte war, wäre im Stande
gewesen, den Watzmanns nicht allzu
höflich Bescheid zu "eben, die Gattin
kannte das choleriscke Temperament
ihres sonst gutherzigen Eheherrn ganz
genau.
Der kleine Edgar war sehr bald
die größte Freude des alten Ehepaares
geworden, namentlich hatte Herr von
Uelzen eine fast leidenschaftliche Zu
neigung zu dem kleinen Knaben, ge
faßt. Die beiden Leutchen fühlten,
daß sich ihr sehnlichster Wunsch erfüllt
hatte, sie hatten ein Wesen um sich,
das sie lieben, für welches sie sorgen
konnten. Am Liebsten hätten sie die
Mutter des Kleinen auch für immer
bei sich beihalten, indessen war, trotz
des zauberhaften Wesens der jungen
Frau, einEtwas störend und fremd
zwtfch&t sie getreten was einen wär
meren Verkehr zwischen den Verwand
ten verhindert hatte.
„Sie ist wie ein schöner, fremder
Wandervogel", hatte Frau von Uelzen
einige Tage nach Ernas's Abreise zu
ihrem Mann aefogt, „der muß feine
Schwingen regen und ihn fesselt
nichts, wenn der'Trieb kommt zum
Wandern. Unser stiller Klostergarten
war kein Heim für Erna."
11.
Ungefähr eineWoche war vergangen
feit der Abreife der Barontn von Tor
paten, als dem Uelzenfchen Ehepaar
eines Morgens zwei Briefe überreicht
wurden.
Frau von Uelzen fetzte sich die
Brille zurecht, fte las nach alter Ge
wohnheit stets die Briefe ihrem Gat
ten laut vor. Der kleine Edgar faß
mit7 am Frühstückstifch auf hinein mit
Kissen hochgepolsterten Lehnstuhle und
verzehrte Wohlgemuth seinen Milch
brei. Frau vmt Uelzen schickte die
Wärterin des Kindes aus dem 5Um
mer. „Der Brief kommt von Erna",
sagte sie zu ihrem Gatten.
„Na, denn mal los, Margareth!"—
Sie las:
„Meine geliebten treuen Freunde!
In einem Chaos von Koffern, Rei
sejacken und Schackteln finde ich tust
einen Quadratfuß Raum, um Euch in
fliegender Eile noch vor metner Abrei
se zu schreibet^ und Euch und meinem
Liebling. Lebewohl zu sagen —_
Ich habe ein in jeder Beziehung
glänzendes Engagement angenommen
und begebe mich in einer Stunde mit
dem Unternehmer und dessen Gesell
schaft auf die Reise. Uns wird das
Meer von einander trennen, New
Jork und später San Francisco find
das Ziel unserer Reise. Für vier
Jahre habe ich mich verbunden, derGe
sellschaft anzugehören'. Ich verlasse
Europa leichteren Herzens nun da ich
mein Zdind in gutem, treuem Schutz
weiß. Auf meinen Knieen danke ich
Euch edle Beschützer meines Kleinods:
der kleine Edgar wird-durch Liebe und
Zärtlichkeit Euch erfreuen, mein Dank
kann nur in den innigsten Gebeten für
Euch bestehen.
Lebt wohl! Lebt wohl und gedenkt
in Liebe Eurer dankbaren Erna."
Man muß sich im die Ideenwelt der
beiden altem Eheleute zurückversetzen,
um ganz den namenlosen Schrecken
zu verstehen, welcher sie beim Lesen
des Brieses überfiel. Eine Reise in
die nächste Stadt betrachteten sie fckon
als eine Begebenheit, aus ferner Ju
gendzeit erinnerten sie sich des Meeres,
des schimmerndem, trügerischen Was
sers, welches die schöne Halbinsel um
spülte. An Amerika aber, das sie
nur aus Reisebüchern kannten und
von welchem Lande sie sich die aller
wunderbarsten °*een zusammenstell
ten, an den fernen. Erdtheil vermoch
ten sie nur mit geheimen Grausen zu
'denken, ja es übermannte die alte Da
me dermaßen, daß sie in Weinen aus
brach, der kleine Edgar, welcher seinen
Milchbrei toohttgemiuith verzehrte, sah
gainz erstaunt über seinen Löffel hin
weg, dem Gebühren seiner Großtante
zu, die in einem plötzlichen Anfall von
Leidenschaft den Knaben zu sich zog
und sein blondes Köpfchen an ihre
Brust drückte.
„Armer Kleiner bist Du nicht so
gut wie verwaist?" rief sie. „O! Wa
rum mußte Erna so weit gehen!"
„,Na, Margareth", suchte Uelzen
seine Frau zu beschwichigen—„mach's
auch nicht gar zu schlimm es ist doch
vordem schon maflch Ewer iiber's
Wasser gegangen und wohlbehalten
wieder zurückgekomimvn. Bin frofj.
daß wir den turnen sicher hier ha
ben". setzte er mit einem glückseligen
Augenzwinkern hinzu,—man sah dem
altem Herrn die Freude im Gesicht an,
welchen er über den Besitz des Kindes
empfand.
(Fortsetzung folgt.)

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