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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, August 08, 1907, Image 7

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A
Erlöse uns von dem
Alltag
Roma» vo«
Svan% Nofen.
(Fortsetzung)
ie Seuche war richtig wieder
ausgebrochen. Lag es an
mangelhafter Pflege und
Sauberkeit lag es an der-
'umten Vorsichtsmaßregeln lag es
der Lust man wußte es nicht,
s änderte ja auch nichts, wenn man
arüber grübelte. Es mußte ertragen
erden und die Verluste auch. Wie
das würde sich ja finden.
Es war überhaupt das beste, in
umpfsinnigem Ertragen immer nur
denken: es wird sich finden. Jr
endwie fand es sich ja auch gewöhn
ch. Aber man litt darunter. Und
an hatte ja auch nichts, rein nichts,
as einmal für ein paar Stunden
arüber hinweg half.
Frau Christine rechnete und zählte
en ganzen Tag, laut und leise. Marja
achte ihr unverdrossenes Gesicht,
ulf stöhnte laut und fluchte heimlich.
Die Mutter mit ihrem Sorgen und
echnen war schrecklich. Aber Marja
it ihrer unverwüstlichen Laune war
och viel schrecklicher. Natürlich
konnte es ja gleich sein sie hatte
keinen Schaden davon. Und im
brigen war sie ein verständnißloses
ind.
Wulf konnte es endlich in der be
rückten Atmosphäre, in dem Stall
nd Desinfektionsgeruch, angesichts der
äglich steigenden Verlustliste nicht
lehr ertragen. Er ließ eines Nach
ittags anspannen und fuhr nach
Zublitten zu Herrn von Schallehn.
Alexander Schallehn war auf meh
ere Meilen in der Runde der einzige
JZcnsch, mit dem man verkehren konnte,
sonst gab es nur Bauern und Fischer.
Bulf mochte ihn nicht aber in der
?oth frißt der Teufel Fliegen. Er
doch wenigstens ein Mensch und
och dazu ein recht lustiger.
Er hatte früher bei Wulfs Regiment
(standen und erfreute sich dort nicht
es besten Rufes. Er war mehrere
Rale mit großen Schulden zusammen
ebrochen und dann wieder irgendwie
lott geworden. Man mochte thrt sei
er gesellschaftlichen Talente wegen
ern, aber man traute ihm nicht. Als
als Rittmeister den Abschied nahm,
auf's Land zu gehen, gab man
hm ein großes Gelage, bei dem es
och herging, und hielt es für das Re»
tftient sowohl als für ihn für das
este, daß er fort kam.
Sehr eifrig war er nicht in Aus
bung seiner neuen Pflichten. Er reiste
iel umher, hatte fortwährend Herren
esuch und lebte entschieden über seine
Zerhältnisse. Aber das war ja seine
dache.
Mit großer Liebenswürdigkeit und
inem erstaunlichen Talent, das Leben
u genießen und immer aus allem das
Zeste für sich zu nehmen, verband er
ine ebenso große Verachtung dieses
!ebens, die er mit dem krassesten Rea
ismus zum Ausdruck brachte. Eine
olche Verachtung des Lebens ent
iringt entweder aus Macht- oder aus
DhnmachtgesühV dem Leben gegen
iber. Aus welcher Quelle sie hier
oß darüber nachzudenken, gab sich
Bills nicht die Mühe, am wenigsten
cut, wo es ihm nur darauf ankam,
ch zerstreuen und erheitern zu lassen.
Wulf fand Herrn von Schallehn
llein, aber dieser erwartete in den
ächsten Tagen größere Gesellschaft
ön Bekannten und war außerordent
ich
aufgeräumt. Er ließ sofort ein
aar Flaschen schweren Wein aus dem
teller kommen. Dabei setzten sie sich
-st.
Draußen heulte der unerschöpfliche
stürm, drinnen brannte ein knistern
es Kaminfeuer um große Eichenklo
en. Alexander Schallehn erzählte
schwanke aus seiner Leutnantszeit,
achte, daß es schallte, und machte zwi
chendurch Witze. Aber Wulf war heute
chwerfälligen Geistes.
„Na, Freund," sagte jener, und goß
hm von neuem sein Glas voll, „mit
(hnm ist heut nicht viel anzufangen,
(hnen fitzt wohl wieder die Sorge im
Zemüth und stopft Ihnen einen Knebel
ri den Mund! Was ist denn los
eraus damit!"
Wulf erzählte von der Viehseuche,
llexander lachte.
„Und das nehmen Sie sich so zu
Gerzen?"
„Wenn ich so reich wäre, wie Sie.
Ltte ich es nicht nöthig," entgegnete
Bulf, der sich ärgerte, ziemlich scharf.
Aber ich bin arm."
Alexander machte diesem Ton ge
enüber sofort ein ernstes Gesicht. „Wie
»erden Sie es denn aushalten?" fragte
geradezu.
„Das wird sich finden." Es war
Dulfs neueste Philosophie, die er
rotzig und trocken vorbrachte. Alex
nder lachte wieder.
Sie machen entschieden Fortschritte
I
der Lebensweisheit. Das wird
sich
Inden! Sehr gut. Es findet sich alles
chließlich ganz von selber. Aber Ihre
[hcorie deckt sich nicht mit der Praxis.
Venn. .Sie fe denken, wie Sie spre­
chen, dürfen Sie nicht' den Kopf han
gen lassen. Treten Sie doch das ganze
ruppige Lebenselend mit Füßen, statt
daß Sie in Sack und Asche davor
knieen, dann wird es bescheiden und
duckt steh. Je mehr Platz Sie ihm
aber einräumen, desto übermüthiger
wird es und kriegt Sie schließlich ganz
unter. Warum denn immerfort sorgen
und quälen und Frondienste thun,
wer weiß wozu und für wen? Jeder
lebt zunächst sich selber. Jeder muß
sich ausleben. Ob für andere, für
meine Nachkommen noch was übrig
bleibt, ist mir sehr gleichgültig. Die
leben auch sich selber. Ich hab' mein
Leben für mich bekommen und mache
damit, was ich will. Und jedenfalls
etwas sehr Lustiges. Lustig leben und
rechtzeitig sterben. Apres mot Ie de
luge."
In diesem Tone redete er auf Wulf
ein, und Wulf hörte ihm zu und fühlte
sttfi um so unbehaglicher, je mehr er ge
neigt war, ihm recht zu geben. Zuletzt
sagte Alexander: „Wenn ich Sie wäre,
so wüßte ich längst, was ich thäte. Ihr
ganzes Leben besteht ja doch nur in
der elenden Geldnoth. Heirathen Sie
Ihre Pflegeschwester, die Marja!" Er
sah bei diesen letzten Worten seinen
Gast mit lauernder Aufmerksamkeit
an. Wulf zog die Stirn in Falten.
„Wenn ich nicht wüßte, daß es im
möglich ist, so würde ich fragen, ob
meine Mutter Sie beauftragt hat, m?r
das zu sagen."
„So die auch. Nun, der Rath,
den eine verständige Mutter und ein
wohlwollender Freund geben, muß doch
ein guter sein. Warum befolgen Sie
ihn nicht?"
Wulf sprang auf, als fei es ihm
plötzlich in der Stube zu eng und zu
heiß geworden.
„Weil wenn mich die ewige Mi
sere auch an allen Enden drückt und
knechtet, ich wenigstens mein Herz die
ser Knechtschaft entziehen will. Ich
will ein Weib heirathen und keinen
Geldbeutel. Ich liebe Marja nicht
und sie liebt mich nicht."
Alexander Schallehn hatte Wulf
nicht aus den Augen gelassen, aus den
lauernden und prüfenden Augen.
„Was sind Sie für ein idealer jun
ger Mann! Das Leben hat noch viel
zu verderben an Ihnen. Aber ist
das wirklich wahr, was Sie da von sich
und Marja sagten?"
„Ja, gewiß ist das wahr," betheuerte
Wulf heftig.
„So das freut iBch ganz unge
mein." Wulf fuhr herum und sah ihn
erstaunt an.
„Warum freut Sie das?"
Alexander hob langsam sein Glas,
hielt es gegen das Licht, that langsam
einen langen Zug und setzte es lang
sam wieder hin.
„Weil ich selbst die Absicht habe,
Marja zu heirathen, und weil es mir
{ich
ehr unangenehm gewesen wäre, wenn
unsere Wege gekreuzt hätten."
Wulf war so erstaunt, so überrum
pelt, daß er vor dem anderen stehen
blieb und ihn nur wortlos anstarrte.
Er brauchte Zeit, um das ganz Uner
wartete zu begreifen. Alexander sah
belustigt aus.
„Ja, ja, Sie wissen gar nicht, wel
chem Nebenbuhler Sie entronnen sind!"
lachte er.
„Nein in der That ich hatte
keine Ahnung
„Glauben Sie, daß Marja eine Ah
nung hat?"
„Ich weiß es nicht. Ich stehe nicht
so vertraulich zu ihr."
„Nun, dann könnten Sie mir aber
helfen, könnten Sie aushorchen, könn
ten mir ein wenig das Wort führen,
bei ihr und bei der Mutter
Wulf konnte sich immer noch nicht
zurecht finden und stand mit ziemlich
nichtssagendem Gesicht da. v
„Es braucht Ihnen kein unangeneh
mer Gedanke zu sein, daß sich Ihnen
dadurch eine Hilfsquelle verstopft. Ich'
erlaube Ihnen, Marja anzupumpen,
auch wenn sie meine Frau ist."
„Pfui!" sagte Wulf und drehte sich
schroff um. Er fühlte sich verletzt und
Marja beleidigt, et wußte nicht war
um.
Alexander lachte.
„Seien Sie nur nicht so zimperlich.
Wir sind nickt sentimentale Backfische,
sondern nüchterne Männer. Die gro
ßen Leidenschaften das ist nichts für
das praktische Leben. Ich habe mich
ausgetobt und will nun meine Ruhe
haben. Marja ist mir gerade die Rechte i
dafür. Und wenn Sie das beruhigen
kann ich bin wirklich verliebt in das
Mädchen. Also setzen Sie sich, und
lassen Sie uns vernünftig darüber re
den."
Wulf setzte sich und ließ mit sich re
den er gab jede gewünschte Auskunft.'
Anfangs sprach er mit automatenhaf
ter Eintönigkeit, wie ein Betäubter,
dann wurde er lebhafter, leichtherziger,
der Wein that das Seine dazu. Zu
letzt versprach er, mit Marja zu fpre
chen.
So verschacherte et feine Schwe
ster.
Am anderen Tage bei Tisch sagte et
zu Marja: „Kommst Du mit mir spa
zieren? Es ist ganz schönes Wetter
heut!"
zu nennen sich scheute, war an der
Sache unangenehm. Aber warum ei
gentlich? Was konnte man sich Besse
res und Vortheilhafteres für Marja
denken, als diese Heirath! Was konnte
sich ihr Angenehmeres bieten in diesem
Weltwinkel? Und sie wollte ja nicht
fort es wurden ihr also durchaus
keine glänzenden Aussichten aus diese
Weise abgeschnitten. Daß das, was er
für sie ein Glück nannte, für ihn gleich
zeitig eine Annehmlichkeit war, machte
die Heirath noch wünschenswerter.
Solche kleine Vortheile muß man
nutzen, wenn sie sich bieten.
Er sah sich Marja aufmerksam an,
als sie kam. Sie war groß und schlank
gewachsen, sie hatte leichte, hübsche Be
wegungen, ihre Haut war weich und
rein, und sie hatte einen dicken, asch
blonden Haar schöpf, in dem man mit
beiden Händen hätte wühlen mögen.
Alexander Schallehn, der das Leben
gründlich genossen hatte und davon et
was abgenutzt war, konnte von Glück
sagen, wenn er ein solch junges, sri
sches Geschöpf zur Frau bekam.
I
Sie war sofort bereit. Er bot eS
ihr selten an, um so mehr freute es sie. i
Er stand unter der Hausthür und
wartete auf sie. Zum Hundertstenmale
überlegte er, wie et ihr sagen sollte,'
was er sagen mußte. Sehr gemüthlich
war ihm dabei nicht um's Herz. It-,
gend etwas, tzas ej beim rechten Namen
Die Sonne schien heut endlich wie
der einmal der Wind schwieg: nur
eine laue Luft fächelte durch den Äethei.
Es war etwas weniger schmutzig auf
Straßen und Wegen, die graue Hau
benlerche trippelte über den Weg, die
Spatzen lärmten, und in dem kahlen
Gezweig der Weiden flatterten und
zwitscherten die Goldammern.
„Ich wollte nämlich etwas mit Dtt
besprechen," sagte Wulf, als sei er ihr
eine Begründung für diesen Spazier
gang schuldig. Sie sah ihn langsam
an und sah wieder fort.
„Wie merkwürdig," sagte sie. „Als
Du mir den Vorschlag, zu gehen,
machtest, freute ich mich, weil auch ich
etwas mit Dir zu bereden habe. Mit
Dir allein," setzte sie hinzu. Dabei
wurde sie blaß, und er hörte an ihrer
Stimme, daß ihr der Athem aussetzte.
Vertraulichkeiten waren selten zwi
schen ihnen. Sie war ihm stets nur
als Kind erschienen, und er war ihr
infolgedessen ferngeblieben.
Sie gingen in schweigendem Ueber
einkommen nach den Dünen. Obgleich
sie zum 'Sprechen ausgegangen waren,
sprachen sie doch beide nicht, als warte
ein jeder nur, was der andere ihm zu
sagen haben möchte, und als drücke ihn
die Last dessen, was et selbst sagen
wollte.
Einmal blieb Marja stehen»
»Wie schön das ist!" sagte sie. Er
blieb gleichfalls stehen und sah sich su
chend um, weil er sich gar nicht denken
konnte, was sie meinte. Es kam ihm
aber zu dumm vor, danach zu fragen.
„Sieh nur," fuhr sie fort, und wies
mit dem ausgestreckten Arm über das
ganze Land, das vor ihnen lag. „Alles
glitzert! Aus jedem Regentropfen, aus
jeder Pfütze, von jedem feuchten Hcklm
strahlt die Sonne zurück. Es ist wie
ein Mensch, der geweint hat und nun
lächeln muß, noch ehe er die Thränen
trocknen konnte!"
Er fand nichts Besonderes in alle
dem und war geneigt, sie überspannt
zu nennen. Aber trotzdem schämte er
sich und kam sich arm bor.
„Sieh nur die Dünen sie leuchten
ordentlich," fuhr Marja fort. „Wir
müssen da oben den Sonnenuntergang
abwarten!"
Wulf ärgerte sich, daß ihm kein
Wort einfiel. Und um dem dummen
Schweigen ein Ende zu machen, erin
nerte er: „Du wolltest mir ja etwas
sagen, Marja!"
Sie schreckte ein wenig zusammen
und senkte den Kops. „Willst Du nicht
erst Deins sagen
Nein, er wollte es lieber noch hin
ausschieben es war ihm so greulich zu
sagen, er wußte auch gar nicht, wie er
es einfädeln sollte. Vielleicht ergab
sich aus dem, was Marja zu sagen
hatte, ein Uebergang. Vielleicht wollte
sie doch gern in die Welt hinaus
„Ich will bis nachher warten. Sprich
Du zuerst!"
Sie würgte und schluckte. Plötzlich
sah sie ihn groß an.
„Versprich mir, nicht gleich böse zu
werden!"
Er mußte lächeln. „Ich verspreche
es."
Aber es dauerte doch noch ein Weni
ges. Endlich: „Ihr habt doch jetzt
fortgesetzt Sorgen, Du und die Mut
ter
»Ja, das läßt sich nicht bestreiten!"
„Und Ihr leidet darunter be
sonders Du
„Wenn Du mir nur sagen willst,
was mir unangenehm ist und was ich
schon zur Genüge weiß
„Du hast versprochen, nicht gleich
böse zu werden.—Also Ihr habt Sor
gen, und ich gehe umher und leiste
nichts und nütze nichts bis mir neu
lich einfiel, daß ich Euch doch vielleicht
helfen kann Und nun trat sie dicht
vor ihn, zwang ihn, stehen zu bleiben,
legte ihre Hände auf seine Schultern
und sah ihm treu bittend in's Gesicht.
„Ich habe Geld, viel Geld, und ich
brauche es nicht. Nimm es, Wulf,
bitte, nimm es, soviel Du willst und
wozu Du willst! Bitte, mach' mir doch
die Freude und nimm es!"
„Nein! Nie!" stieß et tauh und
kurz hervor und trat einen Schritt zu
rück, so daß ihre Hände stützelos her
absanken.
Sie sah ihn ganz erschrocken an,
und eine glühende Rothe stieg in ihr
eben noch sehr blasses Gesicht.
Was er kürzlich seiner Mutter selbst
vorgeschlagen hatte, erschien ihm heut
unmöglich, selbstsüchtig gegen sie, ent
würdigend für ihn...— Dann that eS
ihm leib, daß er sie so rauh abgefertigt
hatte.
„Komm, kleine Schwester," sagte er,
ergriff ihre Hand und ging so, sie wie
ein kleines Kind führend, mit ihr wei
ter. „Du bist ein lieber, guter Kerl,
und ich bin sehr gerührt und danke
Dir herzlich. Aber ich kann es nicht
annehmen. Laß Dir das einmal er
klären
Und er erklärte es ihr mit einer Be
redsamkeit, wie er sie noch nie gehabt
hatte, und sie hörte zu, betrübt und
enttäuscht. So, wie er seine Ableh
nung begründete, konnte sie ja nichts
dagegen sagen. Aber sie sah es doch
nicht ein, und es wäre ihr lieber gewe
sen, er hätte ihr die Hand gedrückt und
gesagt: „Ja, gib, ich will nehmen, auf
die Gefahr hin, es nie zurückgeben zu
können."
„Aber Du kannst doch gar nicht so
weiter leben Du gehst doch zugrunde
dabei—"
„O nein, ich gehe nicht zugrunde—"
„Du bist unglücklich, und es thut
mir so leid
„Das ist gar nicht nöthig!"
Sie schwieg erkältet. Dann schwoll
ihr doch noch einmal das Herz, und sie
konnte es nicht zurückhalten: „Aber,
Wulf, das versprichst Du mir: wenn
es ganz schlimm wird ehe Du zum
Juden gehst, nimmst Du es doch von
mir!"
„Nein, das kann ich Dir nicht ver
sprechen."
Die Thränen stürzten ihr aus den
Augen.
„Ich bin Euch doch keine Fremde!
Wenn nicht einmal die nächsten Ange
hörigen sich untereinander helfen sol
len! Was hab' ich Dir denn gethan,
Wulf?"
„Du hast mir nichts gethan. Ich
handle außerdem ganz im Einverständ
niß mit der Mutter
„Habt Ihr davon gesprochen?"
fragte sie lebhaft.
„Ja, zufällig, und ganz vorüber
gehend. Frage sie danach und erspare
mir das viele Reden darüber."
Sie trocknete ihre Thränen. Sie
waren bei den Dünen angelangt und
begannen, in dem feuchten Sand berg
auf zu steigen.
Das Haff lag vor ihnen eine weite,
kahle, uferlose Fläche. Das Wasser
war noch erregt von den Stürmen der
vergangenen Tage. Die grauen Wel
len überstürzten sich in kunre Reihen
folge und warfen weiße Schaumflocken
auf den gelbeA Sand, der mit vielfar
bigen, rundMzaschenen Kieseln über
sät war. Kleine Möven schössen un
ruhig herüber und hinüber. Weit
draußen schaukelten Fischerbarken mit
weitgespannten, nassen, grauen Se
nein. Die Sonne vermochte noch nicht,
Sie trüb erregten Fluthen zu durch
leuchten, ihr Licht blieb auf der Ober
fläche des Wassers liegen in schweren,
grell schimmernden Flecken und Klum
pen.
Wo Wulf und Marja den Höhe
Punkt des Dünenrückens erreicht hat
ten, lag ein großer, von Nässe und
Alter fast schwarz gewordener Balken.
Vielleicht stammte er von einem ge
strandeten Schiff und war von einer
Hochfluth hier ausgeworfen ober von
den Fischern zu irgenb einem Zweck
heraufgeschleppt worben. Marja fetzte
sich barauf bie Kniee waren ihr mübe
vom Steigen im losen Sanbe unb von
einer großen inneren Erregung. Wulf
ftanb neben ihr, mit verschränkten Ar
men, Mißbehagen im Gesicht, bebrückt
burch bie schweigsame Nähe bes Mäb
chenë unb durch das, was er ihr immer
noch nicht gesagt hatte. Auch ihr Geist
war unfroh, aber eher traurig als ver
stimmt.
„Du sagtest neulich zur Mutter, Du
habest nichts, was Dich erheitern, er
frischen, auf andere Gedanken bringen
könne nicht einmal eine Reise könntest
Du Dir gewähren. Wenn Du nun
sonst nichts von mir nehmen willst
so nimm doch wenigstens so viel, daß
Du eine Reife machen kannst!"
Sie sagte es mit stockender, schüch
terner Stimme und wurde blutroth
dabei. Es war ihr, als beleidige sie
ihn, und sie wollte ihm doch nur helfen.
Wulf drehte sich langsam zu ihr um
und betrachtete sie nachdenklich.
Was fiel ihr ein? Wollte sie ihm
gegenüber großthun mit ihrem Reich
thum? Dazu war sie zu gut. Oder
hatte sie Mitleid mit ihm? Er wollte
ihr Mitleid nicht. Er brauchte es nicht.
Sein Herz verhärtete sich gegen sie.
„Nein, Marja," sagte er kalt und
bestimmt. „Ich danke Dir. Ich kann
nichts geschenkt nehmen von Dir. Und
so war es ja wohl gemeint."
Sie blieb regungslos sitzen und
starrte hinaus auf die unruhig leuch
tende Wasserfläche. Es war nicht zu
erkennen, was sie fühlte und dachte.
Wulf ging ein paarmal hin und her,
dann warf er sich neben ihr in den
Sand und zog die harten Halme des
Strandhafers durch die Finget.
»Willst T« nun hören, was ich Dir
zu sagen habe?"
Sie nickte.
„Ich war gestern in Sublitten," be
gann er und schwieg wieder.
»Ja ich weiß."
„Herr von Schallehn hat mir ge
sagt, daß er sich daß er Dich
daß er ein Interesse für Dich habe,
und hat mich gebeten, zu fragen, ob et
um Dich werben dürfe."
Unwillkürlich wandte sie sich lebhaft
um und sah ihn groß an.
„Davon habe ich keine Ahnung ge
habt." sagte sie.
„Das nahm er an, und eben darum
[oll ich es Dir sagen," entgegnete et
ärgerlich, weil ihre großen, erstaunten
Augen ihm unbequem waren.
„Natürlich erwartet er bald eine
Antwort," fuhr er fort, als sie still
blieb. „Du thätest also gut, Dir die
Sache zu überlegen."
Sie stützte den Kopf in die Hand
und schien angestrengt nachzudenken.
Dabei sah sie immerfort Wulf an.
Er begann, ihr die Vortheile dieser
Heirath in den lebhaftesten Farben zu
schildern. Sie hörte aufmerksam zu.
„Du wünschest es wohl sehr?" fragte
sie, als er eine Pause machte.
„Warum sollte ich's wünschen? Mir
kann es ja schließlich gleich sein," fuhr
er auf, unwirsch und unhöflich. „Ich
meine nur, daß sich Dir hier in diesem
weltentlegenen Winkel schwerlich eine
bessere und günstigere Aussicht bieten
wird. Und Du scheinst doch keine Lust
zu haben, wo anders hin zu gehen—"
„Nein, das möchte ich nicht."
„Nun also greife zu und laß Dir
die Gelegenheit zu einer guten Heiroth
nicht entgehen. Wer weiß, ob sich Dir
eine zweite bietet
„Als ob wir nur zum Heirathen da
wären," meinte sie und lächelte, halb
Überlegen, halb spöttisch.
„Ihr Mädchen zweifellos," sagte er
schnell. „Ihr habt Euren Beruf ver
fehlt, wenn Ihr ledig bleibt. Jeder
sogenannter Ersatz für die Ehe ist und
bleibt für Euch nur Stümperei."
Er erwartete, daß sie jetzt sagen
würde: „Ich liebe ihn nicht ich brauche
nicht den ersten Besten zu nehmen ich
Bin jung ich habe noch Zeit." Aber
sie sagte nichts dergleichen. Sie sah
andauernd sehr ernst und nachdenklich
aus. Endlich sprach sie langsam, ein
wenig leise:
„Ich kenne Herrn von Schallehn
nicht. Ich habe noch nie etwas Ernstes
mit ihm zu theilen gehabt. Wenn er
gelegentlich einmal hier war, ist er
stets liebenswürdig und unterhaltend
gewesen ich mochte feine Gesellschaft
gern er kann sehr hübsch erzählen, er
ist überhaupt ein Mann von Welt. Und
es ist gewiß eine große Auszeichnung
für mich, daß er Gefallen an mir fin
det
Wulf biß sich auf die Lippen vor
Ungeduld über diese nüchternen Erwä
gungen. Er dachte sich selbst an
Alexander Schallehns Stelle und hörte
Marja mit ähnlichen Worten sein Für
und Wider überlegen es wäre genug
gewesen, um ihn in letzter Stunde ab
zuschrecken.
Sein Gewissen beruhigte sich. Wer
so nüchtern unb temperamentlos war,
wie Marja, ben konnte man ohne Be
denken eine Vernunftheirath machen
lassen den brauchte man nicht für eine
große Leidenschaft aufzuheben der
paßte in dieses Leben, in diese Gegend
der paßte in eine Ehe mit Alexander
Schallehn.
aber ich kann Dir doch nicht so
vom Fleck weg eine endgiltige Antwort
geben," schloß Marja.
Das verstimmte Wulf. „Warum
nicht?" fragte er.
„Ich muß es erst mit der Mutter be
reden," sagte sie zögernd.
Natürlich wie alle wohlerzogenen
Mädchen, die Fischblut in den Adern
und statt des Herzens einen wohlgeord
neten Mechanismus haben die sich
von ihren Müttern und hunderterlei
anderen Autoritäten vorschreiben las
sen, wen und was und wie sie lieben
sollen.
und mit mir selber," vollendete
Marja nach einer Pause, mit einem
kurzen, heftigen Seufzer.
Wulf riß ungeduldig den Halm ab.
an dem er gerade zupfte. „Und wann
wirst Du mir eine Antwort geben?"
fragte er.
Sein herrischer Ton verletzte sie. Er
that ja, als fei er der Leiter dieser
Angelegenheit, die ihr so überraschend
kam. Ihr Gesicht nahm einen abwei
senden Ausdruck an.
„Dir vielleicht überhaupt nicht,"
sagte sie.
Er machte wieder ein verblüfftes
Gesicht. Sie faß wie vorhin und blickte
über das Wasser hinaus, als sei er und
alles, wovon er mit ihr gesprochen, gar
nicht vorhanden. Da stand er geärgert
auf, ließ sie sitzen und wanderte mit
langen Schritten in die Dünen hinein.
S
Die Sonne sank hinter die Dunst
fchicht, die den westlichen Horizont ein
hüllte, und färbte die grauen Massen,
daß sie durchsichtig wurden wie rothes
Wellengeriesel. Ein purpurner Wider
schein zog sich weit draußen über das
Wasser. Vorn, wo sich die Wellenköpf
chen hoben, hatten sie leuchtend rothe
Mützen auf, die allemal schnell wieder
in einer blauen Furche untertauchten.
Die weißen Möven, die mit ausgebrei
teten Schwingen kreuzten, schimmerten
rosig, wie große, vom Lufthauch ge
tragene Rosenblätter.
Das ganze weite, graue Land lag
unter einem rosigen Schleier.
Marja saß noch immer auf dem
altersschwachen Kielbalken, ganz einge
hüllt in das rosenrothe Abendlicht. Sie
hörte die Glocken vom Kirchdorf den
Feierabend einläuten sie hörte die
I ganze weite, große Erde zum Schlaf
I
I
sich niederlegen. Und größer und wei
ter als die ganze Erde mit allem Rei-
chen, Schönen und Guten, das sie trug,
dehnte sich ihr Herz in unaussprech
lichem Wohlgefühl.
Sie begriff nicht, was Wulf immer
wollte, wonach er sich sehnte, warum er
sich hier nicht wohl fühlen, nicht glücklich
sein konnte. Das heißt, sie begriff es
ganz gut, aber sie konnte es ihm nicht
nachempfinden. Denn sie hatte ganz
genua atvdcm,. Ms. sie hatte v sie jfc*
durfte nicht mehr, sie" verlangte Wärt
mehr. Sie hatte jeden Tag ihre e
ßen und kleinen Freuden, die der
ßen und kleinen Leiden vollk
das Gleichgewicht hielten.
War es drinnen manchmal
ertragen vor schlechter Stin
Sorgen und Alltagsnöthen,
Marja hinaus in den Sturm oU.
die Sonne bann war ihr, als wiir
sie auf Flügeln hoch emporgetragen,
unb das Irdische, bas Graue, bas
Niedrige blieb tief unter ihr, schrumpfte
in ein Nichts zusammen, hatte keinerlei
Bedeutung mehr, wo* nicht im ftanbe,
sie noch irgenbwie zu beeinflussen. Und
war es einmal gar zu eng und einsam
in dem stillen Hause, so lies Marja
hinaus zu den Thieren auf den Hof, zu
den Vögeln unter dem Himmel und
die rauschenden Wasser, die klingenden
Glocken, die nickenden Halme und die
flüsternden Wipfel erzahlten ihr große,
hohe und herrliche Dinge, wie kein
Menschenmund sie größer und hehrer
und herrlicher sprechen konnte. Was
das heißt, sich nach Menschen, nach,
Zerstreuung, nach Vergnügen sehnen—
daS kannte sie nicht.
3. K a i e I.
Mnte sich nicht nach
Vergnügen unb Zerstreu
ung, weil sie biefe Dinge
überhaupt nicht kannte. Um
so besser für sie. Warum die Be
kanntschaft von Dingen machen, die
man doch nicht dauernd besitzen kann,
nur um sich dann immerfort nach
ihnen sehnen zu müssen? Warum
überhaupt Besseres verlangen, wenn
man es gut hat?
Wie sagte Wulf doch neulich: „Da
Bessere ist der Feind des Guten." U'
dann fügte er hinzu: „Solche fortwä
rende faule Zufriedenheit mit sich set
und allem Bestehenden sei der Fei?
aller Fortentwicklung, sei geistig
Stillstand, stagnirendes Leben, ui
zuletzt Engherzigkeit und Selbstgerech
tigkeit." Sie hatte lange darüber nach
denken müssen. Ist es denn nöthig,
daß man unzufrieden ist, um vorwärts
zu kommen, und daß man verdummt
und versumpft, wenn man zufrieden
ist?
Sie war glücklich, weil sie zufrieden
war. Das hatte sie ihm auch gesagt,'
als sie darüber stritten. Da hatte er
sie ausgelacht: „Zufriedenheit Ge
wohnheit das ist nicht Glück. Höch
stens so ein graues, armseliges M
tagsglück. das an der Erde dahin
kriecht, während feine hochgeborenen
Geschwister auf lichten Höhen herum-'
steigen!"
„Was ist denn also Glück?" fragte
ste neugierig.
„Glück ist für jeden etwas anderes.
Eiir
mich jedenfalls nicht dies trage
egetiren stumpfsinniger Heerben
thiere, bei bem mir Hirn unb Mark
vertrocknen
Für Wulf müßte sich jetzt also nicht
der finkenbe Tag in Rosenschleier hül
len unb von Iinbem Frühlingswehen
in frieblichen Schlummer sich lullen
lassen für ihn müßte mit Sturrn
fluth unb Feuersbrunst ein Stück Welt
ein Stück feiner eigenen Seele in
Flammen aufgehen.
Wulf ja, es war boch merkwür
dig. was er ihr da gesagt hatte. Sie
sollte heirathen!
Wenn es nicht plötzlich kühl unb
feucht gewesen wäre, so hätte Mar
diesen neuen Gedanken erfassend, i
voraussichtlich noch lange, in schwe
famer Regungslosigkeit, ausgesponr
So aber stand sie auf und sah sich
Wulf um.
Das Abendroth war erloschen. Das
Wasser war grau und trübe. Nur hoch
oben am Himmel war noch ein zartes
Nachleuchten auf duftigen, flüchtigen
Wolkengebilden.
Wulf war nicht zu sehen. Et war
im Aerger fortgelaufen, vielleicht nach
Hause. Nun sie hatte sich auch
über ihn geärgert. Erst über feinen
Eigensinn mit dem Gelde, dann über
feinen herrischen Ton bei der Heiraths
frage.
Sie stieg die sandige Höhe hinab,
und da, bei einer Biegung, sah sie ihn
stehen. Er kehrte ihr halb den Rücken
zu und gähnte. Er schien auf sie zu
warten, aber nicht eben in liebenswür
diger Stimmung.
Er that ihr so leid es entging
ihm so viel, woran sie Freude hatte,
und was auch ihn hätte erfrischen kön
nen, aber er hatte keinen Sinn dafür.
Sie lebten beide dasselbe eintönige,
einsame Leben. Aber sie war glücklich,
wenigstens zufrieden dabei und er
war unglücklich. Man kann nicht von
Zweien basselbe verlangen, noch Zwei
mit gleichem Maße messen. Ein jeder
lebt nach eigenen Gesetzen.
Wulf war, weil er unzufrieden war,
nicht schlechter als Marja. Et stand
nur nicht am rechten Platz.
Warum aber Gott feine Leute so
oft scheinbar gerade dahin stellt, wo
hin sie ihrer ihnen von ihm anerschas
fenen Art nach durchaus nicht hinpas
sen, das ist sein Geheimniß. Viell -S*t
die Lebensaufgabe, die er ihnen st
Aufgaben aber müssen gelöst
den, wenn der höchste Lehrmeis.
stellt.
Und darum war Wulf vielleicht
set als Marja, denn da, wo sie
stand, da stand et mit Qual und Per
Aber er stand.
Die Vorbereitungen zu MatjaS Vet
lobung würben von Frau Christine
mit stillschweigendet Emsigkeit fcetrie
iBtRt.
(Fortsetzung folgtO

2. K a i e l.

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