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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, October 10, 1907, Image 7

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Erlöst uns von dem
Alltag.
Roma« von
Hof*«.
(Fortsetzung.)
Zarja hatte während bieder ganzen
am Tisch gestanden, auf die breite
!tte gestützt, und hatte ihn mit star-
Augen angeblickt. Nun barg sie
ihren Händen.
ch kann nicht mehr hören. Ich
heut schon so viel gehört. Sei
barmherzig und hör' auf!"
|r schwieg sofort. Aber nach dem.
sie jetzt wußte, wagte er nicht
|r, sich ihr zu nähern.
?ie stand immer noch da am Tisch
den starren Augen, als sei die
lie von ihr gewichen. Und wie un
Ieinem unheilvollen Zwange fragte
if: „Nicht wahr, Marja, wenn ich
abgerathen hätte damals, auf dem
snspeicher Du weißt doch
hättest Du ihn nicht genommen?"
iJewifj nicht," sagte sie vollkommen
tg. „Darum fragte ich Dich ja."
)ann nahm sie ihren Hut und ihre
leren Sachen, die sie vorhin in der
Jregung von sich geworfen hatte,
|z gelassen, als sei nichts geschehen.
dann ging sie nach der Thür zum
»enzimmer. Schon im Begriff, die
[welle zu überschreiten, drehte sie
Inoch einmal um.
|©ute Nacht, Wulf und sie
fte ihm die Hand hin. Sie sah
tnungslos traurig aus.
pr konnte nicht sagen: Gute Nacht,
trja. Er wollte die Hand süssen,
|sie ihm großmüthig gab, aber scheu
sie sie fort.
)ie Thür schloß sich zwischen ihm
ihr, und zum Ueberfluß wurde
noch der Schlüssel umgedreht.
Inb so hatte sich auch in anderem
me eine Thür geschlossen zwischen
und ihr. Er selbst hatte sie ge
?ssen ob sie nun auch den Schlüs
imbrchcn würde? Aber das that
Its er hatte nun doch sein Gewis
I entlastet. Besser, sie dachte schlecht
ihm, als daß sie ihn für etwas
Jt, das er nicht war. Er war ja
Ist ebenso gut ein Betrüger wie
gander.
hilf fand keine Ruhe in dieser
?t. Einmal erwachte er aus uner
klichem Halbschlaf durch einen Ton,
ob im Nebenzimmer jemand
suchte. Mit beiden Füßen sprang
JUS
dem Bett und lief zur Thür
[sinn, die Thür war ja verschlossen,
nehr als einem Sinne.
(ber er vernahm das Schluchzen
noch deutlicher. Es zerriß ihm
I Seele, und er ging wieder zu Bett.
da Hörte er es noch, bis es von
lern eigenen Herzklopfen übertönt
cde.
lls Marja ant anderen Morgen
Frühstück in fein Zimmer kam, in
er schon Hatte ausräumen lassen,
sie vollkommen gefaßt und ruhig
5, und von den über Nacht vergos
sen Thränen war nichts mehr zu
sfen. Sie begrüßte ihn sehr freund?
und wechselte ein paar gleichmütige
rte mit ihm. Dann, als sie vor
dampfenden Kaffeetassen faßen,
jann sie ganz unvermittelt: „Ich
Ichte Dir heut den Wunsch wieder
len, den ich Dir schon gestern aus
lach: nämlich, daß Du nach Hause
sückkehrst. Wie lange worauf
ist Du hier warten? Ich brauche
|ch nicht. Denn ich werde den gan-
Tag bei Alexander fein. Ich werde
auf keinen Fall von ihm sernhal
lassen."
.Selbstverständlich kann Dich Nie
[nd gegen Deinen Willen daran hin
rn, und auch ich werde nicht wieder
[suchen, es zu thun. Aber es ist doch
weicht gut, wenn ich in der Nähe
libe
„Es ist ganz unnöthig und hat gar
ien Zweck."
IEr sah ihr schmerzvolles, entschlos
)es Gesicht an und wurde sehr trau
„Marja, sei ehrlich, Du willst
|ch gerne los sein."
.Ja," sagte sie einfach, als läge für
gar kein Hinderniß vor, ehrlich zu
|n. „Du mußt doch einsehen, daß es
bedrückt, Dir wieder Unbequem-
Seiten zu verursachen!"
sEs war jetzt nicht Zeit, darauf ein
ehen. Darum sagte Wulf nur:
o erlaube mir zu meiner eigenen
Jruhigung hier zu bleiben. Wenig
Ins heute noch. Ich will Dir in kei
|t Weise lästig fallen ich will nur
der Nähe sein."
lEin seltsamer Blick kam zu ihm her
kr wehmüthig ungläubig.
(„Nur das eine mußt Du mir erlau
t, daß ich Dich jetzt in's Kranken
Jus begleite. Ich will doch auch wis
It, wie die Nacht verlaufen ist."
[Dazu sagte sie nichts, und er nahm
l, daß sie einverstanden war. Ein
[big beendeten sie das Frühstück.
Jährend Marja sich dann zum Aus
|hen zurechtmachte, blieb er am Tische
}en und hing trüben Gedanken nach,
^ürde sie es jemals fertig bringen,
[m zu verzeihen? Und wenn nicht
is dann?
Mit dem Abglanz dieser traurigen
ledanken in den Augen sah er ihr ent
Igen, als sie wieder hereinkam. Eine
toetpe Siegung zoti ourcy iyr erstarrtes
Gemüth, als sie ihn so sah. Sie kam
zu ihm und strich leise über sein Haar.
„Nimm es Dir nicht so zu Herzen,
Wulf. Du wußtest nicht, was Du
thatest. Und schließlich ist es ja auch
ganz gleich, wie es kam. Es ist da
und muß ertragen werden."
Sie sprach sehr freundlich und sehr
gut. Aber es war doch ein fremder
Ton in ihrer Stimme. Er fühlte es,
und darum beruhigten ihre Worte ihn
auch nicht. Schweigend stand er auf,
um sie zu geleiten.
Im Krankenhaus wurden sie von
der öffnenden Schwester in das Warte
zimmer geführt, weil der Arzt sie zu
nächst zu sprechen wünschte. Auf ihre
Frage, wie es ginge, erhielt sie nur
ungenaue Auskunft. Die Schwester
habe mit dem Flur von Nummer acht
undzwanzig nichts zu thun.
Es dauerte nicht lange, so kam der
Arzt.
Er hatte zu berichten, daß Alexan
der Schallehn früh um vier Uhr ge
sterben war. Er hatte sich in der Auf
regung einer unzureichenden Narkose
den Verband abgerissen, sagte er.
Marja wußte es besser. Daraus war
der Tod sehr bald, und wahrscheinlich
ganz schmerzlos, an Verblutung einge
treten. Als der durch (Schwester He
lene sofort herbeigerufene Hilfsarzt er
schienen war, hatte Alexander schon in
den letzten Zügen gelegen.
Während dieses Berichtes bewahrte
Marja eine bewundernswerte Ruhe.
Nur einmal schien es, als ob sie sich
an Wulf anlehnen wolle aber sie
richtete sich sofort um so kräftiger auf.
Sie sah unheimlich blaß aus und that
nicht die Lippen auseinander, weder
zum Weinen, noch zum Klagen, noch
zum Sprechen.
Wulf that dann noch einige Fragen,
von denen er glaubte, daß Marja sie
gern beantwortet hören würde. Ob
der Kranke noch sehr unruhig gewesen
sei? Ja leider sehr. Er schien eine
große Angst vor dem Sterben gehabt
zu haben bis zuletzt da war die
Angst in eine große Lustigkeit umge
schlagen aber da fei er wohl schon
nicht mehr bei Besinnung gewesen,
denn er habe auch einmal gesungen
ein ganz gewöhnliches Straßenlied.
Ob er nach seiner Frau verlangt
habe? Nein, er habe im Gegentheil ge
sagt, es sei gut, daß sie ihn endlich ver
lassen hätte. Sie mache ihm nur das
Sterben schwer
„Vielleicht hätte ich es verhindert—"
sagte hier Marja.
Der Arzt sah das junge, blasse Weib
forschend an, als überlege er, wieviel
sie wisse und wieviel er sagen dürfe.
„Wenn jemand nicht mehr leben
will," sprach er endlich, „so wird er
immer Mittel und Wege finden, fein
Nichtwollen durchzusetzen."
Dann führte er sie an die Leiche.
Sie lag schon in der Todtenhalle
aufgebahrt zwischen ein paar nüchter
nen Lorbeerkübeln mit verstaubten
Blättern. Das grelle Tageslicht be
schien das blutleere, magere Gesicht, in
dem alles spitz und scharf geworden
war. Verzweiflung lagerte, im Tode
erstarrt, auf der schmerzlich emporge
zogenen Stirn. Spott und Ver
ochtung hatten ihre krausen Falten um
Nase und Mund gegraben.
Das Sterben eines Menschen ist die
Bilanz seines Lebens. Der Tod ist
Wahrheit. Der Tod reißt dem Leben
die Maske ab.
Darum starb Alexander Schallehn
hungrig, friedlos und mit einem
Spottlied auf den Lippen.
Es war Marja unmöglich, ange
sichts dieser Leiche eine Thräne zu ver
gießen. Wären es nicht Thränen der
Liebe gewesen, so hätten es doch Thrä
nen allgemein menschlichen Empfin
dens fein können. Aber sie war zu er
schüttert, zu durchbebt von Grauen, um
zu weinen. Außer diesem furchtbaren,
kalten Grauen empfand sie überhaupt
nichts.
Zitternd und zähneklappernd faß sie
an dem schrecklichen, stummen Lager,
während Wulf draußen alles Nöthige
besprach.
Es kam ihr vor, als sei sie mit die
fer Leiche ganz allein auf ber Welt.
Wen hatte sie denn auch noch? Das
Kind, das schwache, zarte, dessen Besitz
nur eine Frage der Zeit war? Die
Mutter die gute Mutter ja, äu
ßerlich würde sie ihr gewiß eine that
kräftige Hilfe und Stütze fein, aber
innerlich hatten sie nie die rechte Füh
lung gehabt. Die Grundtöne ihres
Wesens waren zu verschieden, um je
mals eine Harmonie zu ergeben man
schlug sie am besten gar nicht an.
Wie hatte sie sick überhaupt von den
Menschen, den 4i nigen, die sie in
ihrem abgeschlossenen Leben gehabt
hatte, entfernt in diesem einen Jahr!
Sie hatte eine Maske getragen, und
die Menschen hatten nur zu dieser
Maske sprechen können. In ihr Herz
war kein Ton gedrungen, wie es auch
keinen Ton von sich gegeben hatte.
Ein einziger hatte die Maske durch
schaut und hatte ihr gut gethan. An
diesen einen hatten sich all ihre Hofs
nungen geklammert der würde ihr
jetzt mehr werden, als nur eine äußer
liche Stütze, hatte sie geglaubt. Ja.
einmal sogar, in einem flüchtigen,
wunderseltsamen Augenblick war ihr
gewesen, als seien sie einander mehr
denn Bruder und Schwester
Und nun wußte sie, daß sie ihm eine
Last und ein Dorn im Auge und so
sehr im Wege gewesen war, daß er sie
von diesem Wege hinausgestoßen hatte
gleichviel wohin. Wenn er sie nur
MW
los war. Wie grausam, wie lieblos?
Und daß er jetzt so gut gegen sie
war, so unbeschreiblich wohlthuend
gut, und all seine jeweiligen guten Re
gungen gegen sie das war ja nur
oas böse Gewissen. Er wollte wieder
gut machen, ihr möglichst erleichtern,
was er ihr hatte bereiten helfen.
Aber sie wollte ihm nicht mehr im
Wege sein. Sie wollte ihm die Ge
legenheiten, die ihn zu solchen Büß
Übungen verpflichteten, ersparen.
Sie mußte sich nun allein durchschla
gen.
„Die Menschen kann man entbeh
ten," dachte Marja in ihrem in den
letzten Monaten um Jahre gereiften
Gemüth „den Menschen nicht. Und
wenn der eine Mensch uns verloren
geht, auf die eine oder andere Art, so
ist das furchtbar."
Das Herz that ihr in dieser Stunde
um den Lebenden weher als um den
Todten.
Und nun kam Wulf wieder herein,
mit seinem ernsten, lieben Gesicht, und
stellte sich stillschweigend neben sie. Und
als er da geraume Zeit gestanden hatte
und die Kühle des Herbstmorgens sie
beide frösteln machte, sagte er: „Ich
muß nun gehen, Marja. Es gibt so
viel zu besorgen. Komm mit, fort von
hier was willst Du hier noch
Ja, was wollte sie hier noch!—Aber
was. wollte sie wo anders? Es war
ganz gleich, wo sie blieb. Also konnte
sie auch hier bleiben.
„Ich dachte," fuhr Wulf mit ge
dämpfter, schonender Stimme fort,
„Du könntest heut nach Haufe reifen.
Ich ordne dann hier noch alles Nöthige
und komme, sobald als möglich, mit
dem Sarge nach. Du wirst doch wün
sehen, daß er in Sublitten begraben
wird?"
„Wenn es möglich ist, wäre es wohl
das Beste seine Eltern und Groß
eitern liegen auch da. Aber kann das
nicht ein anderer besorgen ich kann
es nicht, und ich möchte auch nicht, daß
Du
„Also gut," unterbrach Wulf „ich
werde das alles besorgen. Und jetzt
bringe ich Dich nach Hause und in eini
gen Stunden auf die Bahn. Ist es
Dir recht so?"
Sie nickte und erhob sich. Er brachte
sie in den Gasthof zurück, obgleich sie
gegen feine Begleitung Einwendungen
erhob. Dann mußte et sie freilich ver
lassen
Als er fort war, saß Marja lange
wie leblos auf einem Fleck. Dann
stand sie in einer plötzlichen Anwand
lung von Thatkraft auf, packte ihre
Sachen, bestellte sich einen Wagen und
fuhr davon.
Sie besorgte sich ein Trauerkleid.
Sie mußte ja nun in Schwarz gehen.
Sie überzählte schnell, ob ihr genug
Geld zur Heimreise übrig blieb dann
fuhr sie nach dem Bahnhof.
Für Wulf hatte sie Bescheid zurück
gelassen. Es würde ihm sehr recht
fein, daß er sie nicht auf den Weg zu
bringen brauchte. Daß er ihr zu der
früheren Rückreise zuredete, weil er
nicht gern noch einmal mit ihr die
lange Fahrt machen wollte das
hatte sie ja nun endlich begriffen.
Sie war ja auch wirklich alt genug,
um allein zu fahren.
Sie hatte noch zwei Stunden Zeit
zwei unendlich lange, öde, qualvolle
Stunden. Sie saß ganz allein in dem
kleinen Damenzimmer, und jedesmal,
wenn sich der Thür ein Schritt näherte,
schreckte sie zusammen bei dem Gedan
ken, daß es Wuls sein konnte
Und endlich war er es wirklich. Ge
nau eine Viertelstunde vor Abgang des
Zuges. Er riß die Thür auf und
da stand er.
„Marja!" sagte er, 'unb feine
Stimme schwankte vielleicht vom
schnellen Laufen „Marja! Warum
thust Du das?"
Sie legte das Gesicht in die Hände.
„Ich wollte Dir nicht zur Last fal
len. Du hast schon so viel zu thun
für mich, was ich Dir nicht abnehmen
kann. Ich konnte ja wirklich sehr gut
allein
Er nahm ihr die Hände vom Gesicht
und suchte vergebens ihre Augen, die
sie vor ihm niederschlug. Er weinte
beinahe.
„Marja, Du hast auf Gottes weiter
Welt keinen Menschen als mich allein.
Die Mutter rechnet nicht in diesem
Falle. Stoß doch nicht den einzigen
Menschen von Dir, der Dir geblieben
ist!"
„Es ist so schrecklich, auf jemanden
angewiesen zu sein, dem man eine
Last ist, wollte sie sagen. Aber sie
brachte es doch nicht heraus.
Er sah sie noch einen Augenblick be
trübt und nachdenklich an. Dann ließ
er ihre Hände los.
„Wie Du willst, Marja. Ich will
mich Dir gewiß nicht aufdrängen."
Trotzdem blieb er bis zu ihrer Ab
fahrt bei ihr und leistete ihr all die
kleinen Dienste, zu denen sich Gelegen
heit bot.
Aber das waren nur Aeußerlichkei
ten. Sie blieb starr und verschlossen
and schlichlich war er fast froh dar
über, daß er nicht mit ihr zu fahren
brauchte.
Er ging auf das nächste Telegra
phenamt und sandte eine vorbereitende
Nachricht an feine Mutter. Das war
alles, was er noch thun konnte.
PieSublitten
12. Kapitel.
nächste Zeit war eine vielbe
wegte. Alexander Schallehn
wurde auf dem Kirchhof in
neben seinen El-
lern Hegraben. Von feinen lebenslusti­
gen yreunoen waren nur wenige Dazu
erschienen.
Marja war für diese Tage mit dem
Kinde in ihr Haus zurückgekehrt und
weigerte sich einstweilen entschieden, es
wieder zu verlassen. Es gab in der
That auch eine Menge Dinge, meist
geschäftlicher Art, die ihre Anwesen
heit wünschenswert!) machten. Da
Frau Christine es nicht über's Herz
bringen konnte, Marja allein zu las
sen, so siedelte sie zu ihr über.
Beim Ordnen des Nachlasses stellte
sich heraus, daß Marjas Vermögen bis
auf den verhältnismäßig kleinen Theil,
den Wulf iit Händen hatte, in der That
gänzlich verschwunden war. Es war
nichts mehr da, gar nichts es war
nicht einmal festzustellen, wo das Geld
geblieben war.
Es stellte sich ferner heraus, daß
Sublitten seit längeren Jahren über
mäßig verschuldet war. Wahrschein
Itch hatte Marjas Geld dazu dienen
müssen, lang angewachsene Verpslich
hingen zu erfüllen und einem Zusam
menbruch vorzubeugen. Aber die Ver
hältnisse waren dadurch nicht besser ge
worden.
Man nahm an, daß der Verstorbene
erhebliche Privatschulden gehabt haben
müsse.
Marja war also nur aus Berech
nung geheirathet worden. Ein wenig
Verliebtheit hatte die anderen darüber
hinweggetäuscht.
Wulf war den ganzen Tag über in
fieberhafter Thätigkeit. Er rechnete,
schrieb und arbeitete et verhandelte
mit den verschiedenartigsten Menschen
und Behörden, um noch irgend etwas
wenigstens doch eine sorgenfreie Zu
kunft, ein gesichertes Heim für
Marja und das Kind zu retten. Er
arbeitete für Marjas Leben. Er ar
beitete, um sich Ruhe zu verschaffen vor
der Stimme seines Hetzens, seines Ge
Wissens.
Jeder neue Beweis von Alexanders
Gewissenlosigkeit und Ehrlosigkeit
thürmte eine neue Last auf feine Seele,
bürdete ihm. immer schwerer die Ver
antwortung auf für das Schicksal, das
er hatte bereiten helfen. Aber er
schreckte nicht zurück vor Last und Ver
antwortung. Er nahm alles auf sich
und kämpfte wie ein Lowe um Marjas
Existenz.
Dabei war er niemals verstimmt
und verdrossen. Eine ungeheure
Kampf- und Lebenslust war über ihn
gekommen. Er fand eine Wonne
darin, eine königliche Last, sich mit
dem Leben herumzuschlagen. Er fühlte
sich ihm gewachsen, und das Kraftge
fühl nahm zu von Tag zu Tag.
Er war immerfort unterwegs er
gönnte sich kaum die nothwendigste
Ruhe. Seine Mutter sah er wenig,
Marja sah er nur, wenn et etwas mit
ihr zu besprechen hatte.
Sie war dann allemal sehr ruhig,
sehr sachlich und sehr verständig. Sie
hatte sehr bestimmte Wünsche und
Meinungen, ließ sich aber gern eines
Besseren belehren, wo er das nöthig
fand. Niemals hörte er eine Klage
über ihr Schicksal niemals ein Wort
des Dankes für feine Bemühungen.
Sie stellte auch keine ungeduldigen
Fragen über ihre Zukunft. Sie sprach
nie mit einem Wort über ihre Em
pfindungen.
Nachdem sie eingesehen hatte, daß
ihr nichts anderes übrig blieb, als
Wulfs Hilfe und Unterstiitzling anzu
nehmen, fand sie sich darein mit der
geduldigen Resignation, die ein Theil
ihres Wesens geworden zu sein schien.
Einmal würde ja der Tag kommen, an
dem sie wieder auf eigenen Füßen
würde stehen können. Und so lange
mußte eS eben ausgehalten wer
den.
Sie war sehr schweigsam und in sich
gekehrt in dieser ersten Trauerzeit.
Nicht eigentlich traurig aber sehr
ernst, fast fchwermüthig. Sie sprach
sich nicht aus. Auch die Mutter erfuhr
nicht viel von ihren Gefühlen. Mit
der besprach sie nur das Geschäftliche
in ermüdender Wiederholung.
Wenn Frau Christine überhaupt
noch einen Rest von Zuneigung und
guter Meinung für Alexander gehabt
hatte, so war der jetzt gänzlich vernich
tet. Er war für sie nur noch der
Mann, der in empörender Selbstsucht,
Gewissenlosigkeit und Leichtfertigkeit
feine ihm anvertraute Frau betrogen,
belogen, arm gemacht und in's Unglück
gestoßen hatte. Seine letzte That fetzte
dieser Selbstsucht, Gewissenlosigkeit
und Leichtfertigkeit die Krone aus. Er
wollte sich den Folgen seiner untierant
wörtlichen Handlungsweise entziehen,
um sie Marja zu überlassen. Die
allerhärtesten Ausdrücke dünkten ihr
noch viel zu milde für ihn und fein
Thun.
Es kam ihr nicht einen Augenblick
in den Sinn, daß sie für die Folgen
von Marjas Heirath, deren Zustande
kommen sie so eifrig erstrebt hatte, eine
gewisse Mitverantwortlichkeit hatte.
Es ist uns nicht vergönnt, in die Zu
kunft zu sehen, folgerte sie wir kön
nen also für die üblen Folgen dessen,
das wir in bester Absicht und bestem
Willen thaten, nicht verantwortlich ge
macht werben. Sie hatte wirklich ge
glaubt, mit dieser Ehe Marjas Glück
dauernd zu begründen.
Gern hätte Frau Christine gewußt,
was eigentlich in Marjas Seele in die
sen Wochen vorging, welcher Art ihre
Trauer war. Daß sie ihren Mann
jetzt nicht mehr liebte, nachdem er ihr
das alles angethan, sich ihr von einer
so verachtenswürdigen Seite zu erken
nen gegeben hatte, dünkte fte selbstver­
ständlich. Aber ob sie ihn wohl früher
geliebt hatte? Ob sie um ihn trauerte,
wie um einen, den man nicht einmal,
sondern zweimal verloren hat? Oder
ob fein Tod ihr Erleichterung und Be
freiung bedeutete?
Fragen waren bei Marja nicht an
gebracht sie schloß sich dann noch mehr
zu. Und Frau Christine wagte auch
nicht recht, sich für ihre eigene Person
das Herz freizureden sie fürchtete,
Marja zu verletzen.
Das einzige Wesen, für das Marja
noch Gefühl und Interesse zeigte, war
das Kind. Bei ihm saß sie lange mit
dem sprach sie auch, wenn sie allein mit
ihm war. Aber obwohl Frau Chri
stine mehrere Male an der Thür ge
horcht, hatte sie doch nichts verstehen
können.
Wenn die Kleine einen ihrer bösen
Anfälle hatte, verließ Marja stunden
lang das Kinderzimmer nicht. Sie
sah an solchen Tagen zum Erbarmen
aus. Aber sie blieb ruhig und gedul
dig und klagte und weinte nicht.
Einmal, als wieder solch ein Angst
tag zu Ende ging, war Wulf in Sub
litten. Er hatte lange an Alexanders
Schreibtisch gearbeitet, während über
ihm Marja um des Kindes Leben
rang und die Mutter mit verweinten
Augen hin und her lief.
Wulf stand Qualen aus. Einen
geliebten Menschen leiden zu wissen
und ihm nichts, aber auch gar nichts
fein unb helfen zu können, ist schlim
mer, als selber leiden. Eine Unruhe
war in ihm, die all feine gewaltsam
zusammengeraffte Energie nicht zu
bannen im stände war.
Endlich, endlich sagte ihm die Mut
ter, daß die Kleine ruhig geworden
und eingeschlafen sei. Aber Marja
wolle nicht zum Essen herunterkom
men, obgleich das sehr viel besser für
sie fein würde.
„Ich werde einmal zu ihr gehen,"
sagte et schnell entschlossen. Und er
ging.
Marja sah sehr erstaunt aus, als er
leise eintrat. Sie saß am Tisch, bei
einer Lampe, die auf der dem Kinder
bettchen zugekehrten Seite verhängt
war, und las in einem Buche, das wie
eine Bibel aussah. Bei seinem Ein
tritt schob sie es beiseite und sah un
willkürlich zu dem Kinde hinüber.
Ganz behutsam und vorsichtig kam
Wulf näher.
„Willst Du nicht herunterkommen,
liebe Maria?" bat er leise. „Dein
Kind schläft. Es wird Dich erfrischen,
eine andere Umgebung zu sehen!"
Sie beugte sich tief über die Tisch
platte und antwortete nicht. Zwei
schwere Tropfen fielen auf ihre ver
schränkten Hände.
„Du hast so viel Herzweh, arme
Marja," sagte er tiefbewegt. „Wenn
ich Dir doch irgend etwa? erleichtern
könnte!"
„Du thust so viel für mich sagte
sie gequält.
„Ich möchte viel für Dich thun. Aber
mit aller Mühe werde ich wenig er
reichen."
Sie sah bang zu ihm auf. Sein
Gesicht war ernst und abgespannt. Er
war älter geworden in wenigen Wo
chen. Und in feinen Augen war ein
Leuchten, das ihr sonst noch nie auf
gefallen war. Sie vergaß, was er ge
sagt hatte, und betrachtete ihn in Ge
danken verloren.
„Bist Du heut schon draußen gewe
sen, Marja?"
„Nein, noch nicht warum?"
„Es ist mondhell und gar nicht kalt.
Wenn Du mit mir durch den Garten
kommen wolltest da wären wir un
gestört, und ich hätte Dir manches zu
sagen Geschäftliches," fetzte er hastig
hinzu.
Auf Marjas Stirn erschien eine
kleine Falte.
„Warum können wir es nicht unten
bereden?" sagte sie. „Wir bitten die
Mutter, daß sie uns so lange allein
läßt."
„Wie Du willst." Seine Stim
mung, eben noch so warm und mitthei
Iungsbedürftig, war abgekühlt. Er
hätte ihr all das Schmerzliche unb Un
angenehme, das er wieder einmal ihr
zu sagen gezwungen war, gern in liebe
voll-schonender Weise beigebracht. Nun
würbe eine nüchterne, geschäftliche
Auseinandersetzung daraus, die ihnen
beiden wehe that.
Trotz all seiner Bemühungen und
Bestrebungen war es Wulf nicht ver
gönnt, für Marja auch nur den aller
geringsten Erfolg zu erzielen. Sublit
ten fiel in die Hände der Gläubiger,
und Marja behielt außer dem nackten
Leben nichts, wie den Hausrath, den
sie selbst einst mitgebracht hatte. Den
hatte Wulf ihr erkämpft. Das auf
Sporteinen stehende Kapital konnte er
nur retten durch den Nachweis, daß
er außer stände fei, es herauszuzahlen.
Mit Mühe fetzte er durch, daß sie bis
Weihnachten in Sublitten wohnen und
so lange durch niemand und nichts be
unruhigt werden dürfe.
Auch diese Mittheilungen nahm
Marja mit dem gewohnten Gleichmuth
auf.
„Es tft ja viel besser so für mich,
als wenn ich mich zeitlebens mit einem
verschuldeten Gut quälen müßte. Ich
liebe Sublitten nicht es sind nur trau
rige Erinnerungen für mich mit die
sem Haufe verbunden. Es wird mir
leichter werden, fortzugehen, als hier
zubleiben."
So viel Zusammenhängendes hatte
sie lange nicht gesprochen. Wulf war
ganz glücklich darüber.
xVi wirft aber axm fein. Maria.
ganz arm! Hast Du das schon de
Dacht?"
Sie lächelte nut. „WaS ist da z»
bedenken? Ich habe erfahren, wie we
nig Einfluß Geld und Gut auf Zufrie
denheit und Glück haben können."
„Aber Armuth macht auch nicht
glücklich das habe ich erfahren," sagte
er, ärgerlich über ihren unerschütter
lichen Gleichmuth.
Sie seuf'te. „Ach, Wulf das ist
ja alles solche Nebensache. Die Haupt
sache, das, woraus es ankommt, was
allein über Glück und Unglück entschei
det wenigstens für uns Frauen
sie stockte.
„Nun was ist das?"
„Bei Euch Männern ist es gewiß
anders darum wirst Du auch vielleicht
nicht ganz verstehen können, was ich
sagen wollte."
„Sag's nur
„Für uns Frauen ist die Hauptsache,
überhaupt das einzige, daß wir einem
Mensdien alles fein können. Dann bot
unser Leben Zweck. Inhalt unb Glück,
mag es sich abspielen in Ueberfluß ob:r
Entbehrung ja vielmehr: je entbeh
tungsvoller das Leben sonst ist, um so
mehr tritt dieses eine Glück in Kraft.
Es bringt uns die Seligkeit auf Er
den. Und wenn wir dieses Haupt
verlangen unseres Daseins verfehlt ha
ben dann kann es um uns her klin
gen und leuchten von Reichthum und
Herrlichkeit dann bleibt es innen
doch öde, grau und leer. Ein trau
riger Alltag, nicht werth, erlebt zu
werden. Und darum, siehst Du, ist
mir auch alles so völlig gleichgilttg,
was Du mir über meine Zukunft er
öffnet hast. Denn ich werbe ganz
allein fein und keinen Menschen ha
ben
„Du bist noch so jung, Marja! Die
Jahre werden vergehen unb es wirb
wieder heller für Dich werben
„Ich wüßte nicht, wer ober was mich
jemals von diesen Erlebnissen, von die
sen Erinnerungen erlösen könnte!"
Sie saß ihm gegenüber, so recht
trübselig und muthlos die Hände
lagen auf der Tischplatte, die stillen,
sanften, geduldigen Hände. Er konnte
nicht anders er legte die seinigen
darauf und sah ifir tief unb innig in
die widerstrebend sich öffnenden Augen.
„Der eine Mensch wirb kommen unb
Dich erlösen, unb alles wirb gut fein.
Und so lange, bis ber eine Mensch Dich
gesunden hat, kommst Du mit nach
Hause und läßt Dich von uns hegen
und pflegen, gerabe wie bamals, als
sie Dich als kleines, hilfloses Kinb zur
Mutter brachten!"
Sie zuckte ein wenig zusammen. In
ibre Augen trat ein schreck, ein banges
Zurückbeben. Vorsichtig zcg sie ihre
Hände unter ben feinen hervor unb
stand auf.
„Gut. daß Du von ber Mutter
sprichst," sagte sie mit ganz veränder
ter, frostiger Stimme. „Sie wird
fcT:on sehr auf uns warten wir ha
ben sie über unseren Berathungen fast
vergessen!"
Etwas ganz Unerwartetes, Unerhör
tes und Unglaubliches ereignete sich:
Marja weigerte sich auf das entschie
denste, wieder nach Sporteinen zurück
zukehren. Unb was das Unglaublichste
unb Unserftänblichste war: sie konnte
nicht einmal einen Grunb für ihre
Weigerung angeben. Sie wollte ein
I fach nicht.
I Wenn sie aus Sublitten fort mußte,
trollte sie sich in ber Stabt eine kleine
i
i
Wohnung nehmen. Wenn sie sich sehr
einschränkte, würbe es gerabe reichen
für sie, bas Kinb unb ein Dienstmäb
chen. Sie fuhr sogar einmal ganz
allein nach Labtau, um sich Wohnun-
gen anzusehen. Sie schien etwas Paf
fendes gefunben zu haben, aber es war
leider erst zum Frühjahr frei.
Sie sprach mit Wulf bariiber, ob
es nicht zu ermöglichen sein würde, baß
sie so lange in Sublitten bliebe. Er
erwiderte furz, daß er versuchen wolle,
es für sie zu erreichen.
I Frau Christine war außer sich. Sie
fand es unverständig, eigensinnig, ja
ganz einfach undankbar und unkind
lich von Marja. Darum habe sie ihr
wohl lebenslang Mutterliebe erwiesen,
um nun so vertrauenslos und lieblos
I einfach übergangen zu werden! Sie
I redete den ganzen Tag auf Marja ein,
vorstellend, bittend, scheltend. Marja
blieb ruhig, freundlich und unerschüt
terlich.
Die Mutter wandte sich an Wulf.
I „Du mußt mit ihr reden. Auf Dich
hört sie vielleicht, weil Du jetzt über-
Haupt ihr geschäftlicher Beistand bist.
Du mußt ihr sagen, daß es Unsinn ist,
was sie vorhat."
I yortletzung folgt.)
i n i n u n e K i r
ch e n i tz. Während eines Hoch
amtes in der „Church of the Most
Precious Blood" in New Uork ver
nahm man das Gewimmer ewes
Säuglings. Man fand das Kind, ein
etwa sechs Stunden altes Knäblein.
unter einer der Kirchenbänke. Pater
S. Francesco Palambigio wurde be
nachrichtigt und ließ den kleinen Find
ling nach dem Altare bringen, Ivo er
ihn Mario Lineola taufte. Der Find
ling wurde schließlich nach dem Belle
vue-Hofpital geschickt. Es wird ver
muthet, daß die Mutter das Kind vor
Beginn des Gottesdienstes in die
Kirche trug und unter den Sitz legte.
Ein Zuckerlappen hatte es bann ein?
Zeit lang beschäftigt, aber, als biefer
dem kleinen Munbe entschlüpft war,
melbete ber kleine Erdenbürger feint
Anwesenheit.
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