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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, November 21, 1907, Image 7

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Ikrloljrljrilflirlfljrt
Erzählung von Berta Kehren.
(4. Fortsetzung.)
Den habe ich auch, aber sie ver
suchte zu trotzen ich sag' Ihnen
nicht, welchen.
Ihre Verlegenheit belustigte ihn.
Nun reizte es ihn erst rechts sie zum
Reden zu bringen. Er spielte den
Gekränkten. Sie scheinen ja sehr viel
Vertrauen zu mir zu haben, sagte er
kühl. Dann seufze er: Und ich dachte,
ich wäre Ihr Freund.
Dora sah ihn erschrocken an. Er
blickte mit beleidigter Miene zur
Seite. Es war das erste Mal, daß
er unfreundlich gegen sie war. Sie
kämpfte mit den Thränen. Es ist ja
nur, stotterte sie, ich wollte es Ih
nen nur nicht sagen, weil weil es
so dumm ist. Ich werde nämlich im
met so leicht roth, und und
Er war plötzlich wieder ganz ver
gnügt. Sein eifersüchtige Anwand
lung war verflogen. Dora war noch
nie roth geworden, wenn sie ihm von
Professor Rüdiger erzählte. Das
wußte er genau. Und da fürchteten
Sie, vollendete er ihren Satz, Sie
würden roth werden, wenn Sie von
mir erzählten
Sie nickte bejahend, ohne ihn an
zusehen.
Und dann würde er alles wissen
wollen, fuhr er fort, von unseren
Spaziergängen, und wovon wir uns
unterhielten und nun sprach er
ganz langsam und leise und ob
wir uns lieb hätten
Dora hatte die dunkeln Wimpern
tief auf die heißen Wangen gesenkt
und erwiderte kein Wort.
Der Maler fühlte plötzlich ein fast
unbezwingbares Verlangen, sie in
feine Arme zu nehmen und den trotzi
gen rothen Mund zu küssen. Sie sah
zu reizend aus in ihrer Verwirrung,
schnell blickte er um sich. Zu dumm!
Auf allen Bänken der Seufzerallee,
die sie gerade durchwanderten, saßen
Menschen, auf allen Nebenwegen sah
man Spaziergänger. Die Gelegen
heit war nicht günstig.
Als sie sich gleich darauf am Aus
gang der Allee trennen mußten, sagte
er leichthin: Ich glaube, es wird in
den nächsten Tagen regnen. Wir soll
ten das schöne Wetter besser aus
nutzen. Kommen Sie doch heute
Abend wieder her. Wenn die Abend
röthe sich in den Teichen spiegelt, wenn
sie allmählich oerblaßt, wenn die zar
ten blauen Schleier von den Wiesen
aufsteigen, wenn dieDämmerung alles
immer dichter und traulicher ein
spinnt, dann kann man erst den
Hofgarten von seiner schönsten Seite
kennen lernen. Und dann sitzt es sich
so hübsch auf unserer Bank am Was
set. Die Nachtigall wird singen, und
wir werden ganz still sein und lau
schen, und nicht wahr, Sie
werden kommen?
Er hielt ihre Hand fest und sah sie
bittend an.
Nein, das kann ich nicht, antwor
tete sie bestimmt, so schwer es ihr
wurde, ihm seinen Wunsch nicht zu
gewähren. Frau Geheimrath Rüdi
ger erwartet mich. Und nachher ist es
zu spät.
Aber Sie könnten doch mal verhin
dert sein, drängte er. Denken Sie
sich doch irgend etwas aus, was Sie
ihr vorflunkern können. Darin sind
doch alle Mädels erfinderisch.
Sie sah ihn ganz bestürzt an. Sie
wollen doch nicht, daß ich lüge. Das
wäre ja schlecht von mir.
Er lenkte ein. Es war doch unbe
quem, daß sie gleich alles so ernst
nahm. Nun denn bis morgen früh!
Wenn's dann nur nicht regnet.
Ich komme auch, wenn's regnet,
versprach sie. Morgen ist nämlich ein
ganz besonderer Tag, fügte sie ge
heimnißvoll hinzu.
Was für einer? fragte er neugie
rig.
Das sag' ich erst morgen, rief sie
im Fortgehen.
Aus dem Heimweg legte sie sich
selbst zum ersten Male die Frage vor.
warum sie sich nicht entschließen
konnte, irgend einem Menschen von
ihren Spaziergängen mit dem Maler
zu erzählen, nicht ihrer Mutter, nicht
bim Professor, nicht einmal ihrer ein
zigen Freundin, die vor Kurzem zu
ihrer weiteren Ausbildung eine Stel
lung in England angenommen hatte,
und der sie des hohen Portos halber
zwar selten, dann aber um so aus
führlicher schrieb.
Es war doch nichts Unrechtes da
bei, nichts, dessen sie sich zu schämen
brauchte. Im Gegentheil, sie war
sehr stolz darauf, einen folchenFreund
zu haben. Es schien ihr jedoch, als
beginge sie einen Frevel an dem Aller
heiligsten ihres Herzens, als müßte
das Geheimniß seinen süßesten Zau
her verlieren, wenn ein Dritter darum
wüßte.
Zu Haufe ließ sie sich von ihrer
Mutter berichten, wie es in deren Ju
gend gewesen war, und die sonst so
matten Augen der früh gealterten
Frau glänzten, und ihre blassen Wan
gen färbten sich, als sie von jener Zeit
heimlichen Liebesglücks erzählte und
von ihren Kämpfen mit dem Vater,
dem der wohlhabende Ladenvesitzer
als Schwiegersohn willkommener ge
Wesen wäre als der arme Lehrer.
Als aber Dora lebhaft ihrer 58t'
sriedigung darüber Ausdruck verlieh,
daß die Mutter trotz allem ihrem Ge
liebten treu geblieben war, schüttelte
sie seufzend den Kopf und das Leuch
ten erstarb in ihren Augen. Ach ja.
sagte sie trocken, man ist recht dumm,
wenn man jung und verliebt ist De
will man nicht glauben, daß die El
tern klüger sind und es gut mit ihren
Kindern meinen.
Daß der Vater so früh sterben
mußte, mar doch einUnglück, daß Nie
mand voraussehen konnte, wandte
Dora schüchtern ein.
Mit dieser Möglichkeit muß man
aber rechnen, antwortete die Mutter.
Jedenfalls wirst Du keinen armen
Mann heirathen, so lange ich es ver
hindern kann. Dafür hab' ich Dich
nicht das Examen machen lassen. Als
Lehrerin hast Du Dein gutes Aus
kommen und keine Sorgen. Laß Dir
nur von den Romanschreibern keine
überspannten Ideen von der Liebe in
den Kopf fetzen.
Dora fühlte sich ernüchtert. Das
sah sie wohl ein. der Mutter brauchte
sie mit dem Maler nicht zu kommen,
bis er berühmt war und seine Bilder
gut bezahlt bekam. Und wenn es
auch Jahre dauerte, 'sie wiirhe ihm
treu bleiben. Mochte die Mutter sa
gen, was sie wollte, ihre Tochter
würde es ebenso machen, wie sie selbst
es einst gemacht hatte. Die alten
Leute haben gut reden!
Am nächsten Morgen war der Him
mel ganz grau. Auch nicht die kleinste
Lücke Hatten die Wolken gelassen, wo
die Sonne hätte bindurchblicken kön
nen. Der Morgenwind schien sich
verschlafen zu haben. Weich und still
war die Luft. Kein Blättchen zit
terte. kein Halm bewegte sich. Es
war. als ob die ganze Natur in re
gungsloser Wonne darauf wartete,
das erquickende Naß vom Himmel zu
empfangen.
Dora und der Maler saßen auf der
Bank am Wasser. Sie waren heute
schneller müde geworden als sonst,
und sahen nun schweigend denSchwä
nen zu, die langsam aus der spiegel
glatten Fläche des Teiches dahin
glitten.
Io Mendling war so schweigsam,
daß es Dora ganz befangen machte.
Es war heute überhaupt alles anders
als sonst. Kein Blitzen und Funkeln
auf dem Wasser, kein Rauschen in
den Baumkronen, kein Wiegen und
Neigen der B'.'.chenzweige, keine spie
lenden Sonnenlichter auf dem Rasen,
keine grüngoldige Dämmerung es
war alles wie verzaubert.
TUPP, tupp! Die ersten Tropfen
fielen auf die Blätter. Klick, Klick?
Auf dem Wasserspiegel bildeten sich
kleine Kreise.
Es fängt an zu regnen, sagte Dora
bedauernd, wir müssen gehen, sonst
werden wir naß.
Bewahre, antwortete der Maler.
Hier sitzen wir noch lange gut. Jetzt
wird's ja gerade schön, wenn all die
vorsichtigen Leute nach Hause gehen.
Vorläufig regnet's hier nicht durch.
Und im Nothfall spannen wir den
Schirm auf.
Dora blieb sitzen. Immer dichter
fiel der Regen. Einige Menschen
hasteten vorüber, um schnell unter
Dach und Fach zu kommen. Dann
war ringsum Niemand mehr zu sehen,
nichts mehr zu hören als das eintö
nige Rauschen des Regens, das den
Eindruck der Stille erhöhte, statt sie
zu unterbrechen.
Das Blätterdach der Buchen war
noch nicht dicht genug, um vor der
herabströmenden Himmelsfluth lange
Schutz zu gewähren Der Maler
spannte den Schirm auf. Sie muß
ten ganz nahe zusammenrücken, um
nicht naß zu werden.
So, nun machen wir eine Regen
studie, sagte Io mit lachenden Augen.
Die Frühlingssonne ist schön, aber
solch ein warmer Frühlingsregcn, das
ist auch etwas Schönes. Man sieht
es ordentlich, wie es wächst. Und
plötzlich brechen alle Blüthen auf.
Dora athmete tief. Wie das duf
tet! Horch, und nun singt die Nach
tigall. Selbst beim Regen singt sie.
Sic singt ihr Liebeslied, antwor
tete er leise. Darin stört sie kein
Frühlingsregen. Uns stört er ja auch
nicht, fügte er noch leiser hinzu, in
dem er sich zu ihr neigte und feine
Hand auf die ihre legte.
Sie rührte sich nicht. Es war
wohl ein Traum, ein seliger Traum,
den eine Bewegung verscheuchen
konnte.
Er legte sanft feinen Arm um ihre
Schulter und zog sie noch näher an
sich. Do, kleine Do, flüsterte er zärt
lich.
Scheu und langsam erhöh sie die
Augen zu ihm und lächelte. Ihre
Blicke ruhten ineinander. Io athmete
tief. Dann küßt« er sie auf den
Mund.
Lange sprachen Sie kein Wort.
Hätten sie sich denn mit Worten
Schöneres sagen können als mit
Blicken. Süßeres als mit Küssen!
Und als der Maler endlich fragte:
Hast Du mich lieb, kleine Do? da
war diese Frage eigentlich schon ganz
überflüssig geworden. Er wartete
auch die Antwort gar nicht ab, son
dern küßte sie ihr von den Lippen
und fragte dann, indem et ihre
Wange streichelte: Du hast wohl noch
nie einen Mann geküßt?
Nein! antwortete sie schnell, n
ehrlicher Entrüstung. Dann spielte
sie verlegen mit seinem Jackenknovf.
Und Sie enöthend verbesserte sie
sich: und Du, hast Du
Vor Dir ein Mädel geküßt? Nie
mals! erklärte er mit so übertriebe
nem Pathos, daß nur ein so unerfah
rcnes junges Mädchen wie Dota ihm
Glanben schenken konnte.
Die aufrichtigsten Menschen sind
doch immer die leichtgläubigsten,
dachte der Maler ein wenig beschämt,
als sie nicht den geringsten Zweifel
in feine Worte fetzte. Ein Glück nur,
daß sie mir in die Hände gefallen ist.
und nicht irgend einem gewissenlosen
Schuft.
Ob es ein Glück für sie war? Auch
daran zweifelte sie keinen Augenblick!
Und gerade heute habe ich Geburts
tag, sagte sie strahlend.
Ah, das war das große Geheim
niß, entgegnete er. Das hättest Du
mir übrigens auch gestern sagen kön
nen. Dann hätte ich Dir doch etwas
mitgebracht. Zu Brillanten langt's
freilich nicht. Aber Blumen und
Chokolade würdest Du doch auch nicht
verachten.
Sie sah ihn zärtlich an. Du hast
mit doch das Schönste geschenkt, was
nur ein Mensch mir schenken konnte,
sagte sie innig, und er küßte sie wie
der.
Dora kam heute sehr verspätet nach
Hause. Sie mar auf Schelte gefaßt
gewesen und athmete deshalb erleich
tert auf, als die Mutter sie mit den
Worten empfing: Das war vernünf
tig, daß Du den schlimmsten Regen
abgewartet hast. Ich war schon bang,
Du würdest hindurchgehen und Dir
Dein Kleid evrderben. Mit zwanzig
Jahren ist es ja auch Zeit, daß man
vernünftig wird. Nun, ich wünsch'
Dir viel Glück zum Geburtstag.
Sie schenkte ihr ein Paar Schuhe
und einen kleinen weißen Strohhut
mit einem schwarzen Sammtband,
den Dora sich brennend gewünscht
hatte, den die Mutter aber anfänglich
nicht hatte kaufen wollen, weil er ihr
zu theuer erschien. Vier Mark fünf
zig für einen Hut, der höchstens einen
Sommer hielt!
Nun bin ich eigentlich sehr elegant,
meinte Dora befriedigt, indem sie sich
mit dem neuen Hut im Spiegel be
trachtete. Mein blaues Straßenkleid
ist wirklich noch sehr gut. Wenn ich
nun noch eine hübsche helle Bluse
hätte!
Es schien, als ob das Schicksal ihr
einmal alle Wünsche erfüllen wollte.
Als sie am Nachmittag zu Frau Ge
heimrath Rüdiger kam, stand ein Ku
chen auf dem Kaffeetisch, ein Mai
glöckchenstrauß hinter ihrer Tasse, und
daneben lag in einem Karton eine
mattrofa Waschbluse mit einem wei
ßen Batistkragen. Die alte Dame
hatte das junge Mädchen gelegentlich
nach ihrem Geburtstag gefragt und
sich das Datum gemerkt.
Noch nie in ihrem Leben war Dota
so überrascht gewesen. Sie war ganz
außer sich vor Freude und Entzücken,
und als gar der Professor erschien
und ihr eine schön gerah nte Photo
graphie der Miirillo'fchen Madonna
schenkte, dankte sie ihm mit Thränen
der Rührung in den Augen. Sie
wollte ihm die Hand küssen, wie sie es
der asten Dame gethan.
Fast erschrocken wehrte er ab, indem
er väterlich seinen Arm um ihre
Schulter legte und freundlich sagte:
Wir hatten eigentlich vor, heute Nach
mittag einen Wagen zu nehmen und
zur Feier Ihres Geburtstages in den
Wald zu fahren. Aber der Regen hat
uns einen Strich durch die Rechnung
gemacht. Nun habe ich mir etwas
Besseres überlegt. Uebermorgen ist
Feiertag, Christi Himmelfahrt, und
ich habe den ganzen Tag frei. Wenn
das Wetter dann wieder schön ist,
fahren wir drei zusammen an den
Rhein, in's Siebengebirge.
Dora wäre ihm vor Entzücken fast
um den Hals gefallen. Wie gut et
war! Sie hatte ihm einmal von die
sem ihrem Herzenswunsch gesprochen,
dessen Erfüllung sie vorläufig für
ganz unmöglich gehalten hatte. Eine
größere Geburtstagsfreude hätte er
ihr gar nicht machen können.
Nur ein Gedanke trübte ein wenig
diese Freude, daß Io Mendling nicht
mit dabei fein konnte.
Der Maler war denn auch am
nächsten Morgen sehr ärgerlich, als er
von dem Plane der Fahrt nach dem
Siebengebirge hörte. Wenn ich Dir
vorgeschlagen hätte, einen Ausflug
mit mir zu machen, bemerkte er ver
drießlich, so hättest Du natürlich wie
der nein gesagt. Immer dieser lang
toeilbe alte Professor! Ich glaube
wahrhaftig, et ist verliebt in Dich,
kleine Do. Ein Wunder wär's ja
nicht. Und wenn et Dich nun mor
gen fragt, ob Du feine Frau werden
willst
Ach, et denkt gar nicht daran! Das
klang sehr überzeugt.
Ich glaüb's doch, sagte Io noch
immer eifersüchtig. Et scheint's ja
ehrlich mit ihr zu meinen, dachte er
bei sich, da die alte Dame immer mit
dabei ist. Warum sollte et auch nicht,
fuhr er ärgerlich fort, et hat ein schö
nes Haus, Geld wie Heu, warum
sollte er nicht auch eine hübsche junge
Frau haben wollen! Ich könnt' es
Dir nicht einmal verdenken, wenn Du
ihn nähmst, Kleine, denn es ist sicher
weit angenehmer, die Frau eines rei
chen Mannes zu sein, als Lehrerin zu
spielen und Gesuchten zu schreiben,
die nicht einmal gedruckt werden. Der
arme Io hat dann freilich das Nach
sehen.
Aber, mein liebster Io, antwortete
Dora ernst, wie kannst Du das nur
von mir denken! Ich werde Dir stets
treu bleiben und auf Dich warten,
bis —. Ihre schmale Hand schlich
sich zutraulich in seine große.
Et ließ sie nicht ausreden. Dum
mes, kleines Närrchen, sagte er zärt
lich, das kann ich ja gar nicht von
Dir verlangen. Es mag wohl noch
übet hundert Jahre dauern, bis ui
heirathen kann. Und dann macht's
uns beiden vielleicht keinen Spaß
mehr.
Sie lachte. Er scherzte natürlich
wie so oft. Und da gerade keine
Menschen in der Nähe waren, küßte
er sie ein paarmal schnell hintereinan
der und erklärte, er freue sich doch,
daß sie in's Siebengebirge fahre, da
er ihr doch das Vergnügen nicht ma
chen könne. Wenn et mal erst Geld
hätte, nähme er sie mit nach Italien.
Wie glücklich war sie, die kleine
Do, einen so hübschen, lustigen Schatz
zu haben, wie Io Mendling, und
einen so guten, ernsten Freund wie
den Professor.
Wie reizend sie aussieht, dachte Rü
diger am nächsten Morgen, als Dota
pünktlich am Bahnhof erschien.
Sie hatte zum ersten Male die rosa
Bluse angezogen, deren weißer Batist
kragen den Hals ein wenig frei ließ,
den kleinen hellen Strohhut mit dem
schwarzen Sammtband auf den
dunklen Haaren, und an Stelle der
ausgetretenen dicken Winterschuhe, die
schon lange das Mißfallen des Pro
fessors erregt hatten, trug sie ein Paar
neue zierliche Schuhe, die die hübsche
schlanke Form ihrer Füße zeigten.
Als sie in ein Abtheil erster Klasse
stiegen, belustigte ihn ihre erstaunte
Miene. Sie konnte es kaum glau
ben, daß sie, Dora Gilbert, es selber
war, die so vornehm in's Siebenge
birge reiste. Das Fahren in der
Dritten war ihr schon immer ein gro
ßer Genuß gewesen, wenn sie einmal
einen Schulausflug mitmachen durfte.
Entzückt blickte sie durch das Fen
ster über die frischgrünen Felder in
die weite Ebene hinaus, die die Früh
lingssonne goldig verklärte. Zum
ersten Male sah sie jenseits des Rhei
nes das alte heilige Köln mit dem
stolzesten aller deutschen Dome. Bald
tauchten in der Ferne die blauen
Berge auf. Freundliche Ortschaften,
helle Villen in blühenden Gärten
glitten vorüber. Auf dem fonnenbe
glänzten Strome herrschte fröhliches
Leben.
In Königswinter angelangt, nahm
der Professor einen Wagen für den
ganzen Tag. Es verursachte Dora
zuerst ein Gefühl der Beklemmung,
daß sie neben der alten Dame sitzen
sollte, während der Professor den
Rücksitz einnahm. Allein er that es
nicht anders.
Ach. wie war das schön, in weiche
Polster gelehnt, von flinken Pferden
gezogen, in den lachenden Frühling
hineinzufahren! Ueberall blühte der
Flieder, leuchtete der Goldregen. Die
•Uastcinien hatten ihre weißen Blü
thenterzen aufgesteckt, und die Wiesen
an den Abhängen sahen aus, als
hätte der Lenz in übermüthiger Gebe
laune Tausende von blinkenden Du
taten darüber ausgestreut, die sich je
doch in lautet Butterblumen verwan
delten, sobald eine gierige Hand sich
danach ausstreckte.
Aus dem sonnigen Thale führte der
Weg in den hohen Buchenwald, der
nach der hellen Blüthenpracht fast be
ängstigend feierlich gewirkt hätte,
wenn sich nicht die Sonnenstrahlen
dutch's grüne Laubdach hereingestoh
len und 'inunter an den grauenStäm
men und auf der braunrothen Laub
decke des Bodens hingespielt hätten.
Still und glücklich saß Dota in ihr
rer Ecke, mit gefalteten Händen und
leuchtenden Augen. Rüdiger nickte
ihr zuweilen lächelnd zu die alte
Dame schlummerte ein wenig nach der
Anstrengung des frühen Aufstehens
und der Eisenbahnfahrt. Und wäh^
rend sie so Dahinfuhren, kanten dem
ernsten Manne ganz thörichte Gedan
ken, die er vergeblich zu verscheuchen
suchte. Er mußte es sich immer wie
der vorstellen, wie hübsch es wäre,
wenn et auf dem Platz feiner Mutter
säße, wenn er die schlanke Gestalt de5
jungen Mädchens im Arm hielte,
wenn eine kleine Hand sich vertrau
ensvoll in seine große schmiegte. Er
mußte Dora immer wieder ansehen.
Wie hatte sie sich verändert, seitdem
sie zum ersten Male, ein blasses,
schüchternes Kind, in seinem Arbeits
zimmet in dem tiefen Lederfessel ge
sessen und ein zärtliches Mitgefühl
in ihm erweckt hatte! War es ein
Selbstbetrug gewesen, daß er dieses
Gefühl, das bei dem täglichen Verkehr
immer tiefet und wärmer geworden
war, väterliche Zuneigung genannt
hatte?
Oder hatte es sich unmerklich ver
ändert. wie das junge Mädchen selbst?
Wie sie jetzt in stiller Glückseligkeit
vor ihm saß, wie sie, die frischen,
rothen Lippen halbgeöffnet, die köst
liche Waldluft tief einathmete, wäh
rend der frohe Glanz in ihren Augen
zuweilen einer träumerischen Sehn
sucht wich, ging ihm ein Vers von
ilhland durch den Sinn:
Sie war ein Kind vor wenig Tagen,
Sie ist es nicht mehr, wahrlich nein!
Bald ist die Blume ausgeschlagen.
Bald hüllt sie halb sich wieder ein.
Wen kann ich um das Wunder fragen.
Wie, oder täuscht mich holder Schein?
Rüdiaer lächelte über sich selb't.
War er denn ein Student, daß et so
schwärmte und ein Wunder zu sehen
glaubte, wo in ganz natürlicher Weise
ein durch Entbehrungen und Krank
heit in der Entwicklung gehemmter
Körper sich durch bessere Ernährung
und den Aufenthalt in der frischen
Luft erholt und gekräftigt hatte? Und
doch, war es das allein? Ist es denn
kein Wunder, wenn aus einer Knospe
eine Blüthe, wenn aus einem Kinde
ein Weib wird?
Ja, Wunder sind'» der süßen Minne,
Die Minne hat der Wunder viel!
Et mußte die Worte wohl halblaut
vor sich hingesprochen haben, denn
Dora fuhr aus ihrer Träumerei in
die Höhe und fragte: Sagten Sie et
was, Herr Professor?
Sie erröthete, als sie dem forschen
den Blick seiner Augen begegnete. Es
war ihr, als müßte er es ihr ansehen,
daß sie an Io Mendling gedacht, daß
sie ihn voll Sehnsucht herbeigewünscht
batte.
Wir sind bald in Heisterbach, be
merkte Rüdiger. Dort wollen wir
frühstücken. Sie haben gewiß schon
von dem alten, berühmten Kloster ge
hört, von dessen schöner Abteikirche
leider nut die Ruine des Chors er
halten geblieben ist.
Einige Minuten später saßen sie
unter den alten Bäumen von Heister
bach, verzehrten ein Schinken-Butter
brot und tranken ein Glas frische
Milch dazu.
Maiwein giebt's erst am Abend, be
stimmte der Professor. Ich fürchte,
wir verderben uns den Nachmittag,
wenn wir es machen wie die Studen
ten da drüben, die jetzt schon eine
große Waldmeister Bowle vor sich
haben.
Et beutete mit der Hand über die
Wiese, deren Abschluß die malerischen
Reste der ehemaligen Klosterkirche bil
deten. Wo in vergangenen Zeiten die
Sonnenstrahlen durch bunt verglaste
Fenster gefallen waren, schauten jetzt
die Buchenwimpsel durch die zierlichen
Rundbogen wo früher der Altar ge
standen haben mochte, saßen Bonner
Studenten mit bunten Mützen und
ließen die Gläser aneinander klingen
wo die Mönche, vom Leben abge
wandt, ernste Psalmen fangen und
Buße und Entsagung predigten, da
klang jetzt die frohe Weift des Liedes:
Der Mai ist gekommen, jubelnd em
por zu der altersgrauen Ruine, zu
den frischgrünen Buchenwipfeln.
Und in den Pausen hörte man vom
Walde her die Nachtigall.
Ich hätte früher nie gedacht, daß
das Leben so schön sein könnte, sagte
Dora plötzlich.
Es wird noch schöner werden, er
widerte der Professor mit einem war
men Blick.
Als sie kurz darauf wieder im Wa
gen saßen, um zum Petersberg hinauf
zu fahren, meinte Rüdiger zu feiner
Mutter gewandt: Wenn es Dir recht
ist, 1nssen wir Dich heute Nachmittag
allein zum Drachenfels fahren. Wir
beider» jungen Leute machen dann den
Weg zu Fuß. Wir müssen doch et
was thun, um uns den Maitrank zu
verdienen. Ich glaube, Fräulein Dora
ist auch meiner Meinung.
Dora stimmte seinem Vorschlage
lebhaft zu. Aber es berührte sie son
derbar, daß der Professor „wir beiden
jungen Leute" gesagt hatte. Er ist
doch nicht mehr jung, dachte sie. Bei
Io Mendling hätte das natürlich ge
klungen. Ach, es war wohl recht un
dankbar, daß sie ihn immer wieder
herbeiwünschte, wo der Professor und
feine Mutter so gut und freundlich
gegen sie waren.
Wie viel aber würde sie ihm mor
gen zu erzählen haben! Wie herrlich
war es wieder oben auf dem Peters
berg, roo man nach der einen Seite
in die liebliche Rheinebene hinab-,
nach der anderen in die sieben Berge
hineinschaute, die in frischem Maien
g.rün prangten.
Dort der schroffe Felsen mit bet
Ruine, erklärte Rüdiger, stromauf
wärts deutend, das ist der Drachen
seis, das Ziel unserer heutigen Wan
derschaft.
Wird der Weg auch nicht zu an
strengend für Dich sein? fragte seine
Mutter besorgt.
Das wäre doch traurig, meinte et
halb gekränkt.
So wanderte er denn am Nachmit
tag kurz nach dem Mittagessen mit
Dota wieder durch den stillen Buchen
wald hinab, während die alte Dame
vor der Abfahrt noch ein wenig der
Ruhe pflegte. Anfangs ging die
Wanderschaft ganz gut vonstatten.
Dora plauderte fröhlich und unbefan
gen, wie immer, wenn sie mit dem
Professor allein war. Ihr Entzücken
über alles, was sie sahen, theilte sich
ihm mit. Er fühlte sich erfrischt und
verjüngt in ihrer Nähe.
Ich möchte Sie einmal mit nach
Italien nehmen, sagte er plötzlich,
nur um ihre Freude zu sehen.
Ach, das wäre herrlich, antwortete
sie schnell. Aber das wird ja nie
gehen, fügte sie gleich bedauernd
hinzu.
Warum denn nicht? Wenn wir
es beide wollen?
Ich könnte meine Mutter nicht so
lange allein lassen. Sie i"t herzlei
dend, sagt der Arzt
Aber wenn Sie heirateten?
Die Frage klang scherzhaft, das Ge
sicht des Fragenden jedoch war ernst
und gespannt.
Ach, bis dahin hat's noch aute
Wege! sagte sie und dacht* tn de»
Maler.
An die Möglichkeit, daß ich sie hei
rathen könnte, denkt sie augenscheinlich
gar nicht, dachte ihr Begleiter. Unv
wieder stieg heiß und verlangend der
Wunsch in ihm auf, sie in seine Arme
zu nehmen und sie ganz leise zu fra
gen, ob sie ihn lieb genug habe, so wie
heute immer an seiner Seite zu ge»
hen. Aber sie waren mittlerweile aus
dem Walde herausgekommen, und die
Landstraße war belebt von Ausflug
lern zu Fuß und zu Wagen.
Es wäre dem Professor ganz lb
gewesen, wenn sie in einen, der Wagen
seine Mutter erblickt und wieder zu
ihr hätten einsteigen können.
Das Bergabgehen hatte ihn doch
mehr angestrengt, als er erwartet
hatte. Das steift Bein fing an, ihn
empfindlich zu schmerzen, und er be
gann zu fürchten, daß er seine Kräfte
überschätzt hatte. Dora bemerkte bald,
daß ihm das Steigen sauer wurde.
Er stützte sich schwer auf feinen Sto6
und athmete mühsam.
Wie wären doch besser gefahren,
meinte sie bedauernd, der Weg ist zu
anstrengend für Sie.
Er biß sich auf die Lippen, um den
Schmerz zu unterdrücken. Dann lä
chelte er ihr beruhigend zu. Es ist
nicht mehr weit bis zur Höhe. Und
dann belohnt uns ein frischer Trunk
und die herrlichste Aussicht.
Innerlich jedoch war er verstimmt.
Was für ein armseliger Krüppel bin
ich geworden, dachte et.
Er blickte aus Dora, die leicht und
elastisch, ohne die geringste Ermü
dung neben ihm herschritt, während
er säst daran verzweifelte, die mäßige
Höhe des Berges erreichen zu können.
Wie konnte er daran denken, dieses
blühende junge Leben mit dem seini
gen zu verbinden, so lange et nicht
ganz frisch und gesund war? Nein,
das wäre Sünde gewesen. Aber hatte
der Arzt ihm nicht noch kürzlich ge
sagt, daß die Schwäche im Bein sich
ganz wieder verlieren würde, wenn
er sich einer durchgreifenden Kur un
terzöge? Gleich morgen wollte er ihn
zu sich bitten, um alles Nöthige mit
ihm zu besprechen.
Als sie endlich nach mühsamer
Wanderschaft oben auf dem Drachen
fels anlangten, wo die alte Dame sie
schon erwartete, war er körperlich wie
zerschlagen, während seine Stimmung
sich bei einem Glase fühlen Maitranks
bald wieder hob.
Wer hätte auch hier oben trüben
Gedanken nachhängen können! Auf
der großen Terrasse herrschte ein ste
tes Kommen und Gehen festlich ge
putzter und festlich gestimmter Men
schen. Die Zahnradbahn brachte im
mer neue Gäste von Königswinter
herauf. Mit strahlenden Mienen ka
men die Kinder auf den rothen Sät
teln der Esel herangeritten. Dazwi
schen erschienen mit geiötheten Gesich
tern und bestaubten Schuhen fröhliche
Wanderer, die selbstgepflückte Mai
glöckchen in der Hand und den frischen
Eichenkranz um den Hut trugen. Allen
gemeinsam war der Durst und die
gute Laune aus allen Tischen standen
Hüinpchen und Bowlen mit duftigem
Maiwein. Der weißhaarige Barde
sang zur Harfe: Strömt herbei ihr
Völkerfchaaren,—und jubelnde Stim
men fielen in den Schlußvers ein:
Nur am Rhein da will ich leben.
Abseits von diesem lustigen Trei
ben stand Dota neben dem Professor
an der Brüstung der Terrasse. Zu
ihren Füßen lag in märchenhafter
Schönheit das weite sonnige Thal
zwischen den maidigen Höhen. Präch
tige helle Dampfer, Segelboote und
Kähne zogen silberne Furchen durch
die bald blau, bald grünlich schim»
mernden Wellen des Stromes, der
tief unter ihnen in majestätischer
Breite dahinfloß. Bald lag die Land
schaff in lichter Klarheit da, bald
glitten blaue Wolkenschatten darüber
hin.
Und während Professor Rüdiger
dem jungen Mädchen die Namen all
der Ortschaften nannt«, die für jeden
Rheinländer einen so holden Klang
haben: Königswinter, Godesberg,
Honnef, Rolandseck. Nonnenwerth,
da wurde das Gefühl der Dankbarkeit
für feine Güte so übermächtig in ih
rem Hetzen, daß ihre Augen sich mit
Thränen füllten.
Sie sind so gut, sagte sie leise.
Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen
danken soll.
Er beugte sich näher zu ihr und
fragte mit ruhiger Zärtlichkeit, als
ob er mit einem Kinde spräche: Hat
die Kleine mich denn ein wenig lieb?
Sie sah ihn voll an und lächelte.
Wie einen Vater, erwiderte sie mit
schwärmerischer Inbrunst.
Das ist viel, dachte er, und doch
noch zu wenig.
Am nächsten Nachmittag empfing
Frau Geheimrath Rüdiger Dora mit
besorgter Miene. Ihrem Sohne war
der Ausflug schlecht bekommen. Er
hatte Schmerzen im Bein und lag in
seinem Arbeitszimmer aus demDivan.
Sie fübrte Dora zu ihm.
spielerin: Komisch, eben saßen noch
zwei Ihrer Verehrer im Parkett, und
gleich nachdem Sie ausgetreten waren,
waren sie verschwunden. Zweite
Schauspielerin: Ja, wenn meine Ver
ehret mich sehen, dann sind sie auch
gleich weg.

e i n e k E s e S a u-

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