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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, September 10, 1908, Image 7

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3m £eik Der Jfrijl
U. Fortsetzung.)
Gertrud meldete den Pfarrer an
und verließ dann die Stube, um un
ten über seinen Vorschlag nachzuden
ken, der ihr bei näherer Betrachtung
doch als ein Ausweg aus erster Noth
schien.
Ein Freudenschimmer verklärte das
Antlitz des Greises. „Grüß Gctt,
Hochwürden! S) eine Ehr! Freut
mich schon tausend tausend, daß mich
der Herr Pfarrer besucht in meiner
Einsamkeit. Traudl. gib dem Herrn
einen ©eiset!"
Ermannsperger trat an das Bett,
berührte die knochige Hand des B'.ir.
den und sprach: „Die Gertrud ijob ich
weggeschickt! Was ich mit Euck
reden habe, braucht ein Dritter ntchi
zu hören!"
Verwundert hob der Blinde den
Kopf. „So, was ist denn das? Soll
ich denn beichten, Herr?! Bin ich so
schwer krank...?"
„Nein, nein! Ein freundschaftlicher
Besuch, weiter nichts! Keine Sorg
Oedl! So Gott will, wirst du bald
wieder gesund sein!"
„Ich horf's auch! Aber eine Bit!
hätt ich, Herr Pfarrer, sagt doch Ihr
mir die Wahrheit: wo ist denn der
Sepp, mein Sohn? So lang aus
bleiben, das ist schon nicht mehr in
der Ordnung! Ohne den Herrn
muß ja alles drunter und drüber ge
hen im Anwesen! Wo steckt oenn
der Sepp?"
Der Pfarrer hatte einen Stuhl an
das Bett gestellt, setzte sich und sprach
gedämpften Tones: „Es kann die Ab
Wesenheit Eures Sohnes längere Zeit
währen, der Haslacher hat im Strau
binger Gericht zu thun..
Der Blinde erwiderte: „Straubing
Gericht Herr Pfarrer, das
ist ja das Schwurgericht für den
Gäuboden! Es wird der Sepp doch
nicht... um Gottes willen, Hochwür
I den, was hat es denn 'geben?"
I
„Einen Streit am Lichtmeßtag!"
„Der Sepp? Mit wem?"
„Der Haslacher ist vom Pfleger
Plendl öffentlich schwer beleidigt wor
den..."
Hastig rief der Oedl: „Und der
Sepp hat sich das nicht g'fallen las
sen und hat den Plendl, den Ehrab
I schneider, 'gurgelt?! Das hätt ich auch
'than, wenn ich jünger wär und nicht
blind! Aber sagt, Herr Pfarrer,
warum ist der Sepp jetzt im
Schwurgericht!"
„Eine böse Sache, die das Gericht
erst aufklären muß!"
„Jesses naü Ist etwas g'schehen?
Hat der Plendl vielleicht das
Gurgeln nicht gut verleiden mögen?"
„Wie es zugegangen ist, weiß .nfn
nicht! Eine schlimme Rauferei, ein
Knäuel von Menschen... Der Hasla
cher will nur mit den Fäusten ae
schlagen haben, der Plendl aber hat
einen Messerstich in den Rücken er
halten..."
„Das hat mein Sohn ganz g'lmß
nicht gethan!"
„Vor seinem Absterben hat der
Pfleger noch gerufen..
„Heilige Mutter Gottes, steh uns
bei! Der Plendl wird doch nicht mit
einer Lug aus der sündigen Welt
'gangen sein?"
„Möge Gott ihm ein gnädiger
Richter sein! Trag es mit Erze
bung in Demuth und Gottvertrauen,
Oefdl! Nach dem Willen des Herrn
wird auch in diesem schlimmen Falle
die reine Wahrheit an den Tag kom
men! Derweilen ist das Gericht be
schäftigt, den Fall aufzuklären ein
Untersuchungsrichter wird demnächst
hier erscheinen und nachforschen. Des
halb ist es besser, daß der Oedl be
reits verständigt ist!"
Mit mehr Fassung und Ruhe, als
Ermannsperger erwartet hatte, sprach
der blinde Greis: „Tragen müssen
wir freilich, was der Herrgott schickt,
geduldig auch dazu! Aber traurig
ist es schon, daß der Htinmetof/er
grad m:r, dem blinden Oedl. ein«» so
schwere Last auferlegt! Thät ja ge
nug andere geben, die jünger sind und
gesunde Augen haben! Kannst nix
machen, ich trag's halt in Gottes Na
men! Mein armer Sohn! Ein
g'sperrt sein, eine böse Straf Verbi!
ßen müssen, das ist bitter! Ich kann's
aber nicht glauben, daß der Sepp...
na, das gibt's nicht! Ein gacher
Mensch, ein Hitzkopf ist er schon
wird's wohl von mir haben, ich bin
ja in der Jugend allweil g'schwind
in der Hitz g'wesen, aber stechen,
einen Mitmenschen stechen, und wär's
der z'widerste Feind wie der Plendl,
na, Hochwürden, das gibt's bei uns
Haslachern nicht hat's nie g'geben
und wird es nicht geben! Es muß
schon cm anderer die Faust drin
g'habt haben der Sepp hat ganz
g'wiß nicht zug'stochen! Ich will
in Geduld abwarten, was das Ge
richt sagt, und vertrau auf Gott, den
Herrn, der es schon recht machen wirb,
auf daß es wieder taugt!"
„Recht so, Oedl! Und nun du
gefaßt bist und alles wetßt. möctii ich
noch sagen: wenn du eine Hilfe in
Geldsachen brauchst, darfst nur ver
langen! Ich werd dafür sorgen, daß
euch der Raiffeisenverein beisteht!
Dem Haslacher muß der Hof gerettet
werden!"
„Vergelt's Gott tausendmal! Wird
nöthig sein! Ich thät bitten, daß der
Herr Pfarrer mit der Traudl die
schriftlichen Sachen erledigt! Der
Blinde kann nicht viel ausrichten,
gleich nur lusen und mitreden!"
„Hm! Die Gertrud will eine Hilf
von Leuten nicht annehmen, die glau
ben, daß der Haslacher den Pfleger
gestochen habe! In einer so schlim
men Lage eine herzlich angeboten?
Hilf ablehnen..
„Herr Pfarrer! Ich kann der
Traudl nicht unrecht geben! W'r
den Sepp einer Mordthat fähig hält,
der soll sein Geld behalten! Wir
wollen kein Hilf von solchen Men
schen! Ich dank für die Bemühung
und das Angebot und bitt halt, feien
S' nicht bös!"
„Na, Oedl, da hört sich alles auf!
Eine Hilf in schwerer Zeit ablehnen
so eigensinnig! Das ist Frevel, der
Eigensinn auf's höchste getrieben! Du
hast ja vor wenigen Minuten selbst
gesagt, daß eine Hilf nöthig sei! Ich
hätt den Oedl für vernünftiger ge
halten!"
Alles weitere Zureden blieb vergeb
lich. Der Alte war starrköpfig ge
worden und lehnte jegliche Hilfe ab.
Ermannsperger rieth dazu, es solle
nun das von der Kanalbaugesellschaft
benöthigte Grundstück, das sogenannte
Haselfeld, gegen Baarzahlung abge
treten werden, auf diese Weise bekom
me die Familie Geld und können die
Haslacher die drängensten Gläubiger
wenigstens zum Theil befriedigen.
Der Großvater wollte aber nun
auch davon nichts wissen und erklärte,
es auf die Zwangsversteigerung an
kommen lassen zu wollen.
Mit einem vollen Mißerfolg verließ
der Pfarrer das Haslachergehöft ge
scheitert die gute Absicht, Hilfe zu
bringen einer in schwere Bedrängniß
gerathenen Familie. Ermannsperger
war aber entschlossen, dem verhafte
ten Haslacher das Anwesen unter
allen Umständen zu retten, wenn
nöthig, gegen den Willen der quarz
köpfigen Familie.
Unweit des Gehöftes Kunigs war
tete fleißig schnupfend der Waldler
Förstl auf den heimkehrenden Pfarrer,
den er auf dem Gange zum Haslacher
vorher beobachtet hatte. Schmetternd
begrüßte der drollige Bauer den
Geistlichen mit fröhlichem „Hiach",
und dazu schwenkte Förstl seinen Hut.
Ermannsperger kam heran und
fragte: „Nun, Förstl, warum so
schnackerfidel? Bist von der „Höll"
losgekommen?"
„Hiach, hiach, hiach! Das nicht,
Böiwl oha na, Herr Pfarrer,
hab ich sagen wollen! Einihupfen
muß ich halt in Gottes Namen in
den heiligen Ehestand, weil es nicht
anders geht! Wär mir ja das ganz:
Weibervolk davon! Und zahlen müs
sen, bis die Schwarten krachen, und
neue Weiberleut einstellen in der heu
tigen Zeit, lieber nicht, und kommt
nix besseres nach! Und so thät ich
halt mal bitten, daß uns der Herr
Pfarrer in der nächsten Zeit von der
Kanzel runterschmeißt! Mich und die
Anna! Ist jetzt schon ein Teufel, ich
bin halt ein Opfer von dem Malefiz
kanal! Ist g'spaßig genug: bei den
einen geht eine Verlobung wegen des
„Paradieses" auseinander, bei uns
muß ein alter Junggesell heirathen!
Den Kanal hab ich jetzt schon dick, ob
wohl er noch gar nicht gebaut ist! Der
Teufel soll ihn holen! Hab meiner
Lebtag das Wasser nicht mögen...!
Und 's Wasser bringt mich in den
Ehestand! Böiwl, das wird wohl
z'wider genug sein!"
Lachend wies Ermannsperger dar
auf hin, daß zunächst die Papiere des
Brautpaares dem Pfarramt einge
reicht werden müßten dann beglück
wünschte der Priester den Bauer zu
dieser guten Lösung eines durch
SelbstverschAlden heraufbeschworenen
Konfliktes.
Förstl wußte nicht recht, was er
mit den Glückwünschen anfangen
sollte er bat um das beschleunigte
Verfahren, einmalige statt dreimalige
Verkündigung, auf daß der „z'wide
ren" Geschichte ein Ende gemacht wer
den könne.
Ermannsperger versprach es, verab
schiedete sich mit einem B'hüt Gott!
und wanderte in das Dorf.
Infolge des jähen Ablebens
Plendls mußte ein neuer Kirchenpfle
ger gewählt werden, ebenso an Stelle
des zurückgetretenen Bauers Krimpel
[tetter ein neuer Kirchenrath. Die
Vorschläge Ermannspergers wurden
mit aller Gefügigkeit von den alten
Kirchenräthen angenommen somit
auch der ehrgeizige, strebsame Atten
koser in das Kollegium gewählt unto
dadurch ein Kanalgegner endgültig in
einen Freund umgewandelt.
Nach Schluß jener Kirchenraths
sitzung blieben die Räthe Faltermater
und Brandl im Pfarrhaufe zurück
sie hatten offensichtlich ein Anliegen
auf dem Herzen und rückten damit
auch alsbald heraus mit dem drasti
schen Spruche, daß ein Hund den an
deren beiße, wenn es sich um einen
guten, fleischigen Knochen handle.
Der Pfarrer verstand diese Anspie
lung sofort und ließ die Reflektanten
auf die Pachtung der Pfarrökonomie
nicht lange zappeln. Die Zustimmung
des Ordinariates sowie der staatliche''
Behörden war be-cits eingelangt, so
mit konnte der Pfarrer die Pacht frei
händig vergeben. Abermals betonte
Ermannsperger die Hauptbedingung,
wonach Pachtbewerbunzen für die
Pfarrökonomie nur dann berücksichtig
werden, wenn die Bewerber sich
schriftlich verpflichten, durch die von
der Kanalbaugesellschaft geforderten
Lands:reifen die Trasse führen zu las
sen, überhaupt das Kanalprojekt in
jeder nur möglichen und angeforder
ten Weise zu fördern und zu unter
stützen. Kanalfeinden werde der
Pfarrer die Pacht niemals übertra
gen.
Geradezu hitzig baten beide Bewer
ber, das Schriftstück unterschreiben zu
dürfen.
Ermannsperger vertröstete die
Bauern auf einen späteren Termin,
gab jedoch zu verstehen, daß der
Pachtzuschlag nach Wunsch erfolgen
könne.
Der Faltermaier war mit dem
Brandlbauer gegangen, doch kam er
am Abend wieder in den Pfarrhof
und bat um Gehör in einer besonde
ren Angelegenheit.
Gutmüthig erklärte der Pfarrer sich
bereit, die Wünsche anzuhören.
Faltermaier blieb aber nun stumm
und drehte den Hut in den Händen.
„Nun? Was soll's? Fehlt es dir
an der nöthigen Beredsamkeit?"
„Na, dai nicht, Hochwürden!
Aufm Maul fehlt uns Niederbayern
eh nix! Ich hab nur eine b'fondere
Meinung dafür, daß der Herr Pfar
rer mich nicht gleich heut hat unter
schreiben lassen! Das Vertrösten
g'fallt mir nicht! Da steckt was da
hinter, mein ich!"
„So?"
»Ja! Ich glaub, der Herr Pfar
rer möcht ein eichte! Zeit gewinnen,
nachfragen über uns Pachtbewerber."
„Gesetzt den Fall, es wäre so: ich
glaube berechtigt zur Einziehung von
Erkundigungen zu sein!"
„Schon ja, g'wiß audi noch! Ich
möcht aber wissen, was dem Herrn
Pfarrer an mir nicht paßt! Gut und
sicher bin ich, was das Geld anbe
langt, ein ordentlicher Christ bin ich
auch, fleißig dazu..."
„Faltermaier, hör zu! Du hast ein
erstaunlich feine» Gefühl! Ja, ich
habe die Absicht, mich vor dem Pacht
zuschlag über euch beide speziell zu
erkundigen nicht wegen der finan
ziellen Lage oder in sonstiger Hinsicht.
Nein! Ich möcht wissen, ob der Fal
termaier oder der Brandl glaubt, daß
der Haslacher vielleicht doch un
schuldig an dem Mord sein könnte."
„Jetzt so was! Darf der Herr
Pfarrer ja grad sagen, was Hochwür
den glaubt, dasselbe glaub astn halt
ich auch!"
„Bist pfiffig, Faltermaier! Aber
es handelt sich nicht um meine Mei
nung über den Haslacher und seine
That, sondern um die deinige! Du
kannst, weil du jetzt vor mir stehst,
gleich sagen, was du in dieser Sache
glaubst!"
„Das ist eine g'spaßige Frag!"
„Durchaus nicht spaßig es steckt
etwas sehr Ernstes dahinter!"
„Was Kriminalisches?"
„Nein!"
„No ja, weil's der Herr Pfarrer
wissen will, kann ich's ja sagen: ich
glaub nicht, daß der Haslacher einer
Mordthat fähig ist aber ich weiß
gar nichts!"
Ermannsperger freute sich dieses
Bekenntnisses und weihte nun den
Faltermaier in einen geheimen Plan
ein.
Faltermaier kraulte sich am Ohr
und äußerte Bedenken, die aber der
Pfarrer zu zerstreuen wußte.
„Willst mitthun in dieser oerzwick
ten Sach?"
„Ja! Was der Pfarrer thut, kann
nix Schlechtes fein, also bin ich da
bei und thu, was der Herr Hochwür
den von mir haben will! Aber ein
Wörtl noch: krieg ich die halbe
Pacht?"
„Ja! Hand darauf! Du bist mein
Mann!"
VIII.
Der Fasching ging zu Ende doch
fröhnten die jungen Leute, das söge
nannte „Burschets und Dianlets", der
Tanzlust, dazu wurde tüchtig gezecht,
die Spielleute hielten Erntezeit.
Zu Straubing war indessen für
den Haslacher der „Aschermiggel" vor
den drei Tolltagen eingetreten mit der
Verurtheilung zur Gefängnißstrafe
von fünf Jahren wegen des Verbre
chens der Körperverletzung mit nach
gefolgtem Tode. Alle Betheuerungen
Kunigs vulgo Haslacher, das Ver
brechen nicht begangen zu haben, wa
ren vergeblich geblieben.
Es wurde gerichtsärztlich nachge
wiesen, daß der Pfleger Plendl einen
Stich in den Rücken erhalten hatte
das Messer hatte das Herz verletzt,
die Klinge paßte genau in die Stich
wunde. Durch die einvernommenen
Zeugen war festgestellt worden, daß
der Haslacher kurz vor der Mordthat
fein Messer zum Schneiden von
Rauchfleisch und Brot benutzt hatte.
Und der gestochene Pfleger hatte in
feinen letzten Worten vor dem rasch
eingetretenen Tode den Haslacher als
Mörder bezeichnet. Einer der Zeu
gen, der Maurer Hierl, hatte beschwo
ren, daß, er zwar nicht das Messer
in der Hand Kunigs gesehen, hin
gegen bemerkt habe, daß der Hasla
eher im Kampfe mit dem Pfleger dem
Plendl einen wuchtigen Stoß in den
Nucken versetzte.
Durch die Verhandlung wurde auch
das Verhältniß Kunigs zu Plendl
klargelegt und erwiesen, daß der
Pfleger seines Amies sehr unordent
lich gewaltet habe, (Selser verschwin
den ließ auf eine unfaßliche Weife
und eine Quittung üüer die oon Ku
nig bezahlte ftirchenumlage nicht aus
folgte, dennoch aber den Haslacher
öffentlich als säumigen Schuldner
brandmarkte. Aus Vorhalt hinwie
der mußte Kunig eingestehen, mit der.
Zinszahlung der auf feinem Anwejen
lügenden Kirchengelder feit Jahr und
Tag im Rückstand geblieben zu snn.
Rivalen waren beide seit vielen Jah
ren Plendl wollte das Mädchm zu.n
Weibe haben, das schließlich doch dem
Haslacher die Hand zum Ehebunde
gab.
Der Staatsanwalt hatte gering:
Mühe, die Beweiskette zu schüeß^n,
ausgehend von dem alten Haß bis
zum Streit am Lichtmeßtage und der
unglückseligen That. Der bisher un
getrübte Leumund, die bei allem Jal-
zorn doch vortrefflichen Charakterei
genschaften wurden anerkannt, mil
dernde Umstände zugebilligt dennoch
aber die schwere Strafe über den un
glücklichen Mann verhängt, nachdem
die Geschworenen die Schuldfrage mit
Majorität bejaht hatten.
Der Verhandlung, welcher von den
Gäubauem großes Interesse entge
gengebracht worden war, hatte auch
der Wallersdorfer Bauer Faltermaier
beigewohnt, aus derselben aber nicht
die Ueberzeugung von Kunigs Schuld
gewinnen tonnen.
Faltermaier blieb dabei, daß der
Haslacher unschuldig, der That gar
nicht fähig sei. Schon auf der Rück
fahrt von Straubing nach Wallers
dorf wurde Faltermaier von den ihn
begleitenden Bauern ob dieser Mei
nung ausgelacht im Heimathsdorfe
hielt man diese Ueberzeugung ange
sich13 des Urtheil* geradezu für Un
sinn, und Faltermaier wurde um so
bereitwilliger für „spinnet" (verrückt,
irrsinnig) erklärt, als er auch nicht
den leisesten Beweis für feine Be
hauptung zu erbringen vermochte. Im
Gespräch mit dem Pfarrer Ermann
sperger, dem Faltermaier über die
Schwurgerichtsverhandlung berichten
mußte, hielt der Kirchenrath und
Oekonom mit seiner Ueberzeugung
keineswegs zurück, doch nahm der
Pfarrer davon nur stillschweigend
Notiz sodann bat Ermannsperger,
die Haslachertochter zu besuchen, den
ertheilten Auftrag zu erfüllen, und
Gertrud dadurch zu trösten, daß Fal
termaier ihr gegenüber seiner Ueber
zeugung von der Schuldlosigkeit Ku
nigs vollen Ausdruck gebe.
Nur ein einfacher Gäubauer, fühlte
Faltermaier doch heraus, daß der
Pfarrer an Kunigs Schuld glaube,
das Urtheil für gerecht erachte. Et
was gekränkt äußerte der schlichte
Bauer: „Meinen Hochwürden nicht,
daß im Schuldbeweis etwas fehlen
müßte? Wär es nicht besser, wenn
der Herr Pfarrer die Schuld des
unalücklicheti Haslacher bezweifeln
thät?"
„Das Gericht hat den Mann schul
dig befunden, gewiß nur nach reifli
cher Ueberlegung und Prüfung der
Sachlage! Es soll nicht geleugnet
werden, daß so mancher Justizirr
thum schon vorgekommen ist aber im
Falle des Haslacher nach der erfolgten
Verurtheilung kann ich an einen Irr
thum des Gerichtes nicht glauben.
Die Geschworenen haben sicherlich nur
nach Ueberzeugung das Verdikt ge
fällt und die Geschworenen waren
doch durchaus selbst Leute aus dem
Gäuboden, Oekonomen wie der Has
lacher, also Berufsgenossen, die für
gewöhnlich fest zueinander stehen und
nicht leicht in gewichtigen Fällen rück
sichtslos vorgehen. Dennoch hat die
Majorität, wie du mir berichtest, die
Schuldfrage bejaht."
„Alles ganz schön und recht, Herr
Pfarrer! Aber ich hab ein Gefühl
sagen kann ich es nicht ein Gefühl,
baß etwas nicht ganz in Ordnung ist!
Und deshalb wär es mir lieb, wenn
etwa auch der Herr Pfarrer ein ähn
liches Gefühl haben thät, auf daß
ich mit meiner Ueberzeugung nicht
ganz alleinig stehe! Es macht aber
nix, wenn ich alleinig stehen muß
ich kann's ja erwarten, und der arme
Haslacher wird warten müssen, bis
seine Schuldlosigkeit an den Tag
kommt! Nix für ungut, Herr Pfar
rer! Und jetzt geh ich zur Haslacher
tochter und thu, was Sie mir aufge
tragen haben!"
Ermannsperger hielt den Bauer
noch zurück und sprach: „Wenn du
von der Gertrud oder vom Oedl
gefragt wirst bezüglich meiner Auf
fassung über das Urtheil, so sag den
Leuten, daß dir meine Meinung nicht
bekannt sei..."
„Mit Verlaub, Hochwürden, ist
denn das nicht gelogen von mir?"
„Durchaus nicht! Du weißt ja gar
nicht, was ich für eine Meinung hege!
Ich hab nur gesagt, daß ich an einen
Justizirrthum im Falle Kunigs nicht
glaube!"
„Das ist richtig!"
„Nun also! Damit du diese Mis
sion voll und gut erfüllen kannst, ist
es besser, wenn du überhaupt von
mir gar nicht redest."
„Ist recht! B'hüt Gott, Herr
Pfarrer!"
Dem wackeren Bauer Faltermaier
ward der Gang hinaus zum Hasla
chergehöft sauer nicht wegen des
grundlosen, ausgweickten Weges und
des Schneetreibens, sondern wegen der
Gedanken an die Schwierigkeit seiner
Mission. Dem ehrlichen Sinn des
schlichten Oekonomen widerstrebte das
ihm aufgetragene diplomatische Vor
gehen auf krummen Wegen, das Ver
schweigen gewisser Dinge einerseits,
die nur zur Hälfte gestatteten Zuge
ständnisse andererseits. Möglichst
schlau und geschickt sollte er einen
Auftrag vollführen, dem er sich nicht
gewachsen fühlte. Und dennoch em
pfand er Freude darüber, allerdings
nur aus dem besonderen Grunde, den
Haslacherleuten sagen zu können, daß
der Bauer Faltermaier der einzige in
Wallersdorf und Umgebung sei, der
den verurteilten Haslacher für
schuldlos halte.
Auf dem Anwesen KunigS waren
in den letzten Wochen viele Leute er
schienen, die den Hofbewohnern bit
teres Leid und schwere Sorge in das
Haus getragen hatten. Demgemäß
betrachtete die Häuserin Ursula in
jedem ihr nicht bekannten Besucher
einen neuen Unheilboten auch im
Oekonomen Faltermaier, der ihr per
sönlich fremd war und in der Küche
fragte, ob er die Gertrud Kunig fpre
chen könne in einer wichtigen Angele
genheit.
llrfcht höhnte: „Wichtige Angele
genheit?! Das kennt man schon, bist
wohl auch so ein Schmuser und Kra
wattelmacher, wie die anderen, die
jetzt die Schneid haben, über wehr
lose Weiber und ben blinden Oedl
herzufallen, und die jetzt rauben, steh
len, die Haut vom lebendigen Leib
herabziehen wollen!"
Trocken erwiderte Faltermaier in
bajuvarischer Schlagfertigkeit, kraft
voll und derb: „Auf'm Maul fehlt
dir nix! Im Grind aber bist a
G'faido (eint Person, der es im Kopf
fehlt)! Und sun st bist irrig! Ich
bin kein Krawatteimacher, wohl aber
der einzig Wallersdorfer Bauer, der
überzeugt ist, daß der Haslacher un
schuldig verurtheilt worden ist! So,
jetzt weißt, wie du dran bist!"
„Tausend, tausend, warum sagst
denn so was nicht gleich, damischer
Teufel! Ein Ehrenmann bist! Komm
nur grad herein, und Gott segne dei
nen Eingang!" Schreiend sprang
Urschi durch den Flur und verstän
digte Gertrud.
Als Faltermaier mit der vergräm
ten Haslachertochter in der warmen
Wohnstube am Tische saß, vor sich
den Humpen Bier, den Ursula in
gefchäftigter Eile gebracht hatte,
mußte er auf Ersuchen der Häuserin
zunächst über ben Verlauf der Ge
richtsverhandlung berichten. Der der
be Bauer entledigte sich dieser schwe
reit Aufgabe mit Takt und zarter
Rücksicht auf die schluchzende Gertrud,
wobei er seiner Ueberzeugung von der
Schuldlosigkeit Kunigs mehrmals
Ausdruck gab und dadurch rasch das
Vertrauen der Tochter gewann.
Schon wollte Faltermaier innerlich
über dett guten Beginn seiner Mis
sion frohlocken, da brachte ihn die
Frage Gertruds, was der Pfarrer zu
dem Verdikt der Geschworenen sage,
in Verlegenheit. Der schlichte Bauer
konnte nicht lügen, er wollte es auch
nicht er befürchtete zugleich ein
Mißlingen feiner Mission, falls er
mit der reinen Wahrheit herausplatzen
würde. Scheu und zögernd sprach
er: „Der Pfarrer ist ein rarer Mann,
das wirst ja wohl schon selber wissen!
Für das G'fühl, ob der Haslacher
schuldig ist oder nicht, kann unsereins
nix, ich hab dieses G'fühl, andere
Leut haben es nicht!"
„Also hält der Pfarrer meinen
Vater für den Thäter?"
„Keinen Schein nicht! Das hat
er mit keinem Sterbenswort! g'fagt!"
„Was sagt der Pfarrer dann?"
„Ja met, ich hab's nicht verstanden!
mit g'studirten Herren kommt unser
eins allweil hintdran, sind so viel
g'scheidte Leut, die G'studirten!"
„Was willst von uns?"
Faltermaier athmete auf die
größte Sorge wich, da die Haslacher
tochter nach dem Zweck des Besuches
fragte, das gefährliche Thema also
verließ.
„Was ich will? Das ist leicht
g'fragt, aber schwer zu sagen! Lus
mir halt geduldig zu: Sein thu ich
der einzig von den Wallersdorfer
Bauern, der an ein Verbrechen des
Haslacher nicht glauben kann und
weil ich dieser einzige bin und grald
ein hm Kapital frei hab, so
hab ich g'meint, es könnt euch Has
lacher leut erwünscht sein, wenn ihr
eine Hilf bekommt von einem
Freund, der zum Haslacher Sepp
haltet in Noth und Bedrängniß..."
„Das ist eines braven Mannes
Wort! Ich dank dir von Herzen,
Faltermaier! Vergelt's Gott tau
sendmal für deine gute Meinung!
Die thut wohl und würde sicherlich
dent Vater das gemarterte Herz er
quicken, wenn er deine Meinung hö
ren könnt! Dein Angebot nehm ich
an und bin dir vom Grund meiner
Seele aus dankbar, deine Hilf kommt
in höchster Bedrängniß! Aber sagen
mußt mir vorher noch: ist es auch
wirklich dein eigenes Kapital, das du
uns leihen willst? Ist kein fremdes
Geld dabei, etwa von Leuten, die
den armen Vater für schuldig hal
ten?"
Wieder ein Moment bängliche?
Verlegenheit, dann aber sogleich eine
Ausflucht auf niedero'-.yerische Art
nit dem Volksfpruch: „Freilich! Da
^rauf können die Hundshaar wach-'
en!" Ta-nit wollte Faltermaier
'eine Wahrheitsliebe andeuten, einem
Bekenntniß aber bauernpfiffig aus
y eieren.
C'ertrud kannte diese Redensart
:u3 dem Munde des Vaters und
^edls. beide fahndeten im Herbst stets
"ach dem letzten alten Vier und
-anrer. es auch dann noch, wenn es
'icht mehr gut war, nur noch den
a:le smeith hatte und der Qualität
:u~ct) s-efii.iffen war, daß dem Konsu
menten stachelige „Hundshaare wach
en" konnten. Demnach faßte Traudl
en Ausspruch Filtersnnrets als
Bejahung ihrer Frage auf und dankte
in aufquellender Herzlichkeit für das
bccherwü :f(f)te Anerbieten.
Faltermaier besprach noch die
Frage der Verzinsung und Rückzah
iung kurz und bündig und gelobte,
das Kapital am nächsten Tage brin
gen zu wellen. De:n Drängen Ger
truds, es solle Faltermaier nun die
Angelegenheit noch mit dem Groß
vater besprechen, dem Oedl auch über
den Verlauf der Gerichtsverhandlung
berichten, widerstrebte der Bauer, er
verabschiedete sich hastig und stapfte
mit langen Schritten den Hügel hinab
zum Dorfe, wo er dem Pfarrer das
Gelingen seiner Mission meldete.
Vom Raiffeisenverein bekam Fal
termaier anderen Tages das Kapital,
mit dem der menschenfreundliche
Pfarrer die Familie Haslacher vor
der Vergantung retten wollte. Und
Faltermaier trug die Summe zum
Haslachergchöft und gab sie als „fein"
Eigenthum als Darlehen.
Der Faschingsschluß brachte den
Wallersdorfern und vielen Gäu
bauem im weiteren Umkreis das Er
eigniß der Hochzeit des Förstl mit sei
ner Häuserin Anna. Viel belacht
wurde ein bekannt gewordenes Zwie
gespräch der beiden es soll die Braut
zu Förstl gesagt haben: „Du, wenn
dir so wär wie mir, dann ist es die
höchste Zeit, daß wir kopulirt (am
Altar vereinigt) werden." Der Bräu
tigam soll trocken geantwortet haben:
„A so ist mir nicht wie dir!"
Und bei der Trauung in der Kirche
gab es ein Gekicher im massenhaft
versammelten Volke, als Pfarrer Er
mannsperger den Bräutigam Förstl
feierlich fragte, ob er bei feinem
Weibe verbleiben wolle bis zum Tode,
und der „Hiach" antwortete: „Lieber
nicht, aber ich muß!" Ein Rippen
stoß der Braut veranlaßte ihn dann,
das vom Pfarrer geforderte Wört
chen: „Ja" zu sagen.
Und zwei Tage nach der Hochzeit
war Förstl beim Kirchenwirth zum
Dämmerschoppen und infolge eines
Geständnisses der Veranlasser einer
schallenden Heiterkeit. Es war dem
„Hiach" die Mittheilung entschlüpft,
daß sein Weib, die Anna, noch am
Abend des Hochzeitstages ihm scharf
erklärt habe: „Herr mau ich fein!"
(Herr im Haufe muß ich sein.) Und
weinerlich, betrübt hatte Förstl zum
Gaudium der Zecher seinem Geständ
ttiß beigefügt: „Ist kein Zweifel, ich
hab eine ganz gfaido (ein völlig ver
fehltes Weib) erwischt! Hol der
Teuft den Malefizkanal!" Und das
Gaudium steigerte sich zur „Mohren
betze", da einer der Zecher das Lob
lied Annas anstimmte und behauptete,
das Weib Förstls sei gescheidt, slink
und hauset (häuslich). Darob erbost,
zeterte Förstl: „Hiach, hiach, hiach!
Aber halt a rasse und hoaße (eine
scharfe und heiße)! Saxendt! Die
ungute Dingin kann mnrfcf) gehen,
wann 's mag!" Und ein dröhnendes
Gelächter hub an, da der Kirchen
wirth strohtrocken rief: „Astn geh
zum Jaager, er soll deine „ganz
gfaido" in die Flinten laden urtd
hinein schoißen (schießen) in's Diroi
(Tirol)! Astn bist befreit und hast
deine Rub! Darfst aber später nicht
betteln, daß der Jaager dein rasses
Weibal aus 'm Diroi wieder heraus
schoißt!"
Dazu kam es indeß nicht. Mit
der Zeit gewöhnte sich Förstl an die
Herrschsucht seines Weibes. Die zu
ten Eigenschaften Annas kannte er
ja von früher her.
(Fortsetzung folgt.)
Betrachtung seiner immer röther wer
denden Nase): O, wenn ich es so wei
ter mache, sauf' ich mir schon noch
ein Haltesignal zusammen!
S e i n W o K ö n n e n Sie
ein Geheimniß bewahren?" „Ich
bin schweigsam wie das Grab."
„Ich bin gezwungen, mir etwas Geld
zu leihe
it." „Seien Sie unbesorgt.
Es ist, als ob ich nichts gehört hätte!"
e K o n s u e n e e
Wie heißt man im kaufmännischen
Leben denjenigen, der eine Waare lie
fert? Schüler: Lieferant. Lehrer:
Richtig, und was ist derjenige, der sie
empfängt? Schüler: Der Gelieferte.
i v e st a n e n. „Haben
Sie denn keine Angst, daß Sie Nachts
mal der Schlag trifft?" „Unsinn
in der Nacht schläft meine Alte
ganz fest!"
U n o e n „Nun, wie war
das gestrige Lustspiel?" „Ach, ganz
unmodernes Zeug. Nicht mal 'n
tomobilunglück kommt d'rin vor!"

Roman von Arthnr Achleitner.
e e i o n E i s e n a n e (in

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