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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, November 05, 1908, Image 7

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Fortsetzung.)
„So fasse ich sie auf, Komteß
aber auch ein Scherz kann seine ernst
hosten Seiten haben. Also Ihre
Frage. Ich muß sie mit Nein beant
Worten. Demgemäß würde ich zum
Typus der wirthschaftlich Nichtarbei
teebtit gehören, sagen wir zur Gilde
der „reinen Kapitalisten". Und den
noch arbeite ich und würde ohne große
Schwierigkeiten in der Lage sein, mir
das als Beispiel gegebene Markstück
gii verdienen. Nun bin ich aber durch
a«s Arbeiter für eigene Rechnung und
bedarf als solcher der materiellen
Früchte meiner Thätigkeit nicht. Ich
lasse das mir rechtmäßig zufallende
Markstück liegen."
Herr von Torda widersprach
„Nicht liegen, Herr Hansen", sagte er,
„Sie lassen es vielmehr in den Hän
den des Kapitals, das damit in ein
seitigem Interesse weiterwirthschaftet."
„Das Kapital ist doch auch nur
em Arbeitsprodukt, Herr von Torda,
das als Mittel zu weiterer Produk
tion Verwendung findet.*
„Gewiß. Aber Sie verschenken den
Lohn Ihrer Arbeit nach der Seite
hin, 'der sowieso schon der größere
Produkt'vnserlös zufällt. Sie be
Nachtheilen also indirekt den Arbeit
nehmer".
„Das ist sozialistisch gedacht", rief
Graf Dahlum heiter. „Es nützt
Ihnen alles nichts, lieber Torda. Als
Bankier kommen Sie bei dem großen
Kladderadatsch doch an die Laterne."
Tom lachte. „Da gerathe ich je
denfalls in gute Gesellschaft das
tröstet mich..."
Man hörte das Schnaufen des
Herrn Rossenbach, der geräuschvoll
mit dem parfümirten Wasser der
Mundschalen seine Lippen netzte.
„Darf ich die Tafel ausheben?"
fragte Hansen seine Nachbarin. Er
rückte mit seinem Stuhl.
„Nicht böse sein", sagte die Kom
teß, als Hansen ihr gesegnete Mahl
zeit wünschte, und brückte seine Hand
fester. „Es war nicht schlimm ge
meint ... er war eine alberne Frage."
„Mahlzeit", krähte die Gräfin Coß
mannsdorff. „Sie hören Sie
mal, liebster Prinz was ich Sie
nur immer mit dem kleinen Görries
verwech-le liebster Herr von
Schäftlarn, Sie kriegen noch zwei
Mark von mir für die Droschke...
das möchte ich nun endlich abmachen."
Pürstein mußte den Pompadour der
Gräfin aus der Garderobe holen.
Sie entleerte ihn auf dem Eßtisch
zwischen Tellern und Gläsern und
fand dabei auch ihr Portemonnaie,
dessen Inhalt sie gleichfalls auf den
Tisch stülpte. Der Rittmeister sah
der Gräfin auf die Finger, als sie
em Markstück und dann groschenweise
abzuzählen begann. „Es fehlen noch
zehn Pfennige, gnädigste Gräfin",
sagte er.' „Die habe ich nicht mehr",
entgegnete diese, „aber warten Sie
mal, da steckt noch eine 20-Pfennig
marle im Portemonnaie nun krieg'
ich von Ihnen zehn Pfennige heraus."
Schäftlarn zog die Schultern hoch.
„Bedauere innigst, gnädigste Gräfin
die Marke ist schon abgestempelt."
„Wo?!" schrie die Coßmannsdorff...
„Doch nicht", erwiderte Schäftlarn,
„sie ist nur stark abgetragen, auch
eingerissen und hat noch andere De
fekte. Kein Kaiserliches Postamt
würde sie annehmen. Außerdem ist
mir eingefallen: der Kutscher hat zwei
Mark achtzig bekommen" er legte
den Zeigefinger auf ein. Goldstück
zwischen den Nickelmünzen —, „ich
werde Ihnen diese zehn Mark wech
fein..." Die Coßmannsdorff gerieth
in Erregung. „Was zwei Mark
achtzig?! Das muß ein Irrthum
sein." Sie krähte und warf den
Kopf zurück wieder schwankte der
bunte Thurm bau auf ihrem Haupte.
Schäftlarn hatte das Goldstück schon
eingesteckt. Er wechselte. „Bei so
kleinen Summen bin ich immer ehr
Itch", sagte er, „hier, gnädigste Grä
fin, es stimmt". Gräfin Coßmanns
dorff wollte murrend ihr Geld zu
sammenscharren, aber die leeren
Handschuhspitzen liefen wie Schläng
lein darüber hin. Pürstein mußte
helfen. „Zwei Mark achtzig", sagte
sie, „vom Llltzowufer hierher «S
ist nicht zu glauben..
VI.
Im Rauchzimmer wurde der Kaf
fee gereicht. Die Herren von der
Kunst wollten ihn mit in den rothen
Salon nehmen, um gleich an ihre Ar
beit gehen zu können. Mister Levis
son schloß sich ihnen an. Er hatte
sein Vermögen in Amerika gemacht
und lebte seit seiner Rückkehr nach
Berlin als reicher Junggeselle aus
schließlich feinen Sammlungen. Ob
wohl seine Sonderneigung der Fami
lie della Robbia galt, schätzte man
auch im Allgemeinen sein künstleri
sches Urtheil. Als Mensch sympa
thisch war et nur Herrn Rossenbach,
mit dem er in lebhaftem Geschäfts
verkehr stand.
Hansen hatte im rothen Salon den
Reflektor entzünden lassen und befahl
sodann, die Thüren zu schließen.
„Ich meine, wir belassen die Prü
fungskommission am besten unter
sich*, sagt« er. Da fegte mit knit­
ternder Kleiderpracht und rothem Ge
steht die Coßmannsdorff in das Zim
met.
„Zwei Mark achtzig!" rief sie „die
Tarameter betrügen alle!" Sie
schaute sich um. „Wo steckt die hohe
Gelehrsamkeit?" fragte sie.
„Scht", machte Herr von Schäft
larn und legte den Finger auf den
Mund. „Nicht so laut, gnädigste
Gräfin. Nebenan zerbricht man sich
den Kopf über den Frans Hals."
„Ohne mich?!" sagte die Coß
mannsdorff entrüstet. „I, das wäre
ja noch schöner!" Und sie wollte
wieder davon.
„Nehmen Siè Ihren Kaffee mit,
Gräfin!" rief Schäftlarn. „Soll ich
ihn zurecht machen? Wieviel Zucket?"
„Gar keinen."
„Sahne?"
viel."
Schäftlarn reichte ihr die Tasse.
„Der Kutscher hat uns gründlich über
das Ohr gehauen", sagte sie und
ging.
Der Rittmeister ließ sich von
Pürstein einen Kognak geben und
trat zu Hansen und Dahlum, die in
der Fensternische ihre Cigarre rauch
ten.
„Heinz, mein lieber Ketl", meinte
er, „du weißt, daß ich gern bei dir
bin. Aber lade mich nicht mehr ge
meinsam mit der Coßmannsdorff «in.
Sie ruiriirt mir die Nerven."
„Zwei Mark achtzig", versetzte
Hansen lachend. „Arthur, du hast
sie furchtbar geschröpft."
„Sie hat mich bemogeln wollen,
meine Herren sie hat mir eine un
brauchbar gewordene Briefmarke in
Zahlung gegeben. Da steigerte ich
meine Forderung sie war auch berech
tigt. Heinz, sehe ich aus tote Bruno
Görries?"
„Aber keine Spur. Sie bringt
alles durcheinander. Man muß es
ihrem Alter zugute halten."
Graf Dahlum blies einen Rauch
ring in die Lust. „Ist der Görries
noch unten in Uschirombo?" fragte er.
„Schon auf der Rückreise", antwor
tete Hansen, „ich erwarte ihn täglich.
Dahlum nickte. Er war unruhig.
Er wußte nicht recht, wie er Hansen
die Bitte um eine erneute Betheiligung
an der Phöbus Gesellschaft beibrin
gen sollte. Das quälte ihn. Endlich
schöpfte er Muth.
„Was macht denn Ihr Automobil,
lieber Hansen?" fragte er.
„Es ruht sich aus," entgegnete dieser
heiter. „Mein Chauffeur auch. Er
führt das behagliche Dasein eines
Rentiers."
„Unerhört!" rief Schäftlarn. „Ist
es nicht unerhört, Herr Graf? Han
sen wechselt seine Interessen wie die
Handschuhe. Ein Jahr lang war er
auf allen Rennplätzen zu finden.
Dann traf er eiligst alle Vorbereitun
gen, sich einen eigenen Stall anzule
gen und hatte schon den Joe Slippers
als Jockei engaqirt. Und plötzlich
läßt er die ganze Sache liegen und
tritt auch noch aus dem Unionklub
aus. So macht er es.
„Ja, aber warum, bester Hansen?"
„Nicht aus Launenhaftigkeit, Herr
Graf. Aber wenn Sie wollen, aus
Eitelkeit. Ich wollte keine komische
Figur spielen. Der Rennsport ist
eine Liebhaberei der ausgesprochenen
Männlichkeit und ich bin ein
Krüppel."
Beide Herten wehrten energisch ab.
..Lächerlich", rief Schäftlarn. ..Ich
habe dich zu Pferde gesehen. Du
sitzest famos."
„Und sehe grotesk aus. Ah bah!
Seit ich mich in der Manege im
Spiegel beschauen durfte, danke ich
für die Reiterei."
»Sie übertreiben, Hansen," sagte
der Graf. „Vor allen Dingen:
was hat der Automobilsport mit Ih
rer Figur zu schaffen?"
„Nichts. Da liegt die Sache an
dets. Ich habe eine kleine Erfin
dung gemacht."
»Sieh' da «ine Erfindung!"
„Kaum der Rede werth. Es hatt
delt sich um die Beilegung des un
angenehmen Schladerns der Auto
mobile. Kettenstücke und Stahlstol
ten verhindern das nicht immer und
sind zudem lästiger Ballast."
»Das ist richtig. Schädigen auch
die Gummireifen."
„Auch das. Ich glaube nun, daß
meine Aenderung des Systems sehr
einfach ist und trotzdem den Scha
den gänzlich beseitigt. Aber ich
möchte erst die Probe auf das
Exempel machen. Ich lasse mir in
London einen neuen Wagen nach
meinen Angaben bauen .*
Er sprach noch weiter von die
ser Erfindung, die in jene Zeit fiel,
da er dem Automobilwesen ein re
ges Interesse entgegengebracht hat
te ein kurzer Aufenthalt in Lon
don und das Bekanntwerden mit et
net der Größen des Motorsports
hatte ihn veranlaßt, seine Verbesse
rungsvotschläge im Differentiale
triebe der Kraftwagen praktisch auS
führen zu lassen.
Graf Dahlum freute ftch darüber.
Die sogenannte Erfindung gab ihm
immerhin die Gewißheit, daß Han
ftns Neigung für den Automobil
spott noch nicht gänzlich geschwunden
war. Da war denn auch anzuneh
men, daß er den Phöbus nicht im
Stiche lassen würde. Alle Wetter,
das Unternehmen war doch zukunfts
reich! Mit einer halben Million lie
ßen sich alle geschäftlichen Schwierig-
rigkeiten ohne weiteres aus dem We
ge räumen Der Graf übet
legte. Man konnte nicht so plötzlich
mit der Thür ins Haus fallen.
Hansen mußte vorbereitet werden.
Er war ja ein seht reichet Mann,
und seine Kapitalien arbeiteten rie
sig. Aber eine halbe Million ist
eine hübsche Summe, die auch ein
reichet Mann nicht so leichten op
fert
Pürstein hatte die Schnäpse neben
die Zigarren gestellt. Die Diener
zogen sich zurück. Das Rauchzim
mer war ein sehr behaglicher Raum,
an den noch ein kleines Kabinett mit
einem buntverglasten Erker sich an
schloß, der als Trinkecke gedacht war.
Jnt^ Erker hatte Komteß AI
ine
auf einem der schweren Holzstühle
Platz genommen, und Herr von Tor
da saß zu ihren Füßen. Aber die
se Stellung wirkte keineswegs auf
fallend, höchstens ein wenig butschi
kos. Torda hatte ein Kissen vom
Divan aus den Hautpas des Erkers
aelegt und sich auf diesem niederge
lassen. So schlürfte er seinen Kaf
fee, reichte Aline einen Chartreuse
und gab ihr Feuer für ihre Zigarette.
»Sie sind nervös, edler Böhme,"
sagte sie, „oder zum mindesten nicht
in der rechten Stimmung."
„Dasselbe oder etwas sehr Aehn
liches wollte ich Ihnen soeben auch
erzählen. Sie haben heute nicht den
ruhigen Gleichmuth wie sonst, Sie
sind mir holländisch genug."
„Und woraus schließen dies den»
Gnaden?"
„Aus mancherlei Beobachtungen.
Auch aus der Markstückfrage, mit der
Sie unfern Gastherrn beinahe in
Verlegenheit gebracht hätten."
Eine kleine Falte ging quer über
die Stirn des Madchens.
„Eâ ist nicht recht von Ihnen, daß
Sie mich an eine Unart erinnern,
die ich gern ungeschehen wüßte," er
widerte sie.
Pürstein schritt durch das Zimmer.
Torda wartete, bis er außer Hörtoev
te war. und entgegnete dann:
„Das ist das Interessanteste für
mich, Komteß. Sie sprechen von ei
ner Unart. Wir wollen einmal an
nehmen, es war in der That eine
solche. Sie wußten es und begingen
sie doch. Woher kam das?"
„Ein seltsames Interesse, das Sie
an meiner Psyche nehmen. Wenn
ein Kind unartig ist, grübelt es auch
nicht über Ursachen und Folgen nach."
„Richtig. Sie sind aber keinKind.
Sie überlegen sehr Sie sind in einer
Erziehung aufgewachsen, die Ihnen
eine absolute Beherrschung aller Fra
gen des sogenannten gesellschaftlichen
Taktes sichert. Sie sind eine voll
kommene Lady. Und dennoch ent
glitt Ihnen diese seltsame Frage, die
Sie selbst als Unart bezeichnen."
„Nun ja entglitt. Es war viel
leicht doch nur eine Gedankenlosig
keit."
„Das möchte ich bestreiten."
„Oho. mein Herr ." Sie lachte
leise auf es klang aber gezwungen
und unecht „Streiten Sie. doch
begründen Sie auch."
Sie stellte das Likörglas auf den
Fenstersims und sah der Fliege zu,
die den Rand des Kristalls um
stimmte. Es schien, als wolle sie
dem Blicke Tordas nicht begegnen.
„Die Begründung liegt in Ihrem
Wesen, liebste Komteß," sagte dieser.
„Es ist möglich, daß die Frage et
was votschnell von Ihren Lippen
kam. Aber sozusagen innerlich ge
formt hatte sie sich bereits. Es lag
ihr also keine Gedankenlosigkeit zu
grunde, ich meine eher Berechnung
obwohl ich zugeben will, daß Sie
bei kühler Erwägung wahrscheinlich
auch dieser Berechnung nicht nachgege
ben haben würden."
Nun beugte sie sich vornüber, fal
tete die Hände im Schoß und schaute
ihm in die lichten Augen.
„Sie quälen mich, liebet Freund.
Weshalb?"
„Ich will Sie nicht quälen al
so sprechen wir von etwas anderem.
Wie lange bleiben Sie noch in Ber
lin?"
Aline lehnte sich mit starkem Auf
athmen in den Stuhl zurück.
„Kommen Sie doch zu Ende, Tor
da!" rief sie halblaut und wie er
schöpft. „Was wollen Sie eigent
lieh? Ihr Ausforschen muß doch it
gend einen Grund haben!"
„Gewiß. Ich hätte gern einmal
von Ihnen gehört, was Sie gegen
Hansen haben."
„Gar nichts. ($t ist mir höchst
gleichgültig."
„Das möchte ich abermals bestrei
ten. Et ist Ihnen unsympathisch."
„Meinetwegen auch das."
„Soll ich Ihnen sagen, weshalb?"
„Nun?"
Herr von Torda ließ den Blick
durch die Portieren des Nebenzimmers
schweifen. Im Rauchsalon saßen
Hansen, Dahlum und Schäftlarn in
eifrigem Gespräch, alle übrigen wa
ren drüben im rothen Saal und
stritten sich vermuthlich um den Frans
Hals.
Torda rückte um ein weniges nä
her an die Komteß heran. Seine
Stimme dämpfte sich ab.
„Weil Sie das Empfinden haben,"
sagte et, „daß der Graf eine Ver
bindung zwischen Ihnen und Hansen
nicht ungern sehen würde."
Ueber die Wangen deL schönen
Mädchens flammte ein starkes Roth*
Doch legte sie ruhig ihren Zigaretten
test in die Aschschale und erwiderte:
„Sie haben das Rechte getroffen.
Ja, ich habe dies Empfinden.
Mein Vater hat noch nie ein Wort
übet Hetrathswiinsche mit gegenüber
fallen lassen. Aber feine lebhafte
Vertheidigung Hansens, wenn ich
mir einmal ein nicht ganz günstiges
Urtheil übet ihn erlaubte, hat mich
stutzig gemacht. So verschob sich
mein Urtheil noch mehr und viel
leicht bin ich ungerecht geworden."
Sinnend antwortete Herr von Tor
da: „Wir sind es beide."
Einen Augenblick schwieg si« und
horchte nach dem Nebenzimmer, wo
die Stimme ihres Vaters lautet
wurde dann sagte sie: „Stehen Sie
nicht außerordentlich freundschaft
lich mit ihm?"
Er nickte. „Es scheint so," ent
gegnete er. Und plötzlich flog ein
wilder Ausdruck über sein Gesicht,
und ferne Stimme wuz.de zischend.
„Aber, bei Gott, ich hasse ihn!" stieß
et hervor.
Wieder wat es still. Das Sum
men der Fliege über dem Likörglas
verstummte. Sie saugt« von einem
hängengebliebenen Tropflein. Ne
venan sprach man von hem Früh
lings-Meeting in Karlshorst und vom
„Sherry-Cobblet", dem kleinen
schneidigen Rappen Schäftlarns.
„Hassen," wiederholte die Komteß
fast tonlos, „warum denn dieser
Haß?»"
Torda wandte den Kopf. M
les Häßliche war aus feinem Ge
sicht verschwunden, es war ganz in
weichen Glanz getaucht, und in sei
nem Blick lag überströmende Zärt
Iichkeit.
„Weil ich Sie liebe, Mine," sagte
er leise.
Sie schloß die Augen und athmete,
schwer. Das wußte sie ja längst,
und bei aller Süße erschreckte sie
doch das Geständnis}. Wie abweh
rend streckte sie die Hände aus. und
ihre Finget öffneten sich krampfhaft.
„Still, Torda," flüsterte sie, „ich
ich will es nicht hören ... es
ist unmöglich ..."
„Unmöglich," wiederholte er, sich
mühsam beherrschend, „jawohl ich
weiß es. Koschlau muß gehalten
werden und ich bin vielleicht
morgen schon ein Bettler ." Et
senkte den Kops... „Ich sprach ja
nur aus, was Sie seit Monaten füh
len. Und an der Unmöglichkeit schei
tert jede Hoffnung."
„Nicht jede," gab sie zurück.
Er blickte fragend auf.
„Wir müssen warten."
„Wie lange?" seufzte et. „Aber
ich will nicht muthlos werden. Im
Strudel des Lebens war ich oft ge
nug am Untergehen und kam doch
immer wieder in die Höhe. Ich ha
be schwimmen gelernt."
„Sie haben vorhin eine Unglücks
nachricht erhalten?"
..Ja. Eine Nachricht, die die Wei
tere/ristenz unserer Firma bedroht."
„Es ahnte mir. Ich sah Ihr
nervöses Gesicht und..." sie lausch
te. Die Herren nebenan hatten sich
erhoben... „Abwarten, Torda! Kein
voreiliges Wort an meinen Vater!"
„Geben Sie mir Ihre Hand!"
Sie reichte sie ihm. Seine Lip
pen preßten sich auf diese kühle, wei
ße Hand dann stand et rasch auf.
„Also es geht schon dieser Tage
nach Koschlau zurück?" fragte er.
Auch Aline erhob sich. „Hoffent
lieh," entgegnete sie. „Der Landtag
ist vorüber ich habe Sehnsucht
nach Haufe. Herrgott, ist so ein
Winter lang! Und daheim blüht schon
der Schneeball, der Rothdorn und der
Flieder. Ich freue mich auf Kosch
lau."
Sie traten mitsammen in das
Rauchzimmer.
„Das verstehe ich." erwiderte Tor
da. „Ich bin auch eine Landratte.
Wenn ich zurückdenke die glück
lichste Zeit meines Lebens war ei
gentlich meine sorgenvollste. Waren
die zwei Jahre, die ich da oben an
der russischen Grenze aus einer Kitt
fche vertrödelte, die meine lieben Nach
barn das „Hungctitest" getauft hat
ten. Es war auch so etwas. Kein
Leben und kein Sterben. Daran
gewöhnt man sich jeder Kampf hat
seine Reize. Aber es kämpft sich fti
scher und lebhafter draußen im Frei
en als zwischen den vier Wänden.
Und wenn ich unser Gastherr wäre,
so unabhängig und angenehm gestellt
wie et, ich pfiffe auf die Großstadt
und legte den Schwerpunkt meines
Seins weitab von den Mattem."
„Sela," rief Gras Dahlum, „so
ist es Auch er wollte ein Lob
lied auf das Land anstimmen, aber
nun wurde es im rothen Salon le
bendig. Man hörte Stühle rucken
und streitende Stimmen. Die Sit
zung mußte drinnen beendet fein.
Hansen ließ die Thüren öffnen.
Im rothen Salon gleiß e noch das
weiße Licht des Reflektors.
„Ich bleibe bei meir.tr Ansicht,"
rief Herr Rossenbach.
„Sie sind überstimmt, Liebster,"
antwortete der Geheimtaih.
„Ich habe keinerlei Zweifel mehr,"
sagte Professor Deitmer, „der Ma
domtentypus ist der gleich« wie in der
Marienkirche zu Krakau."
„Der Jesusknabe entscheidet," be
merkte die Tochter des Kunsthändlers.
„No, no," erwiderte Mister Le
visson und fuhr mit dem Zeigefin
ger durch die Luft, „beachten Sie die
slavischen Backenknochen, das ist schon
der polnische Einfluß."
Die Coßmannsdorff erbat sich von
Pürstein ein Glas Selterwasser. Die
ganze Gesellschaft vereinigte sich wie
der im -Rauchzimmer. Geheimrath
Dhlfers erstattete Bericht. Die Prü
fung war nicht schwer gewesen. Das
holzgeschnitzte Madonnenbild trug
durchaus das Gepräge der Werkstatt
des Veit Stoß. Ohlfers begrün
bete das er bat die Herrschaften,
sich noch einmal in den rothen Sa
lon bemühen zu wollen. Wieder
entstand eine kurze Debatte. Aber
nur Rossenbach widersprach den an
dertt und mit ihm feine Tochter.
Beide hielten das Meisterlichen Sto
ßens, das sich unten am Kleidsaume
bet .Heiligen eingeschnitzt fand, für
gefälscht. Doch sie standen mit ihrer
Ansicht allein. Rossenbach brummte
unaufhörlich vor sich hin.
Ohlsers hatte Hansen bereits vor
das Bild gezogen. Diese köstliche
Zechergcsellschaft war leider kein
Frans Hals. Alles sprach dagegen,
in der Hauptsache der Farbenton.
Der Gieimraib o^'tbte mit Be
stimmtheit das Gemälde dem Adrian
van Ostade zuweisen zu können, und
zwar hielt er es für ein Iugendwerk
des Künstlers, aus jener Zeit stam
mend, da er noch unter dem Einflüs
se Brouwers stand. Mister Levisson
nannte einen anderen Namen: Cor
nells Saftlevcn. Einig, war man sich
jedenfalls darüber, daß die Zecher
gruppe an sich ein Prachtbild
nicht von Fans Hals herrühre.
Herr Rossenbach machte halblaut
eine boshafte Bemerkung. Man
überhörte sie. Professor Deitmer er
schöpfte sich dagegen in Trostworten.
Natürlich sei zwischen einem Hals
und einem Adrian Ostade ein ge
waltiger Unterschied immerhin
das Museum könne sich auch über
Ostade freuen. Das Sprichwort
vom geschenkten Gaul lasse sich man
nigsach variieren. Uebrgens werde
das Bild noch Gegenstand eingehende
rer Untersuchung sein an Cornells
Saftleven sei seiner Ueberzeugung
nach nicht zu denken, viel eher an ei
nen anderen Altersgenossen Brou
wers, an Pieter de Bloot.
So stritt man noch lange, immer
im blendenden Glänze des Reflektors,
schritt hin und her, das Bild von
allen Seiten betrachtend und nach
charakteristischen Merkmalen suchend,
indes die Diener Pilsener und
Pschorrbräu präsentirten und Rossen
bach nach wie vor kopfschüttelnd an
der geschnitzten Madonna herum
schnüffelte. Hanf er. schien die That
sache, daß die neue Erwerbung kein
Frans Hals war, ziemlich gleichgül
tig zu lassen. Aber Graf Dahlum
war stiller geworden, und wehrend
die anderen, ihre 83iergläser in der
noch
am Arm Hansens und winkte ihm
mit den Auqen in das Nebenzimmer.
..Ich bin in peinlicher Verlegenheit,
lieber Heinsen," !agte er hastig, .denn
trenn die Thatsache fest steht, daß es
sich hier nicht um einen Frans Hals
bändelt, so ist das Bild auch zwei
fellos zu hoch bezahlt."
„Es war ein Risikogeschäft. Herr
Graf, wie hundert ähnliche," entgeg
nete Hansen. „Ich habe das Bild
nur als muthmaßsichen Hals erstan
den, und Kapazitäten in Haarlem
und Leyden haben mich vielleicht
in unbewußter nationaler Befangen
heit in der Annahme bestärkt, es
könne aus dem Atelier des Meisters
stammen."
„Nun gut es ist aber nicht der
Fall
„Was nvch nicht völlig erwiesen
ist. Herr Graf."
„Es ist jedenfalls wahrscheinlich."
erwiderte Dahlum ungeduldig. „Ein
Ostade oder sonstwer hat nicht den
Wertb eines Frans Hals. Wir müs
sen das Bild neu schätzen lassen."
„Dageaen wehre ich mich. Das
Bild gehört mir nein, es gehört
im Augenblick bereits dem Berliner
Museum.. Wir sind also beide nicht
mehr in der Lage, darüber zu dis
poniren."
„Eine Werthabschätzung wird sich
doch ermöglichen lassen!" ti«f Dah
lum.
„Gewiß. Es würde aber auffal
len und zu gar nichts führen."
Der Graf sprach den Sprechenden
etwas fassungslos an.
„Ich kann mir doch von Ihnen
nichts schenken lassen, Hansen!"
„Davon ist keine Rede, lieber Graf.
Ich war in das Bild vernarrt, und
Sie aeeeptirten die Summe, die ich
bot. Ich stellte keine Bedingungen,
tch hätte zweifellos auch dasselbe be
zahlt, wenn man mir gesagt hätte,
es sei ein Ostade oder Sanftleven.
Denn dies Bild gerade dies woll
te ich haben. Es gefiel mit ich woll
te es dem Museum stiften."
„Es ist nicht richtig," murrte Dah
lum, „das Bild ist überzahlt. Das
ist mir eklig es genirt mich ..
Er bewegte die starken Schultern hin
und her.
Hansen lachte. „Beruhigen Sie
sich, lieber Herr Graf. Das Geschäft
ist reell, um mich kaufmännisch aus
zudrücken. Zu kurz komme ich nicht.
Es wäre etwas anderes, wenn ich da}
Bild weiterverkauft hätte, wenn ti
Spetulationsobjekt gewesen wäre.
Aber so ich bitte Sie!
Wie ist's denn beim Pserdekaus?
Schäftlarn," rief er, „lieber Arthur,
komm' doch bitte mal her!"
„Was ist los?!" rief der Rittmec»
stet zurück und trat zu den beiden
Herren.
„Du hast doch neulich deinen
„Springinsfeld" verschachert?" frag
te Hansen.
Pfui verschachert! Das Hingt
nach alten Hosen. Aber verkooft."
„Schön also verkooft, oller Ber
liner! Gut oder schlecht?"
„Glänzend," betheuerte Schäft
larn. „Viertausend Em hätt' ich ge
nornmen Fünftausendzwethundett
wurden mir geboten."
„Ist denn der „Springinsfeld" so
viel werth?"
„Nee ich selber hätt's nicht ge
geben. Seine beste Zeit ist vorbei.
Aber was man mir bietet, nehmt
ich doch. Nicht wahr?"
„Versteht sich." antwortete Hansen.
„Nun kannst du wieder gehen und
dein Biet austrinken."
„Weitet wolltest du nichts?"
„Nein, weiter nichte."
„Na da werde ich noch ein GlaS
Ptlfener genehmigen," sagte Schäft
larn. „Wenn du mich wieder etwa®
Geistreiches zu fragen hast, kannst'
du mich abermals rufen."
Er ging „Quod erat demon«
strandum, Herr Gras." schloß, Han
sen mit heiterer Miene. „Und mal
wollen wir die Sache erledigt sei»
lassen..
Herr Rossenbach war der erste, der
aufbrach. Er war ärgerlich. Daß
Bild und Schnitzerei so gewifferma*
ßer hinter feinem Rücken gekauft
worden waren, wurmte ihn schrecklich.
Das vergab er Hangen nie.
Nun rüsteten auch die meisten an
dern. Die Coßmanndorff war in
einem Winkel des Erkerzimmers ein
genickt, und als sie von dem Geräusch
der übrigen erwachte, rief sie sofort
nach Herrn von Schäftlarn.
„Ich fahre mit der Elektrischen,"
erklärte sie. „Bringen Sie mich hin,
lieber Leutnant?"
„Wird mir ein Vergnügen sein,
gnädigste Gräfin, nur bin ich schon
seit zwei Jahren Rittmeister."
„Ist mir recht," sagte die Gräfin,
„aber bringen Sie mich auch bis zutu
Lützowplatz?"
„Selbstverständlich," tief Hansen
dazwischen, „bis vor Ihre Wohnung.
Frau Gräfin! Sie können ganz be
ruhigt fein."
Schäftlarn verneigte sich zustim
mend, dann wandte er sich um und
spießte Hansen mit einem wüthenden
Blicke auf.
„Ich war das letztemal bei dir,
Scheusal," flüsterte er ihm zu.
„Das ist nett von dir, Schäft
larn," antwortete Hansen laut, „daß
du mich bald wieder besuchen willst."
Die Coßmannsdorff forschte nach
ihrem Pompadour. Die Herren von
der Kunst empfahlen sich dankend und
händeschüttelnd. Es war eine allge
meine Verabschiedung.
Auch die Komteß reichte Hansen
die Hand.
„Es war furchtbar nett," sagte sie
mit ihrem liebenswürdigen Lächeln.
Hansen überhörte die gleichgültige
Phrase. „Auf baldiges Wiedersehen,
Komteß in Koschlau oder Preme
ritz."
„In Koschlau," entgegnete sie,
..Wort halten."
Dann entzog sie ihm ihre Hand,
und als beider Blicke sich trafen, er
losch jählings die Farbe in ihren
Wangen. ($tn Uebelkeitsempfinden,
wie ein starker Widerwille es hervor
zurufen vermag, überkam sie.
„Fertig. Papa?!" rief sie.
„All right, mein Kind. Kommen
Sie, lieber Torda wir können zu
sammen fahren. Einen Platz hab'
ich in meinem Moppel noch frei
aber die Coßmannsdorff darf's nicht
hören," fügte er leise hinzu "beim
Allerbarmer das ertrag' ich nicht
... Pürstein, ist mein Chauffeur
schon zurück?"
„Sehr wohl, Herr Gras, er hält
vor dem Portal."
Franz und Bob leuchteten mit
Magnesiumfackeln, obwohl draußen
die Laternen brannten.
Torda und Dahlum schritten dicht
nebeneinander durch den Garten.
..Wie ist's mit dem Phc'bus?" frag
te Torda leise. „Will Hansen noch
zuschießen?"
„Ich habe noch keine Gewißheit,
Torda. Es machte sich nicht. Mir
kam anderes dazwischen. Teufel, es
lag mir nicht! Es ist wie eine Bet
telei."
„Geschäft", sagie Torda.
„Na ja, Geschäft. So schrecklich
eilt's doch nicht!"
„Mir eilt's, lieber Graf."
Dahlum wars den Kopf hemm und
starrte Torda an.
„Was ist denn los?! Menschens
kind, Sie sind ja todtenblaß!... Ah
das Telegramm vorhin! Wieder
eine fatale Meldung?"
„Leidet nicht zu verschweigen. DaS
Wasser hat in den Linachwerken auch
die Vermauerung durchbrochen un
sere Kaligruben sind ratzibus ersof
fen. Ratzibus er—sof—sen..
(Fortsetzung folgt.)
1
AM

Roman von Fedor von Zobeltitz.

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