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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, July 15, 1909, Image 7

Image and text provided by State Historical Society of North Dakota

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liiMofmc.
Roman von Paul Oskar Höcker.
(11. gorticBunqJ
Mit zitternden Knieen stand sie da,
ganz hilflos und verwirrt, als es an
die Corridorthür klopfte.
Der Araber meldete sich.
Sie konnte kaum sprechen. Ohne
hinzuhören, gab sie einen beliebigen
Auftrag, nahm ihn aber sofort wieder
zurück und zeigte dem stumm abwar
tend in der offenen Thür stehen ge
bliebendenSch'warzen mit einer schrof
fett Handbewegung an: er wäre über
flüssig, sie brauchte ihn nicht.
Als sie wieder allein war. suchte sie
sich zu überlegen, was denn eigentlich
Z geschehen war, wie die Szene sich ab
gespielt hatte.
Aber sie konnte sich nicht an einzel
ne Worte erinnern. Nur da? eine war
ihr klar: das Recht, zudringlich zu ihr
sein, hatte der junge Mensch aus dem
Klatsch abgeleitet, der über sie und
Fritz von Succo unter den Hotelgä
sten umlief.
Sie stampfte zornig auf.
Bei einem Blick auf den Tisch nach
der Karaffe sah sie ihre Uhr. Es fiel
ihr ein, daß sie sich eilends fertig ma
chen mußte, um den Zug tier Stra
ßenbahn noch zu erreichen.
Sieben Uhr —.
Wenn Gustav direkt über Kairo ge
kommen wäre, hätte er jetzt schon hier
sein müssen.
Daß sie ihn nicht sprechen konnte!
Daß er nicht da war, um sie zu schü
tzen!
Als sie gleich darauf das Vestibül
durchmaß, in dem die Hotelpensionäre
in Frack und Gesellschaftstoilette des
Gongzeichens für das um sieben Uhr
stattfindendeDiner harrten, mußte sie
gegen ein Weinen ankämpfen.
Sie kam sich beschimpft vor. Es
war ihr jetzt, als ob sie unter den Bli
den Gäste Spießruthen liefe.
Soviel Menschenkenner war der
Rittmeister von Stangenberg immer
hin, um noch im Verlauf des ersten
Reisetages herauszubekommen, daß in
'Herrn von Succos Ehe eine „Unstim
migkeit" herrschte. Succo zeigte da
bei durchaus nicht etwa eine gedrückte
Stimmung. Im Gegentheil, seit Mar
stille war er überhaupt noch nicht so
lebhaft und für alles empfänglich ge
Wesen. Stangenberg ward sogar
mehrmals wieder an den leichten Bi
watton erinnert, den Succo als
Junggeselle damals im Ostpreußi
sehen angeschlagen hatte, als er zum
Manöver eingezogen war. Allein es
klang da ein Unterton mit, der dem
Rittmeister nicht entging.
Auf Biwak- und Junggesellenmani
ten war der äußere Verkehr während
dieses recht strapaziösen Ausflugs
überhaupt gestimmt. Wenigstens in
nerhalb der Gruppe von deutschen
Herren, die eine der „Zeltgenossen
schaften" in dem Touristenlager am
Kurunsee bildeten.
Stängenberg und Succo hatten sich
bei Cook gemeinsam für lie Reise ge
meldet, also richtete der Reiseleiter die
Platzoertheilung stets so ein, daß sie
sich nicht zu trennen brauchten.
So anregend, so gesprächig sich
^ucco bei diesem fortgesetzten Zu
sammensein gab: sein Begleiter merk
te doch, daß er sich zwang, unterhalt
sam zu sein. Und eines erschien ihm
besonders auffällig. Stangenberg hatte
gleich bei der ersten Begrüßung seine
pflichtschuldige Anfrage nach „dem
Befinden der Gnädigen" angebracht,
Succo hatte korrekt dankend darauf
erwidert und aus dem Stegreif eine
freundlicheEmpfehlung erdichtet. Seit
dem aber war von Frau Jutta nicht
mehr die Rede gewesen. Während der
ersten Tage wenigstens mit keinem
Wort. Und Stangenberg war es bald
genug klar: sein Reisegenosse vermied
das Thema absichtlich er schnitt
auch ihm jede Möglichkeit ab, davon
anzufangen.
Daß Succo alle Ursache zur Eifer
sucht auf den famosen „Vetter Fritz"
hatte, darüber war sich niemand kla
rer als 'Stangenberg, der an Bord
das Hmundhttr der beiden ja schon
genügend beobachtet hatte. Allen,
die nicht gerade die Seekrankheit vom
Botdleben ausschloß, war es aufgefal
len. Die einen hatten es milder, die
andern bedenklicher 'beurtheilt.
Freilich: wie weit der Flirt zwi
schen den beiden gegangen sein moch
te, das wagte er doch nicht zu entschei
den.
Auf der einen Seite hatte die kleine
Frau ja unbedingt einen Zug ins
Abenteuernde. Ihr Temperament war
nicht umzubringen, sie hatte Rasse,
war sensibel bis in die schlanken Fin
gerspitzen. Aber so ohne weiteres im
Sturm zu nehmen wie manche andere
Weiber war sie nicht. Sein An
lauf im Garten von Shepheard war
jedenfalls mit Grazie abgeschlagen
worden.
Immerhin bereitete es Stangenberg
ein nicht unangenehmes Nervenpri
ckeln, sich in Frau Juttas Abenteuer
zu vertiefen. Denn so oder so: daß
die verwegene kleine Frau sich von
ihrem Manne auf die Dauer nicht
ausgöfiillt fühlte, das stand für ihn
fest. Das war auch gar nicht so ver
wunderlich.
Wensationell war in diesem Falle
eigentlich nur die Person deS mit
ihrer Gunst Beglückten.
„Ausgerechnet de.! Ausgerechnet der
Todfeind ihrer ganzenWahlverwandt
schaft! Das ist doch zum Längelang
hinschlagen"
Was Stangenberg aber aufs hoch#
st« wunderte, das war dabei der Um
stand, daß Succo seine junge Frau
gerade jetzt, wo doppelte Vorsicht
vielleicht auch doppelte Aufsicht ge
boten gewesef wäre, allein gelassen
hatte.
Er konnte sich's nicht versagen, ein
paar Anspielungen zu machen. Bei
leibe keine direkten, plumpen Hinweise.
Nein, bloß so eine Art Parallele bei
der Erzählung von ein paar Skan
dalgeschichtchen aus der Garnison.
Stangenberg erzählte dabei stets vom
Standpunkt des Attentäters, nie von
dem des Angegriffenen aus. Es war
ihm ein gewisser Trost.
War es die tropische Hitze dieser
Wüstenwanderungen und langen Rit
te, war es ein heimlicher Vergleich
mit eigenen Erlebnissen, eigenen Ver
dachtsmomenten, der zu peinvollett
Vorstellungen und Verirrungen der
Gedanken führte: auf Succos Stirn
perlte zuweilen ein leichter Schweiß.
Stangenberg glaubte nun bestimmt
zu wissen: innerlich verging derAerm
ste vor Eifersucht. Es war übrigens
nicht Grausamkeit, was ihn verleite
te, diese Themen zu bevorzugen, eS
war auch nicht einmal der Wunsch,
der kleinen Frau Jutta einen Stein
in den Weg zu werfen. Nein, seine
Phantasie beschäftigte sich nun einmal
am liebsten mit derlei Dingen sie wa
ren für ihn das Leben.
Was den Oberstaatsanwalt auf der
ganzen Reise so nervös und nach
denklich und zerstreut erscheinen ließ,
das hatte einen ganz andern Grund
als Stangenberg annahm. Er
machte sich Selbstvorwürfe darüber,
daß er sich von seiner Frau einer
Bagatelle wegen im Groll getrennt
hatte. Jutta war noch so jung, so
wenig welterfahren, ihre Erziehung
war noch nicht vollendet. Es hätte
einer Meinungsverschiedenheit wegen
die doch eigentlich ziemlich akade
mische'' Natur war nicht zu einem
solchet Zerwürfniß zu kommen brau
chen.
Auf der Nilfahrt von Wasta aus,
die den Abschluß der Reise bildete,
war Succo recht sentimental. Man
fuhr an Bord einer Cook schen Daha
bije, auf der sich auch noch andere,
von Luksor und Assuan und weiter
her nach Kairo zurückkehrende Ver
gnügungsreisende befanden. Die
Gruppen trennten sich. Succo suchte
nun auch das Zusammensein mit
Stangenberg etwas einzuschränken.
Er hatte einen Platz ganz vorn im
Boote gewählt, rauchte unausgesetzt
Cigaretten in geradezu krankhaft
nervöser Hast und ließ den Blick
ungeduldig über die Nillandschaft
schweifen.
Die Bilder, die an ihm vorüberzo
gen. waren eigenartig, aber in ihrer
feierlichen Ruhe und Monotonie auf
die Dauer doch ermüdend. Die Fella
chendörfer. die Palmwälder, die
Scheichgräber und Minaretts, die
schmutzigen Bettelkinder, die an den
lehmbraunen Ufern des breiten, stillen
Stromes mitliefen, die unabsehbaren
Mengen der die Dörfer umflattern
den Tauben, das Gekreisch der Esel
und der Ziehbrunnen es war aus
der ganzen weiten Fahrt immer das
selbe, immer dasselbe. Er hatte keinen
Sinn mehr für die fremdländische
Schönheit. Es drängte ihn heimzu
kommen.
Und was er dabei kaum vor sich
selber wahrhaben wollte, wirkte mit,
seine Sehnsucht zu verstärken: er em
Pfand eine gewisse Scham darüber,
daß er sich ganz so wie in seinen
Junggesellenzeiten in den zynischen
Ton dieser Herrengespräche hatte mit
hineinziehen lassen. Es war ihm nun,
als hätte er an Jutta etwas wieder
gutzumachen.
In Bedrachein war Aufenthalt
und Lösung der durch Cook ins Le
ben gerufenen Freundschaften. Ein
Theil der Gäste vom Menahouse
fuhr über Kairo nach Gizeh, ein an
derer wollte am gleichen Tag noch
die Apisgräber von Sakkarah besichti
gen.
Succo verhandelte noch mit dem
Dragoman darüber, welche Route eine
frühere Ankunft im Menahouse ver
sprach, als er Stängenberg einen Be
kannten von der „Holstein" begrüßen
sah: Herrn Marcks, den Apotheker
aus Dresden. Auf die Bekanntschaft
mit diesem Landsmann hatte Succo
nie Werth gelegt. Es wunderte ihn
daher, daß Stangenberg so lange und
angelegentlich mit ihm sprach. Er
bemerkte dann auch, daß der Rittmei
ster im Gespräch mehrmals halb ver
stöhlen zu ihm herübersah offen
bar etwas verstört und daß er
darauf Herrn Marcks einen zurecht
weisenden Wink mit den Augen gib:
er möchte nicht so laut sprechen, man
könnte sonst in der Nachbarschaft hö
ren!
Succo hatte sich, über die Route
noch immer nicht im reinen, ungedul
dig abgewandt da tauchte plötzlich
Stangenberg an seiner Seite auf und
sprach ihn. den Ton merkwürdig dis
kret dämpfend, an: „Hören Sie, lieber
Herr von Succo, dieser sächsische Bun
deSbruder da, Herr Marcks, der Wel
tenbummler, stellt hier coram publi
co eine so unKnniae Bebauvtuna auf.
"it':
ich glaube, Sie müssen sich den
Mann einmal vorbinden."
„Der Herr ist mir offen ge
sagt schon immer gräßlich gewe
sen."
„Mir auch. Aber die Geschichte
geht Sie nahe an. HBcnn'i nämlich
nur etwa ein niederträchtiger klatsch
sein sollte, so dürfte man sich die Ge
schichte unter keinen Umständen gesal
len lassen. ."
„Was will er?"
„I er warf da in Gegenwart
deS Professors und der beiden Ameri
kaner übrigens anscheinend ganz
harmlos eine Bemerkung hin.
Also das wäre hierher gegen Abend
sein gewöhnlicher Ausflug er hat
sich in Heluan niedergelassen, nimmt
da Schwefelbäder oder so einen Unfug
in Heluan wär's zum Sterben
langweilig, aber hier in Bedrachein
träfe man unter den Passanten immer
Landsleute. .Ja. und denken Sie
sich, unlängst hätte er hier auch Ihre
Frau getroffen, sagte er."
„So. Mit der Hotelgesellschaft?"
„Ja. Zum Theil. Aber es ist da
noch was ganz Absurdes dabei."
„Was Absurdes?"
„Hier liegt doch die vizekönigliche
Zuckerfabrik, deren Direktor Ihr Vet
ter Fritz von Succo ist?"
Succo horchte auf. Dann sagte er
gezwungen lässig: „Möglich. Es war
mir so gleichgültig, daß ich's nicht be
halten habe."
„Und Herr Marcks behauptet nun
ich sag's Ihnen lieber sofort brüh
warm wieder, ganz so wie er's vor
bringt Ihre Frau hätte die Ge
fellschaft gleich nach der Ankunft hier
verlassen, und dieser Herr von Succo
hätte sie am Fabrikeingang in Em
pfang genommen. DieBekannten wä
ten sofort darüber einig gewesen, daß
es zwischen ihnen eine abgekartete
Sache war, denn Ihre Frau na
kurz und gut, sie wäre dann rich
tig den ganzen Nachmittag, bis zur
Abfahrt des Dampfers, bei ihm ge
Wesen.",
Succo lachte zuerst nur leicht auf.
„Bei ihm gewesen. So, Ich werde
mir den Herrn kaufen."
Und eine Weile später langte Succo
bei dem Sachsen an, den er kordial
l,erablassend begrüßte. Aber in sei
nen Augen flackerte dabei etwas wie
Haß.
„Das ist ja sehr nett: Herr von
Stangenberg sagt mir. Sie haben
neulich meine Frau hier gesprochen?"
„Gesprochen leider nicht, Herr Ober
staatsanwalt. Als ich von Heluan
herüberkam, war die gnädige Frau
mit Ihrem Herrn Vetter schon weg.
Drinnen in der Fabrik. Ja."
Succo behielt die Cigarette zwi
schen den Zähnen, während er sprach.
Da ihm der Rauch in die Augen und
in die Nase biß, lehnte er den Kopf
ziemlich weit zurück. Diese Haltung
hatte etwas Examinatorisches, dabei
sehr Hochmüthiges.
„Sagen Sie mal. Herr eh
Marcks, das dürfte aber doch wohl
ein Irrthum sein. Verwechslung.
Nicht? Ich kann mir im Leben
nicht erklären, wie meine Frau dazu
käme. ."
„Ja, die anderen Herrschaften konn
ten stch'ë auch nicht erklären," betheu
erte Marcks, dessen Stimme ein we
nig flackerte, sofort lebhaft. „Die
Baronin von druhsen meinte aber
noch: aha, deswegen hätte Frau von
Succo darauf bestanden, daß man
über Bedrachein zurückkehrte. Die
Herrschaften hatten nämlich die Tour
nach Sakkarah gemacht."
„Von Sslitarah nach Gizeh ist doch
ein ganz direkter Weg."
„Eben."
„Hören Sie mal ich weiß ja
nicht, was Sie für ein Interesse da
ran haben sollten, mir hier irgend ei
was vorzureden.
„Aber Herr Oberstaatsanwalt, ich
bitte sehr, ich hatte Herrn von Stan
genberg ganz harmlos erzählt. ."
„Ganz harmlos. Natürlich. Es ist
nur seltsam, daß Sie trotzdem eben
sagten: die anderen Herrschaften
konnten sich's auch nicht erklären.
Wie meinen Sie das? Und die Be
merkung der Frau von Druhsen
die ist ja geradezu äußerst merk
würdig."
„Ich kann nichts anderes anführen
als: relata refero. Ich werde doch
nichts Unwahres verbreiten. Frau von
Druhsen sagte noch zu mir: „Lieber
Herr Marcks", sagte sie, „bitte, thun
Sie mir den Gefallen und geh'nSie
doch mal Frau von Succo in die Fa
brik nach am besten, Sie lassen sich
unter irgendeinem Vorwand direkt
beim Chef melden. ."
„Wie kommt die Dame dazu?!"
„Ja, sie meinte, sie hätte Ihnen
versprochen, Ihre Frau Gemahlin zu
chaperoniren, sagte sie."
„Hm. So. Das meinte sie. Nun,
und Sie übernahmen den Auftrag?"
„Ei gewiß. Ich kam auf den Hof.
Fremden wird die Einrichtung der
Fabrik öfters gezeigt. Ich kenne al
les. bin schon zweimal dringewesen.
Aber diesmal ward ich nicht vorge
lassen. Der Direktor war in fettrr
Privatwohnung und hatte da Besuch.
Ja. Ich bin mit dem kleinen Araber
noch sevbst bis zur Thür mitgegan
gen, weiter ließ er mich nicht. Herr
Jesus, Sie sehen einen aber an.
Herr Oberstaatsanwalt. Man
braucht doch nicht gleich das Schlimm
ste zu denken."
Succo hatte Ränfte gemacht. Im­
"L
Sii
if
mer hastiger stieß er die kleinen, dicken
Rauchwolken aus. Die Cigarette war
soweit ausgeraucht,' daß er sich die
Lippen leicht verbrannte. Er wandte
hastig den Kopf und spie den Stum
mel aus.
Schon während der letzten Sätze
des berichteifrigen Apothekers war
Stangenberg dazugestoßen. Er hörte
die Darstellung nun ein zweites Mal.
Eine gewisse Schadenfreude empfand
er dabei ja unverkennbar. Aber die
letzte Bemerkung des Sachsen man
brauchte sich ja nicht gleich das
Schlimmste zu denken erschien ihm
denn doch zu plump und g^schmack
los.
Succo hatte den Apotheker stehen
lassen, ohne Abschiedsgruß.
„Ein Urtheil in moralischer Hin
sicht, Herr Marcks, war ja wohl nicht
von Ihnen erbeten", sagte nun Stan
genberg scharf und von oben her, zuck
te die Achsel und klopfte sich leicht
an die Stirn. Dann folgte er Succo
und schoß den Arm unter den seinen.
„Er ist ein komplettes Roß. Sie dür
fett ihm das nicht übel nehmen.
Dumm geboren und nischt hinzuge
lernt. wo soll da die höhere In
telligenz herkommen!"
Auch für diese gutgemeinten Trost
versuche war Succo nicht zugänglich.
„Lassen Sie, lassen Sie, lieber Herr
von Stangenberg. Das ist eine in
fame Sache. Eine ganz infame Sa
che. Ich bin noch so vor den Kopf
gestoßen. Das ist ja so ungeheuer
lich. ."
Kommen Sie lieber von hier fort.
Man steht ja auf offenem Markte.
Und nun glotzt der gute Professor
auch noch. Es geht doch nichts über
Diskretion."
„Leisetreterei ist hier durchaus nicht
angebracht. Zum Teufel auch. Nein,
man muß sich das nur vorstellen.
Meine Frau. Meine eigene Frau. DaS
ist ja so absurd, so so.. .Ich finde
gar keine Worte."
„Glauben Sie dran oder glau
ben Sie nicht dran? Die Frage scheint
mir die wesentlichste."
„An der Thatsache laßt sich doch
nicht mehr zweifeln. Uebrigens ruft
et ja das ganze Hotel Menahouse als
Zeugen an."
Sie waren etwas abseits von der
Gruppe der andern Reisenden getre
ten, wurden aber von Eseljungen,
Bettlern, Händlern und aufdringli
chen Führern derart umdrängt, daß
sie sich kaum verständigen konnten.
„Ich würde jedenfalls nicht gleich
alles auf eine einzige Karte fetzen",
sagte Stangenberg, „wenn ich mir
überhaupt einen Rath erlauben darf."
„Danke sehr. Aber man ist
doch nicht umsonst nebenher noch Ju
rist." Damit schien Succo, der die
Augen zusammenkniff und in plötzli
chem Entschluß auf den Dragoman
zuhielt, die Unterhaltung abbrechen zu
wollen.
Eine lebhaftere Bewegung ging so
eben durch die Gruppen: es läutete
zur Abfahrt des Cookschen Bootes.
Mehrere Karawanen hatten sich be
reits zusammengefunden, um den Ritt
nach Memphis und Sakkarah zu un
ternehmcn. Im letzten Augenblick
entschied sich Succo dafür, den in ei
net halben Stunde fälligen Eisen
bahnzug zu benutzen, mit dem er
eine Station vor Kairo den besten
Anschluß zum Menahouse fand.
Er wollte dies Stangenberg, der
gerade im Begriff war, an Bord zu
rückzukehren, nur rasch noch zurufen.
Aber der aufreizende Verdacht hatte
schon derart Besitz von ihm ergriffen,
er fühlte sich so unsicher, daß es ihm
dann doch unmöglich war, sich vom
Rittmeister so ohne weiteres zu treu*
nen.
„Patdon, noch eine Frage, Herr von
Stangenberg. Ich weiß freilich nicht,
ob ich Sie zurückhalten darf."
„Es erwartet mich bei Shepheard
niemand als der arabische Kellner, der
mir das Diner serviren will. Sagen
Sie ein Wort, und ich fahre gleich
falls mit der Bahn mit."
„Gut. Ich weiß auch, wie das Wort
lauten muß. Ich bitte Sie um den
Freundschaftsdienst, bei mir zu blei
ben»"
„Aber mein verehttestet, bestet Herr
von Succo
«Das war von Succos Seite aus
alles in starker Erregung und in ha
stigem Tempo gesagt und gethan.
Stangenberg erkannte Succo, den
stets so nüchternen und überlegenen,
gar nicht wieder. Sonst war Succo
doch in erster Reihe Mann des Ge
setzes und dann erst Mensch.
Und so kam es denn zu der demü
thigenden Frage, deren Succo sich, in
dem er sie formte, iibe«: alle Maßen
schämte, und zu der noch demüthigen
deten Antwort Stangettbergs.
Woher mochte Frau von Druhsen
das Recht leiten, ohne weiteres anzu
nehmen, daß zwischen seiner Frau
und seinem Better Fritz ein Eittvet
nehmen bestand? Glaubte Stangen
berg, daß sie irgendwelche Anzeichen
besitzen könnte oder gar Beweis
mittel?
„Und Sie selbst, liebet Freund.
Haben Sie solche Wahrnehmungen ge
macht? Hand aufs Hetz, Mann
gegen Mann Nein, ausweichen
dürfen Sie mir jetzt nicht, es han
belt sich um zu Ernstes, um zu Wich
tiges
„Eben deshalb, lieber Herr von
Succo, wird mit'L höllisch sauer.
Klatschpastete wie dieser Signor
MarckS aus Elb Florenz bin ich
1-
nicht. Außerdem ist eS noch stets
mein Grundsatz gewesen, mich in an
derer Leute Liebeshändel nicht einzu
mischen. Aber wenn Sie mich gleich
beim großen Ehrenwort zu packen
kriegen
„Das thue ich hiermit, Herr von
Stangenberg."
„Na, dann bleibt mir nichts andres
übrig, als Ihnen reinen Wein einzu
schenken. Also na ja denn. Daß
zwischen Ihrer Frau Gemahlin und
Herrn Fritz von Succo etwas bestand,
daran war allerdings weder für mich
ein Zweifel noch für irgendeins von
den Herrschaften, die an Bord mit
herübergekommen sind."
„So. So. Und das das haben
Sie die ganze Zeit mit sich herumge
tragen, auch diese letzten Tage über,
im Fazum, ohne mir ein Wort
ohne mir auch nur ein einziges
Wort. ."
„Erlauben Sie. Herr von Succo,
abgesehen von der Geschmacklosigkeit,
so c-us dem Stegreif heraus den Hetzer
und Petzer markiren zu sollen: wie
hätten Sie denn die Geschichte aufge
nommen? Das sah man ja vorhin
bei Marcks. Es fehlte nicht viel, und
er hätte seine Senge 'besehen. Na,
und mir hatten Sie ja wohl keine
Fäuste gemacht aber Sie hätten
mir zweifellos Ihre Zeugen geschickt.
Oder etwa nicht?"
„Ja, Sie haben recht, das hätt'
ich. Mein Gott. .!"
Sie waren auf der entsetzlich stau
bigen und sonnigen Straße, geplagt
von Mücken und von zerlumptem klei
nen Aegyptergesindel, dem die Flie
gen in dicken Klumpen an den Augen,
den Ohren und an der Nase hingen,
zum Bahnhof gelangt. Succo
hatte seinen Panama abgenommen.
Er schwitzte vor Aufregung und
Schwäche. Fortgesetzt trocknete er sich
Stirn und Nacken mit dem Taschen
tuch.
Ueber alles, was Stangenberg mit
eigenen Augen gesehen und was ihm
der Klatsch zugetragen hatte, war
Succo, als sie endlich in das heiße,
niedrige Coupe einstiegen, informirt.
Glied reihte sich da an Glied zu
einer lückenlosen Kette.
All die aufreizenden, nichtsmutzi
gen Erzählungen, Abenteuer und
Anekdoten, womit man sich im Her
renkreise in den letzten Tagen die Zeit
vertrieben, hatten den Boden seiner
Phanti'.K vorbereitet.
Als der Zug die am Beginn der
Sykomorenallee gelegene Station Gi
zeh erreichte, von wo aus die elektri
[roe Bahn den nächsten und 'besten An
schluß bot, saß Succo ganz erschöpft
in der Coupeecke. Mit beiden Hän
den preßte er feine Stirn. Dabei
schloß er die Augen, als brauchte er
so die Bilder nicht zu sehen, mit denen
ihn seine Phantasie folterte.
Wie abscheulich wie unsagbar
abscheulich!
Stangenberg hatte sich mehrmals
ausbedungen, daß der „Freund"
denn so dürfte er ihn doch nennen
den Boten von seinem Amt zu trennen
wüßte Succo hatte es auch ganz
selbstverständlich betheuert. Aber als
sie sich nun trennten, mit kurzem
Händedruck, ohne einander fest ins
Auge zu sehen, hatten sie beide die
Empfindung: daß sie einander doch
nicht trauten.
Auf der Fahrt in der jetzt nach
Sonnenuntergang fast ganz leeren
Straßenbahn suchte Succo wieder
Herr seiner Gedanken zu werden.
„Nicht alles aus eine Karte setzen!"
Darin hatte Stangenberg ja recht.
(Und Stangenberg besaß Erfahrung.
Es war Succo eine Genugthuung,
das jetzt festzustellen.)
Er wollte sich also beherrschen. Es
hatte keinen Zweck, sofort bei fetner
Ankunft im Menahouse Jutta zur
Rede zu stellen. Da hörte er selbst
verständlich nur irgendeine Ausflucht,
die sie doch für alle Fälle bereit ha
ben mochte. Er mußte sich inzwischen
mit allemBedacht das Zeugenmaterial
verschaffen: Frau von Druhsen über
das unerhörte Ereigniß vernehmen,
die andern Hotelgäste, wenn irgend
möglich einzeln nacheinander. Ganz
wie bei einer Anklagesache. Es galt
hier ja das Meisterstück juridischer
Kunst: einen Indizienbeweis.
Sobald Succo seine Nerven soweit
gemeistert hatte, um die Sache mit
dem klaren Juristen verstand zu durch
dringen, unabhängig von persönlicher
Empfindung,sah er gewonnenes Spiel
vor sich.
Als er das Hotel betrat, war die
Halle ganz leer. Die Gäste befanden
sich bereits beim Diner.
Er suchte das Zimmer auf. Der
feine Veilchenduft schwebte noch im
Raume, der Juttas Wäsche eigen
war. Den Athem anhaltend, blieb er
an der Schwelle stehen und drehte das
Licht auf. Er sah die breiten engli
schen Betten schon zur Nacht abgedeckt
unter den mächtigen Moskitonetzen,
die wie ein geschlossener Baldachin
wirkten. Da und dort bemerkte er aus
kleinen Anzeichen, daß Jutta Toilette
gemacht hatte.
Natürlich saß sie drüben Spei
sesaal.
Rasch klingelte et.
„Ob Madame drüben im Speise
saal wäre," fragte et den Araber.
„Non, monsieur, madame eet
sortie."
„Fortgegangen? Wann?"
„II y a quinze minutes, mon
sieur."
„Und wohi.l??
Der Araber hob die Schulten». „J«
n» sais pas, monsieur."
?'ls er wieder allein war, sagte et
sich: Nur Ruhe, Ruhe. Nur keine
Ueberstürzung. Nur ja sich nicht
gleich vor den Dienstboten verratheck.
Aber dann schoß ihm ein wider
Wärtiger, hitziger Gedanke durch öfft
Kopf: Vielleicht wußte der schwarze
Bursche mehr, als irgendwer ahnte
diese Hotelbediensteten hatten ja
eine solche Menschenkenntniß viel
leicht war der Sohn der Wildniß
längst in die Schmach eingeweiht, die
dem „Monsieur" durch „Madame" an
gethan war.
Er riß den Hut ab und schleuderte
ihn aus die Chaiselongue. Dann ging
er zur Verandathür.
Als er sie öffnete, drang ihm Ro
senduft entgegen. Er trat erstaunt
hinaus. Und da sah er den Riesen
strauß von La France-Rvsen auf dem
Tischchen.
„Das hat ja nichts auf sich. daS
hat ja gar nichts auf sich", suchte et
sich nervös zu beschwichtigen, indem
er mit dem Taschentuch den Schweiß
von der Stirn wischte. „'Das kann
hier irgendwo gekauft sein. Oder von
Kairo mitgebracht."
Merkwürdig, daß er während die
ser Fajumreise bis zum letzten Abend
sich kein einziges Mal gefragt hatte:
was that Jutta wohl jetzt, wo war sie
jetzt, mit wem sprach sie jetzt?
Und er überlegte: wie war's früher
gewesen, wenn er sich von ihr einer
kurzen Reise halber hatte trennen
müssen?
Hinterher hate sie ihm stets in
ihrer lebhaften Art anschaulich darge
stellt, was sie getrieben hatte. Es
war ihm dann immer so, als wäre et
dabei gewesen. So unbedingt schenkte
n
ihr Glauben.
Und er zermarterte sein Hirm
hatte er vorher je Grund zur Eiset»
sucht gehabt?
Allerlei nebensächliche, untergeord
nete Situationen fielen ihm ein
Situationen, an die er gar nicht mehr
gedacht hatte, von denen er vordem
überhaupt nie geglaubt hätte, daß er
sie jemals für verfänglich würde
halten können.
Die nicktswürdigen Klatschgeschich
ten Stangenbergs fielen ihm ein
all die großen Skandalprozesse der
letzten Jahre Stützen der Gesell
schaft, die man für unantastbar ge»
halten hatte, Prinzessinnen und ge
krönte Häupter waren gefallen.
Er war nicht imstande, Toilette zu
machen, um drüben im Speisesaal am
Diner theilzunehmen, ganz als ob
nichts Außergewöhnliches vorläge.
Von der Chaiselongue riß er wie
der den Hut an sich und stürmte hin
aus.
In der Halle traf er dann den
Manager. Er beobachtete ftch im Ge
spräch mit dem Manne ganz genai^..
Während der ihm Bericht erstattete
irber die Verhandlungen, die seine
Frau mit ihm gepflogen hatte, bemüh
te sich, ein gelassenes Wesen zur
Schau zu tragen. Aber es war ihm
doch, als steckte in dem geschmeidigen
Oberkellnergesicht ein Zug frecher
Neugier.
Soviel reimte er sich leicht zufam
men: Jutta hatte Nachricht bekom
men. daß ihr Vater heute Abend in
Shepheards Hotel eintraf, und sie
hatte beabsichtigt, an der Dampfet
station in Kairo das Eintreffen der
Cookschen Dahabije abzuwarten.
Aber auch da knüpfte sofort sein
Verdacht wieder an. Er sagte sich:
das diese Weife ihr erstes Wieder
sehen nicht unter vier Augen stattfand.
Denn natürlich würde sie ihren Va
ter gleich mitbringen, an dem sie ei
nen Beistand hatte.
Ob sie insgeheim Furcht empfand?
Ob sie sich wohl sagte, daß der Hotel
klatsch ihm über kurz oder lang doch
alles zutragen mußte?
Sie hatten ja allerdings vorge
habt, morgen früh das Menahouse
zu verlassen. Mit den Leuten, die sie
hier in seiner Abwesenheit beobachtet
hatten, kam man dann unter Um
ständen nie im Leben wieder zusam
men.
Nie im Leben wieder.
Wie leicht war es doch im Grunde
für eine abenteuerlustige Frau, auf
solch einer Reise in fremdes Land den
Gatten zu hintergehen
Er hätte fast weinen können übet
diese furchtbare Ungewißheit, diesen
grausam nervenfolternden Verdacht.
Einer der Kellner kam und fragte
ihn, ob nachferviti werden sollte. Für
die Nachzügler ward im Restaurant
gedeckt.
„Gut. Ja. Ich komme."
Aber der Löffel zitterte dann in fei
ner Hand, und als er sich Wein ein
schenkte, goß er über.
Er aß fast nichts, trank aber hastig
fast die ganze Flasche leer.
Mit rothem Kopf, eine Cigarette
zwischen den Lippen, begab er sich
darauf in die Halle und begrüßte die
Bekannten, die sich inzwischen vom-'
großen Speisesaal aus hier an deß
kleinen arabischen Tischchen zusam
mengefunden hatten: fast alle Herrett
im Frack oder im Smoking, die -Da
men in heller Abendtoilette.
(Fortsetzung folgt)
„Großmama". Vater:
„Von wem hast Du denn Hiebe ge*
kriegt, Fritzerl?" Fritzerl: JQym
Deiner Schwiegermutter!"
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