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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, December 16, 1909, Image 10

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Die Sonne
WAG'
tost
mmm
haben. Hier führt die alte Karawa
»eustraße über Hebron, die Heimath
Abrahams, nach Beerseba, dem süd
Lchsten jüdischen Grenzort, und wei
Set nach d«m fernen Aegypten. In
«met halben Stunde sind wir hoch
»ben auf dem Mar Elias, ein«m
griechischen Kloster. Die fromme
Sag« hat in Palästina alle möglichen
Eilt Weihnarhtc abend in Vethlehem.
^ine Erinnerung.
längst untergegan­
gen, und der Mond beschien die blei
che Landschaft. Sehr deutlich lagen
Hügel und Thaler vor unsern Au
gen. Selbst in der Ferne konnte man
deutlich die Umrisse der einzelnen
Häuser unterscheiden. Denn viel kla
«er als unter deutschem Himmel wirst
der Mond hier im Orient sein«
Strahlen. Von Sternen war so gut
wie nichts zu sehen. Denn das
Mondlicht verdunkelte völlig ihren
Glanz. Wir hatten soeben Jerusa
lern durch das Jaffathor verlassen
und trabten auf unseren kleinen, aber
Munteren Pferden nach Süden. Unser
Ziel war Bethlehem. Wir waren zwar
tfon vor ein paar Tagen, dort gewe
ftti und hatten uns die heiligen Stät
ten in Ruhe und Muße angeschaut.
Aber wir wollten doch einen Blick in
die Feier der 'heiligen Nacht in Beth
ilehem thun und hatten deshalb diese
Nachtreise unternommen.
^5^ V „^T^lriSxT»'
l':
Auf dem Wege nach Bethlehem.
Es war «in«r der wenigen Wege in
Palästina, di« man, ohne von der
Wahrheit abzuweichen, mit dem Na
m«n Straße bezeichnen darf, auf der
man deshalb auch des Nachts ohne
größere Gefahren entlang pilgern
tonn, zumal orientalisch« Pferde au
ßerordentlich zuverlässig sind. Wir
ritten zunächst noch unsern d«r ge
waltigen Stadtmauer entlang im
ob«rn Hinnomthale, das Jerusalem
im Südwesten begrenzt. Zur Linken
nahm unsere Blicke der Zionsb«rg
gefangen mit seinen verschiedenen
Klöstern und zahlreichen flachen Kup
peln, die Bienenkörben nicht unähnlich
find. Gespensterhaft ragte zum kla
ren Himmel empor daS Minarett des
Klosters vom Grab« Davids, das auf
'dem Zionsberg am meisten nach Sü
den sich vorschiebt. Wir kamen dann
am Sultansteich vorüber jeden
falls derselbe, den die Bibel den un
tern Gionteich nennt. Das große Ar
menhaus tauchte auf, das Moses
Montefiore für seine judischen Glau
'bensgenossen erbaut hat. Dann führt
d«r Weg dort, wo das Hinnomthal
sich nach Osten dem Kidron zuwendet,
über Felsplatten in die Höhe. Zur
Rechten bleibt der Berg des bösen
Rathes liegen. Links können wir ei
B«n Blick auf die freundliche deutsche
Templerkolonie werfen, deren ziegel
gedeckte Häuser mitten in grünen
Gärten uns an die ferne Heimath er
innern. Dann wird die Gegend ein
famer, und wir haben so recht Zeit,
ans unseren Gedanken zu überlassen.
Es ist die Ebene Rephaim, die wir
durchstreifen alter, berühmter Bo
den. Die Erinnerungen drängen sich.
Wir bewegen uns im Stammland d«s
zudäischen Königsgeschlechts. Hier sa
ßen die Getreuen, die von Davids
Zeiten an di« mosaischen Ueberlief«
lungen am festesten bewahrt und die
nationalen Errungenschaften durch Palästina. Es hat sich eine vollstän
schwere Gefahren bis über die Zerstö- dige Fremdenindustrie ausgebildet.
n»ng J«rusal«ms hinaus festgehalten Was gab es da nicht all«s zu kauf«n:
aus, wohin sich David so häufig vor
den Verfolgungen Sauls zurüagezo
gen hat. Selbst die Linien der Berge
von Moab glaubt man sehen zu fön«
nen. Vom Westen her grüßt uns aus
der Kreuzfahrerzeit das burgartig«
Gebäude des Ritt«rordens der Malte
set, während im Süden schon uns«r
Reiseziel Bethlehem, die Stadt Da
vids, herüberwinkt.
Wir treiben unser« Pferde an, und
im gefälligen Trab geht «s rasch den
Berg hinunter. Noch einmal machen
wir einen Augenblick Halt. Unmittel
bar an der Landstraße erhebt sich ein
weißer Bau, das Grab Nabels g«
nannt. Das Gebäude macht fast mehr
den Eindruck ein«r Karawanserei als
den eines Grabmals, nur. daß die
flache Kuppel, die Moses Montefiore
auf dem Mittelbau hat aufsetzen las
sen, dem Ganzen den Eindruck des
Profanen genommen hat. Alljährlich
kommen hier am Todestage der Ra-
hel die Juden zusammen, ihre Klage
lieber zu Ehr«n der Mutter der ju
Mischen Stämme anzustimmen. Aber
auch die Mohammedaner verehren den
Ort.
Der Weg ist unterdessen recht mo
rastig geworden. Der Regen der letz
ten Tage hat seine Schuldigkeit ge
than. Die tiefen Stellen sind fast
völlig überschwemmt. Was ein Win
terregen zu bedeuten hat, lernt man
ja nur im Orient kennen. Hier öffnet
der Himmel zuweilen in zehn Minu
ten seine Schleusen fast so stark wie
in Deutschland in einer Stunde. Wir
waren deshalb recht froh, daß die
weißen Häuser Bethlehems mit den
flachen Dächern sich immer deutlicher
aus dem Grün der Gärten abhoben.
Wir hörten bereits die lärmenden
Stimmen der Orientalen durch die
stille Nacht hindurch, bis wir in weni
gen Minuten unsere Thiere den Füh
rern übergaben.
Auf den Straßen war ein recht be
wegtes Leben. Ein großer Theil der
Bewohner Jerusalems war an diesem
Abend nach Bethlehem gekommen.
Kleinere Trupps hatten wir unter
Wegs überholt. Auch die christlichen
Bewohner der Nachbarorte hatten
großen Zuzug gestellt. Dazu war
eine Menge Fremder aus Europa ein
getroffen, die ebenso wie uns das
Verlangen hergetrieben hatte, einmal
die heilige Nacht in Bethlehem zu
verleben. Bethlehem ist eins der
freundlichsten und saubersten Städt
chen Palästinas. Seine 8000 Ein
wohner gehören fast ganz dem Chri
stenthum ao. Mohammedaner gibt
es nur gegen 300, und den Juden ist
hier ebenso wie in Nazareth d«r Auf
enthalt oerboten. Die Eingeborenen
drängten sich an uns heran und boten
uns ihre Waaren feil. Bethlehem ist
der gewerbfleißigste Ort von ganz
amtmrnirmim
Ein Weihnachtsabend in Bethlehem..
Punkte b«sond«rs geweiht. Hier soll gingen deshalb durch die Menge, die
tot Prophet Elias auf der Flucht vor
der Königin Isabel in die Wüste un
icr dem Wachholder von einem Engel
gespeist worden sein. Man braucht
solch kleiner Erinnerungszeichen nicht.
Es ist hier alles heiliger Boden. Wir
schauen uns um und haben auch in
bet Nacht von hier eine herrliche Aus
sicht. Im Norden schimmern die
Lichter von Jerusalem herüber. Im
Osten dehnt sich das jüdische Gebirge
Mit seinen Klüften und Schluchten
Rosenkränze, Kr«uze, Kästen, Briefbe
schwerer aus Olivenholz, Broschen
und Kruzifixe aus Perlmutter. Ko
rallenketten, Becher und Tassen aus
dem Asphalt vom Todten Meere. Viel
mehr noch als hier verkauft wird,
wird versandt.
Wir hatten unsern Bedarf an der
gleichen Andenken bereits gedeckt und
in ihrer bunten, malerischen Tracht
im Mondschein sich besonders aben
teuerlich ausnahm, eiligen Schrittes
hindurch, um nach der Geburtskirche
zu kommen. Diese, Marienkirche ge
nannt, liegt auf dem östlichen der bei
den Hügel, auf denen die Stadt er
baut ist. Sie ist äußerlich ohne viel
Schmuck und sieht fast verwahrlost
aus, wie die orientalischen Häuser
Überhaupt. Sie ist wohl ziemlich die
älteste christliche Kirche der Welt.
wenn auch von dem Bau JustinianS,
der auch schon einen ältern Bau er«
setzte, nicht mehr viel vorhanden sein
dürfte. In diesem Justinianischen
Lau ließ sich einst Balduin zum Kö
nig von Jerusalem krönen. Der
heutige Bau stammt der Hauptsache
nach vom byzantinischen Kaiser Ma
nuel Comenius aus dem Jahre 1216.
Dir Eingang liegt ziemlich versteht
im Winkel des Vorhofs. Wir fan
den ihn bereits gesperrt es mochte
etwa eine halbe Stunde vor Mitter
nacht sein. Türkische Möchtet mit
lern Ktummsäbel hielten den Eingang
besetzt. Der andächtige Besucher ist
über diese mohammedanische Solda
teska sehr erstaunt, aber leider ist sie
hier ebenso nöthig wie in der Gra
beskirche. Beide Gotteshäuser gehören
zu verschiedenen Theilen verschiedenen
Consessionen an, und da die einzel
nen Consessionen häufig zur selben
Zeit Gottesdienst halten, so kommt es
bedauerlicherweis«- zuweilen zu Strei
tigkeiten, so daß das Militär eingrei
sen muß.
Da wir eine Empfehlung vorn
deutschen Eonsulat mit hatten, so ge
lang es uns vermittels des nöthigen
Bakschisches, di« Wächter zu bewegen,
uns einzulassen und an «inen bevor
zugten Platz zu geleiten.
Durch die Thür, die, toi« man be
hauptet, deshalb sehr niedrig ist, da
mit die Moslem nicht mit ihren Pfer
den in die Kirche reiten, traten wir
in eine dunkl« Vorhalle und von da
in das Schiff des Gotteshauses. Wir
befinden uns in einer mächtigen fünf»
schiffigen Basilika mit sehr breitem
Mittelschiff. Die Seitenschiffe wer
den von Reihen gewaltiger Säulen
aus Kalkstein mit byzantinischen Ka
pitälen gebildet. Das Langschiff wird
von einem breiten Querschiff gekreuzt,
in dessen Nischen sich noch Mosaikreste
aus den Zeiten des Michael Comenius
befinden. An den Wänden sieht man
Bilder mit Darstellungen aus der
Geschichte der Kirche.
Im Innern ging es ziemlich laut
her. Andächtiges Schweigen ist den
Orientalen vollständig unbekannt. Das
Schwatzen und Schreien und Drän
gen ließ auch bei uns keine Stimmung
aufkommen. Wit drangen vor bis
zum Altar und warteten der Eröff
nung der Feter.
Vor der Dämmerung war der
französische Consul mit dem Patriot*
chen von Jerusalem unter großem Ge
pränge nach Bethlehem eingeholt wot
den. Um Mitternacht wurden sie in
der Kirche erwartet. Plötzlich richte
ten sich aller Blicken ach dem Eingang.
Voran schritten einige Kawassen und
schoben die Menge auseinander. Hinter
ihnen schritt in feierlicher Prozession
zur Seite des Consuls derPatriarch in
köstlichem Schmuck, gefolgt von einer
großen Priestenschaar. Die Menge
warf sich nieder zur Erde und schlug
das Kreuz. Die Prozession bewegte
sich nach dem Altar. Die Priester
zündeten mit ihren Kerzen dessen
Lichter an. An diesen entflammte
vie Schaar der Gläubigen ihre eige
nen mitgebrachtn Kerzen. Im Nu
war die ganz« Kirche ein Flammen
m«er, und d«r Gesang: „Ehr« s«i Gott
in d«t Höhe und Friede aus Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen"
durchbraust« den mächtigen Raum
allerdings nicht deutsch, sondern la
teinisch. Nach einer kurzen Messe
und dem Vorlesen der Weihnachtsge
schichte bewegt« sich di« Prozession
nach der großen Krypta, die sich un
mittelbar unter txm Quer schiff be
findet. Der Patriarch trägt eine
Puppe aus Wachs hinab und legt sie
dort in der östlichen Nische auf dey
Fußboden, wo ein Stern mit d«r In
schrift umgeben ift:Hic de virgine
Marift Jesus Christus natus est
(Hier ist Jesus Christus von bet
Jungfrau Maria geboren). Von dort
nimmt der Patriarch die Puppe, die
das Jesuskind darstellen soll, und legt
sie seitlich in eine Nische mit einet
marmornen Krippe.
Die Krypta soll ursprünglich eine
Höhle g«wes«n sein. In dieser Höhle
soll sich der Stall befunden haben,
wo die Eltern Jesu einkehrten und
wo Maria das Jesuskind gebar und
in eine Krippe legte.
Es dauerte lange, bis die Prozes
jton wieder âus der Krypta hervor
tauchte und in das Hauptschiff zurück
gelangte. Unterdeß amtiren an vet
schi-venen Altären die Priester, die
andächtigen Schaaren begleiteten die
Responsorien. Da uns das Gedränge
zu groß war und wir die Kryptjet
schon vor einigen Tagen besucht hat
ten, so hielten wir uns nicht zu lange
in der Kirche auf, sondern trennten
uns von den Gläubigen, die noch bis
zum frühen Morgen die Räume mit
ihren Lobgesängen erfüllten.
Gerade in den dunklen Gängen bet
Krypta hatten mir recht stimmungs
volle Augenblicke verlebt. Es waten
weniger die manch«tl«i Altäre
und Kapellchen gewesen, die dort den
Weisen aus dem Morgenlande, dem
heiligen Josef, dem unschuldigen
Kindlein geweiht ftttb, die uns ange
zogen hatten, als die Zelle und das
Grab des heiligen Hieronymus. Es
steht historisch fest, daß dieser ein
flußreiche Kirchenvater sich in den an
die Kirche anschließenden Gängen und
Höhlen eine Zelle gebaut und hier An
buchten über das Geheimniß der Ge
burt Christi verfaßt hat, bie uns
noch erhalten sind. Auch an seiner
Bibelübersetzung hat et hier gearbei
tet. 1
Noch einen Blick zurück auf den
Kirchenbyu, bet mit den anstoßenden
lateinischen, griechischen unb armeni
schen Klöstern einer büsteren Festung
glich, und wir wandten uns der
eoangelischen Kirche zu, an Umfang
verschwindend gegen jene Bauten, aber
doch ein zierliches, schmuckes Gebäude,
mit seinem stattlichen Thurm ein
weithin sichtbares Zeichen evangeli
schen Glaubens, zugleich nebst der
deutsch evangelischen Schule ein
Wahrzeichen beutscher Kultur im
fremden Lande. Die Kirche lag im
tiefen Frieden, nur im Pfarrhaus wa
ren bie Zimmer noch erleuchtet. ES
schien, baß man hier im Kreise nahet
und ferner Freunde den heiligen
Abend feierte.
Jetzt zog es uns hinaus in di«
Einsamkeit. Wir lenkten unsere
Schritte ins Freie- nach dem söge
nannten Hirtenfelde zu. 20 Minuten
vor der Stadt liegt das Plätzchen
freundlich ant Abhänge mitten zwi
schen Oelbäumen, von einer doppel
ten, viereckigen Mauer umgeben. Die
Sage verlegt an diesen Ort die Er
scheinung und Kundgebung der En
gel an die Hirten. Indeß auch hier
hatte sich eine Menschenmasse einge
funden. In einer unterirdischen Ka
pelle, die den Griechen gehört, wurde
Gottesdienst gehalten.
Weihnachten bei den Sachse» in
Siebenbürgen.
Im Haser land, jenem kühleren
Theil des siebenbürgischen Sachsen
landes, in dem kein Wein gedeiht, ha
ben sich mit stilvollen alten Trachten
auch eigenartige Bräuche und Sitten
erhalten, und noch heute feiert man
ches Äors genau in der Weife der
Urahnen fein SBeihnachtsfefL
Es ist acht Tage vor dem Feste in
der Abenddämmerung. Der frische
Schnee, der den ganzen Tag über in
dickn Flock«n gefallen, hat das Dörf
chen eingehüllt, daß es wie unter wei
ßer Pelzdecke gebettet liegt. Aus
der an die doppelte Ringmauer und
gothische Kirche grenzenden Schule
tönt schmetternd Posaunen- und Kla
rmettenklang: die Adjuvanten, das
heißt das aus jungen Männern beste«
Adjuvanten bringen dem Pfarrer da?
Weihnachtsständchen.
hende Musikantenchor, üben die Stücke
ein, die sie am Weihnachtsfest in der
Kirche zu spielen haben. Die Musik
„muß man fühlen", „sie muß was
ausgeben", sagt der rechte Bauer, und
daran halten sich die Adjuvanten.
Kraft und Fortissimo, das ist die
Hauptsache, und Nerven kennt kein
Sachsenbauer, weder beim Vergnügen,
noch bei der Arbeit.
Indessen übt der Lehrer mit den
Schulkindern das alt« lateinische
Lied:
„Quem pastörès laudavere
Den die Hirten lobten sehte" u. f. w.,
ein. Die Bauernjungen sind etwas
schwerfällig, und es kostet viel
Schweiß und Mühe, bis das Lied
endlich „wie das Wasser geht" und
sowohl Lehrer als auch Schüler ge
tröst dem Augenblick entgegensehen,
wo es von diesen im Lichterglanz der
Blumenkronen, die sie dann tragen,
in der Frühkirche gesungen werden
soll.
Zunächst muß das fiit die Kronen
nöthige Wintergrün aus dem Walde
geholt werden. Einige Tage vor
Weihnachten sieht man die Jungen
auf braunen Pferden bot die Kirche
reiten, wo sie sich erst alle versam
meln. Dann geht es in sausendem
Galopp den Marktplatz hinaus vis vor
das Pfarrhaus. Hier wird Halt «,e
macht. Dann erschallt aus den jun
en Kehlen ein dreimaliges donnern»
„Vivat, unser Herr Bader soll
lang leben! Vivat, unsere Frau
Mutter soll lang leben!" An einem
der geöffneten Fenster erscheint darauf
der Pfarrer und dankt für den stöh
lichen Gruß der Jugend.
Die Reiter schwenken die Mützen,
die Pferde stampfen ungeduldig den
Boden, und endlich geht es mit Hur
tah tote die wilde Jagd das Dors
hinauf dem Walde zu. Dieser ist
ganz verschneit, und es ist ein Stück
Arbeit, das Wintergrün unter der
Schneedecke hervorzusuchen. Die Fin
ger starren vor Kälte, denn es ist ein
echt siebenbiirgifcher Wintertag, an
dem die Erde gefroren ist wie ein
„Knochen". Bald steckt sich jeder det
Knaben seinen gepflückten grünen
Strauß att die Lammfellmütze, und
nun geht's wieder heimwärts! Im
Dorfe" findet die Ovation bot dem hereinbricht, mischt sich der Lichter
Pfarrhause nochmals statt. Unter- glänz der Wachskerzen zu überaus
dessen sind -die Schulmädchen
auch
ihnen geholte Grün die Reifen, die
Kronen sind fertig geschmückt.
Weihnachten ist da!
Groß Reinmachen in jedem Hause
und Backen von Festtagskuchen,
Hanllich genannt, ist beendet, bald
naht die Stunde, wo die Dorfkinder
den Weihnachtsbaum auf dem Pfarr
hof bewundern dürfen. Denn der
konservative und spatsame Bauern
sinn hat ihn im eigenen Hause noch
nicht eingeführt.
Schon kommt es die Gassen her
unter getrippelt und gestampft, Kinder
in allen Größen eilen zum Pfarr
haus, wo die Küche sie kaum zu fas
sen vermag. Hier warten sie auf den
großen Augenblick. Endlich ist et da!
Die Glocke ertönt, die breiten Flügel
thüren thun sich auf, und hinein
strömt die Kinderschaar, um das
flimmernde Weihnachtsbäurnchen zu
umringen. Athemlos mit großen
Augen starren sie das Wunder an,
und kaum können sie sich sammeln,
um auf des Pfarrers Wunsch ein
Weihnachtslied zu singen oder ein
Sprüchlein zu sagen.
Nun folgt die Bescheerung. Aepfel,
Nüsse und Kuchen wandern iy die
vorgestreckten Hände der Kinder, die
sich dann verabschieden und die Stube
verlassen. Wie sieht diese aber aus!
Von den derben Stiefelchen ist der
mitgebracht« Schnee in der Zimmer
wärme geschmolzen, und nun prangt
auf der blankgescheuerten Diele über
all da ein braunes Tümpelchen, wo
ein solch Bauernstiefel gestanden.
Wenn dieser Anblick der Frau
Pfarrin auch manchen Stoßseufzer
kostet, so sagt sie kein Wort, denn
schön war's doch, solch eine Stube
voll seliger Kinder, aus deren Gesich
tern echte warme Freude lachte, die
soviel Jubel mit nach Hause nehmen
in ihren kleinen dankbaren Herzen.
Gegen zehn Uhr Abends wird es
plötzlich unter den Fenstern des
Pfarrhauses im Hofe lebendig.
Wuchtige Männertritte erklingen,
brennende Laternen tauchen auf: die
Adjuvanten, an der Spitze die beiden
Lehrer, nahen, um dem Pfarrer das
Weihnachtsständchen zu bringen.
Trotzdem es nicht att einigen Dis
harmonien dabei mangelt die
Trompeten schmettern, als ob es
gälte, eine Festung zu erstürmen —,
so liegt über dieser Abendstunde ein
unaussprechlicher Reiz. Etwas echtes
Urkräftiges, etwas Packendes, das
alle Ironie entwaffnet. Denn diese
markigen Germanengestalten, die da
ihr Bestes geben, die sich mit ihren
dunkelblauen Tuchjacken und schwar
zen Lammfellkappen so köstlich von
dem weißen Hintergrund der Schnee
decke abheben, die erregten Kinderge
sichter, die unter flackerndem Later
nenschein mit zitternden Händen die
Noten halten, Frauen und Mädchen
in leuchtenden weißen Kopftüchern
und übet allem die Klänge des schö
nen Liedes: „Stille Nacht, heilige
Nacht", alles zusammen bildet ein ge
sättigtes Ganzes, ein Bild gesunder
Volkskraft und tiefen, warmen Le
bens.
Dies spricht auch auS des Pfarrers
Dankesworten, und nachdem sie ver
Hungen, leert sich der Hof langsam,
toäbrend vom
glocke ertönt Mitternacht ist da!
Mit dem Morgengrauen eilt jeder,
selbst der 80jähttge Greis, zur Früh
kirche, denn heute folleif die Kinder
daS lateinische' Lied singen.
Die Orgel braust in vollen Akkot
den, die Kinder, die Kronen mit den
brennenden Wachslichtern vor sich
tragend, stellen sich vor dem Altar
auf, und der Gesang beginnt. Stolz
schwillt die Brust dieser singendenJu
gend, mit aller Kraft schmettern sie
die Tone in die festliche Kirche hin
ein, und die Alten lauschen mit An
dacht und Rührung.
Mit der Morgendämmerung, die
durch die hohen gothischen Fenster
»schöner Wirkung, und die daraus
kronenar- hervortauchenden mattgelben Kirchen
vrr Vs' 'w ,1 -y i V
Ilgen Holzreifen, die Vater o'ott Bru- pelz« bet Mannet mit ben bunten
der gezimmert, brauchen außer Win- Blumen darauf, die dunklen Frauen
tetgrün noch bunte Papierblumen und
1
Sterne, und eben sind die Mädchen Mädchen, die rothbraunen Wangen,
im großen Schulsaal dabei, diese zu die weißen Greisenköpfe machen das
schneiden und die Wachslichter daran Bild so fesselnd und bringen Farben
zu befestigen. Wirkungen hervor, die man nie vet-
Da sprengen die jungen Reiter her-! gißt.
an, und bald umschlingt das von Mit den? Schlage zehn beginnen
Knaben bringen Wintergrün vor das Pfarrhaus.
mantel und farbigen Bändet der
die Glocken zum Hauptgottesdienst zu
läuten.
Wieder sammelt sich die ganze Ge
meittde um ihren Pfarrer, und auS
manchem Greisenantlitz leuchtet ein
junges Augenpaar und hängt begei
ftert und ergriffen an den Lippen deS
Redners. In harter Arbeit und ein
fachen gefunden Frèuden und Ver
gnügungen, in der herben Luft feinet
waldigen Heimath, der patriarchali
schen, durch uralte Organisationen
geregelten Lebensführung bleibt dem
Sachsenbauern oft bis in's hohe Al
ter hinein ein naives warmes und
kräftiges Empfinden erhalten, und
das zeigt solch ein Kirchenbild.
Nach der Predigt wird von den
Adjuvanten von det Orgel herab daS
sogenannte Diktum, ein aus Solo-,
Chorgefang und Instrumentalmusik
bestehendes Stück, ausgeführt undge
blasen, und das erst giebt dem Got
tesdienst am Weihnachtsfest den rech
ten Abschluß in den Augen der Bau
ern, wenn verwöhnte und feinhörige
Städterohren auch dagegen protest!
ren. „So war's zu Vaters Zeiten,
so soll es auch bleiben ohne Dikwm
keine Weihnachtsfeier!" Noch Schluß
des Gottesdienstes erwarten PreSby
terium und Lehrerschaft den Pfarrer
vor der steinernen, kunstvoll ausgear
beiteten Kirchenthür, um ihm geseg
nete Feiertage zu wünschen. Erst
am Nachmittag des zweiten Feiertag®'
gelangt die Jugend zu Lustbarkeit
Siebenbürtzischer Pfarrer in Amtstracht.
und Vergnügen. Die Pfarrküche hat
nach altem Brauch zum Dank für
das Weihnachtsständchen einen
Klotsch, auch ein beliebtes National
gebäck, und eine Kanne Wein gespen
det, und in der Schule findet
Schmaus und Tanz der Burschen
und Mädchen statt. Der schwarz
lockige Zigeuner spielt seinen Ländler
und Polka, und die Pärchen schwin
gen sich bis in den Morgen hinein.
Der Eindruck eines solchen Bauern
tanzes im Haferlande ist eigenartig.
Denn auch hier herrscht nicht die
Willkür jedes einzelnen es giebt be
stimmte Formen, die z. B. vorschrei
ben, daß die Paare stets nacheinan
der im Kreise tanzen und in
gleichem Tempo. Wenn der But
sche, der wohl seinen Schatz im
Arme hat, gar zu vergnügt ist unb
die Lebensfreude in ihm rumort, löst
er den breiten Ledergürtel und schleu
dert ihn in die Ecke, die Mädchen
lockern die weißen Kopftücher, und
det Tanz gewinnt ein ungebundene
teS Aussehen wie ansang?..
für tai

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