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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, February 03, 1910, Image 2

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1 1 1 1 1 1 I '-I-l
Aus Rußland.
Spezial-Äorrcspondenz.
Kandel, (Gouv. Cherson)
den 15. (28.) Dezember.
Es freut mich ungemein, das Herr
Ludwig Stroh aus Kandel ein so
flciunter Siorreipoiibcut des hierorts
so beliebten Blattes ist. Ich mus
bestätigen, das die seither von ihm
gebrachten Nachrichten ans Wahrheit
beruhen, und das er stets bemüht ist,
dem Fortschritt im Guten zu huldi
gen. In Nr. 19 des Staats-Anzei
ger aber durfte ich mich überzeu
gen, das er in wirthschaftlicher Be
ziehung einen grufte» Bock geschossen
hat Er lanieiltirt in seinen: Be
richte das die Theilung der Vieh
weide unter den Landwirthen schwe
re Folgen haben wird.
Es ist aber geradezu lächerlich,
von einer Viehweide im wahren
Sinne des Wortes zu sprechen. Wir
haben in unserer Kolonie noch etwa
800 Tessjatin Land, welches als
Viehweide dienen soll. Aus demsel
ben nnichft gewöhnlich so viel Gras,
daß kaum ein Stallhäschen sich sät
tigen kann. Wenn ein Sichter diese
Viehweide zu Gesicht bekäme, wäre
er sicher stark versucht, sie in minde
stens vierund,zwanzig netten zu
besingen. Ten Winter über werden
unsere Kühe mit sturrigem Stroh
hall gesättigt im Sommer, wo auch
das Stroh zur Neige geht, erholen
sich die Kühe aus unserer „Vieh
weide" so sehr, das sie ein mit einer
totimeit Haut überzogenes Knochen
gerippe darstellen. T^as ist eine Be
hauptung, die jeder einsichtsvolle,
unparteiische Landwirth unterschrei
ben wird.
Ein guter und heilsamer Gedanke
wäre es, wenn unsere Bauern ein
mal auf die Idee kämen, jedem sei
neu Landantheil auf einem Platze
zuzumessen. Dann könnte jeder
Wirth sein Land für verschiedene
Saaten wechseln, könnte Futterkräu
ter säen, könnte es düngen, brachen,
könnte den Sommer über mit seinem
ganzen Viehbestande auf seinem
Lande wohnen, und dabei brauchte
er weniger Vieh, Futter und Zeit
und, meinetwegen, auch Verstand.
Wenn wir so weiter wirthschaften
wie zu jener Zeit wo der Großvater
die Großmutter nahm, so werden
wir Kolonisten hier im hl. Rußland
nie ans einen grünen Zweig kom
men. Wir Bauern sind stolz, wenn
wir sagen können: „Mir hen 10
Küh." Wenn man sie aber fragt:
„Wie vielNutze hen ihr von eirc
Küh?" dann lassen sie den Kops
hängen, sich wohl beimißt, das die
Milch kaum ausreicht eine Familie
von sechs bis sieben Gliedern zu un
ter halten. Manche verkaufen die
selbe dem Iankel, und weil's zu
wenig Milch giebt, mus Wasser die
Menge ersetzen. Wäre es da nicht
viel gescheidter, zwei oder drei Kiihe
zu halten, dieselben zu pflegen und
zu füttern, wie es sich gehört? Fort
also mit der alten Lotterwirthschast!
Ahmen wir lieber den Landwirthen
in mehr civilisirten und sortgeschrit
tenen Staaten nach, dann werden
wir auch in den Stand gesetzt, unsere
„Krumbeerschiiitz und Knepp" mit
Butter, statt mit Wasser zu schmel
zeit. —Gregor.
Am 14. ds. Mts. wurde in Kan
del ein Fest gefeiert, wie es sich
kaum in einem halben Jahrhundert
wiederholt, nämlich ein Schulweih
fest. (Wurde bereits in Kürze in vo
riger Nummer von Herrn Stroh be
richtet.—Ned. Staats-Anzeiger) Die
Gemeinde wählte im Frühjahr eine
Bankoinmission, unter deren be
währter Leitung ein Schul hau* auf
geführt wurde, welches alle anderen
in unserer großen Diözese an Schön
heit, Größe und praktischer Einrich
tung übertrifft. Das Merkwürdig
ste ân demselben ist die Warmwasser
Heizung, welche uns Banern bis dato
ganz unbekannt war. Die Baukom
mission bestand aus folgenden Her
ren Ortspfarrer I. Albert, A. Eh
resmaiin, M. Kremer, Ioh. Mar
quardt und M. Bigo. Letzterer
wurde leider fahnenflüchtig. Das
Warum ist wohl offenes Geheimniß.
Die Weihe wurde persönlich von un
serem Herrn Pfarrer vorgenommen,
woraus eilte kurze, aber durchaus
schöne uud erbauungsvolle Rede
vom Herrn Dekan Dobrafolzki
folgte. Prozessionsweise begab sich
die Menschenmenge zur Kirche, um
der vorzüglichen Predigt, von P.
Böchler gehalten, und dem Leviten
amte beizuwohnen. Hierauf fand
ein Mittagessen statt, an dem sich ge
gen 120 Personen betheiligten.
Während des Mahles wurden nicht
weniger als dreißig Reden gehalten,
welche unserem Kaiser, Papste, Bi
fchose, Pfarrer, Gemeinde und ande
ren geehrten Gästen in schmeichel
hafter Weise gewidmet waren.
'Möge unsere Schule, welche uns
so mailchen Tropfen Schweißes ge
testet hat, wirklich eine Anstalt für
unsere lieben Kleinen seilt, in der
nicht nur gelehrt, gelernt, sondern
auch erzogen wird.
Gratuliere zu den hohen Feierta
gen! Aus Neujahr erlaube ich mir,
auf das Wohl des Herrn Redakteurs
und auf das aller Leser dieses Blat
tes, eins zu trinken. —Kaspar.
Spezial-Korrespondenz.
W o k o f, (Gouv. Cherson)
den 10. (23.) Dezember.
Bis jetzt, den 10. Dezember, sind
die Tage mehr warm als kalt. Die
Spätjahrssaat wurde dieses Jahr
etwas später untergepflügt als ge
wöhnlich. Das kam von den vielen
Regenfällen. Trotzdem müssen wir
Gott danken, denn unsere Acker bil
den eine wahre Augenweide, denn
die Saaten stehen gut und erscheinen
in saftigem Grüu. Nebel und Duft
bringt viel Frucht, sagt eine alte
Bauernregel. Nun, wenn die zu
trifft, dann haben wir kommendes
Jahr eine gnte Ernte zu erhoffen.
Grüße an alle Leser und Be
kannte. Wünsche allen viel Glück
zur bevorstehenden Jahreswende.
o s e a n n a e
Vermischte Nachrichten.
[Bu8 der Deutschen Rundschau für den StaatS-Auzei
ger zusammengestellt.1
a n a u A A e n e s 9
Dezember hat ein Agronom Vorle
simgeu über die Landwirthschaft ge
halten. Wider Erwarten haben sich
mehr eingefunden, als man glaubte,
obgleich unsere Leute nicht glauben
wollten, daß sie in der Landwirth
schaft eines Rathes bedürfen. Und
doch ist es Thatsache daß unsere Lan
daner gerade hierin sehr tief stehen.
Hätten nicht vor einigen Jahren er
sah rate Mänenr mit ihrer ganzen
Energie daraus gedrungen, daß der
Viehweidewechsel durchgeführt wur
de, so ständen wir heute am Rande
des Bankrotts, unser Hab und Gut
hätte der Jude oder ein anderer
Wucherer an sich gerissen.
Der Agronom führte ans, wie
man Schwarzbrache zu bearbeiten
hat, welchen Nutzen sie bringt usw.
ES ist das zwar nichts Neues ha
ben wir doch im vergangenen Win
ter manches davon gehört, doch Nach
ahmer finden sich wenig, obwohl ei
»ige mit gutem Resultate Proben
gemacht haben. Haben sie doch ge
gen 1()0 Pnd von der Dessjatine ge
erntet. Es wäre gut, die Landauer
würden sich von ihrer Viehweide, die
ihnen doch keinen Nutzen bringt,
ausackern und dasür einen Theil mit
Schwarzbrache bearbeiten. Sie wür
deu damt eiueu weit größeren Nu
tzen davon haben, als für einen Ru
bel das Stück Vieh hungern zu las
sen, denn nur auf solche Art können
mir unseren Wohlstand heben das
Vieh muß auch so das ganze Jahr
gefüttert werden.—Ein Landauer.
a i e n et I, Gouv. Sama
ra. Es ist bereits der 2. Dezember
und noch immer gelindes Wetter
gestern regnete es fein und gab
Glatteis, ant Abend regnete es stär
ker, in der Nacht fiel etwas Schnee
bei 2 Grad Knlti'.
o o n e e n 1 3 e z e
ber 1909. Am 1. d. M. fand bei
uns in Prifchib eine Wolostver
sammlung statt, welcher auch der
neue Landvogt Herr Baron von der
Palen beiwohnte. Der Herr Land
vogt wünschte die Kolonie Prifchib,
d. h. das Gebietsamt mit Michai
lowka, (wo seine Kanzlei sich befin
det), Wafiljemi), Timofchewka, Ter
penje, Melitopol, Alerondrowsk
usw. bis Charkow mit einem Tele
Phon zu verbinden, wozu, wie der
Laudvogt meinte, nicht mehr as*
1500 Rbl. seitens des Prischiber
Gebietes nöthig sein werden.
Trotzdem der Landvogt sich sehr be
mühte, solches zustande zu bringen,
gelang es ihm für diesmal nicht. Er
mußte es auf schieben zur nächsten
Versammlung. Die Verbindung
Prischib mit Michailowka durch ein
Telephon wäre nicht so nöthig es
würde genügen, jede Kolonie mit
ihrem Gebietsamt zu verbinden.
Sollte daher noch einmal darüber
verhandelt werden, so möge man den
Landvogt bitten, er möge vorläufig
dieses ins Auge fassen. Ter Nutzen,
den jeder Molotschnaer Bauer von
dieser Einrichtung hätte, ist erficht
lief). Möge es uns gelingen, das
Projekt zu verwirklichen! Fritz.
E i e n w a i i o e
Kreis, den 15. Dezember 1909.
Hier wurden in der Nacht auf den 2.
Dezember dent Michael Schäfer 5
Pferde gestohlen. Die Diebe bra
chen eine Thüre auf und zur ande
ren durch die Scheuer führten sie
die Pferde heraus. Ter Knecht
schlief im Stall und hat nichts ge
hört.
Tie Pferde sind folgende: ein
schwarzer Hengst, 3 Jahre alt, ein
schwarzer Wallach, 5 Jahre alt, eine
Schiinmelstnte, 9 Jahre alt, bei der
die Spitze des linken Ohres abge
schnitten ist, und noch eine Schimmel
mite 5 Jahre alt. Alle Pferde ha
ben ein Brandzeichen.
A u s S u z, (Kreis Odessa)
wird uns über den in voriger Num
mer bereits mitgetheilten Todtschlag
geschrieben: Vor drei Iahren kam
nach Sulz ein junger Bursche von
ungefähr 18 Iahren mit Namen
Jos. Afchberger. Tie Verwaltung
des hiesigen Konsumladens miethete
denselben als Ladendiener an und
weil er sich als fleißig und geschickt
in dieser Stellung erwies, zahlte
nietn ihm auch einen hübschen Lohn
nämlich 400 Rubel aufs Jahr.
Schon im zweiten Jahre seines Hier
seins war er mit ganz Sulz bekannt,
und da er vom hübschen Aeutzeren
war, hatte er besonders Erfolg bei
den Sulzer ledigen Töchtern Evas.
Unter anderen machte er die Be
kanntschaft mit der Tochter des F.
H., die sich bis über die Ohren in
den jungen Burscheu verliebte. Doch
die Eltern wollten ihre Zustimmung
zu einer Verehelichung nicht geben,
weil Aschberger arm war. Am
Abend des 21. November verschwand
die Tochter des F. H. aus dem
Hause. Vater uud Sohn gingen
nun herum, dieselbe zu suchen. In
derselben Zeit begegnete Afchberger,
wie er behautete, zwei Männern auf
der Straße, die ihm eine Tracht
Prügel ertheilten, wobei sie ihm acht
Löcher in den Kopf schlugen. Am
anderen Tage brachte man denselben
nach Landau ius Spital, aber auf
Verlangen des schwer Verwundeten
überführte man ihn wieder nach
Sulz. Am 4. Tage wurde er aber
immer schwächer und verlangte nach
dem Priester. Er empfing mit ficht
barer Reue die hl. Sterbefakra
incnte. Abermals wurde er nach
Landau gebracht, wo er am 10. De
zember in die Ewigkeit verschied.
An demselben Tage starb im Lan
dauer Spital noch ein Bursche aus
Katharinenthal, er ebenfalls den
Folgen einer erhaltenen Tracht Prü
gel erlegen ist. Letzterer soll in Ka
tharinenthal der Schrecken der Ein
wohner gewesen sein. Möge er in
Gott eilten gnädigen Richter gefun
den haben. Sehet, liebe Mitbürger,
besonders ihr Familienväter und
Familienmütter, das sind so recht
die Folgen von unerlaubten Lieb
schaften, auch in unseren deutschen
scheu Dörfer» zu sehr überhand ge
nommen haben.
et 16 tt c, (Kreis Odessa)
Im letzten Sommer beschloß unsere
Gemeinde, sich an die Seinstwo zu
wenden, um eine Postabtheilung in
unserm Dorfe herstellen zu dürfen.
Die Seinstwo erlaubte es und über
gab die Geschäftsführung unserm
Dorfschreiber.
Heute, am 15. Dezember, sandte
die Seinstwo schon die Geschäftsbü
cher, fowie den Briefkasten, Brief
sack u. dgl.
Man kann sich nur freuen über
eilten solchen Fortschritt in unserer
Kolonie. Denn wir haben jetzt den
regelmäßigen Postverkehr—wöchent
lich 2 Mal—auch alle eingeschriebene
Sachen, wie Briefe, Patfete it. dgl.
sowie Geldsendungen können beför
dert werden.
Einen besonderen Vortheil bietet
dies für das hiesige Progymnasium,
welches, wie bekannt, sehr viel mit
der Post zu thun hat. Auch von
großem Werth ist es für unsere Ge
meindebnde. Wie oft mußte man
in größter Noth bei schlechtem Wege
zur Laudauer Post fahren. Alles
das brauchen wir jetzt nicht mehr,
da wir ja alles bei uns haben kön
licit. Könnte man dies nicht auch in
unfern andern Beresaner. Kolonien
machen? —di.
S e a s i a n e o u v e
son. Am 16. Dez. 1909. Am 12.
Dezember tagte eine Generalver
sammlung des hiesigen Konsumver
eins „Allianz." Auf dieser Ver
sammlung wurden die nöthigen Vor
standsmitglieder gewählt und die
Iahresrcchituitg für das dritte Ge
schäftsjahr vorgelegt und bestätigt.
Nach dieser Rechnung hatte unser
Verein einen Umsatz von 18,157
Rbl. Gewinn 2,588 Rbl. 56 K. Aus
gaben 1,794 Rbl. 19 Kop. uud einen
Reingewinn von 794 R. 37. K.
Dieser Reingewinn wurde von
der Versammlung vertheilt, wie
folgt:
333 Rbl. 18 K. zum Vorrathska
pital beigezählt, 9 Proz. als Ge
winnantheil, was 155 Rbl. 81 Kop.
ausmacht und 4 Proz. Einkaufsdivi
dende, was 305 R. 38 K. ausmacht.
Geschichte der deutschen An
ftedler an der Wolga
Seit ihrer
Einwanderung nach
zur
Rußland
bis
Einführung der allgemeinen
Wehrpflicht (1766-1874)
Wie Geschichte der deutschen An
siedler an der Wolga ist nach ge
schichtlichen Quellen und müudlicheu
Ueberlieferungen von obengenann
tent Author bearbeitet worden, des
sen Vater die Geschichte in den
Iahren 1885—1888 bereits nieder
schrieb. Das Werk wird jedenfalls
von allen Lesern mit Interesse ge
lesen werden, denn es bietet eine
Menge werthvollen historischen
Stoffes, ist aber so umfangreich, daß
wir es iit Fortsetzungen, von Woche
zu Woche, zum Abdruck bringen müs
sen.—Red. Staats-Anzeiger.)
Erstes Kapitel.
Noch in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts war die russische
Regierung mit den Ländereien an
den Ufern der Wolga in den heutigen
Gouvernements Saratow, Samara
und Astrachan fast gänzlich mibe
sannt. Die wenigen Versuche, Bo
denbeschaffenheit, klimatische und an
dere die Landwirthschaft betreffenden
Verhältnisse dieser Ländereien zu
ermitteln, lieferten ebenso dürftige
Resultate als die Bemühungen, in
den Besitz richtiger Pläne dieses
Territoriums zu gelangen. Diese
Gegend stellt damals noch, bei ei
nem äußerst rauhen Klima, eilte
vollständige Wildniß dar, wo in un
wirthbaren Wäldern Bären, Luchse,
Wölfe und andere Raubthiere jeden
Aufenthalt gefährdeten.
Ferner machten einerseits die an
der Wolga und in den angrenzenden
Steppen, vorzüglich auf der linken
Seite des Stromes hausenden wil
den Nomadenstämme: Kirgisen,
Baschkiren, Kalmücken uud andere,
welche gewohnt waren, sich als die
Herren dieses Landes zu betrachten,
jede Niederlassung russischer Bauern
unmöglich, sodas diese letzteren von
den Zeiten der Zaren uud der Kai
serin Elisabeth bis zum Anfange des
19. Jahrhunderts es vorzogen sich
im Süden oder Südwesten Ruß
lauds niederzulassen. Andererseits
bildeten sich nach dem Vorbilde
des Räubers Steufet Rasitt, der ein
Jahrhundert früher, namentlich auf
der Wolga, fein großartiges Raub
ijcfchäft entfaltete, auf dem mächti
gen Strome bewaffnete Räuberban
den, die bisweilen mehr als 100
Mann zählten, im Besitze von Scha
luppen und Kanonen waren und so
wohl den Handel, als auch über-'
Haupt die Entwickelung aller Ge
schäfte und jeden Verkehrs verhin
derten.
Diese fast unüberwindlichen Hin
dernisse machen es denn auch be
greiflich, daß bis zur Einwanderung
ausländischer Ansiedler fast gar
keine russische Bevölkerung in dem
heutigen Saratow'schen Gouverne
incut, und auch nur fast ausschließ
lich auf dem rechten Ufer und in sehr
vereinzelten Niederlassungen anzu
treffen war. Sie bestand aus söge
nannten Staroobradzy (Altgläubi
gen), welche nach den damaligen Ge
setzen Rußlands um ihres Glaubens
willen in diese Wildniß verwiesen
worden waren und sich hin und wie
der, größtenteils in Schluchten, un
mittelbar am Wolgaufer oder an
den Nebenflüssen dieses Stromes
und des Don niedergelassen hatten.
Allein auch diese unglücklichen
Wesen mußten, wie die Alten der
Kolonisten noch erzählen, ihr trauri
ges Dasein dadurch zu erhalten su
cheit, daß sie ihre Vorräthe an Klei
dungsstücken und Nahrungsmitteln
entfernt von ihren Wohnungen in
Höhlen verbargen, während die
Sorge um Erhaltung ihres wenigen
Arbeits- und Nutzviehs stets ihre ge
meinsamen und größten Anstren
gungen in Anspruch nahm. Selten
nur seien ihnen kleine Geschwader
von Militär, gewöhnlich bei Verfol
gung entlaufener Verbrecher, zu
Hilfe gekommen. Zwar hätten sich
die Räuber infolge der Streifzüge
solcher Eskadronen eine Zeitlang in
respektvoller Entfernung gehalten,
aber durch die Anwesenheit der letz
teren sei ihnen fast nicht weniger
Schaden zugefügt worden, als durch
die Ueberfälle der Räuber selbst.
Kein Wunder also, daß selbst die
russische Regierung bei solchen Ver
hältnissen eine Bevölkerung der
Wolgagegend auf dem betretenen
Wege für unmöglich hielt und zu
der Erkenntniß kam, „daß ein Er
folg dieser Sache nur durch Grün
dung von Kolonien ausländischer
Ansiedler und zwar nicht auf's Ge
radewohl, sondern mit definitiver
und vorausbestimmter Absicht zu er
zielen sei das also vor allem ein
System festgesetzt werden müsse, wel
ches auf gründlicher Bekanntschaft
mit den Zuständen und Bedingnn
gen des zu besiedelnden Landes be
ruhe.
Aus dem soeben Gesagten geht
unzweideutig hervor, daß es nicht
„ausschließliche" Absicht der russi
schen Regierung war, ausländische
Einwanderer als Musterbauern zur
Ansiedelung an die Wolga zu beru
fen, sondern daß dies zunächst nur
in der Absicht geschah, den Boden
urbar zu machen, und demselben
zum Besten der Krone seinen Nutzen
abzugewinnen, was auch schon der
Umstand beweist, daß man bei der
Annahme von Einwanderern, wie
wir später sehen werden, durchaus
nicht wählerisch war, und keineswegs
nur tüchtige, zuverlässige Leute an
nahm.
Um das gesteckte Ziel zu erreichen,
ergriff die Regierung, ohne Ausla
gen zu scheuen, entschiedene Maßre
gellt zur gründlichen Untersuchung
der Bodenbeschaffenheit an der Wol
ga und zur Aufnahme richtiger Kar
ten dieses Territoriums. Das Er
gebniß dieses Unternehmens ent
schied für einen Return zur Ansiede
lung und zwar aus dem linken User,
oder der Wiesenseite der Wolga,
etwa 200 Werst, von welcher Linie
Kosakenstadt (Pokrowskaja Slo
bpda) die Mitte bildet, und etwa 100
Werst unterhalb Saratow, auf dem
rechten Ufer oder der Bergseite, mit
einer Ausdehnung nach Westen bis
ön den Fluß Medwjeditza. Ungefähr
40 Werst oberhalb Saratow wurde
noch ein kleiner Raum für eine
Gruppe von Niederlassungen be
stimmt, auf welchem in der Folge
drei Kolonien gegründet wurden.
Nach solchen Vorbereitungen er=v
Iiife die Kaiserin Katharina die
Z veite am 4. Dezember 1762 ein
Manifest, durch welches sie alle in
Europa zur Auswanderung geneig
ten—mit Ausnahme der Juden—
aufforderte, sich in den nenerworbe
lten Steppenländereien Rußlands
nach Belieben niederzulassen.
Allein diese Aufforderung Blieb
ohne Erfolg. Doch konnte diese Er
folglosigkeit keineswegs dem Um
stände zugeschrieben werden, „daß
man in Europa Rußland nur als
eilten Aufenthalt von Barbaren be
trachtete," wie einige behaupten
wollen, sondern sie sand ihren
Grund vorzüglich darin, daß den
Einwanderern keinerlei Rechte und
bürgerliche Lebensbedingungen in be
stimmten Formen durch dieses Mani
fest zugesichert worden waren.
Zweites Kapitel.
Der blutige siebenjährige Krieg
(1756—1763,), welcher über 800,
000 Soldaten um nichts und wieder
nichts das Leben gekostet, und die
Volker Europas in ein namenloses
Elend gestürzt hatte, kam am 15.
Februar 1763 durch den Frieden zu
Hubertusberg in Sachsen zu Ende.
An Armen und Unglücklichen jeder
Art, die durch Auswanderung nichts
zu verlieren, möglicherweise aber zu
gewinnen hatten, war also kein
Mangel und das Manifest Katha
rittet der Zweiten hätte zu keiner ge
tegencren Zeit kommen können.
A. Claus behauptet zwar in sei
nem Buche „Unsere Kolonisten"
ganz irrtümlicherweise, daß eine
ungeheuere Mehrzahl der Einwan
derer aus moralisch lockerem Gesin
del bestanden habe, und der Ab
schaum Deutschlands gewesen sei.
Jedoch, sollte man wohl glauben
daß Claus die Vorfahren der Kolo
nisten zu schmähen versucht, denn er
mus mindestens zugeben, daß er nicht
die geringste Vorstellung von der
Zerrüttung besitzt, in welcher die
Völker aller Staaten Europas nach
Beendigung des schrecklichen Sieben
jährigen Krieges schmachteten, und
daß er keinen Begriff hat von den
viclgcstetltctcii, traurigen Schicksalen
und erdrückenden Unfällen, in welche
cm solches Völkernnglück alle ohne
Ausnahme, den Neichen wie den Ar
men, den Gelehrten und Humanen,
wie den Unwissenden und Lasterhaf
ten hineinzieht. Wen hat Mars nicht
schon unglücklich gemacht, und nicht
nur an den Bettel- und Wanderstab,
sondern um Krone und Szepter, ja
sogar in Gefangenschaft oder auf's
Schaffst gebracht? Allein A. Claus
scheint anzunehmen, daß durch einen
siebenjährigen Kontinentalkrieg nur
das „Gesindel einer Nation" un
glücklich gemacht werde.
Thatsache aber ist und bleibt, das
sich einzelne Personen, wie auch
ganze Familien ans den verschieden
sten Gegenden Deutschlands, sowie
auch aus Dänemark, Schweden, den
Niederlanden, Holland, England,
Frankreich, der Schweiz und Italien
im fernen Osten ansiedelten. Es ist
aber immerhin wahr, daß die ersten
Ansiedler aus allen möglichen
Schichten der Gesellschaft stammten,
unter welchen man Handwerker aller
Art, Militärpersonen, Kaufleute,
Künstler, Gelehrte und Standesper
sotten—sogar einen Grafen Dönhoff
aus Berlin—finden konnte, die ir
gend ein Beweggrund veranlaßte,
ihre Heimath zu verlassen und der
huldreichen Einladung nach Ruß
land zu folgen. Dabei würde man
sich natürlich der Parteilichkeit
schuldig machen, wollte man behaup
ten, daß sich unter diesem Allerlei
von Menschen nicht einer befand,
dessen Vergangenheit es ihm wün
schenswert erscheinen ließ, sich den
Augen feiner Landsleute durch die
Auswanderung nach Rußland zu
entziehen.
Nur der bei weitem kleinere Theil
bestand aus eigentlichen Ackerbau
ern, welche in der neuen Heimath die
Stelle der Lehrmeister vertreten
mußten. Wohl wird man auch zu
geben müssen, daß die Mehrzahl der
Einwanderer arm und viele sogar
gänzlich mittellos waren, doch sind
auch Beispiele vorhanden, daß man
che derselben bei ihrer Ankunft in
Rußland über namhafte Kapitalien
verfügten, andere aber in der Folge
noch bedeutende Erbschaften aus der
Heimath erhielten.
Das Manifest vom 22. Juli 1763
wurde drei Jahre lang nacheinander
in den westlichen Staaten Europas
bekannt gemacht. Zur Annahme und
Beförderung der Einwanderer wa
ren besondere Beamten (Kommis
säre) von der russischen Regierung
beauftragt worden. Als nächster
Sammelplatz war Roslau an der
Elbe bestimmt.
Am 8. April 1766 endlich trafen
die ersten Auswanderer in dieser
Stadt ein. Von hier wurden sie
nach der Seestadt Lübeck gebracht,
wo sie bis zum Pfingstseste verweil
ten. Die Wohlhabenderen miethe
ten sich bei den Bürgern dieser Stadt
ein, während die Aermeren in be
sonders für sie hergerichteten Barak
ken untergebracht wurden. Alles
geschah nach der Anordnung selbst
gewählter Vorsteher, welche auch die
von der russischen Regierung durch
Kommissäre verabfolgtön Tagegel
der und Vorräthe an Zwieback,
Schweinefleisch,. Wein, Branntwein
und dergleichen für ihre Leute in
Empfang nahmen und austheilten.
Am 23. Mai verließ ein Theil der
Auswanderer auf großen Seefchif
fett den Hafen von Lübeck und lief
nach einer glücklichen Fahrt von
neun Tagen auf der Ostseite in den
Hofen von Kronstadt, unweit St.
Petersburg, ein.
Eine andere Partei war nicht so
glücklich und erreichte erst nach einet
fast dreimonatlichen, sehr beschwert!«
chert und gefahrvollen Fahrt, auf
welcher sogar ein Schiff auf der Oft
see verunglückte, die Gestade Ruß»
lands. Sämmtliche Auswanderer
jedoch wurden gerettet.
Unbeschreiblich soll das Elend ge
wesen sein, welches dieser Transport
der Auswanderer auf der langen
und ungünstigen Fahrt zu bestehen
hatte, da alle erkrankten und viele
infolge fast gänzlichen Mangels an
Medikamenten und ärztlicher Hülfe
auf der See starben, sodaß deren
Leichen den Wellen übergeben wer
den mußten. Auf ihrer weiteren
Wanderung gelangten die Fremd
linge nach der heutigen Kreisstadt
des St. Petersburger Gouverne
ntents Oranieubaum am Finnischen
Meerbusen, wo damals die Kaiserin
Ketthofiitet die Zweite auf ihrem
Lustschlosse weilte. Sie empfing die
Einwanderer mit großer Huld uttb
versicherte sie ihres Schutzes, ihrer
steten Fürsorge und Gewogenheit.
In Oranienbaum soll sich auch
der bereits genannte und schon frü
her nach Rußland gegangene Graf
Dönhoff den Ansiedlern angeschlos
sen haben. Dönhoff war lange Zeit
der einzige Kolonist, welcher die ruf»
fische Sprache einigermaßen ver
stand.
Von Oranienbaum aus begaben
sich die Einwanderer, in drei Par
tljien getheilt, auf die Reife nach
Saratow, dem Orte ihrer Bestim
mung. Einer dieser Züge wählte
den direkten Weg über Nowgorod,
Twer, Moskau, Rjäsan und Pensa
bis in die Kreishauptstadt Petrowsk,
wo sie sich auf den Winter eiitquar«
tirten. Der andere Zug wählte die
Wasserstraße auf der Newa, dem La
éwgasee und den Nebenflüssen der
Wolga. Viele derselben überwin
terten jedoch schon in Torschock und
Twer, andere kamen auf Barken
nach Kostroma. Der dritte Zug end
lich überwinterte in Kolontita und
fuhr dann im Frühjahr auf der Oktz
und Wolga nach Saratow.
(Fortsetzung folgt.)
Sendet Verwandten oder Freunde«
im alten Baterlande den Staats-An
zeiger auf ein Jahr. Der Preis des
Blattes in's Ausland beträgt nur 82.00
jährlich, ganz abgesehen von der hüb
scheu Prämie, welche wir verschenken
und der Freude, welche dadurch Ber
wandten und Freunden bereitet wird.
Achtung, Farmer!
Wer Gebäude, Pferde und Vieh
gegen Feuer und Blitzschlag versich
ern will, wende sich an die Farmer
Vers. Gesellschaft, Georg Mitzel,
Agent, Berwick N. D. Versicherung
nur $1 für $1,000. (5-ba)
Ehe die Welt untergeht
unb ehe ihr vielleicht Schwindlern in die Hände fallet,
kommt zu mir. Ich bediene euch reell und prompt.
Verleihe Geld auf Farmbesitz zu 8 Prozent bei leichter
Rückzahlung. Kaufe und verkaufe gutes Land. Co!»
lettire Gelder, fertige gesetzliche Dokumente aus wie
Noten, Contrakte Bürgerpapiere, Testamente, Hei
rathSscheine, usw.. und schreibe Lebens- und Feuerver
sicherung. Religiöse Artikel, wie Bilder, Bucher, 9to*
seukränze, Kerzen. Leuchter, Weihwasserkessel. Statue»
Scapuliere und Medaillen, stets an Hand. Gleichfalls
deutsche und englische Gebet- u. Erbauungsbücher und
neue Kalender. Photographien und Bilder billigst
eingerahmt. Auch leihe ich die schönsten Geschichte«»
Mager aus zum Lesen für die langen Winterabende.
Postamt am Platze. Nur eine Meile südlich der Kirche.
Besucht mich. Ich kann alle Geschäfte besorge». Nehme
Bestellung und Zahlung entgegen für in- und auslän
dische Zeitungen, namentlich der deutschen. Bezahlt
diese bei mir und nehmt Prämien und Postkarten ei*
Geschenk in Empfang.
^"Briefliche Anfragen prompt beantwortet.
Seraphim Schönacker,
(20) Pa»cal, Task., «anatz»
verkaufen euch billig und gut
Wrenn-'
flftaterial
Wir haben die Holz- und Kohlen
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