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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, February 03, 1910, Image 9

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Wie mir oergtfa...
(4. Zor:ietzung.)
i „Gute Nacht, Heini, Onkel wird
jü sich diese Aufträge gut merken, aber
I erst mußt du die Weintrauben ver
wunden haben, ehe es etwaS anderes
,i gibt. Und nun schlaf' süß. mein lie-
Bei Bub'."
.Gute Nacht. Frau Schwägeria.
Aus Ihrer düsteren Miene lese ich
eine bittere Lehre heraus: Trauben,
die zu hoch hängen, um sie mit dec
5 Hand erreichen zu können, soll man
tt' auch nicht mit der Leiter holen.
Absr ich kann Ihnen nicht zustim
mm, denn die Tauben, die da oben
tat goldigen Sonnenschein reifen,
find gerade die herrlichsten, und un
sie erobern zu könne.:, muß man
alles wagen im allerschlimmsten
1 ftes! selbst einen Sturz von der Lei
ter."
1 „Ich verstehe Sie nicht, Herr vor.
Drenxnsberg."
[, ..Das sollen Sie auch gar nicht!
Leben Sie wohl." Sie konnte ihm
nicht wieder die Hand verweigern,
aber als er ehrerbietig einen Kuß da
I rauf drücken wollte, entzog sie sie ihm
i MlAllllg.
4. Kapitel.
Anita verbrachte eine schlaflose
Nacht. Sie saß am Bett des ichwach
fiebernden Kindts, das sich unruhig
hin und her warf, und lauschte aus
sein Athmen.
Genau so war es gewesen, als Am
to fast besinnungslos vor Angst
am Sterbebett des Gatte: saß.
Genau so einförmig hastig hatte die
Uhr getickt, genau so unbarmherzig
waren ihre Zeiger vorgerückt bis zu
dem Augenblick, da sich ein schwarzer,
gähnender Abgrund vor dem jungen
Weibe aufthat, bereit, es zu empsan
gen. Und Anita wäre hinabgestürzt,
wenn nicht zwei kleine, weiche Hände
sich klammernd an sie geheftet, wenn
nicht die alten des erprobten Freun
des sie gestüht und getragen hätten,
bis sie Schritt für Schritt den festen
Grund unter den Füßen zurückgewon
nen hatte.
Wieder hielt sie eine Krankenwache,
aber keine so qualvoll traurige, denn
der kleine Patient, der mit seinen
rothen Pausbäckchen wie das Urbild
der Gesundheit in den weißen Kissen
lag, würde am andern Morgen naä»
einem tüchtigen Schlaf frisch und
fröhlich wieder erwachen. Kein Ab
arund dehnte sich vor ihr aus und
doch, sie konnte das grauenvolle Bild
jener Todesnacht nicht los werden
und nicht die quälende Angst vor ei
nem neuen, sich ihr nahender Schreck
niß bannen.
„Ich bin gekommen, um deinem
Kinde um jeden Preis zu rauben,
was ihm gehört", harte jener Mann
gesagt, und im nächsten Augenblick
ebenso rückhaltlos eingestanden, bag
er darauf ausgehe, die Liebe seines
kleinen Neffen zu gewinnen. Was
bedeutete dieser Widerspruch? Was
tonnte ihm die Liebe eines Kindeö
sein, das ihn hassen lernen mußte, so«
bald es selbständig zu denken ver
mochte? Aber wenn man es nun
daran hinderte, selbständig denken zu
lernen? Gott Gott! wohin ge
rieth sie! Sah Eberhardt von
Drewensberg aus, als ob er einer
solchen Schändlichkeit fähig wäre?
Wie konnte das Ebenbild des ver
storbenen Gatten so lügen? Und
doch, er log, er mußte lügen, entweder
ihr und dem Kinde oder seinen El
tern.
„Onkel Eberhardt lieber Onkel",
lallte Heini im Traum. „Da. da
hast du auch ein Schäfchen, ich
schenke eS dir.-
Anita schlang die Hände ineinan
ber, daß sie schmerzten. Seitdem sie
dm Bruder ihres verstorbenen Man
«eS zum erstenmal gesehen hatte, ging
er neben ihr einher wie ein Schatten.
Er drängte sich zwischen sie und daS
Kind er blickte neben dem Gatten
aus dem Rahmen des Bildes auf ffe
herab mit den theuren Augen des
Verstorbenen er nahm alle ihre Ge
danken in Beschlag. Sie ängstigte sich
vor ihm und sie haßte ihn zu gleicher
Zeit.
JSktoiß, es kommt nur daher, daß
ich eifersüchtig bin auf Heinis Liebe",
sagte sie sich, „und vielleicht sehe ich
zu schwarz, vielleicht ist es nur ei.re
augenblickliche Laune de? Drewens
berg, sich für das Kind zu mteressi
ren. Ich muß vergessen, daß ich Hei
niS
Mutter
bin, wenn ich zu ei-
nem unparteiischen Urtheil kommen
will."
Und sie zwang sich mit aller ihr
zu Gebote stehenden Energie zur
Ruhe. Sie strengte sich über die
Maßen an, Klarheit in die verworre
nen Empfindungen ihrer Seele zu
bringen. Und wie sie so die Vor
gänge deS vorigen Tages noch ein
mal überdachte, sich jedes seiner Wor
te, jeden Blick von ihm zurückrief,
«stieg langsam, aber unwiderstehlich ein
Verdacht in ihr auf ein Verdacht,
der ihr das Blut stocken machte UND
den Athem raubte. Er war von et
nem schroffen Gegner fast zu einem
Verbündeten geworden, er hatte ihre
Hand stürmisch geküßt und sie selbst
veraeSen mtt Blicken angesehen, vor
denen sie erst jefct in der Erinnerung
erschrak.
'Barmherziger Gott, sollte er ihr
die Schmach anthun wollen, sich ihr
dem Weibe zu nähern? Hatte
sie sich umsonst gedemüthigt, ihm ihre
Lebensgeschichte zu erzählen? War sie
trotz seiner Versicherung vom Gegen
theil und seiner Bitte um Verzeihung
doch immer noch die^ moralisch min
derwerthige, vogelfreie vielleicht
käufliche Person in seinen Augen?
Oder und bei dem Gedanken
überlief sie ein siedend heißer Zorn
legte man ihr einen Fallstrick, wollte
man suchen, sie zu verführen, um
t.achher mit dem Beweis hervortreten
zu können: da seht ihr ja, welch' Gei
stes Kind sie ist, und daß sie mit ihrer
Sippe nicht hineingehört in die eh
renwerthe Familie der Drewensbergs.
Das Kind und die Mutter an sich
ziehen, bethören durch Geschenke und
gute Worte .. und dann dem Elend
Überantworten...
Sie schauerte zusammen, langsam
rieselte es kalt durch ihre Glieder, das
Herz that ihr zum Brechen weh.
Mit einer wahren Angst suchte sie
sich an den Gedanken zu klammern,
daß ihr Mann den Bruder für einen
Ehrenmann erklärt hatte, auch noch
nachdem er mit ihm zerfallen war,
und daß in ihrem eigenen Innern
eine Stimme zu Eberhardts Gun
sten sprach. Vergebens! Ein so schnel
let, so gewaltiger Umschwung nach
Jahren der Feindschaft war nicht
glaubhaft. Und jede freundlichere Re
gung für Eberhardt von Drewensberg
tauchte alsbald wieder unter in dem
Meer einer grenzenlosen Erbitterung.
Natürlich mußte der Drewensberg
vorher scheinbar Frieden mit ihr ma
chen, wenn er sich ihr auf irgend eine
Art verlangend nähern wollte.
Heini war erwacht. Er setzte sich
in
seinem Bettchen auf und starrte die
Mama schlaftrunken an.
„Wo ist Onkel Eberhardt mit der
Leiter. Mutti?"
Sie hätte aufschluchzen mögen in
zorniger Verzweiflung. „Du hast ge
träumt. Heini, dein Onkel war nicht
hier. Wir haben Nacht jetzt, Kind."
„Doch, Mutti, Onkel war hier,"
beharrte der Kleine. „Du hattest die
schönen blauen Trauben ganz oben
aus dem Ofen versteckt, und Onkel hat
sie mit der Leiter heruntergeholt und
Väterchen Harto hat geschimpft. Mut
ti, daß du immer so schrecklich bös
mit Onkel Eberhardtchen bist ganz
gewiß!"
„Scblaf, Kind!" sagte Anita mit
trockener Kehle. „Morgen kannst du
mir mehr davon erzählen." Und Heini
war bald wieder in Schlummer ge
sunken.
Eine grenzenlose Traurigkeit er
füllte Anita. Wie leicht war es doch,
ein Kind an sich zu ziehen. Eine
Weintraube, eine Handvoll Süßigkei
ten genügten, solch kleines Herz zu
fesseln. Wenn man es dann für sich
allein besitzen wollte, brauchte man
nur noch klug so oder so die Mutter
über die Seite zu räumen.
O, pfui pfui! Ihre Hände
streckten sich unwillkürlich abwehrend
aus, ihre Augen brannten in dem
todtblassen Gesicht. Langsam, einem
Zwange gehorchend, erhob sie sich, er
griff das Licht und schritt in das
anstoßende Zimmer zu dem Bilde ih
res Mannes. Das Licht hoch erhoben,
daß sein Schein voll auf sein Gesicht
fiel, stand sie da, während ihr Blick
sich mit einer wahren Gier in die
Züge des Verstorbenen grub.
Alle Zurücksetzung, die sie in ihrer
kurzen Ehe von der Familie ihres
Mannes erfahren,-aller Schmerz und
Kummer, den der eigene Sohn um
seiner Liebe willen von Eltern und
Bruder zu ertragen hatte, lebte wieder
i.. ihr auf. Konnte von jenen Leuten
irgend etwas Gutes für sie kommen?
Mußte die „Komödiantin mit der
dunklen Vergangenheit", die man um
jeden Preis beseitigen wollte, nicht
auf alles, selbst darauf gefaßt sein,
daß die Füße Eberhardts von Dre
wensberg ihre Frauenehre gewissen
los in den Staub traten?
„Und du hast ihn so lieb gehabt,
Heinz!" Sie schrie es fast hinaus.
Länger konnte sie sich nicht beherr
schen, an allen Gliedern zitternd,
kaum fähig, das Licht in Sicherheit
zu bringen, sank sie in die Knie. Ihre
Hände klammerten sich um die Arm
lehne eines Sessels, und ausschluch
zend barg sie den Kops in die Polster.
Als Heini gegen Morgen in einen
ruhigen, gesunden Schlaf fiel, warf
sich Anita noch für eine kurze Stunde
der Erholung, angekleidet wie sie
war, auf den Divan. Ihr Gesicht
sprach von einer völligen Erschöpfung,
aber der Ausdruck eines festen Wil
lens lag um den herb geschlossenen
Mund. Sie wußte jetzt, was sie sich
und dem Kinde schuldig war.
Heini erwachte am Morgen gesund
und heiter wie immer. Zwar sah er
noch ein wenig blaß und angegriffen
aus, seiner guten Laune aber that
Las keinen Abbruch.
„Kommt heute Onkel Eberhardtchen
wieder?" war feine erste Frage, naH
dem er mit einem blinzelnden Blick
die Morgensonne begrüßt hatte.
„Willst du nicht erst deiner Mutter
guten Morgen sagen. Heini?" fragte
Anita vorwurfsvoll.
„Paarmal, Mutti
1" meinte der
kleine Schelm, und er hing sich so
stürmisch liebkosend an Anitas Hals,
oaß sie den Onkel darüber vergaß.
«fttcht so
Heini.
Kaum hatte
er der
Mutter den schuldigen Tribut entrich
tet, so begann er von neuem.
„Kommt Onkel Eberhardt heute?"
Anita erfaßte eine stille Wuth. Sie
kannte die Beharrlichkeit ihres Söhn
chens. Sie wußte, nun würde dieser
schreckliche Onkel Eberhardt wieder
den ganzen Tag das Hauptgesprächs
therna des kleinen Quälgeistes bilden,
und der bloße Gedanke daran machte
sie zittern.
„Höre. Heini,- sagte sie strenger,
als sie je mit dem Kinde gesprochen
hatte, „laß mich nun endlich mit dei
nem Onkel in Ruhe. Er ist verreist
und kommt überhaupt nicht mehr
wieder."
„Das sagst du bloß so, Mutti."
schmollte das Bürschchen. „Onkel hat
doch versprochen, Erdbeeren oder Vir
nen zu bringen bitte, Mutti, Heini
ißt ganz gewiß nicht mehr so viel."
„Schäme dich, Heini, so naschhaft
zu sein. Aber ich untersage dir jetzt
auf das strengste, noch einmal etwas
von dem Onkel zu erbetteln oder an
zunehmen."
Heini machte ein Mäulchen. „Dann
kommt er aber doch wieder, Onkel
Eberhardtchen," meinte er diploma
tisch.
„Kind, du bist schrecklich. Glaubst
du wirklich, daß er solche kleine
Naschkatze wiedersehen mag?"
Das machte keinen Eindruck auf
Heini. Er schüttelte sorglos den Kopf.
„Väterchen Harto bringt doch auch
immer Leckeres mit!"
„Richtig, Heini, Vater Harto
kommt »ja bald denke doch, der
liebe, gute Vater Harto!"
„Der liebe, gute Vater Hattochen!"
jubelte Heini. „Mutti, zieh' mich
schnell an, Vater Hartochen bringt
mir ein Pferdchen mit, und ich will
Ilm rasch einen schönen Stall bauen."
Anita athmete auf. Für eine Weile
waren des Kleinen Gedanken abge
lenkt. Sie gab der Mutter Müllern,
die ihre Wirthschaft besorgte, die nö
thigen Anweisungen und ging aus,
um Gesangstunden zu ertheilen.
Das Wetter war plötzlich umge
schlagen und die Sonne brannte schon
am Morgen drückend heiß hernieder.
Vollständig erschöpft von dem Weg
durch die schwulen, staubigen Stra
ßen und der schlaflosen Nacht, kehrte
Anita gegen Mittag heim.
Sie hatte nur eben so viel Zeit,
Heini zu begrüßen, da erschien schon
wieder eine neue Schülerin, um im
Hause bei ihr Unterricht zu nehmen.
Resignirt schritt die junge Frau
zum Instrument. Das war nun ein
mal ihr Los so, Tag für Tag, jahr
aus, jahrein. Sie gehörte zu jenen
Menschen, die nicht müde und nicht
krank werden dürfen. Ugnlücklicher
weise war diese Schülerin gerade ein
gesanglich nur mäßig begabtes junges
Mädchen, Tochter eines reichen Man
nes, der tout prix dem Golde sei
ner Tochter die Folie großer natürli
cher Talente geben wollte. Im Grun
de ist ja alles im Leben Uebung,
technische Fertigkeit warum sollte
man da nicht auch singen lernen ohne
Stimme, dichten ohne Empfindung
man bezahlt eben das Studium.
Unglückseligerweise hatte das Gold
fischchen sich gerade auf das Mignon
lied capricirt innerlich stöhnte Anita,
während sie mit nervösen Fingern die
ersten Töne der Begleitung anschlug:
„Heiß' mich nicht reden, heiß' mich
schweigen."
Eine endlose Stunde mußte sie auf
der Folterbank liegen. Die falschen
Töne stachen sie wie Nadeln, und die
geziert selbstbewußte Art des Gold
fischchens machte sie innerlich rasend,
und während sie mit unendlicher
Selbstbeherrschung das junge Mäd
chen wieder und wieder corrigirte und
belehrte, hätte sie ihm am liebsten das
Notenheft an da? wohlfrisirte Köpf
chen geworfen.
Die Apathie, mit der sie die Stun
de begonnen hatte, wich allmählich
einer gereizten Nervosität. Endlich
ertrug sie dies« Marter nicht länger.
„Ich werde Ihnen die Arie einmal
vorsingen," erklärte sie und begann
auch sogleich, nur um nicht mehr diese
harte Stimme hören zu müssen.
„Heiß' mich nicht reden, heiß' mich
schweigen..." Machtvoll, glockenrein,
mit hinreißender Gewalt strömten die
Töne über ihre Lippen. Anita fang
nie bezaubernder, als wenn der
Drang sie beherrschte, sich von einet
innerlichen Unruhe frei zu machen.
Auch diesmal übte die Musik die
besänftigende Wirkung auf sie aus.
Mit ihrer gewöhnlichen Fassung trat
sie nach beendeter Stunde zu Heini
ins Zimmer, um schon im nächsten
Augenblick förmlich zurückzuprallen.
Da saß Heini an seinem Spieltisch
chen, so eifrig damit beschäftigt, eine
große Schachtel funkelnagelneuer
Zinnsoldaten aufzubauen, daß er
nicht einmal den Eintritt der Mutter
bemerkte und neben ihm auf einem
niedrigen Fußbänkchen, den Kopf in
die Hand gestützt und offenbar nur
mit halbem Ohre dem Geplauder des
Kleinen lauschend er Onkel
Eberhardt.
„Heini," rang es sich wie ein Auf
schrei von den Lippen der Frau.
Der Kleine wandte sich harmlos
um. „Ach, Mutti, komm' doch schnell
her. ganz schnell, und sieh, was Onkel
Eberhardtchen mir mitgebracht hat:
Reiter und Attaleristen und Muschke
tiere und Kanonen auch!" Und
als höchster Trumpf kam hinterdrein:
„Siebst
du, Mutti,
der
Onkel will
miâ dock» wiederseben. er bat'S aefaat.
ganz gewiß! Und verreisen thut er
überhaupt nicht, siehst du! Aber
Onkel Eberhardtchen spielt lange
nicht so schön wie Vater Harto. Er
sitzt bloß immer und horcht, wie du
singst."
Eberhardt war aufgesprungen und
langsam seiner Schwägerin entgegen
getreten, die wie gebannt an der
Schwelle stand.
„Verzeihen Sie mein Eindringen
Frau Schwägerin," bat er betreten,
aber herzlich. „Sie haben mein Läu
ten nicht gehört, da Sie gerade san
gen. Heini öffnete mir höchst eigen
händig die Thür und war s liebens
würdig, mich in sein Allerheiligstes
zu führen. Ich hoffe, Sie zürnen ihm
und mir nicht, da ich zu meinem Heu
tigen Besuch ja keine so „ungewöhn
liehe Zeit" wie gestern, sondern die
vorschriftsmäßige Besuchszeit gewählt
habe."
Anita faßte sich gewaltsam. „Darf
ich fragen, was Sie zu mir führt?"
„Schon wieder zu mir führt, wol
len Sie sagen," ergänzte er mit hal
bem Lächeln. „Die Unruhe um Heinis
Befinden. Ich als Urheber seines Un
wohlseins habe mich rechtschaffen ge
sorgt um das Kind. Da es aber, Gott
sei Dank, schon wieder vollkommen
au fait ist, durfte ich mich mit vollem
Behagen dem unverhofften und. wie
Sie meinen werden, unverdienten Ge
nuß, Ihrem Gesang zu lauschen, hin
geben. Sie haben eine göttliche Stirn
me, Frau Schwägerin."
Voll unverhohlener Begeisterung
ruhte sein Auge aus ihr, und Plötz
lich streckte er ihr mit impulsiver Be
wegung die Hand hin und rief mit
einem Herzenston: „Ich danke Ihnen
Anita!"
Anita! Dies Wort aus seinem
Munde durchzuckte sie wie ein elektri
scher Schlag und da sah er sie wie
der an mit dem Blick, halb traurig,
halb bittend, der sie empörte und hyp
notisirte zu gleicher Zeit. Ihre Stirn
wurde finster, ihre Haltung feindselig
abwehrend.
„Sie haben mir nicht zu danken
für etwas, das ich nicht für Sie ge
sungen habe," sagte sie hart.
„Auch die Sonne scheint nicht al
lein für mich," antwortete er ruhig,
„und doch empfinde ich dankbar ihre
wohlthuenden Strahlen. Und wie
ein erleuchtender Sonnenstrahl ist
auch Ihr Lied Über mich gekommen."
„Ich habe das Unglück, sehr oft
den tiefen Sinn Ihrer Worte nicht
zu verstehen." spottete sie mit blassen
Lippen.
„Er ist leicht erklärt: gestern noch
war mir Ihr Inneres wie das ver
schleierte Bild zr. Sais. Ich meinte,
Ihre herbe Jugend und das Unglück
Ihres Lebens habe das warme Leben
in Ihnen zu Eis erstarrt. Jetzt weiß
ich, unter der frostigen, reservirten
Außenseite pocht ein heißes, sehn
suchtskrankes Herz. Ihr schroffes Ab
weisen kann mich nicht mehr beirren,
Anita."
Ihr Auge flammte auf. „Mein
Herr was erlauben Sie sich!"
„Sie vergessen, daß ich Ihr näch
ster Anverwandter bin. Werden
Sie es denn nicht endlich Ihrem
Stolz abgewinnen können, dem Bru
der Ihres Mannes die ihm gebüh
renke Anrede zu gönnen?"
„Wollen Sie Ihren Spott mit mit
treiben?"
„Anita..."
„/Nein Herr, das geht nicht so wei
ter," rief sie mit fliegendem Athem.
„Es muß endlich klar werden zwischen
uns. Wir sind doch nicht Kinder, die
miteinander Verstecken spielen. Ich
wollte Ihnen schreiben heute Abend,
wenn mein Tagewerk vollbracht war.
Wir können aber auch mündlich ver
handeln vielleicht ist's sogar besser
so..."
„Es ist auch mein dringendet
Wunsch, Klarheit in unser Verhält
niß zu bringen. Aber wollen wir
das so zwischen Thür und Angel ab
machen?"
Sie trat in das Zimmer zurück,
aus dem sie gekommen war, ihn mit
einer Handbewegung einladend, ihr
zu folgen. Und dann saßen sie einan
der wieder gegenüber unter dem Bilde
des Verstorbenen, wie das erstemal,
und die todten Augen sahen aufmerk
fam und beharrlich auf sie hernieder
aber sie hatten beide nicht Zeit, zu
ihnen emporzublicken.
Anita begann das Gespräch mit
einer eigenthümlichen Hast. Sie be
mühte sich vergebens, ihrer Stimme
di: nöthige Festigkeit zu geben.
„Sie haben heute wieder meinem
Sohn ein Geschenk gemacht, obgleich
Sie wissen müssen, daß das meinem
Wunsch entgegen ist und wenn ich
Sie fragen würde, mit welchem Recht
Sie das thun, würden Sie wie bisher
auf Ihre Verwandtschaft hinweisen.
Wie aber können Sie ein verwandt
sti östliches Recht in Anspruch nehmen
einem Kinde gegenüber, das Sie sel
ber sich weigern, in Ihre Familie aus
zunehmen? Die Vorbedingung für je
den weiteren Verkehr mit Ihnen ist.
laß mein Sohn von der Familie Dre
wensberg in alle seine Rechte eingesetzt
und als zukünftiger Majoratserbe er
klärt wird."
„Ich meinestheils habe nichts dage
gen."
„Wie?" rief sie in ungläubigem
Staunen, „Sie wollen das Etbtheil
des Bruders so leichten Kaufes..."
„Ich habe schon einmal gesagt, ich
erhebe keinen Anspruch darauf," un*
terbrM er sie ruhig.
Sie fiel ihm schroff ins Wori:
„Sie
und
immer Sie! Wissen
Ihre Eltern überhaupt
von
Ihren
Besuchen bei mir und Ihrer Stel
lungnahme mir gegenüber?"
„Nein, sie haben mich mit der Erle
digung der Angelegenheit betraut,
aber daß ich bereits Schritte gethan
habe, wissen sie nicht. Ich wollte mir,
unbeeinflußt von der Voreingenom
menheit meiner Eltern, ein eigenes
Urtheil bilden. Sobald ich mit pofi
tiven Ergebnissen vor sie treten kann,
werde ich ihnen die Sache nach mei
nem Gewissen klarlegen."
„Das kann ich glauben und auch
nicht glauben. Vielleicht handelt es
sich um ein ^amiliencomplott ge
faßt bin ich auf alles!"
Er fuhr zornig empor, wie sie ihn
bisher noch nicht gesehen hatte.
„Sie haben keinen Grund, an mei
ner Ehrlichkeit zu zweifeln! Sie mö
gen mich abweisen, wenn Sie nicht
anders können, aber mich zu beleidi
gen und herabzusetzen, dazu fehlt
Ihnen jedes Recht."
Sie bezwang sich, innerlich be
schämt, aber in ihrem Trotze behar
rend.
„Wann gedenken Sie mit Ihren
Eltern zu sprechen?" lenkte sie ein.
„Darauf kann ich Ihnen in diesem
Augenblick noch keine bündige Erklä
rung geben."
„Weil Sie es diesmal nicht wagen,
ehrlich zu sein."
„Gnädige Frau..."
„O, bitte, Empfindlichkeiten stehen
bei so ernsten Dingen keinem von uns
beiden an. Wir haben uns bei unserer
ersten Unterredung unsere gegenseitige
Stellung durchaus klar gemacht. Sie
sind in jedem Fall, ob sich Ihre eigene
Meinung über mich inzwischen gebes
sert haben sollte oder nicht, der Be
vollmächtigte Ihrer Eltern und müs
sen mir als solcher ein Besitzthum
streitig machen, das ich als Vertreter
meines Sohnes für diesen fordere.
Sie haben mir sogar mit anerken
nenswerther Offenheit eingestanden,
daß Ihre Familie einen Streit bis
aufs Messer führen will. Solche
Auseinandersetzungen sind Kriegser
klärungen. Zwischen uns kann also
von einem Zusammengehen, ja selbst
nur von einem zeitweiligen friedlichen
Beieinander keine Rede sein, wenn
wir ehrliche Menschen bleiben wollen.
Trotzdem nehmen Sie Verwandtschaft
liche Rechte und Rücksichten in An
spruch und verkehren mit meinem
Sohn, als seien Sie sein Freund und
Beschützer und nicht sein erklärter
Feind. Wenn ein Mann von Charak
ter derartig handelt, muß er seine
ganz bestimmten Gründe dazu haben."
„Allerdings," warf er mit Nach
druck ein.
Eine tiefe Blässe legte sich über ihr
Gesicht. Hatte sie recht gerathen? Es
kostete ihr unsägliche Mühe, das Ge
sprach fortzusetzen.
„Diese Gründe gehen mich nichts
an, und ich will sie nicht wissen. Ich
stehe Ihnen lediglich als Geschäftstra,
gerin meines Sohnes gegenüber, und
als solche muß ich Ihnen folgendes
sagen: Wir haben absolut nichts wei
ter miteinander zu thun, als die eine
Sache zu erledigen: Einsetzung meines
Sohnes in alle seine Rechte als Ma
joratserbe. Das ist die erste Bedin
gung zum Frieden. Allerdings ha
ben Sie mir gesagt, Sie persönlich
hätten nichts dagegen. Darauf kommt
es aber nicht an. Wollen Sie dahin
wirken, daß Ihre Eltern meinen
Sohn als rechtmäßigen Erben aner
kennen?" Ihre Augen durchbohrten
ihn fast. Sie hielt den Athem an, um
keinen Laut zu verlieren.
„Ich will!" Er sagte es ohne Em
phase, einfach, beinahe gleichgültig.
„Sie wollen?. Wissen Sie, was
Sie soeben gesagt haben?"
„Ganz genau, ich bin sogar erbötig,
es 'Ihnen schriftlich zu geben.
„Und was denken Sie, was Ihre
Eltern dazu sagen werden?"
Eine Wolke glitt über sein Ge
sicht. „Ich verhehle mir nicht, daß es
noch schwerer Kämpfe bedürfen wird,
um meine Eltern zur der Einwilli
gung dessen, was ich vorhabe, zu be
wegen. Aber mein Vater ist ein
streng rechtlich denkender Mann. Er
wird nachgeben, sobald er sich über
zeugt hat, daß er den Frieden
und das Glück seiner Familie völlig
zu untergraben im Begriff steht,
wenn er aus seinem Standpunkt be
harrt und oaß er im Unrecht ist.
Meine Mutter hat von jeher am mei
sten geschmerzt, daß ihr Aeltester. ihr
Liebling, sie um einer Fremden wil
len so gänzlich vergessen konnte. Es
wird Ihnen nicht schwer fallen, Ant#
ta, ihr Herz zu gewinnen."
„Sie wollten es wirklich üderneh
men, die obskure Komödiantin dem
adligen Geschlecht als Schwiegertoch
ter zuzuführen?"
Ein Helles, wahrhaft sonniges La
cheln glitt über sein Gesicht.
„Ich will es thun! DaS vor
allen Dingen."
„Und Sie wollen mit Ihrer Ehre
dafür einstehen, daß man mich als
Wittwe Ihres Bruders respettirt, daß
man keinerlei Zwang auf mich auszu
üben versucht und mich weiter wie
bisher still dem Andenken meines
Mannes und der Erziehung meines
Sohnes leben läßt?"
„Das kann ich nicht nicht fü
versprechen, wie Sie eS wünschen."
„Ah. Wie ein
Blitz tauchte
wieder der Gedanke in i«jt auf, da|,
man sie nur zu ködern suchte. Ste
athmet« tief und schwer: „Dan»
haben wir uns heut oas letztemal ge
sehen."
„Anita", fuhr et aus, „das kann
Ihr Ernst nicht sein."
„Nennen Sie mich nicht mit mei
nem Namen, das beleidigt mich."
Er war zu erregt, um daraus zu
achten.
„Sie werden das Wort zurückneh
men", fuhr er leidenschaftlich fort.
„Wir haben uns kaum gesehen, las
sen Sie uns erst miteinander bekannt
werden, ehe Sie das Verbannungs
urtheil aussprechen. O^er viel
mehr, lernen Sie erst mich r:nncn,
denn ich kenne Sie jetzt, als sei ich
von Jugend auf mit Ihnen vertraut
gewesen."
„Welchen Zweck könnte das ha
ben? Eine Aussöhnung mit der Fa
milie Drewensberg. die ich allein met
nes Mannes wegen für erstrebens
werth gehalten hätte, ist jetzt werthloS
für mich, nachdem er gestorben ist in
dem Bewußtsein des unversöhnliche»
Zornes seiner allernächsten Angehört
gen. Lassen Sie meine Person übet
Haupt ganz aus dem Spiel. Erklären
Sie sich nur bereit, die Rechte meines
Sohnes anzuerkennen, das ist alles,
was ich von Ihnen fordere. Ich mei
nerseits habe nicht Lust, irgend etwa!
anzunehmen, was man mit doch nut
gezwungen und widerwillig gewähren
würde."
Er trat einen Schritt näher. Auf
feiner Stirn hatte sich eine tiefe fin
stere Falte eingegraben und die
grauen Augen hefteten sich mit uner
bittlicher Schärfe auf ihr Gesicht. Vor
diesem zwingenden Blick gab es kein
Ausweichen.
„Sie sind eine welterfahrene, kluge
Frau, und Ihr Hetz ist auf dem
rechten Fleck," sagte et ernst und lang
fam. „Ich kann nicht glauben, daß
Ihnen das ehrliche Interesse, sagen
wir die Freundschaft verborgen ge
blieben sein könnte, die für die Frau
meines Bruders in mir erwacht ist.
Wenn Sie trotzdem darauf bestehen,
daß wir uns das letztemal gesehen
haben, so ist es nicht die Familie
Drewensberg, sondern meine Perion,
deren Annäherung Sie zurückweisen.
Selbstverständlich würde allein diese
Hindeutung genügen, mich für im
mer Ihre Nähe meiden zu lassen,
wenn mir nicht meine Ueberlegung
sagte, daß diese Angelegenheit zu
unvermittelt über Sie gekommen ist
und daß ich Ihnen Zeit geben muß,
sich selber wiederzufinden. In einem
einzigen erregten Augenblick soll matt
nicht über sein ganzes Leben entschei
den! Werden Sie mir gestatten,
nach einigen Wochen oder Monaten,
wie Sie es für gut halten, wieder bei
Ihnen vorzusprechen?"
„Nein! Ich kann nicht!" rief ste
gequält. „Ich kaun einem Mann
nicht Freundschaft gewähren, der mich
in meinem Heiligsten, meiner Ehr^
gekränkt hat."
„Ich habe nicht Sie, sondern eine
mir persönlich fremde Frau ge
tränkt, und ich that es pflichtschuldigst
als Vertreter der Familie DrewenS
berg. Jetzt kenne ich Sie, und ich
stehe vor Ihnen in meiner eigenen
Angelegenheit. Die Familie geht
mich in diesem Augenblick nichts
an. Eberhardt von Dewe.isberg aiâ
Mensch bittet Sie inständigst um
Ihre Freundschaft. Weisen Sie auch
den zurück?"
„Ja", rief ste ungestüm, „ich kann
Ihre Freundschaft nicht annehmen.
Ich hasse die Familie Drewensberg,
die meinem Mann so unsäglich weh
gethan hat, und Sie sind mir unzer
trennlich von ihr. denn Sie haben auf
ihrer Seite gestanden."
s
Sie unterbrach sich, sein Blick ver
wirrte sie. Mit angstvoller Hast
fuhr sie fort: „Das Andenken an met
nenMann ist mir heilig, und wer
mich darin stören und beirren will,
den betrachte ich als meinen Feind.
Können Sie sich das nicht den
Im,
Eberhardt von Drewensberg?
Sehen Sie mich nicht so an!" stieß sie
plötzlich hervor. „Sie beleidigen mich
ich würde es nicht ertragen, Sie
öfter sehen zu müssen."
Sie schöpfte tief Athem. Dann
sagte sie. sich gewaltsam zur Ruhe
zwingend, mit einem Ton inneren
Widerstrebens: „Ich hasse Sie, Eber
Hardt von Drewensberg, um diese?
Augen willen, dieser ganzen entsetz
lichen Ähnlichkeit mit Ihrem Bru
der! Wie da»f ein Mann auf der
Welt sich unterstehen, auszusehen wie
er! Das verletzt mich in der Seele,
das empört mich! Ihr Anblick per
nizt mich!. Niemals könnte ich ru
hig sein in Ihrer Gegenwart: Ge
hen Sie und kommen Sie niemals
wieder."
Es hatte schon vor einer ganzen
Weile an der Korridorthür in ein?r
besonderen Weise geklopft. „Aater
Hartochen!" rief Heini vergnügt und
lief, um zu öffnen.
„Das ist gut, daß du kommst, Vä
terchen Harto!" begrüßte er altklug
den Ankömmling, „sie zanken sich schon
wieder."
„Wer denn. Prinzchen, wer
denn?"
„Di Mama und der neue Onkel!
Hast du auch daS Pferdchen nicht
vergessen, Väterchen Hartochen?
hat's auch eine Mähne und eines
langen Haarschwanz?"
(Fortsetzung folgt)

Roman von E. ltrtckeberg.

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