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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, April 07, 1910, Image 2

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'S
I K
Aus Rußland.
58lit ®eadlilltia! Unsere Leser in Rußland
OW» rönnen den Iahresbetrag
für da? Blatt ($2.00 oder 4 Rubel) unter Zuschlag der
Versaildtkoste» bei unseren ttorrespondente» einzah
len, welche berechtigt sind, Gelder fiir und zu kassire».
Die gewählte Prämie wird ihnen baun vromvt znqe
sandi. Bestellnuffen auf ober ,ijat)IUHflcu für das
Blatt sönnen jederzeit gemacht werden, denn wir
nehmen Vcstelluiiqeu jederzeit nitflvflcii. Leute also,
welche das Blatt in »tu
isla üb bestellen wollen, mögen
sich gelrost au unsere StorrciyoiidenU'ii dort wenden.
Wir erlassen diese Ankündigung, um den Leuten dort
die Sache wesentlich zu erleichtern.
i e e s s u n
Spezial Korrespondenz.
a n n e i in, (Cherson)
den 31. Januar.
Die Feder ist machtlos, zu schil
dern, welche Mengen von Schmutz
und Morast wir diesen Winter hier
haben, denn seit dem 1. Januar ha
ben wir beständig feuchtes Wetter
und Regen. Da der Boden hier fett
ist und wenig Sand enthält, können
sich die Leser wohl selbst die Zustän
de in unserem Dorfe ausmalen. Es
dürfte wohl auch vielen der Leser be
formt sein, das bei uns nicht jeder
Baner einen Brunnen im Hofe hat
und somit sind wir gezwungen,
Brunnen gemeinsam zu benutzen.
Das zum Brunnen getriebene Vieh
hat natürlich die Straßen derart
aufgewühlt, das diese fast grundlos
sind und der Drees kuietief liegt. So
mit kann man nur beritten an die
Brunnen gelangen. Da ich nun aber
kein Pferd, wohl aber Mühe habe,
die auch getränkt sein wollen, muß
ich schnaufend uud pfauchend durch
den Dreck waten, was mir, einem
schweren Manne (ich wiege auf der
englischen Wage 11 Pfund und vier
Kartoffeln), recht beschwerlich wird,
dann ich mus dabei arg schwitzen.
Meine schadenfrohen Nachbarn aber
wollen mich trösten, indem sie sagen:
wer im Winter im Drees steckt, länst
im Sommer am leichsten durch den
Staub. Ich denke auch, sie haben
recht, denn den Dreck, den ich im
Winter von den Füßen schüttele, ha
ben die Bauern im Sommer aus'm
Buckel!
Unsere armen Leute beschäftigen
sich zur Winterszeit hier meistens
mit Stein brechen. Da kamen un
längst zwei Männer aus Elsas hier
her auf Besuch und, nachdem sie al
les besehen hatten, gingen sie wie
der nach Hause. Auch unsere Stein
brecher legten am Abend ihr Werk
zeug nieder nnd gingen nach Hause.
Als sie am anderen Morgen wieder
an den Steinbruch kamen und ihre
Arbeit anfangen wollten, bemerkten
sie zu ihrem Schrecken, das alles
Handwerkszeug verschwunden war.
Unser schlauer Jakob Buckmeier
meinte sofort: Das haben die zwei
E!säs er, die gestern hier waren, ge
stöhlen. Kurz entschlossen, machten
sich die Leute gleich aus nach Elsas
aus die Suche und zwar zu den bei
den vortägigen Besuchern. Sie er
statteten Anzeige bei der Polizei,
und wirklich wurden die gestohlenen
Sachen bei den Beiden, deren Namen
mir nicht bekannt wurden, vorgefun
den. Die Polizei befahl den Spitz
bnben, die gestohlenen Sachen auf
den Rücken zu packen uud auf die
-Kanzlei zum Herrn Schulzen zu mar
schireu. Dieser, ein gestrenger und
gewissenhafter Mann, sprach den
Bösewichtern auch sofort das Urtheil,
welches zwar milde, aber Zweifels
ohne sehr eindrucksvoll ist. Also
mußten die Spitzbuben, der Büttel
voran mit der Schelle ans LeibenS
kräften klingelnd, unter Polizeiauf
ficht durch's Dorf marschiren. In
kurzen Zwischenpausen aber rief der
Büttel mit Stentorstimme: „Dieses
sind die zwei Ehrenmänner, die den
Mannheimern ihr Werkzeug gestoh
len haben." So ging's durch's Dorf
hinaus bis zurück an den Steinbruch.
Entschieden ein salomonisches Urtheil
des Schlitzen von Elsas
Auf dem Heirathsmarkte stehen
seit schon drei Monaten der ledige
Alerei, Schosan, Moldawaner aus
Krediniz, und die ledige Ottilia Gie
singer aus Mannheim. Sie konnten
seither nicht ehelich verbunden wer
den, weil die Braut ihre Papiere
nicht in Ordnung hat. Die Ge
schichte hätte sich vielleicht schon
längst zerschlagen, aber die jungen
Leute verbindet ein festes Band: der
Klapperstorch!
Johannes Eberls möchte wissen,
wo Ignatz und Andreas Schwab, ge
bürtig aus Mannheim, sich aufhal
ten. Sie möchten doch einmal von
sich hören lassen entweder im
Staats-Anzeiger, oder brieflich.
Auch möchte ich gerne den Aufenthalt
Peter Schneider's gebürtig ans
Mannheim, erfahren. Vielleicht ist
ein Leser so gut, mir Aufschluß zu
geben.
Grüße an alle Leser des Blattes.
Jakob Schneider.
.4 Spezial-Korrespondenz.
Kandel, (Cherson)
den 15. Januar.
In meiner Korrespondenz in Nr.
27 des Blattes fand ich das Wort
Peter statt Pater, sodaß es lautete:
Peter Dobrowolsky celebrirte das
Hochamt. Es hätte heißen sollen:
Pater Dobrowolsky. (War ein ein
facher Satzfehler, der leicht vorkom
men kann und von uns in der Cor
refiur übersehen wurde. Wir bitten
um Entschuldigung. Uebrigens lag
es fast klar zu Tage, daß es hätte
heißen sollen Pater.—Red. Staats«
Anzeiger.)
Auch las ich in Nr. 28 des Blat
tes eine Korrespondenz aus Kaudel,
unterzeichnet „Gregor," beziehentlich
„Kaspar." (Wir sind im Besitz des
vollen Namens des Herrn Einsen
ders. Gerade in diesem Zusammen
hange möchten wir aber bemerken,
daß wir nur ungerne den vollen,
wirklichen Namen eines Korrespon
bellten weglassen, nur Anfangs- oder
Endbuchstaben bringen oder gar ein
Pseudonym substituiren, wie wir oft
ersucht werden zu thun. Es dürs
ten wohl selten triftige Gründe für
solches Ansuchen vorhanden sein,
doch ist natürlich keine Regel ohne
Ausnahme. ES macht entschieden
einen bedeutend besseren Eindruck,
wenn Einsendungen mit dem vollen
Namen unterzeichnet sind und des
halb werden wir, beginend in aller
nächster Zeit, nur noch solche ausneh
men. Wir sind überzeugt, die Leser
uud auch die Korrespondenten wer
den unsere Entscheidung gutheißen.
Was dem Einen recht, ist dem Ande
ren billig. Das Versteckenspielen,
Muthmaßen und Rathen, hat dann
freilich ein Ende.—Red. Staats-An
zeiger.) Der geehrte Herr Korre
spondent meint ich habe in meinem
Berichte über die Viehweide einen
großen Bock geschossen. Nein, wer
ther Herr! Nicht ich schoß einen
großen, sondern Sie eine elephanten
artigen Bock. Er macht geltend, das
wir noch 800 Dessjatin für Vieh
weide besitzen, vergißt aber zu be
merken, daß 300 Dessjatin davon
für Viehweide vernichtet find, weil
das Land umgeackert wurde, fodaß
auch kein Grashälnilein mehr für
das Vieh daraus wächst. (Dem Be
richte Gregor's zufolge wäre eben
überhaupt die ganze Viehweide fast
werthlos, weil sie nicht genügend
Graswuchs hervorbringt. Red.
Staats-Anzeiger.)
Der Herr Einsender meint dann
ferner auch, das es ein heilsamer
Gedanke wäre, lueim den Bauern
das Land alles auf einem Platze zu
gemessen würde. Gewiß, das wäre
gut, wenn alle gleich ständen und je
der Bauer so gegen 100 Dessjatin
Land besäße. Dann könnte man
brachen oder düngen, ganz gleich auf
einem oder mehreren Plätzen. Lei
der aber müßten unter solcher Ein
richtung die Bauern leiden, die nur
3, 5, 8 oder auch 10 Dessjatin Land
haben, denn wie wären solche im
Stande, genug für den Lebensuuter
halt und Saat zu bauen, wenn von
diesem Viehweide uud Brachland in
Abzug gebracht würde? Da wäre
ei» Armer mit wenig Land sicher
verloren. Dazu kommt noch der
Umstand, das unser Laud auch sehr
ungleich ist. ES giebt hier gutes nnd
schlechtes und leider mehr schlech
tes als gutes. freilich, für die
Großbauern wäre es gut das will
ich nicht in Abrede stellen, aber die
Kleinbauern würden darunter lei
den, denn: säet er das Land ein, hat
er keine Weide und benutzt er's als
Weide, kann er nichts säen. Mit der
Idee des Herrn Einsenders aber, lie
ber drei gutgvfütterte Kühe zu hal
ten, als zehn halbverhungerte, bin
ich einverstanden. Wundere mich
aber darüber, daß er meint, das viele
Bauern die Milch verwässern, weil
es sonst zu wenig an den Jankel zu
verkaufen gäbe. Hat der Herr Ein
sender vielleicht gar selbst schon die
sen Kniff probirt? (Darüber nun
können wir den Herrn Korrespon
denten völlig beruhigen, denn der in
Frage stehende Herr befaßt sich nicht
mit solchen Geschichten. Red.
StaatS-Anzeiger.) Wenn er in alle
Verhältnisse so gut eingeweiht ist
und alles so gut schildern zu können
glaubt, weshalb versteckt er sich denn
hinter solch' nichtssagenden Namen?
(Der Herr Einsender hat Gründe,
welche von uns respektirt wurden.
Vielleicht aber tritt er von selbst nach
Lesen dieser Zeilen aus seinem In
cognito heraus.—Red. Staats-An
zeiger.)
Wir haben den ganzen Winter
hindurch milde Witterung und viel
Regen gehabt Wenn es so bleibt wie
es jetzt ist, werden unsere Bauern in
den nächsten Tagen auf die Acker
fahren, denn sie sind eifrig dabei,
ihre Pflüge, Eggen und andere Ge
räthe zu richten.
Zur Warnung.—Eine wie ge
fährliche Gewohnheit es ist, kleine
Erhöhungen auf der Haut und an
dere Erscheinungen gleich mit der
Nadel aufzustechen und dann in der
Wunde herumzubohren, zeigt auch
nachstehender Fall. Ein junger
Manu namens Johannes Roth be
merkte am 30. November v. I. eine
solche Erscheinung an seiner linken
Hand. Es schien, als stäcke ein
Splitter oder Dörnchen in der Ge
schwulst. Er nahm die Nadel zur
Hand, stach hinein und bohrte darin
herum, sodas eine unscheinbare
Wunde entstand. Am nächsten Tage
aber mußte er schon nach Selz zum
Landarzt, sie untersuchen zu lassen.
Der Arzt öffnete sie wieder und
schmierte Salbe daraus. Als er nach
fünf Tagen aber wieder nach Selz
kam, stellte sich heraus, daß die
Wunde statt besser, schlimmer gewor
den war und so wurde er in's Hos
pital nach Odessa gebracht, wo er
achtzig Tage verweilen und drei
Operationen durchmachen mußte. Es
Spezial-Korrespondenz.
Ich muß die Redaktion ersuchen,
auch meinen richtigen Namen wegzu
lassen und die Korrespondenz nur
mit den unterzeichneten Buchstaben
zu tieröffentlichen, obschon ich auch
meinen vollen Namen unterzeichnete.
(Das wird für diesmal geschehen,
ober nicht für die Folge. Lesen Sie,
bitte, die Bemerkung der Redaktion
in der Korrespondenz stits Handel.
Die.Leser und Korrespondenten wer
den nun leicht verstehen, weshalb wir
in Zukunft nur Korrespondenzen im
Blatte veröffentlichen, deren Schrei
ber sich nicht scheuen, ihre Berichte
mit ihrem vollen, richtigen Namen
ut vertreten: es ist einfach, um un
liebsame Scheerereien und Streitig
keiten im Blatte zu vermeiden, bei
denen Jeder im Dunkeln tappt. Der
Raum im Staats-Anzeiger ist für
solchen Mummenschanz wirklich zu
kostbar—auch das werden Leser so
wohl wie Korrespondenten verstehen
und unseren Entschluß ehren.—Red.
Staats-Anzeiger.)
Gezeichnet: r.
Spezial-Korrespondenz.
Karlsruhe, (Kaukasus)
den 18. Februar.
Ich muß doch berichten daß ich den
Staats-Anzeiger erhalten habe, aber
leider scheinen einige Nummern ver
loren gegangen zu fein. (Wir sind
bereit, diese zu ersetzen. Red.
Staats-Anzeiger.) Ich will gerne ge
stehen, daß er mir unendlich große
Freude machte, das Blatt zu erhal
ten und so aus weiter Ferne von Be
kannten, Freunden und Brüdern zu
hören! So fei auch meinem Bruder
Adam Stroh in Heaton herzlichst ge
dankt für Uebersendung des ge
schätzten Blattes. Es macht mir und
der Mutter viel Freude. Leider
aber ist's bei mir mit dem Schreiben
schlecht bestellt, sodaß ich zu diesem
Zweck immer den Herrn Vetter Ja
kob Sommerfeld bitten muß, welcher
eben wiederum nur wenig Zeit hat,
weil er ein vielbeschäftigter Mann
ist.
Will aber doch von hier berichten,
daß wir einen guten Winter hatten.
Es herrschten sogar bis zu 10 Grad
Wärme im Januar. Nachtfröste ka-
mußten sieben Einschnitte von der
Hand bis zum Ellbogen gemacht wer
den und der junge Mann hatte
große Schmerzen auszustehen und
kann von Glück sagen, mit dem Le
ben davongekommen zu sein. Seine
Auslagen waren 155 Rubel, abev
die Hand ist wie todt und die FingeH
kann er nur wenig bewegen. Jetzt
hat er eine Frau bei sich, der er 12
Rubel auf den Monat bezahlt, welche
Massage Reibungen) an Hand und
Fingern vornimmt, um wieder Le
ben in die Glieder zu schaffen. Hof
fentlich hilft's!
Gruß an alle Leser des Blattes.
Ludwig Stroh.
Selz, (Cherson)
den 16. Februar.
Ich möchte einige Zeilen bemer
ken über eine in Nummer 27 des
Blattes erschienene Korrespondenz
aus Selz, welche nicht die volle Na
mensnnterschrist trug und welche
eine Geschichte über Katharina
Maulkorb und einige junge Bur
schen berichtet. (Der Name des Ein
senders ist in unserem Besitz. Er
bat uns, nur Ansangs- und End
buchstaben im Blatte erscheinen zu
lassen. Deshalb erschien einfach:
r.—Red. Staats-Anzei
ger.)
Die Angabe des Einsenders über,
das das Mädchen und die Buben
aus Kandel sind, ist unrichtig, denn
das Mädchen in Frage stammt ans
Straßburg und die Burschen sind
Selzer, die ich ja leicht mit Namen
nennen könnte, doch will ich lieber
davon absehen. Nach Ansicht des
Herrn Einsenders hat Kandel wohl
nicht genug an seinen eignen Lasten
zu tragen, das er versuchte, den
SimiMcrtt auch diesen unliebsamen
Vorfall aufzubürden. Meiner An
ficht nach aber hat jedes Dorf genug
vor der eigenen Thüre zu kehren.
Auch ist der Name des Mädchens
(Maulkorb) nicht richtig, denn in den
umliegenden Kolonien existirt der
Name gar nicht. Der Herr Einsen
der hätte entschieden besser gethan,
sich um Selzer Vorfälle zu kümmern
und zum Beispiel zu berichten, daß
manche Leute hier eigenmächtig und
ohne amtliche Besugniß über Ge
meindesachen verfügen, so wie bei
spielsweise Alis Werlinger, der ei
nen Gemeindestier um 60 Rubel au
einen Juden verkaufte, ohne daß
Schulze oder Gemeinde davon wuß
ten. Als der Jude zum Schulzen
kam, um den Stier zu holen, frug
ihn der Schulze, ob er ihm denn ei
nen Stier schuldig sei, woraus der
Jude meinte, er habe ihn doch ge
kauft. Auf die Frage, von mein er
gekauft habe, antwortete der Jude:
vom Sefalisi! Na, sagte der Schulze,
dann gehen Sie nur dorthin, tun den
Stier zu holen. Der Jude aber
wollte nicht, sondern verlangte nun
einfach den Stier, oder fein Geld.
Da sagte schließlich der Schulze: ich
bin Ihnen weder Stier noch Geld
schuldig: gehen Sie zum Verkäufer
nnd machen Sie die Sache mit die
fem ab.
men gar nicht vor und auch Schnee
hatten wir nicht, dafür aber öfters
Regen. Es soll hier bald auf den
Acker gehen, denn solange Dowfuns
koe angesiedelt ist, haben wir noch
nie vorher einen so milden Winter
zu verzeichnen gehabt, wie diesen.
Leider aber herrscht hier empfindli
cher Mangel an Trinkwasser. Wir
könnten hier einen Mann gebrauchen
wie Moses einer war, der die Kraft
besaß, Wasser aus dem Felsen zu
schlagen.
Hier ist ein Bruder aus der Hei
ligeu Gemeinde eingetroffen. Er
giebt vor, so heilig zu sein wie Gott
selbst, aber Trinkwasser kann auch er
uns nicht verschaffen. Etwas Gu
tes aber stiftet der Mann doch, denn
die reuigen Sünder strömen ihm zu
wie die Flüsse und Strome dem
Weltmeere und bekennen ihre Sün
den und alles was sie unrechtes ge
trieben haben: Der eine hat einen
Sackvoll Wurst, der andere zwei
Schinken und Hühner und wieder ein
anderer sogar drei Rubel Geld ge
stöhlen. Dann kommen auch Toch
ter Evas. Die eine hat vom Baume
der Erkenntniß genascht, eine andere
bekennt eine Scheere gestohlen zu ha
ben, und so weiter. .Nur die Pferde
diebe und die Felddiebe haben leider
noch nicht bekannt. Aber besser ist es
doch geworden, denn es werden we
niger Pferde gestohlen und auch
Würste und Schinken haben Ruhe.
Grüße an meinen Bruder Adam,
an Otto Lomersheim und Ott alle Le
ser des Blattest
Heinrich Stroh.
Dowsunskoe, (Kaukasus)
den 18. Februar.
Da ich so viele Freunde in Ame
rika habe, würde vielleicht der eine
oder andere mir den Staats-Auzei
ger bestellen und ich würde dann
dem Betreffenden meine Dankbar
feit gerne durch Korrespondenzen be
weisen, indem ich viele Neuigkeiten
aus dieser Gegend berichten könnte,
welche entschieden den Leserkreis auch
interessiren würden.
Möchte gerne von Adam Stroh in
Heaton Nord-Dakota hören, ob er die
Summe von $27.51, welche ich ihm
durch das Haus Missler in Bremen
übersandte, erhielt uud zugleich
Grüße an ihn und Otto Lomersheim
übermitteln.
Mein Bruder Ludwig Sommer
selb wird in Kürze nach Canada ab
reisen. Grus an Andreas Schmidt.
Sein Nesse Heinrich Schmidt ist tu
Argentinien und es geht ihm gut.
Grüße an Jakob Axt und Gottsried
Kelm, sowie auch an meinen Bruder
Alexander Sommerfeld in Canada
und an Heinrich Leser, Michael Wall,
Georg Schweigert, Ernst Krön und
an Herrn Lehrer Ger lach. So Gott
will, werde auch ich nach Amerika
kommen. Ich arbeite jetzt für das
Haus F. Mistler in Bremen und wer
Freunden räth nach Amerika zu kom
men, wird gut thun, diese durch F.
Missler in Bremen kommen zu las
sen.
Grüße au den gesammten Leser
kreis des Blattes von'
Jakob Sommerfeld.
Spezial-Korrespondenz.
Ponjatowka, (Cherson)
den 20. Februar.
Es herrscht in diesem Theile Süd
Rußlands mißliche Witterung. An
fangs Februar hatten wir das schön
ste Frühliugswetter und die Aus
saat wurde in Angriff genommen.
Da das aber nur eine Art Vorfrüh
ling war, sitzen wir jetzt noch zu
Hause und harren auf besseres Wet
ter, denn der Boden ist morgens re
gelmäßig noch gefroren, sodaß er
sichtlich ist, daß der Lenz noch immer
in Wirklichkeit nicht vollständig sei
nen Einzug gehalten hat. Das sind
jetzt hier die Verhältnisse.
Wie bereits in meiner vorigen
Korrespondenz kurz angedeutet, sind
die Emigranten Johannes Werner
und Wendelin Weimar nebst Fami
lien von ihrer geplanten Reise nach
Amerika aus Deutschland wieder, ge
fund und munter zwar, aber mit lee
rer Börse, hier angelangt. Es ist in
der That recht traurig, solche Erfah
rungen machen zu müssen. Es sind
arme Leute mit großen Familien,
die nun auf Lebenszeit ruinirt sind.
Die Ursache ihrer Abweisung soll
Trachoma gewesen sein. Die Dokto
ren in Rußland hatten die Passa
giere sämmtlich als gesund bezeich
net, aber die Aerzte in Deutschland
haben das Gegentheil konstatirt. Un
ter solchen Umständen muß es einem
wirklich gruseln, sich von hier aus
auf die Reife zu machen.
Gruß ait Redakteur Brandt und
an alle Leser des Blattes.
Martin Stroh.
Vermischte Nachrichten.
[Äne der Deutschen Rundschau für de» StaatS-Anzei
qer zusammengestellt.1
Von der Molotschna.
Der Oberschulze von Halbstadt D.
Dück und der Bevollmächtigte in
Schulangelegenheiten D. Klassen wa
ren neulich in mennonitischen Ge
meindeanlegenheiten nach Peters
burg gereist. Wie der „Od. Ztg."
geschrieben wird, hatten sie Gelegen
heit, mit verschiedenen einflußrei
chen Personen und Beamten zu spre
chen. Der Dumaabgeordnete Ka-
menski,' Vorsitzender in der Kommi
fton über Glaubensangelegenheiten,
war ihnen durch Rath- und Aus
knnftertheilen sehr behilflich. Sie
besuchten den Baron Nikolai und den
Fürsten Gagarin. Von besonderer
Bedeutung waren die Unterreduit
gen mit dem Direktor eines Depar
tements int Unterrichtsministerium
Anzy'serow und dem Direktor des
Departements für auswärtige Kon
fessionen Charusin im Ministerium
des Innern. Bei dieser Audienz war
auch der Beamte für besondere Auf
träge Pawlow, der im vorigen
Frühling in der Barwenkowoer An
gelegenheit aus dem Ministerium
des Innern dorthin abgeordnet war,
anwesend.—
In Kasernenangelegenheiten wur
de erklärt: Da jeder Mennonit
laut Gesetz zur Unterhaltung der Ka
fernen und der Kommandos beizn
steuern verpflichtet ist, so schließt sich
jeder Nichtzahler selbst aus der Ge
meinschast der Mennoniten aus, er
sagt sich damit zugleich auch von al
len Rechten los. Doch findet das
Ministerium des Innern es für nö
thig, die Sache durch eine Erklärung
zu regeln. Man hatte sich sehr ge
wundert, daß die Mennoniten, die
sich die Selbstversorgung ihrer For
steisoldaten übernommen hätten,
nicht selbst mit der Sache fertig wür
den.
In Schulangelegenheiten ist vor
allen Dingen nothwendig, für die
Zentralschulen und die pädagogischen
Kurse bei denselben einen festen, auf
dem Gefetz. begründeten Boden zu
schaffen d. h. Statut und Pro
i1
rantnt dieser Schulen genau zu re
gellt wobei unsere Wünsche und
Rechte berücksichtigt werden sollen.
—Jetzt die Examina für die Päda
gogen in Halbstadt abzuhalten, gehe
nicht wohl an, da dieser Schule die
ses Recht bisher noch nicht zustehe.
Josephsthal. (Od. Kr.)
Vor einigen Tagen wurde in der
Nacht dem hiesigen Kolonisten Peter
Stefan ein dreijähriges Rind ans
dem Stalle gestohlen. Wer die
Diebe sind, bleibt bis jetzt für jeder
mann ein Räthsel.
Am Sonntag, den 21. Februar
wurde auf Anregung unseres Hochw.
Pfarrers zur Anschaffung einer
neuen Monstranz eine Kollekte in un
serem Dorfe veranstaltet bei der 135
Rbl. gesammelt wurden. Vergelt's
Gott!
âleittlteöenthal. (Odes
saer Kr.) Unsere Kolonie ist seit
meimem Gedenken ein besuchter
Kurort. Früher waren die angerei
sten Kurgäste wohlhabende Bürger
der Stadt Odessa und anderswoher,
welche für die Sontnierquartiere
gute Preise zahlen konnten. Heute
ist es ganz anders wer zu uns
kommt, sind arme Juden, die auf's
Land fahren, um daselbst billiger
imb besser leben zu können als in der
Stadt. Seitdem dieses Element un
ser Dorf im Sommer überschwemmt,
sind die Preise für Quartiere bedeu
tend gesunken und sind fortwährend
zum Sinken geneigt. Der Semftwo
aber müssen wir bei Vermiethungen
von Quartteren die alte hohe Steuer
zahlen! Etwa 15 Prozent müssen
wir ihr entrichten was entschieden zu
viel ist. Man versuche es einmal,
ein Zimmer zu vermiethen. Es ko
stet für eine zweimalige Restaura
tion viel Geld, fast so viel, wie die
Herrn Kurgäste überhaupt zahlen
die andern Unkosten und Kümmer
nisse gar nicht in Rechnung genom
men. So kommt es, daß unsere Ge
meinde mit jedem Jahr weniger
Einnahmen aus dem Kurort zieht.
Unsere Gemeinde hat die Semstwo
schon dringend um einen Feldscher
gebeten bis jetzt blieb leider unsere
Bitte unerhört. Mit der eleganten
Handbewegung „der Feldscher muß
beim Krankenhaus sein," werden wir
heimgeschickt. So kommt es, daß
das zweitgrößte Dorf des Liebentha
ler Gebiets nichts, Großliebenthal
dagegen alles hat. Man könnte ein
wenden, daß ja Klentliebenthal im
Sommer den Kurarzt zur Verfü
gung habe. Darauf muß erwidert
werden: erstens ist der betreffende
Arzt nur drei, vier Monate in Klein
liebenthal, und zweitens läßt er sich
sehr gut bezahlen, was wir doch ei
gentlich nicht nöthig haben, da wir
ja nicht Stiefkinder der Od. Semst
woverwaltung sein wollen und keine
sein sollen. Im Winter sitzen wir
dann doch ohne Arzt, wenn gerade
die Noth am größten ist. Der Groß
liebenthaler Arzt aber ist öfters nicht
zu haben ich kenne Fälle, wo man
bei schlechtem Wege nach Großlieben
thal fuhr und ohne Arzt wieder
heimkehren mußte. Diese unnorma
len Verhältnisse sind geradezu em
pörend, und es wäre hohe Zeit, daß
die Semstwo sich unser erbarmen
würde. Nicht einmal eine Hebamme
hat Kleinliebenthal! Die Geburts
hilfe ist uneingeschränkt der „Groß
mutter" überlassen! Das mußte un
sere Gemeinde einmal ernst überle
gen. Hatte sie 500 Rbl. für Zucht
bullen ausgeben können, wird sie
doch auch die viel wichtigere Hebam
menfrage lösen können.—Der hiesige
Leseverein hat sich zum Ziele gesetzt,
gemeinnützige Bestrebungen zu un
ter stützen. Vielleicht könnte auch er in
ins Mittel treten, auf daß die Re
gelungen dieser Angelegenheiten bal
digst erfolgen. L. Häußer, fett.
Neukronenthal. Vom 10.
Januar bis zum 10. Februar waren
alle Anzeichen des Winters ver
schwunden. Weder Frost noch
Schnee war zu verspüren. Es war
nichts als Schmutz zu sehen. Die
Wege waren einfach unpaffirbar
weitn dennoch die Noth jemanden
hinaustrieb, so konnte das nur mit
vier Pferden geschehen und im lang
famsteit Tempo Schritt. Endlich
kamen auch wieder Nachtfröste, ant
Tage thaute das aber wieder auf.
So wurde die Erde endlich trocken
die Wege wurden leicht fahrbar. Seit
8 Tagen ist es trocken kalt, so daß
der Staub nur so fliegt. Man schaut
mit bangen Sorgen auf die Winter
saaten, denn gegenwärtig ist die Wit
terung höchst ungünstig für dieselben.
Soviel ist sicher, daß im Februar nie
tnaitd mit der Aussaat beginnen
wird. Ja, wenn nicht alle Anzeichen
trügen, so kamt es noch vollständig
Winter werden.
e e a u. (Samara) Im
vorigen Winter verkauften viele
Streckerauer Einwohner ihre Land
antheile, meistens an die Nachbarko
lonisten von Brunnenthal zu 100—
475 pro Dusch und traten die Aus
wanderung nach dem „gelobten"
Laude Brasilien an. Die Leute er
warten dort ein Paradies, wo die ge
bratenett Tauben in den Mund ge
flogen kommen, aber wie bitter fan
den sie sich enttäuscht, denn das Land
ist daselbst noch unbebaut, und um
zu arbeiten, ging man doch nicht nach
Brasilien. Somit sagten die mei
sten Brasilien Lebewohl und begaben
sich nach Argentinien. Aber auch
hier fanden sie das Glück nicht, denn
infolge der Mißernte waren die
Löhne hier gesunken und noch durch
den großen Andrang von Arbeitsu
chendeu blieben viele ohne Verdienst.
Die Brief an ihre Verwandten lau
ten ziemlich allgemein jämmerlich
schlecht. Dadurch löurde das Aus
wandern gehemmt und hat sich nun
ganz eingestellt. Aber jetzt geht es
an das „Baiiereiverbessern." Die
sem steht auch nichts entgegen jeder
hat sein eigenes Land, Käufer sind
auch noch da. „Ich schlachte einen
Dusch und kaufe mir Pferde und säe
mehr aus" heißt es. Gesagt ge
than. Der Dusch wird geschlachtet,
der Erlös ist 215—250 Rbl. pro
Dusch. Aber wie wird der Käufer
auch auf diese Weise enttäuscht. Bis
er das Nöthige und Unnöthige ge
kaust hat, bleibt ihm höchstens noch
für ein Gäulcheu übrig, dies aber
schreckt die anderen keinesweg ab.
Im Gegentheil, es steckt an, wie die
Krätze. So reden, träumen und hau
bellt viele und denken nicht an ihre
Kinder, die sie landlos und e^blos
machen, und die ihnen später die
Knochen am Leibe und im Grabe ver
fluchen werden. Ein Augenzeuge.
Miloljubowka, (Cherfotter
Gouvernement.) Einen schrecklichen
Tod fand das !töchterchen des hiesi
gen Einwohners Joseph Bertsch ant
26. Februar um 3 Uhr nachmittags.
Es lies mit zwei andern Kindern,
einem Knaben und einem Mädchen,
ins Thal hinab, um Erdnüsse zu su
chen. Von dort kamen sie an eine
Dammbrücke, welche theils aus fei
nem Stroh, theils aus Mist gebildet
ist. Am selben Morgen sollen zwei
unbekannte Personen daselbst vor
über gegangen sein, welche das
Stroh in Brand steckten. Die Kinder
kamen dorthin, um sich zu wärmen.
Einjedes machte sich selbst ein wenig
Stroh zusammen und legte es auf
die Gluth. So entstand eine Flam
me, von welcher die Röckchen der
zwei Mädchen ergriffen wurden, der
Knabe lief davon, als er dies sah.
Ein Mädchen konnte noch glücklicher
weise die Flammen an seinem Kleid
chen auslöschen, woraus es weinend
nach Hause lief und sich hinter den
Ofen versteckte, wo man es schlafend
fand das andere aber suchte Rettung
durch Flucht, kam jedoch nicht weit,
denn seine Kleider waren schon am
Leibe verbrannt, mit Ausnahme des
Kopftuches und der Fußbekleidung.
Bis unsere paar Leutchen herange
kommen waren, war seine Seele
schon im Jenseits. Zuletzt kam die
Mutter des Kindes an. Was für ein
Jammergeschrei und Wehklagen da
entstand, kann sich jedermann selbst
vorstellen. So mußte die trostlose
Mutter also ihr jüngstes Kind an
treffen, welches vor etwa einer
Stunde frifch und gesund das Haus
verlassen hatte.
A. Bobb.
Oekonomie Kuhn, (Jelis.
Kr.) Im Hause des verstorbenen
Pins Kuhn wurde unlängst eine
schreckliche That begangen. Im Hau
se wohnt nämlich seit dem Tode des
Pins Kuhn seine rechtmäßige Frau,
die er früher verstoßen hatte. Im
nämlichen Hose steht noch ein zweites
Hans, das von zwei Söhnen (unehe
lichen) P. Kuhns bewohnt wird.
Unlängst stand die ^6-jährige
Wittwe Kuhn eines Morgens an.ih
rem Fenster und schaute in den Hos
hinaus da krachte plötzlich ein
Schuß, der allem Anscheine nach der
alten Frau gegolten. Die Kugel
durchschlug die Scheiben und blieb
im'Holze des innern Fensterladens
stecken. Die alte Frau kam mit dem
Schrecken davon.
Welch eine ruchlose That! Sich
am Leben einer alten wehrlosen
Frau vorgreifen! Schändlich^

Der Staats-Anzeiger, Rugby, N. D., den 7. April, 1910.

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