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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, June 16, 1910, Image 2

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2.
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I Aus Rußland. 1
0+++++++++++++++++++++++40
iSttt ®t«thlMttd! Unsere Leser in Rußland
röiiiieii ben aaDrc«bctra«
für das Blatt ($2.00 ober 4 Kut cl unter .'Zuschlag der
Bersanbtkosten bei unseren tiorrejvonbenten einzah
len, welche berechtigt sind. Gelder für una zu kassiren.
Die «ewätille Prämie wird ihnen baun prviiivt zuge
ftnfct. löetlelluiifleti aus ober Zahlungen für daS
Blatt können
jederzeit
gemacht iverbcii, denn mir
nehmen Bestellungen leberzeit entgegen. Leute also,
welche das Blatt in Rußland bestellen wollen, mögen
sich getrost an unsere iforrc'yutiDeiiteit dort wenden.
Wir erlassen diese Ankündigung, um den Leuten dort
die Sache wesentlich zu erleichtern.
i e e s s u n
Spezial-Korrespondenz.
U i i I) i it i f, (Vessarabien)
den 25. Apirl.
Ich habe mid) entschlossen, auch
einmal eilten Bericht aus dieser
Stadt einzusenden, roo ich tum als
Soldat stelle und drei ^ahre dem
Kaiser dienen musj, denn meine vie
len Bekannten in Nuszland und in
Amerika wird es jedenfalls interes
fireii, etmn* von mir 511 hören.
^ch inns] fasten, dciv Soldaten leben
stefiillt mir so »weit stanz leidlich. Die
Verpflegung lässt nichts zu wünschen
übrig und namentlich das Essen ist
flut, vii'der Soldat erhält täglich ei»
Psniid Jvleifch und Mas fee und Thee
so viel er haben will.
21 18. xMprtl ereignete sich beim
(Jrerzireit ein ttnstliicksfall, dem ein
junges Menschenleben zum Opfer
siel. Das Pferd eines Offiziers,
welcher neben den Soldaten einher
ritt, scheute plötzlich, schlug aus und
verletzte einen Soldaten dermalen,
dan er auf der Stelle feinen Geist
aufgab. Gewif ein schwerer Schlag
für die armen Eltern, ihren Sohn
auf solche Weise zu verlieren. Sie
kamen hierher zur Beerdigung. Die
Mutter nahm sich das Unglück so zu
Herzen, das sie bewusstlos zusam
niensank und nach Hanse gebracht
werden miiftte.
Am 28. April fahren wir von hier
nach der Stadt Tiraspol, woselbst
wir vier Monate, also den Sommer
über, im Vager bleiben.
Die Witterung hier ist den ^eld
früchten sehr günstig. Westen haben
wir hier im Ueberslus und die
Feuchtigkeit ist stesteit sieben ^us in
das Erdreich eingedrungen. Das
Wintergetreide steht so prächtig, das
einem beim Beschauen desselben das
Herz im Üeibe lacht. Das.Störn steht
zwei Jvitfj hoch und auch das Som
mergetreide lässt nichts zu wünschen
iibrist. Möge der liebe Gott das Ge
treibe nun vor Hagel, iyeuer und
Blitz verschonen, dann giebt es hier
dieses Jahr eine gesegnete Ernte.
Auf Ostern tear id) zu Besuch in
Selz bei meinen Eltern und Ge
schwistern. v,ch verweilte dort acht
Tage auf Urlaub und es hat mir sehr
gefallen. Am Anferfteli.ingsm0rgen
spielte die Musik au der Spitze einer
Prozession, welche um die Kirche her
ummarschirte die Mädchen trugen
Blumenstöcke und der Pfarrer wurde
unter Musik vom Pfarrhaufe nach
der Kirche geleitet. Der folgende
Gottesdienst war eindrucksvoll und
ergreifend.
Auf dem Heirathsmarkt stehen Jo
hannes Dittor und Margaretha
Klein, beide aus Selz gebürtig. Die
Hochzeit soll am Sonntag stattfin
den. Johannes Schumacher verhei
rathete sich mit Marianna Schinna-
hinausgeschoben, doch werde ich 1pa=
ter berichten, wann diese stattfindet.,
alle Leser des Blattes.
e n a i e
Spczial-Korrespondenz.
rianna Welk habe» ihre .vochzeit noch schlagen und die Kostbeimer machten
Bei uns in Selz wurden die
Ostern großartig gefeiert. Das Mu
si kch or spielte am Auferstehungsmor
gen mit (1 Uhr und marfchirte um das
Gotteshaus. (Auch bereits oben be
richtet.—Red. Staats Anzeiger.)
Weißgekleidete Schulmädchen streu
ten Blumen und Sweige und sangen
unter Begleitung der Musik. Jung
und alt war auf den Bei nett und auch
viele Fremde waren anwesend. Das
Mufikchor spielte auch im Hochamte
in der toirdje, als der Pfarrer dem
Volke den Segen ertheilte und into
Ttirte nach dem Hochamte, beim Ver
lassen des Gotteshauses, einen treffli
chen Marsch. Scharenweise stand
das Volk bei der .Kirche, um den lieb
lichen Tonen zu lauschen. Es war
eine herrliche Feier.
Unser Selzer Küster, Herr Rochus
Rißlmg, der fett fahren die Kü
sterstelle verlieht und auch Schulun
terricht ertheilt, erhielt sur Eiter,
Fleiß itvd M'.che von der Regierung
in Auenettnuitst feiner lanstjahrtgett,
trefflichen Dienste, eine silberne Ver
dienstmedaille zugesandt. Herr Riß
Iiiig ist cm fleißiger und geehrter
Manu, der feiner Gemeinde nur
Greude und Frieden bringt und
Heute noch treu feines Amtes waltet.
Unser Musikchor gab am 24. und
25. weitere Theatervorstellungen.
Aus der Vorstellung vom 1. März
blieb den Musikern ein Reinertrag
von 205 Mbl.
Die Witterung ist gut und afles
steht in voller Pracht. Winterweizen
steht ausgezeichnet und auch die Som
mersaaten sehen frifch und kraftstro
tzend aus. Unter bleibenden günsti
gen Witterungsverhältnissen sehen
mir einer reichlichen Ernte entgegen.
Auch die Weinernte ist vielverspre
chend.
Ich bitte Herrn Redakteur Brandt
folgendes Gesuch aufnehmen zu wol
len Auskunft wird verlangt über
den Aufenthalt von Lorenz Schnall
von Jakob, welcher am 19. Oktober
zusammen mit Johannes Salwei ans
Selz Südruszlaud nach Amerika
auswanderte und augeblich sich nach
^ilamok (?—Red. Staats-Anzeiger)
in Oregon begeben hat. Seit seiner
Auswanderung haben weder Pater
noch Brüder je von ihm gehört. Die
Angehörige» sind sehr besorgt und
fürchten, das er nicht meljr am Lebeu
ist. (Leser die über seinen Aufent
halt Auskunft geben können, find er
sucht, diese dem Staats-Anzeiger,
NugbyNord-Dakota zu übermitteln.)
In den Hafen der hl. Ehe liefen
ein: Johannes Schumacher vou Io
Hannes mit Marianna Schumacher,
geborene jxahit Johannes Dittor
vou Peter mit Margaretha Klein
(ami) bereits oben berichtet.—Red.
Staats-Anzeiger) Kreutz Juitd von
Thimotheus mit einem geborenen
Fräulein ^aurf aus Koffakow, wenn
ich nicht irre.
Gestorben ist anfangs April Ka
tharina Jund.
Wer in dieser Gegend Südrus
lands den Staats-Anzeiger bestel
len will, kann dies bei mir thun. Ich
nehme jederzeit bereitwilligst Bestel
lungen für das Blatt entstegen.
Abomiententspreis ist 4 Rbl. auf's
Jahr. Ruszländer, welche von Ner
wandten, Freunden und Bekannten
in der neuen Welt und Neuigkeiten
aus aller Welt erfahren wollen, thun
gut, den Staats-Anzeister sich kom
men zn lassen.
Grits an die Redaktion und an
alle Leser des Blattes.
e o A n o n U e I a i n
Spezial-Korrespondenz.
(Ans der Molotschna)
Am 4. März rüsteten unsere Land
wirthe, auf's Feld zu fahren um die
Saaten zu bestellen. Die Arbeit
währte nicht lange, da hier sehr we-,
nist Sommergetreide gesäet wird,!
.7ber desto mehr Winterweizen. Wir
hatten auch gleich nach der Saat ei-,
neu fruchtbaren Regen, woraus dann
'chönes Wetter folgte und am 9.:
:'lvril öffneten sich wiederum die
Schleusen des Himmels und wir
wurden von einem durchweichenden
Regen beglückt. Das dickste Ende kam
aber erst später, und zwar am 1(.
April, an welchem Tage wir den aus-j
i e i s e n e e n a e n A i n
voller Pracht steht Feld und Flur!—|
Sur Seit der Aussaat kam Jakob
Heger des Morgens früh in den
Stall um Vorbereitungen zu treffen
aufs Feld zu fahren, aber, 0 Schre-
cher, geborene Fall.", und die ^och-! die Pferdeställe waren leer!
Zeit wurde großartig gefeiert. vo*: —^xhs Pferde waren entführt wor-1
Hannes Moser aus Kandel und Ma* ,x,u!
nnirbc
fidl auj
fiii)rten
Den jungen Eheleuten wünsche td) jBnben wahrscheinlich entwischten, ka-!
viel Glück. I nten zurück, und zwei elende, abge-!
Grün an Verwandte, ,yreundc und,
Bekannte und namentlich^an ohan- fand man eine Strecke vom
nes K'fTel tu Aberdeen ^itd-^aMo, ^orfV entfernt auf. Die Diebe mit
(Herr timet _t)t nach Vtjou tit_ end-, Veit übrigen vier Pferden ober blie-,
Dakota Otts fein Land übergesiedelt.' ^u, trotz alles Suchens und Tele-!
Red. ^taals-Anzeiger.) loroie an ^aphirens, spurlos verschwunden.
gleich Alarm ge-!
1
Suche. Sinei der cut­
Pfâ, welche den sauberen
maslerte
Klepper den Dieben ge-!
Nach einigen Wochen endlich er-1
hielt Herr Heger einen Brief, des
Inhalts, er solle zwei feiner Pferde
Aleranderowsk abholen. Die
Freude über diese Nachricht war na
tiii lia) groß und er machte sich auch
sogleich auf den Weg, die Thiere zu
linlen. Ein Jstwostschick hatte die
beiden Pferde für 200 Rubel ge
tauft und die Polizei erkannte sie aitj
•?en Brandzeichen.
Vorige Woche brannten I. He
ger's 13« oder 14jährigem Sohne,
welcher Frucht walzte, die Pferde:
durch. Er fiel vom Pferde und kam
unter die Walze, welche ihn ziemlich
übel am Kopfe zurichtete.
Am 25. April mar Weißer-Sonn
tag, an welchem die lieben Kleinen
uutt ersten Male hinzutreten zur hl.
Kommunion, um den Heiland in ihr
unschuldiges Herz aufzunehmen. Ach,
welch' ein schöner Tag!—Aber ach!
Boitin find die unschuldigen Kinder
aus der Kirche, meinen sie auch schon:
ja, jetzt sind mir stroße Bubeu und
Mädchen jetzt sind wir ja aus der
Schule! ES ist sehr traurig, aber
Thatsache, daß Tustend und Reinheit
?er Sitten bei der Jugend immer
seltener werden. Es ist wirklich ge
radezu herzbrechend, zu sehen, wie
saunt der Schule entlassene Jung
tinge und Jungfrauen sich muthwil
lig dem Verderben hingeben. Hat
nicht auch diese Seitunst schon öfters
über solch' häßliche Aufführung der
Jünglinge und Jungfrauen berich
tet? (Ja,—leider—waren und sind
wir dazu manchmal gezwungen!
Red. Staats-Anzeiger.) Was aber
mag wohl die Ursache des Uebels
seht? Kurz und bündig: die Er
Ziehung!
Grüße att Andreas Küstner in
Canada.—Durch Sie, Herr Redak
teur Brandt, habe ich erfahren, das
er nicht Leser des Blattes ist. Ich er
suche Sie, mir die Bitte nicht abzit
schiasten und ihm ein Exemplar des
Blattes, meine Korrespondenz ent
haltend zuzusenden. (Soll gerne ge
schehen.—Red. Staats-Anzeiger.)
Also, Andreas, beschaue Dir einmal
dieses Blatt! Es kostet nur $2 auf's
v,ahr und dazu verschenkt die Redak
tion auch noch die wundervollen
Wandkarten! Ich hoffe, daß auch
Du Leser wirst und Korrespondenzen
an den Staats-Anzeiger einschickst.
Schließlich möchte ich den Leuten
in dieser Umgegend mittheilen, das
ich jederzeit bereitwilligst Bestellim
geit aus den Staats-Anzeiger entge
gettnehme. Das Blatt kostet vier
Rubel auf's Jahr. Dieses uud auch
die Prämien Wandkarten sind bei
mir zu sehen.
Mit Gruß
Spezial-Korrespondenz.
W 0 s k e s e n s k 0 i, (Turkestan)
den 2. Mai.
Nun muß ich doch auch dem lieben
Blatte ein paar Seilen aus unserem
Dorfe Woffrenscttst'oi (im Turgaige
biet) zukommen lassen, um wenig
stetts zu berichten, daß der Staats
Anzeiger uns stets richtig zu Hän
den kommt.
Unsere Kolonie ist im Jahre
1902, und zwar ausschließlich von
Katholiken, angesiedelt worden. Es
sind aber Leute aus nicht weniger als
fünf verschiedenen Gegenden, sodaß
wir hier einen manchmal recht er
gö'jlichen Dialekt-Wirrwarr erleben.
Die ersten Ansiedler stammten ans
Klosterdorf: die zweiten aus der Mo
lotschna: die dritten waren Beresa
tier die vierten Alt-Kolonisten und
die fünften Tschomiefer. Also haben
wir auch hier si'tits Dialekte in unse
rer Kolonie. Die Klosterdorfer sa
gen, zum Beispiel: „Su Hause ste
hen:" die Molotschnaer: „Wollen
ham stehen die Beresaner: „Gehen
wir heent die Altkolonisten: „Wie
gehen haarn" und der Kornie sagt:
„Ja bai Du danoi."
Da dies meine erste Korrespondenz
ist, will ich damit aufhören, da ich
nicht weiß, ob sie der Redaktion ge
nehm ist, oder ob sie den Weg in den
großen Papierkorb wandert. (Es soll
uns sehr freuen, recht oft von Ihnen
zu hören und auch Ihren Verwand
ten und Freunden machen Sie durch'
solche Berichte zweifelsohne große
Freude—Red. Staats-Anzeiger.)
Su Guterletzt will ich noch meinem
Bruder Michael herzlich danken für
Snienduitst dieses wirklich unschätz
baren Blattes. Kein Geschenk hätte
eine strößere Freude mir bereiten
sönnen.
Gruß on den Bruder, sowie an
alle Leser.
e o i n o
S?czial-Kvrrcspondenz.
e i o o o u v a n i e n
den 7. Mai.
(Aus der Molotschna) Die Wit
terung ist hier andauernd günstig
und zwar sowohl fiir Gcreihen der
Feld- und Gartensrüchte, als auch
für die Viehtrift. Ja, mitunter mag
es hier auch 'mal wieder Heu geben,
besonders weitn der Mai die Witte-1
rung fortbehält wie er sie im An
fange brachte. Die alte Bauernregel:
„Kühler Mai bringt viel Frucht und
Heu" dürfte daher dieses Jahr in des
Wortes vollstem Sinne zutreffen.
Die günstige Aussicht auf eine
vielversprechende Ernte, nicht allein
bei tuts an der Molotschna, sondern
in fast ganz Rußland als auch vieler
oi'ts in anderen europäischen Län
dern, konnte aber, wie ja zu erwarten
stand, nicht ohne ungünstige Ein
wirkung aus die bestehenden Frucht
preise bleiben. Daher das stete Sin
ken derselben in letzter Seit. Win
terweizen sank von 12 Rbl. per
Tschw. auf 10 Rbl. und darunter:
Gerste, für welche man vor einiger
Seit noch bis 9 Rbl. zahlte, wird
jetzt für (I Rbl. und darunter ange
boten. Für Landwirthe, denett die
ausgezeichneten Fruchtpreife immer
noch zu gering schienen, und die in
folgedessen ihren Vorrath vom ver
flossenen Jahre nicht verkauften,
dürfte diese Erscheinung von nicht
gerade angenehmer Natur sein. Da
jedoch dieses Malheur metsteiitheils
nur wohlhabenden Wirthen passirt
thatsächlich nur solchen begegnen
kann so dürsten die Folgen nicht
von welterschütternder Bedeutung
sein. Der mehr oder weniger arme
Maim verkaufte seiner Seit seine vor
jährige Ernte freilich vielleicht
weniger aus Berechnung als gezwuu
geuermaßeu zum höchsten Preise
uud ist daher in dieser Beziehung
seinem wohlhabenden Nachbar gegen
über im Vortheil. Durch das Sin
ken der Frucht- und somit auch der
Mehlpreise, wird dem armen Manne
überhaupt das Lebeu um ein Be
trächtliches erleichtert, da mit diesem
Sinken auch der Brotkorb des armen
Ter Ztaats-Anzeiqer. R»aby. N. Dak., den 16. Juni 1910.
o s e 3 e i e
Mannes, welcher seither in fast
schwindelnder Höhe hing, um ein Be
deutendes herunterkommen dürfte,
was ihm ja sehr zu gönnen ist. Da
mit kommt der Arme dem Reichen
zwar etwas näher, wohl aber noch
lange nicht gleich und das Schicksal
wird noch sehr oft den Hobel ansetzen
iitiisten,
um beide gleich zu hobeln.
Was jedoch das Hobeln an und für
sich selbst betrifft, so ist dasselbe auch
nicht immer von Erfolg gekrönt, und
auch durchaus nicht von angenehmer
Wirkung, wie uns ja auch die Ge
schichte der französischen Revolution
von 1789 lehrt. Dort nämlich hat
bekanntlich das Schicksal nahezu fünf
Jahre lang mit der Hobelmaschine
(Guillotine) gearbeitet, um die Fran
zosen gleich zu hobeln, aber verge
bens: es mußte ausgegeben werden
und, die Franzosen ihrem eigenen
Schicksal überlassend, das Feld räu
men. Auf Gleichheit, Brüderlich
keit, Freiheit und dergleichen schönen
Dinge mehr, mußte einstweilen ver
zichtet werden. Dies, eines der
vielen Beispiele unserer Oohnmacht,
stesteit die Anordnuiisten des Allmäch
tigen anzukämpfen, sollte besonders
von allen sogenannten Umstürzlern
besonders beachtet werden. Die
friedliebenden Glieder der menschli
chen Gesellschaft können dadurch nur
gewinnen.—
Die berüchtigten Anführer einer
Räuberbande, Warannva und Frä
tow. welche schon geraume Zeit durch
freche Ueberfälle uud grausame
Raubmorde die Gouvernements
Tanrien und Jekaterinoslaw unsicher
machten, und besonders die Bewoh
ner der Dnjepr-Gegend in fortwäh
rendem Schrecken hielten, lieferten
einige Tage vor Ostern beim Dorfe
G.-Snamenka dem Melitopoler Po
lizei-Jsprawnik Matjunin und eini
gen feiner Strafchniks ein heißes
Geplänkel und leisteten hartnäckigen
Widerstand. Während des Schar
mützels wurden die beiden Anführer
der Bande getödtet und der älteste
der Strafchniken, Choruntschenko,
schwer verwundet. Ihrer Anführer
verlustig, machte sich die Bande un
sichtbar. Dies jedoch sollte ihr nicht
auf lauste Seit gelingen. Die hie
sige Polizei ist im Ausspüren solcher
Herren sehr gewandt, und so gelaug
es dieser Tage, die Bande, zwölf
Mattn an der Zahl, völlig aufzugrei
sen und in das hiesige Gefängniß
einzuliefern. Mehrere derselben nah
men an den verübten Ueberfäticn ak
tiven Antheil, und die anderen leiste
ten ihren Brüdern, durch Hehlerdien
ste und dergleichen, lediglich Vor
schub.
2ie häufigen Raubüberfälle, die
'ich besonders gleich nach dem ruf
sisch-japauischeu Kriege stark fühlbar
mochten, find in letzter Seit um vieles
seltener geworden und, was unsere
Gegend betrisst, so dürste die eben
geschilderte Begebenheit zur weiteren
Bmtbistuitst nicht wenig beitrctstcti.
Was jedoch die Gebirstsstesteitdeu des
Kaukasus anbelanstt, so dürste es
dort noch viele Mühe kosten, diesel
ben von dem daselbst einstenisteten
räuberischen Gesindel zu säubern.
Hoffentlich wird auch dies unserer
strebsamen Rcsticrititg alsbald gelin
gen und völlige Ruhe in dieser Hin
sicht wenigstens in allen Orten unse
res Reiches eintreten. Das walte
Gott!
In der Kolonie Alt-Nassau wurde
uuUiustu der daselbst wohnende 50
Jahre alte bulgarische Unterthan
Iwan Stojanow vom Blitze erschla
gen. Meinem vorigen Berichte
zufolge wurde auf dem hiesigen
Jahrmarkt ein junger Herr erschla
gen. Als ich mich später nach den
näheren Umständen erkundigte, er
fuhr ich, daß sich dieselben überhaupt
anders zugetragen hatten als mir er
zählt worden war. Der in Rede ste
hende Herr wurde nicht etwa von
Menschen ermordet, sondern von ei
item Pferde, dem er sich unvorsichti
gerweise näherte, derart getroffen,
daß er bewußtlos zu Boden
fiel und in demselben Sustande aus
gehoben und fortgebracht wurde.
Mit gütiger Erlaubniß der geehr
ten Schriftleitung des Blattes möge
mir gestattet fein, einigermaßen in's
Persönliche überzugehen, um meinem
alten Freunde und einstigen Jugend
gespielen Jakob Bernhard in Linton
Emmons County Nord-Dakota mei
nen herzlichen Gruß zu entbieten.
Möchte gerne wissen, ob er Leser die
ses Blattes ist. (Nein.—Red. Staats
Anzeiger.) Weitn nicht, dann lieber
Jakob, säume nicht länger, zu abon
nireit. Dieses Blatt verdient über
all gelesen zu werden und besonders
von den aus Rußland nach Amerika
ausgewanderten Deutschen. Mein
Bruder Joseph uud dessen Frau Ana
stasia. Deine Schwester, lassen herz
lich grüßen und bitten zugleich, Du
möchtest auf den Staats-Anzeiger
abomtiren und für denselben auch
korrespondireu. Das Blatt eignet
sich ja sehr zum Sprechsaal für die
Bewohner zweier Welttheile, in wel
chem wir unsere Gedanken gegensei
tig austauschen und unsere Erleb
nisse einander mittheilen können.
Wie schön ist das!—Und nun noch
eins, lieber Jakob dies ist aber
einzig nur für Dich. Die übrigen
Leser des lieben Blattes werden ge
beten, dies ja nicht zu lesen, damit
nicht etwa herauskommt, was ich von
meinen und Jakob's früheren Lands
teilten Despektirliches zu sagen habe.
Ich habe nämlich das verflixte Kar
tenspielen int Auge, dem unsere
Landsleute in letzter Zeit derart hul
digen, daß sie darüber jegliche andere
anständige und sowohl für sich selbst,
als auch für die Jugend nützliche und
zugleich angenehme Unterhaltungen
vernachlässigen. Während man an
derwärts Gesangvereine und Musik
chöre gründet, Leseabende und Thea
teraufführungen veranstaltet, vergeu
det man hier die Zeit mit Karten
spielen. Um sie davon abzubringen,
habe ich die Hauptspieler schon ein
mal in die Seituug setzen lassen, je
doch vergebens. Sie schimpften weid
lid) auf mich und spielten weiter!
Was bleibt also dagegen zu thun?
Mit der Seitung darf ich ihnen nicht
mehr kommen. Dennoch aber sollen
sie dieser Tage von ihrer Leiden
schaft befreit werden wenn's
klappt—wie mir mein guter Freund,
der alte Hanfriede, auf feine Ehre
versichert. Der Alte hat eben seine
Schrullen, ist aber sonst eine ehrliche
Haut, besaßt sich mit Sternkunde und
pfufcht auch der alten Sybille biswei
len in's Handwerk. Er behauptet
nämlich, der langbeschwänzte „Hat
ley'fche" ist ein sehr böser Geselle,
mit dem nicht gut Kirschen essen ist.
Sum Glück jedoch für die allgemeine
Menschheit, läßt er seine bösen Lau
nen nur an einer gewissen Klasse
Menschen aus nämlich an den
leidenschaftlichen Kartenspielern! In
Gestalt eines feurigen Drachen
kommt er bei Nacht und Nebel an
die Fenster der Spielhäuser geslo
gen, zertrümmert sie, und fuchtelt
dann mit seinem langen Schweife
den Spielern derart um die Köpfe,
daß ihnen Hören und Sehen vergeht.
Mit dieser Prodezur führt er so lau
ste fort, bis sie feierlich erklären, in
ihrem Leben nicht mehr zn spielen.—
Na, wenn dem so ist wie Hansriede
behauptet, dann gute Nacht, ihr Kar
tenspieler! Das wäre ja weit ef
fektvoller als es in die Seitung setzen
lassen, namentlich wenn man doch
nur deshalb ausgeschimpft wird—
Mit vielen Grüßen an die Leser
dieses Blattes verbleibe ich
Ergebenst
i e i W e i n i n e
Vermischte Nachrichten.
[Hue der Deutschen Rundschau für den EtaatS-Anzei
qer zusammenaestellt.I
u n e i e s u i
läum der deutschen Kolonien an
der Molotschna.—Weitn matt eine
genaue Landkarte von dein russischen
reiche zur Hand nimmt, findet matt
in den Grenzläudern rings um das
1:03c Sarenreich eine große Anzahl
von deutschen Ansiedelungen. Vom
'when Norden über die Gouverne
ments Petersburg, Nowgorod,
schernistow, Wolhynien. Bessara
Hett, Eherson, Jekaterinoslaw und
Imtrien an den Gestaden des schwar
ten Meeres ziehen sich die deutschen
Kolonien durch die slavischen Völker
::nö wenden sich dann nordöstlich
durch das Land der donischen Kosa
fett, über die Gouvernements Sara
tow, Samara, Orenburg, Turgai,
Akmolinsk bis weit hinein in die sibi
risehen Eisfelder.
Es scheint gleichsam, als hätte die
große Frau Rossia sich mit einem ger
manischen Gürtel umwunden, um int
valle der Noth gegen äußere Feinde
den Muth uud die „Wuth" (die Rö
iner nannten es „furor teutouicus")
er Nachkommen der alten Teutonen
zu erproben.
Doch der erste und nächste Sweck
der deutschen Ansiedelungen war
wohl, diese größtenteils neuerober
ten Provinzen für die Kultur zu
gänglich zu machen. Und diesen
Siveck hat die russische Regierung im
ganzen und großen erreicht. Oder
was wären die südrussischen Step
pen, wo früher nur wilde Thiere und
halbwilde Nomaden hausten, ohne
die deutschen Kolonisten? Dieselbe
Frage kann man auch auf die Wol
gagegenden ausdehnen. An der ra
schen Entwickelung und dem blühen
den Aufschwung der Städte Odessa,
vtifolajem, Berdjansk, Mariupol,
Rostow am Don im Süden und Sa
ratow an der Wolga haben die deut
schen Kolonisten ohne Sweifel den
größten Theil beigetragen. Denn
wir haben alte Städte im Seit trat
Rußland, die obschon mit einer dich
ten Bevölkerung umgeben, dennoch
in einem Jahrhundert kaum einen
bemerklichen Fortschritt in ihrer
Entwickelung aufzuweisen haben.
Viele von diesen deutschen Kolonien
I haben schon die erste Jahrhundert
i
wende ihres Bestehens meistens aber
Iinwiefern Schweigen gefeiert. In den
I letzten Jahren haben die Liebenthaler
uud Kutfchurganer Kolonien ihr hun
dertjähriges Jubiläum gefeiert. Die
Liebenthaler haben diess wichtige Er
eigniß durch Herausgabe der Ge
schichte ihrer Kolonien in zwei Wer
ken verewigt. Die Kutschurganer
haben zwar die Beschreibung ihrer
Geschichte der Nachwelt überlassen,
haben aber doch ein Progymnasium
und andere nützliche Anstalten zum
Andenken an dieses Ereigniß gegrün
det.
In diesem Jahr haben die Bere
saner und einige deutsche Kolonien
an der Molotschna das Glück, das
100jährige Jubiläum ihres Beste
hens zu feiern. Was werden nun
diese Kolonien thun, um das Att den
ken an diesen so wichtigen Seitab
schnitt ihrer geschichtlichen uud kultu
rellen Entwickelung zu verewigen?
Die Beresaner haben endlich nach
langem Sögern doch unlängst einen
Ausschuß gewählt, um die Jubi
läumsfeier in Erwägung zu ziehen.
Die Molotschnaer Kolonien, Heidel
berg, Kostheim, Leitershaufen und
Waldorf verharren aber bis jetzt in
Bezug auf ihr hundertjähriges Jubi
läum in tiefem Schweigen. Es ist
eilte schöne Sache in Stille und Be
scheidenheit feine Bürgerpflichten zu
erfüllen, es ist auch löblich und an
ständig, die deutschen Bürgertugen
den ohne großen Aufwand und Lärm
auszuüben. Aber es giebt auch Seit
ab schnitte, wo man diese Pflichten
und Tugenden eines echten deutschen
Bürgers auch laut und öffentlich vor
Gott und der Welt bekennen und be
weisen muß, ohne unbescheiden zu
werden.
Ein solcher Zeitabschnitt ist für die
obengenannten Kolonien an der Mo
lotfchna das hundertjährige Jubi
läum des Bestehens ihrer Ansiede
lung. Eingedenk dessen wäre es
wünfchenswerth, durch eine öffentli
che Feier dem lieben Gott, dem Ge
ber alles Guten, für die unzähligen
Wohlthaten, welche er ihren Vorsah
reit und ihnen selbst in dieser langen
Seit erwiesen, den gebührenden Dank
zu erstatten, und diese Dankfeier
durch eine gottwohlgefällige Stif
tung für sich und ihre Nachkommen
zu verewigen.
Es sollte deshalb von den genann
ten Kolonien ein Jubiläumskomite
gewählt werden, um über diese so
wichtige Feier zu berathen.
P. C. K.
o n e o o o w k a
^vuv. Taurien, Kreis Dnjepr.
Magst ntir's glauben oder nicht, lie
ber Freund, es ist doch so. Es war
eine erhebend würdige Feier, die be
scheidene Jubiläumsfeier des 25jäh
rigeu Bestehens unserer Kleinen Ko
lonie, die auf den 2. Mat anberaumt
war. Vor 25 Jahren kauften wir
als unbemittelte Bäuerleiit von
Frau Rosalia Jwanowna Schlippe
unser Land an, 2550 Dessj. Im
Vertrauen auf den Herren begannen
wir unserer Arbeit und der Herr seg
nete uns, mit Ausnahme der Jahre
1899 bis 1901 haben wir feine Miß
ernten zu verzeichnen, so daß heute
nach 25 Jahren kein Hungerleider
unter den 27 Landwirthen zu finden
ist. Die meisten dürften mit ihrem
Wirthschastsbestand ganz zufrieden
sein. Welche haben sich sogar sehr
gut emporgeschwungen.
Nach so reichlichem Gottessegen
sollte der Zeitabschnitt von 25 Jah
ren nicht unbemerkt vorüber gehen.
Im Herbst 1908 forderte unser theu
rer Pater P. Riedel die Gemeinde
auf, dem lieben Gott zum Dank für
seinen allmächtigen Segen während
dieser Jahre ein Denkmal, nämlich
einen Altar tu unserem Bethaufe zu
errichten. Dieser Vorschlag sand bei
der Gemeinde allgemeinen Anklang
und man bat den Herrn Pater, eilten
Plan nach seinem Gutdünken zu be
sorgen.
Ende Januar 1909 legte er uns
den Plan, ausgearbeitet von Herrn
Ferdinand Stuslesser, St. Ulrich
Groden in Tirol, nebst Kostenvoran
schlag fi 33 R. ohne Soll und Ueber
sendung, vor. Da von feiten der Ge
meinde kein Widerspruch war, wurde
der Altar fofort bestellt.
(Befunde, gtödtlidx Itinder
«st» «erwachsene Hübet
Am Onermontag brachte der Herr
(Fvnst'tzuiig auf Seite 3.)
man in
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AlpenkrLnte»
das Hausmittel ist. Er entfernt die Uneinigkeiten aus dem System
und macht neues, reiches, rothes Blut, und bildet feste Knochen und
Muskeln. Er ist besonders für Kinder und Leute von zarter Körper
beschaffenheit geeignet, da er aus reinen. Gesundheit bringenden
Wurzeln und Kräutern hergestellt ist. Ueber ein Jahrhundert im Ge»
brauch, ist er zeiterprobt und zeitbewährt.
Er ist nicht, wie andere Medizinen, in Apotheken zu haben, sondern wird
den Leuten direkt geliefert durch Sie alleinigen Fabrikanten und Eigentumer
»amilitn
wo
III

Selz, (Gouv. Eherson)
den 29. April.
K 0 stheim, (Tannen)
den 1. Mai.
DR. PETER FAHRNEY & SONS CO.,
19-85 So. Hoyne Ave., CHICAGO. ILL.

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