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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, June 30, 1910, Image 9

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UND?
Am HoitMstag.
DM OctMMMb
(8.
Fott.etzung.)
V »Ach» bummt» Zeug! Al« wem»
tb* nicht auf dasselbe hinausliefe!
Denn daß deine Mutter sich unglück
lich gefühlt hat. eS war deiner Ueber
zeugung nach doch einzig und allein
meine Schuld nicht wahr?*
„ES ist wohl das Schicksal sehr
vieler Eheleute, daß sie sich gegenseitig
unglücklich machen müssen, ohne eS
zu wollen."
„Nun denn, da du mit deinen neun
zehn oder zwanzig Jahren so merk
würdig erfahren und lebenSklug bist:
Ja, meine Ehe ist in ihren letztenJah
rett nicht so glücklich gewesen, wie
sie S nach meinem rechtschaffenen
Willen hätte sein sollen. Aber nicht
ich bin eS gewesen, der sie dazu ge
macht hat. Ich habe deine Mutter
bis zur letzten Stunde ihres. Lebens
so lieb gehabt wie an dem Tage,
wo ich sie geheirathet. Und sie mußte
daS wissen, auch wenn ich mich nicht
darauf verstand, ihr zu schmeicheln
und immer in Anbetung ihrer Schön
heit zu zerfließen. Jahrelang habe
ich mir vergeben» den Kopf darüber
zerbrochen, warum ihr mein einfa
che», aufrichtiges Wesen mit einem
Mal so unausstehlich geworben sein
könnte. Aber erst eine Woche nach
ihrem Tode habe ich die Ursache er
fahren."
Wie abwehrend erhob Margot, die
sehr bleich geworden war, die Hand.
»Erzähle mir nichts weiter, Papa!
Ich will und ich darf es nicht ho
NN."
n Aber trotz der Angst, die in ihren
Worten zitterte, ließ Wilhelm Rieck
hoff sich durch ihre Bitte nicht bett»
Mit.
V" »Ein anderer hatte sich besser da
Ittuf verstanden als ich schlichter
Handwerker, ihr schön zu thun und
Hrer Eitelkeit zu schmeicheln. Und
d»eser andere war der Mensch, den
ich sorglos durch die Thür meines
Hauses hatte ein und ausgehen las
sen, weil ich ihm vertraute wie sonst
keinem. AlS ich noch halb von
Sinnen vor Schmerz über ihren Ver
lust den Schreibtisch der Todten
aufräumte, weil ich jedes Blatt, das
ihr werth gewesen war, wie ein Hei«
ligthum aufbewahren wollte, da fand
ich einen ganzen Stoß von Briefen
und Zetteln, die dieser Schuft drei
lange Jahre hindurch an sie gelchrie
ten."
Margot preßte ihre geballten FLU'
te an die Schläfen. Und wie ein
chrei kam eS auS ihrer Brust:
»Du sollst mir nichts weiter fa*
gen du sollst nicht! Siehst du
denn nicht, wie du mich damit pei
nigst?"
»Sei unbesorgt da» schlimm
sie hast du bereit» gehört. Ich habe
alle diese Briefe von Anfang vis zu
Ende gelesen auch den letzten,
den sie erst am Tage vor ihrem Tode
von ihm erhalten hatte. Uno
habe mich au! ihnen überzeugen
tdnnen. daß deine Mutter mit nie
mals untreu geworden war im häß
lichsten Sinne de» Worte». Die
vorwürfe, die der ehrlose Hallunke
"it deshalb zu machen wagte, waren
eweis genug dafür, daß sie in die
sem einen Punkte standhaft geblieben
war aus Pflichtgefühl, nicht aus
Liebe zu mir. Eine halbe Stunde,
nachdem ich mit dem Lesen fertig
geworden war, kam Alexander Rot
fer ahnungslos zu mir in meine Woh
nung. Ich hatte mir schon die EU
fenstange zurechtgelegt, mit der ich
ihn, wenn er nicht gekommen wäre,
nachher im Fabrikkontor todtgeschla
ien haben wurde. Und daß er trotz
lebendig wieder fortgehen durfte,
er hatte e» niemand zu danken als
dir/
4. »Ich weiß ich weiß! Glaubst du.
Klß ich es jemals vergessen könnte,
wie ich dich mit dem zum Schlag
erhobenen Eisen auf ihn zustürzen
sah, nachdem mich der Lärm eurer
streitenden Stimmen au» einem Ne
benzimmer herbeigerufen hatte? Und
wir wollen noch heute dem Himmel
dafür danken, Papa, daß du damal»
durch meine Dazwischenkunft davor
bewahrt geblieben bist, zum Mörder
zu werden."
»Nun, ich bin nicht so sicher, ob e»
nicht doch vielleicht besser gewesen
wäre, ich hätte ihm in jener Stunde
den Schädel eingeschlagen. Al» ich
test einmal den rechten Augenblick
dazu hatte vorübergehen lassen, war
ich ja verurtheilt, ihm gegenüber mein
Leben lang die jammervolle Rolle de»
Beschimpften und Gedemüthigten zu
spielen."
»Warum hast du ihn nicht zum
Zweikampf gefordert, Papa, und ihn
da niedergeschossen? Das wäre dein
gutes Recht gewesen. Und in einem
richtigen Fieber wartete ich von Tag
Ii Tag darauf, daß du e» thun wür-
»Du wertetest darauf —damals
tntt deinen dreizehn Jahren? Ja,
wußtest du denn überhaupt, um Iva»
es
sich zwischen mir und ihm gehan
delt hatte?"
"v »Ihr hattet e» mir leicht genug ge
Macht, e» zu errathen. Denn al»
«r gegeneinander tobtet, dachte keiner
von euch daran, den Namen der
Todten zu schonen."
»Und da meintest du, ich solle ihn
tum Duell fordern ich, der ich nie
in meinem Leben eine Pistole oder
einen Säbel in der Hand gehabt hat«
te! Wie es scheint, meinst du sogar
noch heute, daß ich es hätte thun sol
len."
»Ja, daS meine ich. Und ich weiß
jedenfalls, daß ich es zur gegebenen
ßeit statt deiner gethan hätte, wenn
ich nicht unglücklicherweise nur ein
Weib wäre."
»DaS sind phantastische Ueber
spanntheiten. Gut für vornehme Ta
gediebe, aber nicht für einen einfa«
chen Handwerker, tym Gott seine ge
sunden Fäuste gegeben hat, damit et
aus der Stelle dreinschlägt, wenn ihm
einer an seine Ehre greift. Ich hat
te genug an meinem Kummer und
fühlte wahrlich kein Verlangen^ mich
noch obendrein mit der Schmach der
Lächerlichkeit zu beladen."
»Darum gingst du lieber, nachdem,
der erste Zorn verraucht war, nach
wie vor in die Fabrik und machtest
gemeinsame Sache mit dem Menschen,
der dir deine Frau hatte stehlen wol
len."
Wilhelm Rieckhoff hatte wohl kein
allzu feines Ohr für die seelischen
Regungen, die sich im Tonfall einer
menschlichen Stimme offenbaren kön
nen. Die verächtliche Bitterkeit aber,
mit der Margot ihm die Worte gleich
sam vor die Füße warf, fühlte er
doch. Und er fuhr nicht in lodern
dem Zorn auf die Tochter los, die die
Pflichten kindlicher Ehrfurcht so weit
vergessen konnte, sondern wie einer,
der die Nothwendigkeit einsieht, sick
zu rechtfertigen, sagte er:
»Ja, ich bin nach wie vor in die
Fabrik gegangen, weil ich damals
nicht hätte weiterleben können ohne
die Arbeit, bei der ich wenigstens auf
Stunden meinen Schmerz und mein?
Schande vergessen konnte. Aber zwi-
sehen Rotter und mir tst bis zu dem
Tage, wo unser Sozietätsvertrag ge
löst wurde, kein Sterbenswörtchen
mehr gesprochen worden. WaK wir
uns im Interesse des Geschäfts mit
theilen mußten, ging immer durck,
Mittelspersonen von einem zum an
dem. Und wo ich ihm begegnete,
da spie ich vor ihm auS wie vor ei
item ekelhaften Gewürm."
»Er aber sparte sich die Vergeltung
auf, bis er alle Beleidigungen auf
einem Brett heimzahlen konnte. Und
Alexander Rotter kannte deine Schwä
che so gut, daß er dir lediglich um
des Vergnügens willen, sich mit eige
nen Augen an deiner Demüthigung
zu weiden, sogar die Möglichkeit os
sen ließ, seinen Racheplan zu schänden
zu machen. Hättest du ihm die arm
selige Summe gegeben, von der Her-,
bett8 Rettung und mein Lebens
glück abhing und hättest du dann
mit ironischem Lächeln den Genarrten
zu meiner Hochzeit geladen, so wä
rest du der Triumphirende gewesen,
nicht er."
Rieckhoff machte eine abweisende
Handbewegung.
»Ueber diese Sache rede ich nicht
mehr. Ich habe gehandelt, wie ich
mußte und wie ich immer wieder han
deln würde. Das ist vorbei und ab
gethan für immer. Der Mensch
aber, mit dem ich dich heute im Stadt
park sah eS ist also nicht Rotter
gewesen?"
„lind wenn er'S gewesen- wäre
müßte ich dir deswegen erst noch
ausdrücklich versichern, daß er mein
Todfeind ist wie deiner daß ich
ihn hasse wie du nein, tausendmal
wilder und tödtlicher al» du!"
Er brauchte ihr nur in die flim
mernden Augen zu sehen, um gewiß
zu fein, daß sie ihn nicht übet ihre
Empfindungen belog. Aber er hatte
aufgehört, den Zusammenhang der
Dinge zu begreifen.
„Du sagst, er sei dein Todfeind,
und trotzdem triffst da an abgelegener.
Orten mit ihm zusammen?"
Statt der Antwort verließ Margot
den Platz, aus dem sie so lange bei
nahe unbeweglich gestanden, und glitt
neben dem Schreibsessel ihre» Bater»
auf den Boden nieder.
»Du weißt, daß ich nicht oft
meinem Leben um etwa» gebeten ha
be," sagte sie mit eigenthümlich be
legter Stimme. »Und wa» ich jetzt
auf meinen Knien von dir erbitte,
ich schwöre, daß e» baC letzte sein
wird, was du mit als einen Beweis
beinet väterlichen Liebe gewähren
sollst. Laß unS von hier fortgehen.
Papa bald unb für immer! Ich
kann eS nicht mehr ertragen, unter
biefen gräßlichen Menschen unb in
bet Nähe Alexanders Rottet» zu le
ben."
Bielleicht war ihre überraschende
Bitte seinen eigenen geheimen Wün
scheu entgegengekommen, denn e»
klang keineSweg» unwillig, da et frag
te:
»Und wohin wenn ich versuchen
wollte, meinen hiesigen Besitz lo» zu
werden, wohin sollten wir gehen?
»ES gibt so wunderschöne, stille
Plätze in der Umgebung von Mün
chen. Erinnerst du dich nicht mehr
an dein Entzücken, alS wir einmal
vor Jahren zu Fuß da» Jkatthal
durchwanderten? Dort würde sich ge
wiß leicht etwa» Geeignete» für unl
finden."
»Sieh' auf, Margot!" befahl et.
»ES hätte kernet theatralischen Mit
tel bedurft, um mich einem solchen
Wunsch geneigt zu machen. Wal
sollte mich denn am Ende zurückhalten
in einer Stadt, wo ich nicht mehr
weiß, wem ich noch in die Augen
sehen darf, und wem nicht. Ins
Ausland und über die Grenzen mei
ner bayrischen Heimath hinaus gehe
ich nicht. Aber in die Nähe von
München das läßt sich überlegen.'
Am Abend dieses TageS fand
Alexander Rotter bei der Heimkehr
in seine Privatwohnung Margots ver
sprochenen Brief. Und et lautete:
»Mein Vater hatte Sie heute
dennoch erkannt. Und weil et je
den weiteren Verkehr zwischen uns
unmöglich machen will, besteht et da
rauf, daß wir an irgend einen ande
ten Ort innerhalb Bayerns übet
siedeln. Ich darf nicht versuchen, ihn
endeten Sinnes zu machen, wenn ich
seinem Mißtrauen nicht neue Nah
tung zuführen will. Und wir müssen
aus demselben Grunde bei weiteren
Zusammenkünften die peinlichste Vor
ficht beobachten. Sie haben ja nicht
die Absicht, mir mein häusliches Le
ben noch unerträglicher zu machen,
nicht wahr? Ich werde Ihnen also
erst in einigen Tagen, vielleicht sogar
erst nach einer Woche einen Vorschlag
wegen einer neuen Begegnung ma«
chen können. Versuchen Sie nicht,
sich mir vorher zu nähern. Was
kann Ihnen daran liegen, wenn wir
uns vorerst nur selten sehen, da Sie
meiner ja so gewiß find!
Wortlos kam Eva ihrem Verlangen
nach. Nichts mehr von der frischen,
heiteren Art war in ihrem Wesen
langsam kam sie durch das Zimmer
und setzte sich auf den Stuhl neben
der Mutter.
Tieftraurig sah Frau Willisen sie
an. Und dann nahm sie die Rechte
der Tochter in ihre beiden Hände.
»Kind," sagte sie, „hast du denn
daS Vertrauen zu mir verloren
sollen wir uns wirklich entfremden?
Du hast kaum gesprochen in den
letzten Wochen. Und ich kann es nicht
mehr mit ansehen, wie du immer elen
der wirst. Glaubst du nicht, daß es
leichter für dich ist, wtyn wir -uns
offen aussprechen?"
Eine dunkle Gluth hatte bei ihren
ersten Worten das Antlitz des jungen
Mädchens gefärbt. Jetzt hob sie den
fagte
^senkten Kopf, und leidenschaftlich
sie:
»Habe ich eS denn nicht gewußt,
daß mit diesem Menschen da» Unglück
kommen wird? Wie soll ich anders
sein, wenn ich unter dem Zwange
leben muß, zu lügen und mich zu ver
stellen? Ich kann es nicht ich kann
eS nicht mehr. Vier Wochen schon
lebt er nun bei unS und noch hat
er nicht davon gesprochen, daß er fort
gehen will."
.Abet wit können ihn doch nicht
auf die Straße fetzen jetzt, nach
dem wir ihn einmal aufgenommen
haben. Er wird ja gehen nur ein
wenig Geduld mußt du noch haben."
»Ach ich bin nicht so seht gedul
dig. Wie soll ich geduldig fein, wenn
ich sehe, wie et uns beiden das Leben
verdirbt. Weshalb ist et denn noch
hier? Et hat un» gesagt, daß er
keine Verfolgung mehr zu fürchten
hat daß man nicht gegen ihn vor
gehen wird. Da braucht er sich doch
auch nicht mehr zu verbergen. Sieht
et denn nicht, wie et unS zur uner
träglichen Last wird?"
»Ich habe ihm versprochen, keine
Frage nach der Art feinet Verfehlung
u stellen, und ich will mein Wort
ort halten. Seltsam ist e» ja frei
lich. Und wenn et sich mein Bet
ttauen nicht verdient hätte
»Ich glaube nicht mehr daran, daß
et dein Vertrauen verdient. Et mag
ja kein schlechter Mensch sein aber
ich glaube, et hat gar keinen Charak
ter und kein Ehrgefühl. Wa» er auch
gethan haben mag wie kann er
seine junge Frau am Hochzeitstage
verlassen! Unb es muß wohl boch
etwa» seht Schlimme» gewesen fein,
baß sie so gar keinen Versuch machen
läßt, ihn au»finbia zu machen."
Ftau Willisen sah sie erschrocken
an.
.Hast bu e» auch erfahren? Ich
wollte nicht, baß bu e» wüßtest."
Dtt Staals.««Mtt, RuM Mo. Tak., den 30. Juni. 1910
Margot."
Rotter pfiff vor sich hin. als er ge
lesen. Dann fetzte er sich an den
Schreibtisch. Und der Brief, den er
eine halbe Stunde später selbst in
den Kasten warf, trug die Adresse:
»Fritz Reupett. Auskunftei und.
Detektiv Bureau in Berlin." i
12. Kapitel.
In Hut und Jacket betrat Ev,
daS Wohnzimmer. Sie war blaß
und schmal geworden, und die seinen
bläulichen Schatten unter ihren Au
gen zeugten von schlaflosen Nächten.
Still küßte sie die Mutter aus die
Stirn und wie eS seit Wochen ihr:
Gewohnheit war, wollte sie sich mit
leisem Gruß entfernen.
Frau Margarete Willisen aber ha:
te die Näharbeit, mit der sie beschäf
tigt gewesen war, bei Seite gelegt.
Ihre Hände zitterten, und die kum
mervollen Linien in ihrem Antlitz ver
tieften sich, als sie ihre Tochter zu
tiickrief.
»Eva!"
Mit einer müden Bewegung wandte
sich das junge Mädchen ihr zu. Ab«
sie blieb neben der Thür stehen, nach
deren Griff sie schon gefaßt hatte.
»Ja. Mama?"
„Es ist noch sehr früh, in da»
Bureau zu gehen, untx du könntest
mit wohl eine halbe Stunde schenken.
Komm leg' deine Jacke noch einmal
ab und setz' dich ein wenig zu mir."
I
I
»Ich habe eS in der Zeitung geie
fen daß ich in den Blättern nach
seinem Namen geforscht habe, ist ooch
wohl verzeihlich. Und seitdem ich das
weiß, habe ich fast ein Grauen davor,
in feine Nähe zu kommen. Und ich
hätte ja doch geschwiegen wenn ich
nicht lügen und heucheln müßte. DaS
aber ertrage ich nicht mehr. Ich zit
tere davor, daß Doktor Gerling
kommt, ich wage in seiner Gegenwart
nicht mehr zu sprechen, immer muß
ich Todesängste ausstehen, daß et
nicht mit diesem Menschen zusam
mentrifft. Gerling ist so gerade und
offen et schenkt uns fein ganzes
Vertrauen, und wir wir müssen
ihn fortwäwährend hintergehen unb
täuschen. Nur, um einen einen
fremden Menschen vor bem Gefängniß
zu retten."
Die Mutter faßte ihre Hanb ganz
fest. Unb in zärtlicher Sorge suchte
sie ihrem Blick zu begegnen.
»Daß es gerade Doktor Gerling ist,
ben du belügen sollst macht dir daS
so großen Kummer?"
Da schluchzte Eva fassungslos auf
und legte ihr thränenüberströmtes
Gesicht auf die Hände der Mutter.
Ihre Schultern bebten in dem ver
zweifelten Weinen wie Fieber
schauer schüttelte es ihren schlanken
Körper. Hilflos gab sie sich dem
Schmerze hin all das Leid der letz
ten Wochen strömte sie aus in diesen
Thränen. Frau Willisen neigte sich
herab, sie auf das schimmernde Blond
haar zu küssen. Dann umfing sie sie
unb zog sie an ihre Brust.
»Ja wenn es so ist, Kind, dann
muß er fort," sagte sie leise, und eine
Hülle verstehender Mutterliebe lag in
ihrem Ton. »Er soll nicht bleiben,
wenn er dein Lebensglück zerstören
kann. Sei nur ruhig du sollst
nicht länger lügen müssen."
Eva schmiegte sich innig an sie.
»Mutter Mutter!" stammelte
sie. ..Wenn ich es nur Gerling sagen
dürfte dann könnte er ja bleiben.
Ich will ihn nicht unglücklich machen,
gewiß nicht. Nur die Heimlichkeiten
kann ich nicht mehr ertragen."
»Laß es nun meine Sorge fein.
Ich sehe ein. daß wir es nicht mehr
durchführen können. Und wenn er
keine Verfolgung mehr zu fürchten
hat, dann mag er auch irgendwo an
ders hingehen nur für einige Tage
habe ich mich ihm ja verpflichtet."
„Ich danke dir!" flüsterte Eva. und
noch einmal preßte fie die Mutter
innig an sich. Dann stand sie auf
und ordnete ihr wirres Haar.
»Aber ich muß gehen," sagte sie mit
einem schwachen Versuch, den alten
heiteren Ton wiederzufinden. „Der
Vorstand nimmt es sehr ungnädig
auf, wenn man zu spät kommt, und
es ist so weit hinaus bis nach Bogen
hausen."
Sie ging noch einmal in das ge
meinsame Schlafzimmer der beiden
Frauen hinüber, mit einem feuchten
Tuch die Thränenspuren zu ver
wischen. Ganz zaghaft schlug sie da
bei ein paar Akkorde auf dem Klavier
an.
Die Mutter lächelte wehmüthig.
»Das Klavier sagte sie. »Du
hast es in den letzten Wochen auch
nicht angerührt.
Ungestüm umschlang Eva ihren
Nacken.
»Ach, Muttchen du mußt mich
nicht für undankbar halten. Ich weiß
I ja, wie schwer es dir wird, die Raten
I zu bezahlen. Und später wenn
I
I
wir erst wieder allein sind dann
werden wir wieder Freude daran
I haben nicht wahr?"
Sie schlüpfte in ihr Jackett und
I machte sich auf den Weg. Und eine
I
halbe Stunde später schickte sich Frau
Willisen zu dem schweren Gang in
daS Zimmer des Hausgenossen an, der
I so viel Unruhe und Kummer in ihr
Leben getragen hatte.
Wie ein Einsiedler hatte Herbert
Frank in der Kammer gelebt, die st»
ihm eingeräumt hatte. Hierhin wa
ren ihm feine Mahlzeiten gebracht
worden, und niemals hatte er das
schmale Stübchen, dessen enge vier
Wände ihm wohl so drückend und so
unerträglich geworden sein mochten
wie die Mauern eines Gefängnisses,
während des Tages verlassen. Fast
immer hielt er sich eingeschlossen, und
nur an den Abenden hatte er sich
auS dem Hause gewagt. Sein Aus
sehen aber hatte Frau Margarete
Willisen gelehrt, an die Worte zu
glauben, die er bei seinem Kommen
gesprochen daß er sehr hart für
feine Verfehlung bestraft war, auch
wenn et der Verfolgung des Straf
richterS entging. So stark konstrastir
te die scheue und unsichere Art, die
et allgemach angenommen hatte, mit
bet früheren bezwingenden LiebenS
Würdigkeit.feines Wesens, daß die al»
teDame sich desMitleids mit ihm nie
mals hatte erwehren können, so oft
sie ihn au Gesicht bekam. Sie war
bisher nicht in die peinvolle Nothwen
digkeit versetzt worden, ihn für den
verschollenen Neffen auszugeben, denn
et war den Wenigen, die zu ihr in
die Wohnung gekommen waren, nie
mal» zu Gesicht gekommen, und es
war bei feinet fast übertriebenen Vor
sicht nicht schwer gewesen, feine Ab
wesenheit auch vor dem Polizeiarzt
verborgen zu halten. Hatte Doktor
Gerling doch auch in der letzten Zeit
feint Besuche wesentlich eingeschränkt
und es war sicherlich das veränderte
Benehmen der beiden Frauen, daS
ihn dazu veranlaßt hatte. Für ibn
gab e» ja keine hinreichend Erklärung
bits
er Veränderung, unb et mußte
sie nothwenbig auf feine Person be
ziehen.
Als Frau Margarete jetzt übet ben
Flur ging, hörte sie Herbert Frank
in feiner Kammer mehrmals laut unb
heftig husten. Vor der Thür blieb
sie noch einmal zögernd stehen ihrer
weichen und gütigen Seele wollte das
Vorhaben, den Bedauernswerthen über
die Schwelle zu weisen, fast als eine
Unmöglichkeit erscheinen. Aber e»
blieb ihr ja keine Wahl mehr, unb
sie klopfte an.
Eine heisere Stimme war e», bit
ihr von brinnen Antwort gab.
»Wer ist ba?"
»Ich bin es, Herr Frank. Könn
te ich nicht auf einen Augenblick mit
Ihnen sprechen?"
»Wenn es Sie nicht stört, baß ich
im Bett liege, so kommen Sie bitte
herein," tönte es zurück, und man
hörte t» dem Klang der Stimme an,
daß dem jungen Manne das Sprechen
schwer wurde. „Ich habe noch nicht
ausstehen können ich fühle mich
nicht ganz wohl."
Frau Willisen erschrak so heftig,
daß ihre Glieder zitterten. An die
Möglichkeit, daß der Unglückliche in
ihrem Hause erkranken konnte, hatte
sie niemals gedacht und die Vor
stellung hatte etwas so Niedetschmet
tetndes für sie, daß sie es kaum wag
te. der Aufforderung zum Eintritt
Folge zu leisten.
Herbert Frank machte einen Ver
such, sich ein wenig in seinem Lager
aufzurichten und ihr die Rechte ent
gegenzustrecken. Aber ein Hustenan
sall. der seinen ganzen Körper schüt
leite, zwang ihn aus die Kissen zurück.
Er preßte das Taschentuch auf die
Lippen unb toanbte bas Geficht der
Wand zu an bet Art, wie sich feine
Hanb in die Bettbecke grub, sah Trau
Willisen, daß er heftige Schmerzen
leiden mußte. Und als et dann lei
se stöhnend die Hand mit dem Tuche
sinken ließ, hätte sie soft aufgeschrien.
„Blut!" sagte sie entsetzt und ver
gebens bemüht, ihr furchtbares Er
schrecken zu verbergen. »Um Gottes
willen, Herr Frank was ist Ih
nen?"
Mit einem Ausdruck naiven Grau
ens hatte et auf den dunkelrothen
Flecken gestarrt.
»Blut!" wiederholte et mechanisch.
»So muß es doch wohl schlimmer
um mich stehen, als ich glaubte. Die
ser Husten dieser schreckliche Hu
sten! Wenn Sie wüßten, wie es
mich die ganze Nacht gequält hat."
Er war noch bleicher als sonst,
aber das blasse Gesicht mit den gro
ßen Augen war auch heute von be
stechender Schönheit. Daß er ein
Verbrechen begangen haben sollte
es dünkte Frau Margarete so unmLg
lich. wie es ihr stets unmöglich er
schienen war, wenn sie sich ihm Auge
in Auge gegenüber befunden hatte.
Und daß er offenbar schwer krank
war, ließ sie alles andere vergessen.
Sie dachte nicht mehr an die unab
sehbaren Folgen, die eS für sie ha
ben konnte, sie fühlte nur Mitleid
mit ihm und Sorge um fein Leben.
„Wenn es so ist, Herr Frank,"
sagte sie angstvoll, „meinen Sie da
nicht, daß Sie fich besser in ein Kran
kenhaus begeben?"
Ungestüm fuhr er auf. Zwei
hektisch rothe Flecken brannten auf
feinen Backenknochen, und heftig stieß
er hervor:
»Niemals niemals Wollen
Sie mich auf die Straße setzen
jetzt, wo ich krank bin? Aber frei
lich es macht Ihnen wohl zu viele
Unbequemlichkeiten. Und es kann
Ihnen ja am Ende gleichgültig fein,
ob ich in der Gosse umkomme- Denn
wenn Sie mich hinauswerfen daß
ich nicht in ein Krankenhaus gehe,
schwöre ich Ihnen."
Frau Margarete sah ihm gerade in
die Augen. Er versuchte, den Blick
trotzig zu erwidern, aber es wollte
ihm schlecht gelingen.
»Ich glaube, daß Sie später selbst
einsehen werden, wie unrecht sie mir
gethan haben," sagte sie ernst, und
ihre Ruhe war beschämender für ihn,
als es eine zornige Antwort hätte
fein können. „Ich will nicht mit
Ihnen rechten ich sehe ja, daß Sie
krank sind. Und eS ist doch unmög
lich, daß Sie ohne ärztliche Behand
lung bleiben."
Ihre gütige Freundschaft tührte
ihn tief. Und wie feine impulsive
Natur, der et keinen Widerstand ent
gegenzusetzen vermochte, ihn vorhin zu
der leidenschaftlichen Anklage hinge
rissen hatte, so zögerte er jetzt auch
keinen Augenblick, fein Unrecht wieder
gutzumachen.
„Verzeihen Sie!" sagte et freimü
thig. »Ja ich habe mich häß
lich benommen. Aber ich ich
weiß wohl wirklich nicht recht, was
ich sage. Und die Vorstellung, hier
fort zu müssen, hatte mich fast von
Sinnen gebracht. ES kann keine
ernste Krankheit fein, Frau Willifen
eS wird gewiß vorübergehen. Ich
ich fühle mich ja bi» auf ben Hu
sten ganz wohl."
Sie brauchte ihn nur anzusehen,
um zu wissen, daß er nicht die Wahr
heit sprach. Aber sie erhob keine
Einwendungen mehr, sondern erhob
{ich, um ihre Hand auf feine Stirne
zu legen.
»Sie müssen doch furchtbare Kopf
schmerzen haben," sagte sie Moll
ich Ihnen nicht etwa» Klihle» zu«
Auflegen bringen?"
»Ja mein Kopf thut mir wohl
sehr weh." gab er zu »Aber Sie
sollen sich wirklich keine Mühe ma
chen."
In ihrer stillen, geräuschlosen Art
sorgte sie für ihn, und et fügte sich
dem, wa» sie that, wie ein Kind.
Eine kalte Kompresse legte sie ihm
auf die Stirn und ordnete seine Kis
sen, und er sah dankbar zu ihr auf.
»Sie sind gegen mich wie eine
Mutter," sagte et. »Und eS wärt
wohl etwas anderes aus mir gewor
den, wenn ich so eine Mutter gehabt
hätte."
»Ja e» wäre gut für Sie ge
wesen. Aber nun lassen Sie un»
noch einmal in aller Ruhe miteinander
sprechen, und regen Sie sich nicht wie
der auf. Sie haben mit gesagt,
daß Sie keine Verfolgung mehr zu
fürchten hätten. Weshalb wollen Sit
sich dann noch so ängstlich verber
gen?"
In neu erwachender mißtrauischer
Angst hing fein Blick an ihren Lippen.
Und hastig entgegnete er:
»Ich vermag es Ihnen nicht voll
kommen zu erklären aber ich müßte
in der That von neuem vor einet
Verfolgung zittern, sobald ich au*
meiner Verborgenheit hervorträte.
Und wenn Sie mich bei sich behalten
wollen, so bitte ich Sie inständig,
mich mit Fragen nicht zu quälen."
Schweigend verließ Frau Margare
te das Zimmer. Draußen vor der
Thür blieb sie stehen und preßte bei
de Hände gegen die schmerzenden
Schläfen. Sie hatte es dem Kran
ken nicht zeigen wollen, wie verstört
sie war in Wahrheit aber wußtt
sie sich kaum noch zu rathen.
E» war natürlich ausgeschlossen,
den Leidenden ohne ärztlichen Beistand
zu lassen. Ob er es wollen mochte
ober nicht: sie bürste biese ungeheuer
liche Verantwortlichkeit nicht auf sich
laden. Jeder Laie mußte ja erkennen,
daß es sich um viel mehr als um ein
vorübergehendes Unwohlsein handelte.
Es konnte sich bessern oder verfchlim
metn das lag in des Schicksal»
Hand. Sie mußte sich auf da»
Schlimmste gefaßt machen und mußte
damit rechnen.
Langsam ging sie in das Wohnzim
mer zurück. Sie sah sich um in dem
Raum, der ihr plötzlich seltsam leer
unb kalt erschien, unb ein Gefühl be
mächtigte sich ihrer, als sei sie hier
fremd geworden. Es waren noch die
selben Möbel, die zum großen Theil
aus dem Haushalt ihrer Eltern stamm
ten, dieselben Bilder und gerahmten
Photographien an den Wänden, diesel
ben Nippessachen aus dem altmodisch
verschnörkelten Spiegelfchrank. Nut
die Gedanken waren anders geworden,
die sie beschäftigten. Viel Leid hatte
sie im Leben erfahren, viel bittere Noth
hatte sie durchkämpfen müssen. Hiet
glaubte sie endlich Ruhe gesunden zu
haben jene köstliche. wundersameRu
he des Alters, die das Begehren ver
lernt hat und dock noch theilnehmen
kann an den Freuden und Leiden an
derer.
Und nun
Nun war etwas Häßliches hier tbt*
gezogen. Der Geist eines rätselhaften
Verbrechen" zox durch die Räume»
Angst, Lüge und Verstellung hatten ei
ne schreckliche H-rrfchast angetreten.
Und wenn sich wenigsten» nur um
sie gehandelt hätte, die alte Frau
aber ihre Tochter, das einzige Glück,
das ihr vom Schicksal gelassen war
sie sollte darunter nicht leiden.
Ihre junge Seele sollte nicht leiden
unter der Berührung mit menschli
cher Schwäche unb Niedrigkeit. Nun
traf sie die Erkrankung Herbert
Franks wie ein Schlag, gegen den
sie sich nicht zu wehren vermochte,
der sie ohnmächtig fand.
Und dieser Schlag zwang sie zu
einer Lüge, die ihre Empfindungen
verletzte wie keine andere. Sie tonn*
te ja nicht zu einem Fremden ge
hen nur an einen einzigen Arzt
konnte sie sich wenden. Und sie
mußte das Versprechen halten, das sit
dem Unglücklichen gegeben, der drin
nen in seinen Kissen jetzt alle Qua
len einer marternden Furcht durchle
ben mochte. Sie mußte Doktor
Gerling aussuchen und ihm erzählen,
daß es ihr Neffe, der verschollen ge
glaubte Sohn des Bruders ihre»
Manne» sei, zu dem sie ihn führen
wollte.
Vergebens zermarterte sie sich den
Kopf in dem Suchen nach einem an
deren AuSweg. ES gab keine Mög
lichkeit als diese und schweren
Herzens schickte ßt sich zum Auf»
brück) an.
(Fortsetzung folgt.)
Unterscheidung. »Wir ha
ben unS lange Jahre nicht gesehen, al
ter Freund waS machen Ihre Töchter?
Jetzt ist auch wohl die jüngste schon
längst verheirathet?" .Leider nicht
die wird wohl sitzenbleiben!" „Unb
die andern?" »Die sinb bereit»
sitzengeblieben!"
Feinet Geschmack. Milch
hänblet (vom Dorfe, zur Alten): »Da»
muß man sagen, an feinen Geschmack
haben dö Städter gestern hab' V mal
statt, wie sonst, Brunnenwasser, Regen
Wasser in die Milch gegeben, gleich ha
ben überall g'sagt, die Milch schmeckt
anbttfl"

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