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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, July 28, 1910, Image 3

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v'
Nachrichten^
'â' (Fortsetzung von Seite 2)
'-n'i ,„
/Die Einnahmen des Theater?
üibends betrugen 158 Rbl. 50 Kop.,
die Allsgaben
t—66
R. 50 Kop. Der
Reingewinn—91 'Rbl. 55 Kop. ist
für die Kasse des Kutschurganer Bil
oungsvereins bestimmt.
Die Erilteailssichteil sind immer
noch günstig, nach Fronleichnam
wird die Ernte beginnen.
—Rochus.
a
n n
et m, den 12. Juni
1910. Hellte fand bei uns eine Ber
sammlung der Wolostabgeordneten
unseres Rayons statt. Den Vorsitz
führte der örtliche Landvogt Herr
Maiborodow. Er that der Versarnm
lung folgendes kund: Schon seit
drei Jahren steht die Frage, betref
send den Wolostbau, offen, ohne daß
man bis dato zu einem günstigen Re
sultate gelangen konnte, weil man bei
der Wolostversammlung eine gesetz
liche Zustimmung zum Baue eines
neuen Wolostgebäudes nicht erreichen
sonnte. Auf Verfügung des Gou
Verneurs wurde das Mannheimer
Wolostgebäude durch einen abgeord
neten Gouvernementsarchitekten ei
ner Besichtigung unterzogen und da
rüber ein Akt ausgestellt, aus wel
chem ersichtlich ist, daß das betref
fende Gebäude seinem Zwecke gar
nicht entspreche und zu wohnen da
selbst lebensgefährlich sei. Diesbe
züglich soll die Wolostversammlung
Mittel und Wege ausfindig machen,
zwecks Ueberführung der Wolostver
waltlNlg in ein anderes Gebäude, da
von der betreffenden Behörde das
Belassen der Wolostverwaltung in
dem bestehenden Gebäude gänzlich
ètersagt ist.
Nach längere» Debatten wurden
von der Wolostversarmnlnng 8000
Rbl. zum Baue eines neuen Wolost
gebäudes asfigmrt und der Wolost
i Verwaltung anheimgestellt, ein ent
sprechendes Quartier für eine zeit
weilige Unterbringung der Wolost
kanzlei zu miethen. Weil aber das
gegenwärtig bestehende Wolostge
bäude doch iio(h ein repräsentables
x{ Gebäude ist, in welchem, nach einer
gründlichen Restauration ein Ortsbe
wohner noch wohnen, und welches so
mit noch für eine bedeutende Summe
verkauft werden könnte, wurde be
schlossen, die Mannheimer Dorfgc
rneinde zu bitten, den brachliegenden
Platz bei der Dorfverwaltung als
Banplatz für das neue Wolostgc
bäude der Ballkommission zur Versii
S gillig zu stellen. Auf diese Art und
1 Weise könnten die Baukosten des
neue» Wolostgebäudes um mehr als
ZOOORbl. vermindert werben. Es ist
mit Bestimmtheit zu hoffen, daß die
Mannheimer Dorfgemeinde diesen
Platz, welcher doch brach liegt, zu die
fem Zweck opfern wird, umsomehr,
da die Gemeinde dabei den Vortheil
genießt, die Wolostverwaltung in ih
rer Mitte haben.
.. Ignatz Schneider
E i n e A u s z e i n u n
Saratow, 10. Juni. Zufällig
wurde mir mitgetheilt, daß mein er
ster Lehrer, Herr Rochus Rißling, in
Selz mit der silbernen Medaille un
längst vom Ministerium der Volks
aufklärung beehrt wurde, was mich
ungemein freute, als hätte ich selbst
daran Antheil. Und warum das?—
Es ist leicht zu begreifen: Herr R.
Rißling ist 39 Jahre als Lehrer aus
erster Stelle, von seinem 16—17
Lebensalter an, thätig. Tausenden
von Kindern legte er das Fundament
in unserer hl. Religion und eben die
fer Zahl ertheilte er den Elementar
unterricht, wie ihn nur eine Volks
schule in ihren bescheidenen Verhält
nissen bieten konnte.
R. Rißling lebte für die gute
Sache, er opferte sich gänzlich seiner
Schule, der Kirche und der ganzen
Gemeinde. Immerfort herrschte
volle Zufriedenheit, mit voller Be
geisterung gepaart, mit dem pünkt
lichen und braven Manne. Heutè
erst, nach 39jähriger unermüdlicher
Arbeit, verleiht man ihm von Seite
der Schulbehörde die silberne Me
daille als Anerkennung. Hat er es
wohl verdient? Wer würde da nein
sagen. Man wird eher aus den Ge
danken gebracht, warum erst heute
eine Auszeichnung? Hätte er wohl
eine solche nicht schon vor 20 Jahren
verdient und könnte die heutige nicht
schon die fünfte sein? Doch ganz ge
wiß! Ich glaube ganz sicher zu han
deln, weitn ich mir erlaube, im Na
me» aller derjenigen meiner Lands
leute, die mit, vor und nach mir auf
den Schulbänken saßen und von uuse
rem, jetzt schon alt gewordenen Leh
rer, Herr Rochus Rißling, die An
fangsgründe der Wissenschaft erhiel
ten, unsere innigste Gratulation dar
Wbringen.
Herr Rißling! Ihr 39jähriges
Wirken in unserer Mutterkolonie ist
Goldes werth. Nicht die Verdienst?
medaille soll Ihnen hierfür der Lohn
seilt, sondern die Erfolge Ihrer Lehr
thätigfeit. Leben Sie noch viele
Jahre glücklich, arbeiten Sie weiter
zum Heile unserer Landsleute.
HD Johannes Brendel.
U o s i e e i e A i i e
wer Kreis: -Die ausgangs Mai und
anfangs Hum niedergegangenen Re-
gen haben den Saaten, die wir schon
verloren glaubten, ziemlich ausgehol»
^-5
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T'r%
feit, so daß wir jetzt eine mittlere
Ernte zu hoffen haben, stellenweise
auch besser. Wintergetreide und Ger
ste stehen durchschnittlich gut, der
Weizen (Ulfa)—dünn da. Bin im
Odessaer und Ananjewer Kreise her
umgekommen, (nicht überall) konnte
jedoch nirgends einen so prächtigen
Saatenstand, wie in den Zeitungen
berichtet wird, beobachten. Im Ver
gleich zum 93. Jahre scheint mir
„viel Geschrei und wenig Wolle" zu
sein. Da die Land- und Arbeits
preise hoch stehen, das Getreide aber
billig ist, bleibt dem Bauern, der das
Land und die Arbeitsleute miethen
muß, nach Abzug aller Auslagen
wahrscheinlich das Stroh und eine
Null. —@.—
a i e 6 e o u v S a
mara. Schon war man hier nahe
daran, die Hoffnung auf eine gute
Ernte aufzugeben, so sehr schadete die
Hitze den Feldfrüchten. Ill der Nacht
auf den 9. Juni ging nun ein hefti
ger und befruchtender Regen nieder,
der alles Lebende erfrischte und er
quickte. Nun ist es fast zweifellos,
daß wir eine gute Ernte bekommen
werden. Ant 8. und 9. Juni mäh
ten die M. ihr Gras. Es gab so we
nig Heu, daß es fast eine Sünde ist,
(wenigstens aber der größte Schaden
ist) eine solche Menge Landes für
nichts und wieder nichts liegen zu las
sen. Was gäbe es aus diesem Laude
so viel Klee, oder andere Futtergrä
fer, wenn nur die Steppe umgeackert
und mit Klee besäet würde. Allein
die Unvernunft hat noch die Ober
hand.
In Bälde werden viele ehemaligen
Marienberger ans Sibirien erwartet.
Ich sage ehemaligen, denn in Wirk
lichkeit sind sie keine M. mehr, da sie
beim Verlassen der Heimath ihr
Duschland sowie Haus und Hof der
Gemeinde verkauften und sich zu
gleich gänzlich von M. lossagten.
Diesen Unglückliche» gefällt es in Si
birien nicht, sie sehnen sich bereits
»ach de» Fleischtöpfe» der Heinmth.
Aber was wartet ihrer hier? Ar
muth lind Elend. —E. M.
o u e n 1 3 u n i a n
in Konstantinowka, das zur Pfarrei
von Bachinut gehört, die Einweihung
eines bescheideneil Kirchleins zur
Ehre der hl. Familie statt. Es wurde
theils von de» hiesige» Fabriken,
theils von de» Pfarrangehörigen in
kurzer Zeit aus wildem Steine er
baut. Der Ort, wo sich jetzt 5 große
Fabriken befinden, nämlich eine Fa
brik chemischer Produkte, eine Glas-,
Spiegel-, Flaschen- und Eisenhütten,
war vor noch wenigen Jahren eine
Wüstenei am User des Torez auch
diese glänzend geleiteten Unterneh
mungen gehören den „kleinen" Bel
giern, wie diese höhnisch von der gro
ßen Nation genannt wurden.
e e s a n 1 5 u n i i e e
genzeit scheint vorüber zu sein. Gott
sei dank, sagen wir jetzt. Denn
Welschkorn, Kartoffeln, Baschtan wa
ren im Gras fast ganz erstickt. In
der Nachbarschaft, im Nettschajessker
Gebiet haben die Schloßen großen
Schaden angerichtet die Früchte sind
stellenweise so zerschlagen, daß man
nur schwarze, kahle Erde sieht. Ge
genwärtig weht ein angenehm fri
scher Wind woher er kommt, kann
ich nicht einmal recht sagen. Wettn
ich zum Hof hinaus gehe, bläst er
mir ins Gesicht.
Nach dem Fronleichnamsfeste wol
len manche schon in die Kornernte
fahren. Das Korn ist gut, leider
iimroc wenig gesäet. Uebrigens sind
bislang auch die anderen Früchte
schön, nur stehen sie zu dünn nichts
destoweniger kann man die Ernteaus
sichten gute nennen.
Infolge der guten Ernteaussich
ten sind die Arbeitslöhne sehr hoch.
Jedoch die hohen Arbeitslöhne wä
reit das Schlimmste noch nicht, wenn
nur die Knechte keine Bildung hätten.
Früher hatten die Knechte Respekt
vor den Wirthen, waren gehorsam
und fleißig, seitdem sie aber die
Worte Bildung, Freiheit, Menschen
rechte gehört hoben, pochen sie nur
auf ihre Rechte, scheinen aber von ih
ren Pflichten wenig zu wissen. Von
allen Rechten stellen sie au die erste
Stelle: das Recht zu genießen. Be
sonders wollen sie die Sonntage und
Feiertage voll und ganz genießen,
deshalb kann man an Sonn- und
Feiertagen schon vor dem Morgen
gottesdienste besoffene Kerle herum
tummeln sehen. Leider giebt es auf
unseren Kolonien immer solche Men
schen, welche für Geld jederzeit alles
geben.
Am 14. Juni hatte sich der Prä
sident des Sulzer Konsumvereins
beim Landvogt zu verantworten, weil
erwähnter Konsumladen, man höre
und entsetze sich! also weil genannter
Konsumladen einen halben Tag ex
istirte ohne Tabakspatent. Wenn
man solche Verbrechen hört, kann es
einem bei gesundem Leibe weh wer
den. Ein wahres Glück ist es, daß
in unserem Gebietsamte gerade ein
Eiferer des ^Gesetzes thätig war, der
diesem entsetzliche» Verbrechen allso
gleich aus den Leib rückte.
Freilich sehen wir nicht immer die
sen herzerhebenden Eifer für die Ehre
des Gesetzes. So z. B. giebts in un
seren Kolonien Winkelschenken, wo
alle erlaubte und unerlaubte Geträn
ke verkauft werden und sie werden
V
•*, 1
•irfs-
i y*
Der
Staats
Anzeiger, Rugty.
ruhig geduldet. Oder es giebt Bier
Hallen, wo Schnaps ausgeschenkt
wird und man drückt ein Auge zu.
Manche Schenken sind bis Montag
morgen aus und man schaut durch die
Finger.
Die Winkelbranntweinschenker wä
ren schon längst bestraft worden, aber
sie sind beim Einschenken noch nie
mals ertappt worden. Zwar findet
man in Hülle und Fülle besoffene
Kerle in ihren Wirthschaften, denen
der Branntwein aus dem Halse ath
met, doch ein vorsichtiger Polizist
sagt: wenn jemand auch betrunken ist,
so ist das noch fein Beweis, daß er
wirklich getrunken hat. Vorsicht ist
eben die Mutter der Weisheit.
V —S. P.
Lorbilder de» Menscheufluge».
BN! »lere „Ibletliet" n*A erreiche« miflem
«et da» Lustmeer z« beherrsche«.
Schon der große Lionmsdo da
Vinci, der als erster die Möglichkeit
des Menschenflugs durch Wissenschaft»
liche Untersuchungen zu ergründen
bestrebt war. ging dabei von einge
benden Beobachtungen des Vogel
flugs aus, und denselben Weg haben
später und namentlich während des
letzten halben Jahrhunderts unzäh
lige Männer der Theorie und Pra
xis beschritten. Dennoch hat ein Sach
verständiger in der letzten Versamm
lung der cwiatischen Sektion der eng
lischen Motor-Union nachzuweisen ge
sucht. daß doch weit gründlichere
planmäßige Untersuchungen des Vo
gelflugs nöthig seien, che man zu
seiner völligen Erkenntniß urfd zu
seiner zuverlässigen Ausnutzung für
den Menschenflug gelangen könne.
Wenn man die Skelette verschiedener
Vogelarten vergleicht, so fallen als
gemeinsame Eigenschaften das starre
Rückgrat unfo die hohle Beschaffen
heit fast aller Knochen auf. Die zwei
te Thatsache ist bisher stets so er
klärt worden, daß die Höhlung der
Knochen lediglich dazu da sei, um den
Vogelkörper zu erleichtern, nament
lich weil die Hohlräume mit warmer
Lust gefüllt seien.
Dieser Schluß wird angezweifelt.
Die dadurch mögliche Erleichterung
soll nämlich zu gering sein, um für
den Flug als werthvoll in Betracht
zu kommen. Die Luttgänge seien viel
mehr einfache Vorrathsräume für die
Luft, die dem Vogel die Entwicklung
einer größeren Energie gestatten, als
ein» weniger frei athmendes Thier
erzeugen könnte. Der Vogelflügel
hat nach der Auffassung des For
schers eine dopvelte Pflicht zu erfül
len. Er wirkt nämlich wie ein Aero
bian und eine Luftschraube in Ver
bindung. Wie oft sieht man einen
Sperljng vom Boden aus fast senk
recht bis zur Höhe der Dachrinne hin.
auffliegen. Diese Fähigkeit ist ihm
eigen. Zum mindesten könnten nicht
alle Vögel dies Kunststück nachahmen.
Einer Schwalbe beispielweise würde
es unmöglich sein. Dieser Unterschied
ist in einer besonderen Konstruktion
der Sperlingsflügel im Vergleich zu
der der Schwalbenflügel bedingt.Die
Folge davon ist, daß die Schwalbe
nur mit einer gewissen Anfangsge
schwindigkeit ein gleichmäßiges Stei
gen erzielen kann, während der Spatz
leichsam unmittelbar in die Höhe
opst. Dafür hat die Schwalbe wie
derum weit mehr Herrschaft über ihre
Bewegungen in «ber Lust, als der
Sperling.
Es ist die Anregung gegelben wor
den, daß solche unterscheidendeMerk
male im Flugvermögen der einzelnen
Vogelarten genau untersucht werdet:
sollten, weil man daraus viel für die
Entwicklung des Menschenflugs er
lernen könne. Das Ziel ist. es den
großartigsten Fliegern deS Thier
reichs gleich zu thun, etwa einem
Thurmfakken. Ehe der Mensch nicht
in ähnlicher Weise zum Herrscher im
Lustmeer geworden sein wird und
wie ein Falke fc&todben, um einen
Punkt kreisen und aus und ckb stei
gen kann, ist das Endziel des Men
schenslugs nicht erreicht. Uebrigens
sollten auch die Einzelheiten des Flu
ges bei kleineren Thieren, nament
lich bei den Insekten in genauen Be
tracht gezogen werden. Die Flügel
decken eines Hirschkäfers zum Bei
spiel, die beim Fluge ganz nach der
Art von Aeroplane» wirken, sind
als ein Prototyp der Flugmaschinen
der Gegenwart «Mischen.
Was
ist flut für
schwache Männer?
Soeben erschien ein deutsche» Buch voll goldener
Wahrheiten für «ervenschwache Männer, welche» den
sichere« Weg zeigt zur Wiedergewinnung strotzender
Kraft. Die darin empfohlene Heilmethode wird von
Hunderten von Aerzte» mit bestem Erfolge angewandt.
Besonders Nerven-Erschöpfnng. vorzeitige Erschlaf
fung der Organe, Gedächtnißschwäche. Trüostun, Ner
vösität. Schwäche oder Schmerze« im Rücken, erschöp
fende Ausflüsse, schlechte Träume, Nieren- und Blasen
leiden. trüber oder wolliger Urin häufig die wahre
Ursache geheimer Schwache), Hodenleiden, Folgen
jugendlicher Berirrungen, und ganz besonders Ge
schlechtsschwäche oder hârtnäckige Fälle, gründlich und
dauernd geheilt.
Da ich bereit« mit vielen der Leser deS Staats An
zeiger persönlich oder brieflich bekannt, so bin ich gerne
bereit, auch anderen Leidenden mein deutsche» Buch,
welche? diese so erfolgreiche Heilmethode für schwache
Männer klar und ausführlich beschreibt, frei und in
einfachen! Convert zu schicken.
Sie brauchen nur diese Offerte a»»t»schneid«n und
mir dieselbe nebst Ihrer gennen Adresse einzusenden.
Dr. G. H. Bobertz,
564
Ave.,
»titelt, 9ti*i««n.
Abonnirt auf den Staats-Anzeiger,
die tonangebende deutsche Zeitung
Nord-Dakota's.
i t, i u
Geschichte der deutsche» An
ftedter
an
der WolgO
Seit ihrer Einwanderung nach Rußland bis
zur Einführung der aUflcmeiitfn
Wehrpflicht l17««-l874)
Bearbeitet von Gottlieb Hauer.
(25. Fortsetzung)
Fünftes Kapitel.
Die Erinnerung an bett verküm
merten Schullehrerstand in den Wol
gakolonien erleichtert mir den Ueber
gang zur Betrachtung des Schulwe
sens der Wolgadeutschen überhaupt.
Wie die alten Kolonisten erzähl
ten, so leiteten die ersten Ansiedler
ihre Schulangelegenheiten selbst und
sahen den Unterricht und die Erzie
hung der heranwachsenden Jugend
als eine ihrer wichtigsten Lebensauf
gaben an. Ihre Lehrer oder Schul
meister wählten sie aus ihrer Mitte
und fühlten geraume Zeit keinen
Mangel an verhältniszmäßig geeigne
ten Personen für diesen Beruf, so
das die erste Generation viel besser
unterrichtet wurde, als dies in spä
teren Jahren der Fall war, als die
Geistlichkeit die- Leitung der Schule
übernahm und der gedeihlichen Ent
Wickelung derselben mit aller Macht
und Ausdauer entgegentrat.
Da die Bevölkerung in den Kolo
nieit noch gering und die meisten die
fer letzteren nur von wenigen Fami
lien angelegt worden waren, so sah
man sich genöthigt, dem Lehrer oder
Schulmeister auch die Obliegenheiten
eine* Küsters, größtenteils auch die
eines Kolonieschreibers, ja sogar
wo der Schulmeister dazu geeignet
war—die Pflichten eines Feldschers
zu übertragen.
Ter Umstand, daß der Schulmei
fter itt den Wolgakolonien zu
gleich auch Küster wurde, war von
jeher der Stein des Anstoßes oder
viel mehr ein wahres Unglück für
die Entwickelung der Kolonien.
Bekanntlich verrichtet der Küster in
den protestantischen Kolonien in Ab
Wesenheit des Pastors (die Verwal
tuint der Sakramente, Taufe und
Abendmahl ausgenommen) alle
kirchlichen Handlungen: Gottesdienst,
Andachts- ober Betstunden, Beerdi
gungen. sonntägliche Katechesen
Kinderlehren genannt mit ber le
btgcit Jitgcitb, im Nothfalle sogar
Taufen, usw.
Da nun bic Kirchspiele aus mehre
ren Genteinben von 2 bis 7, bic
meisten aus 5 bestehen, so ge
schieht es, baß ber Schulmeister we
gen Abwesenheit ober Krankheit bes
Pastors sehr oft bic Stelle bes Pre
bigers versehen muß. weshalb sich bie
Gemeinbe mehr an ihren Schulmei
ster, als an ben Pastor gewöhnt. Da
bei liegt es in ber Natur ber Sache,
baß ber Pastor vom Schulmeister bei
Vollziehung kirchlicher Hanblungen
weit übertroffen wirb, weil ber Leh
rer nach eigner Wahl bie besten Er
zeugnisse ber Kanzelrebnerkunst vor
tragen kann, währenb bie Pastoren,
wie mir einer berselben ganz treffenb
selbst sagte, „bie Kanzel oft betreten
mit ebenso wenig Geisteskraft uitb
Gebankenvorrath, als eine ausge
preßte Zitrone Saft enthält."
Ist nun ber Schulmeister Bet ei
nem leutseligen Charakter, sorberli
chem Schulunterricht und humaner
Behandlung der Kinder auch noch
überhaupt ein gewandter Mattn, so
steht er bei der Gemeinde itt ungleich
höherem Allsehen und Werthe als
der Pastor selbst, besonders wenn
dieser keine Vorzüge als Kanzelred
ner besitzt. Kein Wunder also, wenn
das Volk bisweilen in seiner Naivi
tät zu ebenso großem Aergerniß für
den Pastor als vielfachem Nachtheile
für den Schulmeister die unvorsichtig*
sten Urtheile hören läßt, wie zum
Beispiel: „der Schulmeister ist uns
viel lieber als der Pastor „wir hät
ten gar keinen Pastor nöthig," und
so weiter. Unbeschreiblich aber ist
das Elend, welches lediglich dieses
Mißverhältniß in den Kolonien schon
erzeugt hat.
In der ersten Zeit waren die Pa
storen in dieser Beziehung duldsamer,
weil die allgemeine Noth alle zu ge
genseitiger Verträglichkeit und ge
meinsamer Wirksamkeit anspornte,
allein schon im ersten Jahrzehnt des
19. Jahrhunderts kamen, obgleich die
Pastoren damals die eigentlichen
Schulvorgesetzten noch nicht waren,
zwischen ihnen und den Eingepfarr
ten über Anstellung und Entlassung
der Schulmeister Kämpfe vor, die an
Erbitterung auf beiden Seiten alles
überboten. Unter anderen kann ich
folgende Kampfgeschichte als glaub
würdig mittheilen,wié ich sie von iitei
licit Großeltern, welche in dieselbe be
sonders hineingezogen worden wa
reit, hörte und bereits vor vielen
fahren aufzeichnete.
Einige einsichtsvolle Männer in
der Kolonie Goloi-Karamysch (Bal
zer) unter ihnen auch mein Groß
vater Jakob Bauer verlangten, da
der Unterricht in ihrer Gemeinde
schule höchst ungenügend war, daß
entweder ein fähiger Lehrer ange
stellt und eine bessere Einrichtung
der Schule unternommen, oder ihnen
erlaubt werde, eine besondere Schule
auf ihre eigenen Kosten im Dorfe zu
unterhalten.
Diesen Anforderungen aber wider
N *52
.. ry.
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5.
$.*,
•//•jfc.i- .UjfÉ» yfo-1 ••V. V
""S' 'i-r 'yr'Xi
setzte sich mit aller Entschiedenheit
der Kirchspielsgeistliche Pastor Gras,
ein Mensch, der bei seinem Amtsan
tritte fast noch in den Jiinglingsjah
cit stand, sodaß er selbst als Text
seiner Antrittspredigt Jercmia 1,7
wählte. Die Progressiven zu Balzer
aber glaubten das Recht zu haben,
ihre Kinder auch ohne die Genehmi
gung des Pastors einem Lehrer an
zuvertrauen, der fähig und bereit
wäre, ihren Ansprüchen nachzukom
men. und thaten es.
Das geistliche Herrlein sah in den
Bestrebungen seiner Gegner alle nur
möglichen Vergehen itttd sogar Ver
brechen, als da sind: Irrlehren, Un
glauben, Aufwiegeleien, Gewaltthä
tigkeiten, und so weiter, und ergriff
die energischsten Maßregeln, um Sie
ger zu bleiben er repräsentirte sich
auf der Kanzel als Vertreter der
Rechte Gottes und predigte über Bi
beistellen wie 1. Korinth. 3, 18 bis
20 Rönt. 13, 1 bis 5, und derglei
chen, mit höchst eigenthümlichen An
wendungen.
Die Unthaten der Anhänger seines
unfähigen Schulmeisters, welche an
dem Lokal der Privatschule uud den
Wohnungen der Beteiligten die
Fenster einschlugen, den Lehrer
schmähten, die Schüler mißhandelten,
usch., erklärte er als unvermeidliche
Folgen der uuchristlicheu Handlung
seiner Widersacher und erhob, unter
stützt von den übrigen Pastoren, bei
der Kolonmlßchörbe in Saratow bic
bittersten Klagen.
Balb bekamen bettn auch bie Fort
schrittssreunbc Gelegenheit, Bekannt
schaft mit verschobenen Untersu
chungs- unb Polizeibeamten zu ma
chen, was keineswegs zum Vortheil
ihrer Taschen geschah, währenb sich
bas Pfäfflein über biesen Kamps
durchaus nicht zu beklagen hatte, da
Würste, Enten, Hühner und derglei
chen in Kolonnen seiner Speisekam
mer zuwanderten, welche ihm feine
Getreuen lieferten.
Eine geraume Zeit hielten sich die
FortschrittSmänner und führten ihre
Sache so gut es eben gehen wollte.
Endlich aber mußten fie dennoch ka
pituliren. Eines Tages wurde ihnen
bekannt gemacht, daß aller Unter
richt außerhalb der Gemeindefchule
auf's strengste untersagt sei und je
der, der sich erkühnte, diesem Befehle
entgegen zu handeln, eine Geldbuße
von 75 Rbl. zahlen müsse.
Pastor Graf aber predigte darauf
mit ungewöhnlicher Begeisterung
und einer Fülle exegetischer Tieffin
nigkeit über die Worte Jesaias 60,
1 bis 4.
Also bereits im Anfange des 19.
Jahrhunderts wurde das edelste Be
streben der Ansiedler nach besserer
Schulbildung iqt Keime erstickt, ein
Streben, das bei weiser Pflege geeig
net war, den Grund zu einer gesuit
den geistigen Entwickelung des deut
schen Volkes an der Wolga zu legen
und dessen Folgen jetzt nicht einmal
geahnt werden können.
Es war jedoch unmöglich, daß die
Kolonisttii, in denen der Geist west
licher Bildung noch zu stark wehte,
einen solchen Verlust, wie den Unter
richt ihrer Kinder, ohne Widerstreben
sich gefallen ließen. Der Kampf
wurde iut stillen fortgefetzt: diejeni
gen, welchen eine bessere Bildung ih
rer Kinder besonders am Herzen lag,
und welche die Mittel dazu besaßen,
ließen dieselben abends in ihren Häu
sern von fähigen Leuten aus ihrer
Mitte unterrichten und die sogenann
ten Abendschulen erhielten sich bis in
die vierziger Jahre. Alte, mehr oder
weniger gebildete Leute, oder wan
dernde Ausländer, die imstande und
genöthigt waren Unterricht zu er
theilen, wurden mit größter Bereit
willigkeit unter irgend einem Ver
wände von wohlhabenden Kolonisten
ins Halls aufgenommen und ihnen
der Unterricht ihrer und der nächsten
Anverwandten Kinder anvertraut
und gut bezahlt.
Inzwischen entwickelten auch die
Pastoren eine rege Thätigkeit, wobei
sie aber eine ihrem früheren Verfah
ren ganz entgegengesetzte Richtung
einschlugen. So wollten sie nun von
einem „Lehrer oder Schulmeister"
durchaus nichts mehr wissen uud be
haupteteu, daß nur ein „Küster" nö
thig sei, der immerhin den Kindern
die Anfangsgründe in der Religion,
Mcntorircn des lutherischen oder Hei
delberger Katechismus beibringen
könne. Solchen Anforderungen
konnten natürlich die des Lesens
kaum fähigen Küster, die von den Pa
stören mit Fleiß gesucht und attge
stellt wurden, leicht nachkommen. Aus
diesem Wege gerieth aber die Volks
bilduug in den Kolonien bald in ei
nen so kläglichen Zustand, daß der
Professor der Kasauscheu Universität
^rdmann, welcher 181( in die deut
schen Kolonien zu einer Revision des
Schulwesens abgeordnet war, die
Schulen der Kolonisten in nnglaub
lich vernachlässigtem Zustande fand.
Wie wenig aber zuweilen Gelehrte
die Zustände eines Volkes kernten zu
lernen geeignet find, bewies auch
Professor Erdmann. Ohne auch die
geringste Betheiligung der Gemeinde
an der Schulverwaltnug anzutragen,,
glaubte er der Regierung nichts besse
re* vorschlagen zu müssen, als die al
leinige Aufsicht über Schule und Leh
rer den Geistlichen zu übertragen.
Jedenfalls war
ihm diese Ansicht von
V
3.
den Pastoren selbst beigebracht wor
den.
Erdmanns
Antrag
wurde von
Regierung angenommen und die
stören aufgefordert, die Aufsicht
der
Pa-
über
Schulen und Lehrer zu übernehmen.
Nichts kam den Geistlichen
er­
wünschter. Dies war eine günstige
Gelegenheit, jede Schuld an der
ver­
nachlässigten Volksbildung von sich
abzuwenden und aus Abhülfe „ihres
eigene» Nothstandes," nämlich auf
Vermehrung der Prediger in den Ko
lonien anzutragen. Die zwei her
vorragendsten Pastoren Huber
und Kohlreif stießen denn auch
mit aller Macht itt die Trompete,
scheinbar sich weigernd, die Schnlver
waltung zu übernehmen, freilich nur,
um einen entgegengesetzten und wo
möglich großen Erfolg zu erzielen.
(Fortsetzung folgt.)
Der Präsident Diaz von Mcgtito
erhielt bei der Wahl 98 Prozent der
abgegebenen Stimmen. Das Ein
sperren der Gegner hat sich als vor
treffliches Kampfmittel erwiesen.
Mit großer Schwierigkeit wurde in
der Nähe von Seattle ein Haifisch von
riesiger Größe erlegt. Die Landhaie
dagegen, kleine und große, treiben
meistens ungestört ihr Wesen.
Wenn Zeppelin sich jemals dMh
Mißerfolge hätte entmuthigen lassen,
dann wäre jetzt sein Name nicht in
aller Muni). Er wird auch den letz
ten Nackenschlag überwinden.
Will Walter Wellman wirklich dec
Zeppelinschen Nordpolexpedition den
Vorantritt bei der Fahrt überlassen,
aus die er sich seit Jahren vorberei
tete?
Ob der frühere Präsident Roosevelt
zu dem Präsidenten Taft wohl auch
die bekannten denkwürdigen Worte
sprach, die der Gouverneur von North
Carolina an seinen Kollegen von
South Carolina richtete?
Die Amerikaner der Zukunft sollen
zahnlos sein. Ein amerikanischer Ge.
Iehrter, Dr. Horace Fletcher, behaup
tet es. Wir haben immer vermuthet,
daß den Amerikanern noch etwas un
angenehmes passiren werde.
Col. Roosevelt ist mit der Beant
wortung seiner Briefe um sechs Mo
nate im Rückstände. Das hat aber
seine guten Gründe, hinter die sich
schreibfaule Korrespondenten nicht
verstecken dürfen.
Onkel Bräfig lehrte uns. daß die
Armuth von der Poverteh kommt.
Jetzt wissen wir auch, daß die Theue
rung aus die hohen Preise und die
Hitze auf die steigende Temperatur
zurückzuführen ist.
In der Gesetzgebung von Louisiana
wurde eine Vorlage angenommen,
wonach in diesem Staat künftig der
Kindesraub mit dem Tode bestraft
werden soll. Es gibt schlechtere Ge
setze, als dieses.
In der mehr oder minder berühmt
gewordenen Stadt Reno müssen die
Barbierstuben an Sonntagen geschlof
fen bleiben. Die Scheidungsgerichte
ebenfalls und die Faustkämpfe müs
sen an Wochentagen stattfinden. Ja,
Reno ist eine streng moralische Stadt.
Wer Land zu verkaufen hat ober
solches kaufen will, wende sich an den
Staats-Anzeiger. Landgeschäste aller
Art werden schnell und billig besorgt.
Sprecht vor oder schreibt an den
Staats-Anzeiger, Rugby, N. D.
Jeder ftatmet,
der Pferde, Rindvieh und Gebäude
noch nicht gegen Schaden durch Feuer
ober Blitz versichert hat, wende sich
an die Farmers' Versicherungs-Ge
sellschaft. Versicherung kostet nur
$1 für $1,000.
34-ba.
Sendet Verwandten oder Freunden
im alten Baterlande den Staats-An
zeiger aus ein Jahr. Der Preis des
Blattes in's Ausland betrügt nur §2.00
jährlich, ganz abgesehen von der hüb
scheu Prämie, welche wir verschenken
und der Freude, welche dadurch Ber
wandten und Freunden bereitet wird.
verkaufen euch billig ivio au*
Wir haben die Holz- und .ttohlen-.
Höfe der Farmers Elevator ($o.
gepachtet und gjarantiren prompte
Ablieferung und Bedienung.
Epeditionsgeschâft
in Verbindung.
Officetelephon, 113 Wohnhau«
telephon, 191.

Ro. Dak., de» 28. Juli 1910.
Sekretär Georg Mitzel,
Berwick, N. D.
Präsident Heinrich Paul.
Kassirer Dominick Tückischerer
WELCH O'BRIEN
Wrenn
Material

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