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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, August 18, 1910, Image 3

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Geschichte der deutschen An
fiedler an der Wolga
Seit ihrer Einwanderung nach Rußland bis
zur Einführung der allgemeinen
Wehrpflicht (17W—Z 874)
Bearbeitet von Gottlieb Bauer.
(28. Fortsetzung)
Ohne mich werter über einen sol
chen Blödsinn auszulassen, erinnere
Ich nur noch an die Entscheidung des
Ministeriums, welche aus Antrag
Fcßlcr'ö erfolgte, daß sich nämlich
der Unterricht der Kolonisten aus die
Dogmen des Glaubens, aus deutsch
Lesen und Schreiben und einfache
Arithmetik beschränken müsse. Jc
dcnsalls erwartete man auch diesmal
in Saratvw ein ähnliches Resultat.
Allein noch in demselben Jahre
(1888) wurde zufolge einer Aller
höchst bestätigten Verordnung des
Ministcr-Koinites besohlen: „Zur
Vermeidung der Ausgaben, welche
die Errichtung dieser Schulen ersor
bcrlich mache, in den Saratowschen
Kolonien vor der Hand nur zwei sol
cher Schulen mit je 25 Schillern fiir
eine derselben zu gründen sollten sich
aber solche Anstalten auch in den
übrigen Kolonien als nöthig erwei
sen, die Gründling derselben bis zur
allendlichen Entrichtung der tirons
schuldeu zu verschieben."
So entstanden denn endlich zwei
sogenannte Streisschiileit, eine aus der
Bergseite in LeSnoi-Koramysch und
die audere aus der Wiesenseite in
Katharinenstadt, Zimt Unterhalte
derselben wurden jährlich i/» Kope
ken pro Revisionsseele erhoben. An
jeder dieser Anstalten wurden zwei
Lehrer augestellt. Tos Programm
war ei» äusserst beschränktes: einer
der Lehrer trug die russische Sprache
(Hauptgegeustaud) und der andere
die deutsche vor. Außerdem wurde
nur uoch in der einsachen Arithmetik
bis zu den Brüchen nnd in Kirchen
gesang miterrichtet, welch' letzterer
dem örtlichen Schulmeister übertra
gen worden war. Unterricht in an
deren fächern Geographie, Ge
schichte, nsw., hing von dem Willen
mid der Laune der Lehrer ab. Eben
so hatten diese Schulen keinen be
stimmten .Siiirjiis einige der Schüler
weilten ein Jahr lang in derselben,
andere 5 nnd sogar 0 Johre, je nach
der Gunst, in welcher die Eltern oder
Vormünder der Zöglinge bei den
Kreis- und .Slontnrsbemiiteii standen.
Alle Schüler waren Stipendiaten,
wohnten bei verschiedenen Einwoh
item des Torfes, wo sie von dem
Verweser der Schule in Pension ge
geben wurden. Tuch gestattete der
Verweser auch Privatschülern fiir
flute Bezahlung den Besuch der Schu
ie und solche Schüler wurden in der
Regel später, nachdem sie die Taschen
der Lehrer und des Berwesers lange
genug gespickt hatten, als „wirkliche
Schüler" aufgenommen, was sich
bald als Bedingung bei Ausnahme
Von -Zöglingen herausbildete.
.Sinrotor dieser
Oberlichter
Schulen war der
oder
Kontors,
wöhnlich der
Tirigirende
örtlicher
des
Verweser
aber
ge­
Pastor (Conrady
Lt'snoi-Koramyfch, uud Wahlberg
in
in
.Slothariuenstadt).
Tiefe Schulen waren, wie ich be
reits angedeutet habe, den Pastoren
jftets ein Torn im Auge: Intriguen
und Habsucht der Verweser ließen
nichts Gutes auskommen. Wicht bes
ser, oder noch schlechter waren diese
Schulen bestellt, wenn die Verweser
schast bisweilen in die Hände örtli
che» Obervorsteher gerieth. welche sich
unter dem Schutze feiler Kontorsbe
amten jede Anmaßung und Ungerech
tig feit erlaubten und diesen, Tienst
gleichsam als ein Pfründe für sich be
trachteten. Ties war namentlich eine
Reihe von Jahren in Lesnoi Karo
mysch der Foll. Berühmt wurde der
heftige stampf, welchen Probst Con
rady mit dem „alten Michel" in Les
noi^taranniich um die Verweserschast
der Kreisschule sührte.
Ter Tirigirende des Kontors wur
de, wie in allem, so auch hier größ
tentheils hintergangen. So war es
zum Beispiel einem der Pastoren an
fangs der fünfziger Jahre gelungen,
feinen Bruder, einen Einsaltspinsel,
an der 5treisschule zu Katharinen
stadt als Lehrer der deutsche» Spra
che anzubringen. Etwa nach Lahres
frist erschien der Tirigirende Freie in
dieser Kolonie und revidirte zugleich
auch die 5treisschule. Einer der älte
ren Schüler trat aus Auordnnng des
Lehrers vor und trug einen kurzen
Abschnitt aus der Geschichte des er
sten Punischen Krieges vor. Frese
vermuthete jedoch ein schablonenmä
ßiges Verfahren bei diesem Unter
richt und überzeugte sich wirklich, daß
der Vorträger und alle seine Mitschü
ler während der ganzen Tienstzeit
des Lehrers nur den hergesagten
Theil der Punischen Kriege, der in
irgend einer Chrestomathie enthalte»
war, sowohl als geschichtlichen Un
terricht, sowie auch als Sprachstoff,
memorirt hatten. Ter erstaunte Vi
sitator meinte hierauf, es fei besser,
diesen Unterricht ganz zu unterlassen,
„denn wenn man in dieser Weise sort
fahre, so möchten auch zum Unter
richte der drei Punischen Kriege 44
Jahre erforderlich sein."
Doch erinnert man sich mit Tank
Mrkeit auch einiger tüchtiger Lehrer
(Eckert, Doms, Koljäsnikow,. Le
ontjew).
Tie Karriere der Kreisschüler war
der Kolonieschreiberdienst: die glück
lichsten von ihnen wurden .Strcis
schreiber. Einige besonders begabte
und strebsame Jünglinge dieser An
statt arbeiteten weiter an ihrer Ver
vollkommnung und wurden Lehrer
der deutschen Sprache, oder Erzieher
an Gymnasien in Städten wie zum
Beispiel Steinhauer, Meng, Urig,
Trnmpsheller und andere.
Tic Schreiber-Kandidaten began
nen ihre Laufbahn gewöhnlich auf
dem Soratowschen Kontor für die
ausländischen Ansiedler, wo sie 2 bis
Jahre als Kopisten beschäftigt und
zugleich mit dem Geschäftsgang, aber
auch mit allen Intriguen und bu
reankratifchen Finessen bekannt ge
macht wurden. Nur für Geld, durch
Protektionen, Heirathsverbindnngen
uud dergleichen bekamen fië dünn
Tienfte.
Interessant ist daS Urtheil, wel
ches der genannte Tirigirende Jvrcfe
im Sommer 1854, als er in der Ko
lonie Talowko bei Pastor Tönhoff
logirte, sowohl über die tircisschuleit
als auch über die Kirchenschulen ans
sprach, welches ich selbst zu hören Ge
legenheit hatte.
Tönhoss, ein noch sehr junger Pa
stor, machte Frese während der Un
terhaltung das Kompliment, daß er
ihn auch als seinen früheren Schul
vorgesetzten anzusehen das Glück
habe, da er (Tönhoss) die Krcisschnlc
zu Lesnoi-Karamysch einst besucht
habe.
„Tas freut mich sehr," sagte der
alte Herr. „Sie werden mir aber
die Bemerkung nicht übel nehmen,
daß Sie wahrscheinlich keine beson
deren Schätze der Weisheit ans die
ser Schule in die Oftseeprovinzen ge
bracht haben, wo Sie, wie ich glaube,
ei» Gymnasium und auch die Univer
sität besuchten?"
„Jckj muß leider," versetzte Tön
hoss, „die erste Frage Ew. Erzeilenz
bejahen, obwohl ich fiir den in der
Al reisfchiile genossenen Unterricht
ebenfalls sehr dankbar bin."
Wach einigem Schweigen nnd ei
nein tiefen Seufzer, sagte Frese:
„Ja, ja? Tie unglücklichen
5treisschulen und die kümmerliche
Bildung der Kolonisten überhaupt
haben mir gewiß schon die größte
Sorge gemacht. Entschuldigen Sie,
wenn ich Ahlten in dieser Beziehung
meine größte Unzufriedenheit mit
den hiesigen Geistlichen nicht verheh
le. Stehen ihnen doch alle Mittel zn
Gebote und alle Wege offen, eine
gründliche Reform des Schulwesens
zu unternehmen. Mau sieht aber, es
ist ihnen mit der Volksbildung feilt
Ernst. Mir scheint es sogar, die Pa
stören huldigen der Ansicht, das Volk
sei auf dem Wege zur Unwissenheit
einer besseren ,-Zukunft entgegenzu
füliren, als durch geistige Entwicke
lung. Allein die Herren werden in
nächster Zukunft vom Gegentheil sich
überzeugen müssen: sie bedenken und
glauben nicht, daß bald die -Zeit kom
men wird, Ivo auch hier alle Stände,
umsomehr aber die deutschen Koloni
sten ihre Vertreter in Handel und
Wandel und überhaupt in allen Le
bensbeziehungen haben müssen und
daß die Kolonisten ohne Bildung na
mentlich ohne Kenntniß der russischen
Sprache, genöthigt sein werden, sehr
bedenkliche Hilfe in Anspruch zu neh
men mit anderen Worten ihre
Selbstständigkeit einbüßen werden."
„Jtt die sogenannten Volks- oder
Kirchenschulen mag ich gar nicht
schatten, weil ich sie als Gefängnisse
betrachte, in welchen das Volk geistig
und leiblich verkrüppeln muß. Jd)
weiß sehr wohl, daß die Pastoren nie
Ernst hatten, wenn sie die Behaup
tung gelten ließen, daß eine Schulre
form das schreiendste Bedürfniß sei.
Sie wenden immer eilt: Woher sol
len wir bessere Lehrer bekommen?
Und doch ist Jedermann bekannt, daß
sie bei Besetzung der Schnlstellen die
unfähigste» Subjekte, welche sie nur
verwende» körnte», bevorzugen und
Mreisfchiiier oder andere fähige Per
sonen immer zurückweisen, Fort
während ist aus den leidigen Schul
ntcistcrprozessen mit welchen sich
die Pastoren nur zum Zeitvertreib
beschäftigen zu ersehen, daß sie
oft ganz untaugliche, die Gemeinde»
dagegen brauchbare und tüchtige
Schulmeister vertheidigen. So oft
nur die Frage wegen eines Lehrer
seminars erhoben wurde, gaben alle
Pastoren die Nothwendigkeit eines
solchen zu und zeigten sich von vorne
herein bereit, diese Sache zu unter
stützen, während sie zu gleicher Zeit,
direkt uud indirekt, alle möglichen
Hebel in Bewegung setzten, das Zu»
standekommen einer solchen Anstalt
zu vereiteln, was ihnen leider immer
gelang. Selbst die ohnehin klägli
che» Kreisschulen mögen sie nicht dul
den und entblöde» sich »icht,-tieselben
ans jede Weise zu beeinträchtigen mid
sogar ihre -Zöglinge zu verfolge».
So lange die Tirektion der Kreis
schulen den Geistlichen zu Kothari
»enstadt und Grimm anvertraut
war. gingen diese Anstalten nnaus
haltsam der Vcrsnmpsung entgegen,
weshalb die Verweserschaft den ört
lichen Krcisäiiiftrii oder Privatperso
nen ostvertrout werden mußte. Ich
sehe jedoch ein, daß auch dieser Zu
stand nicht vou Dauer sein kamt und
werde aus die Vereinigung beider
Schulen zu einer Anstalt antra
gen, vou welcher dann unter der un
mittelbaren Leitung eines Direktors,
der zugleich auch Pädagog nnd selbst
Unterricht ertheilen soll, bei erweiter
tem Programm nnd einer demselben
entsprechenden Lehrerpersonal gün
stigere Resultate erwartet werden
können."
(Fortsetzung folgt.)
Ei«
ert«nreinigen nuë trn lrytri. Tagen bet 3«rm
»letönöct des Tritte« nen ttuftfau».
Im Juliheft der „Deutschen Re
vue" setzt der berühmte Mediziner
Ernst von Leyden dieVeröffentlichnng
seiner „Erinnerungen" fort, und ge
rade dieser Theil seiner Auszeichnun
gen dürste von allgemeinerem Inter
esse sein, bn er darin die letzten Tage
Kaiser Alexanders III., den er kurz
vor seinem Tode behandelte, in aus
führlicher Weise beschreibt. Wir cut
nehmen den Schilderungen Leydens
folgende Einzelheiten.
Schon im Spätsommer 1894 war
der Berliner Professor nach Spala
an das Krankenbett des Zaren geru
fen worden, hatte sich aber damals
daraus beschränken können, lediglich
die Uebersiedelung in ein wärmeres
Klima vorzuschlagen. Als er aber
wenige Wochen später, im Oktober,
den Zaren wieder untersuchte, fand
er ihn schon derart verfallen, daß eine
Reise nach Korsu, von der Leyden sich
übrigens nicht viel versprach, nicht
zur Ausführung gelangen konnte.
Noch immer zwang der Zar sich,
um 7 Uhr Morgens aufzustehen, aber
seine Erschöpfung nahm von Tag zn
Tag zu. Kurz nach der Ankunft Leg
dens traf auch die Königin von Grie
chenland in Livadia ein. und sie hat
te den vielgenannten Mönch Johan
nes bei sich, der den Zaren gesund
beten sollte. Tie Aussicht, durch die
Gebete des Mönches die Gesundheit
zu erlangen, die ihm die Kunst seiner
Aerzte bisher nicht hatte wiedergeben
können, bewirkte ein bemerkbares
Aufflackern der Kräfte Alexan
ders III., aber wenn es ihm nicht
gut ging, verheimlichte er seinen Zu
stand, um weder seinen eigenen noch
den Glauben seiner Umgebung an
die Kraft der Gebete des Mönches zu
schwächen. Nur einige Male, wenn
er sich gar zu schlecht fühlte, verlangte
er allein zu sein. Er schloß dann die
Thüre seiner Zimmer persönlich zu,
und die Sorge um ihn war um jo
größer, da man durch die hohen Fen
ster während der ganzen Nacht das
Licht in den Gemächern des Kaisers
brennen sah. So kam der letzte Tag.
Von der Unruhe des nahenden Todes
ergriffen, verlangte der Zar, sich zu
erheben er ließ sich ankleiden und im
Lehnstuhl an das Fenster rollen. In
diesem Augenblick übersiel ihn eine
derartige Schwäche, daß man sent
Ende gekommen glaubte. Tie kaiser
liche Familie und seine Aerzte wur
den gerufen, aber der Anfall ging
vorüber und die Aerzte entfernten sich
ins Nebenzimmer. In diesem Augen
blick ertheilte ihm der Mönch Jo
hannes die letzte Oelung. Mit einem
tiefen Seufzer der Erleichterung flü
sterte ihm der sterbende Kaiser zu.
„Das thut wohl: Sie sind eilt heiliger
Mann und ich weiß, daß Sie mem
Volk liebt."
Bald darauf trat die Agonie ein.
„Wir Aerzte wurden wieder herein
gerufen," fahrt Leyden fort. „Ich
stellte mich zu Häupten des Sterben
den und gab das Zeichen, als er den
letzten Athemzug gethan. Wieder
sank alles in die Kniee, und Pater
Janntschew. der Beichtvater des Kat^
fers, begann die Sterbegebete zu
sprechen. Die Kaiserin hielt immer
noch das Haupt des Entschlafenen
mit ihren Armen umfangen uno
drückte einen letzten Abschiedstuß auf
seine erkaltenden Lippen. Der
Thronsolger allein stand während der
ganzen Zeremonie aufrecht am Fuße
des Lehrstuhls, in dem der Kaiser
gestorben war, ivährend seine Braut
und die andern Angehörigen zur
Seite knieten."
Als die Sterbegebete beendet wa
ren, wandte sich Pater Janntschew
mit hocherhobener Stimme zu Deu
Leidtragenden und übrigen Anwe
senden und forderte sie aus. dem
neuen Kaiser den Treuschwur zu lei
sten.
Wer da behauptet, daß die a n z
zeit Griechenlands unwiederbringlich
dahin sei, der hat die Nachkommen
der a!.en Hellenen noch nicht beim
Stiefelwichsen beobachtet.
Schmarotzer am Volkswohlstande
sind jene New Norker Spekulanten,
die zwölf Tonnen Eier in Kühlspet
chern verderben ließen, um die Preise
hoch zu halten..
Ellenlange Hutnadeln und saust»
hohe Absätze gehören zu den Moden,
die im Interesse allgemeiner Wohl
fahrt überall polizeilich -verboten
werden sollten.
Der König George von England
soll erst am *22. Juni nächsten JahreS
gekrönt worden. Vorläufig ist er
also noch nicht „jeder Zoll ein Kö
nig".
Wenn die Freude über den Rück
gang der Vkhpr:ise mir nicht bald
wieder durch eine Ankündigung 5er
Erb" )ung dei: ^löiichprzij« ixtdou-eit
wird!
sterbender Kaiser.
Arbeiterverhältnisse Panama
kanal.
Tie Arbeite« am Panama-Kanal
schreiten bekanntlich mit überraschen
der Schnelligkeit fort. Nach der schon
vor längerer .Zeit erfolgten amtlichen
Ankündigung sollte die neue Wasser
straße im Jahre 1015 eröffnet wer
den später hieß es, daß sie schon bis
zum Jahre 1913 fertig gestellt sein
würde, und in der allerneuesteu Zeit
munkelte man gar schon vom Jahre
19l l. So schnell wird'S nun wohl
nicht gehen: Thatsache aber ist, daß
die Eröffnung des Kanal* in abseh
bare Nähe gerückt ist und daß man
mit ihm bereits in der Welt zu rech
nen anfängt.
iuiit großen Theil ist der rasche
Fortschritt des Baus den gänzlich
veiänderten Arbeiterverhältnissen am
ysiUmms zuzuschreiben. Als die
Amerikaner anfingen zu graben, sa
hen sie sich einer fast unüberwindlich
scheinenden Arbeiternoth gegenüber.
Es war nöthig, Agenten auszusen
den. um die nöthigen „Hände" an
zuwerben, und damals machte man
bekanntlich zunächst einen Versuch
mit den westindischen Negern, der
aber seilten sondcrlichcnErfolg auszu
weisen hatte. Heute sind die Neger
alle durch Weiße verdrängt und sie
brauchen nicht durch Versprechungen
hergelockt zu werden: sie kommen von
selbst aus Griechenland, Italien,
Spanien, aus Costa Rica, Euba, Co
lumbia und Venezuela, mehr als
man haben will und brauchen kann.
Insbesondere der Zuzug aus eitropä
ischeu Ländern ist gegenüber dem
Vorjahr um volle 1000 Prozent ge
wachsen. Beinahe jedes Schiss bringt
neuen Zustrom von Arbeitern, nicht
mehr die sogenannte ..Stowaway"
.stlaste, die blinden Passagiere, die
man nur aus Noth landen ließ, son
dern Leute, die obzwar sie int Zwi
schendeck reisen, doch ihre Ueberfahrt
bezahlt haben.
Seit der Isthmus durch die gründ
liche Arbeit der Amerikaner so faitirt
worden ist, daß der Aufenthalt selbst
bei anstrengender körperlicher Arbeit
nicht gefährlicher ist als beispielswei
se in unseren Südstaaten, hat die Ar
beiteruoth ganz aufgehört, und das
ist gewiß erfreulich. Weniger erfreu
lich ist jedoch ein anderer Umstand,
auf den gelegentlich schon Hingewie
sen worden ist. Unser Kongreß ist
seit Jahren bemüht, die Haftpflicht
der Arbeitgeber des Landes gegen
über ihren verunglückten Arbeitern
festzulegen. Ta sollte man denken,'
daß unsere Negierung selbst wenig
stens mit gutem Beispiel vorangehen
würde. Tent ist leider nicht so: der
Arbeiter ant Panamakanal genießt
ebenso wenig Schutz wie sein Kollege
in den Staaten und ist unter Umstän
den noch schlimmer daran. Erst
fürzlich ging die Geschichte von einem
Italiener durch die Blätter, der bei
den Arbeiten am Kanal durch einen
Unfall beide Beine verloren hatte
und, kaum daß er kümmerlich gene
sen, auf Grund der Einwanderungs
gesetze ohne einen Cent Entschädi
gung als Pauper und Krüppel in die
Heimath abgeschoben wurde. Terar
titie Fälle scheinen leider nicht selten
zu sein. Ein Leser, der selbst am
Kanal gearbeitet, schreibt uns: „Ver
lorene A ritte, hölzerne Beine, ver
früppeste Hände, gebrochene Füße
find so zahlreich, daß schon vor an
derthalb Jahren ein Vorgesetzter ei
nem dieser Unglücklichen, der bei ei
ner Erplosion, bei welcher zwei Leute
getödtet worden waren, mit gebroche
nem Bein davon gekommen war und
nach mcrntottatlichcnt Lazarettauf
enthalt wieder mit Arbeit ersuchte,
Den geschriebenen Bescheid gab: „Wir
imben schon mehr Krüppel hier, als
mir versorgen sönnen." „Hart ist's",
fährt der Schreiber fort, auf einem
Vein zu schaffen, noch härter aber bei
dem Gedanken, daß man vor Allem
erst an die Beschaffung eines neuen
hölzernen Jenseit muß, da die, mit
welchen die Kommission uns ans dem
Hospitale entläßt, selbst bei be
schränktem Gebrauch auch nur eine
gewisse Zeit dauern."
Solche Berichte sind wohl dazu an
gethan, einem auch die Freude an
diesem stolzen, nationalen Werke zu
trüben, und die Forderung, daß
etwas zur Beseitigung oder wenig
ileus Linderung dieser unwürdigen
Zustände geschehen möge, sind' wohl
berechtigt, obwohl oder vielmehr ge
rade weil es mir „Foreigners" sind,
die da unten ihre Haut und ihre ge
mitden Glieder zu Markte trage».
Der Kanal verschlingt so viele Mil
lionen, daß es wirklich ans ein paar
Iniuderttausend Tollars auch nicht
ankäme, welche dazu verwandt wer
den könnten, die Verunglückten we
nigstens vor der größten Noth zu
schützen, wenn sie schwach und- ver
friippclt das Hospital verlassen.
Uncle Sam ist doch sonst nicht so
knauserig: in diesem Falle sollte er
den Beutel erst recht aufmachen.
—Westl. Post.
Nach der Erklärung des Dr. Mur
phy steht die Kunst' der amerika
nischen Wundärzte obenan in der gan
zen Welt. Wenn deshalb kranke
Amerikaner, welche die Mittel haben,
trotzdem in die Ferne schweifen, so
geschieht solches vermutlich nur aus
Unkenntnis hex Geschicklichkeit ihrer
Landsleute.
Zollschnh nnd Löhne.
Tie Einwanderungs-Kommission,
deren Vorsitzender Senator Tilling
ham von Vermont ist, ist nach ein
gehenderer Untersuchung der 3ach»
läge zn der Ansicht gelangt, daß die
int Weichkohlenfeld des westlichen
Pennsylvania herrschenden Zustände
unbefriedigend sind und die „Anäh
nelung" der dort vorzugsweise bc
schästigteu Ausländer erschweren und
verzögern.
Jn einem soeben fertiggestellten
Bericht über das Ergebniß einer Um
frage. die an die 50,000 Einzelfälle
gedeckt haben soll, erklärt die Korn
mission, die Kohlengräber seien zu
75 Prozent „Foreigners", zumeist
wieder Süd- und Osteuropäer, von
denen viele gar nicht schreiben und
nahezu die Hälfte nicht englisch spre
chen könnten. Jut Allgemeinen
wohnten sie in Häusern, die den Ge
sellschaften gehören und die, den Leu
ten zu verkaufen, diese sich hartnäckig
weigerten. Tiese Häuser seien durch
die Bank nicht viel werth, zum Theil
aber saunt geeignet, menschlichen
Wesen als Wohnungen zu dienen.
Wie die Wohnungen, so stellten die
Gesellschaften ihren Leuten auch die
meisten anderen Lebensbedürfnisse—
durch die Eontpany-Läden, die über
all zu finden seien, deren Rechnun
gen von den Löhnen abgezogen wer
den und in denen die Leute wohl oder
übel saufen müssen, wenngleich feine
„Vorschrift" sie dazu zwingt. Tas
durchschnittliche jährliche Einkommen
eines FomilienliauptcS stellt sich auf
$4:11!
Achilliche Zustände herrschen in
dem Hartkohlengebiet, das der gro
ße „Körnet" studienhalber aussuchte:
und ähnlich sind die Verhältnisse, un
ter denen die Masse der Stahl- und
Eisenarbeiter „schafft" und lebt.
Aehnlich in's in allen anderen grö
ßeren beschützte» jndustrien. Ame
rika gilt als das Paradies der Arbei
ter, aber diese Annahme ist nur zum
Theil zutreffend. Für die Angehöri
gen solcher Jndustrien, in denen der
Kleinbetrieb vorherrscht, wie int
Bauhandwerk, ist es in der That das
Land, wo „Milch und Honig fließt"
je mehr in einer Jitditftrie der Groß
betrieb vorherrscht, wie man so sagt:
„die Vertrustung" erfolgte, desto
spärlicher fließen die süßen Quellen,
und wo zum Großbetrieb der „Zoll
schntz" kommt, da versiegten sie—für
die Masse der Arbeiter ganz und
nur mehr Wasser- und Mcbliuppc
Quellen stießen. Ten $-131 für das
durchschnittliche Familienoberhaupt
im pennsylvanischen Weichkoble-Be
zirf schließt sich der (kürzlich festge
stellte) Tiuxhichnitts Monatslohn
von Jj.°7.50 für 2-stündige Arbeit,
dreißig Tage im Monate, in der
pennsylvanischen Stahl- nnd Eisen
industrie würdig an. Und eine Un
tersuchung der Lohnvei hältnisse in
den gleichfalls so hochbeschützten
Baumwolle- und Wirfwaaren Wolle
und Seide-jndustrien würde jeden
falls ähnlich niedrige Coline erken
nen lassen. Taß in der Baumwoll
industrie der Neu-England Staaten
verhältiiißmäßig vertheilt aus die
Arbeitsleistung niedrigere Löhne
bezahlt werden als in den großen cu
ropäi scheu Industrie-Mittelpnnften,
wurde schon vor Jahren festgestellt.
Tie Jnstirgcnteu" Jowa's haben
in ihrer Platform, die zugleich ein
Trenegelöbniß und eine Herausfor
derung zum Kampfe für die ..repub
likanische Partei" ist. als höchstes
Ziel ihres Zollrefornt-Ehrgeizes die
Einsetzung einer ständigen Zollkoin
mission und die Regelung des Zoll
schutzes nach Maßgabe des Unter
schiedes in denProdnktionskosten hier
und „drüben" hingestellt, und der
große „Körnel", ihr stilles Ober
haupt und Ehrenpräsident, sozusa
gen. hat dem soeben in einem Maga
zin Artikel sein Ja und Amen gege
ben nnd dazu erklärt, eine solche
Kommission könne mit dem Arbeits
kommissionär zusammen arbeiten,
und den Arbeitern, denen zuliebe ja
der Zollschntz erdacht worden sei, zu
ihrem Recht verhelfen. Tabct stellten
die Jitsttrgcntcn zugleich eine Revi
sion nach unten, eine wesentliche Her
absetzung der meisten Zollsätze, als
das Ziel ihres Strebens hin, und es
ist kaum zweifelhaft, daß sie es ehr
lich meinen allein noch weniger
zweifelhaft ist's daß sie die Erfüllung
dieses Versprechens sehr, sehr schwer
finden würden. Ticjenigcu Jndu
strien, die ihre Arbeiter ant schlechte
sten bezahlen, sind am stärkste» be
schützt und da will man behaup
ten, es werde möglich sein, »ach Fest
stellung der Produktionskosten die
Zollsätze zu ermäßigen nnd zugleich
den Arbeitern zu „ihrem Rechte" zu
verHelsen d. h. den höheren Löh
licit, denen zuliebe der Zollschntz er
funden wurde, bezw. erfunden wor
den sein soll?! Man glaubt das al
les fertig bringen und thun und da
bei doch in der Partei verbleiben zu
können, der man damit an das Theu
erste gehen würde?!
O ja! wenn es dent wohlmei
nenden Schooßhündchcn möglich sein
wird, dem freßgierigen Wolfe eine
Wurst zu entreiße», sie selbst zu fres
sen und dann noch dem hungrige»
Straßenköter zu schenken dornt
wird auch jenes möglich sein.
—Abendpost.
in dem
Autbar
nat
meinem
schen
3.
Seither hatte es mit Abholen der
Postsachen, Briese, Zeitungen und
so weiter, die liebe Noth, aber nun
wurde hier ei» »citcs Postamt, Asor,
gegründet, mit Joseph Hufnagel als
Posthalter, so daß sich die Verhältnisse
sehr gebessert und wir nicht mehr so
weit zur Post zu fahren haben.
Ant 11. April im Jahre 1909 ver
ließ ich mit meiner Frau und drei
Kindern
die Hcimatb in Krottenthal
Südrußland und wanderte nach
Saskatchewan, Canada aus. Unser
erstes Ziel war Regina, aber wir ka
uten zu spät dorthin, mit
noch
Heim-
siättclaiid aufnahmen zu können. Ich
fuhr weiter nach Unity, wo ich Alcr
ander Schneider antraf, der uns
herzlich bewillkommnete. Er gab mir
den Roth, mich in die St. Peters-Ko
lonie bei Unity zu begeben, weil dort
noch Land aufzunehmen fei. Ten
Rath befolgte ich sogleich und traf
dort die Herren Nif. Bicrn, Ioh.
Walz, Georg Scheel und Phil. Her
nes, welche mir mittheilten, daß sie
bereits Land aufgenommen hätten
und daß noch mehr zu haben fei. Also
nahm ich sofort eine Heimstätte und
Pre-emption dort auf und somit wa
ren mir
unserer Fünf in Range 24.
Twp. 88. Jetzt treffen alle Tage
neue Ansiedler von meinem Geburts
orte aus Kronenthal und Tjainiit
Südrußland ein. Gestern waren auch
Inh. Feist und Mich. Schröder bei
mir, aber die Familien sind noch in
Regina. Simon Scheel dagegen ist
gleich mit Familie bei uns ange
langt, hat sich Heimstätte, Pre-emp
tion aufgenommen und auch noch
..Scrip" gekauft für $750. Natürlich
war die Freude des Wiedersehens
groß nnd natürlich war ich neugierig,
aus der alten Hei math zu hören und
das Fragen ging los. „Wer hat
dei­
ne Wirthschaft gekauft?" Wendelin
Bicrn für l,5ob Rubel." Obwohl
Bicrn aus
Kronenthal
mir
die
doch
gebürtig ist,
war er doch Pächter in Backfchci.
„Aber," frug ich weiter,
„was
im November 1908,
ihm
den
versprach
und
macht
Franz Schneider, der meine Wirth
schaft
von mir
kaufte?" Ta wurde
Antwort: „Was
alle
reichen
Leute machen." Es wurde weiter
erzählt, daß Bietn beim Abschied
sehr meinte. Er machte es also
so wie der reiche
nicht
Herr Schneider,
der
als
ich mit
Kaufbrief schloß,
so
vieles
schließlich nichts hielt.
So fryg ich zum Beispiel Schneider,
wo ich alles mein nichtnerfanftes
HausgerätHe hin thun
soll, wenn
er
selbst gleich dos Haus bewohnen
wollte. Ta meinte
er,
ich
könne
es
auf dem
Speicher tu*
big liegen lassen. Natürlich hatte ich
auch noch verschiedene Fässer selbst
gebauten Wein. Kaum
war
ein Mo­
hermit, da kam einer seiner
Knechte
mit
seinein
folgender Botschaft von
Herrn: „Ihr sollt
euere
Sa­
chen herausnehmen, Franz Nikolai
jeuutich Choworüll." Ta dachte ich
in meinem Sinn: er ist ein reicher
Mann, doch wohl will er das alte
Unländern und neu bauen für die 19
Rubel 50 Kopeken, die er mir durch
Nikolaus Schneider abstritt, weil ich
einen Genieindespruch unterschrieben
habe,
daß eine
thai nach Simferopol gebaut werden
soll. Freilich, die Zeit war zn kurz
als
daß
ich hätte klagbar werden
können, denn ich hatte bereits den
Reisepaß gelöst und mußte zur be
stimmten Zeit abreisen. Pfui Schan
de über solche Wucherer, die sich noch
nicht einmal
sehen
ließen,
als ich
en
von
Hofe fuhr! Solche Men­
sind wie die Wölfe die immer
Hunger haben, oder wie das Feuer,
daß imtiomcbr haben will, je mehr
man zulegt! Wie mir zu Ohren kam,
ist das Gebäude noch so wie es war.
Ich
hörte
auch, daß mein alter Nach­
bar Michael Fischer, der schon den
Teufel und seine Schwiegermutter
geritten bat, heute Oberschulze ist.
Grüße an alle Leser des Staats
Anzeiger.
Ioh. Eheiser.
et,
Möchte den Lesern mittheilen, doß
ant 1. Juli meine Leute aus Ruß
land hier gesund und munter anka
men. Sic hatten eine gute Reise und
waren nur 22 Tage unterwegs.
Jch habe mich entschlossen, meiner
alten Heiniath in Rußland wieder
einmal einen Bestich abzustatten, und
werde am 15. August vou hier abrut
schen nnd etwa zwei Monate in Ruß
land mich aushalten. (Wünschen
glückliche Reise und viel Vergnügen.
—Red. Staats-Anzeiger.)
Grüße an meinen Vetter Georg
Hither in Südrußland, den ich nun
bald persönlich zu sehen bekomme, so
wie an alle Leser dieses Blattes
Franz Scherr.
Sendet Verwandten oder Freunden
im alten Baterlande den Staats-An
zeiger auf ein Jahr. Der Preis de»
Blattes Ufs Ausland beträgt nur £2.00
jährlich, ganz abgesehen von der hüb
scheu Prämie, welche vir verschenken
und der Frenbe, welche dadurch
Ber-
vaudte« uud Freunde« bereitet wird.

Der Staats-Anzeiger, Rugby, R. T., den 18. August 1910.
Aus Canada
Saskatchewan.
A s o r, den 8. Juli.
ho nice von Kronen»
den 10. Juli.

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