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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, September 08, 1910, Image 2

Image and text provided by State Historical Society of North Dakota

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2.
0++++4,+++++++*!"H,+1-++++++40
I Aus Rußland. I
-tllt IRcadltUtta' ll»Krc L'efer i» tHuftlanb
tömien bcn ^aliresdrlrag
liir bflv Blatt (frj.oo ober I tKubel) unter Zuschlag ber
ißerfaiibtfoiten bei unserm iU'rmponbftiU'ii einmal)
Jen, welche bereititiflt finb, Weider fiir uns zu tofsiren.
Tie flcuidliUe i-riuitie luitb ilntvn bam: prompt zuge
•'anbt. 4) eil ell
nr. tic it auf ober Zaliluunen fiir oaë
'•tilatt foil licit jederzeit gemacht werben, beim wir
nehmen BeiieUiiiiqeü jeberseit eiilqeqeu. i'eutc alio,
"Deiche bac-Blatt in K'iitilatiC bestellen wollen, mosten
•'irt) fietroit an unsere Moi rejboiibeuten bort nu'iiben.
Wir erlassen biete Vlurünbistutiq, um den t'euteu dort
die Sache wesentlich zu erleiditmi.
i e w e et) 13 u n fl.
Spezial-.^orrcspvndcnz.
3 a 13 fl, (Goiw. Cherson)
bcn 2. Vhignst.
Weil ich den Staats-Wuzeiger so
temp fefc, schreibe ich mich mit Ber
.Viiiiivi! fiir hnc- Blatt itnh liesse, das
auch uteine .SlonvWi'ithesi.u'u her '!!e
Bastion willkommen sind. (Abet* ge
mit Bitten nur, recht est 31t schrei
ben.—Red. Stantv^liVjenu'v.)
Zuerst nius ich doch meinem Bru
der viObaime* 2ciuu'r bei .sarbei)
Jtorö Tafota betulich danfeit, dar, er
dieses ausgezeichnete Blatt fiir mich
bezahlte, Er Inittc mir eine größere
Tyreitöe gar nicht machen können.
Dann auch bedanke ich mich bei der
^h'schäTtvfiibruini des Blatte* fiir
prompte Uebmuitteliiiui der schönen
Sprnngsederscheere, welche an sich
allein ein ivertlivollcv (Neschens bil
det so mertbvoll, das ich wünsche
es hätte eine jede Hausfrau eine
solche. Manche Familie mail ivobl
drei oder vier Scheereil haben, aber
keine so flut als diese.
Dann auch ist das Blatt ein wah
rer Schav. denn mau findet darin
Neuigkeiten aus aller Welt. Unsere
WnftltiuDi'r sollten nicht säumen, das
Blatt sich zu bestellen, denn es kostet
nur vier Mubel auf's \abr. Vilich
uöchte ich die MtufjUinder in Vinterita
bitten, ihren Benvaiidten und
freunden diese Leitung zuzusenden,
'o schnell es irgend angeht.
Gerne möchte ich auch von meinen
Geschwistern bei Harpen Nord-Ta
kota .Korrespondenzen im Blatte le
sen, denn sie können gut schreiben.
Die Leser des Blattes möchte ich
auch bitten, doch im Blatte ,51t berich
ten, wie es eigentlich in Amerika
steht, da einige Leute, welche vor ei
nem oder zwei fahren nach Amerika
fingen, wieder zurück wollen, und
wirklich sind auch schon einige ange
kommen. die nicht gut ans Amerika
Ui sprechen sind und die sagen, das
es in Amerika ctncli schon schlimm ist.
Ich weis nicht, was ich davon denken
'oll. Meine Geschwister schreiben
mir nur gutes und es utus doch dort
auch gut sein, denn mau bekommt
doch noch immer Xiand und die Ar
beitet* verdienen schönes Geld, wie
ich schon öfters im Blatte gelesen
habe. Hier bekommen Tagelöhner
50 Mopefeit, nicht auf den Tag. son
dern auf den Zitdgen (24 Stunden).
Deshalb sollte ich denken, die seilte
blieben lieber in Amerika. (Wir
sönnen Ihnen nur soviel sagen, das
es hier immer noch bedeutend besser
ist wie in Nns'.laiid. Wahrscheinlich
werden auch einige Leser dieser Kor
respondenz ohnen dasselbe sagbn.—
Ned. Staats Anzeiger.)
Ich hätte auch gerne, das mir die
Leser Auskunft geben, wo sich Mag
dalena Anhölzer, gebürtig aus El
safe Züd.rni'.laud, und mein Tauf
vathe /Vrauz Weitinger (uoit Mi
chael aufhalten. Beide sind in
Amerika.
Ich werde mich bemühen, das
nächste Mal mehr Neuigkeiten von
hier 31t berichten.
Gruß an Redakteur Brandt und
an alle Leser des Blattes.
a n 3 i
von dauert.
Vermischte Nachrichten.
jAllS der Deutschen Rundschau für den Staats-Auzei
acc Aitiammenaestettt.]
A u s e e e s a n a u
i"ieit ist heute edites Herbstivetter, (is
ist trübe, nas windig, ltnfreulich.
Seit zivei lagen regnet und regnet
es, bald fallen groste, schwere Tro
pfen, bald rieselt es in feinen Staub
tröpfchen, die durch die Uleidmtg bis
auf die Haut dringen. Ein rauher
scharfer Nordwind pfeift und treibt
die bleifarbenen Wolken vor sich her,
wie der Jäger das Wild. Der Him
mel ist mit Wolfen wie mit e itteut
grauen Vinnen überzogen die Son-!
iie ist versteckt, und nur dann und
wann blickt ein matter Strahl ver
stohlenerweise durch das Vom Winde!
zerrissene Geivölfe.—Der Vaitdntamt
hat in seinen Arbeiten nun wieder ei
nen Ruhetag, er und sein Gesinde
können sich jeot etwas erholen von
der Mühe des Tages. Er ist aber
nicht absonderlich übet* diesen Schalt
tag erfreut der möge int Pfefferland
sein. Einige solcher Schalttage kön
nen dem Bauer eilten enormen Scha
den zufügen. Das Getreide ist abge
mäht, es liegt dransten in Hemsen zu
sammengetragen und seiner Ein
heintsimg harrend. Der Landntann
legte schon die Wagen an, mit die
ft fit cht nach Hanse zu bringen, und
mm kommt der fatale (wenigstens zu
dieser Zeit fatale) Regen und hemmt
ihn mitten in seiner Arbeit. Der
Bauer zuckt ob dieses Wetters
krampfhaft zusammen, als ob er
hochgradig von der Cholera befallen
wäre. Ist es auch kein Wunder.
Einmal schon ist er dieses Frühjahr
in seinen stistesteit Hoffnungen ge
täuscht worden, einmal schon Hat er
die Rechnung ohne den Wirth ge
ntacht, nun ist wieder Gefahr vorhan
den. daft er zum andern Mal ge
täuscht wird. Der ftriibliitg war
reich an Niederschlägen die ft nicht
ich of, großartig iit die Höhe, lauge,
volle eh reu, das Auge tonnte sich
an den schönen A eh reu nicht genug
satt schauen ein wahres Gaudi
um! Mancher machte sich schon ver
schiedene Pläne für die Zukunft,
mancher hatte in seinem Stopfe be
reits den Gewinnst berechnet, den er
in diesem Jahre erzielen wird. Da,
als die ftrucht in vollem Safte da
stand, als die Freude des Bauers
auf's höchste gestiegen war, da kommt
plötzlich Nebel und eine tropische Hi
tie, und der noch nicht ausgewachsene
Stern schrumpft zusammen und wird
runzelig, wie das Autlitj eines Grost
müttercheus.
Mit beklommenem
Herzen sah der i'aitdmomt zu, wie
feilte schönsten Hoffnungen zu Grabe
getragen wurden. Die Aussichten
aus eine gute Ernte waren dahin,
und man gab sich schließlich nolens
Polens damit zufrieden, das matt den
kommenden Winter doch noch nicht zu
hungern brauche, wenn auch die
Fräulein Töchter etwas weniger Toi
lette machen müssen. Ein mancher,
der schon Ausgaben auf Rechnung
der zukünftigen Ernte gemacht hat,
wird min wieder sparsamer, da ihm
noch zur rechten Zeit das Sprich
wort eingefallen ist: Spare in der
Zeit, so hast du in der Noth.
Nachdem das Getreide gereift war,
machte matt sich an's Mähen. Gott
lob,' es ist nun abgemäht jetzt schnell
nach Hause gebracht und gedroschen!
Doch halt, lieber Bauer, noch hast du
31t wenig des bittern Meiches gekostet.
Die Mutter Natur will noch einmal
dein Blut in den Adern erstarren
machen. Bevor du die Möruei* in dei
ne Scheune schütten darfst, müssen sie
noch einmal gemistt werden. Der
Regen durchnästt nun das Getreide,
der .Stern verliert an Gewicht und
ftarbe, somit auch an seiner Güte,
die ftolgen davon ist miserabler
ftmchtpreiv. Ja, wenn das Wetter
so einige Tage fortdauert, kann die
ftrucht noch anfangen, mtsziiwcichicit
und zu stmten. Der Mensch steht da
Ulli) schaut zu, wie der Vohit fiir seine
Mühe ihm wieder entrissen wird,
und kann dagegen nichts ansangen.
Welch ein armseliges Geschöpf ist
doch der Mensch im Vergleiche zu den
Ströhen der Natur! —a.
e u s o u v S a a a e n 2 2
Juli. Es war am obengenannten
Tage, als vom südlichen Himmelsge
wölbe ein schwerer Gewitterregen
heranzog. Es war auch schon höchste
Zeit, denn alles sehnte sich der großen
Hike wegen, die schon einige Zeit
herrschte, nach dem erquickenden Re
gen. Es regnete nicht lange, aber
stark, und die Erde zitterte durch das
furchtbare Donnerrollen. Unge
fähr nach einer Stunde konnte matt
schon vernehmen, das das Gewitter
nicht ohne Opfer vorüberzog. Es
wurden durch den Blitz erschlagen:
ein Mann aus unserem Nachbars
dorse Holzel, der mit drei Ochsenwa
gen auf's fteld fuhr, um ftrucht zu
holen. Die Ochsen kanten davon, die
Wagen wurden zersplittert, und
zwei Pferde eines Mannes von
Preitst, die einen geladenen ftrucht
wagen zogen, der Besitzer dieser
Pferde aber kam mit einer leichten
Ohnmacht davon.
—St Unnenberg.
a e it, st reis Odessa, den HO.
villi. Wie bereits in manchen ande
ren Orten des Südens über schwache
Ernteaussichten und -ertrag gemeldet
wurde, so 11 tu st dasselbe auch von un
seren gesagt werden. Mit dem Win
terweizen, Roggen und Gerste sann
man schon zu frieden sein, aber der
Sommerweizen, der vor der Ernte
noch irgend welche Hoffnungen ver
sprach, ist hinter den früher gehegten
Hoffnungen weit zurückgeblieben.
Die ganze Herrlichkeit des Sommer
Weizens von der Defüatine beträgt
—12 Pud dabei weder schöne ftar
be noch gute Beschaffenheit. Was
den Sommerweizen plötzlich vor der
Ernte so schwindsüchtig machte, meist
man nicht man will behaupten, es
ging vorher ein Giftregeu oder Gift
thau nieder. Die gleich darauf fol
gettde abscheuliche Stägige starke
Hitze habe dann das Ihrige gethan.
Und jetzt, Ivo unser Sandmann mil
des, trockenes Wetter wünscht, wel
ches das Ausreiten der Störner be
günstigen sollte, regnet es tast täg
lich, und mancher Sandmann, der in
seinen Drescharbeiten stark gehindert
wird, flucht ein stilles „Donnerwet
ter" drein. Das Bild der Ernteaus
sichten im Stutschurgan ist also bei
weitem nicht so glänzend, wie matt es
sich bisher vorstellte. —ct.
Sendet Verwandten oder Frennden
im alten Baterlaude den Staats-An
zeiger auf ein Jahr. Der Preis des
Blattes ins Ausland beträgt mir 82.00
jährlich, ganz abgesehen von der hüb
scheu Prämie, welche wir verschenken
und der Freude, welche dadurch Ber
wandten und Freunden bereitet wird.
Erinnerungen aus der
math.
(Von Anton Jochim.)
Viel, sehr viel hörte ich oft, als ich
im alten Heim noch dem Studium
oblag, von Schatzgräbern sprechen
und das solche Gold, Silber und ge
prägte Münzen in Töpfen, Ledersä
ckeit und eisernen Stafetten in großen
Mengen gefunden hätten.
Einstmals, als ich während der
fterieuzeit mit meinen Herreu Schul
Professoren eine weite Reise mitma
chen mußte, kanten wir in eine fast
inenschenleereSteppengegend, wo un
zählige Hügel eine rounder-- und son
derbare Naturschöubeit in ihrem
Wriiit bildeten. Hie und da trafen
wir auch auf schöne Eilande, tieflie
gende Ebenen, sastige Weideplätze,
die aber, wie es schien, von Haus
thieren nicht berührt wurden, sowie
auch aus undurchdringliches Gestrüpp
und Gesträuch. Warum diese weit
ausgedehnte Xlmidstrecke nicht der Be
siedelimg erschlossen war, ist mir noch
bis dato ein Räthsel. Bald stießen
wir aus recht stattliche Erdhügel, de
ren Oberfläche ein kieselartiges, mir
fremdes Gestein bildete, während wir
ant unteren Saume derselben aber
Reichen menschlicher Arbeit fanden,
woraus wir schließen mußten, daß
vor Zeiten hier Grabungen vorge
nommen worden waren. Schließlich
aber wurde uns allen etwas schwül
zu Muthe und wir wurden unsicher
und bange, die Reise noch weiter in
diese unbekannten Regionen fortzu
setzen. Einer meiner Professoren,
Herr Tepawki, eilt Naturliebhaber
und Tourist, beschäftigte sich fast wäh
rend der ganzen Reife mit .'Zeichnun
gen und Entwürfen. Später bemäch
tigte fich unser ein so unheimliches
Gefühl, daß wir, wie von Geistern
getrieben, im Sturmschritt ans dem
feenhaften Hügelreich eilten.
Auf der Rückkehr bahnten wir uns
einen anderen Weg. Jetzt, noch im
mer in diesem gebeintuißvoslen Rei
che, bemerkten wir in anscheinend noch
weiter Entfernung Punkte, die sich
scheinbar hin- und herzubewegten.
Wir betrachteten längere Zeit auf
merksam diese Punkte, gewannen
aber schließlich doch die Eon rage, nä
her 31t rücken, obschon wir uns aller
hand Bedenken machten wie zum Bei
spiel: find es vielleicht wilde Thiere,
Räuber, ober andere Unholde dieser
Wüste V Im Nothfälle uns auf un
sere mitgeführten Waffen verlassend.
Von denen Gebranch 311 machen wir
jedoch keine Gelegenheit erhielten,
rückten wir näher iiitd immer näher.
—Zu unserem Erstaunen sahen wir
nun bald, daß jene Punkte nach und
nach menschliche Gestalt anzunehmen
begannen und alsbald standen wir
vor einer Menge Leute, welche uns
mit Höslichkeitsphrasen förmlich
überschütteten. Auf Anfrage der
Herren Lehrer, warum sie sich mit
Ans- und Umgraben des Hügels ab
quälen, meinten die russischen Geld
sucher, denn solche waren es: „Die
Noth trieb uns dazu, und Jemand
sagte uns, baß unter biesem Hügel
reiche Schätze verborgen liegen, wel
che die Türken nach ihrer Vertrei
bung von hier zurückgelassen hätten.
Wir suchen nach diesen Schätzen und
im ftaüe eines Fundes werden wir
der Hoheit Regierung Bericht darü
ber erstatten." Die Gesichter der
Schatzgräber waren ansäuglich lei
chenfahl, denn sie hielten die Herren
Lehrer für Polizeibeantte. Wir mi
terhielten ims eine kleine Weile, be
trachteten die Ausgrabungsarbeiten
im Innern des Hügels und erstaun
ten nicht wenig ob der Tiese und des
Umfanges der Ausarabuugen, denn
der ganze Hügel war ausgehöhlt wie
ein leeres ftaß. Bis fünfzig kernfeste
Männer quälten fich hier bis auf's
Blut, aber ihre Schatzsucherei war er
folglos.
Mein Lehrer Tepawki erklärte zum
Abschiede den Leuten, wie thöricht es
fei, sich so leicht 311m Aberglauben
verleiten 31t lassen und dort Schätze
heben zu wollen, wo noch feine Men
schenhand die Erde berührte. „Ja,"
fügte der Lehrer hinzu, „besser thut
ihr, wenn ihr nach Schätzen für euer
Seelenheit grabet, und da3it braucht
ihr weder Hacke, Hammer, noch
Brecheisen, sondern nur etwas guten
Willen und passende Bücher." Unter
bent russischen Zuruf: „Doswyban
ja!" (auf's Wiebersehen!) verließen
wir biese Männerschaar, schritten
kräftig aus, uttb erreichten nach lan
ger Wanberung beit Ranb biefer un
bekannten Welt, int Gnmbe herzens
froh, biese ftorschungsreise hinter uns
311 haben.
Mein Lebenlang aber werbe ich
mich an biese Reisetour lebhaft erin
nern und die große Schaar der rus
sischen Geld- und Schatzgräber wird
stets vor meinem geistigen Auge ste
hen. Aehitliche ftälle Von Schatzgrä
bern giebt's im Zarenreiche gar viele
und deswegen ist der russische Mit
schik (Bauer) eben auch so reich.
Wenn aber der Mnschik weniger SpU
rituoien gebrauchen würbe, uttb ar
beitsamer wäre, hätte er auch nicht
nöthig, nach vergrabenen Schätzen zu
suchen.
Abomtirt auf dm Staats-Anzeiger,
die tonangebende deutsche Zeitung
Nord-Dakota's.
alten Hei- Geschichte der deutschen An
fiedler an der Wolga
1
Seit ihrer Einwanderung nach Rußland bis
zur Einführung der allgemeinen
Wehrpflicht (1706—1874)
Bearbeitet von Gottlieb Bauer.
I (3 t. Fortsetzung uttb Schluß.)
I Nun war Aleranbcr Leonharbt—
I ein Eoufitt Von „Vetter Starl"—der
ft reu n und Nachbar Horch's und
ein geschworener, oder vielmehr ein
Erbfeind dieses seines wirklichen
'Betters, weil derselbe, wie Aleran
der Leonhardt behauptete, ihn und
seine ganze Berinandfchaft um eine
große Erbschaft gebracht hätte.
'Aleraitder hatte in seiner Ingenb
das Saratowsche Gymnasium be
sucht uttb jetzt als 4()jäHrigcr Mann
durchaus nichts 311 thun, weshalb er
sich durch die erzählte Affäre zur 51
b
faffung folgenber Strophen verlei
i ten ließ, die er Pseudonym als „Io-
Hannes Snchmich" verbreitete unb
I die eine Antwort auf Vetter Start»
Gedicht find, also:
I Vetter Starl, was muß ich lachen,
iftängst im Alter s' Dichten an?
Staun ein Bär auch Lieder machen?
Ist dir denn was angethan?
Hör das Sprichwort! Laß btr sagen:
Lieber macht kein Bösewicht,
Der nach Ruhmsucht stets thut jagen,
Den der Hochmuth immer sticht.
Auch die Dichtkunst war es nimmer
Die dich trieb, du ... Wicht
Nur ein Röckchen, bas mar's immer,
i Drum erschien auch bein Gebicht.
Weil bu Nichts verstauben
Als bein Ich, wir kennen bich,
iStonute auch bein Schiff nicht landen,
Haft vernichtet bich mib mich.
Bist im SchulHaus burchgefallen,
Hub dein ich, dein Steckenpferb.
Ach, das hat mir recht gefallen:
Jeder dir den Rücken kehrt.
Ließest die Soldaten kommen—
Hört ben aUcrbümntsten Streich:
Nun, was haben bie vernommen?
Es ist ja bas tollste Zeug!
„T Hut's auch manchmal übel gehen,
Reitst an mich," sprachst bu ganz
roth!—
Wer an ihn beukt, ist versehen,
I Ist versichert vor dem Tod.
I Doch genug, 3UM
Nur sällt mir ba noch was ein:
I Schämst bich nicht unb nennst dich
Vetter,
Bist doch wirklich nur ein
I Hast verschlungen Erbschaftsgüter
I Trotz Versprechungen 311111 Heil
Deinem Alten*), ber war Hüter.
Gieb doch Icbem seinen Theil.
Hast als Amtmann bir erworben
Wie ber ftuchs beim ftebervieh,
Weil bu alles hast verborgen,
Bist boch wirklich nur ein
Warst sogar auch ftriebensrichter,
Doch bie Stläger blieben aus.
Nun, was schab's? Jetzt bist du
Dichter,
Stommst noch gar ins ... Haus.
Doch 3ulctzt, 0 großes Wittiber!
Weil bu garnicht* hast gethan,
Macht man deinen Rock noch bunter,
Hängt man dir was Rundes**)
dran.
Singt dies Liedchen, deutsche Brü
der
Singt getrost und seid nicht bang!
Singt's dem Vetter Dichter wieber,
I Denn ber Vetter liebt Gesang!
Will er gleich drei ftäuste schassen,
I
Mit 3wei Händen au dem End:
I Nun so laßt ihn, diesen As seit!
Denn es ist sein Element!
Drum bu Vetter Starl, du Dichter,
Laß bas Dichten, armer Tropf!
Werbe besser Pfcrbesiichter,
Denn bein Ich hat keinen Slops.
Von anderen Schmäh- unb Ber
theidigungs-Gedichten, welche dieses
Ereignis 3ur ftolge hatte, iiet)uiQ ich
nur noch bas beste von denjenigen
heraus, burch welche Karl Leon
harbt in Schutz genommen würbe.
Dabei kann ich jeboch aus den Ver
fasser desselben mit Bestimmtheit
nicht hinweisen, denn als solchen
nannten einige Ascher, andere die
ftrau Pastorin Deggeler, und noch
andere den Schulmeister Horst
(Schwiegersohn Leonharbt's). Aus
den Versen ist 311 ersehen, das ber
Schreiber seine bessere Bilbung ab
sichtlich verbirgt unb eine Vereini
gung der Streitenden anstrebt. Die
Verse sind unterzeichnet: „Von einem
Neutralen" ltitb lauten:
Starl Michailitsth, alter Vetter!
Sagt, was fällt euch bcnii noch ein?
Nach bent Urtheil mancher Blätter
Wollt ihr gar noch Dichter sein.
Lieber Vetter Starl Michailitsch:
Sechzig Jahre finb balb ba,
Unb ihr habt in Lesnoi-Siaraimisch
Staunt gelernt die Orthogra.
Wollt ihr jetzt noch Lieber dichten
Und ber fteber Meister sein?
Karl Leonhardt'« Betet, Michael, welcher die
Mühlenpächter so geprellt hatt«.
Karl Leonhardt erhielt etat Medaille, doch
toeifj ich nicht wofür.
Seht! die kleinen Buben richten
Euch gar hübsch schon hintendrein.
O, ihr Schient' und Bösewichte!
Habt ihr auch nicht mehr gelernt?
Ge'graphie und Weltgeschichte
Ist bei euch auch weit entfernt.
DnmmeS Zeug habt ihr geschrieben,
Das beweist euch jeder ftall.
Doch, ihr wollt nur Rache üben
An dem alten Vetter Stark.
Gymnasiasten, große Männer,
Sollten boch wohl mehr versteht!
Als ber alte Pfcrbcfeittter.
Eure Dummheit ist nicht schön.
Hättet ihr beut Starl Michailitsch
Seine Unschulb boch verleiht!
Ihr seid böse Buben, freilich.
Aber doch auch nicht gescheit.
Wollt bett Vetter Starl nur richten,
Sehet scheel aus seinen Streich.
Besser könnt ihr freilich bichten,
Aber: Buken, schämet euch!
Euer Witz ist gar nicht theuer.
Liegt auch wenig Knust barin.
Vetter Starl hat ftrucht 1111b Scheuer,
Mehl. Werblud*) und Rumpel
ding**).
Vetter Starl war freilich Richter,
Oberschulz, ein Mann von Wort
Glaubt', er sei auch Lieberbichter
Doch man trieb ihn schmachvoll fort.
Wär die Brille dagewesen
Uttb bie Lieb' int ersten ftall.
Hättest du vielleicht gelesen
Das Gedicht von Vetter Starl.
Aber nein, nicht nur bie Brille
Hat bie Gunst so weit entfernt—
Auch bein Stolz unb Eigenwille!
Demuth hast bu nicht gelernt.
Guter Mann, bit mußt bich üben:
Nah und fern, im galten Dorf
Mußt bu ftreuttb uitb fteinbe lieben,
Auch bcit Vetter Starl, Herr Horch.
Seht, ber Vetter Starl ist reicher
Als ber Stüster-Orgelmann:
Hat viel Störn auf feinem Speicher
Unb auch Butter in ber Paulis).
Drum so laß es bir gefallen,
Reich bent Vetter Starl bie Hattb,
Denn man höret nicht von Allen,
Daß ber Alte bich verbannut.
Böse Buben, sagt man immer.
Laufen auf ber Straß herum:
Doch bie Alten stub noch schlimmer
Und auch noch einmal so dumm.
Wollen fic's jedoch nicht haben.
Daß man sie verrathen soll:
An dem Ende, an dem Graben
Wohnt ber Dichter. Lebet wohl!
Damit taub bie Blüthezeit dieser
nach Stoff uttb Styl eigenartigen
Dichtkunst 311 Lesnoi-Starainysch ih
ren Abschluß.
So finb wir denn, liebe Leser, mit
der Geschichte ber beutscheit Ansiedler
01t der Wolga 311m Schlüsse gekom
men. Wir haben einen langen Zeit
raum mit ciitaubcr bnrchivanbert
unb haben auf biesem Wege viel ge
sehen unb gehört, manches kennen ge
lernt. Unb wenn wir auf die Ver
gangenheit 3urückschanen, welchen
Eindruck gewinnen wir von betn,
was unsere Väter erlebt haben? Nun
—ihr Leben ist Mühe unb Arbeit ge
wesen, ihr Los Stamps unb Ringen
um Selbststänbigkeit. Wie bie Er
fahrungeu bes einzelnen Menschen
gewöhnlich mehr bes Bösen als bes
Guten ausweisen, so auch die Erleb
nisse ganzer Völker. ,n dieser An
sicht kommen wir auch bei ber Be
trachtung der Vergangenheit der
Wolgakolonisten. Der Leser wird sich
selbst ein Urtheil bariiber machen, in
wiefern bies bei ihnen zutrifft. Ich
denke meine Ausgabe nach Möglich
keit erfüllt zu haben, wenn ich von all
bent, was ich erfahren sonnte, nichts
verschwieg. Ich mache burchaits nicht
beit Anspruch, biese Ausgabe in er
schöpfenber Weise ausgeführt zu ha
beit. Mögen auch andere nach mir
an dem Bau, zu welchem ber erste
Stein gelegt worbeu, weiter arbei
ten: es wirb sich gewiß noch vieles 31t
besten Ausbau finben. Jeboch, wer
auch immer bie fteber bo3ii ergreife,
möge ihm dabei das als Grundsatz
dienen, woran ich mich selbst gehalten
habe: uneigennützig und frei von je
dem frenbett Einflüsse nur ber Wahr
heit zu dienen.
Ende.
»1 Zu deutsch ütameel. Ist Mühle gemeint.
f) Karl Leonhardt ist längst gestorben und seine
Familie sehr in Rückstand gekommen.
Was Männer wissen
sollen,
ist in einfachen, klaren und ehrlichen Worten, sowie
in ausführlicher Weise in einem Buche beschrieben.
Der Herausgeber, Herr $octor ttustav &. Bo
bertz, wünscht unseren Lesern mitzutheilen, das, für
kurze tfeit das erwähnte Werk kostenfrei abgegeben
wird. Es ist feit Jahren bekannt, daft Dr. ®oberl$
in seinem erwähnten Specialfach Meister ist und vou
seinen Getieften al8 höchst erfolgreicher Nervenarzt
anerkannt wird.
Wohl lein anderer Arzt genieftt solch ünbegrenztes
Bertrauen unter den Deutschen dieses Landes.
Unb
da» mit Recht.
Wer daher die ehrliche Wahrheit über seinen Zu
stand erfahren will, wer von Nervenschwäche und ge
heimen Schwäche Ausländen geheilt sein will, wer
seine volle ManneSkraft wieder erlangen will, der
muß diese? überaus lehrreiche Buch lesen.
Senden Sie daher sogleich Ihren Namen unb
Adresse an den Verfasser und schneiden Sie diese Of
ferte ans oder erwähnen Sie den Staats Anzeiger.
Das Buch wird 3hnen dann sofort frei und ver
siegelt per Post gesandt.
Dr. O. H. Bobcrtz,
664 (IM. DETROIT,
Hüben und Trüben.
„In 1904 machte Herr Chas. E,
Hanson, ein erfolgreicher Farmer
von River Falls, Wis., eine Besuchs
reise nach Ehristiana, Norwegen",
schreibt die „Equity Farm News"
von Nord-Takota". To Herr Han
son ein umsichtiger und gebildeter
Farmer ist. so fielen ihm manche son
derbare Zustände und Tinge auf,
darunter auch, das in Norwegen ein
Selbstbinder $75 kostete, für den er
in seiner Heimath in Wisconsin dem
Harvestertrust $125 bezahlen musste.
Seitdem uns dies mitgetheilt wurde,
haben wir versucht es auszurechnen
und 311 ergründen, weshalb bie nor
wegischen Banern so vorgezogen
werben, aber wir sind immer noch im
Dunkeln.
Zuerst überlegten wir, was die
Vertreter des Harvester-Trnsts von
biesem behaupten, nämlich bas es
sehr sehr philanthropisch sei und bas
bie Banern in Norwegen vielleicht,
nicht so gut ab seien wie bie Farmer
in Amerika. Dieses erwies sich aber
nicht als stichhaltig. Dann kam uns
ber Gebanke, baß bie Herren vom
Harvester-Trust sammt unb sonbers
Norweger seien, jeboch stellte es sich
•alsbalb heraus, bas wir wieder auf
falscher Fährte seien. Wir standen
int Begriff, bie Sache aufzugeben,
als uns ein Politiker sagte, ber Zoll
sei Schulb barait, und wir glaubten
ihm beinahe, als wir wieder nachrech
neten uitb wieber nicht aiisfinben
konnten, wie ber Zoll beit PreiSun
terfchieb von $50 hervorrufen könne,
da der Binder ursprünglich nur $27
kostete.
„Wir haben im Laufe der Zeit
manchen Uebelftand ergründet, aber
biefer geht über unser Rechmmgsver
mögen. Möchte nicht ein Leser die
Frage für uns beantworten?"
Ter Trust schickt also einen Selbst
binder, beit er hierzulanbe für $125
verkauft, über bcn Ocean nach Nor
wegen und verkauft denselben drüben
für $75, bekommt demnach $50 we
niger dafür als ber Farmer itt den
Ber. Staaten bezahlen muß. Aus
Menschen- und Norweger-Liebe thut
ber Trust bas nicht. Ter Beweg
grund ist wohl dieser: Wenn ber
Trust es briiben so treiben würbe,
wie er es hicrztilanbc treibt, so wür
be matt bort Fabriken errichten unb
Maschinen fabriziren. Eine Fabrik
in Norwegen könnte ihre Maschinen
nach Nuf Ianb schicken, wo bie lanb
wirthschastlichen Maschinen freie Ein
fuhr haben. Die Fabriken drüben
wären ânfangs nicht so leistungsfä
hig, foezt». so tnnberit eingerichtet wie
bie groszen amerikanischen Fabriken,
folglich würben fich die Herstellungs
kosten hoher stellen, wie in Amerika,
woselbst, wie die „Equity Farm
News" von Norb-Dakota berichtet,
bie ursprünglichen Kosten nur $27
betragen sollen. Damit nun bie
Farmer in ben Ber. Staaten nicht et
wa bie Selbstbinber, bie von Amerika
nach Europa geschickt wurden, von
Norwegen beziehen, hat man den
Schutzzoll. Dieser Zoll beträgt 15
Prozent des Werthes. Den Werth,
nach norwegischem Preis eingeschäht
beträgt für bie amerikanische Ma
schine $75, ba wäre ein Einfuhrzoll
im Betrage von ca. $10.75 zu ent
richten ber Werth ber Maschine nach
amerikanischem Preis eingeschätzt, be
trägt $125, ber zu entrichtenbe Zoll
18.25. Da es sich unt amerikanische
Maschinen hanbelt, bie exportirt
mürben uttb wieber importirt wer
den, so müs te auch der amerikanische
Preis resp. Werth gelten, und eine
iinportirte Maschine würbe statt
$125, $118.25 kosten. Wenn der
Trust uns bie amerikanischen Maschi
nen sammt unb sonbers von Norwe
gen herüberlangen wollte, so müs ten
wir uns bas gefallen lassen, bettn der
Trust hat keine ncnneitstocrthc Kon
kurrenz. Wie man sieht, ist ber Trust
trotz aller Wiberrebe unb allem Zwei
fel doch noch philantropisch, denn er
könnte uns gerabe so gut $143.25
„Chargen" wie nur $125.
Knastlereitelkeit.
Das Künstler manchmal ein biß
chen eitel sind ist wohl nicht ganz un
bekannt. Vor kurzem starb in Paris
Emil Villain, ber als Stilllebenmaler
sehr geschätzt war. Er wußte, was er
konnte, unb war nicht wenig stolz aus
seine Tüchtigkeit. Zu der Eitelkeit
kam aber bei ihm noch eine spaßhafte
Naivität hinzu. Als einmal bei ei
nem Künstlerbankett vom Deutsch
französischen Kriege die Rede war,
sagte einer der Gäste zu Villain: „Du
wirst dich ja auch wohl noch der Er
eignisse von 1870 erinnern?!"
„Will ich meinen, will ich meinen!"
erwiderte Villain schmunzelnd. „1870
stellte ich ja nteine geschlachtete Gans
aus!"
Villain hatte nämlich in jenem
Jahre im Salon das Bild einer ge
schlachteten Gans ausgestellt. Dieses
welterschütternde Ereigniß war ihm
wichtiger als ber ganze Dcutsch-fran«
jfimdbi? Xlriffl.
Die bekannte Schriftstellerin Ger
trude Atherton sagte den engherzigen
Weltverbesserinnen trefflich die Wahr
heit mit den Worten „Diese tugend
famen Damen sollten erst etwas von
der Welt sehen, ehe sie 311 regieren
versuchen." Bravo!

Der Staats-Anzeiger, Rngby, N. D., den 8. Sept. 1910.

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