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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, January 05, 1911, Image 9

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Das Gelieimniß des
(7. Fortsetzung.)
„Unb wen halten Sie für den
Schuldigen?"
Er crtlcirte ihr nun alles, selbst
wie das ^ve vand und die Kapuze ge
funden worden waren. „Was halten
Sie davon?" fragte er Frau Brady,
i nachdem er geendet hatte.
Während seiner ganzen Erzählung
hielt sie die Augen unverwandt auf
ihn gerickte: sprach aber kein Wort
das ihre Gedanken oerrati.eti hätte
Als er schwieg, lehnte sie sich in ihren
Sessel z'.:ri'"»'nnd zog eint Eiga'â
bervor. ,/.'?dienen Sie fiel), bitte",
sagte ue und reichte ihm das Etui,
„es sind türkische."
Mechanisch griff Youle nach dem
steinen, gerfltcit Panier und mündete
ein Streichholz für sich und Frau
Bradt, an. „Was halten Sie davon?"
wiederholte er.
..Daß Sie die Wahrheit niemals
erfahren werden", antwortete sie
langsam.
„Das fürchte ich auch", gestand er
ihr zu.
„Doch dieser Sparrow scheint ein
kluger Detektiv ,ut sein."
.'Selbst die allerklügsten sind feine
UeöcrrrcT sehen. Ich rathe Ihnen, ge
ben Sie die (beschichte auf."
„Ich persönlich werde nicht wei
terfuchen. Nächste Woche reise ich
nach Südamerika und bleibe voraus
sichtlich ein Jahr fort. Dann kehre
ich zu dick, um mich mit Miß Par
sens an vermählen. Sparrow fiat
den Fall übernommen, und. ange
spornt hi.res) die große Belohnung
tausend Pfund wird er sein Mög
i'tes versuchen, den Mörder zu
entdecken."
„Die Wahrheit erfährte er nie",
wiederbclt. Frau Bradn ruhig.
„Warum sagen Sie mir das zum
zweiten Iii ale?"
.Weil uti Ihnen nichts anderes er
widern 'ann". rief sie ungeduldig.
„So schlecht Sie auch von Gilbert
denken mögen, er gäde viel darum,
wenn er erführe, wer die unglückliche
Frau ermordet bat."
„Er liebte sie wohl?" fragte Ha
rold sarkastisch.
Frau Bradn blies eine Wolke
Rauch von sich und lehnte ihre schön
geformten Arme auf das Bainbus
theetisHchen. ..Sehen Sie, lieber
Freund, über Gilbert Ainsley mache
ich mir keine Illusionen. Ich weiß
wohl, daß er das ist, was Sie ei
nen Abenteurer nennen. Zweifellos
hat er Miß Blastorne nur ihres
Geldes wegen genommen, wenn er
es auch, selbst mir gegenüber, nicht
eingesteyt. Aber wenn man bedenkt,
was er durch ihren Tod verlor,
samt er sie unmöglich gemordet
haben."
„Das habe ich auch weder gesagt
noch angedeutet. Frau Brady."
„Ebensowenig hat er ihren Tod
gewünscht oder jemand beauftragt,
ihr das Leben zu nehmen. Er wuß
te, daß sie ihr Testament ändern
würde, weil er von feiner Morphium
manie nicht abließ. Jetzt hat er das
Gift aufgegeben und ist wieder ganz
der Frühere. Ich liebe ihn genü
gend. um ihn zu heirathen, und da
ich das Geld besitze und nicht er,
werde, ich ihn schon nach meinem
Willen in unserer Ehe lenken. Er
hat es nicht mit einer kränklichen, iU
ten Frau zu thun", fügte Frau
Brady grimmig hinzu. „Nicht um
sonst bin ich jahrelang Leiterin eines
Theaters gewesen und habe gelernt,
mit den schlechtesten Männern fertig
zu werden. Noch hat eine Verlobung
zwischen uns nicht stattgefunden, was
auch der dumme Tony reden mag,
vielleicht heirathe ich ihn vielleicht
auch nicht—, ich bin noch nicht mit
mir einig."
„Nehmen Sie meinen Rath an
und thun Sie's nicht", bat Youle voll
warmen Empfindens. „Ich glaube
nicht an Ainsleys Besserung. Was
würde aus Ihrer Zukunft werden,
wenn er eines Tages zu dem Gift
zurückkehrte?"
„Das ist meine Sache", sagte sie
herrisch. „Halten Sie mich nicht für
so schwach, Youle. Ich weiß, wie
dieser Mensch behandelt werden muß,
und ich ich nun, ich habe ihn
gern."
„Lieben Sie ihn? Denn ohne Lie
Be gibt es kein Glück."
Die Schauspielerin warf ihre halb
getauchte Cigarette beifeite und schlug
die Hände verdrießlich zusammen.
„Nun ja. ich liebe ihn. Ich weiß, er
ist schlecht, aber ich liebe ihn. Sind
Sie nun zufrieden?"
„Ja", entgegnete Mule, der aus
stand und nach seinem Hut griff,
„und ich bin Ihnen so aufrichtig zu
gethan, daß es mir leid um Sie
ist."
„Würben Sie das Gilbert ins Ge
ficht sagen?"
„Gewiß! Das und noch weit mehr!
Zweifeln Sie daran?"
„Nein", gab sie zur Antwort und
blickte ihn mit einer gewissen Bewun
derung an. „Sie sind ein Mann,
Youle ein wirklicher, wahrhafter
Malin. Hoffentlich werden Sie glück
lich mit Miß Parsons. Noch habe
ich mich nicht gebunden, vielleicht ge
schiebt es niemals, wenn ich es auch
fauni glaube. -Sprechen wir nicht
mehr über die Angelegenheit. Ueber
lassen Sie Gilbert miv ich bin
thru gewachsen. Was Tony ande
trifft, nun mit meinem Willen
heirathet er das Mädchen aus Pitsea
nicht. Er ist ein Narr. Können
Sie ihn dazu bringen, sie aufzuge^
ben?"
„Welchen Einfluß könnte ich auf
ihn haben?" erwiderte Harold nach
denklich. „Ick kann versuchen, ihn
I zu überreden, nächste Woche mit mir
nach Südamerika zu fahren. Er
will mich ja aber nicht begleiten."
i
„Er wird es", sagte Frau Brady
mit Entschiedenheit. „Ich bringe die
Sache in Ordnung. Besuchen Sie
I mich in einigen Tagen, damit Sie
i
über Tonv Bescheid erhalten. Auch
möchte ich, daß Sie sich mit Gilbert
bet mir treffen."
„Gut. nur werde ich
„Unhöflich fein? Das erlaube ich
nicht."
„Also gut. seien wir höflich", sagte
^oule trocken. „Wenn er aber wirk
lich die Absicht hat, sich mit Ihnen
zu verloben, sollte er wenigstens noch
einige Monate warten. Die versterbe*
ne Frau Ainsley
„Ich Haffe sie", unterbrach ihn
Frau Brady mit festem Gesicht.
..Sprechen Sie mir nicht von der
Frcv'."
„Sie tieften Gilbert wirklich", er
I widerte Youle achselzuckend, „da
bleibt mir nichts zu sagen übrig.
I Wer wollte mit einer Frau rechten,
d?e in ihrer Liebe blind ist. Ich be
haute Sie. das ist alles, was ich sa
gen kann." Und mit diesen Worten
verabschiedete er lich.
1
Biel, schien Youle bei dem Besuch
nicht gewonnen zu haben. Aller
dings wußte er nun, daß die Schau
spielerin Gilbert liebte und ihn zu
heirathen wünschte. Von einer
Thatsache aber war er felsenfest
überzeugt: trotz der imposanten
Schönheit Frau Bradys erwidert:
(Gilbert ihre Gefühlte nicht. Das
Geld feiner ersten Frau war ihm ent
i
gangen, nun versuchte er, es bei einer
Zweiten wiederzuholen. Harold bieli
ihn zwar für unbetbeiligt ant Mord
der ersten Frau Ainsley, aber er
wunderte sich dreh über Frau Bradys
Muts), in die Fußstapfen ihrer Vor
(feraerin zu treten.
Wie fest Frau Brady davon über-
I zeugt war, daß der Mörder niemals
i entdeckt würde! Sparrows Ansicht
von eine, eifersüchtigen Frau tauchte
einen Augenblick vor ihm auf. War
es möglich, daß sie nein, lächer
lich. so etnas nur su denken. Was
aing tfin übrigens Ainsleys Heirath
an? Weder er noch Frau Brady
sotten etwas mit dem Verbrechen zu
schaffen und konnten thun, was ih
nen beliebte. Als Youle feine Woh
nung in Half Moon Street erreichte,
dachte er nicht mehr an die Ge
schichte und beschäftigte sich nur mit
seiner bevorstehenden Reife. Ja, er
wollte Tony von dem Mädchen aus
Pitsea befreien und sich nächste Wo
che mit ihm nach Südamerika ein
schiffen.
Auf dem Tisch in feinem Wohn
zimmer lag ein Brief. Sofort er
kannte er die Handschrift von Alix.
I Mit einem Ausruf des Entzückens
öffnete er den Umschlag, denn seit ei
I ner Woche hatte sie ihm nicht geschrie
ben. Doch bestürzt ließ er das Blatt
zu Boden fallen, auf dem nur die
wenigen Worte standen:
„Ich kann Dich nicht beirathen.
Unsere Verlobung ist aufgehoben.
Vergib mir und vergiß mich."
Elftes Kapitel.
A I i e i e n e a
Der unerklärliche Brief von Alix
versetzte den gewöhnlich so ruhigen
Uoule in eine ihm sonst so fremde
Wuth. Vor zwei Monaten hatte er
sie in der sicheren Ueberzeugung, daß
sie ihm treu bleiben, daß nichts wäh
rend seiner Abwesenheit zwischen sie
treten würde, verlassen. Und jetzt,
noch ehe er nach Südamerika gegan
gen war, brach sie die Verlobung ab,
ohne eittett Grund anzugeben. So
etwas ließ sich ein stolzer Mann wie
Harold nicht gefallen, und am näch
sten Morgen fuhr er mit dem be
stimmten Vorsatz, zu erfahren, was
Alix zu solch seltsamem Handeln be
wogen hat, nach Blastorne. Sie
war reich, von festem Charakter, un
möglich konnte sie ihr Vater beein
flußt haben. Und da sie ihn aufrich
tig liebte, hielt Harold ihre Absage
nicht für eine bloße Laune. Der
Sache mußte er auf den Grund kom
men, eine Auseinandersetzung mußte
herbeigeführt werden.
I
Als er in Helftone äussern Zug
sprang, sich er sich plötzlich «arncicles
gegenüber Der Karren des Jnvali
den. ein sonderbares Fuhrwerk mit
einem Verdeck, wurde von einem be
jährten Pony gezogen. Jetzt stand
es still, und der Seemann reichte ei
item Gepäckträger verschiedene Blu
mentöpfe hin. Jedenfalls befand et
sich geschäftlich auf der Station und
setzte seine Waare ab. Bei Harolds
Anblick leuchtete sein mürrisches,
runzliges Gesicht auf, und er berühr
te seinen Hut.
„Mister Youle". sagte er, „das
thut meinen alten Augen wohl. Wie
geht es Ihnen?"
Ter 2ln«t6 i3 icißcr, Mitgbt), N. T., bei! 5. Januar
Und Ihnen, Bar-
«Ganz gut.
nacles?"
Der Alte traute sich in den weni
gen Haaren, die ihm noch Ü6rigge=
blieben waren. „Ich bin verärgert,
Mister Youle. wegen unserer jungen
Dame."
„Wegen Miß Parsons?" fragte
Harold verwundert.
„Ja. So ein schönes. liebes
Fräulein und immer so frisch, spricht
von der Madame, die nun todt und
begraben ist. und versichert mir. tch
soll mein bißchen Geld so lange er
halten, bis ich zum Friedhof wande
re. Ach, Mistet Yottle volle zwei
Monate hindurch hat sie mich be
vcht, stets munter und vergnügt
bis vor einer Woche."
„Was meinen Sie damit?"
„Jetzt iji sie traurig. Mister Youle,
und sitzt in meiner Kabine und
heult sich ihre schönen Augen roth.
Was haben Sie ihr gethan, Mister
Youle?"
„Ich? Nichts, Barnacles."
„Aber etwas bekümmert sie, Mi
stet Youle, und Sie wollen sie doch
heirathen. Wenn ich mir die Frage
erlauben darf: Haben Sie sich ge
zankt?"
„Nein, Barnacles. Ich habe sie
i seit zwei Monaten nicht gesehen."
Der Alte klopfte sich mit seiner
alten Hand aus die Hüfte. „Deshalb
hat sie wohl auch geweint, Mister
Youle. Warum lassen Sie die süße
Rose allein. Mister Youle, und er
lauben dem, der die verstorbene Ma
dame geyeirathet hat, ihr wie ihr
Liebster überall nachzugehen?"
i
Harold fuhr auf. „Ich bin mit
Miß Parsons verlobt, Barnacles,
und kein anderer ist ihr Liebster. Re
den Sie von Mr. Ainsley?"
„Der die verstorbene Madame ge
heirathet hat. Ganz gewiß, Mister
Youle."
„War er öfters hier?"
„Fast ununterbrochen in den letzten
vierzehn Tagen. Erst vorgestern kam
et wieder, Mister Youle. und lächelte
die junge Dame an. Wie zwei Ver
liebte sehen sie aus."
„Ach, das ist Unsinn—", begann Ha
rold, dann hielt er tntte. Das ver
nünftigste war, Ali? selbst zu spre
chen, von ihr zu hören, aus welchem
Grunde Gilbert sich hier herumtrieb.
„Wo wohnte Mr. Ainsley, während
er hier war. Barnacles?"
„In den Blastorne Arms, Mister
Youle. Frau Push sorgt schon für
Ihn, fein hübsches Gesicht und seine
freien Maniren haben es ihr ange
than. Nicht, daß ich persönlich viel
von ihm hielte", fügte der alte See
bär hinzu, „er war kein guter Gatte
gegen die frühere Madame."
„Woher wissen Sie das?"
„Na, sie kam doch oft genug zu
mir und war fast immer traurig
Gesagt hat sie ja nichts, ihr Stolz
hätte ihr's nicht erlaubt. Aber betrübt
war sie, und zweimal hörte ich, wie
sie mit Mister Ainsley stritt." Der
alte Ba. nacles ließ die Stimme sin
ken: „Er ist ein schlechter Kerl, Mi
stet Youle, ich gebe Ihnen mein Wort
daraus."
Geheintnißvoll nickend wandte er
sich zu dem weißen Pony und nahm
ihm den Futterbeutel ab. Dabei
kippte dieser um, und ein Brief fiel
heraus. „Wahrhaftig", murmelte
der Greis, „jetzt hätte ich beinahe
vergessen, daß ich ihn zur Post brin
gen wollte.
Er hob das Kuvert vorn Boden
auf und trat an den Briefkasten,
doch bevor er feine Absicht ausführen
konnte, faßte ihn Harold beim Hand
gelenk.
„Für wen ist der Brief?" fragte
et scharf.
„Für jemand, den ich kenne", er
widerte Barnacles mürrisch und
schob das Kuvert mit einer plötzlichen
Bewegung in den Spalt.
„Dann wissen Sie also, wer die
set Kapttän Orlando ist?" rief
Youle voller Erregung, „den Borna
men habe ich auf der Adresse gelesen
wie heißt er sonst noch?"
„Das werde ich Ihnen nicht sagen,
Mister Youle."
„Sie müssen, Barnacles. Frau
Ainsley hinterließ in einem unvollen
deten Brief, daß ihr dieser Orlando
gedroht habe. Unwin meint, er sei
der Seemann, der sie besuchte. Sie
selbst gestanden mir. ihn gesehen zu
haben und behaupteten, ihn nicht zu
kennen. Und nun schreiben Sie an
ihn."
„Ich erhielt nur den Auftrag, den
Brief abzuschicken, Mister Youle."
„Von wem?"
„Von mir werden Sie es nicht er
fahren," entgegnete der Alte und klet
terte auf seinen Karren. „Sie haben
nicht das Recht, mir Fragen zu stel
len."
„Das habe ich. Ich suche nach
Frau Ainsleys Mörder, und Sie wis
sen, wer es ist"
„Nein nein!"
„Doch. Ist Orlando nicht selbst
der Schuldige, so keynt er ihn we
nigftenV Geben Sie mir feine
Adresse."
„Ist mir unbekannt. Ich kann we
der lesen noch schreiben, Mistetj
Youle."
„Wer auch immer Ihnen den Brief I
zum Besorgen gegeben hat, muß Jh
nett den Familiennamen dieses Kapi-1
täns Orlando genannt haben. Ebenso
feine Wohnung."
„Nein, mir hat Niemand etwas
genannt, wirklich nicht. Geben Sie
den Brief auf die Post, das war mein
Auftrag, und den habe ich ausge
führt. Guten Tag, Mistet Youle!"
Barnacles zog die Zügel an, und
der alte Pony trottelte davon. Ha
rold versuchte nicht, den Mann aus
zuhalten, sein ganzes Denken war
jetzt daraus gerichtet, die Adresse auf
dem Brief kennen zu lernen. War es
möglich, den Kapitän aufzufinden, so
erklärte dieser vielleicht, aus welchem
Grunde er damals in der unheilvol
len Woche Frau Ainsley besucht hatte.
Harold bemühte sich vergeblich, den
Briefkasten zu öffnen, und begab sich
dann raschen Schrittes zu dem Sta
tionsporsteher. Dieser, ein btummi
aer Geselle, erklärte, kein Recht zu
haben, ihm das Schreiben auszuhän
digett.
..Vichts, was hineingeworfen wird,
kommt heraus", erwiderte er, „wenn
Jbnen das Postfräulein im Dorfe
Blastorne erlaubt, den Brief anzu
sehen. so ist oas ihre Sache und nicht
die meine."
„Das geht die Behörden an, nicht
mich", knurrte der Mann, und Ha
rold mußte sich zufriedengeben. Er
wußte, daß die Post einem Fremden
keinen Brief aushändigte, doch hoffte
er. sie werde unter diesen Umständen
1
eine Ausnahme machen. Ohne ein
weiteres Wort zu verlieren, begab et
sich nach Blastorne und sprach mit der
Postmeisterin. Sie war eine kleine,
muntere, aufgeweckte Frau, die voll
ständig mit Youle fympathisirte.
„Ich kann Ihnen leider nicht be
hilflich fein," sagte sie freundlich.
„Der Briefkasten auf der Station
liegt nicht in unserem Bezirk. Fra
I gen Sie auf dem Postamt in Heistone
I
nach."
I Aergetlich schlug Harold die Hände
zusammen. Nach Helftone waren es
fünf Meilen und da er die Entfer
nung schon einmal gegangen war,
hatte er keine Lust, den Weg zum
zweiten Male zu machen. Aber mas
I
blieb ihm übrig? Wollte er Einsicht
in den Brief erlangen, mußte er sich
I an die Heist'ner Postbehötde wenden.
I Et eilte in die „Blastorne Arms".
I
lieh sich ein Pferd und taste „über
Stock und Stein" in die Stadt zurück.
I Am Ziel angelangt, mußte er sin
den, daß ihm der Fisch aus dem Netz
entschlüpft war: der Postbeutel war
bereits auf dem Weg nach London.
„Jetzt bleibt nur noch die eine
Chance übrig, daß mir die Leute in
I London den Brief zeigen," dachte
I Youle. „Soll ich hinfahren?"
I Nach kurzem Uebetlegen beschloß
I er, es nicht zu thun. Thatsächlich
wäre es auch die Jagd nach einem
Strohhalm gewesen. Bis zur Zeit,
wo er London erreichen tonnte, war
der Brief wohl sicher schon unter
wegs nach seinem Bestimmungsort
selbst, wertn es ihm gelang, alle
Schwierigkeiten, die ihm die Behör
den machen würden, zu überwinden.
Das Beste war noch, den alten Bar
nacles auszutragen. Allerdings hatte
I dieser behauptet, weder des Lesens
noch Schreibens mächtig zu fein und
I konnte deshalb auch nicht feigen, wel
cher Name auf dem Umschlag des ge
heimnißvollen Briefes stand. Doch
vielleicht zwang ihn Youle, seinen
Auftraggeber zu nennen, der sich mög
licherweise bereit erklärte, den Auf
enthaltsott des mysteriösen Kapitäns
Orlando zu enthüllen. Nachdem er
zu diesem Entschluß gelangt war,
I ritt Harold nach Blastorne zurück.
Den Inspektor Unwin in Heistone
suchte er nicht auf, da er, füt's Erste
wenigstens, die Sache allein in der
Hand behalten wollte. Es kam ihm
der Gedanke, Älix könne den Brief
geschrieben und ihn BarnacleZ gege
ben haben, damit ihn der Alte in
I Helftone besorgte und müßiges Ge
schwatz in Blastorne vermieden wurde.
Youle wußte, Alix kannte den Ka
pitän Orlando nicht, doch der Um
stand, daß sie öfters in der letzten
Zeit in Barnacles Häuschen Thrä
nen vergossen, zusammen mit dieser
Briefangeleaenheit und ihrer Weige
rung, ihn, Youle, zu heirathen, er
i
weckte den Anschein, als ob sie wäh
rend feiner Abwesenheit etwas über
I das Verbrechen erfahren hatte, was
ihre Stellung ihm gegenüber verän
bette. Mit jeder neuen Entdeckung
wurde der Fall verwickelter.
Er stellte 'ein Pferd in bett „291a
stottte Arms" ein, und ließ sich ein
Zimmer für die Nacht geben. Er
wollte im Dorfe bleiben, um aus
dem alten Barnacles herauszubrin
gen, ob das Schreiben von Alix her
rühre. Youle fühlte, daß sie diese
Thatsache selbst ihm, ihrem Geliebten,
nicht eingestehen würde, da er der fe
sten Ueberzeugung war, daß die Lö
sung ibres Verlöbnisses mit dem Ver
brechen zusammenhing. Bevor et sie
gesehen hatte, konnte er jedoch zu
keinem Entschluß kommen, und nach
dem er mit Frau Push, der Wirthin
der..Blastorne Arms". Alles arrangirt
hatte, machte er sich rasch auf den
Weg nach der Grange.
Harold, der seine Ankunft in Bla
stortte nicht gemeldet hatte, über
raschte Alix mit seinem Besuch. Der
Diener führte ihn in das Zimmer,
•DO
Frau Ainsley von ihrem tragi
schen Tod ereilt worden war. und
bort traf Youle das blasse, verstörte
Mädchen.1 Der Sitte gemäß hatte
er zuerst seine Karte hineingefchickt
in zwei Stücken zerrissen lag ste
aus dem Boden. Mit finsterem Ge-
sicht beutete er darauf hin. „Soll
das deine jetzigen Gefühe gegen mich
kennzeichnen?" fragte er ohne weitere
Vorbereitungen.
„Warum bist du gekommen oh.
warum?" Das war Alles, was ste
ihm, die Hände krampfhaft schließend
und öffnend, zur Antwort gab. Youle
erschrak über ihr schlechtes Aussehen.
Früher neigte sie zu einer gewissen
Fülle, jetzt Hingen ihr die Kleider
lose am Körper. Ihr Gesicht war
schneeweiß vor Aufregung, die Au
gen waren geröthet und ihr Mund
zitterte, während sie danach rang,
Herrin ihrer Nerven zu werden. In
Harold erwachte der eiserne Entschluß,
das Mädchen in seinem unaussprech
lichen Schmerz zu trösten und ihm
Schutz zu bieten.
„Liebling," bat er nahertretend
un^ versuchte ihre Hand zu fassen.
Sie schrak zurück und wehrte thn
ab. „Nein. nein, du sollst nicht."
„Alix. ich begreife nicht
„Es ist auch nicht nöthig. Du
irrst es niemals begreifen."
Yoi'Ies Antlih verdüsterte sich wie
der. „Ich werde es, und du wttst
es mir erklären," entgegnete er, und
Heftete die Augen fest auf ihre er
rottenden und erblassenden Wangen.
„Ich kann nicht ich darf nicht."
„Hat diese Veränderung in deinem
Ben?h'nen etwas mit dem Verbrechen
zu schaffen?"
A lit erwiderte nichts. Sie sank
in einen Sessel und bedeckte das Ge
sicht mit zwei bebenden Händen.
Auf's Neue entrang sich ihr der Her
.zensschrei: „Ach. warum bist du ge
kommen?"
„Weil ich eine Erklärung verlange/
„Ich kann dir keine geben." flu«
fterte sie mit halb erstickter Stimme.
„Du mußt mir antworten."
„Nein, nein!"
„Altr!" Harolds Stimme klang
jetzt hart und kalt: „Vor zwei Mo
naten. als ich dich verließ, betheuertest
du mir. nichts solle zwischen uns
treten. Nun brichst du unset Ver
löbniß. und ich verlange den Grund
zu erfahren."
„Ich kann ibn dir nicht sagen."
1
Youle sprang vorwärts und zog
ihr gewaltsam die Hände vom Ge
sicht. „Sieh mit in die Augen," ge
bot er schroff, „gestehe die Wahrheit.
Deine Weigerung, mit anzugehören,
hat etwas mit Frau Ainsleys Tode
zu thun."
„Ich kann dir nichts sagen", wie
derholte sie matt.
„So kann ich es vielleicht," zürnte
et. „Du hast auf irgendeine Weife
erfahren, wer dieser Kapitän Or
lando ist. Du weißt, daß er mit
dem Verbrechen in Verbindung steht.
Deshalb schriebst du ihm einen Brief
und gabst ihn dem alten Barnacles,
der ihn zur Post bringen sollte."
Alix entriß ihm heftig ihre Hände.
„Ich verstehe dich nicht," erwiderte
sie laut. „Von dem Mann, den du
Kapitän Orlando nennst, weiß ich
nichts, und einen Brief habe ich nicht
geschrieben."
„Wer that es denn? Barnacles hat
einen Brief in den Kasten geworfen."
Harold erzählte ihr die Episode vom
Nachmittag, die ste voller Erstaunen,
wenn auch ohne etwas darauf zu er
widern, anhörte. „Steht diese Sache
mit dein Bruch unserer Verlobung in
Verbindung?" fragte er endlich, als
ihm ihr Schweigen zu lange dauerte.
Alix schüttelte den Kopf. „Ich
kenne diesen Mann nicht und habe
keinen Brief geschrieben."
„Also reden wir nicht mehr darü
ber," sagte Harold ruhig, „du mußt
jedoch eine Ursache für deinen Wort
bruch haben."
„Ich kann sie dir nicht nennen."
„Du mußt."
„Das werde ich nicht thun."
Die zwei standen einander gegen
über, beide blaß, beide aufs höchste
erregt. Youle war ein energischer
Mensch und hatte Alix immer leicht
gelenkt, nun fand er sie eben so fest
und entschlossen, wie er selbst war.
Aus dem sanften schüchternen Mäd
chen war ganz plötzlich ein hartes,
finsteres Weib geworben. „Das
werde ich nicht thun," wiederholte sie
noch einmal und erwiderte heraus
fordernd feinen durchdringenden Blick.
Nun zog er eine andere Saite auf:
„Gilbert Ainsley war hier."
„Er wohnte in den Blastorne
Arms", erwiderte Alix kühl, ..und
kann herkommen, so oft es ihm be
liebt."
„Et hat aber nicht das Recht, mit
dir hetumzuspazieten, da du mit mir
verlobt bist," ties Harold, vor Li'-
benschaft weiß bis in die Lippen,
doch sich noch immer beherrschend. .
„Wer sagte, daß er es that?"
„Barnacles! Du besuchtest ihn in
feinem Häuschen, und Ainsley hielt
sich immerzu an deiner Seite. „Wie
zwei Verliebte," äußerte sich der
Alte."
„Es ist nicht wahr. Ich hasse Gil
bett Ainsley."
I „Warum gehst bu dann mit ihm?
Komm, Alix," und wiederum haschte
er nach ihrer Hand, die sie ihm abet
mals entzog, „erkläre mir diese ge
heimnißvolle Aenderung in beinern
Wesen."
„Ich kann es nicht!" jammerte sie
i und rang die Hände.
I
9.
„Das geht Sie überhaupt nicht*
an, Mr. Youle," erwiderte das Mab*
chen störrisch. „Ich bin nicht mehr
mit Ihnen verlobt."
I „Ob doch. Ich cebe dich nicht frei."
i „Ich bitt es nicht mehr," beharrte
I sie. „Ich bin verlobt mit"
I
„Verlobt mit was soll das
heißen?"
I
„Ich bin verlobt mit Gilbert Ains
ley."
Zwölftes Kapitel.
(5
i
n e üb er taschende Ent
deckung.
Youle fuhr zurück und starrte sie
an. Vor feinen glühenden Blicken
sank Alix in sich zusammen. Sie
versuchte erst, ihnen standzuhalten,
doch nach lüenigen Sekunden mußte
sie sich niedersten und verbarg ihr
Gesicht von teuern.
I
„Du bist verruckt geworben." be
gann Harold endlich. „Gilbert Ains
ley! Dessen Frau kaum zwei Mo«
nate todt ist?"
„Vor Ablauf eines Jahres werben
i
wir nicht heirathen."
i
Nun brach die Leidenschaft in dem
jnugen Manne durch. „Schamlose!"
rief er heftig, „wie kannst du so spre
chen? Frau Ainsley liebte dich sie
war deine beste Freundin sie hin
terließ dir ihr Vermögen, und jetzt,
noch ehe sie in ihrem Grabe kalt ge#
worden ist. beabsichtigst du. ihren
i
Gatten zu heirathen den Mann,
der ihr das Herz gebrochen hat! O
Alir, wie bitter habe ich mich in dir
getäuscht!"
I „Ich kann mich nicht vertheidigen,
Harold." stammelte sie kaum vemehm
I lich.
I „Das heißt, du willst mir ntcht
vertrauen."
„Ich kann es nicht." Sie versuchte
ihre Selbstbeherrschung wiederzuer
langen. „Ich habe dir nichts zu sa
gen."
„Sogar sehr viel. Warum hast
du unsere Verlobung gelöst? Wie^o
bist du mit Ainsley versprochen?
Weshalb gestehst du mir die Wahr
heit nicht ein? Alix," fuhr er siebend
fort, „die ganze Sache ist so sonder
bar wenn sie mit Gilbert Ainsley
zusammenhangt, steckt sicher etwa?
Schlechtes dahinter, und"
„Etwas Schlechtes?"
..Ich kenne den Mann. Ich wna
an zu glauben, daß er an dem Mord
betheiligt ist"
„Nein, nein, so darfst du nicht re
den," unterbrach sie tht beinahe
schreiend. „Er schlief, als Frau
Ainsley getödtet wurde. Wir sahen
ihn i'" Beide."
„J-h fiatte ihn auch ntcht selbst
für den Thäter, et kann sich aber
Jemand gednnaen haben"
„Das ist nicht wahr," rief Mtx.
1
„So werde ich mich an Gilbert
Ainsley wenden."
„Auch er wird schweigen."
„Also hängt die Sache mit ihm,
.zusammen?" 1
Aus welchem Grunde sollte Gilbert
seine Frau, der et Alles verdankte,
aus dem Wege räumen lassen? Er
hat ja nicht einmal das Vermögen ge
erbt."
„Von der Aenderung Testa
ment wußte et nichts."
„Er wußte es wohl, denn er sagte
vir selbst, er fürchte, nicht einen Pfen
nig zu erhalten."
'„Das muß ich zugeben." erwiderte
Harold halb widerwillig, dann fuhr
et bitter fort, „aber sehr wahrschein
lich hatte er in Erfahrung gebracht,
wer die Erbin sein würde, und ließ
seine Gemahlin erdrosseln, um bich
heirathen zu können."
„Warum gerade mich?" fragte sie,
blaß und noch immer herausfordernd.
„Hast du vergessen, daß du einmal
glaubtest, er liebe dich und werde um
dich anhalten?"
„Aber dann nahm er Frau Ains
ley."
„Ihres Geldes wegen," spottete
Harold, „und jetzt scheint er dich aus
Liebe nehmen zu wollen. Ich ver
stehe es nur zu gut. Dadurch, daß
er seine ältliche Frau bewog, zu dei
nen Gunsten zu testiren, lenkte et,
nachdem er sich ihrer entledigt hatte,
jeden Verdacht von sich ab und er
obert sich nicht nur die, die er liebt,
sondern das Vermögen obendrein.
Habe ich Recht?"
„Nein tausendmal nein. Ich
liebe Gilbert nicht."
„Aber et liebt dich," knirschte
Youle, und als Alix weiter schwieg,
fuhr er langsam und nachdtucksvoll
fort: „Wenn du es nicht thust, warum
heiratheft du ihn?"
„Weil es mir so gefällt," entgeg
nete sie höhnisch.
„Wir kommen wieder auf ben An
fang unseres Gesprächs zurück, Alix.
Noch immer warte ich auf die ge
wünschte Aufklärung."
„Du weißt, daß ich nicht deine
Frau wer bett kann und mich nach
Schluß des Trauerjahres mit Gilbert
Ainsley zu vermählen gedenke."
„Das wagst bu mir zu sagen?"
„Ja!"
Das Wort kam kurz von ihren
Lippen, und Harold sah sie wie be
täubt an. War dieses harte, oer*
schlossene Weib das sanfte Mädchen,
das er liebte, das seine Neigung er
widert hatte?
„Dein Vater zwingt bich bazu!"
„Nein, er weiß nicht einmal, daß
unsere Verlobung gelöst ist unb daß
ich Gilbert heirathen werbe."
„Niemals wird das geschehen!"
I „Es muß es muß es muft
geschehen!"
(Fortsetzung folgt.) ...

Roman von ft. Hnme.

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