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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, July 16, 1914, Image 7

Image and text provided by State Historical Society of North Dakota

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perScsjsitlks.
(4. Fortsetzung.)
Ethel hatte vielleicht noch einige
weiter« Fragen auf den Lippen. Aber
sie bezwang sich. Was halte bis
Person sich sonst auch einbilden müs
sen? Ilses unbefangene Miene sagte
ihr übrigens genug. Entweder war
ihr Argwohn unbegründet oder sie
hotte eine Heuchlerin vor sich, der mil
bloßen Fragen nicht beizukommen
war. Wenn also zwischen den bei
den ein Geheimnis bestand, dem sie
auf den Grund zu kommen wünschte,
so mußte sie Geduld dazu haben
„Den Tee!" wiederholte sie noch
einmal.
Ilse ging.
Zwei Tage später begab sich Gert
aus Reisen.
Von der Trinithüiche in New Jork
schlug die zehnte Abendstunde. In
dem Geschäftsviertel, das im Süden
der Stadt noch Brooklyn zu liegt,
war das geräuschvolle Treiben des
Tages verstummt, und die hier noch
teilweise alten, unregelmäßig gebau
ten Siraßen lagen trotz des hellen
Laternenscheines wie ausgestorben
In den über und über mit Firmen
schildern bedeckten Häusern selbst, die
fast nur aus Räumen für Bureaus.
Geschästswtalen und Speichern be
standen, war alles dunkel. Dann
und wann sah man in langsamem
Schritt einen Wächter an den Fron
ten entlang gehen und um die tide
des Häuserblockes wieder verschrei«
den.
In einer dieser alten» engen.
winkligen Straßen stand ein Haus,
aus dessen im ersten Stockwerk de»
sinnlichen Fenstern ausnahmsweise
noch ein heller Lichtschimmer fiel.
.Bryant School" stand auf Glas in
beleuchteter Schrift über der Haus
tür zu lesen. Wenige Minuten nach
dem letzten Schlage, der von der na
hen Kirche durch die nächtliche Stille
scholl, öffnete sich diese Tür, und her
aus strömte eine Schar jüngerer
Leute beiderlei Geschlechts, die mei
sten mit Mappen und Büchern in
der Hand, die sich plaudernd, einzeln
«der in Gruppen, zu beiden Seiten
der Straße zerstreuten und ver
schwanden, um die Stationen der
Straßen« und Untergrundbahn zu
erreichen, die sie nach Haus« bringen
sollten. Noch einige Nachzügler kamen
aus dem düsteren Gebäude, dann er
losch oben hinter den Fenstern und
hinter den Glasbuchstaben das Licht,
ein Schlüssel drehte sich in der Haus
iiir herum, und bald daraus lag die
Straße wieder so still und ode wie
lurz zuvor.
Die letzte Gestalt, welche das H-iui
verließ, war die eines jungen Mäd
chenè. Beim Schein des bläulichen
Logenlichtes, das die Ampel vor dem
Hause über sie heradgoß, war sie
deutlich zu erkennen. Die ebenmä
ßige, nicht zu große, noch zu kleine
Gestalt war von einem einfachen
^adetllkib umschlossen. Auf dem,
wenn auch nicht gerade hübschen, sc
doch recht sympathischen Gesiebt saß
«in schlichtes, aber kleidsames Jäger
hutchen, unter dem das starte dunkle
Haar hervorquoll. Die Mappe unter
den Arm schiebend, in der anderen
Hand den Schirm, sah sich das junge
Mädchen mit klugen, furchtlosen
Blicken zu beiden Seiten der einsamen
Straße noch einmal um, dann machte
es sich mit raschen Schritten, entlang
an den verlassenen Häuserreihen, auf
den Weg.
Zwei, drei Minuten mochte sie schon
gegangen sein, als sie im Begriff
stand, um eine Ecke zu biegen, und
dort eine andere Gestalt auf sie stieß
Es war die eines Mannes. Ein ab
scheulicher Fufelgeruch schlug dem
jungen Mädchen entgegen, «in wüstes
Gesicht stierte sie an, und gleich dar
auf fühlt« sie sich in roher Weise
«mschlungen.
„Zu Hilfe!" schrie fit durch die
leere Straße.
„Sei doch nicht so spröde, süßes
Mäuschen", lallte der Betrunkene
end suchte seinen einen ekelhaften
Ntem ausströmenden Mund auf den
Ihren zu p»essen.
„Zu Hilfe!" gellte es noch einmal
durch die unheimliche Einsamkeit,
und die Uebersallene suchte sich ihres
brutalen Bedrängers mit dem Schirm
zu erwehren. Aber kein menschliches
Ohr schien ihren Hilferuf zu hören.
„Worum sich so sträuben, süßer
Schatz." stammelte der Sinnlose.
„Nur ein Küßchen!"
Der Schirm in ihrer Hand yr*
splitterte, schon fühlte sie ihre Kräfte
erlahmen, ihren Widerstand gebrochen,
zum Ueberfluß preßte sich auch noch
die Faust des rohen Patrons aus ih
ren Mund und hinderte sie am wei
teren Schreien, als in diesem Augen
blick, wo sie sich ihr«m Angreifer schon
hilflos preisgegeben sah, hinter der
Ecke eilige Schritte vernehmbar wur
den.
„Damned!" brüllte der Rowdy
wütend auf, denn plötzlich fühlte er
von hinten einen heftigen Schlag auf
seinen Kopf.
«frlunfcl*
Im nächsten Augenblick streckte»
fid) dem Getroffenen zwei im 5B.jrn
geübte Fäuste entgegen, und ein h«s
ficur Kamps entspann stch zwischen
den beiden Männern.
Das junge Mädchen sah sich von
der Gefahr befreit. Die Glieder zit
terten ihr noch. (?in Langel schien zu
ibrer Rettung genaht. Ader der l?tv
gel hatte die sehr irdische Gestalt ei
nes schlanken, geschmeidigen, jungen
Mannes. Seinem Anzug nach srVien
er den unteren Klassen anzuaehiren
Aber für diese Äußerlichkeit batte
das junge Mädchen jetzt kein Auge.
Auch an Flucht dachte sie nicht. Das
wäre, so lange sich ihr Retter noch
selbst in Gefahr befand, feige von
ihr gewesen. Angstvoll sab sie dem
Kampfe zu. An Körperkraft schien ihr
Angreifer, ein stämmiger und außer
ordentlich muskulöser Mensch, rem
anderen, der bei dem jetzt auf ihn sal
lenden Sa fernen Win ein schlecht ge
nährtes und wobl durch allerlei (*nt-
btbrungen ausgemergeltes Gesicht er
kennen ließ, weit überlegen zu lein,
und nur der Umstand, daß diese?
Mensch betrunken und nicht ganz
Herr seiner Bewegungen war, stellte
zwischen den beiden Kämpfern ein ge
wisses Gleichgewicht her.
„Zu Hilfe!" erhob dos jun^e Mäd
chen jetzt noch einmal mit aller Kraft
und voll Entsetzen ihre Stimme, denn
sie sah in der hocher Kobenen Hand
des Betrunkenen ein Me^er blinken.
Aber mit großer Gewandtheit gelang
es dem andern, di« auf ibn zückende
Hand noch im letzten Augenblick fest
zuhalten, und im nächsten Moment
krachten die beiden Ringer über den
Rand des Trottoirs auf das Sira
ßenpflaster.
Die lauten Rufe des jungen Mäd
cherts hatten endlich Gehör gefunden.
Von beiden Seiten der Straße nä
Herten sich eiligen Laufes verschieden«
Gestalten, an der Spitze ein
Policeman.
„Damned! Mein Fuß!" heulte
der Betrunken«, indem er berget lich
den Versuch machte, stch von der
Bordschwelle, an der er ausgestreckt
lag, zu erheben, um sich von neuem
auf seinen (Segnet und Ueberwinder
zu stürzen, der rasch wieder aufge
sprungen war.
„So, Fräulein!" wandte stch der
junge Mann, noch ein wenig atemlos,
aber als ob sonst nichts weiter ge
schehen wäre, an die von ihm Geret
tet«, indem er dabei seinen eingebeul
ten Hut aussetzte und seinen bürfti
gen Anzug wieder in Ordnung brach
te, „der wird Ihnen jetzt nichts mehr
I anhaben. Sie können jetzt ruhig
weitergehen!"
Aber schon hatte sich um die bei
den und den am Boden Liegenden,
der noch immer wütend seine Flücht
i.nd Verwünschungen ausstieß, ein
Kreis von Neugierigen gebildet, de:
stch noch fortwährend vergrößerte.
Was war hier geschehen? Man sah
einen Verwundeten liegen, der sich
wie unsinnig gebürdete und sortwäh
rend um seinen verletzten Fuß schrie
man sah den andern und diese»
Fräulein, von dem sich der Policeman
den Hergang erzählen ließ. Die junge
Dame machte einen durchaus honetten
I Eindruck. Die ausgestandene Angst,
die Genugtuung, der Gefahr entron^
I nett zu fein und ihren Retter unver»
fehlt zu wissen, stand ihr noch zu
I deutlich und überzeugend aus das Ge
sicht geschrieben, als daß man an der
Wahrheit ihrer Darstellung hätte
zweifeln können, und die ganze Eni
i rüftung wendete stch dem Burschen
aus dem Pflaster zu. Noch mehr als
anderswo gibt sich gerade in Amerika
der Mann" der sich an schutzlosen
Frauen vergreift, der Verachtung
preis, und nirgends wendet auch das
Gesetz gegen ihn nachdrücklichere Stra
fen an. Aber in feiner Betrunken
beit schien der Patron schon alles an
Me als seine Verletzung vergesien zu
haben. Er schrie und tobte nur im
I mer: „Mein Fuß! Mein Fuß!" Er
I schien große Schmerzen zu empfuv
I den.
„Ich bitte, mit auf die Wache zu
kommen!" sagte der Policeman Höf
lich zu der Dame und ihrem Be
freier „und was den Herrn hier
betrifft, wenn er nicht laufen kann,
so buben einige Gentlemen wohl die
Gefälligkeit, ihm behilflich zu sein."
So heftig sich ivr Verwundete euch
sträubte übrigens schien der hüte
Fall und der Schmerz allmählich
doch einige Klarheit in seinem Hirn
zu verbreiten —, so vermochte er sich
in seinem Zustand« gegen die viele»!
„hilfreichen" Hände, die sich nicht ge
rade allzu sanft noch ihm ausftred
ten, doch nicht mit Erfolg zu Wehr
zu fetzen. Seine fortgesetzten
Schimpfereien weckten nur Lachen und
Spott, und so setzte stch endlich der
ganze Zug unter Führung des St
-ferbeitSmannes nach dem Wacktlo
kalc. das glücklicherweise nicht zu weit
entfernt lag, in Bewegung. Der Ver
wundete wurde in das durch «ine
tote Laterne kenntliche Haue hinein
getragen, der Beamte dankte feinen
Helfern, dann bat er die Gentlemen,
auseinandergehen zu wollen, tcai
auch geschah, und bald lag dieser
Teil des Geschäftsviertels der Riefen
stobt wieder so still und einsam wie
zuvor.
Der Verwundet«, der stch in der
let vor Schmerz nicht ausrechterhal
t« foinfe Wt*
Stavtö Anzriger, Bicmatck, 9? I., den it ^u|i.
stände von noch etntgen anderen
Beamten auf die schwarze Le^crbant
gelegt, welche die eine Wandele des
kahlen, aber reichlich erhellten Rau
mes einnahm. Hinter einer Banitrt
saß an seinem großen Tisch der
Wachthabende, dem der Policeman
bereits Bericht erstattet hatte. Bor der
Barriere standen das junge Mädchen
und ihr unerschrockener Retter, dessen
Erscheinung erst jetzt in dem Hillen
ruhigen Licht ordentlich zu erkennen
war. Er mochte in der Mitte der
Zwanziger sein. In Widerspruch zu
seiner reduzierten Kleidung stand die
seine Bildung seines, wenn auch ab
gezehrten, Gesichts, über das schon
manche Stürme hinweggebraust sein
mochten, und das. wenn nicht der ver
wahrloste blond« Bart gewesen wäre,
geradezu hübsch genannt werden
konnte. Seltsam wirkten auf das
junge Mädchen, als sie jetzt ihren
Retter genauer betrachten konnte, sei
ne dunklen, etwas tiefliegenden Au
gen, die zu feinem blonden Haar ei
genilich nicht passen wollten. Sie
meinte, diesen Augen schon einmal
irgendwo im Leben begegnet zu sein,
nur wollte ihr Gedächtnis ihr im Mo
ment nicht sagen, wo dies der Fall
gewesen.
Geradezu einen Gegensatz. waL die
Kleidung betraf, zu dem jungen
Mann bildete der auf der Leder
bank. Er trug einen fast übertrieben
modernen gelben Uederzieher. und
dem entsprach auch sein übriger An
zug sein an dem Wandhaken über
ihm Hangender, nun freilich arg ram
ponierter Zylinderhut, seine blanken
Lackstiefeln. von denen allerirings bei
rechte einen klaffenden Ritz davonge
tragen hatte, sein« grellbunte Wä
sche und die noch grellere Slnwütte,
in der eine kostbare Briüontennabei
steckte. Auch seine Finger waren reich
mit Ringen und Juwelen besteckt,
und unter dem geöffneten Rock kam
eine übermäßig dicke goldene Uhr»
kette zum Vorschein. Die ganze Er
scheinung dieses Mannes war aller
dings viel zu stark ausgeputzt, um im
wahren Sinne elegant zu heißen.
Ein falscher Firnis war darüber
gebreitet, mit dem auch die Woch»
kopfschönheit des leeren und rohen
Gesichts im Einklang stand. Den
Jahren nach mochte der auf der Le
derbank ein Dreißiger fein.
„Meine Herten und m«ine Dornt",
nahm dtr Wachthabende jetzt an fei«
nem Tische hinter der Barriere das
Wort, nachdem die ersten Formalitä
ten erledigt waren, „ich nehme jetzt
Ihre Personalien auf und bitte Sie,
sich der Wahrheit zu befleißigen Ich
mache Sie darauf aufmerksam, daß
Sie nicht eher von hier entlassen wer
den, als bis Ihre Angaben telepho
nifch aus die Richtigkeit geprüft wor
den sind, und daß unwahre Ang.iben
für Sie Strafe noch sich ziehen wür
den."
Nach dieser musterhaft höflichen
Belehrung wandte sich der Beamte an
den Herrn auf der fiederbenl.
„Ihr Name, Herr? Vor- und Zu
name?"
„Charles Hartlepool!" stöhnte die
ser. Seine Schmerzen schienen im
mer ärger zu werden. Seine Stimme
aber klang jetzt ziemlich kleinlaut.
Er war wohl nüchtern geworden.
„Was find Sie?"
„Artist."
„Ihre Wohnung?"
„Madisonstraße. Hotel Liverpool".
„Danke!"
Der Beamte schrieb diese Antwor»
ten in sein Protokollbuch und wen*
bete sich dann an die Dame.
»Ihr Name, meine Domes"
„Martha Korngiebel."
Der Beamte war Amerikaner.
Darum bat er die Dame, ihm den
Namen, der offenbar deutsch war,
diktieren zu wollen eine Bitte, der
die Dame mit wohlklingender, deut
licher Stimme nachkam.
„Was sind Sie?"
„Sprachlehrerin."
„Ihre Wohnung?"
„Tomptins-Square. voardmghouse
Müller."
.Danke!"
Die Feder raschelte von neuem, tmb
der Beamte wendete fich zu dem jun
gen Mann.
.Ihr Name?"
„Fedor von Lyck."
Auch der junge Mann mußte seinen
Namen diktieren, so daß für feinen
der Anwesenden an der Schreibweise
desselben ein Zweifel bleiben konnte
auch nicht für daè junge Mädchen,
das bei diesem Namen eine große
Ueberrafchung verriet, nur daß diese
von niemand beachtet wurde.
„Was sind Sie?"
Der junge Mann zögerte ein we
nig, dann aber sagte et: .Stiefel
reiniget."
.Habe»
6te «Mm Bestimmten
Stand?"
„Jawohl."
.Wo?'
„Südstraße.
„Ihre Wohnung?
„Brooklyn. Nassaustraße 31». 17,
Zimmer 30."
„Ich danke."
Der Beamte verschwand, während
die drei Personen von seinen zurück
bleibenden Kollegen im Auge behal
ten wurden, mit seinen Notizen in
das anstoßende Zimmer, wo man
gleich darauf dos Telephon läuten
A é A i e 6 1
'i V-i
V-1 'ftrtfb nun zur prrto*
icllatvit tit 'i'trri' hnung, die bei den
klaren v. uitcMtn von Miß Korn*
giebel i:nr Hilter von Lyck zumal
a u 2 i e a o o e z w o e
nüchtern
ut.P
dadurch redn demutig
l..\,Vr
Hnrtletvni mit seinen „verdammten"
Sifimerun, mit der nicht gerade tröst,
lichen Aussicht aus die gerichtlichen
Folgen feinet heutigen Alkoboihei:
den und bit noch weniger trostreiche
Aussicht darauf, wieviel Zeit wohl
damit hiimeben konnte, bis er wieder
fest auf seinen Füßen stehen und
seinem Berus nachgehen konnte, ge
dulden.
Fräulein Martha Korngiebel und
Fedor tum Lyk traten miteinander
auf die einsame Straße, und der
junge Turnn zog vor feiner Begleite
tin den Hut.
„Guten Abend, mein Fräulein."
sagte et und wollte stch damit von
ihr empfehlen.
Er schien es plötzlich sehr eilig
hierin zu haben, in seinem ganzen
bisher sc unbefangenen Auftreten
drückte sich eine unverkennbare Ver
legenden ja Beschämung aus.
babe Ihnen noch nicht ein
mal danken können," erwiderte Mar
tha in herzlichem, innigen Ton und
reichte ihrem Retter, der so wenig
von ihrem Danke etwas wissen zu
wollen schien, die Hand.
„Keine Ursache, mein Fräulein!"
lehnte er noch einmal ab. und die
Verzögerung schien ihm nur peinlich
zu sein. Dabei sprach aus der Art,
wie er feinen Hut zog, wie er sich
verbeugte, kurz aus feinen ganzen
Monieren ein Etwas mit. was wie
der wenig zu seiner äußeren Er
scheinung und zu feinem Berufe, den
er soeben der Behörde hatte angeben
müssen, paßte.
„Herr von Lyck!" ries ihm eine
weiche Stimme noch, nachdem et sich
schon zum Gehen gewandt hotte.
„Wollen Sie mit eine Frage erlau
ben? Haben Sie Verwandte in
Deutschland haben Sie eine
Schwester, die Ilse heißt?"
Mit freundlichem, ermutigendem,
Vertrauen forderndem Lächeln blickte
sie ihn an einem Lächeln, dem
vielleicht schwer zu widerstehen war.
Welche Wirkung aber brachte ihr«
Frage auf ihn hervor! Vor Schreck
darüber blieb ihm die Antwort in
der Kehle stecke«.
„Mein Fräulein stotterte er
nur.
Es konnte Martha nicht entgehen,
in welche neue Peitt sie ihn versetzte.
Also hatten sie diese Augen, die ihr
von Anfang an schon so bekannt
vorgekommen waren, nicht getäuscht.
Den Bruder der geliebten Freundin,
dessen Verschwinden derselben so
bitleren Schmerz bereitet, hatte sie
gesunden. Die Vorsehung in ihrer
Gnade selber führte ihn ihr zu
hier in dem fremden Erbteil, hier in
der Riesenstadt, wo Millionen unge=
konnt aneinander vorübergingen
hier in der Einsamkeit und Nacht.
Aber sie wollte ihn ja nicht quälen
ihn, der ihr nicht nur als Ilses
Bruder wert sein mußte, sondern
dem sie auch noch zu so großer Dank
barkeit verpflichtet war. Et schämte
sich offenbar vor ihr, und wie hätte
sie das nicht begreifen sollen.
„Wie schade." sagte sie deshalb in
einem Tone, der ihr den Weg zu
feinem Herzen bahnen sollte, „wenn
ich mich getauscht hätte! Ilse von
Lyck ist meine beste Freundin. Sie
trauert um einen Bruder, den sie
verloren hat sie hat ihn sehr lieb
gehabt, und sie fürchtet manchmal,
ihn schon als tot beweinen zu müs
sen. Erst neulich hat sie mir das
geschrieben. Und wie oft, als wir
noch zusammen waren, hat sie mir von
ihm gesprochen. Mit welcher Sorge,
welcher Zärtlichkeit! Was für Freu
de würde ich ihr bereiten, wenn ich
sie benachrichtigen könnte, daß er
lebt, daß ich ihm begegnet bin, wel
che ritterliche Tat er an mir geübt
hot und wie dankbar ich ihm dafür
zu fein habe. Welcher Trost würde
es für sie fein, zu wissen, daß es
doch noch einen Menschen in der
Welt gibt, der zu ihr gehört jetzt,
wo sie ganz allein steht, wo ihr die
Mutter gestorben ist
„Meine Mutter!"
Ein verhaltener SchmerzenSlaut
rang sich von seinen Lippen. Bis
hierher hatte et ihr schweigend, mit
gesenktem Kopse zugehört. Wie sehr
er fich auch sträubte er konnte stch
ihr nicht meht entziehen. Wet war
diese Fremde, von der er vor einer
Viertelstunde noch nicht wußte, daß
sie überhaupt lebte und die ihm nun
von der Heimat, von seiner Schtve»
per sprach »tt statt
mit Werten, die wie beiße Tropfen
ans die erstarrte Rinde um fe n Herz
fieleni Wet war sie, die ibn fest
hielt wie mit einem Zauberspruch
ihn. bet olles floh, was ihn. den
Ausgkst?ßenen. on sein früheres Le
ben erinnern kennte ibn. dem nur
noch wobl in seinem Elend war. weil
et sich wenigstens vor der Welt darin
verbergen konnte? Und was gab ihr
den Mut, so zu ihm zu reden zu
ihm, dessen AeußereS doch schon für
sie eine Warnung fein mußt»? Nein,
et wollte leint8 Menschen Gnade,
am wenigsten von jemand, der wohl
nur so zu ihm sprach, weil er ihm
zufällig einen billigen Dienst er»
wiesen hatte. Schon hatte er ihr in
die Rede fallen wollen sie bitten,
ihre Wort-, ihre Freundlichkeit nicht
weiter an ihn zu verschwenden, auch
nicht den Seinen mitzuteilen, in wel
cher Lage sie ibn gesunden, und in
seines Weges ziehen zu lassen da
vernahm er von ihr daè!
„Meine Mutter!"
i
geworden war. die Möglichkeit der
gegen ibr. vorgebtuchttn Beschuldigung
Zugab u' sie nur noch mit seinem i
bösen ^.rtnbe zu beschönigen suchte
leim weiteren Schwierigkeiten er*
gab. I
ie Dame und der junge
Mvimt, dem sie soviel Tank schuldig
war, sonnten ihrer Wege gehen, und
nur MV: er Hartlepool mußte es sich
gefallen !.:'fen, der Behörde noch ein
wenig h'.ne kostbare Anirrfenfrit zu
schenken Zwar bot er dringend
darum, ihm einen Wagen h'Ien zu
lassen, d.'init er nach Hnufe fahren
konnte. Vlber so rasch ging ws nicht.
Erst tn. '.ie bet Polizeiarzt kommen,
der schon telephonisch bestellt war. I
um dü6__iireiche Protokoll nufzu*et- i
zen. Gülanslc mußte sich
Der ganze Kummet, den er ihr
bereitet hatte, wurde trieber lebendig
vor ihm. In seinen trübsten Tagen
hatte ihm immer em im kehrn von
Hoffnung beleuchtet, baß das Schick
sal doch noch einmal Mitleid mit
ihm haben, ihn wieder emporkommen
lassen wurde, und daß er der Mut'
tet das Leid, das er über sie gebracht,
doch noch einmal in Freude würde
verwandeln können. E« wat zu
spät!
Martha sah, welche Erschütterung
ihre Nachricht in ihm hervorbrachte,
und ß« sah auch, daß er noch lange
nicht der Verlorene war, als welcher
et ihrer Ilse vielleicht gelten mochte
Eine innige Freude ergriff sie.
„Herr von Lyck." sagte sie mit all
der herzlichen Empfindung, deren sie
nut fähig wor, „wollen Sie mich
wohl noch ein Stückchen begleiten'
Ich würde Ihnen dafür zu neuem
Dank verpflichtet fein, denn ich habe
doch heute die Erfahrung gemacht,
daß es eigentlich recht leichtfertig von
einem jungen Mädchen ist, bei Nacht
allein durch diese Gegend zu gehen.
Wir könnten bann auch von Ihr et
Mutter sprechen, von Ilse von
Deutschland."
Noch ein letztes Zoudetn von ihm
ober sie wollte ihm ja von der
Mutter erzählen. Und nun gingen
sie nebeneinander her.
.Ich lernte Ihre Frau Mutter
und Ilse kennen," begann Martha,
„als sie noch in Dresden wohnten.
Damals suchte ich in Dresden ein
Zimmerchen für mich. Meine El
tern leben im Erzgebirge, wo mein
Vater ein kleines Geschäft hat wir
sind zehn Geschwister, und darum
mußte jedes von uns suchen, auch
wir Mädchen, beizeiten unser ©rot
zu verdienen. Ich hatte damals ei
tien Posten in einem Dresdener Kon
tor inne und war über das Heim,
das ich bei Ihrer Frau Mutter sand,
seht srvh. Ich fühlte mich darin wie
zu Haufe, und Ilse wurde bald
meine beste Freundin. Leidet sollte
unser gemütliches Zusammenleben
nicht von langet Dauer fein. An
ders als es sonst wohl in Mädchen«
noturen liegt, hatte ich schon als
Kind große Sehnsucht, die wette
Welt kennen zu lernen, und dazu
bot sich mir nun eine gutt Gelegen
heit. Für eine Sprachfchule in Arne»
tika wurde durch die Zeitung eint
deutsche Dame gesucht. Meine Be
werbung um den Posten wurde an
genommen. Von meinem Abschied im
Eltern hause will ich Ihnen nichts
erzählen. Noch schwerer fest wurde
mir die Trennung von Ilse. Beide
hatten wir Tränen im Auge. Aber
ich war jung, ich hatte Mut, und
dann daè Meer, die Ferne fou
lockte dos nicht. So schieden wit
denn voneinander, nicht ohne das
gegenseitige Versprechen, uns regel
mäßig zu schreiben. Mein Bestim
mungsort war zunächst Baltimore,
der Wohnsitz meines künftigen Chefs.
Freilich, wenn ich damals geahnt
hätte, was ich erst spater empfand
ich meine, was Heimweh ist —,
ich hätte mir meinen Entschluß wohl
noch gründlich überlegt. Heimweh!
Aber boé fühlen wir mehr oder we
niger wohl alle, die wir die Heimat
verlassen haben, und in diesem kok
ten Gkfchäftslande erst recht. Oft
stand ich auch im Begriff, noch
Deutschland zurückzukehren. Die gute
Bezahlung aber, die mir meine Stel
lung bringt und von der ich auch
noch Eltern und Geschwister unter
stützen kann, ist für mich immer noch
der Beweggrund, hier zu bleiben.
Einmal aber, so hoffe ich, werde ich
die Heimat, mein Vaterhaus, meine
Ilse doch noch wiedersehen. Es darf
auch nicht mehr allzulange dauern,
und es sollte mich wundern, Herr
von Lyck, wenn Sie am V/ot nicht
den gleichen Wunsch noch dm Vater
land« empfänden wie ich!"
Je länger fie in ihrer einfachen,
offenen, warnten Art zu ihm sprach,
je mehr wich seine Scheu vor ihr.
Auch ließ sie ihn ja verraten, daß sie
um sein Schicksal Bescheid wußte,
und es war ihm, als brauchte et stch
nicht länger bot ihr zu schämen. Wie
ein neugewonnener guter Kametod
ging sie neben ihm her. Keine ver
traute Seele hatte er in diesem frem
den Erdteil. Wo aller Welt hatte
er überhaupt noch eine« Freund?
Und nun sollte er eh» £kf«e «fün­
de» haben, mt de» pch »attgttari
rtsen
übet feine jämmerliche Lage
aussprechen durfte.
.Und wenn ich auch diesen Wunsch
empfände," erwiderte er ihr mit un
verhohlener BitterU^, „wa« würde
es mir nützen?"
.So dürfen Sie nicht von sich
sprechen, Herr von Lyck!" bat iie
eifrig, von tiefem Mitleid mit Um
bewegt.
„Meine Schwester hat Ihnen
wahrscheinlich von mir ein falsche«
Bild gegeben. Sie hat ein zu gutes
Herz, ui.d darum hat sie Ihnen vie
Schuld, die ich an meinem Schicksal
trage, wohl in viel zu mildem Lichte
dargestellt. Ich war Offizier. Ich
hatte diesen Beruf sehr gegen den
Willen meines Vaters ergriffen.
Vielleicht, weil er meinen leichten,
zur Verschwendung geneigten Eha
rafter nur allzugut kannte und mir,
do er selbst kein großes Vermögen
besaß, nicht mehr als nur gerade den
vorgeschriebenen Zuschuß gewahren
konnte. Nur allzubald sollte es sich
zeigen, wie richtig er mich eingeschätzt
hatte. Angeregt durch da« Beispiel
reicher Kameraden, machte ich Schul
den die er bezahlen mußte. Et starb.
Von den Zinsen der Hinterlassen
schaft konnte meine Mutter mit mei«
net Schwester gerade ein noldürsti
ges Leben führen, und wenigstens
jetzt wäre es meine Pflicht gewesen,
mtch aus das Aeußerste rinzuschtän
ten. Den Vorsatz hatte ich mich da
zu. ober immer wieder brach mein
Leichtsinn durch, und immer von
neuem mußte ich meine Mutter um
ihre Hilfe angehen. Meine Leichtig
feit im Geldausgeben hatte ich wohl
von ihr geerbt, nie machte sie mit
einen Vorwurf. Eines Tages ober
Er stockte. „Doch warum Ih
nen das so genau erzählen, mein
Fräulein. Kurz, es blieb mir nicht»
übrig, ols was ja schon so viele vor
mir getan hatten, nachdem sie den
bunten Rock ausgezogen, übet
den großen Teich zu gehen. Was
hier schließlich aus mir geworden ist,
I
das haben Sie auf dem Polizeibu»
I reau gehört. Der sehnlichste Wunsch.
den ich hatte, war, es hier zu etwas
Ordentlichem zu bringen, nach
Deutschland zurückzukehren und mei»
net Mutter den Kummer, den ich
ihr bereitet, vergelten zu können.
Nun ist sie tot. Was soll ich jetzt
noch in der Heimat? Wo würde ich
dort überhaupt ein Unterkommen
finden? Soll iüh bort betteln gehen?
Und trenn ich dabei einem meinet
früheren Karneraben begegnen wür
de? Nein, es ist besser, ich bleibe
hitt schon aus Rücksicht auf mei
ne Schwester. Wenn es besonnt
würde, was sie für einen Bruder hat,
so würde ihr da« nur Schaden brin
gen. Wenigstens davor möchte ich
sie bewahren. Das ist wohl da«
Geringste, was ich ihr schuldig bin."
Es war kaum etwas Neues, wa«
sie von ihm übet den Grund er
fuhr, warum er in die Fremde ge
flüchtet war. Ungefähr das Gleiche,
trenn auch nicht in dieser Form einet
Anklage, hatte sie schon von der
Freundin gehört. Seine Selbstvor
rvürfe aber kündigten ihr auch feine
tiefe Reue an. Wieviel Landsleuten
war sie in diesem Lande schon be
gegnet, die olles erlittene Ungemach
nur auf andere schoben, und wie we
nige von ihnen hatte die Cchule de«
Unglücks belehrt und gebessert. Wie
der regte sich das herzliche Mitge
fühl mit ihm in ihr, der Drang,
ihm zu helfen und kaum das ge
dacht, sah sie auch schon den Weg
dazu vor sich liegen.
„Und sollte es Ihnen nicht mög
lich fein," fragte sie, „eine andere,
i
bessere Beschäftigung zu finden, die
Ihnen eine Rückkehr nach Deutsch
I land später doch noch ermöglichte
I würde?"
„Ith habe in einem Saloon Bier»
gläser gespült, ich habe mit Hacke und
I Spaten aus einer Farm gearbeitet,"
lautete seine bittere Antwort, „ich
habe, als ich eines Nachts kein Od»
doch hotte, die Gastfreundschaft der
i
Polizei in Anspruch genommen, und
sie hat mich dafür am nächsten Mot
I
gen noch BlackwellS Island ins At
beitshaus geschickt, wo ich Tüten
klebte. Das ist alles, was ich in
diesem Lande gelernt habe. Ich habe
i
nur die Wohl, zu meinen früheren
Beschäftigungen zurückzukehren ober
I weiter mein jetziges Handwerl zu
üben."
I
„Und wenn ich Ihnen nun helfet
könnte? In der Schule, in bet ich
I beschäftigt bin und von bet tq
Ihnen schon erzählte, ist gerade ein
Posten frei geworden bet eine«
deutschen Lehrers. Es bedarf dazu
weiter feinet Kenntnisse als bet deut
schen Sprache. Das Geholt dafür
ist allerdings ziemlich gering, zehn
Dollars die Woche, und die Arbeit
ist ziemlich anstrengend, der Unter
richt dauert von zehn Uhr morgen«
bis zehn Uhr abends, nut zum Früh
stück findet eine Unterbrechung statt.
Wenn Sie aber wollen, so können
Bit die Stelle erhalten."
(Fortsetzung folgt.)
$rm: Heute werde ich kochen.
Mann: Warum denn?
toe: Kam« hat es mir gerittn.
wft' dich doch nicht
V!h
'tf

(Roman von Heinrich Lee.)
N i a u e z e n 3 a

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