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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, June 03, 1915, Image 7

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Iflcrllmtnirtlrrgrljen
Roman au» Teutschlands jüngster Bergen»
genheit. Bon v. elfter.
E s e e i
(6. Fortsetzung.)
11.
Der bequeme Reisewagen, welcher
Willy von der Eisenbahnstation abge»
holt hatte, hielt vor dem Portal des
Kalenberger Schlosses. Die gesammte
Dienerschaft, die Verwalter und Ar
beiter des Gutes waren herbeigeeilt,
um den aus dem Kriege heimkehrenden
Sohn ihres Herrn zu bewillkommnen.
Frau Edith, Ernst und Magda Grupe
eilten die Treppe herab, um dem Ver«
mundeten, der, in Decken gehüllt, im
Wagen ruhte, beim Aussteigen behilf
lich zu sein. Der alte Fritz Korschann
riß den Schlag auf und streckte seinem
jungen Herrn die Arme entgegen.
„Langsam! Vorsichtig!" rief der
Freiherr, der als erster ausstieg und
seiner Gattin freundlich zunickte.
.Doctor, kommen Sie zuerst heraus,
daß wir Willy herausheben können."
„Es geht schon, Herr Baron," ant»
»ortete die Stimme desArztes aus dem
gHCl)
mttrn des Wagens. „Nehmen Sie
nur in Empfang aber
Ruhe, mein junger Freund! Ruhe
Der Arzt hatte Willy unter die Arme
gefaßt und ließ ihn langsam zur Erde
gleiten, wo ihn der Baron und Fritz
Korschonn in Empfang nahmen und
unterstützten. Dann stieg auch Doctor
Grupe aus.
»Da sind wir, mein Junge," rief
der Baron. „Da sind wir wieder zu
Hause!"
Willys Antlitz war blaß und schmal
geworden. In seinen Augen glänzten
Thränen der Rührung. Mit seiner
rechten Hand stützte er sich schwer auf
einen derben Krückstock, während er den
noch in Bandagen ruhenden Unten Arm
seiner Mutter entgegenstreckte.
„Meine liebe Mutter
„Mein Sohn, mein theurer Sohn!"
schluchzte Frau Edith und schlug wei
»end ihre Arme um seinen Nacken.
Ernst ergriff des Bruders Rechte:
„Willkommen in der Heimath, lieber
Brüder! Gott sei Dank, daß alles so
glücklich vorüber gegangen ist!"
Willys Augen flogen hinüber zu der
etwas abseits stehenden Magda. Auf
ihren Wangen ruhte eine tiefe Gluth,
in ihren Augen aber erglänzte ein zärt
licher Strahl, der fein Herz mit seliger
Freude erfüllte. Er streckte Magda die
Hand entgegen:
„Auch Sie sind zu meinem Empfang
gekommen, Fräulein Magda? Ich
danke Ihnen von ganzem Herzen
DaS junge Mädchen umfaßte feine
Rechte mit beiden Händen und drückte
sie innig und warm.
„Wenn Sie wüßten, wie wir unS
tun Sie gesorgt haben!" flüsterte sie.
„Magda!" stammelte er. Schon
aber hatten sich auf einen Wink Fritz
Starschanni die Beamten, Diener und
Arbeiter herangedrängt, den jungen
Herrn zu begrüßen. Jeder wollte mit
Willy einen Händedruck tauschen, jeder
ihm ein freundliches Wort sagen, jeder
ihm sein« Liebe und Anhänglichkeit de»
weisen.
»Holt! Halt!" rief der Arzt. „Nicht
so stürmisch. Unser junger Herr ist
noch schwach und krank! Ihr dürft
ihn nicht so umdrängen! Er soll sich
nicht aufregen in wenigen Tagen
könnt Ihr alle ihn begrüßen! Jetzt
aber muß er Ruhe haben. Kommen
Sie, lieber Willy, lassen Sie im» in
das Schloß gehen!"
Willy winkte den Leuten zu und
schritt langsam, gestützt von seinem
Bater, die Treppe hinauf. Fritz Kor
schann aber schwang die Mutze über
brät Haupte und rief:
„Der Herr Lieutenant soll leben
vivat hoch hoch hoch!" und
jubelnd stimmten die Leute ein in den
Ruf.
Als Willy, in warme, weiche Decken
gehüllt, auf einem niedrigen Ruhebette
lag und sich an einem Glas Wein ge»
stärkt hatte, ging es an ein Fragen und
Erzählen. Frau Edith wollte die ge
rinasten Einzelheiten wissen, wie es
Willy seit dem letzten Mal, da man sich
gesehen, ergangen war. Lächelnd er
zählte der junge Off icier feine Erleb
nisse, nur bei der Erwähnung der
Schlacht von Langensalza und der
traurigen Katastrophe der braven
hannoverschen Armee ward fein Gesicht
ernst, und seine Stimme bebte leise.
DaS Auge Ediths senkte sich zu Boden.
Magda saß bleich und stumm da, der
Arzt sah schweigend zu dem Fenster
hinaus in den in sommerlichen Farben
prangenden Park, und der Freiherr
ging mit raschen Schritten in dem Ge
mach auf und ab, den Dampf feiner
Cigarre in mächtigen Wolken von sich
stoßend.
Nur Ernst schien von dem Ereigniß
venig berührt zu werden. Er sagte
gleichmüthig:
„ES mußte ja alle« so kommen. Wer
pch in die Gefahr begibt, kommt drin
um, und dem König Georg waren die
Folgen seiner unseligen Halsstarrigkeit
klar genug dargelegt worden."
In de«'Freiherrn Antlitz flammte die
Zornesgluth empor. Er wollte auf«
brausen, da legte sich die weiche Hand
Ediths besänftigend auf feinen Arm.
»Laß den Jungen nur, lieber Ge
org," meinte sie bittend. „Er versteht
ja noch nichts von diesen Dingen.
Du aber, Ernst," wandte sie sich mit
fester Stimme an ihren Sohn. „Du
solltest Dich schämen, in Gegenwart
Deines Vaters und Deines verwunde
ten Bruders eine solche Sprache zu
führen!"
Höhnisch lächelnd warf Ernst den
Kopf in den Nacken und verließ daS
Gemach.
Eine peinliche Pause trat ein, bis
Doctor Grupe den Faden der Erzäh»
lung Willys wieder aufnahm.
„Nach jener glorreichen und doch in
ihren Folgen so unseligen Schlacht,"
so berichtete er, „ward Willy, wie Sie
ja wissen, gnädige Frau, in das Laza
reth zu Langensalza aufgenommen und
von dort nach dem Garnisonlazareth
in Gotha überführt. Von hier aus
kam uns ja die erste Nachricht zu. Ihr
Herr Gemahl war so freundlich, mich
zu bitten, ihn nach Gotha zu begleiten,
um Willys Wunden zu untersuchen.
Ich berichtete Ihnen damals schon, daß
die Wunden nicht gefährlich seien, daß
aber ihre Heilung längere Zeit in An
spruch nehmen würde. Die Ueberfüh
rung nach hier war damals noch nicht
möglich, erst jetzt, nachdem zwei Mo
nate' vergangen sind, war sie ohne Ge
fahr für Willy zu bewerkstelligen. Und
so haben wir ihn wieder hier, und ich
hoffe, in wenigen Wochen wird er wie
der frisch und munter sein
Er reichte dem jungen Offiner die
Hand, welche dieser herzlich drückte.
„Jetzt aber," fuhr der Arzt fort,
möchte ich rathen, unseren Verwundeten
sich selbst zu überlassen. Er wird von
der Fahrt ermüdet sein und muß sich
erholen
„O. nicht doch, lieber Herr Doctor,"
unterbrach ihn Willy.
„Ja. ja, mein bester Herr Lieute
nant," lachte der Arzt. „Sie müssen sich
schon fügen. Vorläufig führe ich hier
noch das Commando. Also bitte,
meine Herrschaften!"
Er wies lächelnd nach der Thür.
Edith ordnete noch einmal die Kissen
und Decken, küßte Willy zärtlich auf
die Stirn und flüsterte:
„Ich bleibe im Nebenzimmer. Wenn
Du mich zu sprechen wünschst, hier
auf dem Tischchen steht die Glocke.
Schlaf gut, mein Sohn! Auf Wieder
sehen!"
Auch der Freiherr und Magda ver
abschiedeten sich, und nach einigen Mi
nuten war Willy allein.
Jetzt erst fühlte er, wie recht der Arzt
gehabt, als er ihm Ruhe und Alleins/in
anempfohlen. Die Reise auf der Ei
fenbahn, die Fahrt mit dem Wagen
durch die heimischen Gefilde, der Em
pfang auf Schloß Kalenberg, die Un
terhaltung mit feinen Eltern, das alles
hatte eine tiefe Erregung in ihm her
vorgerufen, die noch jetzt in seinen Ner
ven nachzitterte. Nur allmählich be
ruhigte sich sein Blut, und der Herz
schlag bewegte sich wieder in gleichmä
ßigem Takte. Ermattet schloß er die
Augen. Er war daheim, das fühlte er
mit innigem Behagen. Schmeichelnd
umwehten ihn die Lüste des Partes,
die durch das geöffnete Fenster in das
Zimmer drangen. Seine Gedanken
flogen zurück zu der schwülen Som
mernacht, als er mit Magda vor dem
Rosenbeet gestanden, als sie ihm die
Purpurrose geschenkt, und ihre Lippen
sich zum ersten Male im zärtlichen Kuß
begegnet waren. Er griff in die
Brusttasche seiner Uniform und holte
eine Brieftasche hervor. Zwischen
Photographien seiner Eltern und alten
Briefen lag die verwelkte Rose. Lange
betrachtete er die gelblichen, welken
Blätter. Ein Schein seliger Freude
flog über sein blasses Gesicht, während
er die Blume an die Lippen drückte.
i
Er faltete die Hände über der Brust,
indem er die Rose zwischen den Fingern
festhielt. Dann schloß er auf's Neue
die Augen und lag träumend im
Halbschlummer da. der allmählich in
einen tiefen, traumlosen Schlaf über
ging.
Die Thür zum Nebengemach öffnete
sich geräuschlos, und Edith schaute
vorsichtig in das Zimmer.
„Er schläft ganz fest," flüsterte sie.
„Treten Sie nur ein. Magda."
Das junge Mädchen hielt einen
prächtigen Rosenstrauß in der Hand
und näherte sich mit leisen Schritten
dem Lager Willys. Plötzlich blieb
Magda stehen und schrak zusammen.
„Was ist Ihnen. Magda?" fragte
Edith.
Aber daS junge Mädchen vermochte
nichts zu erwidern. Es stellte den Ro
senstrauß rasch auf das Tischchen am
Kopfende des Lagers und wollte da»
voneilen. Edith hielt es zurück.
„Was hat Sie vorhin so erschreckt?"
fragte sie nochmals.
„O nichts, gnädige Frau," entgegnete
flüsternd und von Neuem erröthend
Magda. „Verzeihen Sie mir, ich
bin ein dummes Ding sehen Sie
jene vertrocknete Rose, die Willy in der
Hand hält
„Was ist eS mit der Rose?"
Magda warf sich an die Brust der
alteren Freundin und flüsterte ver
schämt und unter glücklichen Thränen
lächelnd:
„Es ist die Rose, die ich ihm zum
Abschied gab!"
Hastig preßte sie einen Kuß auf
Ediths Lippen und eilte davon, ehe die
Baronin etwas zu erwidern vermochte.
Edith lächelte. „Ich hab' es ge
ahnt," sprach sie leise vor sich hin.
Dann setzte sie sich neben da« Lager
Willys und verscheuchte mit leichter
Hand die summenden Fliegen, die sich
auf die Stirn de« Schlafenden setze»
wollten.
Eine Stunde mochte vergangen sein,
al« Willy erwachte. Er dehnte sich
^.£s$"Mr.L
Der Ttaat^-An',kiqer, Bismarck, N. D, de» ^itni
leicht und griff mit den Händen nach
der Stirn, so daß die welke Rose zu
Boden fiel. Dann schlug er die Augen
auf, sah Edith groß an, als sei er
erstaunt, sie an seinem Lager zu sin«
den. und lächelte, indem er seiner
Stiefmutter die Hand reichte.
„Wie gut von Dir, Mama, bei mit
zu wachen," meinte et. „Ich habe
prächtig geschlafen und fühle mich wie
neugeboren. Ich glaube, es ist die
Heimathluft, welche mich wieder gesund
gemacht hat."
Er richtete sich halb empor. Sein
Blick fiel auf den Blumenstrauß
MagdaS.
„Ah, die herrlichen Rosen!" rief er.
„Ich danke Dir, Mama
„Nicht mir haft Du zu danken," tnt«
gegnete Edith lächelnd, indem sie sich
bückte und die trockene Rose aufnahm.
„Die Blumen hat dieselbe gebracht,
welche Dir diese Rose schenkte."
Der junge Mann errötbete.
„Ah, mein Erinnerungszeichen.
Sieh. Mama." fuhr er nach einer
Weile fort, während der er die welke
Rose gedankenvoll betrachtet Hatte,
„sieh hier die dunklen Flecke auf den
dürren Blättern. Es sind die Spuren
von Blut, das von meiner Schulter«
wunde durchgesickert war und die
Brieftasche, die ich auf der Brust trug,
benetzte. Auch Eure Photographien,
zwischen denen die Blume lag, sind blu«
tig geworden. Sieh Her!"
„Um so heiliger sollen unS diese Er
innerungen sein," entgegnete Edith
gerührt.
„O Mutter, die Schlacht selbst war
nicht das Schrecklichste, sondern da«,
was folgte
„Denke jetzt nicht daran, Willy.
Denke vielmehr an die welke Rose und
diese herrlichen Blumen."
„Ja, Mama, an die Blumen und die
holde Spenderin will ich denken! Und
Dir, meiner lieben, gütigen Mama,
will ich es nur gestehen, vaß ich schon
lange, lange Zeit nur an sie gedacht
habe, welche mir diese Rose gegeben,
daß ich selbst in den Schrecken der
Schlacht, in meinen Fiebertraumen und
auf meinem Schmerzenslager an sie ge«
dacht habe. Daß ich mit Beben daran
dachte, sterben zu müssen, ohne sie
noch einmal wieder gesehen zu haben."
Seine Augen leuchteten, seine Wan»
gen glühten. Sanft legte Edith ihre
schmale, kühle Hand auf seine Stirn
und entgegnete lächelnd:
„Der Arzt hat Dir jede Aufregung
verboten, mein lieber Sohn. Daß Du
die holde Magda liebtest, war mir schon
längst kein Geheimniß mehr. Seit heute
weiß ich aber, daß auch sie Dich
liebt
„Mama
„Still, mein Sohn, ganz still und
ruhig, oder ich erzähle Dir nichts mehr,
sondern rufe den alten Korschann, daß
er Deine Pflege übernimmt."
„O. quäle mich nicht, Mama!"
„Nein, Willy, ich will Dich nicht
quälen, sondern ich will ganz ruhig
und vernünftig mit Dir sprechen. Du
liebst Magda und Magda liebt Dich
habt Ihr Euch schon gegenseitig au«»
I gesprochen?"
„Nein," erwiderte Willy zögernd,
„aber ich glaube, sie ahnt» wie e« in
meinem Herzen aussieht."
„Das glaube ich auch. Aber e« ist
gut, daß Du Dich ihr noch nicht erklärt
hast, denn, Willy, hast Du Dich schon
gefragt, was Dein Batet zu dieser
Liebe sagen wird?"
„Der Vater? Ich denke, er wird sei
nen Segen geben. MagdaS Familie
ist makellos, et selbst ein Freund ihre«
Vaters
„DaS ist alle« richtig. Aber ich
zweifle doch, ob Dein Vater ohne Wei
teres in Eure Verbindung willigen
wird. Rege Dich nicht auf, Willy. Es
wird alles gut enden. Ich bin über»
zeugt davon. Aber Du mußt geduldig
sein, Du mußt nicht verlangen, daß
Dein Vater jetzt, in den nächsten Wo»
chen, feine Zustimmung geben soll.
Das Kriegtzunglück unseres KönigS
bekümmert ihn schwer, mehr, als et
zeigen mag. Die Zukunft Hannover«
ist noch vollkommen ungewiß, Niemand
weiß, was werden soll
„Was werden soll, Mama? Run,
man wird Frieden schließen. Hannover
muß sich den Bedingungen Preußens
fügen. Es wird dieses oder jenes Ge
biet an Preußen abtreten müssen, man
sprach schon davon, daß der südliche
Theil von Hannover losgelöst werden
sollte. Der König wird zurückkehren,
die Armee wieder zusammentreten, ich
selbst werde wieder Dienste nehmen
Die Baronin lächelte trübe.
„Dein Zukunftsbild ist allzu opti
mistisch, mein Sohn," entgegnete sie
mit trauriger Stimme. „Viel wahr
scheinlicher ist es, daß der König über«
Haupt nicht zurückkehrt, daß Hannover
als selbstständiges Land aufhört, zu
existiren, daß Hannover eine jpttu&isdhe
Provinz wird
Das ist unmöglich!"
„Und doch muß man fast s» die
Möglichkeit glaub»«. Schon jetzt hat
Preußen thatsächlich die Verwaltung
de« Landes übernommen."
„Oesterreich wird e» niemal« but*
den!"
„Oesterreich liegt selbst Besiegt am
Boden, Preußen diktirt den Frieden."
„Aber England und Frankreich?"
„Sie werden um Hannover« willen
sich nicht in den Krieg stürzen."
„Es wäre schrecklich entsetzlich—•
„Du begreifst, mein lieber Sohn,
baft Dein Batet nicht Lust hat»
rati «Uten cknmmhmiriw
zu beschäftigen, wenn die Zuiunst bei
Vaterlandes und Deine eigene Zukunft
noch ganz im Ungewissen liegen, zumal
Magda die Tochter des Doctors
Grupe ist
„3U, ich verstehe Dich, Mutter!
Doctor Grupe ist ein Freund der Preu«
ßen und der neuen Ordnung ja,
ja, da liegt das Hinderniß
„Beruhige Dich, Willy! Du thust
Doctor Grupe Unrecht. Auch er be
trauert den Untergang unserer Selbst
ständigkeit, aber er bait diesen Unter»
gang für nothwendig, damit Deutsch
lands Macht und Größe wachsen und
gedeihen sann."
„Deutschlands Macht? Du mußt
sagen Preußens Macht!"
„O nicht doch. Willy. So mußt Du
nicht sprechen. Sieh, ich habe diese
Stunde, die ich mit Dir allein war,
gewählt, um mit Dir diese Verhältnisse
in aller Ruhe zu besprechen, um Dir
zu sagen, da st Du geduldig sein, daß
Du hoffen sollst auf ein gutes Ende,
daß Du nicht trotzig ein Glück erzwin
gen sollst, tvelches nur durch geduldiges
Abwarten, durch ehrliches Streben zu
erringen ist. Dein Vater wurde Dir
jetzt die Hand MagdaS abschlagen, er
würde von Dir fordern, daß Du der
Tochter des Preiißenfreundes entsagst,
zumal wenn Preußen Hannover in bet
That einverleibt
„Ich danke Dir. l»ebe Mutter," un
•erbrach Willy die Worte Ediths in
finsterer Ruhe und scheinbarer Gleich
giltigkeit. „Du hast recht, ich darf
nicht an meine Liebe denken, wo mein
König, mein Vaterland am Rande deS
Verderbens schweben
..Da» wollte ich nicht sagen,
Willy
„Aber es ist in der That so. Glaubst
Du, daß der König jemals in die Ein
verleibung Hannover? in Preußen
willigen wird?"
„WaS soll er anders thun?"
„Zu den Waffen wird «r uni wieder
rufen, und wir, wir werden seinem
Rufe mit freudigem Herzen Folge lei
sten!"
Willy?!"
Der junge Officio: hatte sich erho
ben und stand aufrecht da, sich mit der
Hand auf die Lehne de» Ruhebettes
stützend.
„Noch trage ich meine» Königs Uni
form," sagte er tiefbewegt, „noch ge
hört meine Treue, mein Blut, mein
Leben meinem obersten Kriegsherrn!"
„Willv, Willy, Du übertreibst
„Still. Mutter! Rede nicht weiter
von meiner Liebe, von Magda. Ich
danke Dir. daß Du mir die Augen
über den wahren Zustand unseres Va
teilendes geöffnet hast, jetzt weiß ich,
was ich zu thun habe!"
Auf seinen Stock gestützt, schritt et
zum Fenster, lehnte den Arm an das
Fensterkreuz und legte die Stirn auf
den Arm. Leise trat Edith zu ihm,
in der Hand die welke Rose Magda».
„Willst Du nicht die Blume wieder
an Dich nehmen?" fragte sie sanft.
„Was soll mit jetzt die Rose?" ent
gegnete er finster. „Jetzt ist keine Zeit
der Rosen und der Liebe. Wirs die
Blume fort ich habe sie nicht mehr
nöthig
Leise entfernte sich Edith. Sie sah
ein, daß es das Beste war, ihn mit sei
nen Gedanken allein zu lassen. Die
welke Rose nahm sie mit.
Willy aber preßte die Stirn festet
auf den Arm, um die Thränen zu ver
bergen. die langsam und schwer über
seine Wangen perlten.
12.
Christian Gottlieb Densdorff war
nach Schloß Kalenberg gekommen, wie
et sagte, um den heimgekehrten ältesten
Sohn des Hauses zu begrüßen. Die
ehrenhafte Art und Weise seines Ge
schäftes und die Ehe feiner Tochter mit
dem treihtrni von Kalenberg hatten es
bewirkt, daß et nicht nur Königlicher
Commercienrath geworden war, dessen
Brust mehrere Orden schmückten, son
dern daß et auch in bet sonst sehr ex
clusiven hannoverschen Gesellschaft Auf
nähme gefunden hatte. Ja, et war so
gar öfter mit Geschäften für die Kö
nigliche Schatulle beauftragt gewesen,
und er hatte noch in der letzten kritischen
Zeit dafür gesorgt, daß König Georg
einen großen Theil feines Privatver
mögens nach England retten konnte.
Commercienrath Densdorff galt als
ein treuer Anhänget der hannoverschen
Königsfamilie. Der alte Christian
Gottlieb war abet klug genug, sich
nicht für alle Zeiten zu binden.
Gegen Willy war Densdorff von der
artigsten und liebenswürdigsten Zu
vorkommenheit. Er behandelte den
jungen Off icier mit einer Zartheit,
welche man dem alten Geldmanne nicht
zugetraut hätte. Teilnehmend fragte
er nach allen Einzelheiten der Schlacht
und der Verwundung Willys, bewun
bette die Tapferkeit der hannoverschen
Truppen und schüttelte traurig den
grauen Kopf, wenn von der Zukunft
Hannovers die Rede war.
Ganz anders war da» Benehmen
Christian Gottliebs gegen Ernst, den
Kohn feiner Tochter. DaS war Blut
von seinem Blut. Ernst war sein
dereinftiaer Erbe, er sollte sich auch nach
btm Willen de# Großvaters richten und
dessen geistiger Erbe fein. Er kannte
keine Zärtlichkeit gegen den Enkel et
sprach oft sogar rauh und hart mit
ihm and verbat sich von then jede Wi
derrede in seht energischem tm.
„Du bist der 6eh» «rtwr
nem Willen widersetzst, hast Du die
Fuigett zu tragen."
Emst war klug genug, den Alten
nicht zu rrizen. Et dachte an die
Millionen seines Großvaters, schwieg
und unterwarf sich. Kaum sechzehn
Iabre alt, verfolgte er doch schon
Plane, welche er nur mit Hilft de«
großväterlichen (Melde? ausführen
tonnte. Der Zeitpunkt schien ihm jetzt
der geeignete zu sein, um jene Plane
irt's Werk zu setzen, deshalb hatte et
heimlich an seinen Großvater gegebne
den. er möge doch ans einige Tage nach
schloß Kalenberg kommen, er, Ernst,
hübe ihm eine wichtige Mittheilung zu
machen, von der aber vorläufig Nie
mand etwas erfahren dürfe. Densdotff
kannte seinen Enkel zu gut, als daß er
auf diesen Brief nicht sofort nach
Schloß Kalenberg gefahren wäre.
Ain Tage nach seiner Ankunft bat
ihn Ernst, mit auf fein Zimmer zu
kommen. Der Eommercienrath folgte
feinem Enkel, ohne ihm jedoch die Neu
gierde zu zeigen, die ihn in der That
ergriffen hatte.
Das Zimmer Ernsts lag in einem
Seitenthurm, der durch einen langen
Korridor mit den Wohnräumen der
freiherrlichen Familie verbunden war.
Das Gemach war mit Büchern vollge
pfropft: auf einem großen Tische in
der Nrilie des Fensters standen Physika
lischt Instrumente und chemische Prä
parate, ein Fach des sehr geräumigen
Wandschrankes war mit Steinen, tro
ckenen Gräsern, Metall- und Holz
stücken angefüllt.
Man sah es dem Zimmer an, daß
fleißig in ihm gearbeitet wurde.
„Es freut mich, zu sehen, daß Du
Dich für die Wissenschaft interessirst."
sagte der a't? Densdorsf lächelnd.
„Dein Vater erzählte mit voller Stolz,
daß Du sfion zu Ostern die Universi
tät beziehen kannst."
„Ja, Großvater! Ich rnrche zu
Ostern mein Abiturienteneramen und
hoffe, es glänzend zu bestehen. Aber
die Universität möchte ich nicht bezie
hen. um Iura zu studiren, und des
halb. Großvater, habe ich Dich gebeten,
nach Schloß Kalenberg zu kommen."
„So. so," entgegnete der Eommet
cienrath, seinen Enkel scharf sixirend.
„Du willst nicht Iura und Kameralia
studiren? Bedenke, welche glänzende
Laufbahn Dir bevorsteht! Dein Name,
Dein Vermögen
„Verzeih. Großvater! Der Ton Dei
ner Worte verräth mir, daß Du mir
meiner Weigerung wegen nicht böse bist.
Ich will etwas Ordentliches lernen, ge
wiß! Aber ich will nicht Iura studiren,
sondern das Bergfach
„Das Bergfach?! Wie kommst Du
darauf?"
„Sieh Dir einmal diese Steine an,
Großvater."
„Ich finde nicht» Bemerkenswerthe«
an ihnen."
„Das glaub' ich wohl. Und doch
stecken in diesen Steinen Millionen,"
„Willst Du mich zum besten haben?"
„Nein, Großvater! Diese Steine
entstammen den alten, vor hundert
Jahren schon aufgegebenen Kupfergru
ben auf dem Kupserberge. der zu den
Kalenberg'schen Besitzungen gehört. Ich
habe mit dem Oberförster Bietendüvel.
der ein Sachverständiger in dieser Be
ziehung ist, die alten Gruben durch
sucht. Wir haben die Steine geprüft,
und Oberförster Bietendüvel meint,
daß die Steine einen ganz bedeutenden
Kupfergehalt haben, so daß der Betrieb
der Gruben, falls er mit dem nöthigen
Capital in's Werk gesetzt würde, ein
sehr lohnender sein müßte. Der Ober«
förfter wollte deshalb schon mit Papa
sprechen. Ich habe ihm abgerathen,
denn ich weiß, daß Papa fein Freund
solcher geschäftlichen Unternehmungen
ist. Ich sagte dem Oberförster, daß ich
I mit Dir Rücksprache nehmen wollte,
und Bietendüvel meinte, Du seiest al«
I lerdings der recht« Mann, da« Unter
nehmen in's Werk zu fetzen."
Der Commercienrath betrachtete den
I Stein, den er in den hageren, mit
grauen Haaren bewachsenen Händen
I
hielt, gedankenvoll von allen Seiten.
Man sah es seinem mageren, von Fur
che» durchzogenen Gesichte an, daß er
nachdachte und sich die Worte seines
Enkels überlegte. Endlich sagte er:
„Dein Oberförster ist keine Autorität
in solchen Dingen."
I „Er ist es, Großvater," entgegnete
1
Ernst eifrig. „Aber ich war aus diesen
Einwurf gefaßt und habe deshalb den
Oberförster veranlaßt, eine Sammlung
Steine zur Untersuchung an das Ehe
mische Institut in Hannover zu schicken.
Das Gutachten des Institut», welche»
Bietendüvel Dir zeigen kann, wird Dir
meine Worte bestätigen."
Der Eommercienrath erhob sich.
„Wenn es sich wirklich so verhält,
wie Du behauptest," sprach er langsam
und bedächtig, „.dann läßt sich die
Sache in Ueberltgung ziehen. Jeden
falls werbt ich zuerst mit bernOberför*
stet Rücksprache nehmen, ehe ich mich zu
irgend etwa» entschließe."
„Der Oberförster erwartet Dich,
Großvater!"
„Gut! Ich werde zu ihm gehen."
In bet nächsten Zeit zeigte Den«
dorff eine bisher noch nicht an ihm be»
meiste Vorliebe für einsame Spazier
«biet in den Wald. Selbst fein Enkel
Ernst »Ver sei« Tochter durften ihn
0t behauptete, er müsse
AmMm /t»LV|r tnliihir
Begleiter de« Commerdens.!':* auf
bissen einsamen Spaziergängen fei.
Nach wenigen Tagen rief Denstorf?
seinen Enkel zu sich, legte ih i die dürre
Hand auf den lockigen, bunden Schei
tel, sah ihn lächelnd an und sagte:
„Du bist ein kluger Junge, Ernst!
Du sollst daS Bergsach studiren, noch
heute werde ich mit Deinem Batet spre
chen!"
Ernst machte fast einen Freuden
sprung, aber bet Eommetcienrath hielt
ihn am Rockkragen fest und fuhr inah
nend fort:
„Noch sind wir nicht so weit, Ernst!
Dein Vat.'r muß erst feine Zustimmung
zu unseren Plänen geben, er ist nvch
der Besitzer von Kalenberg. Später
allerdings doch davon brauchtn it*
jetzt noch nicht zu sprechen! Die
Hauptsache ist. daß Du ein tüchtiger
Bergmann wirst. DaS Kaufmännische
werde ich Dir schon beibringen. Der
Oberförster ist übriaens ein brauchba
rer Mensch. Wir wollen ihn uns warm
halten."
„O Großvater, ich danke Dir
„Danke mir, wenn sich alles im gu
ten Gange befindet. Vorläufig kein
Wort zu Deiner Mutter und Deinem
Bruder!"
„Unbesorgt, Großvater!"
Dtr Eonimercienrath klopfte seinem
Enkel auf die Wangen das erste
Mal. daß er ihn aus diese Weise lieb»
koste und begab sich nach dem Zim
mer seines Schwiegersohnes.
Der Freiherr ging erregt im Zimmer
auf und ab. Seine Augenbrauen wa
ren finster zusammengezogen und fein
Schnurrbart schien sich förmlich zu
sträuben unter den heftigen, zornigen
Atemzügen. Ein zusammengeballter,
zerknitterter Brief lag auf betn Fußbo
ben des Gemaches.
„Ah. gut, daß Sie kommen!" rief
er dem Schwiegervater entgegen. „Ihr
Bbrfenleute wißt ja so manches Ge
heimniß. Vielleicht können Sie mir
sagen, ob es wahr ist, waS mir soeben
ein alter Freund aus Hannover
schreibt, daß Preußen in nächster Zeit
die Einverleibung Hannovers vollziehen
wird."
„Nach meinen Nachrichten," entgeg
nete der Bankier, „steht bie Annexion
in der That bevor."
„Und das sagen Sie mit solcher Ge
lassenhfit? Sie. der Sie von der kö
nigliche» Familie Wohlthaten auf
Wohlthaten empfangen haben Sie,
bet Sie
„Regen wir uns nicht auf, Herr
Schwiegersohn! Wohlthaten habe ich
von bet königlichen Familie nicht em
pfangen, man hat meine Dienste be«
lohnt, wie fich's gebührt
Der Freiherr entgegnete htftig, aber
Densdorff unterbrach ihn gelassen:
„Bitte, bitte, liebster Kalenberg, biet
ben wir ruhig! Sie wissen, daß ich bU
Katastrophe, in welche die politischen
Ereignisse uns :rn Kontg verwickelt ha
ben, auf bas Tiefste bedauere. Aber
was sollen wir thun? Sie und ich?
Wir sind beide alte Leute ohne Ein
fluß ohne Macht wir müssen uilt
den Verhältnissen fügen. Etwas ande
res bleibt »ns nicht übrig!"
„Ich wanbert aus!"
„Und Schloß Kalenberg? Ah« schv«
nen Besitzungen? Ihre Söhne? Ih«
Frau, meine Tochter? Nein, nei*,
Schwiegersohn, bas geht nicht. Bewah«
ten wir uns bit kühlt, verständige
Ueberlegung! Niemand wirb uns ver
argen, wenn wir unseres Königs in
treuertiiebe gedenken und uns imUebri«
gen ben neuen Verhältnissen fügen."
Der Freiherr ballte bie Faust und
zerrte an feinem Bart.
,0. dieses Oesterreich! tin» so im
Stich zu lassen! Frieden zu schließe^
ohne uns ah, das ist echt punifdjl
Treue!"
„Was wollen Sie? Jeder sorgt fife
sich zuerst. Deshalb komme ich auH
zu Ihnen, ehe kh abreif«, um übet ein»
Angelegenheit zu sprechen, die mir sehr
am Herzen liegt."
„Was ist es? Huben Sie die letzten
Zinsen nicht rechtzeitig erhalten?"
„Sie wissen, Kalenberg," entgegne^
mit vorwurfsvollem Ernst der Eonw
mercienrath. „daß ich Ihnen gegenUbM
über biefe Angelegenheit niemals eil
Wort verlieren würde. Ordnen S»
derartiges ganz nach Ihrem Beliebens
„Verzeihen Sie! CS entfuhr mit ij§
meinem Merger."
„Ich weiß es. Sprechen wir nid§
mehr darüber. Aber etwas anbete«:
Sie wünschen, baß Ernst Jura stu
dirt?"
„Ob er ftubirt obtt nicht, ist mir jet
vollkommen gleichgiltig. In preußisc
Staatsdienste tritt et mit meinet Be
willigung nicht."
„Nun, so kommen wir vielleicht zu
einer Einigung! Der Junge hat Lust,
bas Bergfach zu ftubiren
„Was will er mit btm Krim«
kram? Er soll Landwirth werbe»
„Wenn Ihr erster Sohn das GH
Kalenberg übernimmt, so bleibt fül
Ernst nichts übrig."
„Sie wissen besser wie ich, Den«
dorff, daß Kalenberg nicht mir, for
dern meiner Frau, Ihrer Tochter, gj
hört. Bon ihr erbt e« Ernst. Wil
ist nicht mehr Erbe de« Gute«."
(Fortsetzung folgt.)
1
3 a n z s a a
Mr. Barlo» (al« that Mt«.
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