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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, October 05, 1915, Image 7

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Am Kampfe mit
MrsnKttreurs.
(12. Fortsetzung.?
Aber in des Verwachsenen Brust
glomm tin heimliches Feuer die
Liebe zu dem jungen Mädchen, die er
bisher schüchtern verschlossen hatte.
Jetzt schlug sie in jäher Lohe auf, ge
steigert durch das Gefühl der Eifer
sucht verzehrend, ungedämmt, dem
Krüppel alle Besinnung raubend.
Was galt es ihm, daß er für seine
Lästigkeit täglich den Zorn seines
Herrn zu fühlen besam! Stumpf
sinnig und gleichgültig nahm er die
Schläge hin. Während der Körper
lilt, irrten die Augen fieberhaft um
her, nach ihr ausspähend, und kaum
hatte fein Peiniger von ihm abgelas
sen, so lag er schon vor der Kam
mertür auf der Lauer, hinter der
Edma den verhaßten Fremdling
pflegte.
Aus dem blinden Sklaven war
tin gefährlicher Spion geworden, der
jeden Augenblick sann und brütete,
wie er den Nebenbuhler loswürde.
Einmal war ihm der Zufall gün
slig. Die junge Pflegerin hatte den
Kranken während der Mittagszeit
verlassen ... Jetzt oder nie! Schon
battc er seine sehnigen Hände erho
den, den Bewußtlosen zu erdrosseln,
da hörte er die ärgerliche Stimme des
Bauern, der ihn zum Essen rief.
Hei, wie flink tonnte der krumm
beinige Mensch seine Füße bewegen,
um aus der Kammer zu kommen!
Edma fühlte wohl die Verände
rung, die mit Jean vorgegangen.
Sie ahnte, daß er den Offizier
haßte als den Angehörigen einer
feindlichen Macht weiter ging ihr
Denken nicht. Ihre kindliche Seele
halte lein Verständnis für die glü
hende Leidenschaft, die den Knecht
beherrschte.
Gleichwohl konnte sie ein Angstge
fühl nicht loswerden, wenn sie an die
wütenden Blicke dachte, mit denen
Jean ihren Pflegling streifte sie be
mühte sich, gegen den Untergebenen
doppelt freundlich zu fein, um ihn zu
deruhigen, zu besänftigen.
Doch dies Bestreben goß Oel ins
Feuer. Der mißtrauische Krüppel
sah in der Freundlichkeit des Mäd
ditns nur weibliche List, ihre Liebe
zu dem Prussien zu verheimlichen er
verrannte sich immer mehr in den
Wahn, daß mit der Beseitigung des
Rivalen der Weg zu Edmas Herz
frei sei. Der Tor war so von seiner
3 dee erfüllt, daß ihm gar nicht der
Gedanke kam, eine so niederstehende
mißratene Kreatur könne bei einer
Werdung um die frische und hübsche
Bauerntochter unmöglich in Betracht
tommen. ...
Es war an einem hellen Winter
tag, als Edma die ersten Spuren
wiederkehrenden Bewußtseins bei ih
rem Patienten entdeckte.
Langsam und schwer hoben sich die
Lider, verwundert blieb der Blick des
Kranken auf dem Gesicht des Mäd
chens Haften, das an seinem Bette
süß.
Leise faßte dieses die magere, sein
gegliederte Hand zu sänftigendem
Truck und antwortete auf die Fra
gen mit ruhiger Stimme: „Sie sind
bei guten Leuten auf einem Guts
Hof. Wir freuen uns, daß Sie wie
der bei sich sind. EL wird nun rasch
besser werden".
Der sanfte Ton der Stimme, die
Gewißheit, in guter Obhut zu sein,
genügte dem Frager, der nach kurzer
de it wiedo« die Augen schloß, um
in einen gesunden Schlaf zu fallen.
Edma. glücklich über die günstige
Wendung, wollte sofort ihre Mutter
iXiDon unterrichten, vergaß aber nicht,
beim Verlassen des Zimmers die Tür
zu schließen, um jede Störung von
dem Schläfer fernzuhalten.
Hätte das gute Mädchen geahnt,
daß wenige Minuten später der
trumme Spion wie eine Katze nach
der Kammer schlich, sie hätte nich
so heiter ihren Posten verlassen. Für
sie gab es jetzt nur eine Sorge, dem
Kranken nahrhafte Kost zu schaffen,
Iinb bereitwillig machte sich die Frau
des Hauses daran, dem Patienten
eine kräftige Hühnersuppe zu kochen.
Dem Hofbesitzer fiel ein Stein vom
Herzen, als er von der Besserung im
Befinden seines Gastes hörte, lag
dann doch die Aussicht näher, ihn
bald loszuwerden. Denn so men
schensreundlich er war der deut
sche Offizier in seinem Hause bildete
eine beständige Gefahr für ihn und
seine Familie. Bei dem Fanatismus
seiner Landsleute mußte er. wenn der
Fremde entdeckt wurde, des Aergsten
gewärtig sein.
Ja, wenn der Lump, der Jean,
nicht gewesen wäre! Aber dem trau
te er nicht über den Weg. Wie leicht
konnte der zum Verräter werden.
Da galt es aufpassen, und von einer
plötzlichen Eingebung erfaßt, wollte er
selbst nach dem Kranken sehen.
Behäbig kletterte er die steile Stie
ge hinan. Da ist es ihm. als ob je
nianb sich oben zu schaffen mache.
Sein Anrufen findet keine Antwort.
Argwöhnisch späht er nach allen Sei
ten ... die alten Bretter und Die
len knarren, all ob ein Fuß darüber
ginge. ...
Jetzt kommt Leben in den Bauern.
Mit raschen Tritten nimmt er die
letzten Stufen und blickt sich in dem
Dachbodenraum suchend um ... Halt,
"tr* Der Speicherladen
offen. Und jetzt vernimm: sein schar
fes Ohr ein dumpfes Geräusch, wie
von einem fallenden Körper.
Bei der Hast, die ihn vorwärts
treibt, stößt er mit dem Knie heftig
gegen eine Kiste, daß er vor Schmerz
aufschreit und sich einige Minuten
niedersetzen muß. Als er endlich den
Laden erreicht, sieht er wohl in dem
unten liegenden Schnee den Abdruck
eines menschlichen Körpers, aber der,
den er suchte, war feinen Späherau
gen entrückt.
Aergerlich trat er den Rückweg an.
Seine Laune wurde nicht besser, als
er die Tür der Fremdenkammer ver
schlossen fand. So platzte er denn in
die behagliche Ruhe des häuslichen
Herds, wo Mutier und Tochter in
freundlichem Gespräch walteten, mit
seiner Entrüstung derb und plump
hinein.
„Nun sagt. waS sind denn das für
heillose Geschichten? Auf dem Bo
den kraspelt irgendein Frechling her
um, und der Zugang zu unserem
Kranken ist verschlossen!"
.Das hab' ich getan. Vater! Der
Arme soll ungestört bleiben."
„Ja, wer will ihn denn stören?*
„Weißt du, Jean ist so neugierig,
der will überall seine Nase hinein
stecken".
„Daß dich dieser und jener! Also
war'S der damige Kerl, der oben her
umrumorte und, als man ihn über
raschle, auS der Luke sprang. Den
juckt wieder einmal der Buckel. Statt
zu arbeiten, treibt der Faulpelz al
lerlei Dummheiten".
Edma war bei den Worten deS
Vaters zusammengezuckt. Also wie
ter war der Elende hinter dem Offi
zier her! Wie gut, daß sie seiner
Arglist einen Riegel vorgeschoben.
Uber jetzt mußte sie den Gast vor
dem Menschen warnen und ihm die
Möglichkeit geben, sich im Notfall ge
gen einen heimückischen Uebersall zu
wehren.
Vaer Renard hatte sich eine Pfeife
angesteckt und paffte dicke Rauchwol
ten, stets ein Zeichen großer Erregt
heit.
„Der Jean muß mir vom Hofe,
ich mag den Tagedieb nicht mehr se
hen!"
„Aber bedenke doch", fiel die Frau
begütigend ein. „jetzt tin Winter, wo
soll der arme Teufel hin?"
„Ich trau' dem Kerl nicht und halt'
ihn für schlecht genug, den Verräter
zu spielen und uns die Franktireur»
auf den Hals zu hetzen."
„Oh, das wird er nicht tun!"
„Tu kennst den Halunken nicht.
Solltest mal sehen, wie giftige Blicke
er schießt, wenn von dem Kranken
die Rede ist."
„Was sollen wir aber machend
„Sobald der Offizier wieder bei
Kräften ist, muß er aus dem Hause!"
„So schnell wird das nicht gehen."
„Es muß eben! Jeden Tag tön
nen wir französische Soldaten hier
haben. Seit drei Tagen donnert's
und wettert's unheimlich. Bei Or
leans ist wieder eine Schlacht im
Gange."
„Oh dieser unglückselige Krieg!
Wie lange wird es noch dauern!"
„Vor den Deutschen h*b' ich we
niger Angst, als vor unseren Solda
«n. Erfahren sie, daß wir einen
Prussien hier beherbergen, so zünden
sie uns das HauS über dem Kopfe
an."
„Davor wolle unS die heilige Jung
frau bewahren!"
„Also sorgt, daß unS der Offizier
bald verläßt je bälver, desto bes
ser. Du, Edma, kannst ihm diese
Notwendigkeit beibringen."
„Das will ich tun, Vater!"
Als Edma nach einiger Zeit nach
ihrem Pflegling sah, fand sie ihn
wach. Auf seine Frage, wie er hier
her gekommen, gab ihm das Mädchen
genauen Bescheid.
„Und meine Kleider, meine Was
sen wo sind die?" fragte der Of
fizier, sich aufrichtend.
„Sie befinden sich in sicherem Ber
steck im Strohsack. Aber, bitte,
keine Aufregung. daS könnte scha
den."
„Keine Sorge, liebe Kleine! Was
mir schadet, ist die Ruhe, das Nichts
tun. Ich fühle mich munter, ein biß
chen schwach noch im Körper, aber
das wird sich bald geben. Wenn ich
nur erst wieder was Ordentliches im
Leib habe."
„Sie sollen sofort eine Hühner
fuppe haben. Nur einen Augenblick
Geduld."
Während der Dragoner sich wieder
die Kissen legt und seine Blick«,
in dem Gemach umherlaufen läßt,
rennt die besorgte Pflegerin nach der
Küche und nimmt aus den Händen
der erfreuten Mutter das kräftige Ge
richt. Wenige Minuten daraus hat
sie die Genugtuung, ihren Gast mit
der Gier eines ausgehungerten Men
schen auf das Federvieh einhauen zu
sehen.
„Und jetzt noch einen Schluck Ro
ten!" mahnt der mit einem Krug
eintretende Bauer, als er sieht, wie
seiv Gast eben dem Huhn dir letzte
Ehre antut.
„A Ii» vat ra'aieur!" Er gibt
Utrn jungen Mann, dem die warme
und reiche Nahrung die Wangen ge
rötet, ein gefülltes ®la§ und stößt
mit ihm an.
„Ja, Gesundheit, vie tarn ich Sto#
Der St«»t»-«»zeiger. W»«arck. R. dru 5. Oktober.
chen. mein werter Gönner? Nehmen
Sie und Ihre Tochter meinen wärm
sten Dank für Ihre liebenswürdige
Gastfreundschaft. Noch ein paar so
gute Bissen und so feurige Tropfen
und ich kann wieder zu Roß! Aber
wo ist es ßenn, mein treues Tier?"
„Es steht im Stall und läßt sich'»
Futter schmecken. Jetzt sieht'S schon
anders aus, als Vorhy:, Ivo man alle
Rippen zählen konnte."
„Das habt Ihr gut gemacht, wak
lerer Mann!" Und kräftig drückte
der Leutnant die schwielige Äechte des
Bauern. „Wie habt Ihr aber daS
Pferd vor den Luchsaugen Eurer
Landsleute verborgen?"
„Ja, das hat meine Kleine hier
ausgeklügelt. Sobald Gefahr im An
zug, mußte die Stute den warmen
Stall bei meinem Vieh verlassen und
wurde in einem Holzschuppen ver
steckt, wo niemand ein solches Tier
suchte."
Die Augen des Offiziers blitzten
dem jungen Mädchen heißen Dank
entgegen, so daß es sich errötend und
verlegen abwandte.
Als jetzt der Vater die Kammer
verließ und die Tochter ihm folgen
wollte, bannte sie ein bittender Blick
des Patienten auf ihren Platz.
„Wie soll ich Ihnen danken für
all die Liebe und Hingabt, die Sie
mir aus meinem Krankenlager zuteil
werden ließen!" kam es in warmem
Gefühlston von den Lippen des Dra
goners. „Geben Sie mir Ihre Hand
und lassen Sie mich tht den Tribut
tiefster Dankbarkeit zollen!"
Bei diesen Worten drückte er seine
Lippen auf die Hand Edmas, die ver
gebens sich dieser ungewohnten Hui
tigung zu entziehen versuchte.
„Sie dürfen meine Handlung nicht
18 eine gewöhnliche Schmeichelei auf
Ȋffen, sie ist der Ausdruck meines
inneren Gefühls, das in Ihnen meine
Retterin sieht. Sie werden mir, lie
des Fräulein, wie eine lichte, trost
reiche Erscheinung im Gedächtnis
bleiben. Nehmen Sie als Erinne
rung diesen Ring!" Dabei streifte
tt einen Goldreif ab und steckte ihn
dem überraschten Mädchen an den
Finger.
Sie können ihn ruhig nehmen.
Er ist von meiner Schwester, die ihn
mir als Talisman mit ins Feld gab
Aber jetzt sagen Sie mir", fuhr
et in geschickter Ablenkung fort, „wie
sieht es denn mit meiner Verwun
dung?"
„Oh, mit der ist e» nicht schlimm.
Es war zum Glück nur ein Streif
schuß, der außer der starken Erschüt
terung des Kopfes eine blutige Furcht
über dem Ohr zurückließ. Die Wunde
is! säst geheilt, und da Sie wieder
bei Besinnung sind, bedarf es keiner
Umschläge mehr."
„Sie sind ein Engel, haben Sie
mir doch eine Himmelsbotschaft ver
kündet. Nun darf mich nichts mehr
abhalten, so rasch wie möglich meine
Truppe wieder auszusuchen."
„Ein paar Tage werden Sie noch
zugeben müssen, bis Sie wieder bei
Kräften sind."
„Ich fühle mich jetzt schon riesen
stark!" Bei diesen Worten richtete
er sich mit raschem Ruck in die Höhe
Aber dem Willen fehlte die Kraft.
Schwer enttäuscht mußte er sich wie
der auf die Kissen legen.
„Nur noch etwas Geduld. Wir
werden alles tun, um Sie so bald
wie möglich zu Kräften zu bringen.
ES ist höchste Zeit, daß Sie gehen."
Ein dröhnender Donner unterbrach
die Rede.
„Das sind ja Kanonen!" fuhr der
Offizier auf. gespannt auf daS ferne
Rollen horchend.
„Der Vater meint, daß bei Dt»
leans wieder gekämpft wird."
„Da darf ich bei Gott nicht fefr»
len!" Eine fieberhafte Unruhe be
fiel den jungen Kriegsmann das
Mädchen hotte Mühe, ihn zu beruhi
gen.
„Wir wünschen auch, daß Sie, so
bald es geht, dieses HrntS verlassen.
ES beherbergt" diese Worte sprach
sie flüsternd „einen Verräter. Un
ier Knecht, ein fanatischer Preußen
haffer. trachtet nach Ihrem Leben.
Er wird Sie sicher den Franzosen
ausliefern, wenn Sie sich nicht recht
zeitig retten."
„Dann ist es die höchste Zeit für
mich, zu verschwinden!"
„Sie müssen für alle Fälle gerüstet
sein." Sie bückte sich und zog aus
der die Stelle eines Nachttisches ver
tretenden Kiste einen Revolver her
vor. „Hier habe ich Ihre Schieß
waffe bereit gelegt, nehmen Sie sie
zu sich. Sie werden sie brauchen.
Der Jean kommt wieder, vielleicht
in der Nacht. Schlafen Sie jetzt,
damit Sie später wachen können.
Ich werde sorgen, daß Sie Ruhe ha
den."
„Sie sind ebenso klug wie gut.
Edma. Ich irill Ihren Rat befol
gen."
„Auf Wiedersehen!" Noch einen
liebevollen Blick auf ihn heftend, ver
ließ das Mädchen die Kammer.
„Schlafen, schlafen! Die Kleine
hat gut reden. Jetzt, wo sich die Ka
meraden aufs neue mit dem Feind
herumbalgen und der Schlachten
lärm bis hierher dringt, in einem
Augenblick, wo ein schuftiger Kerl
mir nach dem Leben trachtet, wo
feindlich« Abteilungen ihren Weg
hierher find« könne» sich tttftte
•»•ihr-*
und gleichgültig verha'ten. geht über
mein Vermögen."
Unruhig warf sich der Offizier aus
seinem Lager hin und her, a'.leS mög
licht erwägend und tausend '+Uänt
schmiedend. Doch alle, alle mußte
er verwerfen, solange er nicht im
stände war, tills Bett zu verlassen.
Wenn er'6 einmal versuchte! Wenn
er seinen Körper auf die Probe stellte,
tb er dem Willen gehorchte?
Mit plötzlicher Energie ra'fte er
sich in die Höhe. Nun glückte eS
schon besser .... er mußte nur lang
jam und sacht zu Werke geben.
Eine Zeit lang blieb er ruhig auf
recht sitzen, dann streckte er die Beine
iti8 dem Bett und versuchte in die
Hosen zu schlüpfen, was ihm mit
Anstrengung auch gelang. Aber jetzt
war seine Kraft erschöpft, sie reichte
gerade noch Hin, eine wollene Jacke
überzuziehen, dann blieb er rnnft und
cngtgnfsen auf der Bettkante sitzen.
„Also so jämmerlich steht es mit
mir! Es ist geradezu eine Nieder
tracht, daß selbst der entschlossenste
Wille an der Schwäche unseres kran
ken Leibes Schiffbruch leidet. Herr
gott! Wenn ich denke, ich soll die
sein Schuft widerstandslos Überliefert
sein und jedem Franktireur, den man
sonst schlankweg zu Boden reitet ....
es ist zum Rasendwerden!"
Da berührt feine Hand den neben
ihm liegenden Revolver.
„Noch hab' ich dich, du treuer Hel
fer in der Not, du blanke Waffe.
Solange ich dich habe, bin ich nicht
verloren. Wenn nur die Hand fest
genug ist, sie zu führn!"
Ein Klopfen an der Tür unter
bricht feine Betrachtungen. Auf sei
nen Ruf erscheint Edma mit einem
dampfenden specs bestreuten Eierkuchen
und einem Glas Wein.
Was machte die Kleine für Augen,
als sie ihren Gast angekleidet sah.
Ohne lange zu fragen, rückte sie ein
wackliges Tischchen vor ihn, stellte die
Erfrischung darauf und bat, zuzu
greifen.
„Daran soll ei nicht fehlen, beste
i.IIer Pflegerinnen!" rief der Offizier
mit einem Anflug seiner alten Laune.
„Hunger hab' ich wie ein Wolf. Und
dieses Glas auf Ihre Gesundheit,
liebe Edma!"
Das Mädchen freute sich, daß ei
hm so schmeckte. Sie lieh ihm feint
Ruhe, bis tr den Ittzten Bissen, den
lttzttn Tropfen gekostet.
„So, has hat gut getan! Ich fühle
neue Kraft, neues Blut in meinen
Adern. Weiß Gott, die Müdigkeit
ist wie fortgeblasen. Wie toät'l mit
einem Gehversuch?"
Ungestüm richtete et sich auf, daß
Teller und GlaS auf dem Tifchdhen
läpperten.
„Fein fachte, mein Herr!" mahnte
ächelnd die Kleine. „Erst wollen
wir den Tisch beifeite schieben."
Der Dragoner machte stramm ei
t:ige Schritte .... aber nicht mehr
et hatte feine Kraft überschätzt.
Edma war sofort .in feiner Seite
itid stützte den Wankenden.
„Halten Sie sich fest an mir. So
ist's recht. Dann immer einen
Schritt vorwärts, behutsam und ru
hig.... Sehen Sie, nun geht'S schon
besser! 'S ist nur, bis die Glieder
wieder im Gange sind."
Den jungen Offizier durchströmte
tin eigenes Gefühl, als er den war
men Leib des jungen Mädchens an
feiner Seite spürte. Sein Puls ging
schneller, unwillkürlich schmiegte er
s'ch fester an seine Führerin.
Da ist es ihm mit einem Male
als sähe er in das erlöschende Auge
finer anderen, die in seinen Armen
starb! Zornig biß er die Zähne zu*
icmrnen .... Als eben dem Kran
tenlager Entstiegener hatte er am
wenigsten ein Recht, das blühende
frische Leben neben ihm zu begehren.
Et hatte Ernsteres zu tun, Heilige
res. Sein Leben gehörte dem Sa
terland, seinem König. Jetzt war
jeder Zoll an ihm Soldat, und ru
hig und wunschlos ließ sich der Mann
oon dem Mädchen führen, dessen Ju
end und Unschuld wie ein Kleinod
chtend.
Die kurze Bewegung hatte gezeigt.
i,afs der Patient auf dem besten Wege
war, Herr feiner Glieder zu werden.
Doch mahnte ihn Evma aufis neue
dringend zur Ruhe und ging erst
weg, als er ihr unbedingten Gehör
sam gelobt hatte.
Dies wurde ihm nicht schwer. Or
dentlich müde von der ungewohnten
Bewegung, legte er sich in den Klei
dern aufs Bett, um ein wenig zu
tuhen.
Es wurde aber ein regelrechter
schlaf daraus, der twhl noch länget
.ingehalten hätte, wenn der Schläfer
nicht durch das Knattern von Ge
nehrftutr aufgeschreckt worden wäre,
zlbti so schnell, wie er gekommen,
erklang der Lärm.
Der Offizier mußte lange geschla
fett haben ... es war dunkel um
ihn. Er gedachte der Warnung Ed
mas, auf feiner Hut zu fein, und
tastete fich aus dem Bett, nachdem
rr bett Revolver zu sich gesteckt hatte.
Jetzt hieß es wach bleiben. Der
Schleif hatte ihn erfrischt und die
Jtuhe seinem Körper wohl getan.
Der nächtliche Schleicher sollte ihn
ereit finden.
Ei« Gtmde
.rnbeS-ÉlllB tot
tostet
Schlaf Ii*
Ta plötzlich strafft sich iebe Fiter
an ihm .... leiser Schult, kaum
I'örbar. näher, «ch die Tür
geht aus. mit katzenartigem Schlei
chen kommt'S heran eine zu
sammengeduckte Gestalt im spärlichen
Licht einer kleinen Laterne.
Jetzt erhebt der nächtliche Gast
die Laterne und beleuchtet daS Bett
... Maßlose Enttäuschung ra
sende Wut über daS leert Nest prä'
gen sich in dtm Gesicht d?S Geburten
auS .... Sollte ihm die sichere Beute
entkommen fein? .... DaS war
richt möglich. Der «Mann war ja
krank. Also weiter! Er muß it
(,tndiro sttcktn!
Und wie der unheimliche Geselle
in der Kammer umderleuchtet, et»
Vlickj er zu seinem Entfern die Ge
stall des Gesuchten, den Revolver
drohend aus ihn gerichtet.
Jetzt gibt eS nur einS! Er
oder ich! ... Blitzschnell setzt er die
Laterne zu Boden, reißt aus seinem
Gürtel ein langes Messer und stürzt
sich mit vorgeneigtem Kcpf auf den
Verhaßten.
Da blitzt eS dreimal bintereinan»
ter .... Ein Wutschrei, und fchntll
wie ein Gedanke ist der Kerl vet
schwunden....
Die Schüsse hatten die Hautbe^
wohnet alarmiert....
AIs der Bauet, dem Weib und
Tochter folgten, in die Kammer
stürzte, fand et den Offizier am Bo
den liegen. Besorgt btugte et sich zu
ihm nieder.
„Bemühen Sie sich nicht, mein
Ueber Gastwirt!" schallte ihm mun
ter die Stimme des Dragoners ent
gegen. „Ich bin eben daran, einige
dunkle Punkte auf dem Fußboden
ufzuklaren. Und ich habe mich auch
nicht getäuscht eS ist Blut fri
sches Blut. Sehen Sie selbst!"
Damit rückte et die Laterne in
cen Gesichtskreis des Bauern, der
nur bestätigen konnte, was der Leut
i'cittt gesagt.
„Also getroffen!" war fein Ent
scheid.
„Ja, und feste, wenn eS auch dem
Burschen gelang, zu entkommen.
Wahrscheinlich hat die Kugel den
Arm getroffen, sonst läge sein Mord
instrument nicht hier: el ist dem
Verletzten entfallen."
„So wird'S sein. Schade. daß
Sie den Lump nicht besser getroffen.
Der hetzt «tt8 jetzt unsere Soldaten
euf den Hals. Wenn Ihnen Ihr
Leben lieb ist, müssen Sie so schnell
wie möglich davon."
„Ich möchte am Nebsten gleich fort.
Wenn ich mich nur einigermaßen
orientieren könnte!"
„Bis wir alles zu Ihrem Weg
gang gerichtet haben, wird es Tag
sein, und bann werde ich Ihr Führet
sein."
Die beiden Frauen machten sich
sofort daran, dem Gast ein Abschieds
mahl zu richten, und der Bauer be
gab sich zum Stall, um das Pferd zu
füttern und ]u satteln.
Der junge Tag begann schon her
aufzudämmern, als der Offizier mit
feinen Wirten daS Frühstück teilte
und trotz bet frühen Stunde den
wohlangewärmten Rotwein nicht ver
schmähte.
Der junge Tag begann schon her
aufzudämmern, als der Offizier mit
seinen Wirten daS Frühstück teilte
und trotz der frühen Stunde den
wohlangewärmten Rotwein nicht ver
schmähte.
Eben erhob er sich, um reit dem
Glas in der Hand für alle Wohltat
und Liebe, die et genossen, zu dan
ken, da wurden verworrene Stimmen
und Mannertritte laut, und ehe die
Ueberrafchten noch zu einem Ent
schluß kommen konnten, war daS
Haus von einet Schar Bewaffneter
umzingelt, die von einem Offizier zu
Pferd befehligt wurden.
Der Verräter hatte seine Zeit au6»
genützt!.
Jetzt blieb dem Dragoner nichts
Übrig, als Farbe »v bekennen und
sein Leben so teuer wie möglich zu
verkaufen.
Fest und stolz stand bet Deutsche
da. als die Feinde ins Zimmer dran
gen.
Sein furchtloses Auftreten, die ge
bietende Haltung flößten den Franzo
sen Achtung ein. Sie stutzten und
verloren einen Augenblick ihre Sicher
heit.
Es waren reguläre Truppen, ver
mischt mit Franktireurs und bewass
neten Bauern, anscheinend in aller
Eile zusammengetrommelt.
Der Anführer, der die Uniform
eines Kapitäns trug, stach von sei
net Umgebung ab. Eine schlanke,
vornehme Figur mit edel geschnitte
nem Gesicht, daS durch einen trotzi
gen. grausamen Ausdruck verfinstert
wurde. Blitzen gleich flammten die
Augen nach dem Deutschen, bet seinen
Blick ruhig aushielt.
Dieser hatte sich so aufgestellt, baß
er Rückendeckung hatte. Seine Schuß
waste hielt et den Eindringlingen
entgegen.
Unter den letzteren grinste ihn die
triumphierende Fratze des Verräters
an. „Den Schuß sollt Ihre mir de
zahlen!" höhnte der rntt häßlichem
Lachen.
Der Jtcjrfttn «aß »tt ber
èr&wr»
«W*,
(&. VW n
Ihr seid Prussien Offizier,
nicht wahr?"
Euer Spion hat Such gut ge
führt."
Spion? Ein Patriot ist el, der
sein Leben wagt, um Frankreich zu
rächen."
Wenn Frankreich lautet solcher
Patrioten hat. bann ist eS schlecht um
Euch bestellt!"
WaS. Ihr wollt unS noch höh
neu! Hört ihr, Kameraden, den fre
chen Patron!"
Ein wildeS Gemurmel, Waffenge
rafftl und die Ruft: „Nieder mit
ihm!" tiurdtn laut
Sit sehen, Ihr Leben steht in
meiner Hand. Ein Wink von mit,
und die Rasenden stützen sich auf
Sie!"
Da» ist ein echt französische«
Bravourstück hundert gegen ei
nen!"
„Ihr verdient eS nicht besser."
„Von Ihren Soldaten bin ich
nichts andres gewöhnt, aber von
Ihnen, einem Kapitän der franzofi*
schen Armee und, trenn mich nicht
alles täuscht, einein Mann au« gutem
Haufe, l/üttc ich mich eine» andern
versehen."
Der Appell an seine militärische
Eigenschaft, an feine Erziehung blieb
nicht ohne Wirkung.
Sie sind selbst daran schuld, trenn
ich Sie mißachte. Ein preußischer
Offi'itr, der sich in Baueriitleidern
verbirgt, ist verdächtig und muß un
schädlich gcitnicht werden."
Ist Euch ein Verwundeter wirk
lich so gefährlich? Und um ihn ein
zusaugen. braucht Ihr tin folcht»
Aufgebot von Trupptn?"
Aergerlich biß sich der Kapitän auf
bit Lippen.
„Wozu der Wortstreit! Macht die
Sache kurz. Ihr seid mein Gesänge
net! Ihr hört, wie meine Leute un
geduldig werden! Auf die Dauer
tonn ich für nicht» einstehen!"
Der verräterische Jean, dem der
Verlauf der Sache gar nicht zu de
Hägen schien, halte fort und fort auf
die Soldaten eingeredet und nament»
lich die Franktireurs aufzureizen ge»
wußt, daß deren Haltung immer dro
hender wurde.
„Ergebt Euch!" 81 bleibt Euch
nichts andres übrig!1,
„Und wer verbürgt mir Sicherheit
und Achtung meiner Person?"
„Ich!" ties der Kapitän mit er
hobener Stimme. „Baron v. Ver«
bignac, Führer dieser tapferen Män
ner!"
„Wie? Verbignac? Ihr. der frü
here Freischnrenhijuptling!"
„Was ist das? Ihr kennt mich!
Tausend Donnet, so seid Ihr einet
der Dragoner von Arcane und
Reims!" zischle der Kapitän.
„Oberleutnant Graf Eberstein von
der Eskadron Werner zu dienen!"
„Zurück!" rief Ebetstein mit bon»
nernder Stimme. .Wer mich an»
tastet, ist des TodtS!" Und dtoheflto
richtete er den Lauf feine! RevolvttO
auf die Feinde.
„Gottes Tod!" schrie ber Kap?«
tan wütend. „Seid ihr Männer?
Ein ganzer Hausen und fürchtet fich
vor einem armseligen Menschen!
9ttnn eS der Prussien nicht anders
will, so gebt ihm nie blaue Bohne!"
Die Flintenläuft hoben sich, doch
ehe sie zum Feuern kamen, knallte el
in ununterbrochener Reihe aus deß
Deutschen Revolver, und daß tr ae
troffen hattt, bewiesen die Leute, die
zu Boden stürben.
Seine Munition war verschoss«»
In der Verzweiflung raffte et das
Gewehr eine» gefallenen Soldatm
auf und drang damit auf den Ks
pitän ein.
Aber kaum hatte er einige Baj»
nettstöße ausgeführt, fühlte et voll
Schauder eine lähmende Schwäche
seinen Körper überziehen. M»
dunkler Schatten legte sich auf sei«
Augen, ohnmächtig sank et zu 8ün
den.
Den aufregenden Vorgängen b||
Nacht, den körperlichen Anstrengun
gen war der durch das Krankenlager
geschwächte Körper noch nicht ge»
wachsen er brach zusammen uab
wie eine Meute wütender ft lässet
stürzten sich die Soldaten auf den
Wehrlosen.
Da schmettert'» hell von ferne.
Trompetensignale. die Erde zit»
tert unter den Hufen htrnnjagenblt
Rosse Gewehrgeknatter.
Hurrarufe Wutschreie Alles
wirr durcheinander. Dann köpf
lose Flucht der im Hos ausgestellt^
Franzosen.
Der Lärm, vermischt mit den
zweifelten Rufen: „RouS fomr
perdus fauve qui peut!" belehrt»
den Kapitän, daß sein Triumph vet
»rüh' war.
Jetzt faß tt mit feinen Leuten
der Falle, denn schon stürmte 1$
wuchtig die Treppe herauf
(Fortsetzung folgt)
u o i e e E W
Soldat: „Dort hinter dem Seiche*
scheint der Feind zu stecken."
Zweiter Soldat: „Dann woQfi
wir ihn euch dort gleich verhauey»?
JUchtet
(um
ffoteftagteti): „Wie
ssSeszus
I «mim Ii

(ÄttegStomon von Adolf @fo#t«L)
E z s e n z e i n u n

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