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Der Staats=Anzeiger. (Rugby, N.D.) 1906-current, December 07, 1915, Image 2

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sHmnbnrger ^rcmbcnbsatt)
Das neue Mitteleuropa
Ban Friedrich Wi'inljmisi'u,
Mitglied des Reid)stags und des
Prcuh-!cl)0tt Abgeordnetenhauses
Ein neuer Kriegsschanplatz hat sich
de» deutschen Truppen eröffnet.
Deutsche und österreichisch-ungarische
ctanoneit haben Belgrad bezivimgen
und donnern vor Serbiens Helsen
torcn. Ter gesamte Balkan ist dar
über erweicht und neigt sich den ver^
bündeteii Mittl'linächten yi. In ilou
ftaiitiiiiUH'l sas'.te der timnmmmr'i
dent Halil Bei bei seiner Eröffnung
der neuen Tagung unter dein Jubel
der Volksvertretung die Bedeutung
'der ncii'?[i Wendung in den Ausruf
zusammen: „Das wichtigste Ergebnis
dieses Krieges wird sein, das von der
Nordsee bis vi
in Indischen Czear
eine m'ichtige Gruppe geschaffen
wird, die sich ewig gegen den engli
scheu Eigennutz halten wird und ge
gen den russischen Ehrgeiz, die frmv
zösische Revanche und den italieni
schen Verrat/' Und in der Tat,- wo
immer in der Welt die neue Ansge
staltnng des europäischen Kriege-? mit
Verständnis miterlebt wird, da rich
ten sich die Augen aus dieses gewalti
flc ^iel. auf den zusammenwachsen
den Niesenkörper der drei grossen
AbN'ehriNtichte und aus seine kiiinti
gen Entwicklungsmöglichkeiten.
Es ist gut. das schon heute alle
Gedanken auf dieses erhebende fried
Ii che Zukunftsbild gerichtet sind. Wer
weife, ob unsere Seelen nach dein
Kriege noch so empfänglich sind für
das Werden nnd Wachsen de* weit
geschichtlich Neuen, da* sich jetzt mi
bahnt, wer wein, ob unser Wehausen
flng titer die .iuknnftsaiifgabeu mi
seres BaterlandM dann noch so hoch
tragend ist, das er uns über die zahl
losen praktischen Schwierigkeiten hin
wegträgt, die sich der Verwirklichung
zweifellos entgegenstellen werden. Es
ist darum nötig, da* neue (Gebilde
frühzeitig und gründlich durchbilden
feit, weil seine Hauptträger, die Sie
ger tum beute, morgen bei den ^rie
densverhandliingen genau wissen
müssen, was sie wollen. Nicht nur
geschlagene, sondern auch verschlagene
Gegner werden ilmeit dann gegen
übersitzen nnd mit Liften zu errei
chen suchen, was ibr Schwert nicht
vermochte: Zersplitterung, Schwä
chung der im Kriege siegreich Berbiiii
deten. Dem inus', rechtzeitig vorgear
beitet werden. Ein zweiter Wiener
Kongreß darf unter keinen Umstän
den wiederkehren.
Zum Wliicf mehren sich in allen
beteiligten Ländern die Kräfte, die
diese wichtige Borarbeit ernsthaft an
fassen. Cime die Mrieg'vzieie im ein
Seilten zu bebandeln. die noch vom
A110gaiig mancher kriegeriichen Un
ternehiunng abhängig sind, erörtern
sie doch fleinig den wichtige» allge
meinen 'bedanken einer gefestigten,
dauernden .'iufaniiuenschweis'.iing der
Siegesgenossen zu einer frieden*
gemeinscha't von weltgeschichtlicher
Bedeutung. Bor allem wird diesseits
und jenseits i-ev Erzgebirges in den
beiden befreundeten Kaiserreichen
lebhast die ^Notwendigkeit einer citgu
reii t^emei Ii schart nach dein Kriege
anerkannt m:d gefordert. ..Ich hat
*c*" erklärte litr.zlich der österreichisch
ungarische Kriegsniiiiifier von Kro
batin einen, deutschen Zeitiingsver
tteter, „Gelegenheit, mich in weite»
Kreisen der Bevölkerung in unsere»'
Paterlande davon zu überzeugen,
das der Vimd der Zentral mächte vo»
den Bürgern gewollt, als ,'elbsiver
stäntilidi betrachtet, für immer ge
wünscht mird" l^enau dasselbe toiir
de zweifellos der reu Nische Mricgs.
minister antworten, wenn ihn ein
österreichisch ungarischer Zeitnngs
mann in gleicher Weise ausfragen
wollte. Tie öffentliche Meinung'in
aincheineiid hübe» wie drüben bereits
ans biW.,1 Wege, vo» kühler Znri:ck
Haltung äber nüchternes Erwägen zn
warmherziger A'i'itorheit an dem gro
szen Znk.iuftsgedaiiken des neuen
Mitteleuropas forigeidiritteii. Dabei
gilt ihr nls selbstverständlich, daß ein
enggeeintes Teutschland Oesterreich
Ungarn der feste Kern und Stern
des neuen mächtigen Gebildes sein
müßte.
In dieser erfreulichen Entwicklung
wird ein soeben neu erschienenes
Bnch des Neichstagsabgeordneten
Friedrich Naiimaiin «Mitteleuropa.
Verlag Reimer, Berlin 191."))
fördernd und vorwärtsdrängend ein
greisen. wenn es zunächst auch bei
uns wie bei unseren Verbündeten
noch manchen Widerspruch in Einzel
Helten erfahren dürfte. Wie alle
Schriften Naiiinanns. ist auch dieier
neueste, fSOO Seiten starke Band au
gefüllt mit einer überraschenden
Reichhaltigkeit neuer Weiichtvpnnfti\
getragen von umfangreichen Kennt
nisseil illtd Vorarbeiten, geichrieben
in einer einzigartigen, bilderreiche»
Ausdrucksweise, die zwifche» hoher
Wisseii'chastlichkeit und volkstümlich
ster Aiischauilchkeit, zwischen nüchter
tier Abwägung und hinreißendem
Schwung häufig wechselt, durchglüht
von dem ^energeift des Patrioten,
der alle ''eine reichen Gaben und
Kräfte jeUt rastlos in den Dienst die
ser nach seiner Meinung wichtigste»
aller Zukunftsaufgaben Neutvi-vch.
lands stellt.
A»cfi Ncmmaiin neckt, wie alle, die
sich je mit dem kommenden Mittel»
enropa mn'thart beschäftigt ^Haben,
die (Frenzen recht weit: alle Staaten
soll es umfassen, die weder zum eng
lisch französischen Weflbiinde gebo
ren. noch zum russischen Reich, das
weite Gebiet, das von Nord- und
Ostsee bis zu den Alpen, dem Adria
tischen Meere und dem Südrande
der Tardanellen reicht alles, was
zwischen Weichsel und Vogefen, zwi
schen lhali.zieii und Bodensee ^lagert.
Vielleicht würden andere die Seile»
grenzen des gewaltigen langen Strei
sens noch mehr nach Osten und We
sten rücken mögen, doch Einzelheiten
bleiben mit Recht jetzt noch außerhalb
der öffentlichen Erörterung. Tas
Hauptgewicht legt Naumann dagegen
sehr richtigerweise ans die Kernbli
dung, aus deu engeren Znsanimen
fchlnß des Teutschen Reiches mit der
öfierreichi'ch ungarischen ToPpelmo
narchie. Alle weiteren Pläne über
mitteleuropäische Bölkerverbindun
gen hängen ja davon ab, ob es ge
lingt, zuerst die zwei Zentralstaaten
selber zusammenzufassen. Taf an*
mir dieses nicht leicht sein wird, weis
jeder, der sich mit den fragen schon
einmal eingehender besas hat. Nau
manns Buch ist voll von diesen
Schwierigkeiten. Ob er die Verschie
denheit der StaatSge'chichte beider
Reiche, ihrer kapitalistischen Entwick
lung und ihres Lebensihnthiniis auf
zeigt oder die Vorgeschichte Mittel
europas ins Gedächtnis zurückruft,
ob er ausführlich über Konfessionen
und Nationalitäten schreibt oder über
wirtschaftliche Interessen. Zollfragen
und Weltwirtschaftsprobleme, über
künftige Kilianzverhältnisse oder über
kniffliche Verfafsnngssragen: iinmet
ergeben sich zahllose Schwierigkeiten
für ein engeres Ziisaiiiiiieinvirken bei
der Kaiserreiche nach dein Kriege. Mit
heilsamer Onenheit hebt sie Nau
mann alle hervor, ob sie bei uns oder
in Oesterreich oder in Ungarn aus
treten mögen. Aber in seinem He
loldseifer für die gros e Neugestal
tung vermag ihn das nicht im gering
'ten zn beirre». Teint unverrückbar
steht für ihn wie für iiitS alle die Er
fahrung dieses Weltkrieges feit, das
jetzt und in alle Zukunft kleine und
mittlere Mächte keine eigene, gros e
Politik .»ehr machen können. „Nur
ganz grosze Staaten haben noch etwas
Eigenes ui bedeuten, alle kleineren
leben von der Ausnutzung des Strei
tes der soften oder müssen sich Er
laubnis holen, wenn sie eine iinge
wohnte Bewegung machen wollen.
Ten Geist des Großbetriebes und der
überstaatlichen Organisation hat die
Politik ''viaitf." In der heraufzieh
enden htefchirtitspcriode der Staaten
verbände und Massenstaaten hält
Preußen und Teutschland, hält
Oesterreich und Ungarn für sich keiner.
Weltkrieg mehr aus. Wer uiiverbüii
det ist, i't isoliert, wer isoliert ist, ist
gefährdet. Tamm ist die Vorarbeit
für einen engeren Zwei bim und für
ein wachsendes neues Mitteleuropa
keine Phantasterei, auch keine interes
sante Studie, sondern eine zwingende
Notwendigkeit. Und weil Mittel
enropa eine zwingende Notwendig
t'eit in. darum wird es kommen, allen
Schwierigkeiten zum Trotz. AnS die
ien Gedankengängen heraus bleibt
Naumann bei klarster Erkenntnis ol
[er Schwierigkeiten doch der zither
tichtsidme Künder der neuen Völker
grnvpierung. die er kühlt mit den
drei großen Weltreichen der Gegen
wm't.
-Iiit
Amerika, England nnd
Rußland, in Vergleich stellt.
Ans den Inhalt der Haupt5apitel
de* Naumanu'chen Buches hier auch
nur simimarifch einzugehen, würde
es an Raum mangeln, ist auch nicht
die Absicht. Es genügt, die Gesamt
idee und die Arbeitsweise von „Mit
telenropa" gekennzeichnet zn haben
Nur das Buch selbst vermag dem Le
'£r die ^iillc der (bedanken, die
schwere nnd zugleich Die (^röße des
Problems, die Notwendigkeit seiner
alsbaldigen Bearbeitung überzen
gend nahezubringen. Vielleicht. das
islnit sehr viele mit Naumann aus
rufen: „Tie Willenskräfte der Na
tioneu und Staaten Mitteln,ropis
ui politischen Wirkung zusammenzn
mite», zu einem Heer nnd einer
Irart iiitd einem geschichtlichen staut
Iifhen v. rgaiuviiiiis es ist etwas
mit Ueberiueitichlidics und dabeiHerr.
,n.t'ii
sie
Üir Staatsgestal
die Volker,eele in sich tragen. ii
,^r Geht der Geschichte die
UVdrnife» lenkt. Wer sich an dieses
^erk lie-anmachen will, darf nicht
nnlirfi tetn in Wille. Herrschaft.
Gute und Geduld, ftür dieses Werk
aber wolle» wir aus alle» Teilen
Mittele»'-opas innere beüen Männer
l'nd Ivranen rufen, oder, besser ge
Iststt. nur wollen ihnen den Rnf'ii
r,5irC-
?°vC"'
rcn
ilic
•iA f,n,rt 'w
Vorsehung
ncac 011
alle
iiaiUt: Verdet einig! Bleibt eimt
nach so viel Vlnt!"
611118
(Aus Hamb. Ai'eiiideiihlatt vom
Oktober)
10
^ic rnssischc« Zlüchtlinnsmassr,,
'vMi Wolfgang Sorge
In dieserWoche hat man in
bürg Sammeltage für die
chen jVliichtliinismafvi!
und man hat sehr an den
Peters*
uitaliicf st
altet
Sergnii-
herauf
Der Staats-Auzeiger, Vismarck, N. D., Dienstag, bts 7. Dezember
gnngsfinn der Petersburger appel
iieri, damit sie für die Unglücklichsten
der Nation etwas geben. Vier Tage
lang zogen geputzte Tanten und ele
gante Herren mit großen Sammel
biichfen durch die Straßen. Tie An
fahrten waren geschmückt', an allen
Straßenecken waren Tische ausge
stellt, aus denen neben den Sammel
büchsen auch eine unaufhörlich sich
drehende Tombola stand, für diejeni
gen bestimmt, die nichts ohne Ge
wii'.naussichten geben wollten. In
dem großen Ease auf dein Wafiilafi«
Ostroff mar sehr viel Publikum, in
dem Magazin Schröder, dem Sam
melvnnkt am Newski Prospekt, tret
fen sich
-Schauspieler nnd ihr
zahlreicher Anhang. Tie Höhe der
Wohltätigkeit konnten die Abend- u.
Nachtstunden ausweisen die Nestau
rants, die bis "2 Uhr nachts offen sein
dürfen, hatten schon mehrere Tage
vo-'her alle Plätze ausverkauft. Im
Hotel Anorm mar von abends um
s» Uhr an ein Marionettentheater, in
dem Szenen aus dem ^lüchtlingsle
ben dargestellt wurden. Auch die
Theater hatten sich des aktuellen
Themas angenommen und beschlos
sen, den vollen Gewinn oder einen
Teil zn spenden. Tas Musikdrania
hatte sich für sein Stück die Künstler
vom Kaiserlichen Ballett verpflichtet,
nnd das Operettentheater, das erst
am zweiten Tage mit der Wohltätig
feit begann, soll ein besonders drolli
ges Stück gebrackit haben. Tes abends
war es auch in den Straßen wie aus
der Bühne. Unzählige Menschen lie
sen in Kostümen umher, historischen
nnd unhistorischen, kriegerischen und
unkriegerischen, viele appellierten,
als ^lüditlinge verkleidet, mit ihren
Samine!biichfen an die allgemeine
Wohltätigkeit, andere verkauften für
r() Ruhel die kleine Wohltätigleits
erinnernngsinedaille, auf der eine
(Gruppe Flüchtlinge mit dem Peters
burger Stadtwappen dargestellt ist.
'Am zweiten Tage begann man
auch Kleidungsstücke, Pelze und Hüte
für die heimatlosen Unglückliche» zn
Himmeln, mid das heitere Straßen
bild wurde immer jahrmarktmäßiger.
Automobile sichren in die Höfe der
Häuser, und nach kurzem Tromve
tenfoiizcrt kanten die Mieter mit sehr
alten und iebr abgetragenen Klei
dein herunter: ans den Fenstern wur
den schlechtes Pelzwerk und zerrissene
Hüte geworfen, die man ach so gern
für jene hingab, die durch eine nn
gl»etliche Vnnnc des russischen Schick
sals für einige Zeit die Hemtai ver
loren halten. Tic Wohltätigkeil mit
allen Kleidungsstücke» war so unge
mein helnsiigend. daß man am drit
teft Tage 'te auch denen ziffominei!
lassen wollte, die nichts in den Klei
derschränken hatten, was schlecht ge
nng war. An der Admiralität waren
ungeheure Tische mit alten Klei
dungsstücken für jene ausgestellt, die
ihre Barmherzigkeit in Waren betäti
get: wollten, und als um die neunte
Stunde tie zahlreichen wohltätigen
Vergnügungen begannen, sah man
mit lleherrmdmitg, wie viele von den
feiernden Barmherzigen sich als be
lli fugendes Kostüm jene abgerissenen
Kleider gewählt hatte», die nachher
3" dem edle» Werk der Menicheugüte
i'eovfert werden sollten.
iks ist nicht gesagt, wie diese
efiumtimg des Wohltätigkeitsran
sdjes ans die unglücklichen ^lüchtlin
ge gewirkt hat, die sich zu Hundert
laufenden in der Stadt befanden,
niii) an die man ausschließlich zu den
ken pflegte. wenn man sich in dieser
ernsten Zeit rauschenden Vergiiiigun
fieit hingab. Tie unternehmuiigstiich
tigen Veranstalter, die seit einem
Jahre die Petersburger Gesellschaft
fi*r die verlorenen Sommer- und
Winterve'giiügiingen zu entfd'ädigen
suchen, hatten mit Vorbedacht jenes
aktuell^ Objekt gewähtt das Reichs
und Stadtdiiinen, Seiiistwo- und
-tädteve'bände seit mehreren Mona
ten zur Ausbietung eines fast über
menschlichen Scharfsinns nötigte
Man kann wohl einige Gründe dage
iieit ins a cid führen, daß gerade hier
die öffentliche Vcrgiiügnngssudit ge
macht wurde, da ans den vielen ern
ilcn Beratungen immer wieder be
tont ist, daß die eigentliche Flücht
lings not nicht in den heilbaren Ver
iiiögeiisv. rlnsten und den vorüber
stehenden Strapazen besteht, sondern
in der P!Oci'osogifchen Testniktion.
die die Schrecknisse des modernen
Krieges auf diese Menschen ausübt,
die seilten Mnl nnd seine Arbeit nicht
leimen. Tenn darin liegt ja die ver
brecherische Leichtfertigkeit, deren fid:
die russischen Machthaber der Per
gangenh'it schuldig machten, daß sie
»t der erzwungenen Aussiedelung
ein Millionenvolk auf den Weg des
ioziaseu Abfliege? gedrängt Haben,
auf dem es kein Umkehren gibt. Und
das ist das traurigste Ende der sehr
itaiirigen Geidiichtc von der riiffi*
scheu Massen flucht, daß man arbeit
saute Mensche» auch über die Schreck
nif'e des Krieges Hinaus zu Parasi
ten der Ge'ellfdmft gemacht Hat.
?ll§ plötzlich das „fkpthischc Kriegs
gl''chrci" mit der Parole 1812 ein
^nnibcil für alle echten Söhne Ruß
lands wurde, »ahm sich der Gedanke
ver Maskenflucht als für den ^cino
lehr gefährlich, iiir das Heilige Nuß
land dagegen äußerst harmlos und
lelbitvernäiidlich ans. Wer die Flucht
aus den kriegSbedrobteu Ortschaften
yredugte, wer zum mitleidslosen Ver­
nichten des zurückgelassenen Hab und
Guts anfeuerte, galt als der beste
Patriot. Tamals hat Rußland nur
wenige Männer auf der äußersten
sinken gehabt, die ihre warnende
stimme erhoben und nicht vor dcir
Hinweis scheuten, daß Rußland im
mer Männer besessen habe, die. in
dem sie das Land retten wollten, zer
setzende Arbeit leisteten. Aber selbst
so besonnene Männer, wie der ^iirft
Lwow, haben damals das Heer der
Aliichtliiige mit dem Heer der Solda
ten im Schützengraben vergliriicn, n.
heben die Opfer auf dem Altar des
Vaterlandes gerühmt.
Als jedoch die russischen Patrioten
aufhörten, in der Alüchtlingsfrage
bloße Theoretiker zu sein, als die
Evakuation bereits die Teile Ruß
lands ergriff, die zu dem Kern deu
Hauptstädten kamen, die das ganze
Elend der beraubten Bevölkerung mit
angesehen batten, trat die Beurtei
lung der iyliichtliiigsfrcigc in ein
neues Stadium: Man wurde barm
herzig nnd meinte, daß die zwangs
weise Aussiedlung der Bevölkerung
mit Riickjidit auf deren schwere wirt
schaftliche Opfer zu wählen fei. Ta
inals winde das jyliichtliiigsclenö he
reito zu einem Gegenstande der öf
fentiicheit Tisfuifion die erste Mos
kauer Beratung iiher die Flüchtlings
frage bradite die Resolution gegen
die Zwangsaussiedlung ein und im
terbreitete sie dem Ministerium. An?
diesen Moskauer Beratungen und in
den späteren Tagungen der Reichs
diiuia kamen zum ersten Male die
furchtbaren Leiden der ausgesiedelten
Bevölkerung zur Sprache, und niai'
erfuhr jetzt verschiedene Einzelheiten
Sehr traurig ist das Schicksal der
polnischen und ruthenifchen Bauern,
die bei der Räumung Galiziens ver
schleppt worden sind. Sie waren
vier Monate unterwegs und haben
den ganzen Weg von Lemberg na vi
Kiew zu jviiß zurückgelegt, und ihre
armselige Habe mit ein paar geret
teten Pferden weggeschafft. In den
Kirchdörfern niiterwegs blieben sie
bettelnd ein bis zwei Tage liegen, bis
man sie wegschickte, weil eine neue
^lüchtlingswoge die Gegend über
schwemmte. Krankheiten dezimierten
die fliehenden Massen. Pferde und
Kühe sind unterwegs gefallen, und
Hab und Gut mußten an Aufkäufer
verschleudert werden. Wer noch ei»
Pferd übrigbehielt, zog oft nicht nur
seine eigenen Habseligkeiten, sondern
audi noch de it kostbarsten Besitz seines
Nachbars. Tie Geschichten von dem
entsetzlichen Los der kleinen Kinder
die den anstrengenden Marschen nicht
gewachsen waren und von ihren ii:
allen Leiden verrohten Eltern hil'lov
zurückgelassen wurden, erinnern an
das graue Mittelalter.
Tie Alüchtlingswoge brandete int
mer tiefer in die östlichen Gegenden
des Reiches, in den Hauptstädten er
schienen die Aliichtlingsfulircn ans
Riga.^Ein trauriges Bild bot solch
eine sichre aus den baltischen Pro
mnzeit: voran ging der Hausvater
neben dem Pferde, das den Wage»
zog. es folgte der Schwiegersohn mit
der Hausfrau, und ganz zuletzt gin
gen die Töchter in leichten Kleidern
mit Kornblumen, die sie unterwegs
gepflückt hatten. So gehen sie fdum
sechs Wochen, und die Töchter mit
den Kornblumen behalten immer
noch den Lebensmut. „Wo wollt ihr
hilt?"—„Wir wollen versuchen, uns
bei Verwandten anzusiedeln." Mehr
und mehr Fuhrwerke mit jXiichtlii:
gen fahren in die Stadt ein die
Menschen ans den Grenzbezirken lau
sen, Verwandte suchend, die längs'
vergessen sind, durch die Stadt, fi.
suchen in den Hinterhäusern emit
tier und erzählen, nur allzu geidmni
Vig, von den Leiden, die sie dnrckige
macht haben Wie im grauen.Alter
tun, laufen wieder Gerüchte durch
die Stadt von dem furchtbaren «vein
de und von den Schrecknissen und
Grausamkeiten des Lebens, nnd
durch die Fenster rufen sich die Nad,
barinnen die Weissagungen der lei
denden Flüchtlinge zu, daß die im
endliche Heeresmasse des Heindes
dicht hinter ihnen heranwoge: und
was die ungezügelte Phantasie der
Hungernden Menschen erfand, wird
unter der Überzeugungskraft, die
vom Anblick des Elends ausgeht, nur
allzu gläubig Hingenommen. Tie
grauen üeheu auf dem Hofe imd Hiiii
gen Wäsche auf. Eine verhungerte
lettische "rau steht, die Arme in die
Hüften gestützt, unter ihnen, und
schimpft auf die Teutschen, die nur
daran gedacht haben, Kanonen zi
bauen. Und woran haben wir ge
dacht?" höhnt eine Aste. Tie Män
ner stecken ihre Köpfe ans den ^vn
stern und rufen: „Ach, Weiber, Wei
der." Und dabei fangen sie selbst an
zu politisieren.
_ie zum Proletariat gewordene
flüchtende Intelligenz treibt die glei
che Aufklärungsarbeit im siierari
scheu Gemeinde. Ta leben in Moskau
Hunderte von polnischen Sckiauspie
lern, die brotlos find, weil es in Ruß
land kein polnisches Theater mehr
gibt, die die Theateragenten überlau
sen, und zuletzt in ihrem schlechten
Russisch Sensationsvorträge über
ihre abenteuerliche flucht halten.
Es gehörte kein besonderer poli
ii
scher Scharfsinn dazu, um den bö
sen Rechenfehler, der der Evakuation
(Fortsetzung auf Seite 3)
Wir
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Jeder Leser in (Sattaba, oder Jeder der Leser werden will, der
&öt etaats-Anzeiger (Preis nach Canada $3 aufs Jahr) auf ein
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schickt, erhält dieses Buch postfrei zugesandt.
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Anzeiger (Preis $3.ö0) auf ein Jahr und $1.85 dazu—im Ganzen
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Der Staats-Anzeiger,
5
I
dieses Buch jedem Leser::
im Inlands, der seine Zeitung ein Jahr vorauszahlt, und uns zwei
neue vorauszahlende Leser (im Ganzen also $7.50) einsendet. Dazu
schenken wir jedem der beiden neuen Leser eilten prachtvollen Kalen
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Man schreibe deutlich alle Namen und Adressen. Geldsendungen
sind am sichersten durch Postanweisungen (Postal Money Order) zu
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Bismarck,N.D.

^SELL'S
new
German

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