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Ohio. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1873-1874, January 28, 1874, Image 2

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s. Die Obio.
Der weife Alcuin,
Historisches Gemälde aus dem 8. Jahrh.
Im 8. Jahrhundert nach Christi Geburt
lebte ein Gelehrter, der, wie man öfters
lesen kann, das Wissen und die Kenntnisse
seiner ganzen Zeit gleichsam in sich auf
genommen hatte, ja der noch viel mehr
wußte als Alle, mit denen er zugleich lebte.
So außerordentlich muß man sich seine
Weisheit nun wohl allerdings nicht vor
stellen. Mag Jemand auch noch so gelehrt
sein und sich mit allen Zweigen des Wis
sens beschäftigt haben, so bleibt er doch
stets ein Einzelner und wird eben deshalb
in dem oder jenem Zweige der Kunst und
Wissenschaft dem oder jenem Manne nach
stehen, welcher sich nur wieder mit diesem
vertraut zumachen suchte.Nichtsdestoweni
ger erregte aber doch Alcuin die Bewun
derung seiner Zeitgenossen und kann noch
auf den Dank unserer Zeit Anspruch
machen es lag ihm nicht bloS daran, mit
seinen Kenntnissen zu glänzen, sondern sie
auch, so viel er vermochte,allgemein zu ver
breiten. Er war ein Engländer, um das
Jahr '735 in Pork geboren. England hat
te sich damals einer Cultur'und geistigen
Bildung zu erfreuen, wie sie im übrigen
Europa fast gänzlich unbekannt war. In
der Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr.
in den Besitz der Angeln und Sachsen ge
kommen, hatten die Keime, welche die
Römer vorher legten, durch die Einfüh
rung des Christenthums, begünstigt durch
Ruhe und Frieden, trefflichen Boden zu
serner ($mttoicfelung gefunden. Hier wußte
man, vom Meere geschützt, nichts von den
Verheerungen, welche die Völkerwande
rung in Speien, Gallien, Italien und
Deutschland' zur unausbleiblichen Folge
hatte, wohl aber erblühten die Städte und
in ihnen gab es tüchtige Lehranstalten,
wie man sie sich damals nur denken konnte,
und in der Schule zu Vork z. B. las man
selbst die Schriften des weisen Aristoteles,
um wie viel mehr aberlehrte man Sprach
künde Beredsamkeit, Dichtkunst Astrno
mie, Naturgeschichte kurz, was nur da
mals bereits den Forscher anziehen konnte,
und ein fleißiger, denkender, talentvoller
Mann wie Alcuin hatte also auch Gele
genheit, einen tüchtigen Grund zu legen.
Hiermit nicht zufrieden, sah er sich auch
in der Welt um und kam nach mehr als
einer solchen Reise nach Italien, wo er
Karl dem Großen vorgestellt wurde,
dem mächtigen Herscher von Frankreich,
Deutschland und Italien, der jedoch zu
p/leich ein eifriges Bestreben hatte, alle
seine Völker geistig zu bilden und zu ver
sdeln, sowie deshalb gelehrte Männer an
seinen Hos zu ziehen. Und so ließ er nicht
nach, auch diesen Weisen, dessen Ruf ihm
schon bekannt fein mochte, zu bestürmen,
9)ovk mit dem Aufenthalte an seinem
5ofe zn vertauschen in der That war er
nun von 780 an die rechte Hand des Kai
sers, sein erster Rathgeber in Allem, was
der Kaiser zur Bildung der Völker nur
immer beabsichtigte. Man könnte ihn
den ersten Schul- und Kirchenrath oder
Kultusminister nennen, den es in Europa
gegeben hat. Der Kaiser hätte keinen bes
sern Mann finden können. Alcuin sorgte
zuerst für die Pflanzstätten der Bildung,
für gute Schulen, wenn auch nur für ge
lehrte, wie sie sich in Klöstern darstellen
ließen, und dann für gute Bücher. Wir
verdanken ihm in der Art noch heute sehr
viel. Er gab allen Klöstern auf, alte, so
wohl geistliche wie weltliche Schriftsteller
sauber und richtig abzuschreiben. Wer sich
barin auszeichnete, konnte am sichersten
zu Ehren und Würden gelangen. Jedes
Kloster suchte es deshalb dem andern dar
in vorzuthun, und das eine, worin die
Mönche Avon und Harduin waren die
Abtei Fontanelle genannt, sowie das
Moster zu Rheims und K'orvei machte sich
dadurch für lange Zeit berühmt. Ein«
große Menge Handschriften stammen aus
jener Zeit. Alcuin selbst legte Hand an
er gab erst gleichsam, die Probeschriften,
d. h. den von ihm selbst sorgfältig revi
dirten und verbesserten hebräischen, grie
chischen oder lateinischen Text. Genannt
wird in solcher- Art v'örzugsweisr außer
der Bibel auch der Terenz. Aus den mit
den Klöstern verbundenen Schulen sah
er zu seiner Freude viele große Gelehrte
hervorgehen und manche solcher Anstalten
wurden allgemein gepriesen, z. B. die in
Fulda und Reichenau am Bodensee.
Wenn der Kaiser in's Feld zog, blieb
Alcuin allerdings öfters daheim, mit sol
chen Arbeiten beschäftigt allein dann
ging zwischen ihm und seinem Herrn»ein
lebhafter Gedankenaustausch mittelst
eines Briefwechsels fort. Man hat wohl
noch 30 Briefe, die er an den Kaiser
schrieb, und immer erscheint er darin als
ein edler Mann. Bald empfiehlt er dar
in dem Kaiser, Gnade und Milde gegen
die Besiegten zu üben, z. B. gegen die
Hunnen oder Sachsen, bald beantwortet
er Fragen des wißbegierigen Kaisers über
den Lauf der Gestirne oder erklärt ihm
schwierige Stellen der Bibel, und alles
dies war gewiß keine leichte Aufgabe
denn Karl der Große war in Fragen un
ermüdlich, weil er am besten fühlte, wie
wenig er wußte, und die Antwort sollte
auch ebenso schnell dasein wie seine Frage.
Als daher die Bürde der Jahre auf Al
cum schwer zu lasten begann, suchte er
sich von seiner zwar ehrenden, aber auch
drückenden Stellung loszumachen und
der Kaiser wies ihto zum Ersatz die reiche
Abtei von St. Martin zu Tours an, daß
er mit drei früher ihm gewährten über
nicht weniger als 20,000 Leibeigene
herrschte. Es geschah dies im Jahre 796.
Den Briefwechsel mit dem Kaiser setzte er
nichtsdestoweniger fort, und nicht minder
schien es Letzterer zu bereuen ihn aus
seiner unmittelbaren Nähe gelassen zu
haben denn er drang im Jahre 800
ernstlich itt ihn ihn aus der Reift nach
Rom zu begleiten. „Es ist eine Schande",
schrieb er ihm, „die raucherigen Zimmer
der Mönche in Tours den süßduftenden,
goldenen Palästen Roms vorzuziehen."
Indessen Alcuin hatte es zu sehr empfun
den, daß der größte Fürst .auch seitte be
sten Diener für wenig mehr als Werk
zeuge hielt. Er blieb standhaft und be
schäftigte sich nur mit den Wissenschaften,
so daß er zuletzt selbst seinen Abteien ent
sagte und sie seinen besten Schülern zu
geben bat bis er endlich am 19. Mai
804 sein Auge schloß. Sein Letztes bei
nahe war noch die Sorge gewesen, dem
Kloster in 9)ork, wo er gebildet worden
war, einige im Copiren alter^Handschrif
ten gewandte Mönche zu senden, der dor
tigen Bibliothek einige der literarischen
Schätze zu schaffen wofür die Welt ihm
so sehr verbunden ist. Bereits ist er nun
weit über 1000 Jahre tobt allein die
Erinnerung an ihn wird so lange dauern,
als es Geschichte gibt, welche dankbar
guter, edler Menschen gedenkt.
Blut, Stein und Stock.
In der Bedeutung von sehr und außerordentlich.
Die deutsche Sprache hat vor manchen
andern lebenden den Vorzug, daß sie sich
häusig in zusammengesetzten Wörtern an
die Phantasie unb den Verstand zugleich
wendet. Anstatt z. B. Jemanden als
sehr, als ungemein ober außerordentlich
arm zu bezeichnen, nennt sie ihn Blut
arm einen recht Reichen dagegen nennt
sie einen Steinreichen, und der recht
dumme Mensch heißt in ihr stockstumm.
Kurz, sie gibt uns in solchen zusammen
grsetzten Wörtern häufig ein Bild daß
sich ungleich beffer der Seele einprägt
als der bloße Ton, der nur zum Verstände
spricht. Dies ist allerdings ein nicht zu
l'
mtimmmmämamm
I verkennender Vorzug, über wie jedes
i Ding zwei Seiten hat so ist es auch
hier. Seitdem sich solche Wörter gebil
fcet haben, ist ihre eigentliche Bedeutung
im Lause der Zeit zum Theil schwankend
unklar unbestimmt geworden. Wenn
man sie hört tveiß mein wohl im Allge
meinen was dabei gedacht werden soll,
ohne aber daß man immer auch angeben
kann want tri sie nun gerade in dieser
und keiner andern Zusammensetzung vor
kommen und in einzelnen Fällen sollte es
manchem Lehrer der deutschen Sprache
schwer fallen, darüber zu entscheiden-
Namentlich dürften viele Beiwörter hier
her gehören die mit Blut, Stein und
Stock zusammengesetzt sind. Warum
sagt man z. B, nicht eben so gut stockhell
wie stockfinster? Warum nicht steinarm,
wie steinreich Warum nicht steinjung
wie steinalt? Solcher Fr«gen werden sich
viele auswerfen lassen, und Eltern und
Lehrer möchten wohl bisweilen in den
Fall kommen von ihren Kindern über
rascht zu werden, besonders wenn die
Kinder hübsch zum Denken gewöhnt sind
und daher die Ursache, das Warum
wissen wollen. Bei manchen solchen
Wörtern wird man Gelegenheit haben,
Kinder durch ihr eigenes Nachdenken auf
die Antwort zu leiten bei andern Wor
ten wird man, wie gesagt, selbst Mühe
haben, ins Klare zu kommen, ja vielleicht
selbst zweifelhaft bleiben. Die mit Blut
zusammengesetzten Wörter z. B. dürften
sich meistenteils in ihrer Bedeutung dar
stellen lassen. Blutarm, blutwenig,
blutsauer sind wohl leicht zu erklären
er ist blutarm heißt z. B., er hat nichts
als das er er lebt, insofern Blut und
Leben für gleichbedeutend genommen
wird, weil im Blute der Sitz des Lebens
selbst zu suchen ist blutsauer deutet auf
so schwere Arbeit, daß der Mensch Blut
schwitzen möchte, und blutwenig würde
so wenig heißen, daß kaum das Blut, d.
h. das Leben dadurch gefristet werden
könnte. Mit blutjung dagegen kommen
wir minder leichter fort hier kann aller
dings an ein junges Blut gedacht wer
den. Aber warum sagen wir nicht ein
blutjunges Kind, eine blutjunge Frau
ein blutjunger Mann Hier also scheint
in der Zusammensetzung ursprünglich
nicht von dem Blute, sondern von der
Blüte das Bild hergenommen zu sein.
Unsere Landleute nennen noch jetzt diese
ebenfalls (die) Bluth und Blut, Blüte
wurden ehemals wohl nur durch den Ar
tikel unterschieden das Wort war eins.
In der Schweiz ist es noch heute so die
Bluot (die Blüthe) das Blnat (das Blut.)
Blutjung ist also der Jüngling, das
Mädchen die im Lenze, in der Blüthe
ihres Lebens stehen. Was darunter oder
darüber ist kann demnach nicht so be
zeichnet werden. Da auch das Blut die
eigentliche Quintessenz des Leben darstellt
und mit diesem selbst oft gleichbedeutend
ist, so erklären sich eine Menge verwandt
schaftlicher Verhältnisse, welche mit Blut
näher bezeichnet werden. Blutsfreund
schaft ist daher so leicht zu entziffern wie
blutfremd, d. h. nicht in unser Blut oder
in unsere Familie gehörig. Insofern
Blut auch endlich mit dem Worte Tem
perament zusammenfällt, so dürfen wir
uns nicht wundern von einem feurigen
Blute, ja wohl vielleicht von einem Blut
jungen Blutschelme reden zu hören
Wörter, die in Niedersachsen vorkommen
und so viel bedeuten als einen Jungen
dem die Leichtfertigkeit, einen Schelm,
dem die Schelmerei im Blute, im Tem
peramente steckt.
Der Mann ist steinalt oder steinreich
der Kern ist steinhart, sagt man. Jenes
und dieses Beiwort ist leicht zu erklären.
Es vergingen sehr viele Jahre, ehe sich
ein Stein bilden konnte, und auch der
weichste Stein ist doch zu hart, um so
gleich zermalmt, zerdrückt oder zerbissen
^i
v
werden zu können. Nun läßt allerdings
wie es scheint 8ä8 Steinreich eine dop
pelte Erklärung zu: die natürlichste ist
wohl, .dabei an Edelsteine zu denken. Al
lein schon in uralter Zeit scheint in Ui
That hierbei nur auf eine Vergleichung
mit gewöhnlichen Steinen angespielt wor
den zu sein. Von Salomo wenigstens
erzählt uns die Chronik, daß er des Sil
bers so viel zusammengehäuft habe... wie
Steine, unter Denen also keine Edelsteine
z u v e s e e n s i n
Ganz unumgänglich nothröeftdtg ist es
wohl, bei den mit Stock zusammeNgefetz
tenWörtern an diedoppelte oder gar drei*
fache Bedeutung zu denken, welche we
nigstens sonst Stock hatte der Stock,
welcher nach dem Abhauen eines Baumes
stehen bleibt, der Spazierstock, das Ge
fängniß, wofür man so häusig sagtein
den Stock bringen und wovon uns das
Stockhaus, der Stockmeister übrig ge
blieben ist. Dieser Name des Gefäng
nisses und Kerkermeisters mag freilich dä
her entnommen worden sein, daß im
Gefängnisse ein (Baum-) Stock einge
rammelt war, den oder die Gefangnen
daran zu fesseln, gerade wie. ein solcher
Stock auch im Groben ausgehölt, ehe
mals häufig diente, das Almosen auszu
nehmen das.daher auch noch im Almo
senstock, d: h. Armenkasse an manchen
Orten fortleben mag. Nimmt man auf
diese verschiedene Bedeutung des Wortes
Rücksicht, so werden sich auch die daraus
entlehnten und zusammengesetzten Wörter
leicht erklären lassen, z. B. stocksteif, stock
still wo der Spazierstock das Bild herge
geben haben mag ein stockdummer
Mensch hätte sich wohl mit dem Stocke
im Walde zu vergleichen denn schon
die Römer bezeichneten einen solchen mit
stipes und truneus. Der Stockböhme
hat vermutlich auch auf keine andere
Ableitung zu rechnen, und stockdürr ge
hört ebenfalls dahin, aber inwiefern die
abgehauenen Stöcke so lang stehen blei
ben, bis sie ganz dürr sind doch könnte
hier allerdings auch der Spazierstock das
Bild hergeliehen haben, Stockfinster,
stockblind und stocktaub bezieht sich auf
den Kerker auf jene schrecklichen, unter
irdischen Verließe, wo der Unglückliche
nichts sah und hörte. Es ist stockfinster
hieß also so finster wie in unserem Stocke.
Er ist stocktaub oder stockblind er sieht
so wenig als einer, der im Stock liegt.
Stockfremd möchte daher nur vom ©locke
im Waliie abzuleiten sein der oder jener
Mensch geht uns so wenig an ist uns
so unbekannt wie der erste beste Stock,
den wir im Walde sehen. Gerade so
würde sich das zusammengesetzte Wort
steinfremddarstellen. Man findet auch
an einigen Orten den Ausdruck: stock
tobt, stocknackend beide Wörter erin
nern an den Stock des Baumstammes,
der abstirbt oder seiner Rinde beraubt
ward um desto schneller abzusterben.
Das Wort Stocknarr mag sich auf die
Zeit beziehen, wo Privilcgirte Narren mit
einem Stoße herumsprangen auf dessen
Knopfe ein Narrenbild prangte die
Sache ist verschwunden, aber das Wort
für Leute geblieben, welche sich albern
und geckenhaft betragen. Doch genug
hiervon! Wenn man aber, wie wir
bemerkten sehen will wie viel unsere
Sprache durch solche Zusammensetzung
an Mannigfaltigkeit und Bilderreichthum
gewinnt, so versuche man es nur mit bei'
Übersetzung der meisten der hier ausge
hobelten und erklärten Wörter z. B. in
der lateinische Sprache fast immer wird
man nichts als: sehr, ungemein, außer
ordentlich zur Hand haben, um den ei
gentlichen Begriff zu geben. Ein stein
reicher Mann wird hier gewiß nur zu eh
nein longe ditissimus, und der blut?
junge Mensch zu einem peradolescens.
9 C3M..
Keine Liebe ohne Leib.

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