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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, February 25, 1874, Image 7

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war erkrankt da siechten auch ihre Be
wohner und starben dahin!
Deutschland besonders, wohin die
Seuche im Jahre 1349 zuerst gelangte,
war lange Zeit der Schauplatz ihrer ver
heerenden Wirkungen, die zu schildern
gleichzeitige Schriftsteller kaum Worte
zu finoen vermögen. „Man mende, id
were der teste dag sagt einer derselben,
devVerfasser der magdeburgischen Schop
Penchronik und sein Zeugniß ist um so
.vollgültiger, als gerade zu Magdeburg
die Krankheit beinahe ein Jahr lang ohne
Unterbrechung die ungeheuersten Verwü
stungen anrichtete. Opfer auf Opfer
raffte sie dahin kein Alter, kein Stand,
keine Familie blieb verschont, ja viele der
letztern starben völlig aus. Zuletzt boten
die Kirchhöfe nicht Raum genug, die vie
leu Todten aufzunehmen und diese wur
den daher täglich auf zwei Karren und
einem Wagen zur Stadt hinausgeschafft,
wo man sie in große Gruben warf.
Eine höchst merkwürdige.Erscheinung
im Gefolge der Pestnoth ist es, welche
unsere Aufmerksamkeit in Anspruch zu
nehmen geeignet ist wir meinen die Ue
b'erhandnahme und das Unwesen der
Flagellanten oder Geißler in Deutschland
um jene Zeit.
Als Begründer dieser Sekte wird der
Einfidler Rainer zu Perugia um das
Jahr 1260 genannt, der aus Mistrauen
gegen Lie kirchlichen Heilsmittel durch
Geißeln Sündenvergebung zu erlangen
hoffte. Und wie nun nichts ansteckender
ist als religiöse Schwärmerei, so konnte
cs nicht fehlen, daß er sehr bald fast an
allen Orten Italiens zahlreiche Anhänger
fnnd. Ein Jahr später (1261) brachen
dieselben schon in mehreren Schaaren
über die Alpen in Deutschland ein und
fanden auch hier, namentlich im Elsaß,
in Baiern, Böhmen und Polen viele
Nachahmer. So sebr indeß das Volk
dieser neuen Brüderschaft anhing, so we
Ii
ig fand sie die Billigung der Fürsten
und der Geistlichkeit, deren entschiedenem
Auftreten gegen das allerdings zum
Theil äußerst anstößige Thun und Trei
ben der Geißler es denn auch gelang, die
Sekte beinahe völlig zu unterdrücken.
Fast hundert Jahre später erst, eben als
die furchtbare Pest immer weiter in
Deutschland sich verbreitete, zeigten sich
wiederum Geißler daselbst und die Mei
nung, daß Gott jene Krankheit über das
menschliche Geschlecht als Strafe für des
sen Sünde verhängt habe und der Zorn
des höchsten Wesens nur durch harte
Bußübungen versöhnt werden könnte ver
schaffte der Brüderschaft aufs neue unge
heuern Zulauf. Leute aus den verfchie
densten Ständen, selbst Priester und
Mönche, Weltliche von Adel und andere
mehr versammelten sich zu ihnen. Wer
in die Bruderschaft eintrat, mußte sich
wenigstens 34 Tage bei ihnen zu bleiben
verpflichten, da sie sich stets je 33 Tage
lang nach der Zahl der 33 Lebensjahre
Christi zweimal täglich abgeißelten. Sie
nähten sich rothe Kreuze auf ihre meist
weißen Kleider auch vorn und hinten aus
ihre Hüte daher sie auch Kreuzbrüder
genannt wurden —, und hielten in der
Regel in feierlicher Prozession paarweise,
unter Glockengeläute und Vortragung ih
rer seidenen oder purpurnen und schön
gestickten Fahnen ihren Einzug in den
verschiedenen Orten. Da sie sagten, daß
sie keine Frauenzimmer anrühren dürften,
so mußten sich die Einwohnerinnen von
der Prozession entfernt halten. Sie san
gen auf ihrem Zuge ein langes Lied, des
sen Ansang etwa so lautete:
Nun tretet her die bussen wollen.
Fliehen wir denn die Heisse helle,
Lucifer ist ein böß geselle.
Wen er dann behafet.
Mit Heissem Pech er ihn labet.
Darumb fliehen wir mit ihm zu sein,
Und vermeiden der hellen Pein.
Wer diese buffe nun wil pflegen,
Der soll gelten und wieder geben,
v So wird seine sünde gebüßt,
Und sein letztes ende gut.
Wenn sie nun auf Kirchhöfe oder an
dere geräumige Plätze kamen, so bildeten
sie einen weiten Kreis, in dessen Mitte
sie ihre Kleider bis aus das Unterkleid,
sowie die Schuhe ablegten. Ein Tuch
oder weißes Hemd hing um die Hüften
und Lenden her bis auf die Füße herab,
sodaß der untere Theil des Körpers ganz
damit bedeckt, der obere Theil aber bis
an den Gürtel entblößt war. So gin
gen sie im Kreise herum und legten sich
dann auf die Erde nieder, jeder, nachdem
er gesündigt hatte in einer anderen Stel
lung, sodaß man eines Jeden Sünde
leicht erkennen konnte. Alsdann schritt
ihr Meister über Jeden hinweg, berührte
ihn mit der Geißel und sang dabei sol
gende Verse
Steh' auf durch der reinen Marter Ehre
Und hüte dich vor der Sünden mehre.
In dieser Weise schritt er über sie Alle
dahin dann erhob sich einer nach dem
andern wieder. und schritt dem Meister
nach, bis zuletzt Alle ausgestanden waren.
Hierauf sangen sie:
Nun hebet up all' juwe Hände,
Dat Gott das grote Sterben wende
Nun hebet up all' juwe Arme,
Dat sich Gott öwer ju erbarm!
und schlugen sich mit ihren Geißeln von
dreifachen Riemen, welche vorn Knoten
hatten, in denen entweder scharfe Nadeln
oder vier eiserne Stacheln kreuzweise be
festigt waren. Damit peitschten sie sich
heftig bis aufs Blut einzelne jedoch trie
ben es bei weitem nicht so arg sondern
schlugen sich so sanft, daß sie es kaum
gefühlt haben mögen. Wenn sie also
sich gegeißelt und ihre Bußlieder gesun
gen hatten las einer von ihnen einen
Brief vor den wie sie vorgaben, ein
Engel vom Himmel gebracht haben sollte
und in welchem geschrieben stand, wie
Gott über die Sünden der Welt erzürnt
wäre und wie er sie habe wollen unterge
hen lassen wie aber seine Mutter und
seine Engel ihn um Erbarmen gebeten
hätten 2c.
Hierallf kleiden sie sich wieder an
dann aber traten die Bürger zu ihnen
heran und baten sie Alle mildthätig zu
Tische der eine nahm zwei, der andere
drei, ein dritter vier oder wohl noch mehr
mit sich, wie er es ausführen konnte.
Vor dem Hanse, in welches sie geladen
waren, fielen sie erst auf ihre Knieen nie
der und verrichteten ihr Gebet. Sie ba
ten um nichts was man ihnen aber
freiwillig, gab, das nahmen sie dankbar
an.
Bei dieser scheinbaren Heiligkeit waren
sie indeß dennoch nicht rein von Verbre
chen auch erlaubten sich die zum größ
ten Theile ungelehrten, einfältigen Leute
in ihrer Geißelbuße nicht selten Eingriffe
ins Lehramt. Ihre Meinungen und
Aeußerungen von den Mönchen, den
Geistlichen und den Sakramenten der
Kirche waren anstößig und nur sehr schwer
ließen sie sich zurechtweisen.
Da aber endlich sogar die Weiber hin
und wieder in großer Menge anfingen,
in Prozession umherzuziehen und sich zu
geißeln, wobei sie zwar ihr Gesicht ver
hüllten, die Brust und den unteren Theil
des Körpers vom Gürtel an mit Lein
wand bedeckten, den Rücken indeß ganz
bloßließen da die Flagellanten auf diese
Art überhaupt der öffentlichen Ruhe uud
Sittlichkeit immer gefährlicher zu werden
anfingen, so mußten sie zuletzt überall
aus Widerstand stoßen, auch da, wo sie
zuerst die günstigste Aufnahme gefunden
hatten. So verbot z. B. Kaiser Karl
IV. den Bettelmönchen und Geistlichen,
sich unter die Geißelbrüder zu mischen
Bischof Friedrich von Regensburg ver
dammte die Buße der Flagellanten nach
reiflicher Ueberlequng und auf den Rath
gelehrter und rechtskundiger Männer.
Erzbischof Otto von Magdeburg verbot
die Geißelfahrt in seinem Gebiete bei
Strafe an Leib und Gut und ebenso'un
tersagte auch Bischof Johann IV. in Lü
beck die Geißelaufzüge.
Zuletzt vernichtete Papst Clemens VI.
ihre Verbindungen oder Brüderschaften,
verbot ihr weiteres Umherziehen und be
fahl, sie überall in den Bann zu thuu
und gefangen zu nehmen, wo sie sich bli
cken ließen. Nun verloren sie sich bald
von selbst und das Unwesen hatte damit
ein Ende.
-a i
I n E u o a s e i n e n w i e e i e
amerikanischen Colonisations-Projecte in
größerem Maßstabe in Aufnahme zu
kommen, wie sie namentlich in den vier
ziger und fünfziger Jahren in den west
lichen Staaten, in Texas zc., mit wech
selndem Erfolg zur Ausführung kamen,
seit dem Bürgerkriege aber nur selten
und auch nicht mehr in so großem Maß
statie unternommen worden waren. Wir
reden hier nicht von dem großartigen
Eolonisationsproject der deutsch-russ^?
scheu Menuoniten, mit dem sich die
Presse so vielfach beschäftigt und welches
von der Bundesregierung eine so außer
ordentliche Begünstigung erfährt, daß
man sogar einige ausdrückliche Bestim
mungen des Heimstättegesetzes abzaändern
trachtet. Die Mennoniten verlassen
Rußland, weil ihnen die dortigen Gesetze
nicht zusagen fast aber scheint es, als
ob ihnen die hiesigen auch nicht behagen,
denn sie beanspruchen Abänderungen zu
ihren Gunsten noch ehe sie eigentlich da
sind. Eine norwegische Kolonie, deren
Zahl auf 7 bis 800 Köpfe veranschlagt
wird, unter Leitung des bekannten Geist
lichen Dichters und Novellisten Björn
Björnsen stehend, wird im Laufe dieses
Sommers erwartet und soll sich im
Staate New Jersey niederzulassen beab
sichtigen, wo bereits eine große Strecke
Landes für sie angekauft worden. Für
diese uordländische Colonic scheint -ein
durchaus patriarchalisches Regiment in
Aussicht genommen zu sein Björnsen
fungirt als ihr weltliches und geistliches
Oberhaupt und feiner Entscheidung ha
ben sich Alle unbedingt zu unterwerfen.
Ob gerade New Jersey sich für diese
Söhne des Nordens als die geeignetste
Region erweisen wird, möchten wir eini
germaßen in Zweifel ziehen der Nord
Westen würde ihrer Entwickeluug doch
vermuthlich ein günstigeres Feld eröffnet
haben. Endlich ist uns noch eine größere
französische Colonic in Aussicht gestellt.
Ein Graf de Beroux hat in Missouri,
längs der Pacific-Eisenbahn, 40,000
Acres Land angekauft, auf dem er Müh
len, eine Kirche, Schulen und die nöthi
gen Wohnhäuser errichten will. Wenn
Alles zur Aufnahme seiner Kolonisten,
500 an der Zahl, bereit ist, wird er diese
selber herüberbringen und sich dann die
Pflege der Colonic bestens angelegen sein
lassen Bis jetzt hat es mit französischen
Kolonien am wenigsten glücken wollen,
was jedoch theilweise davon rühren
mochte, daß es nicht das richtige Mate
rial war, was man dazu verwendet.
Französische Städter, dem Handwerker
oder Künstlerstande- angehörend eignen
sich allerdings wenig zur Colonisation
dahingegen möchte der französische Bau
ernstand, der bisher freilich nur sehr aus
nahmsweise auswanderte, schon eher dazu
zu verwenden sein. Jedenfalls ist es
eine für Amerika günstige Erscheinung,
d«ß man selbst in solchen europäischen
Ländern die bisher ein nur geringes
Contingent zur Auswanderung stellten,
seine Blicke nach unserem Continent zu
richten beginnt. Wir haben Platz für
Millionen und wer Willens ist, sich durch
ehrliche Arbeit eine neue Heimath zu si-
Ctyto Waisenfmlnd. 7.
chern, ist jederzeit willkommen. Mit be
souderem Interesse wird man in beiden
Hemisphären die Resultate dieser neue
sten Versuche der Massen-Kolonisation
verfolgen.
Der „N e u e a i
n zer A n z e^
ge r," ein nichtkatholisches Blatt, ange
ekelt von den nationalliberalen Schimpfe
reien und Lügen, schreibt:
„Was haben uns die Pfaffen denn ei
gentlich gethan Die Lehre von der
Herrschaft Roms dem geistigen Druck,
der Verdummung des Volkes sind abge
droschcue Phrasen, für welche das Volk
nachgerade zu gefcheidt geworden ist. Wer
hat die Cultur nach Deutschland ge
bracht? Die Pfaffen! Wer hat die Schu
e n e n e i e a e n W e e
kümmert sich heute noch um die Schulen?
Die Pfaffen Wer hat die Spitäler ge
baut Die Pfaffen! Wer hat die Asyle
für alle Art körperlicher und sittlicher
Gebrechen hergestellt? Die Pfaffen! An
wen wenden sich die Armen in allen Nö
then An die Pfaffen! Wer bettelt für
Kranke und pflegt dieselben? Die Pfaf
fen Wer sorgt für die Verwundeten?
Die Pfaffen Wer hat heute die Courage
sich für seine Ueberzeugung und sein Ge
wissen einstecken zu lassen? Die Pfaffen
Wer hat dagegen die Ausnahmegesetze
gemacht? Die Liberalen Wem verdan
ken wir die Steuern auf Salz, Tabak,
Branntwein, Bier, zc. Wer ist am Mi
litärpauschquantum schuld? Die Libera
len Wer hat die Blutsteuer auf das
Menschenmöglichste gesteigert? Die Li
beralen! Wer verschließt durch Diäten
losigkeit den Minderbemittelten die Thüre
des Reichstages? Die Liberalen! Wer
hat die freisinnigen Anträge der (Seit
trumsfraction bekämpft Aber halt, die
waren ja nur Heuchelei? So! Nun dann
war es an den Liberalen, die Heuchler
dadurch zu züchtigen daß sie ihre Vor
schlage in bittere Wahrheiten umgewan
belt! Es wäre ihre Pflicht gewesen, selbst
jene Anträge zu stellen, wenn sie in der
That so liberal wären, als sie sich stellen.
Aber sie sind es nicht sie schlendern nur
deshalb die Wucht ihres Zornes gegen
die päpstliche Tiara, um desto harmloser
und hingebender die preußische Pickel
Haube anbeten zu können."
i
S i w ö e N i e a n w i
mit der Axt in der Hand geboren.
Laufend reist man nicht. Nicht auf je
der Eiche sitzt ein Eichhorn. Wenn der
Baum gefällt ist, fehlt es nicht an Neh
mern. Der Wirth ist immer Wirth,
wenn auch eine Erle der Knecht immer
Knecht, wenn auch eine Eiche. Es gibt
wohl Hunde, aber auch Stecke. Ein
leerer Beutel ist besser als geborgtes
Geld. Brot ist ein guter Gefährte.
Viele Aerzte, große Gefahr. Wann
soll denn der Faule arbeiten? Im Herbst
ist viel «Schmuz, im Frühling viel Was
ser im Winter ist's kalr, im Sommer
ist's heiß.
O
bei aklen Plackereien noch guten Humor
behatten, davon folgendes Beispiel. Die
Augustiner-Eremiten in Germershausen
wurdpn, wie das ja überall üblich fchoit
verschiedene Male vom Kreishauptmann
heimgesucht, ihre Ordensregel durchblät
tert und der dortige Brauermeister über
ihre Staatsgefährlichkeit oder Nützlichkeit
ausgefragt. Bei Gelegenheit dieser Nach
sorschung wurde dann an einen Pater
auch die hochwichtige Frage gerichtet, ob
sie mit den Jesuiten perwandt wären.
Die Antwort lautete: „Mit denen nicht,
wohl aber wir sind verwandt mit
Martin Luther." (Luther war bekannt
lich ein Augustinermönch.)

a a n e O e n s e u e

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