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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, April 22, 1874, Image 2

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2. Ohio Waisenfteund.
Verkettung
u
ob er
auch
die Hiebe
-aushalten
beigerufen
und ihm
Ausspruch zu thun.
'it3
siel auf Bona.
c*
des
menschlichen
Geschicks.
In den Jahren 1813 und 1814 ließ
sich ein im Schwarzburgischen geborener
Arzt, Namens Bon« als Wundarzt bei
dem russischen Heere anstellen. Derselbe
folgte den Russen auf ihren Kriegszügen
gegen die Franzosen er war unermüdlich
in seinem Streben, das Loos der betroun*
beten Soldaten zu mildern, ihre Schmer
zen ihnen zu erleichtern und, wenn irgend
möglich, ihreWunden zu heilen, um ihnen
die Freude ihrer Wiedergenesung zu ver
schassen. Hunderten half Bona, welche
vielleicht ohne ihn dem Tode überliefert
worden wären, nnd viele Krieger segneten
dankbar sein Andenken in der Stille des
Herzens, ohne daß die Thätigkeit Vona's
öffentlich gepriesen wurde. Zwei edle
Handlungen Bona's sind aber der Nach
welt aufbewahrt worden, da sie später mit
seinem eigenen Leben.in einen engern Zu
fammenhang traten und sie sind es Werth
erzählt zu werden, damit der Name eines
Mannes im Andenken erhalten bleibe,
welcher sich um die leidende Menschheit so
verdient machte, ohne nach eitlem Ruhme
zu geizen.
In einem Treffen war einem Solda
ten das Bein zerschmettert worden, daher
man sich genöthigt sah ihn mit andern
Verwundeten auf einen Wagen zu laden
und ins Lazareth zu schaffen. Die Aerzte
des Lazareths hatten so viel zu thun, daß
sie ihren Kranken kaum die allernothwen
digfteAufmerksamkeit zu schenken vermoch
rcn. Als nun die Reihe der Untersuchung
on den Soldaten mit dem zerschmetterten
Beine kam, meinten die Militairchirurgen
daß ihm ohne weiteres das Bein abge
sägt werden müsse. Der Soldat hörte
mit Schrecken dieses Urtheil aussprechen
und bat flehentlich, ihm doch sein Bein
zu lassen, da es doch vielleicht möglich
wäre, es noch zu erhalten. Die Bitten
des armen Verwundeten schienen aber an
taube Ohren zu schlagen uud schon machte
man Anstalt zur Ablösung des Beines.
In demselben Augenblicke erschien Bona.
Er hörte den Jammer des armen Saida
ten und trat näher, um das zerschmetter
te Bein zu untersuchen, worauf er erklärte
daß dasselbe zwar in sehr schlimmen Zu
stände sei, daß aber noch Möglichkeit vor
liege, es zu heilen. Darauf bat Bona,
ihm den Verwundeten zur Cur zu über-
lassen, was sehr gern geschah, und nach
einigen Wochen war das zerschmetterte
Bein geheilt, so daß der Soldat wieder
zum Heere gehen konnte. Die merkwür
dige glückliche Cur blieb dem Bona in
frischer Erinnerung, daher er sie auch
später, a If er in Jena Doctor wurde, zum
Gegenftaude-seiner Abhandlung wählte.
'93omi -erwies sich ober nicht blos in
seiner ärztlichen Thätigkeit als ein ge
schickter Mann, sondern er zeigte auch bei
Allem, was er that, ein Herz von warmer
uneigennütziger Menschenliebe. Hierzu
folgendes Beispiel. Ein russischer BoU
"bot hatte sich einst einen^Fehler zu Schul
den kommen lassen und wurde nach den
Kriegsgesetzen zu einer Anzahl Knuten»
hiebe verurtheilt.
Da
nun das russische
Gesetz gebot, vor Anwendung der Knute
lieit Sträfling erst untersuchen
zu
lassen,
ohne Lebensgefahr
würbe,
so
wurde ein Arzt her-
ausgegeben /seinen
Die
Wahl
des
Arz-
Dieser
sah
den
Zahl
Knutenhiebe
armen
Sünder vor sich und war viel zu weich
herzig, als daß er dem Sträflinge bie ver
ordnete
zuerkannt hätte,'
,Die viele onberc Aerzte gethan haben
Mürben er
erklärte, i« Gegentheil, baß
Lvttie ausgesprochene Strafe den Man«
unfehlbar tobten werde und machte so
lange, bringende Vorstellungen
bis
man
ben Sträfling mit ber Hälfte ber Straff
e n i e i
Es war für Bona eine stille Freude,
auf solche Weise zu rathcn., zu helfen, zu
retten und zu beglücken und Hunderten
stand er als schützender und liebender
Engel zur Seite aber gewiß dachte er
bei seiner tlneigemtülugfeit nicht daran,
daß seine edle Thätigkeit von gemeinen
Soldaten ihm einmal wieber vergolten
werden könnte. „.
Der Feldzug
von
1813 und 1814 war
zu Ende. Bona ging nach Polen und
wirkte dort als Arzt, beschloß aber später
nach Odessa zn gehen, verkaufte seine
Habseligkeiten, nahm das dafür gelöste
Geld und bestieg ein Schiff auf dem
Dnieprflusie, um dem schwarzen Meere
zuzusteuern. Das Schiff hatte schon
viele Meilen zurückgelegt, da erhob sich
ein Sturm
und
finstere Nacht lagerte über
den Seglern des Flusses. Auf einmal
erscholl der SchreckeuSrus: Feuer! und
in kurzer Zeit war das Fahrzeug von
wüthenden Flammen ergriffen, Die Be
mannung hatte kaum so viel Zeit, das
Leben zu retten, da der Sturm das Feuer
im Nu über das ganze Schiff verbreitet
an eine Rettung der Habe war also nicht
zu denken, sondern ein Jeder stürzte sich
in die Fluten, in der Hoffnung die Ufer
des Flusses zu erreichen. Auch Bona ver
suchte sich auf diese Weise zu retten.
Schon war er an Füßen und Augen durch
die Gluth des Feuers verletzt worden, da
warf er sich in den Strom und erreichte
glücklich das Tfer. Sein Reisegepäck und
die kleine Baarschaft mußte er leider im
Stiche lassen. Wer sich hatte retten kön
nen, ging seinen Weg, froh, das nackte
Leben d«vongetragen zu haben Viele
fanden aber auch ihren Tod in den Wel
len. Bona wußte nicht, wohin er sich in
Nacht und Sturm wenden sollte. Er
lief in der öden Gegend nach verschiedenen
Richtungen umher, bis die Morgendäm
merung anbrach. Plötzlich drangen zu
seinen Ohren die Töne eines Betglöck
chens. Bona ging dem Klange nach und
gelangte bald zu einer Klosterkirche. Er
fand sie offen, trat in dieselbe ein und
sank an den Stufen des Altars nieder,
um den Herrn über Tod uud Leben für
die gnädige Rettung aus der Gefahr zu
danken. Als er noch kniete und unter
Thränen und Rührung sein Dankgebet
sprach, erschienen die sonnendes Klosters
in der Kirche und sahen mit Verwunde
rung anf den betenden Fremdling hin,
welcher durchnäßt und in theilweise ver
brannten Kleidern seinen Blick zum Him
mel richtete. Bona stand endlich auf und
erstaunte, als er sich von Nonnen umge
ben sah. Auf ihr Befragen erzählte er
ihnen sein Mißgeschick, worauf die barm
herzige» Schwestern ihn sofort einlüde»,
ins Kloster einzutreten und sich von ihnen
verpflegen zu lassen. Mit Freuden nahm
Bona das Anerbieten an. Die Nonnen
führten ihn in das Krankenzimmer, brach
ten ihm Erquickungen und sorgten mit
der größten Aufmerksamkeit für die Hei
lung seiner Brandwunden sowie für die
Herstellung seiner Kleidung. Nach eini
gen Tagen fühlte sich Bona kräftig genug
zur Weiterreise. Unter tausend Dankes
versicherungen verließ er die barmherzigen
Nonnen, die ihm noch einige Wäsche und
Reisegeld mitgaben, und wanderte'durch
Oeden und Wälder, um zu irgend einem
Ziele zu gelangen. Aber das Unglück
schien mit ihm zu gehen, denn Bona Ser
irrte sich in ben unwirthlichen Gegenden
und die Wanderung hatte ihn beimaßen
angestrengt, baß ihm die Füße ben Dienst
versägten
uvb er
fürchtete,
liegen bleiben
zu müssen um währenb der Nacht
ben
Wölfe» eine kicher« Beut« zu »erben.
Bona
schleppte sich noch eine kleine
Streck« weiter, ba be«er!te/r tu der Derne
zu
seinem Glück,-basWchMner Hütte.
Mit ber letzten^aftä«Meug»ngvermochte
er bis zu derselben zu gelangen. Ektrat
ein und fand in dem Bewohner der Hütte
einen freundlichen Fischerwelcher ihm
nicht blos mit Vergnügen Obdach bot,
sondern ihn auch bat, bei ihm zu bleiben,
bis er sich vollständig erholt haben würde.
Bona blieb mehrere Tage bei dem Fi
scher, um seinen doch noch sehr erschöpf
ten Körper sich kräftigen zu lasten als
aber der Fischer einst eine Ladung Fische
auf einem Bote nach Kiew transportiren
wollte, da ließ sich Bona nicht länger
halten er bat seinen Herberggeber, ihn
auf seinem Fahrzeuge bis Kiew mitzu
nehmen, damit er dort als Arzt sein Gluck
versuchen könne. Der Fischer war dies
zufrieden, sorgte jedoch selbst noch vor
dem Antritte der Reise wahrhaft väterlich
für seinen Pflegebefohlenen. Bona's
Augen litten nämlich von den Verletzun
gen durch den Brand noch immer,
darum spannte der Fischer über ihn als
er seinen Platz im Boote eingenommen
hatte, ein großes Tuch, um seine Augen
vor den Strahlen der Sonne zu schützen
dann ergriff er mit kräftiger Hand das
Ruder und lenkte das Boot nach der
Mitte des Stromes.
Die Wasserreise ging gut von statten.
Nach einiger Zeit hielt der Fischer an ei
ner Zollstätte an. Ein Zollverwalter
erschien, um den Inhalt des Boots zu
untersuchen, weshalb er sich auch nach
dem Tuche verfügte, das der Fischer über
Bona ausgespannt hatte. Der Zollmann
sah Bona sitzen, starrte ihn lange erstaunt
an, schlug endlich die Hände »oll Freuden
ineinander und rief: „Nein, ich täusche
mich nicht! Doctor Bona! Herr Doctor,
Sie hier?"
Bona zwinkerte mit seinen kranken
Augen den Zollverwalter an konnte ihn
jedoch nich erkennen. Der Zollbeamte
bat denDnctor, auszusteigen, in sein Haus
einzutreten, sich zu erquicken und bei ihm
zu bleiben ,•* doch dazu hatte Bona keine
Lust, weil er sich sehnte, »ach Kiew zu
kommen, wo er für seine vollständige Ge
nesung und Erholung die beste Gelegen
heit zu finden hoffte. Der Zollmann
hörte aber nicht auf mit Bitten und Bona
konnte zuletzt nicht mehr widerstehen.
Der Fischer war bereit, einen Tag zu
warten undBona hinkte mit ihm und dem
Zollverwalter auf dessen Wohnung zu,
wo er mit einer Zuvorkommenheit env
pfangen wurde, als würde er in ein längst
bekanntes, verwandtliches Haus eilige
führt.
I« der etwas dunkeln Wohnstube des
Zollverwalters war es Bona eher möglich
die Augen ein wenig aufzuschlagen. Er
betrachtete den gastlichen Bewohner des
Hauses, konnte jedoch nichts Bekanntes
an ihm finden.
Kennen Sie mich denn nicht mehr,
Herr Doctor? fragte der Zollmann uud
setzte hinzu $?ie sind ja mein Retter!
Es kann sein, erwiderte Bona, daß Sie
einer von Denen sind, welche ich in Noth
und Gefahr des Lebens einmal beigcstan
den habe und daß Gott meine Bemühnn
gen um die leidende Menschheit auch bei
Ihnen gesegnet hat ober wer Sie sein
möge», kann ich nicht enträtseln. Daß
Sie mich kennen merke ich daran weil
Sie vorhin meinen Namen nannten.
Nun, rief der Zollmann, wissen Sie es
nicht mehr, lieber Herr Doctor, wie Sie
mir einst mein Bein curirten, das mir
Ihre grausamen Herrn Kollegen trotz
meines Jammers unbarmherzig absägen
wollten? O heute müssen Sie bei mir
bleiben, damit ichJhreGegenwart wenig
stens einen Tag lang genießen kann!
ES hals Alles nichts, Bona müßte sich
zum Bleiben verstehen. WaS baS kleine
Zollhaus aufzuweisen hatte, wurde für
Isen Doctor und für de» Fischer aufge
tragen. Bis ,zum Abend s«ßen die drei
beiejnapber, wobei Jeder d«S Wichtigste
on* seinem LHen «iliheilte. Mit de»
Einbruch der Dunkelheit ging der Fischer
in sein Boot, um dort die Nacht über zu
bleiben, während Bona ein weiches Lager
in einer Kammer neben dem Kuhstalle im
Zollhause angewiesen wurde.
Lassen Sie sich nicht in Ihrer Rühe
stören, Herr Doctor, sprach derZollmann
indem er seinen Gast zum Lager führte,
denn bei mir ist viel Leben im Hanse und
ich muß oft in ber Nacht noch heraus, um
einen notwendigen Gang zu machen.
Der Doctor schlief bald ein. Mitten
tu ber Nacht hörte er nebenan im Stalle
ein Geräusch, dem Geklirr ähnlich das
sich beim Herausziehen einer Kuh wahr
nehmen läßt bald aber ward es wieder
ganz still und Bona versank in einen sc
sten Schlaf, ans welchem er erst am frü
hen Morgen wieder erweichte. Noch hatte
er das Lager nicht verlassen, da erschien
üor*ihm der Zollmann mit einem kleinen
gefüllten Geldbeutel und sprach: „Herr
Doctor! Nehmen Sie dieses von mir als
einen kleinen Beweis meiner Dankbarkeit
an. Sie können es jetzt gerade brauchen
dies habe ich auß Ihrer uud des Fischers
Erzählung erkann-. Zurückweisen dürfen
Sie mich aber nicht, sonst kränken Sic
mich!"
Bona zögerte, das Geld anzu»ehmen.
Er saß nachdenklich auf seinem Lager und
schwieg ein Weilchen dann erhob er sich
und sproch „Freuud, woher hast du das
Geld Ich erratht es, du hast heute Nacht
deine Knh verkauft, denn ich merke keine
Beweguug mehr vou ihr und habe sie hin
ausführen höre«, und ben Weg in der
Nacht hast du meinetwegen gemacht! Ist
es nicht so?"
Der Zollmann lachte dem Doctor
freundlich ins Gesicht und antwortete:
,Nutt ja, so ist's Aber was gilt mir denn
meine Kuh gegen meinen Lebensretter
Bitte, erwähnenSie nichts weiter davon
Bona mußte schweigen, war aber über
das gntc Herz des ehrlichen Russen biS
zu Thränen gerührt. Er rief: „Ich will
dein Geld «ls Darlehen annehmen.
Freund, uud ich hoffe, es dir bald zurück
zahle» zu können! Nimm meinen besten
Dank für deine Siebe
Als Bona Abschied nahm. küßte der
Zollmann ihm weinend die Hand, legte
Lebensmittel zur Reise im Boote nieder
undoing dein Doctor noch einen warnten
Pelz um. Der Fischer ruderte in die
Wellen hinüber und bald war er mit dem
Doctor aus den Augen des am Ufer.nach
schauenden Zollmanns verschwunden.
Bona kam glücklich in Kiew an, fand bort
für seine ärztlicheGeschicklichkeit bald einen
bedeutenden Wirkungskreis und verdiente
sich in kurzer Zeit sehr viel Geld. Die
erste Ausgabe, welche er von seinen Er
sparnissen bestritt, bestand daran, daß et
dein Zollmann am Duiepr die als Vor
schuß angenommenen 20 Rubel mit herz
lichem Gruß und Dank nebst Zinsen zu
sendete.
Mit dem Frühlinge des nächsten Iah
res erwachte in Bona auss iteite die Reise
lust, er sehnte sich nach Odessa und, wenn
möglich, aitch nach Konstantinopel ttttb
Griechenland zu kommen. Diesmal be
schloß er, nicht zu Wasser, sondern zu
Lande zu reisen, woraus er sich eilt Ge
schirr tniethete und bald darauf seine Reise
antrat. Dieselbe lief anfangs ganz glück
lich ab, aber der letzte Theil der Fahrt
schien sehr unangenehm werden zu wollen,
denn seilt Fuhrmann erkannte in den
Wildnissen des Landes kaum noch den
Weg und verlor denselben endlich ganz,
als die Nacht einbrach. In seiner Angst
wußte der Kutscher, der sich schon aller
hand Räuberanfälle vor die Seele führte,
kaum noch zu halten, währenb Bona ganz
unerschrocken blieb unb umherspähte.
Wirklich bemerkte der Arzt bald in bet?
Ferne ben Schimmer eine?
Lichtes.
-Gchau, rief Bona, bort ist ein Lichts
Vorwärts, fahr« frisch 5'rauf zu!

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