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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, July 15, 1874, Image 3

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(Ein Lebensbild.)
Friedrich, Edler von Spee zu Langen
feld wurde zu.Kaiserswerth in der Nähe
von Düsseldorf im Jahre 1591 von sehr
brauen Eltern geboren. Heber seine erste
Erziehung wissen wir leider fast nichts
die klassische Ausbildung empfing er im
Jesuitencollegium zu Köiu, wo die Blüthe
der reinländischen Jugend einen sorgsäl
tigen Unterricht genoß. Seine Zeitgenos
sen nannten ihn einen „Mann von schar
fem Verstände, -geistreichem und richtigem
Urtheile und von großer Gewandtheit in
alleuZweigen desWissens." —Kein Wun
der, daß den feurigen Jüngling von vor
nehmen« Stande die Welt mit allen ihren
Reizen an sich zu ziehen suchte, wie er
selbst inseinerTruhnachtigall klaget allein
nicht aus die Dauer vermochten ihn die
Erdengüter zu sättigen, er zerbrach „Wap
pen und Stammbaum", wie er selbst im
„güldenenTugendbuch"sagt, „eutschlugsich
aller Reize und Freuden, zündete aus die
sein Erdentande vor demKrenze Christi ein
Feuer des Lobes und der Liebe an" und
trat in die Gesellschaft Jesu im Jahre
1610. Anspielend auf diese Zeit, erzählte
Spee folgende herrliche Parabel im gül
•"denen Tugendbuch „Auf einen Sonntag
begegneten einander die Liebe Gottes und
die Liebe der Welt. Die Weltliebe sagt:
Schwester, wie bist du also traurig, es
thn4 dir, glaub' ich, schmerzlich wehe, daß
mich die Menschen einlassen und dich so
gar ausschließen Da nahm die Liebe
•Gottes die Weltliebe mit Gewalt und
band sie an das Kreuz da starb alsbald
die Weltliebe. Und es schwur darauf die
Liebe Gottes, so oft ihr die Weltliebe be
gegne, wolle sie dieselbe fangen und an
das Kreuz binden sie habe nicht gewußt,
daß die Weltliebe sterbe, so man sie an's
Kreuz anbinde. Der Treue und Liebe
ffltm ich noch nicht vergessen." Zwei
Jahre lang weilte er int Noviziat zu Trier,
studirte dann noch ein Jahr Philosophie
und wurde darauf im Jahre 1013 als
Magister der schönen Wissenschaften nach
Köln gesandt. Schon aus dieser Zeit
wird feine Sorgfalt und Liebe zu den
Schülern gerühmt, die er nicht nur im
Wissen', sondern auch, in der Tugend zu
fördern suchte. Vom Jahre 1.616 bis
21 studirte er Theologie und lehrte nach
Ablauf dieser Periode die Philosophie in
Köln mit größter Auszeichnung.
Allein nicht lange durfte ein Mann
wie Spee, der das größte Nednertalent
mit persönlicher Liebenswürdigkeit und
Feinheit verband, in den engen Schulstu
'den seine Kräfte verschleißen. Sein Un
terrichtsseld sollte -die Welt werden und
mit dem Katheder sollte er die Kanzel ver
tauschen. Dies geschah im Jahre 1625.
Der Winterkönig Friedrich von der
Pfalz war geschlagen, aber sein Freund
Christian von Braunschweig unternahm
einen fürchterlichen Rache-und Plünde
ruugszug durch Westphalen, wobei weder
Klöster noch Kirchen geschont wurden und
besonders. Paderborn seine Rache und
Grausamkeit fühlen mußte. Während
seines Aufenthaltes daselbst hatte Chri
stian mit Gewalt Viele für die Reforma
tion gewonnen. Andere neigten selbst zu
derselben hin, besonders ein Theil des
Adels. Zur friedlichen Wiedergewinnung
dieser durch das Wort Gottes und das
lebendige Beispiel erbot sich Kurfürst Fer
dinand von Bayern den Pater Spee aus
Im Jahre 1625 und 26 wirkte derselbe
in der Stellung eines Dompredigers zu
Paderborn so segensreich, daß eine noch
lebende Ueberliefernng ihm die Rückkehr
einer bedeutenden Anzahl westphälischer
Adeligen zur katholischen. Kirche zuschreibt
Auch wird unter Anderem erzählt, daß er
einen verstockten Missethäter, der hartnä
ckig jede Bekehrung verschmähte, durch
leine Güte so gewann, daß derselbe, mit
Gott versöhnt, freudig und selig starb.
Um hier sogleich seine fernere Wirksam
feit als Jünger des hl. Bonifatius, als
Verkünder des katholischen Glaubens
weiter zu verfolgen, übergehen wir feine
Thätigkeit in den Jahren 1727 und 28
zu Würzburg. Im November 1728 fand
ten ihn,feine Oberen noch dem Städt
chen Peina, ungefähr sechs Stunden von
Hildesheim entfernt. Die Grafschaft
Peina mit etwa dreißigDörfern war näm
lich durch Erbschaft seit 1260 au den bi
schöflichen Stuhl von Hildesheim gefallen.
Der erste lutherische Bischof daselbst aber
Friedrich von Holstein, hatte sie wieder
rechtlich als weltliches Familienbesitzthnin
an sich gerissen und sein Nachfolger hatte
ohne Weiteres die Einwohner der Graf
schast zur Annahme des lutherischen Be
kenntnisses gezwungen. Erst nach fast
50jährigen Rechtshändeln gelangte die
Grafschaft wieder in den rechtmäßigen
Besitz der katholischen Kirche. Nach dem
schrecklichen Grundsätze der Zeit: „cujus
regio, cujus religio," wäre die Wie
dereinführung des katholische» Glaubens
durch Gewalt, besonders da sie einst mit
Gewalt verdrängt war, nicht ungewöhn
lich und ungesetzlich gewesen. Aber man
suchte den milden Weg einzuschlagen, um
die Einwohner der Kirche wieder zu ge
Winnen man erbat sich den Pater Spee,
dessen Liebe und Güte Paderborn bekehrt
hatte, zum Missionär nach Peina. In
einem Priiuithanse richtete sich Spee mit
einem Laienbruder ein, nachdem man die
Ausstattung mühsam zusammen gebracht
hatte sechs Thaler wöchentlich, die zu
seineinitnterha'It dienen sollten, verschenkte
er stets an die Armen. Er begann seine
Thätigkeit mit einer Rundreise durch die
Dörfer, die er vor der Stadt bekehren
wollte. Heb era fl wurde er ziemlich gut
aufgenommen, dicBauern hatten meistens
nur die eine Frage, ob das Taufen und
Coptiliren künftig mehr kosten werde als
bisher? Aber Spee beruhigte sie mit
den Worten: „Ich werde keinen Heller
von Euch nehmen, selbst wenn Ihr mir
ihn aufdrängen würdet. Alle heiligen
Amtsverrichtungen will ich ohne Last für
Ench verwalten Nun hatte er bereits
einen großen Theil gewonnen, was aller
dings kein gutes Licht auf die damaligen
Zustände wirft und seine Predigt fand
einen günstigen Boden. Als er nun
aber mit glühender Liebe und begeisterter
Rede dem armen Volke die Wahrheiten
seines einstigen Glaubens wieder auf's
Neue vorstellte, als er überall persönlich
lindernd, tröstend und helfend auftrat,
da hatte er bald Aller Herze« gewonnen.
Ja, selbst viele protestantischen Prediger
schlössen sich wieder der Kirche au und in
kurzer Zeit waren 26 Dörfer ohne
Zwangsmittel wieder katholisch.
Nun suchte Spee auch die Stadt zn ge
Winnen, in welcher die neue Lehre bereits
tiefere Wurzeln geschlagen hatte, und wo
deßhalb der Widerstand heftiger und
stärker war, als auf dem Lande. Allein
Spec's begeisterten und herzlichen Wor
te« konnten besonders die Frauen die
vorher am meisten gegen seine Bestrebun
gen gewesen waren, nicht lange wieder
stehen sie gaben ihr Gemüth und Herz
einer Lehre gefangen, die solche Glau
beusboten zu schicken hatte. Um die theil
weise noch widerstrebenden Männer dem
alten Glauben wieder zuzuwenden, erließ
der Kurfürst ein Gebot, wonach nur
Katholiken in den neuen Stadtrath ge
wählt werden sollten. Spee hatte das
selbe nichts weniger als gewünscht, den
noch sollte er für seinen Fürsten büßen,
da man ihn für den Urheber dieser Maß
reget hielt.
Am 29. April 1629 ritt Spee in der
Morgendämmerung nach dem bei Peina
gelegenen Woltrop, um dort die heilige
Messe zu lesen. Der einsame Pfad dahin
führte ihn durch sumpfige Haiden, die
durch einzelne Tannenbüsche durchzogen
waren. Noch trennte ihnein solcher Busch
vom Ziele seiner Reise, als ihm plötzlich
ein bewaffneter Reiter entgegen sprengte
und unter den heftigsten Schmähungen
die Flinte auf ihn anlegte. Spee ahnte
die Absicht und, da jede Umkehr unniög
lich war, empfahl er sich dem Schutze der
heil. Jungfrau und gab seinem Pferde
die Sporen, um zu entfliehen. Der
Meuchelmörder schoß auf ihn, aber nur
das Pferd Spee's stürzte vor Schrecke»
zu Bode». Zwar gelaug es Spee, mit
dem Pferde wieder aufzukommen, allein
sein Feind schoß nun aus nächster Nähe
wütheud eine zweite Kugel auf ihn ab,
die ebenfalls ihr Ziel verfehlte. Nu«
entspann sich ein Wettritt, denn Spee
suchte imGalopp zu.entrinnen sein Mör
der, ihn zu erschlagen. Derselbe umkreiste
unter fortwährenden Schwerdt- und
Kolbenhieben sein Opfer, das sich trotz
aller Schmerzen im Sattel hielt und eud
lich das Dorf erreichte. Aus sechs Wun
den am Kopfe und zweien an der Schul
ter blutete der edle Manu.
Ein Freund Spee's, der bekehrte pro
testa »tische Prediger Tyle lief ihm wei
nend entgegen. „Was ist geschehen?"
rief er aus „Gott, welch' ein Un
glück Spee befahl nichtsdestoweniger
zur Messe zu läuten und bat nur um et
was Wasser. Herr Tyle wusch die Wim
den aus, schnitt mit einer Scheere die
Hautfetzen ab, welche über das Gesicht des
Paters herabhinge» und suchte das
Blut zu stillen und die Wunden zu ver
binden. Trotz der fürchterlichsten
Schmerzen ließ sich 54.10c aus die Kanzel
führen. Lautes Weinen erscholl, als die
guten Leute ihre» geliebten Missionär in
diesem Zustande, mit Blut bedeckt da
stehen sahen. Spee las das Evangelium
des Tages vom guten Hirten und dein
Miethlinge vor und begann dann:
„Meine liebste» Kinder, nun urthcilt selbst,
ob ich ein guter Hirte ober ein Miethling
bin. Die Merkmale eines getreuen und
liebenden Hirten trage ich an Stirn und
Schläfe". ... Weiter vermochte Spee
nicht zu rede», er mußte sich auf die Brü
stung der Kanzel stützen und bat dann,
das Lied „Großer Gott, wir loben Dich"
zu singen und für seine» Mörder 5» bete».
Allein nur Schluchzen und Weinen ant
wortete ihm da rief er dent Sacristan zu:
„Ei, so fang' doch an!"— nnd als den
noch Alles schwieg, rief Spee nochmals
„Wann fängst du an, finge, finge aus
voller Brust!" nnd brach ohnmächtig zu
sammen. Man erfüllte den Wunsch
Spee's und trug ihn unterdessen von dir
Kanzel herab.
Als er wieder zu sich gekommen war,
verlangte er nach Peina in Ermangelung
anderer Transportmittel band man ihn
aus ein Pferd und die ganze Gemeinde
begleitete ihn bis zur Grenze, wo er sie
zurücksandte. Nur der Herr Tyle mit
eittem langen Feuerrohr und einem un
geheuren Schwerte bewaffnet geleitete
seinen Freund uud setzte ihm seinen eige
nen Hut statt seines verlorenen auf.
Gerade, als in Peina die Hochmesse zu
Ende war, kam Spee mit feinem Beglei
ter an anfangs lachten die Leute über
den baarhäuptigeu, so seltsam bewaffneten
Herrn Tyle, als sie aber ihren geliebten
Missionär sahen, da entstand allgemeine
Trauer. Man pflegte ihn mit aller nur
denkbaren Sorgfalt und ließ Alles, was
ihm Linderung verschaffen konnte, herbei
kommen aber Spee bat, ihn nach Hildes
heimzju bringen, damit er, wenn es Gottes
Wille sei, im Kreise seiner Brüder sterbe.
Im Wagen des Droste von Meudt brachte
die ganze Gemeinde den Scheidenden
unter Thränen fort und manches hart
nackige Gemüth wurde jetzt erst völlig ge
brochen. „Glaube und Liebe hatten ge
siegt, und waZ die Strenge des Fürsten
und die milden Ermahnungen des Mis-
Ohio Waiscnfreund. 3.
sionärs nicht vermocht hatte« das ver
mochte das vergossene Blut. Alle er
kannten, daß »itr im Garten der katho
lischen Kirche solche Blumen der Andacht,
der Liebe und des Seeleneifers erblühen."
Fast drei Monate schwebte Spee in
Hildcsheint zwischen Leben und Tod, doch
sollte er noch mehr zur Ehre Gottes wir
ken und er wurde wieder gesund. Mit
lautem Jubel wurde er in Peina empfan
gen und vollendete daselbst seine Wirk
samkeit. Dann solle er sich in dein un
fern gelegenen alten Kloster Corvey, des
sen Prior ein naher Verwandter von ihm
war, völlig erholen. Mit Schmerzen sah
Spee den Verfall des klösterlichen Lc
bcits die Crdeiislcute verdienten diesen
Namen nicht mehr, so sehr waren sie ver
weltlicht. Spee eibot sich die Erlaubnis
zur Ahhaltung von E^ertieu und siehe'
fast Alle besserten sich legten eine Ge
neralbeichte ab und befolgten mit neuem
Eifer ihre heilige Regel, um ihr nicht wie
der untreu zu werden.
Leider verstattet uns die Zeit hier kein
Eingehen auf Spee's dichterische Thätig
keit iit den nun folgenden Jahren wir
wollen vielmehr sein Wirken als Missio
när weiter verfolge». Nachdem er in Fal
ken Hage», in der Nähe von Corvey, afc
Seelsorger dann in Köln als Lehrer der
Moral segensreich gewirkt hatte, finden
wir ihn im Jahre 1633 in Trier mit dich
terischen Arbeiten und mit der Seelsorge
beschäftigt. Im Jahre 1635 wollten die
toranzosen, in deren Hände die Stadt
gefallen war, die Pa teres Jesuiten alt?
national und „gut kascrlich Gesinnte" ver
treiben. Es war in der Nacht de* 25.März
163,), als alle Mitglieder des Je suite»
Collegium* zn^Trier auf den Kniceit vor
dem Sanctissimum lagen um Rei
tling im» der drohenden Gefahr zu er
flehen, da ertönte plötzlich Kriegslärm in
den Straßen, die Franzosen waren von
den Deutsche» überfallen und überrum
pelt und dadurch die Stadt befreit uud
die Jesuiten gereitet. Im Grane» der
Dämmerung sah ma» plötzlich unter den
Kämpfenden einen Priester im schwarzen
Kleide, der bald die Verwundeten aussei
neu Schultern forttrug und ihre Wunden
verband, bald die Sterbenden mit einem
frischen Tranke labte und ihre letzt Beicht
hörte, hier die Unschuld vor Miß
handlung, dort den Bürger vor Plün
derung schützte, überall als ein Engel des
Trostes htätig es war Friedrich von
i^pec. Er erwirkte es, daß seine Feinde
und Verfolger, fünfhundert gefangene
Franzosen, die mehrere Tage ohne Pflege
im Kerker schmachteten, in die^ Heimath
entlassen wurden ja noch mehr, er saut-*
titelte für sie Gaben, um sie zu kleiden!
und sorgte für ihre Pflege, so daß sie reich
lich mit allein Nöthigeu versehen, ihre
Heimath abreisten. Als sie fort mareiiu
widmete er seine ganze Thätigkeit den
Hospitälern, in welchem ein pestartige*
Fieber viele Menschen wegraffte. Spee
that, je nach Bedürfnis alle, ja selbst die
niedrigsten Dienste so trug er für die
Kranken Wasser aus dem Stadtbrunnen
herbei, besonders aber 'spendete er geist*
licheHilfe und versöhnte manchenSüuder
vom dem Tode mit fernem Gott. Doch
nicht lange ertrug Spee solche Anstreng
gnngett, auch ihn warf die Seuche dar
nieder und inmitten seiner Brüder ent
schlief er sanft am 7. August des Jahres
1635 im Alter von 44 Jahren.
»I, W!
Die sayrische Frau eines Arztes
gab ihrem Mann den Rath, den Leichen
begänguissen seiner Patienten nicht beizu
wohnen, da dieses gerade so ausschaue,
als ob ein Schneider einen selbstverfertig
ten Rock dem Auftraggeber abliefere.

Friedrich von Spec.

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