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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, July 22, 1874, Image 3

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Der Missionär P. Gawronski.
Es war ungefähr im Jahre 1843 als
ich auf meinem in dem ruthenischen Theile
«Galiziens gelegenen Landsitze in ein
Schreiben des lateinischenPfarrers von***
zu dessen Diöcese die lateinisch-christliche
Bevölkerung meines Gutes gehörte, er
hielt, worin er mir anzeigte, daßderPrie
jster Gawronski, der von der Regierung
ifcie Erlanbniß erhielt, die in Ruthenien
zerstreuten und von ihren respektiven
Pfarren entfernten polnischen Bauern
familien in kirchlicher Mission behufs
«einer religiösen Belehrung zu besuchen,
nächstens auch in mein Territorium ein
kehren und daselbst seine Missionsarbeit
beginnen werde. Eine solche anßerge
wohnliche Erscheinung, die meines Wif
-fens hier früher nie stattgefunden, mußte,
eben wegen der Seltsamkeit, verschiedene
tranken erwecken, wovon der glimpf
lichste indem Träger einen blinden Faua
titer darstellte. Die Anstalten zu seinem
Empfange waren gemacht ein Hinterge
danke jedoch, den vielleicht zu' weit ge
triebene Porsicht eingab rieth auch für
-eine gewisse Überwachung des jsosder
Haren Gastes zu sorgen. Tage und
Wochen vergingen der Missionär ließ
sich nicht sehen, der Glaube, daß er
vielleicht aus Ursachen, welche das hier
stets wach erhaltene Mißtrauen jeder
nicht normalen Erscheinung so bereitwillig
fnbstitnirte höhern Orts verhindert,
•nicht mehr ankommen werde, nahm im
mer mehr überhand und schien sich be
Wahrheiten zu wollen. Da wurde mir
•eines Tages Jemand gemeldet, der mich
zu sprechen wünscht. Meine Aufforde
rung, hereinziitreieit, blieb lange erfolg
los ich trat demnach hinaus. Au der
«Eingansssthüre des Vorzimmers stand
eine kleine gebückte Gestalt, angethan in
ein schwarzes, ziemlich abgetragenes prie
österliches Gewand. Stellung, Geberde
und Ansehen machten mir glauben, ein
Mitglied der barmherzigen Brüder stehe
in Angelegenheiten seines Klosterspitals
wor mir. Erst als wir eingetreten waren,
erfuhr ich, daß es der Missionär Gaw
\rotisfi war. Kalt und mit etwas gedämpf
•ter Stimme machte er mich mit dem
Zwecke seines Hierseins bekannt, wies ent
.schieden alle Erfrischungen, die man in
'Galizien fast jedem angekommenen Gaste
zu bieten Pflegt, ab, wollte eben so wenig
to on der für ihn bereit gehaltenen Woh
nung Gebrauch machen, indem er bei einem
Bauer schon aufgenommen sei, und ent
tftrnte sich ebenso anspruchslos und Be*
scheiden, ja demiithig, möchte ich beinahe
•jagen, aber auch kalt, wie er gekommen
•war, und ohne länger, als gerade zu die
.sen Verhandlungen nöthig gewesen ist,
jich aufgehalten zu haben. Dieser erste
Eindruck war nichts weniger als günstig
ich erfuhr, daß er auf einem gewöhnlichen
Bauernwagen angekommen sich zu dem
ersten Besten Banern lateinischer Konfes
sion habe fahren lassen und sich von die
fem einen Winkel in der Scheune und da
ritt ein wenig Stroh zur Lagerstätte aus
bat, das er mit einem einfachen Kotzen
Überdeckte. Außer diesem und einem ganz
kleinen Reifekoffer hatte er nichts mehr.
Zur Nahrung verlangte er etwas Milch
und dasselbe Brod, das im Hause geBa
den wird und das wahrlich nur von dem,
der von Jugend auf att nichts' Besseres
gewohnt ist, verzehrt werden kann. Bei
des aber gegen eine angemessene Ent
fchädigung. Seine erste Frage war nach
den Kindern, nach Zeit und Ort, wann
und wo sie ohne Abbruch ihrer Befchäfti
(jung getroffen oder um ihn versammelt
werden könnten dann besuchte er die
polnischen Familien und blieb lange in
ihren Hütten, und überall wo er einkehrte
ließ er Freunde und Freude zurück.
Kaum verging ein Tag als schon im
ganzen Dorfe, selbst unter der rutheni-
fchen Bevölkerung, die bekanntlich der
griechisch'Uiiirten Kirche angehört, sich
eilte freudige Regung bemerkbar machte.
Jedes sprach mit einer gewissen Weihe
von dem neuen Gaste, sein Lob quoll von
allen Lippen, es war in der That wie ein
wohlthätiger Zauber, der mit seiner Nähe
Alle überkam. Die Freundlichkeit, die
er in den Hütten der Armuth entwickelte
und die ihm so schnell alle Herzen gewann,
pikirte mich, hatte er doch mein herzliches
Entgegenkommen kalt und theilnahmlos
erwidert. Sollte dieß, dachte ich bei mir,
die Maske sein die sich ein unversöhn
licher Demagog umhängt, um das Land
volk bearbeiten zu können? Oder ist's
ein lichtscheuer Fanatiker, der instinktartig
eine nähere Berührung mit mir scheut?
Ich beschloß der Sache auf den Grund zu
kommen. Ich lud ihn zur Tafel und be
auftragte mit dieser Einladung einen Be
amten, dem ich an's Herz legte, sich auf
feinen Fall abweisen zu lassen. Der Mis
sionär kam sein dießmaliges Erscheinen
war von seinem ersten in nichts verschieden,
nur sprach er mehr, auch nahm er den
ihm an der Tafel angewiesenen Ehrensitz
ohne Anstand, an aber er berührte die
Speisen nicht. Er faste heute, war feine
Ausrede, doch fei er gekommen weil er
mir nicht gerne etwas abschlagen wollte,
oder eigentlich, weil ich es gewuuschen.
Sein Gespräch verrieth einen Weltmann,
der die Falten des menschlichen Herzens
und den Gang des Lebens kennt, seine
Ansichten waren praktisch Allem, was er
vorbrachte lag eine tiefe Kenn tu iß und
richtigeWürdiguug der menschlichenDinge
und der jetzigen Weltverhältnisse zu
Grunde aber all' mein Bestreben,
ihn einzunehmen, war erfolglos, er blieb
kalt und zurückhaltend, nahm jedoch
mein wiederholtes Anerbieten, bei uns zu
wohnen und an meinem Tische wenigstens
zu sitzen, att in der Folge erfuhr ich,
daß er das Opfer meinen Kindern brachte
denn seine Bemühungen wären vorzüglich
der Jugend zugewandt, mit der er sich
auch beinahe ausschließlich beschäftigte.
Er versammelte die Dorskiitder nach voll
brachter Tagesarbeit, also Abends, um
sich, und es war in der That ein erheben
der Anblick, wie diese Kinder, die Tages-
mühen vergessend, die halben Rächte
hindurch begierig seinen Lehren lauschten,
und wie sein Wort lebendig in ihnen war.
Er pflegte in jedem Orte eines der ge
schicktesten auszusuchen und lehrte es lesen
was ihm auch immer im Verlaufe von
einigen Wochen gelang. Dieser Knabe
wurde dann in der von ihm organisirten
Schule der Lehrer, dem er die Fürsorge
Über seine Pflanzung überließ, wenn er
weiter zog, denn nie blieb er über einige
Wochen an einem Orte. Er theilte un
ter das Landvolk von ihm verfaßte leicht
faßliche Lehrbücher und eine Art Kalen
der aus. Der Lehrmeisterknabe hatte die
Misston, nicht nur mit der andern Ju
gend an Sonn- und Feiertagen die em
pfangenen Lehren zu wiederholen und
ihnen zum Lesen der erhaltenen Katechis
men anleitend behilflich zu sein, er sollte
auch den Familien selbst den Inhalt der
Bücher erklären und über alle Fortschritte
und Rückgänge genaue Register führen,
um sie bei der Wiederkehr des Missionärs
vorweisen zu können. In den Gebirgs
Legenden,
wo die Dorfhütten nicht wie
in der Ebene in einem Kranze beisammen,
fondern vereinzelt weit weg von einander
stehen, wo also eine solche Vereinigung
der Kinder am Abende nicht leicht möglich
ist, dort sucht sie der Missionär auf den
Triften der Berge, wo sie das Vieh wei
den auf und bringt ganze Tage, ihre
Beschäftigung theilend und sie dort be
lehrend, mit ihnen zu.
Die große Wichtigkeit feiner Mission
wird aber erst begriffen, wenn mcn die
Zustände der lateinischen Christen in dem
ruthenischen Theile Galiziens kennt. Au­
ßer in den Städten und in einigen Ort
schaften ist hier die polnische Bevölke-"
rung auf den Dörfern fehr sparsam zwi
fchen den Ruthenen zerstreut, daher es
kommt, daß ein polnischer Pfarrbezirk
fehr weit und breit ausgedehnt ist, zu
dem aus manchem Dorfe drei oder vier
Familien nur gehören, die zumal, wenn
sie weit abliegen, von ihren Seelsorgern
kaum erreicht und notwendiger Weise
vernachlässigt werden als Polen gehen
sie zwar in die ruthenischen Kirchen, aber
nicht in den ruthenischen Religionsunter
richt, ünd verwildern, sich und ihrem In
stinkte Überlassen. Besonders ist dies im
Gebirge der Fall, wo es nicht selten vor
kommt, daß nicht nur die Gebete, son
dern selbst die Religionsbegriffe nicht be
kannt sind, und sich die Menschen im
rohem Naturzustande befinden. Die la
teinische Pfarrgeistlichkeit hat weder Zeit
noch Beruf, ihre Pfarrkinder auf diesen
entlegenen Orten aufzusuchen und im
Glauben zu erziehen die uithcitische jener
Orte aber fühlt gegen diese keineBerpflich
tuugen und ist tnit eigenen Angelegen
heiten und ihrem Winhschastsbctriebe zu
sehr sehr in Anspruch genommen um
selbst ihren eigenen Berufspflichten gegen
die eigenen Pfarrkinder gehörig nachzu
kommen was auch bei der ungemeinen
Entfernung der Dorfmohituitgett von
einander in der That äußerst schwierig ist
Es herrscht auch tief in den Karpathen
entsetzlicher Aberglaube. Haben sich doch
selbst in abgelegenen Thalgegenden noch
bis tief in die 30ger Jahre die Hexen
proben erhalten, die darin bestanden,
daß man die dessen verdächtigten weibli
che» Personen in's Wasser tauchen ließ
u. dgl. m., was selbst in meiner unmittel
baren Nachbarschaft eine Meile von der
Kreisstadt entfernt, sich.zutrug.
Ein wahrer Apostel zieht nun der Mis
sionär durch diese Gebirge mit dem An
fang des Frühlings, um in den rohen
menschlichen Gestalten das Wort Gottes,
das Licht der Aufklärung zu erwecken und
sie zu Menschen zu machen mit der An
näherung den Herbstes der viel früher
in den Gebirgen beginnt, steigt er in
die Ebenen nieder und sucht die von ihren
Pfarren entferntesten Orte und darin die
verwahrlosesten Christen auf. Freilich,
was kann hier ein Einziger thun? und
Missionär Gawronski steht ganz allein
und ohne Nachahmer. Aber man muß
diese kleine, gebückte, unansehnliche, ja
demüthige Gestalt nur einmal auf dem
Predigtstuhle sehen, seine im gewöhnlichen
Leben gedämpfte Stimme herab von der
Kanzel hören! Man traut den eigenen
Ohren nicht. Ein begeisterter Prophet
steht verklärt vor uns, feine Stimme
dringt wie der Donner tief ergreifend in
das tiefinnerste Wesen, und die Zuhörer,
erfaßt voneiner unsichtbaren unwidersteh
lichen Gewalt, hotchen mit feuchtem Blick
dem lebendig gewordenen Worte. Nie
werde ich vergessen, welchen Eindruck seine
Predigten auf mich gemacht, nie den ich
am Antlitz der Umstehenden sah Nur
wer dieses sah und an sich erlebte, kann
die Wirkungen dieses Mannes so
vereinzelt er auch dasteht begreifen.
Ich habe ihn im Jahre 1849 im Franzis
kanerkloster in Lemberg, wo er die Win
termonate zuzubringen pflegt, besucht die
ganze Einfachheit und Bedürfnißlosigkeit
die er auf feinen Reisen zur Schau trägt,
fand ich in feiner Zelle wieder. In Er
manglung eines Stuhles fetzten wir uns
auf Bücher, die überall herumlagen, und
außer dem Unentbehrlichsten das einzige
Ameublement ausmachten.— Man glaube
aber ja nicht darin die gewöhnliche Folge
der Armuth zu sehen. Freilich hat er
nichts, weil er Alles Bedürftigen gibt,
aber zum Geben hat er immer und oft
auch viel, weil durch feine Hände der
Reichthum der Armuth Trost und Linde
rung zuschickt. Ich selbst bat ihn, als er
Ohio Waisenfreuud. 3.
meinenLandsitz verließ, für denReligions
Unterricht,
den er täglich durch zwei
Stunden meinen Kindern ertheilte, ein
kleines Reisegeld wenigstens und das
Bettgewand, das er benützte, für feine
Gebirgsreisen ein notwendiger Artikel,
anzunehmen. Er gab meinen Bitten
nach, aber er brauchte weder das eine noch
das andere für sich. Nur um mir wohl
gefällig zu sein, ließ er das Bettgewand
während seines Hierseins bei Tage auf
dem Bette, gebrauchte es aber bei Nacht
nicht, er verschenkte es an eine arme, einst
wohlhabende Familie, und mit dem Gelde
that
er
dasselbe.
Und ein Fanatiker ist dieser Mann
nicht. Er besitzt ein tiefes und gründ
liches Wissen, und nicht in der kirchlichen
Dogmatil allein. Das Buch des Lebens
ist vor feinen Augen aufgethan, und er'
versteht es darin zu lesen. Ich habe
Nächte mit ihm durchgewacht, ich bin
reiner, geläuterter geworden. Ich mußte
nicht, ob es Sokrates, ob Pluto oder ein
Priester des Herrn ist, aber ich wußte,
daß ich mich in der Nähe eines höhern
Wesen befinde.
Die Tage, die er in meinem Hause zu
brachte, sind wie ein Lichtpunkt in mei
nem Denken, Seit eine wohlthätige, aber
außerordentliche Erscheinung zurückgelas
sen und diese gebrochene Gestalt steht
hochaufgerichtet ttitd ruhig in die Wol
ken reichend, vor meinem geistigen Auge,
von dem sie machen trüben Wahn tier
scheute.
Gawronski gehört keinem Kloster,
keiner Kongregation, keiner Körperschaft
ein, er ist einfach ein Priester, und zwar
ohne irgend eine feste Stellung, was man
gewöhnlich so zu nennen pflegt. Seine
außerordentliche Erscheinung, die wohl
ait die ersten Christen errinert, hat ihm
eitt unbegrenztes Vertrauen der Kirche,
der Regierung und die Herzen Aller, die
ihn kennen, für immer gewonnen.
Auf einen Sonntag Morgen wäh
rend de| Krieges von 1812 sprengte ein
Courier auf schaumbedeckten Pferde in ein
Dorf in einem der New England Staaten
und verkündete den-Bewohnern, daß die
englische Armee int Anmarsch aus Wash
ington begriffen fei. Der Courier war an
einer Kirche, in der Gottesdienst abge
halten wurde, vorbeigeritten und der Pre
diger hatte nichts Eiligeres zu thun, als
das Gotteshaus zu verlassen und die Ver
Haftung des „Sabbathschänders„ anzu
ordnen. Tages darauf wurde der Courier
wegen „EntHeilung des Sabbaths" pro
zefsirt. Seine Verurtheilnng ober Frei
sprechung hing von der Beantwortung
der Frage ab, ob fein Ritt von der
Notwendigkeit geboten war ober "nicht.
Das höchste Gerichtstribunal fällte dann
auch folgende Entscheidung: Wenn der
Courier in öffentlichen Angelegenheiten
in vollem Galopp dahin sprengte, ohne
in sein Horn zu stoßen, so sind die ankla
genden Diakone im Unrecht blies er
aber während seines Rittes das Horn, so
muß er sowohl für einen Friedensstörer
als auch für einen öffentlichen Sünder
angesehen und demgemäß bestraft wer
den.
Josie, vergiftet auf Befahl desStadt
raths am 5. Juli 1874, lautet auf einer
Grabstätte zu Paris Ky., die Inschrift
eines Grabsteines, unter der ein Hund
liegt.
E i n s e e n e s S i e a e n
junge Damen in Illinois erfunden um
ihren Picnics ein erhöhtes Interesse zu
verleihen. Ein Silberdollar wird auf
denBoden einesTellers gelegt und zolldick
mit Syrup Übergossen. Den jungen
Herren aus der Gesellschaft fällt nun die
Aufgabe zu diesen Dollar mit den Z(ih
nen aus dem Trüben zu fischen,

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