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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, May 19, 1875, Image 2

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2. OhigZWaisensreund.
Die blivde
Von A.' Brecciäni.
Fortsetzung.
Am folgenden Morgen trat in der
Frühe schon Lie Kammerfrau in mein
Zimmer ttnfc sägte zu mir: Schnell,
gnädiges Fräulein, der Vater erwartet
Sie in ein cm Arbeitszimmer!
O! sagte ich, während ich erwachte
mein Vater?
Und alsbald umfaßten meine Gedan
ken das Ereigniß vom vorigen Abend
ich fing daher am ganzen Leibe zu zittern
an und hatte nicht mehr die Kraft, allein
aufzustehen. Die Kammerfrau half mich
ankleiden und als wir zum Oberkleide
kämmen, brachte sie mir ein schweres,
grauseidenes Kleid.
Aber das ist'ja ein Reisekleid! sagte
ich zu ihr.
Ziehe» Sie es nur an erwiderte
sie und während ich es vorne zuknöpfte,
zog sie aus dem Schranke meinen Mar
derpelz. Ich ging zu meinem Vater hin
unter todtenbleich. und meine Knie
schwankten. Der Vater wünschte mir
nicht guten Morgen, noch küßte er mich
wie sonst auf meine Stirne, worüber
ich ganz bestürzt war, und meine Augen
nicht aufzuschlagen mir getraute.
Komm' mit mir! sagte er strengen
Tones zu mir und ohne die Mutter,
noch den Bruder begrüßen zu können,
stieg ich mit ihm die Treppe hinunter
unten erwartete uns der Wagen. Mit
uns stieg auch die Kammerfrau ein und
wir fuhren nach Upsala wo der Vater
am Meeresufer eine hübsche Sommervilla
besaß. Während der ganzen Fahrt wurde
kein Wort gesprochen, und als wir bei der
Villa angekommen und ausgestiegen
waren, stand bereits das Frühstück da,
welches die Diener bereitet hatten,, indem
der Vater dieselben noch in der Nacht da
hin geschickt.
Während die Gerichte auf dem Tische
standen und die Bedienten sich entfern
ten um den Kaffee zu besorgen, drückte
jenes Schweigen mit Bleigewicht auf
meine Seele, und ich glaubte sterben zu
müssen Plötzlich schlage ich die Augen
zum Antlitz meines Vaters auf, der mich
überaus zärtlich liebte, und als ich seine
so finstere Miene sah brach ich in das
heftigste Schluchzen aus der Vater war
bewegt, und mir schien, als stehe auch ihm
eine Thräne im Äuge, die er mit Gewalt
zurückdränge. Nachdem wir den Kaffee
getrunken und die Diener sich zurückge
zogen hatten, rief der Vater meiner Kam^
merjungfrau Hedwig, und indem er sich
zu mir wandte, sagte er:
Dieses Schloß und dieser Park, der es
umgibt, sind die Grenzen, die Ihr nicht
überschreiten werdet. Hedwig, Sie ha
ben mich verstanden? Und wenn Ihr
den Park betreten möget, werdet Ihr
nie allein sein, sondern Canut, der alte
Jagdhüter, wird Euch begleiten.
Mit diesen Worten erhob er sich, um
sich hinib zum Wagen zu begeben. Ich
wollte mich zu seinen Füßen werfen,
seine Knie umschlingen und rufen:
Ach mein Vater, verzeihen Sie mir!
Es war aber nicht möglich wie er
starrt saß ich da und ließ ihn gehen, ohne
daß' ich den Mund öffnen konnte.
Mein Vater kehrte nach Stockholm
zurück und forschte über Ratislaus nach
Niemand konnte ihm sagen, wer er wäre
woher er kam wer seine Familie sei,
welche Verwandtschast er habe, weshalb
er n ich Schweden gekommen sei? Er
stand mit den Großen auf vertrautem
Fuße, lebte flott und prunkvoll und spielte
in den öffentlichen Spielklubs überaus
hoch, wobei er gewöhnlich bedeutende
Summen gewann. Irgend ein Gesand
ter flüsterte meinem Voter in's Ohr:
er 'vi eines ber Häupter des deutschen
Jlluminatismus it. werbe für diese Sekte
Andere behaupteten, er sei ein berühm
ter preußischer Flüchtling und wegen gar
schwerer Staatsverbrechen zum Tode
iirthcilK .— Alle diese Dinge beifügten
den Entschluß meines Vaters, sich ent
schieden einer Heirath zwischen ihm und
mir zu widersetzen.
Ich lebte in Upsala in tiefte Schrieb
muth dahin und mich ergötzte nichts
mehr, weder das Clavierfpielen, noch das
Zeichnen, wofür ich vorher leidenschaftlich
eingenommen war, und ich malte Land
fchaften schöner und anmuthiqer, als
vielleicht jedes andere adelige Fräulein
Stockholm's dagegen las ich jetzt leiden
schaftlich gern Romane, die ich in dem
Zimmer meiner Mutter gefunden und
welche das Feuer meiner Neigungen nur
noch mehr entflammten und meine Ein
bildungskraft mehr und mehr erhitzten.
Wenn die Mütter wüßten, wie diese ver
führerischen, in die Hände ihrer Töchter
fallenden Bücher den Geist und das Herz
derselbe« verderben, so Hutten sie, glaub'
es mir, Nuiizuttina nicht so viele gefal
lene Seelen die vor der Lesung solch
giftiger Bücher nöch rein und unschuldig
gewesen, nicht so viele unheilvolle Ent
schlüsse, nicht so viel Schande Und aller
bitterstes Leid in ihren Familien zu be»
weinen, die ohne jene verderbenbringen
den Romane geehrt und glücklich sein
würden!
Jeden Morgen kam auf die Wiese,
welche das Schloß umgab eine Hirtin
von fünfzehn bis sechszehn Jahren und
führte fünf Schaafe zur Weide mit sich
ich fand Wohlgefallen an ihr unt da
sie arm war, gab ich ihr manches Stück
Butterbrod von meinem Frühstücke.
Ein- Monat floß bereits dahin feit ich
in dieser Einsamkeit lebte da zog eines
Morgens die kleine Hirtin in dem Augen
blicke, in welchem ich ihr das Brod gab,
ans ihrer Tasche ein Briefchen hervor,
das sie mir überreichte. Ich fühlte mein
Herz fo heftig pochen, daß es mir fast den
Athem benahm und als ich mich über
ein Kleines wieder erholt, fragte ich sie:
wer es ihr gegeben hätte Sic erwiderte
ein junger Herr, dem sie außerhalb des
Parks begegnete. Dies war kein Ande
rer, als nur Ratislaus, der mit weni
gen, aber glühenden Worten mich einlud
meinen Verbannungsort zu fliehen und
bei ihm mein Glück zu finden. Ach,
Nunziatina, wie lassen sich nicht manch,
mal unkluge Mädchen von gewissen ver
führerischen Worten, die ihr Herz entzün
den, hinreißen und bewältigen! Jene
Phrasen von Gattin glücklich tttid
ich werde dich ewig lieben! ver
drehen ihr Gehirn und stürzen sie in den
Abgrund des Verderbens!
Ich fragte die junge Hirtin ob jetter
Herr auf Antwort warte und sie entgeg
nete mit: Ja! Ich eilte auf mein
Zimmer und schrieb mit Bleistift: Ich
komme sage mir, wo und wann?'—
Das Mädchen überbrachte ihm rasch diese
Antwort, und Ratislaus erwiderte ihr,
indem er ihr ein kleines Trinkgeld schenkte
sie solle ihn morgen um die nämliche
Stunde daselbst erwarten. Ich brachte
jenen Tag und jene Nacht in einer ün
sagbaren Herzensaufregung zu, indem ich
äußerlich Ruhe heuchelte, weil meine
Kammerjungfrau stets in meiner Nähe
blieb. Als der Morgen angebrochen,
wartete ich auf der Altane, indem ich
that, als läse ich aufmerksam, während
die Kammerjungfrau dasZimmer ordnete
kaum vernahm ich jedoch das Pfeifen des
Hirtenmädchens, das sich mit feinen fünf
Schafen zeigte, da eilte ich hinunter, gab
ihr das Brod und erhielt den Brief!
Diese Zeilen waren mein Todes»
urtheil! In diesen Zeilen beschrieb mir
Ratislaus die Art, wie ich zum Meeres­
strande hinabsteigen soke, er selbst werde
am Ufer unte« in einem Mhne mit zwölf
Rudern warten ein Dampfschiff stehe,
bereit, nach Hamburg abzusegeln bort
würden wir uns alsogleich verheirathen.
Das Packet, welches er mir durch die
Hirtin übersandte, enthielt eine seidene
Strickleiter, um sie an meinem Fenster zu
befestigen und ohne Gefahr mit derselben
mich herabzulassen er selbst habe eitle
zweite, sehr lange bereit, welche von der
Höhe des Felsens, der in das Meer hin
ausging, mich in den Nachen hinimterge
leiien werde. Muth— lebe wohl!
Ich hatte mein Zimmer im Halbge
schoß. unter den Gemächern meiner Mut
ter und über den Sälen des Erdgeschos
ses und darum war die Höhe nicht über
mäßig. Meine Kammerjungfrau schlief
in einem Stübchen jenseits meines An
kleidezimmers. Als ich mich nach dein
Abendessen zurückzsg ließ ich mich von
ihr auskleiden und ging dann zu Bette
doch kaum hatte ich vernommen daß sie
selbst sich niedergelegt habe, so stand ich
leise wieder auf und zog mich ebenso im
Dunkeln an, um die Mitternacht zu er
warten. An jenem Tage hatte ich ge
nau nach den beiden Reibern gesehen,
welche die offenen Fenstern an die Mauer
klammern, damit der Wind sie nicht zu
schlagen kann, nnd ich sah daß sie voll
kommen in Ordnung geblieben. Und
gleichfalls suchte ich vorsichtig die Thüre
zum Ankleidezimmer zu verriegeln.
Obwohl der Thurm von Upsala unserm
Landhause ziemliH fern stand so hörte
man in der Stille der Rächt doch deutlich
Mitternacht schlagen.' Ich befestigte die
Hecken der Strickleiter am Rande des
Fensters und ließ dann die Strickleiter
hinunter sich ausdehnen die See war
ruhig und man fühlte nicht den leisesten
Lufthauch über die ruhigen und glatten
Fluthen des kleinen, unter dem Schlosse
liegenden Golfes hinziehen da seh'
ich plötzlich beim Schimmern der Sterne
den Kahn von Ratislaus um das Vorge
birge herumrudern. Furchtlos steige ich
die Strickleiter hinunter und in einem
Augenblicke steh' ich auf der Erde. Ein
Ruderer richtet am Felsen des Ge
stades eine Stange in die Höhe, einJunge
klettert leicht daran hinauf und oben
angelangt späht er nach einem starken
Halt, um die Strickleiter daran zu befe
stigen. Als dies geschehen war, stieg
Ratislaus an ihr empor, küßte mir die
Hand und hals mir mitten unter die
Matrosen in das Boot hinuntersteigen.
Indessen zog der Junge die Stange hin
auf, stützte sie an das Vorbrett meines
Fensters, nnd wie ein Eichhörnchen war
er im Nu oben er machte die Hacken der
Leiter los und blitzesschnell war er mit
der lseideneiHAtrickleiter unten. Auch
Ratislaus befand sich wieder in der
Barle der Junge löste nun auch diese
Leiter, ließ die Stange vom Felsen zum
Boot hinab und glitt rasch an derselben
herunter auf diese Weise blieb kein An
zeichen zurück, daß ich durch das Fenster
entflohen sei.""
„O.Gott!" rief Nunziatina, „welche
Gefahren, wenn man den rechten Weg
verläßt! Sie hätten bei diesem Wage
stück auch den Hals brechen können
„„Meine Freundin! ich brach,
in«ine
Ehre und verlor den Frieden auf immer,
betin von da ab zerfleischten Gewissens
bisse meine Seele! Ach eh' man den
Schritt zurMissethat tnhebt,inaU der böse
Geist, der uralte und immer neue Ber
solcher, in Rosenfarben das sündhafte
Unternehmen und zeigt auch Alles in
einem gar heiteren Lichte kaum jedoch ist
dieser unselige Schritt geschehen dann
verblassen die anmuthigst schillernden
Farben und erlischt das wonnige Licht,
und Nacht, Entsetzen und Todesschrecken
bleiben an ihrer Statt zurück!
(Fortsetzung folgt.)
Wasdi^ Kinderfeh^n können.
Hört- Kmder!eine, wunderbare Ge
Wichte! Iu der S5M B.- ist 'eine enge
Strafte, so eng, daß man von,dem einen
Haust fast zum andern hinüberreichen
kann. An dieser Straße-stand vor nicht
vielen Jahren eine alte, baufällige Mauer
die dem Einstürze nahe war. Eines Ta
ges nun ging eine Frau durch
diese Straße, die ein Mädchen von
5 Jahren an der Haiti) führte. Als sie
noch ungefähr 10 Schritte von jener al
ten Mauer entfernt waren, blieb das
Mädchen plötzlich stehen und starrte ge
rade vor sich hin, wie wenn es ein Ge
spenst sähe. Die Mutter rief ihm zu
„So komm' doch fort!" Allein das Kind
war wie angewurzelt und bewegte sich
nicht von der Stelle. „Was hast du
denn? So geh' doch zu!" sagte die Mut
ter ärgerlich. Aber sieh'! auf einmal
thats einen furchtbaren Krach Staub
wolken wirbelten empor! Die alte
Mauer war eingestürzt und hätte Mutter
und Kind erschlagen, wenn sie noch einige
Schritte vorwärts gethait hätten. Be
stürzt und todtenbleich nahm die Mutter
ihr Kind auf die Arme und eilte nach
Haufe. Hier kniete sie mit ihrem Mäd
chen vor das Crucifix nieder und dankte
Gott aus innigstem Herzensgründe für
die wunderbare Rettung. Httrauf fragte
sie das Kind, warum es mitten in der
Gasse aus einmal still gestanden fei. Da
sagte die Kleine: „Hast du ihn denn
nicht gesehen?" „Wen?" fragte die Mut
ter erstaunt. „O, den schönen weißen
Jüngling mit dem langen hellen Kleide:
hast du ihn denn nicht gesehen?" ant
»ortete das Mädchetv „Gerade vor mit
ist er gestanden und hat mich aufgehal
ten, daß ich nicht vorbei konnte." Als
die Mutter das hörte, fuhr ihr ein heili
ger Schauer durch das Herz. Mit Thrä
ttett in den Augen schloß sie ihr Kind in
ihre Arme, küßte es und sprach O glück
liches Kind! du hast deinen hl. Schutz
engel gesehen danke ihm von Herzen
und denke dein Leben lang daran, was
du ihm schuldig bist."
Lohn der Barmherzigkeit.
Im Dezember 1848 befand sich der Arzt ein
ueS kleinen Landstädtchens Abends noch an fei.
nein Arbeitstische, als es schon nahe an Mitter.
nacht gtttfl. Da wurde er zu einem sehr
gefährlich Kranken in einem eine Stunde ent
fernten Dorfe gerufen und fuhr mit seinem
Knechte sogleich hin. Ungefähr auf derHälfte de?
WcgeS wollte der alte Schimmel nicht mehr wei
ter der Knecht sah nach und fand einen Soldes
ten ganz erstarrt auf der Straße liegen. Der
Arzt nahm den Armen in die Kutsche und kehrte
eiligst nach Hause zurück. Wie erstauxte er aber,
als er seilt Haus schon von Weitem beleuchtet
sah! Er eilte mit seinem Knechte so rasch als
möglich darauf zu und hinein, indem er den
Soldaten in der Kutsche zurückließ: Dieser war
aber gerade zu sich gekommen das beleuchtete
Haus fiel ihm auch auf, et hörte wüstes Gepol
ter und ängstliches Wimmern, zog daher seinen
Säbel und ging hinein. Da stmb er den Arzt
und seinen Diener geknebelt am. Boden, die
Hausfrau und did Magd au? dielen Wunden
blutend wahrend drei Räuber damit beschäftigt
waren, die werthvollenHaliseligketten zusammen
zu packen. Ohne weiteres Bedenken zerschnitt der
Soldat die Bande dxS Arztes und de» Knechtes
und schlug einen der Räuber nieder, und da in«
zwischen auch die Nachbarn wach und auf den
Lärm im Hause des Doktors aufmerksam gewor
den waren, so kamen sie herbei Und brachten
Hilfe. Die beiden anderen Räuber wurden ge
Kunden, und aus ihren Aussagen stellte sich her
aus, daß sie selbst den Arzt MS dem Hause hat.
ten locken lassen, um in seiner Abwesenheit den
Einbruch zu verüben. Sti hätte die götjjicheBor
sehung den menschenfreundlichen Atzt beschirmt
und ihm Gelegenheit gegeben, christliche Barm
Herzigkeit an dem armen Soldaten zuüben, der
seines Wohlthäters Retter wurde.
»I
ES glchört zum Amte tit Priesters, zu
segne». Aber wir babeu kürzlich, selbst einen
Segen bekommen. Nachdem «in alte» Mütter«
che» die Sterbesakramente empfangen hatte,
sagte sie uns, daß wir sie Wohl nicht lebend
wieder sehen würden uud Wünschte dann, daß
Gott uns immerdar bewahren und un? ein
langes Leben schenken möchte. Wir sind recht
stolz auf diesen Segen des alten Mütterchen».

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