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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, December 22, 1875, Image 2

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2. Ohio Waisenfreund.
Des Kindes Keöet.
(Historische Erzählung.)
III.
A ö n u n s a e n
tDomeKwar
er Act derKrönung im Mailänder
vorüber. KaiserNapoleon
hatte aus den Händen des Cardinais
Caprera die alte eiserne Krone der Lom
bardei empfangen, in welchem Lande
fortan als fein Stellvertreter und Vice'
König seinStiefsohn EugenBeauharnais,
der Sohn seiner Gemahlin Josephine,
die Verwaltung führen sollte.
Eine prächtige Festtafel, an welcher
der gcsammte höhere Adel der lombardi
schen Hauptstadt theilnahm, folgte auf
allen Straßen und Gassen der Stadt
waren Buden und Lauben errichtet in
welchen der jubelnden Volksmenge der
feuerige Rebensaft Wälschlands und son
stige Erfrischungen gespendet wurden.
Damit der große „Ehrentag des'Casars"
auch durch die Kunst würdig gefeiert
werde, sollte am Abende eine große Fest.
Vorstellung
im Theater stattfinden bei
welcher Kaiser Napoleon mit all seinen
Marschällen erscheinen wollte.
Der große Mime Talma hatte zu die
ser Vorstellung eine Schöpfung des be
rühmten Corneille, den „Nikodemus", ge
wählt. Das Bild dieses seinem Schick
sale trotzenden Helden sollte am Abende
des Krönungstages dem Kaiser vorgeführt
werden, aber nicht im großen öffentlichen
Theater, welches Napoleon erst in den
nächsten Tagen zu besuchen gedachte, son
dern im großen grauen Saale des könig
lichen Palastes, wo Talma eine kleine,
aber prachtvoll ausgestattete Schaubühne
mit sammtblauen Vorhängen, auf denen
in reicher Verzierung das vielfach ver
schlungene große N im Goldglanz schim
merte, errichten ließ.
Die Uhren am großen Mailänder
Dome dröhnten die siebente Abendstunde.
Er war einer der schönsten Abende des
Frühlings Mailand, „die prächtige",
wie sie der Italiener nennt, lag da im
wunderbaren Dufte, die wie ein zarter
Schein'von durchsichtiger blauer Gaze
über die Ebenen gesponnen schien. Das
rauschende Leben auf den Straßen und
Plätzen der Hauptstadt hatte sich einiger
maßen gelegt jetzt lagen die ermüdeten
Hosianna-Rufer vom süßen Weindufte
betäubt da und dort in Gruppen halb
träumend den Klängen der Guitarre und
des Tambourins lauschend wie in einem
Bienenstocke summte und surrte es zwi*
schen den schattigen Alleen der Corso's
und öffentlichen Gärten, am weiten Him
melsplane sprang Stern um Stern her
Der, als wollte auch der große Hausherr
oben beleuchten zum Krönungsfeste, das
die Mailänder mit einbrechender Nacht
noch durch eine großartige Illumination
ler ganzen Stadt feiern wollten.
Da stand jetzt der stolze Cäsar als
cTrönter König Italiens, entkleidet von
der Last des goldenen Krönungsmantel,
unlet den Aüserwählten seines engsten
Cirkels im Saale des königlichen Pala
stes, und lehnte das von der schweren
Bürde der eisernen Krone gedrückte Haupt
auf den weichen dunkelblauen Sammt
des mit seinen großen königlichen Wappen
gezierten Lehnsessels über welchem hoch
oben an der Saaldecke Jupiter mit seinem
feurigen Blitz-Biindel auf seinen verkör
perten Doppelgänger im Kronsessel und
in den Nischen des Saales die lebens
großen Statuen der Viskonti, Sforza,
Medici und Doia aus die fremden Gäste
ihres Palastes herabblicken.
Hinter dem Kaiser und in einem kleinen
Halbbogen um ihn Herum saßen die
Offiziere des kaiserlichen General-Stabe«
die Nobili mit ihren in Gold, Perlen und
Diamanten prunkenden Frauen und im
Hintergründe und auf den Gallerien
drängten sich die Neugierigen aller vor
nehmen Stände, denen man den Zutritt
in dieser Halle der Kunst gestattet hatte.
Aller Augen waren auf den gewaltigen
Machthaber gerichtet, der, sonst gewohnt
an der Spitze der Armeen sein mächtiges
Commandowort zu rufen, in dieserStunde
vom Strahle der zahllosen Lichter an den
silbernen Lüstern und Leuchtern des
SaaleS umflossen, ruhig und schweigend,
wie ein steineres Götterbild in der Kunst
halle der Antiken dasaß und sein feuriges
Auge startr und unbeweglich auf den noch
herabgelassenen Vorhang der kleinen
Bühne gerichtet hatte auf welchem, ihn
gleichsam begrüßend, dasBild derSieges»
Göttin mit dem hoch erhobenen Lorbeer
kränze schwebte.
Dicht hinter demLehnsessel, auf welchem
der stolze Cäsar saß, standen neben seinen
Generalen vier vornehme italienische
Nobili im schönsten Nationalschmucke in
dunklen, mUEdelsteinen überfüllten Sam
metkleidern. Man hatte der italienischen
Nationalität geschmeichelt, indem man
diese jungen Adeligen auf ihren Wunsch
den Platz in der unmittelbare 11 Nähe des
Kaisers und des neuen Königs, gleichsam
als dessen nationale Leibgarde einneh*
men ließ.
Süßer Duft wohlriechender Rauchwol
ken durchwehte den Saal, und mit ihm
mischten sich die Wohlgerüche der präch
tigen Blumenflora, welche in großen Ala
bastergefäßen an den Wänden, in den
Haarflechten und an den Kleidern der
schönen Damen dieser Versammlung zu
schaue« war.
Jetzt begann das Orchester mit dem
sanftesten Adagio den Beginn der Fest
Ouverture anzuzeigen alle Blicke wen
deten sich nun der Bühne zu, auf welcher
vor Allem der große Talma hervortreten
und den Kaiser der Franzosen und den
neuen König von Italien mit einem
schwungvollen Festprologe begrüßen sollte.
Auch Kaiser Napoleon erhob jetzt sein
stolzes Haupt und blickte erwartungsvoll
dem Aufziehen des Vorhanges entgegen.
Die sanfte Musik ging allmälig in ein
lauteres, zuletzt rauschendes Allegro über
ein Tromvetentusch erfolgte, dann schallte
der gewaltige Pyramidenmarsch, als das
zweite Signal für das Oeffnen des Vor
Hanges.
In diesem Augenblicke aber öffnete sich
eine der vordersten Seitenthüren des
Saales und ein junger Mann im Kleide
eines kaiserlichen Kammerherrn mit einem
leichenblassen Gesichte trat in den Saal,
und schritt durch die Menge der Gäste
gerade aus den Kaiser zu.
Es was Mousieur Talleyrand, der
Neffe des berühmten Ministers dieses
Namens.
Er verbeugte sich vor dem Kaiser und
reichte diesem ein versiegeltes Briefchen.
„Von dem Ceremonien-Minister Salma
toris" lispelte er „Eure Majestät ge
ruhen augenblicklich zu lesen."
Napoleon nahm das Billet, entfaltete
es, las und Todtenbläffe bedeckte fein
Antlitz.— -Der gewaltige Sieger von
Marengo und Areola mußte sich an der
Lehne des Sessels halten es schien als
befiele ihn ein leises Zittern.
Jetzt gewannen seine erstarrten Züge
wieder Leben, seine Augen stammten und
seine Blicke flogen im Kreise herum. Mit
unverkennbarer Aengstlichkeit erfaßte der
Mann, der auf der Brücke von Arcole
einen Kartätschenhagel bestanden und
gewohnt war im Schlachtgetümmel zu
lächeln, jetzt denArm des neben ihm sitzen­ober
den Generals Berthier. „Freund!"
rief er mit unterdrückter, halbleiser Stim
me, „ich bin verrathen wie sind auch
Sie mit unter den Verschwornen
General Berthier sprang auf. „Sire!"
rief er, „was bedeutet das was haben
Eure Majestät?"
Aber der Kaiser wandle sich jetzt mit
gleich ängstlicher Hast zur andern Seite:
„Jourdan! Lonnes Mortier! Bessieres
St. Cyr!" rief er, „verlassen auch Sie
Ihren Freund und Wohlthäter?
Wie ein elektrischer Schlag sielen diese
Worte in den Kreis der Umgebung des
Kaisers. Die Generale sprangen auf,
griffen nach ihren Degengefäßen und
reihten sich augenblicklich um den Gebie
ter, wie die Trabanten um den strahlen
den Jupiter auf dem weiten Himmels
plane. „Majestät!" rief General Ber
thier „fassen Sie sich, wir sind, was wir
immer gewesen, Ihre bis zum Tode treuen
Generale und gehorsamen Unterthanen!"
Schon machte die Bewegung im Saale
Aufsehen, Alles richtete die Köpfe nach
der Gruppe, wo der Kaiscr stand der
jetzt das erhaltene Billet dem General
Bessieres übergab: „Aber so lesen Sie
doch", rief er, „lesen Sie dieß Billet lesen
Sie: wenn ich mich mit einem Schritt
von dieser Stelle entferne, so bin ich des
Todes, die Mörder stünden neben mir."
Der Kaiser blickte jetzt starr über die
Menge. Todtenstille herrschte im Saale,
eine furchtbare Minute der peinlichsten
Erwartung ging vorüber. Jetzt zitterte
der Silberklang einer helltönenden Glocke
durch die Räume des Saales der
blaue Vorhang der kleinen Bühne rauschte
empor und alle Augen flogen auf dies
treppenförmige Podium der Bühne. Dort
stand der Präfekt Salmatoris mit ent
blößtem Degen und hinter ihm eine
doppelte iKeihe von französischen Elite
Gensdarmen mit vorgestrecktem Gewehre,
deren Läufe in den Saal herabgerichtet
waren die Hähne der Gewehre knatter
ten und im nächsten Augenblicke sprang
auch die der Bühne entgegenstehende
Thüre des Theatersaales auf, der-Com
mandeur der kaiserlichen Leibgarde trat
herein, hinter ihm wohl fünfzig Grena
diere mit aufgepflanzten Bajonneten und
sein Finger wies sogleich auf die vier
jungen Nobili in der Nähe des Kaisers,
von denen zwei die italienische, zwei die
Schweizer-Garde-Uniformen trugen und
welche augenblicklich von den Gendarmen
umringt wurden, während Kaiser Napo
leon, von seinen Generalen umgeben, in
einem der Nebenkabinete des Saales in
Sicherheit stand.
Von der Bühne herab aber donnerte
Präfekt Salmatoris: „Im Namen des
Kaisers! Jeder lasse augenblicklich seinen
Dolch aus den Boden fallen, widrigen
falls eine Musketensalve den Saal von
den Verräthern befreien wird!"
Abermals trat Todtenstille ein Sal
matoris verließ jetzt die Bühne und trat
in den Saal herab, dessen Zugänge
sämmtlich bereits durch Soldaten besetzt
waren.
„Niemand rühre sich mehr von der
Stelle!" befahl er. In nächster Minute
standen jene vier Nobili allein in der
Mitte der bärtigen Gensdarmes d'Elite
und französischen Garde Grenadieren,
welche einen doppelten Kreis um sie ge
schlossen hatten sie standen da im
dumpfen Schweig:», aber leichenblaß wie
die von Henkersfaust zur Richtstätte ge
schleppten Verbrecher.
Jetzt bückte sich Präfekt Salmatoris
und griff nach den Gegenständen die
auf^em Boden lagen. Zu den Füßen
dreier dieser jungen Männer lag nämlich
ein Dolch vergebens suchten sie
diesen Dolch mit den Fußsohlen zu bede
cken der vierte ein baumlanger Mann
in der knappen Schweizer-Uniform, riß
tin langes Stilet aus seiner Uni
form und schleuderte es
7
ohne daß ihn
Jemand daran hindern konnte, gegen
jene Saalthüre, durch welche Kaiser Na
poleon mit seinen Generalen abgegan
gen war.
„Zittere nur rief er mit mächtiger
Stimme, und feine Augen sprühtenFlam
men !'„zittere nur Tausende von Wil
helm Tell's Nachkommen hoben Dir so
gut wie ich den Untergang geschworen.
Heute entgehst Du uns noch aber die
gerechte Rache der gedrückten Menschheit
folgt Dir, wie. der Schatten auf dem
Fuße. Verlasse Dich darauf ein früh
zeitiges Ende ist Dir unwidernflich be
stimmt
Nach diese,!, mit aller Leidenschaft des
Republikaners hervorgestoßenen Worten
riß der junge Mann einen Dolch aus
seiner Brusttasche und stach sich mit dem
selben mitten durch das Herz, so daß er
den Grenadieren, welche ihn niederreißen
wollten, entseelt in die Arme fiel.
UnbeschreiblicheBestürzung bemächtigt«
sich jetzt aller Anwesenden im Saale
mehrere Damen waren in Ohnmacht ge
fallen, ihre Begleiter standen wie ver
steinert, theilS drängten sie sich der Thüre
zu dennoch wagte Niemand seinen
Schrecken in Worten kund zu geben, denn
Präfekt Salmatoris gebot lautlose Stille.
In nächster Minute waren die drei
jungen Verschwörer in Mitte der Gen
darmen
abgeführt, die Leiche des vierten
entfernt und Mann für Mann der anwe
senden Gäste mußte sich jetzt stillschwei
gend in die Vorhalle entfernen wo ein
Jeder, mit wenigen Ausnahmen sich einer
genauen Durchsuchung seiner Kleidungs
stücke, ob er nicht verborgene Waffen
trage unterwerfen mußte jeder Gast
und jede Dame erhielt den strengsten
Auftrag, über das Vorgefallene das tiefste
Stillschweigen zn beobachten.
Draußen aber riefen die metallenen
Zung'en allerGlocken des großen Mailand
die Stunde aus, in welcher als Nachfeier
der Königskrönung in der Metropolitan
kirche Cardinal Caprera einen feierlichen
'Abendgottesdienst für das Wohl des
neuen Königs der Lombardei abhalten
s o e
Während dieser Ceremonie blieben alle
Thore des königlichen Palastes geschlos
sen, nur der kaiserliche Befehl durchlief
die Räume desselben: daß bei schwerer
Strafe Nimand von dem Vorfalle im
Theatersaale reden dürfe bei welchem
Kaiser Napoleon allerdings einen ebenso
großen Mangel an Geistesgegenwart be
wies, als am 9. Nov. 1799 da Arena
und andere Deputirte zu St. Cloud ihre
Dolche wider ihn gezückt hatten. Aber
wer konnte e3 verhüten, daß alle' jene,
welche die schreckliche Scene mit angesehen
darüber reinen Mund halten würden
Rasch durchlief daher die Kunde von
diesem Attentate die Straßen von Mai
land ebenso rasch bildeten sich Depu
tationen welche dem Kaiser ihre Glück
wünsche bringen wollten, aber keine der
selben wurde vorgelassen sie erhielten
alle die Weisung für ihre nothwendigen
Geschäfte zu sorgen. (Schfiiß f.)
«r
Z u S u a e A u e n o n
wird der K. Z. geschrieben Es liegen An
zeichen dafür vor, daß in der diesjährigen
Unterrichtsgesetzdebatte die Katholiken
mit der National Education Society d.
h. den Vertretern des confefsionellenSy
stems vom Standpunkte der Staatskirche
aus, wenigstens innerhalb eines gewissen
Gebietes Hand in Hand zu gehen geden
ken. Sie scheinen namentlich die Forde
rung der Gesellschaft unterstützen zu wol
len, wonach Personen, die zur Unterhal
tung consessioncller (nicht staatlicher)
Schulen beitragen, von der Beitrags
pflicht zu den vom Schulamt auferlegten
Schulsteuern befreit fein sollen. .Der
Ausschuß der katholischenUnion vonEng
land hielt dieser Tage seine Virteljahrs
sitzung und in den Verhandlungen wurde
dieser Standpunkt mit Entschiedenheit
vertreten.
». 9 m—r—

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