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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, July 10, 1940, Image 10

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jt (2. Fortsetzung)
Mrst nachdem er sich den Kopf zer-
i v^^Vv- «rubelt hatte, fiel ihm der Brief ein,
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fW der ihm von Beckmann übergeben wor
den war. Vielleicht brachte ihm dieser
{v Aufklärung oder wenigstens einen Hin
s weis.
Er nahm ihn zur Hand und öffnete
Ihn. Die Blätter, die er dem Ilm«
V schlag entnahm, waren mit großen,»
steilen Buchstaben dicht bedeckt. Ar
miit faltete die Blattet auseinander
i\ und begann zu lesen:
„Lieber Armin! Du wirst über-
Tdscht sein, daß ich Dich zum Erben
Äber mein Hab und Gut eingesetzt ha
be. Auch wirst Du erstaunt sein über
die Bedingungen, die ich meinem Te-
4 \y ]:v'' stament hinzugefügt habe. Ich, der
ich ehelos geblieben bin, verlange von
Dir, daß Du Dich innerhalb eines
.. Jahres verheiraten sollst. Du könntest
denken, es sei eine unvernünftige
^, Schrulle von mir, eine jener Sonder-
J.-V* ^lingslaunen, die man mit in Menge
.. andichtet. Es ist aber nicht so, ich
s a'" habe mir alles reiflich überlegt und
es so für gut befunden.
Ich fühle, daß ich nicht mehr lange
zu leben habe, und das Verlangen,
einem einzigen Menschen mein Jnne
res zu enthüllen, hat von mir Besitz
genommen. Deinem Vater hätte ich
lieber gebeichtet, denn er war älter
und erfahrener als Du und hätte mich
hf- vielleicht besser verstanden. Aber er
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ist vor mir dahingegangen, und das
Erbe, welches ich zuerst ihm bestimmt,
geht nun auf Dich über. So nimm
Du auch meine Beichte entgegen. Ich
weiß, daß Du jetzt eine trübe Erfah
rung in Herzensangelegenheiten hat
test das wird Dich, trotz Deiner Ju
gend, fähig machen, mich $u berste
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Ich habe in meinem Leben viel un
ter Falschheit, Gemeinheit und Heu
chelei leiden müssen, habe schwere
Schuld auch auf mein Gewissen gela
den. Das alles hat mich verbittert
And elend gemacht und die Freude
aus meinem Dasein gestrichen.
Nach einer sonnigen Kindheit aüf
Schloß Burgwerben, wo ich von mei
nen Eltern nur Liebes und Gutes
erfuhr, trieb es mich hinaus in die
flvofoe Welt. In stürmischem Drang
Wgenoß ich mein Leben bis eine tiefe
und reine Liebe mein ganzes Wesen
z, verwandelte. Ich habe mich nie in
^f'x kleinen Gefühlen verzettelt, deshalb
V1 umfaßte mein Herz die geliebte Frau
^4 mi* gewaltiger, großer Leidenschaft.
And als ich erfuhr, daß ich wieder ge
v liebt wurde, da wußte ich nicht, wohin
J?V mit aller Seligkeit. Drei Monate
überschwenglicher Glückseligkeit waren
wir beschieden. Damals hielt ich mich
für den beneidenswertesten Menschen,
denn auch einen Freund hatte mir das
Schicksal beschert, der mein Glück tei
lend mehrte. Ich empfand es kaum,
daß ich meine Eltern damals verlor,
denn alles ersetzte mir die Geliebte
und der Freund. Und weil sie mir
alles waren, wurde ich bettelarm, als
ich beide in einer einzigen Minute
verlor. Das Weib, welches ich anbe
tete, war eine Dirne, die auch den
Freund in ihre Netze gelockt hatte und
mich mit ihm verriet. Ich fand sie in
seinen Armen und schoß ihn nie
der. Sterbend bat er mich um Verzei
huflg mch.beschwor wich, mich
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als Mörder den Gerichten zu stellen.
In seine erkaltende Hand legte ich die
meine und schwor, mich nicht selbst
anzuzeigen. Er erklärte vor Zeugen,
daß wir uns im Duell gegenüberge
standen und er dabei verwundet wor
den war. ...v
Ich hatte nur z« gut getroffen, er
starb.
Jenes Weib war entflohen ich
habe es nie wiedergesehen.
Nachdem ich meine Festungshaft
verbüßt, kehrte ich nach Burgwerben
zurück und wurde ein Sonderling.
Unsere gemeinsamen Verwandten
hatten kaum vernommen, daß ich un
verheiratet bleiben wollte, da kamen
sie und machten mir das Leben schwer.
Sie umschmeichelten mich, entkleideten
sich aller Würde in meinen Augen und
verleumdeten einander aus Habgier.
Es war ein ekelhaftes Schauspiel.
Da wurde ich vollends zum Menschen
feind. Und nun komme ich zu Dir.
Du erinnerst Dich vielleicht nicht mehr
jenes Leydenschen Familientages, da
wir uns das erste- und das letztemal
im Leben begegneten. Du und dein
Vater, Ihr fielet mir auf. Ich sah,
Ihr wäret anders geartet als die an
dern. Als ich mit Euch sprach und
Euch ins Herz sah,'— das Leid Hütte
mein Auge geschärft, da erkannte
ich in Euch beiden ehrliche Menschen.'
Und an. jenem Tage beschloß ich,
Euch beide als meine Erben einzuset
zen.
Mit Deinem Vater hätte ich gern
Freundschaft geschlossen, er hatte et
was in seinen Augen, was mich zu
ihm zog aber ich versagte es mir,
um. einen Freund zu werben. Hatte
ich doch das Blut des Freundes ver
gössen.
So bin ich «infam geblieben, mein
schönes Burgwerben umschloß mich
wie einen lebendig Begrabenen. Mach
mal brannte die Sehnsucht in mir,
Dich zu mir zu holen. Du solltest Dir
ein Weib nehmen, fröhliche Kinder
sollten durch die stillen Gemächer toi«
len, und ich wollte daran mein Herz
erlaben. Aber ich tat es nicht Buße
war.mein ganzes Leben.
Aus der Ferne habe ich Dich be
obachten lassen. Ich weiß, daß Du
ein Mensch nach meinem Sinn geblie
ben bist, weiß, daß Du Dich ehrlich
auch durch schwere Zeiten schlugst, und
daß ich dabei eine stille Freude emp
finden" konnte, danke ich Dir. Ich
weiß auch, daß Dir vor kurzem ein
Weib Wunden schlug. Eines Wortes
hätte es bedurft, und Du hättest als
mein Erbe bei jenem Mädchen willig
Gehör gefunden. Aber man berich
tete mir, daß es. eine herzlose Koketty
war, die Dich noch unglücklicher ge*
macht hätte, wenn sie Dein Weib ge«
worden wäre. So wurde sie eines
andern Gattin, und Du wähnst jetzt,
daß Du sie nie vergessen kannst, Des
halb bestimme ich, daß Du in Jahres
frift heiraten sollst, denn ich will nicht,
daß mein Nachfolger auf Burgwer
ben auch einsam sein soll wie ich. Es
ist ein grenzenloses Elend, ohne Weib
und Kind alt zu werden, glaub mir
das. Jetzt, wo Dein Herz noch an
der Treulosen hängt, wirst Du leben*
schaftslos und vernünftig Dir ein
Weib erwählen, die als Dein Freund,
als Dein treuer Kamerad das Leben
jni£_ H)ir „teilt die Dir Kinder jchenkt
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und Deinem Leben Segen gibt. Run
wirst du alles verstehen, und ich glau
be, Du wirst nun nicht mehr meine
Hand von Dir stoßen wie damals als
trotziges Bürschlein. Du wirst nicht
mehr denken: ,Jch mag dich nicht',
sondern: ,Jch beklage dich, Friedrich
von Lehden.'
Und wenn ich Dich erfreut habe da
mit, daß ich Dich zu meinem Erben
machte, fo erfülle auch meinen Wunsch
und suche Dir eine ehrliche, gesunde
Frau und sorge, daß ein ehrlich Ge
schlecht in Burgwerben ersteht.
Zum Schluß laß Dir noch meinen
-alten Inspektor Hermann Scheveking
empfehlen. Er ist trotz seines rauhen
Aeußern ein, ehrlicher Mann und wird
Dich gern unterstützen, bis Du selbst
ein tüchtiger Gutsherr geworden bist.
Er liebt Burgwerben, als wäre es
fein eigen. Auch meinen alten Diener
Dillenberger empfehle ich Dir warm.
Zuletzt noch Mamsell Wunderlich, die
zwar ihren Namen mit Recht führt,
aber eine sehr brauchbare und ehrliche
Person ist.
Und daß ich Dir mit einiger Bos
heit die lieben Verwandten vom Halse
halte, laß Dir lieb sein ich mag das
Geschmeiß nicht über meinem Kopf
herumlaufen lassen, wenn ich unter
der Erde liege.
Dir aber wünsche ich, daß Du Deine
Tage glücklicher in dem alten, lieben
Schlosse verbringst als Dein unglück
licher Vorgänger
Lange saß Armin unbeweglich und
sah vor sich hin, nachdem er zu Ende
gelesen hatte. Tiefe Ergriffenheit
malte sich in feinen Zügen. Das ganze
freudlose Leben des alten Mannes zog
an ihm vorüber. Das Herz tat ihm
weh vor Mitleid. Und eigner Schmerz
mtfchte sich unter fremdes Leid. Wahr
lich er verstand den Unglücklichen
nur zu gut.
Wie arm, wie bettelarm war dieser
Mann trotz seines Reichtums gewesen!
Tiefer und tiefer-fponn sich Armin in
seine Gedanken ein. Daß er so bald
heiraten sollte, war ihm sehr unange
nehm, und doch griffen ihm Friedrich
von Lehdens mahnende, warme Worte
ans Herz. Er hatte es gut mit ihm
gemeint, wollte ihn behüten? vor gleich
einsamem Geschick. Jedenfalls übte er
nur aus Herzensgüte diesen Zwang
auf ihn aus.
Wie sehr hatte er dies«« Mann ver
kannt! Er bat ihm in Gedanken das
Unrecht ab und nahm sich vor, den
Wunsch des Verstorbenen zu erfüllen.
Es würde sich ja eine Frau finden
lassen, mit der er in ruhiger Sym
pathie eine Ehe eingehen konnte. So
wie Alexandra, konnte er "nie mehr ein
Weib lieben, aber es gab Ehen genug,
die ohne dies Himmelhochjauchzen zu
stande kamen. Und es waren nicht
immer die schlechtesten.
Hi jjs j|t
„Mensch, Glückspilz, Allerweltskerl
das ist ja Herrgott was
stell ich nur mit dir an. vor lauter
Freude! Also wirklich Universalerbe
na Hab' ich's nicht gleich geahnt,
daß da fiir dich etwas abfiele? Frei
lich, so viel dachte ich nicht. Ich muß
dich umarmen, Armin es geht
nicht anders, ich freue mich zu sehr."
Mit diesen Worten und dem Aus
druck herzlichster Freude nahm Hans
von Rippach die Nachricht auf von der
Erbschaft Lehdens. Und als er die
näheren Umstände vernahm, wurde er
noch vergnügter.
„Famos, ganz fatnos* yncht
'ÄS V*-
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v
SHttio»4 k» 10. ZWli 1940
heiraten, mein Junge! Das hat der
Alte großartig gemacht! Darauf brin
ge ich ihm einen Ganzen! Na, du -1—
das wird die schöne Alexandra ärgern
hätte fo schön Schloßherrin werden
können und muß nun simple Ban
kiersfrau bleiben! Das gönne ich ihr,
weiß Gott! Na ja mach nur kein
Gesicht, ich bin ja schon still. Du.
da wollen wir doch gleich mal Um«
schau halten unter den Töchtern des
Landes. Soll ich dich mit einer mei
ner Kusinen verkuppeln? Nein 7
nicht dein Genre, sind zu klein,
zu
sehr Nippes? Ja, ein bißchen groß
und rank und schlank muß sie sein,
na, laß mich nur machen, ich such?
schon was Hübsches, Liebes aus."
Armin legte ihm die Hand auf de»
Arm und sagte lächelnd
„Ich soll doch heiraten."
„Natürlich du meinetwegen
brauche ich mich nicht zu bemühen, du
weißt doch, daß ich halb und hqlb vet»
geben bin."
„Wenigstens, daß du halb und halb
verliebt warst diesen Winter. Seit
die Bälle zu Ende find, schienst dp
mir abgekühlt."
„Der Schein trügt. Ich will mich
nur nicht übereilen. Man muß da
sehr vorsichtig zu Werke gehen."
„Bis dir ein anderer zuvorkommt
Auf was wartest du noch?"
„Erstens auf dich so eine Dop*
pelhochzeit ist riesig romantisch und
ich bin nun mal romantisch veran
lagt."
„Ach nein! Seit wann denn?"
„Seit ich liebe, du Kamel."
„Danke. Und dann zweitens also?"
„Zweitens ist meine Herzdame, toie^/
du weißt, noch sehr jung. Sie wurde"
diesen Winter das erstemal ausge«
fuhrt. Da ist natürlich der erste schnei»
dige Tänzer das erkorene Ideal. Es
will also
xgar
nichts sagen, daß
V1"J fr'
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fte
mich auszeichnete." V
„Also hältst du dich für einey schnei«
digen Tänzer?" neckte Armin.
„Tue ich, und mit Recht. Aber bA
te, unterbrich mich nicht immer. Ich
lasse also der Kleinen Zeit, sich zit
Besinnen, ob sie mich wirklich gern hat.
Ist sie bis nächsten Winter noch nicht
von ihrer Vorliebe für mich kuriert,
dann na, das übrige weißt du
a
„SchG,ßMso Werden ich auch bis
nächsten Winter warten. Jetzt gleich
ist es ja nicht nötig, daß'ich mich vei
heirate, ein Jahr der Freiheit bleibt
mir noch. Wenn mir also nicht etwaS
sehr Passendes in den Weg läuft, war«..
te ich auf dich."
„Ist mir auch recht. Was. gedenkst
du nun aber zu tun? Willst du wirk
lich umsatteln und deinen Kohl selber
bauen?"
„Ja. Ich habe immer viel für die
Landwirtschaft übrig gehabt. Ich hän
ge den Juristen an den Nagel und,
werde Krautjunker."
„Und willst das ganze Jahr
Burgwerben /eben?"
„Im Winter kann man ja zur Ab
wechflung Großstadtluft schnappen^
Und damit ich nicht tier saure, ver
bringst du die Sommerferien bei mir.
Burgwerben soll im herrlichsten Teil
Thüringens liegen und sehr schön
sein."
„Wann gedenkst du denn deines
Einzug dort zu halten?"
„Sobald ich mich hier von allen
Verpflichtungen freigemacht habe. Ich
habe Rechtsanwalt Beckmann bereits
in diesem Sinne geschrieben."
„Hm! Na, dann läßt sich
nichts
i
v.

Friedrich von Lehden."

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