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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, October 15, 1941, Image 10

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(13. Fortsetzung)
Müller atmete erleichtert änf5 „Ich
Soerbe dir also Nachricht geben, wenn
bie Sache reif ist", sagte er. „Bis da
Hin halte dich ruhig verdoppele
Heine Vorsicht und vermeide afies, tvas
Irgend die Aufmerksamkeit auf dich
gictieit konnte."
„Das werde ich tun", erwiderte
.Willberg in höhnische»» Tone, der
Müllers Grimm von neuem reizte.
„Die Vorsicht, zu der du mich mahnst,
habe ich bereits geübt, ich habe die
Stellung in meiner Fabrik ausgege
ben und seit gestern eine Wohnung
hier in der Vorstadt gemietet."
„Hier?" rief Müller. „Du bist
wahnsinnig man wird dich ent
decke»«
„Entdeckt man dich denn hier?"
fragte Willberg. „Glaubst du, ich sei
weniger geschickt als du? Meine Pa
Hiere sind in Ordnung, ich habe ein
vortreffliches Zeugnis von meinem
Arbeitsherrn, ich stelle im Begriff,
Diu gutes Engagement in einer Fa
Hrik zu finden, deren Hauptimterneh
titer Morris ist. Du siehst also, wir
flehen" unter Qi.il,ein .Herrn, mid ich
werde hier sein, mit dich scharf zu be
obachten. Die Entfernung tiar mir
zu groß: jetzt, da der Schatz bereit ist,
will ich doch in der Nähe bleiben, um
Bei dessen Hebung dabei zu sein."
„.Das
wirst
heit begebst."
„Ah, es scheint, baß du meine Na
He nicht wünschest", höhnte Willberg,
„demt von Dmninheit ist feine Rede
dabei. Aber dein Wim ich wird nie
erfüllt werden ich werde dennoch
in deiner Nähe bleiben, ja noch mehr,
-ich werde dich besuchen, täglich besu
chen, mit mich zu überzeugen, dofe du
noch da bist, und mir zugleich ein
wenig die Lokalität ansehen."
„Das wirst, du nicht", rief Müller
mit heiferer Stimme. Das Blut schoß
ihn, zu den Schlafen. So nahe sei
nem Ziele sollte er von diesem Elen
den überwacht, dessen Willkür Preis
gegeben und täglich der Gefahr der
Sitldeckmtg ausgesetzt sein? ^Das war
DU
viel. Er hatte eine Empfindung,
als ob eine giftige Schlange ihn mit
ihren Ringen umspannte, mit ihn zu
erwürgen.
„Und warum werbe ich das nicht?"
fragte Willberg. „Es ist ja nichts
Auffallendes dabei, weint ein gut
empfohlener Werkmeister von der
Fabrik des Herrn Morris in dessen
Diener einen alten Bekannten findet
und ihn besucht. Warum sollte das
nicht geschehen, wenn du ehrliches
Spiel mit mir spielst?"
„Weil ich das nicht will!" rief Mül
Ier keuchend in wildaufschäumender
Wut, indem er mit mächtigem Satz
vorsprang und Will berg's Hals mit
seinen Händen umspannte. „Weil ich
dich erwürgen werde, wie man eine
Schlange erwürgt, ehe sie ihren gif
tigen Bist ausführen Tarnt!"
Wittberg loar von dem urplötzli
chen Angriff überrascht, er suchte sich
frei zu machen, aber mit der Kraft
verzweifelnder Wut preßte Müller die
H.ände wie eiserne Zangen um den
Halt seines Opfers. Willberg konnte
nut noch, grauenhaft röchelnde Tone
km duesteres Gespenst
dit nicht
tun",
rief
Müller drohend, „ich verbiete e? dir,
ich ziehe mich von der ganzen Sache
Durück,
tvemt
bu eine solche
Dumm
ausstoßen. In wildem Ringen fielen
beide ans den Boden nieder, aber
Müller blieb oben. Schauerlich klang
das immer dumpfere Röcheln des
Gewürgten nur tvenige Augen
blicke noch, und es mußte mit ihm
aus sein.
Schon Taft er "fast regungslos da.
In einem letzten Aufraffen seiner
Kraft aber hatte er mit der Hand die
Brusttasche seines Ueberrockes gesun
den, sein ganzer Körper zuckte in ge
waltiger Anstrengung. Müller stieß
plötzlich einen gellenden Schrei aus,
seine Hände lösten sich von dem Halse
des Feindes, den er schon für Ver
nichtet hielt. Er sprang anf, taumel
te hin und her und sank dann mit
einem Schmerzeitsschrei zu Boden.
Nach einigen Augenblicken richtete
sich Willberg wieder aus.
„Du hast deinen Lohn, verruchter
Hund!" sagte er mit rauher, keuchen
der Stimme, „du wist nun niemand
mehr betrügen!"
Er stieß den am Boden Ausgestreck
tett Mit. dem Fuße an. Der Körper
schien unbeweglich. .3^
„Der Stich war gui fägte er ei*
Ivas freier sprechend, „aber es ivar
die höchste Zeit. Doch nun fort
wenn man mich nicht hier in der Nähe
ittdet, ist jede Entdeckung unmöglich,
denn niemand weiß ja, daß ich ihn
kenne."
Er beugte sich nieder, suchte auf
stehend das Dolchmesser und zog das
selbe aus Müllers Brust.
„Solch ein Ding muß man mit
nehmen", murmelte eri
Er stieß das Messer in die Erde,
um die Klinge zu reinigen, und lausch
te dann zwischen den Baumschatten
hervor. Bon der Seite, nach welcher
das MorriS'sche Haus lag, waren
Stimmen vernehmbar. Es führte dort
ein Weg am Walde entlang. Man
mochte den lauten Schrei .Müllers
vernommen haben, aber die Dunkel
heit ließ aus weitere Entfernung
nichts erkennen.
Willberg eilte in schnellem Lauf
dem auf der entgegengesetzten Seite
liegenden Gehölz zu und war bald
im Schatten der erstem^Gebüsche ^r
schwunden.
In dem Morris'schen Hanse herrsch
te tiefe Ruhe. Die Fenster der Ge
sellschastsräume waren dunkel, bloß
von den verschiedenen Wohnzimmern
strahlte Licht in den Park hinaus.
Morris saß noch immer an seinem
Schreibtisch. Er hatte Bogen auf Bo
gen mit feiner großen, kräftigen
Handschrift vollgeschrieben, und zu
weilen war er auf seinen Stuhl zu
rückgesunken, als ob seine Kräfte ver
sagten, aber immer wieder hatte et
sich aufgerafft und seine Arbeit fort»
gesetzt. V
Endlich legte er die Feder aus der
Hand, schloß alles, was er geschrie
ben hatte, in einem großen Umschlag,
versiegelte denselben und schrieb dar
aus: „Für meinen Sohn Georg ganz
allein."
Er legte das Schriftstück auf seinen
Schreibtisch, drückte dann die Hände
vor
seine
Stirn, als ob er
einen Pein
lichen Schmerz lindern wolle, stand
enblich aus und blickte durch das Fen
ster die bunfle Nacht hinaus.
Der Himmel war trübe, kein Stern
glänzte herab.
„Schicksal, du große imerforfchltche
Macht, welche die Welt regiert", sagte
er in unendlich schmerzvoller Bitter
keit, „du hast mich schuldlos in
Schmach und Elend gestürzt und mich
aus meinem Vaterlande vertrieben.
Ich habe mich aufgerafft und in Ar
beit und Kampf die Pflicht des Da*
seins erfüllt. Ich habe niemand mit
Wissen und Absicht Böses getan, kein
ungerechtes Gut ist unter dem Reich
tum, den ich nur dem Schweiß mei
ner Arbeit danke. Du aber verfolgst
mich, wie der Jäger das gehetzte
Wild. Nun ist es zu Ende meine
Kraft ist zn Ende. Nicht aus Feig
heit gehe ich aus der Welt be§ Ar
beitelis und Strebens, ich muß ver
schwinden, unt meinen Kindern das
Glück zu sichern. Mit Menschen mag
man kämpfen, auch mit den Elenten
ten und den Kräften der Natur, aber
nicht mit den Dämonen des Abgrunds
nicht mit Gespenstern der Finster
nis. Seid gesegnet ihr, die ich liebe
-rr ich habe für euch gelebt, mir
bleibt nur noch übrig, für euch zu
sterben!"
Er nahm aus einem Kasten einen
schön gearbeiteten Revolver und
spannte den Hahn. Langsam hob er
die Waffe empor.
Da schallten Tritten und Stimmen
von unten heraus. Es schien, als gin
ge etwas Außergewöhnliches im Hau
sc bor. Unwillkürlich sank seine Hand
nieder, und er lauschte gespannt.
Er hörte die Türe gehen, und im
nächsten Augenblick schien das ganze
Haus lebendig zu werden er hörte
laute Schreckensrufe und eiliges Hin
und Herlaufen.
„Was bedeutet das?" fragte Mor
ris in starrem Entsetzen. „Sollte es
schon geschehen sein, sollte Georg, be
reits das Opser geworden sein, das
ich jetzt den Schicksalsmächien bieten
wollte?"
Er lauschte wieder mit bebender
Angst und hörte deutlich die Rufe:
„Er ist tot— er ist ermordet."
Seine Knie begannen zu wanken.
Er legte die Waffe auf den Schreib
tisch nieder und schleppte sich mühsam
zur Tür.
Schon wurde von außen heftig ge
klopft. Er öffnete. Ein Diener stürzte
bleich und verstört herein.
„Konytneu Sie, Herr Konsul, kom
men Sie schnell. Es ist ein Mord ge
scheheit."
Morris fragte nicht. Bleich wie der
Tod folgte er dem Diener, der ihm
voraneilte.
Auf dem unter«!/.Flur fand er die
Diener des Hauses. Im schwachen
Schein der Kerzen sah er einen
menschlichen Körper am Boden lie
gen. über den Mehrere sich beugten.
Er stützte sich gegen die Wand. Er
vermochte nicht weiter zu gehen
die Füße versagten ihm den Dienst.
Da eilte Georg über eine Seiten
treppe heran. Er hatte in seinem
Zimmer beit Lärm vernommen und
kam, nach der Ursache zu forschen.
Morris, starrte seinen Sohn mit
weit geöffneten Augen an. Dann
stürmte er ihm entgegen, schloß ihn
in seilte Arme ltitb brach in Tränen
ans.
„Du lebst bck lebst Ss ist eS
nicht zu spät? Du lebst!"
„Herr Konsul!" sagte einer ber
Diener herantretend, „sehen Sie hier,
Müller ist ermordet worden. Er woll
te einen kleinen Spaziergang machen,
um frische Luft zu schöpfen. Nun
bringen sie ihn, leblos zurück, mit ei»
ner tiefen Wunde in der Brust."
„Müller ermordet?" fragte MoM
ris. tk-
Er blickte wie geistesabwesend um
her, als sei er von einem Traum b*n
fangen, aus betn er nicht zur Wirfa
Iichfeit zu erwachen vermochte.
„Wie ist bas geschehen?" fragte*
Georg. ri
Die Leute erzählte», baß sie auf
dem Wege neben dem Park nach bet
Stadt gehend einen Hilferuf gehört
hätten. Sie feien der Richtung g$?
folgt und hätten unter der Barnim
gruppe auf dem Felde Müller blii*
tend auf der Erde liegend gefunden:
Von dem Mörder, der ihn ermorde!
haben müsse, sei kerne Spur zu sehe**
und zu hören gewesen. Da die Parfr*
tür offen gewesen sei, so hätten sitz,
den Verwundeten hier ins Hans ge*
bracht. Das sei atte&, was sie von.
der Sache tvüßten.
„Man soll sogleich einen Arzt
kit", befahl Georg, „und auch bc%
Polizei den Vorfall anzeigen, den
Verivundeten aber tragt in fein ZiniB
titer."
„Er ist wohl tot", sagte einer dee
Arbeiter. „Er hat feilt Lebenszeichen
von sich gegeben, als wir ihn hierher
trugen, obgleich der Körper noch nicht
starr ist." kt
„Darum schnell SM Arzt!" rief
Georg und hals selbst den entsetzlem
Bedienten, den leblosen Körper auf*,
zuHeben. ,.
Bei dieser Bewegung schlug Mül-.
ler die Augen aus und ein leiser, kla»
gender Ton klang aus seinem Muufc*«
„Er lebt!" rief Georg. „Vielleickch
ist doch noch Rettung möglich ".
Als man den Schwerverletzten auf«'
hob,, öffnete er noch einmal die AIR-Y
gen sein Blick fiel auf Morris, ie$'
immer noch wie teilnahmslos dastand^
„Sprechen flüsterte er, „Herr»
Morris •.
„Jawohl", sagte Georg, „Sie sol
len alles haben, was Sie wünschen,
aber vorerst bedürfen Sie der Ruhe,
und dann werden wir hören, was der
Arzt sagt",
Mütter erhob die Haud, als wolle.
er winken, und sah Morris mit angst*
voll flehenden Augen an. Daun schieß
ihn wieder eine Ohnmacht zu bewäl».
tigen. Er wurde in sein Zimmer ge^
tragen, mit einiger Mühe entkleidet
und ans seilt Bett niedergelegt. Di«
schmale Wunde war in der Nähe deK
Herzens, sie mußte stark geblutet ha
ben. wie seine Kleider zeigten, mm,
aber war die Wunde durch gerönne*
nes Blut geschlossen.
Morris war ebenfalls eingetreten.
Er sank matt auf eine» Stuhl und
blickte düster in das Gesicht feine#
Dieners.
„Ein Fluch ruht auf biefem Hau
se", flüsterte er, „auch, bieser ist voA.
ihm getroffen! Meine Kinber, me|*
»te armen Kinber!"
Er stützte den Kopf in die Hände,
und blieb schweigend sitzen, währeich
Georg beni, Verwundeten einen schux*»
reu Wein einflößen ließ,^ um seiiO
Kräfte wieder zu beleben. Dann eilte
er zu seiner Mutter, bie schon mehr*,
ntals Boten gesandt hatte, um ihr
den traurigen Vorfall zu erzählen.
Der Arzt war sogleich gefundey
und kam bald an. Er betrachtete bj|
Wim be bebenklich, vernichte vorsichtig.
eine Sondierung und sagte dann:.,
„Der Stich muß von einem breischne^»»
bigen Dolch herrühren er scheint tief
eiitgebrungen zu sein, und es wäre
ein Wunde? wenn nicht tödlich

Ohio Waisenfremtb Mittwoch, Sett 15. Cooler 191j|

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