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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, February 04, 1942, Image 11

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Knnstreiterstücken eines nichtigen
Bärenpaares, sowie einen Kraftmen
schen, der eiserne, zentnerschwere
Kugeln, als wären es (Suinmibälle, in
die Lust warf und wieder auffing,
während die liebe Jugend den Spä
ßen und Tollheiten der Clowns und
Harlekins zujubelte, von denen sich
ein halbes Dutzend bei der Truppe
befand.
Eine kleine Enttäuschung wurde
den Zirkusbefuchem am vierten Vor
stellungsabend zuteil. Das Auftreten
des Kraftinenschen war aus dem Pro
grmitiit gestrichen. Er habe sich den
rechten Arm verstaucht, hieß es. Nach
ein paar Tagen werde er jedoch wie
der dienstfähig sein.
Gleichwohl ströinten die Münche
ner in ganzen Scharen den Kunstrei
teil! zu.
An ihnen vorbei schritt ein unter
setzter Mann mit kräftigem Glieder
bau und elastischem Gang. Er lenkte
seine Schritte nach dem Marienplatz,
wo er durch eine Pforte des imposan
ten Gotteshauses verschwand. Er be
gab sich in eine Seitenkapelle und lies
sich geräuschlos neben einem Pfeiler
auf die Bank nieder, vor welcher sich
auf dem reichverzierten Altar das
Bild der Gottesmutter befand.
Es war ziemlich dunkel in dem zur
Andacht stimmenden Räume und nur
durch das in der vergoldeten Lampe
seitwärts brennende ewige Licht wur
de ein mattes Zwielicht erzeugt.
Ter Mann hatte ein Gebet gespro
chen. Gedankenvoll schaute er vor sich
hin.
Da wurde seine Aufmerksamkeit
durch näherkommende Schritte ge
weckt. Ein junger Mann mit hohlen
Wangen, struppigem Bart, um dessen
aobgeinagerten Körper ein fadenschei
niger Rock hing, schritt zu dem Ma
rienaltar. Er kniete, ohne den ersten
Kirchenbesucher bemerkt zu haben, nie
der und betete. Zuerst leise, aber all
mählich kamen die Worte immer ver
nehmbarer und verständlicher aus
srommem Mnnde hervor.
„Mutter der Gnaden", flehte er,
„hilf mir! Du hast ja noch keinen,
der fich vertrauensvoll an dich wand
to, die Fürbitte bei deinem göttlichen
Sohne versagt! Latz mich nicht zu
gründe gehen, denn du weißt ja, daß
ich unschuldig bin."
Er verstummte. Plötzlich betigte
sein Körper sich vor und sank mit ei
nein dumpfen Fall auf die Stufen
des Altars.
Betroffen stand der Mann von dem
Kirchenstuhl auf. Er eilte auf den
Daliegenden zu und fand, das dieser
ohnmächtig war. Er bespritzte sein
Gesicht aus einem Becken mit Weih
»vasser, aber ohne Erfolg.
Da nahm er den Bewußtlosen wie
ein Kind auf feine Arme und trug
ihn aus der Kirche. Er ging mit sei?
ner Last auf eine der am Marien
platz haltenden Droschken zu und
legte seinen Schützling in den Wagen.
„Fahr nach dem Augustinerbräu,
Kutscher", befahl er, „aber .schnell
Nachher holst du den nächsten Arzt
und bringst ihn eben dahin. Es kommt
mir auf ein doppeltes Trinkgeld nicht
an."
Das genannte Gasthaus war denn
auch bald erreicht. Wieder nahm der
Mann den Ohnmächtigen auf den
Arm und verbrachte denselben in ein
Zimmer im zweiten Stock.
Eine Magd brachte Licht. Jetzt erst
betrachtete der Mann seinen Schütz
ling näher, den er auf sein Bett ge
legt hatte.
Mittwoch, c* 4. Februar 1942 Ohw W«isc»fre«»d
Da ging mit seinem Aeußern eine
ungeheure Veränderung vor. Sein
kräftiger Körper schien vom Fieber
frost geschüttelt zu werden und der
Ausdruck der unsäglichsten Angst er
schien in seinem Gesicht.
„Barmherziger Gott", stöhnte er,
„er ist's. Es ist Hermann Sommer,
der arme Junge! Also hierher hat
er sich vor der Verfolgung geflüchtet,
um zugrunde zu gehen, wenn sich nicht
der Himmel erbarmt! Und ich, ge
rade ich, wurde so mit ihm zusammen
geführt. O Gott, dein Walten ist
wunderbar, aber gerecht!"
In diesem Augenblick erschieu der
Kutscher mit dem Arzt. Während er
sterer, reichlich entlohnt, sich wieder
entfernte, trat der Doktor zu dem Be
wußtlosen und untersuchte ihn.
Er schüttelte den Kopf. „Der Bur
sche hat eine eigentümliche Krankheit",
sagte er, „die in unserem fröhlich™
München glücklicherweise nur selten
vorkommt. Hunger und Erschöpfung
haben ihn niedergeworfen. Der arme
Mensch brachte wahrscheinlich seit
mehreren Tagen nichts Warmes mehr
über die Zunge. Da hilft nur eine
Arznei. Holen Sie eine Tasse voll
kräftiger Bouillon. Ich will indessen
sehen, ob er nicht ans seiner Betäu
bung geiwrft werben kann."
Der Mann eilte in die Küche und
brachte das Verlang^ nach wenigen
Minuten.
Tie Bemühungen des Arztes wa
reit nicht erfolglos geblieben. Her
mann atmete wieder, aber seine An
gen öffneten sich nicht. DieS geschah
erst, als der Doktor sich bereits ent
fernt hatte und der Patient nach des
sen Vorschrift den sechsten Löffel voll
der kräftigen Brühe erhielt.
Verwundert schaute er um sich
„Wo bin ich denn?" sragte er.
„In guten Händen", versicherte
fein Pfleger, welcher den in seinem
Innern augenscheinlich tobenden
Sturm gewaltsam bezwaug, „es be
steht, mein lieber Jnnge, keine Ge
fahr mehr für dich!"
Die Aufmerkfamkeit Hermanns
wurde durch den Klang dieser Stim
me geiveckt. Forschend schaute er sei
nam Nachbar in das Gesicht. „Ich
muß Sic schon früher einmal gesehen
haben", bemerkte er, „weiß aber nicht,
wo. Wer sind Sie denn, Herr?"
Der Gefragte gab dent Patienten
wieder einen Löffel der Fleischbrühe.
Mit dem Ausdruck unbeschreiblicher
Zärtlichkeit ruhten seine Augen auf
ihm. „Du kennst mich nicht mehr?"
fragte er, „doch du kannst mich ja
nicht mehr kennen. Erinnerst du dich
wohl noch des Mannes, der dich in
Stuttgart aus den Händen der sal
schen Spieler Befreit hat uud nachher
mit dir auf der Bank saß?"
Nun wußte Hermann aus einmal
Bescheid. „Ach", rief er, „Sie sind
es, der Kraftmensch! Aber ich war
doch in der Marienkirche, wie kam ich
hierher?"
„Es ist dir ein kleiner Unfall zu
gestoßen", erwiderte ausweichend der
Komödiant „ich befand mich in der
Nähe und danke dem Himmel, daß
er mich abermals dir zu Hilfe gesandt
hat. Doch jetzt bedarsst du vorerst
der Ruhe. In ein paar Tagen bist dn
wieder ganz hergestellt."
Hermann ivarf seinem Pfleger ei
nen Blick sit, der unausgesprochen die
Frage: „und dann?" enthielt.
Der Mann verstand sie.
Innig preßte er den Kranken an
sich.
„Du brauchst dir wegen deiner
Zukunft Feilte Sorge zu machen",
mahnte er, „denn jetzt hast du unter
den hnnderttausenden gleichgültigen
Herzen in dieser großen Stadt eines
gesunden, das dich liebt und das dich
nicht mehr in Elend und Not zurück
sinken läßt. Mehr sage ich dir heute
noch nicht. Ich werde mich jedoch mor
gen früh wieder einstellen, wo dann
so manches Rätsel gelöst werden soll."
Er schüttelte Hermann die Kissen
zurecht und sagte ihm gute Nacht,
verließ jedoch das Haus nicht.
Er begab sich unten in die Wirts
stubc und nach einer Weile wieder zu
dem Zimmer des Kranken.
Behutsam drückte er die Türe aus
und trat hinein.
Hermann lag in ruhigem, regel
mäßigem Schlaf.
Mit unaussprechlicher Zärtlichkeit
hingen die Blicke des Komödianten an
ilini. Er berührte die Stirn des
Schlummernden mit seinen Livpen
und zog sich zurück.
Am andern Morgen erschien „der
Kraftmensch" bei dem Patienten frith
nach Tagesanbruch. Er sorgte für ein
gutes Frühstück mit etwas Wein und
ging dem jungen Manne bei der Ein
»ahme dieser Stärkungen in geschäs
tiger und liebreicher Weise an die
Hand. Gleichwohl entging es ihm
nicht, wie das Mienenspiel desselben,
während er ihn schweigend gewähren
ließ, ein gewisses mit geheimer Angst
verbundenes Mißtrauen verriet.
Nachdem er Teller und Glas bei
seite gestellt hatte, setzte er sich an das
Bett. „Ich versprach dir für heute
nähere Aufklärungen", begann er,
„und halte hiermit mein Wort. Vor
allein gebe ich dir Auskunft übet: mei
ne Persönlichkeit." Damit holte er
ein großes Paket aus der Tasche her
vor, welches das Programm für die
erste Zirkusvorstellung in München
enthielt.
Er deutete auf eine Stelle, wo
Hermann laS: „Auftreten des Kraft
menschen Antonio Sonnini."
„So nennt man mich", erklärte der
Künstler. „Der Name klingt freilich
etivas sonderbar, da ich ein so guter
Deutscher bin wie dn, aber das liebe
Publikum ist nun einmal nicht zusrie
den, wenn sich ihm ein Anton, Michael
oder Vinzenz in der Arena vorstellt,
und wenn man ihm mit der Wahl
eines spanischen oder italienischen Na
mens einen Gefallen erweist, so schadet
das niemand etivas. Meine große
Teilnahme für dich kommt dir wahr
scheinlich etwas befremdlich vor, und
doch entspricht sie einem ganz tiotiir
lichen Gefühl. Auch ich habe wäh
rend meines schon ziemlich bewegten
Lebens, allerdings durch eigene
Schuld, vieles zu leiden und zu er
trage» gehabt, und deshalb zieht es
mich unwillkürlich zu jedem hin, der
vom Unglück versolgt wird, uud zwar
umsomehr ivcnit dieses Unglück ein
nicht selbst verschuldetes ist, ivenn ge
meine Bosheit es herbeigeführt hat."
In maßloser Bestürzung erhob
Hermann sich in seinem Bett. „Sie
wissen?" rief er.
Antonio drängte ihn wieder in die
Kissen. „Rege dich nicht ans", mahnte
er, „und bleibe ruhig, denn von mir
aus droht dir nicht die geringste Ge
fahr, obgleich ich weiß, daß du von
der Justiz als ein Verbrecher versolgt
wirst. Ich will vielmehr dafür Sorge
trage», daß bit in keiner Weife in
Verlegenheit kommst. Dies ist eilt
Rätsel sür dich, welches ich dir aber
sofort lösen will. Ich bemerkte damals
in Stuttgart recht gut, daß meine
Gestalt dir auffiel, und daß du in
deinem Gedächtnis nach einer Erklä
rung hierfür gesucht hast. Du saudest
sie nicht, was sehr natürlich erscheint,
denn als du mich zum erstenmal er
blicktest, sah ich ganz anders aus. Er
innerst du dich nicht mehr an den
Fremden, der dir voriges Jahr an
dem Gartenzauu des Haidhoses zu
Gesicht kam mit seiner blauen Brille,
dem Schlapphut und dem schtvarzen
Vollbart, und der nachher in dem
Gartenhaus der Herberge ein paar
Glas Bier zu sich nahm. Das bin ich
gewesen, nnd du magst es eine Ko
mödiantenlauue nennen, die mich zu
der Verkleidung bewog."
Hermann war bei dieser Enthül
lung auf seinen Nachbar einen for
fchenden Blick. Jener Zwischenfall
mar noch recht gut in feinem Gedächt
nis und wiederum regte sich, wie da
mals, eine eigentümliche Empfindung
in ihm.
„Es ist richtig", bemerkte er, „ich
sprach mit Martin über Sie, uud die
ser sagte mir, Sie haben seine Frau
über Verschiedenes gefragt."
„Do* tat ich neulich wieder", fiel
ihm Antonio ins. Wort, „dann aber
mals habe ich vor einigen Wochen ei
nen Abstecher nach jener Gegend ge
macht, die ich fast regelmäßig besuche,
wenn mein Wanderleben mich in die
Nähe deS schönen TaleS fiibrt. Meine
Fragen blieben nicht unbeantwortet,
denn die Leute dort find ein zutrau
liches und offenes Völklein, das auch
mit einem Fremden ohne Schen und
Mißtranen verkehrt. Du hast mir in
Stuttgart deinen Namen und deine
Heimat genannt und es verstand sich
ganz von selbst, daß ich mir auch
über dich Auskunft erbat. Denke dir
meine Bestürzung, als ich das Gesche
hene erfuhr! Deine Verhaftung, dei
ne Flucht, und daS schwere Vergehen,
desfen man dich beschuldigt. Ich ließ
mir alles genau erzählen, und sofort
regte sich in mir ein Verdacht, und
zwar gegen jenen Burschen, der dich
in das Stuttgarter Spielhaus führte,
und der wie man mir sagte, ebenfalls
an dem Preiskegelschieben teilnahm.
Glaubst du nicht, daß dieser .gute
Freund' bei dem schlimmen Handel
eine Rolle gespielt hat?"
Hermann schüttelte den Kopf.
„Nein", widersprach er aufrollend,
„sonst hätte er mir nachher nicht zur
Flucht verhelfen, obgleich er dadurch
sich und seinem Vater, dem Gefäng
niswärter, Unanannehmlichkeiten zu
zog."
(Fortsetzung folgt)
Das Bundesschatzamt hat die Ein
fuhr von Briefmarken aus den Ach
fenlöndern und den von der Achse
beherrschten Ländern verboten, um
einem „Racket", wie das Staatsde
partment es nannte, Einhalt zu ge
bieten, das der Achse 120,OOO,OOO an
amerikanischem Geld gebracht haben
so«.
der Erklärung des Departments
heißt es daß die Achse ihre Marken
oft luechfclte, um amerikanische Mar
kensammler zu veranlassen, neue zu
kamen.
„Indem sie amerikanische Marken
sammler befriedigt", führte das
Schatzamt weiter aus, „fand die Achse
Mittel, dringend benötigte amerika
nische Gelder zu erlangen, die zum
Ankauf dringend benötigten Kriegs
materials in den verschiedenen Teilen
der Welt, wo die Achse ihr eigenes
Geld nicht gebrauchen konnte, diente."
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