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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, August 12, 1942, Image 10

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IM*
llll.tln II I
(23. Fortsetzung)
„9iein", entgegnete sie ruhig, ob
gleich ihr Gesicht dabei wachsbleich
tutu be, „bis jetzt weiß noch niemand
budoit."
Wie tückische Freude lagerte es sich
über die Züge des Mannes. „Es weis
noch niemand davon, noch niemand!
Oh die kleine Lucetta, die kluge, sorg
same kleine Lucetta!"
„Aber ich werde die Anklage erhe
ben rief sie, ihm mit dem Mute
und der Festigkeit eines Märtyrers
in die Augen schauend, „und sollte es
nur auch das Leben kosten. Ich wer
de Sie 311c Anzeige bringen und das,
bevor es noch Nacht geworden ist. Ich
Hab? einen Geliebten zu rächen, einen
Bruder zu verteidigen. Und außer
dem soll die Erde Don solchem Scheu
sal, wie Sie es sind, besreit werden."
„Von solchem Scheusal, wie ich es
bin? Nun, mein Liebling seine
Stimme bekam Plötzlich einen weiner
lichen Klang, während sein Gesicht ein
Spiegelbild wilder Leidenschaften war
„wir werden ja sehen, wie das ab
läuft. Kommen Sie doch einen Schritt
näher heran zu mir, Lucetta! Ich
mochte sehen, ob Sie wirklich das
selbe kleine Mädchen sind, das ich frü
her auf meinem Knie habe reiten las
fen
Die Beiden, welche während der
vorangegangenen Unterhaltung lang
smn vorwärts gegangen waren, befan
den sich jetzt in der Nähe des Weges,
welcher von der Psorte nach dem
Hause führte. Seine Hand ruhte auf
ber Einfassung des alten Brunnens'
fein Gesicht, das von der untergehen^
den Sonne hell beschienen wurde, war
beut Mädchen zugewandt und schien
dasselbe in seltsamer Weise zu faszi
ttiereit. Wie er es verlangt, schritt sie
borluarts, und ehe wir noch einen
Warnungsrus ausstoßen konnten, set
hen wir, wie er sich plötzlich mit ei'
«er raschen Bewegung nach vom beug*
ie und sich dann wieder ausrichtete
während die Gestalt Lucettas, welche
Stock) einen Augenblick vorher in all' ih
rer zarten und doch von heiligem Ei
fer durchglühten Schönheit dagestan
den hatte, wie ein höheres Wesen
schwankte, als ob der Boden unter ih
ren Flisten zu schwanken beginne.
Im nächsten Augenblick war sie
Verschwunden!
Der Erdboden hatte sie im wahren
Sinne des Wortes verschluckt: dort.
wo sie sich noch eine Sekunde vorher
Befunden, war ein schwarzes, schauer
liches Loch sichtbar mitten in der
wohlgepflegten Rasenfläche. Aber
Nur einen Moment lang, dann schloß
fie sick, wieder, ohne daß eine Spur
davon zitriiekblieb.
Der schrille Ton meiner Pfeife
mischte sich mit einem geltenden
Schreckensschrei Loreens und einem
heftigen Ausrufe aus den Büschen
hinter uns. Wir sahen, wie (ftrijee
chus seinein Versteck vorwärtsstürzte,
selber aber standen wir wie gelähmt
And starrten auf den alten Mann, der
lit wahrhaft dämonischer Freude auf
dem Nasen hin und herfpraug und
dabei die Hände mit ausgespreizten
Fingern erhob.
„Sechs!" kreischte er, „sechs! Und
noch Platz für zwei mehr! Was für
ein vergnügtes Leben ich doch führe?
©lumeit, Früchte und ein bißchen
Kiebeständelei (das Wort ging mir
Die Strasse der Verlorenen
wie ein Messer durch mein Inneres!),
und das Ganze hin und wieder durch
so etwas gewürzt! Wo. ist denn nur
meine liebe, kleine, hübsche Lucetta
geblieben? Sie war doch noch vor ei
ner Minute hier wie kann sie nur
so plötzlich verschwunden seilt Ich
sehe ihre Figur nicht dort unter den
Bäumen, und auch hier auf dem Ra
senplatz ist keine Spur von ihr zu
finden, vom Dache bis zum Kel
ler öiirfeif sie das Haus durchsuchen,
ohne daß sie etwas von ihr entdecken
werden, nicht einmal die Spur ihres
kleinen Fußes oder den Duft der
Veilchen, mit welchen sie sich so gern
zu schmücken pflegte."
Während er die ersten Sätze hin
ausgeschrien hatte, sprach er die letz
ten heiser, mit einem seltsamen.Ge
misch von scheuer Furcht und höhni
schein Triumph: aber sie gaben uns
den Schlüssel der Situation. Wäh
rend wir jetzt alle vorwärts stürzten,
um das Mädchen, das sich so Helden
mutig geopfert hatte, zu retten, sahen
wir, daß wir es mit einem jener
Wahnsinnigen zu tun hatten, welche
in vollkommener Selbstbeherrschung
ihre Geistesstörung vor aller Welt zu
verbergen wissen und für sehr re
fpektable Menschen gelten, nur in
dem Augenblicke des Triumphes zei
gen sie sich, wie sie wirklich sind. In
dent höllischen Jubel, der ihn erfüllte,
verriet er seine fixe Idee: feine Be
friedigung und die tatsächlich einzig?
Belohnung für die schrecklichen Ver
brechen, welche er begangen, lag in
dem Geheimnis, das seine Opfer ltnv
gab, und der vollkommenen Freiheit
von jedem Verdachts loelche er sich
bisher zu wahren gewußt hatte.
Währenddessen war Gryce dem
Elenden nahe genug gekommen, um
ihn mit erhobenem Revolver in Schach
zu halten, und sein Mann, tvelcher
den Schauplatz wesentlich rascher als
wir erreichten, da wir durch die nahe
*u undurchdringliche Hecke zurückge
halten wurden, sich bemühte, den gras
bedeckten Verschluß der verhängnis
vollen Bodenöffnung, deren Umrisse
undeutlich zu unterscheiden waren, em
porzuheben. Aber dies erwies sich als
unmöglich, bis ich, mit wahrhaft
übermenschlicher Selbst beherrschung
die in der Kurbel des alten Brun
nens verborgene Feder, welche die tod
bringende Falltür in BeNvgung setzte,
fand. Eilt wütender Aufschrei von
dem itt ohnmächtiger Wut schäumen
den, durch den drohenden Revolver
des Detektivs aus seinem Platze fest
gehaltenen Elenden gab mir bei mei
nem Suchen den helfenden Fingerzeig,
und einen Augenblick später sahen wir,
wie die verhängnisvolle Falltür sich
senkte und einen dunklen Schacht er
schloß wie sich später herausstellte,
der Schacht eines alten, längst außer
Gebrauch gesetzten und ausgetrockne
teil Ziehbrunnens.
Die Rettung Lucettas war nicht
ohne Schwierigkeiten, aber schließlich
gelang es, daS heldenmütige Mädchen
wieder an das Tageslicht zu beför
dern. Daß sie das Bewußtfein ver
loren hatte, als der Boden unter ih
ren Füßen wich, war ein für sie glück
licher Zufall gewesen, da sie infolge
dessen nichts von den dort unten ver
borgenen Schrecknissen spürte. Und
bald wurde uns die )vahrhaft große
Freude. Lucetta ihre schonen Augen
Ohi» Waisenfrennd Mittw»ch, St* 1Ä. Angnft IMS
wieder öffnen zu sehen.
„Ach'", murmelte sie mit einer
Stimme, deren süße Laute in jedem
Hetzen Widerhall fanden, außer in
dem des Schürfen, welcher jetzt gefes
selt auf dent Rasen lag, „ich glaubte,
ich sähe Albert, und er war tot, und
ich
V- V i
Aber itt diesem Augenblick schob
Herr Gryce mit einem seltsamen G?
misch von Verlegenheit und Triumph
sein wohlwollendes Gesicht zwischen
das tränenüberströmte Antlitz Loreens
und das blasse Gesichtche^t Lucettas
und flüsterte in das Ohr der Letzteren
ein paar Worte, welche ihre bleichen
Wangen im Nu mit einem glühenden
Rot bedeckten. Sich ausrichtend, legte
sie ihre Arme mit den Hals des alten
Detektivcs und ließ sich von ihm em
porheben. Als er sie von dieser
Stätte der Verbrechen und aus der
Hörweite des abwechselnd gellend la
chenden und wilde Verwünschungen
ausstoßenden Wahnsinnigen forttrug
wo war nur Gryces. Rheumatis
mus plötzlich gebliebenV trugen
ihre Züge den Stempel tiefsten Frie
dens. Und die seinen, nun, sie boten
Gelegenheit zu interessanten Studien.
35. Kapitel
E k u n e
Die Ursache der Freude Lucettas
wurde uns allen bald flats. Ihr Ver
ehrer Alfred Ostrander war nicht un
ter den Opfern Trohms gewesen, son
dent befand sich ivohl und gesund in
X. Daß Gryce dies bereits gewußt
halte, als er ihr das Telegramm zeig
te, war mir keine Sekunde lang zwei
felhaft und wurde vielleicht auch von
Lucetta geargwohnt, aber es wurde
niemals ein Wort hierüber verloren,
denn die Erklärungen, welche ihr
Liebhaber ihr kurz danach gab, mach
ten sie viel zu glücklich, als daß sie
irgend etwas bedauern konnte, was
diese selige Stunde vorbereiten ge
holfen hat.
Allem Anscheine nach hatte der
junge Mann es nicht übers Herz brin
gen können, Lucetta zu verlassen.
Nach seinem Abschiede von ihr hatte
er Grtue getroffen und von diesem
genug über den Verdacht, der wie eine
drohende Wolke über dent Knollys
scheu Haufe hing, erfahren, uut ihn
zu dem Entschlüsse zu bringen, unter
allen Umstanden' in der Nahe der
Dante seines Herzens zu bleiben,
selbst wenn er dadurch die Stellung,
auf die er alle feilte Zukunstshoff
nungeu gesetzt, verlieren sollte.
Alfred Oft runder war deshalb in
X. geblieben, aber ganz im Stillen
und in Verborgenheit: Gryce hatte
für ihn tu einer abseits liegenden Cot
tage eine Wohnung gefunden, wo fei
ne Anwesenheit keinerlei Aufmerksam«
keti erregte und nicht über ihn ge
sprochen wurde. Daß Gryce hierbei
irgendwelche besondere Absichten ver
folgte, vielleicht daran dachte, ihn als
wichtigen Zeugen benutzen zu kön
nen, will ich natürlich nicht behaup
ten. Tatsache ist ja, daß mein alter
Freund att alles denkt und fein Ge
schäft gründlich versteht, aber er hat
auch ein Herz, das selbst dornt nicht
schweigt, loenit alle Fähigkeiten des
Detektives in Anspruch genommen
werden, wie bei den Geheimnissen der
Straße der Verlorenen.
Die Stunde, welche wir alle zu
sammelt nachher spät Abends in dem
alten Hause verbrachten, war von so
viel GlückSgesühl und Frohsinn er
füllt, ivie in diesen Räumen schon
seit langer, langer Zeit nicht geherrscht
hatte. Nicht nur Lucetta, Loreen,
Ostrander, William und Gryce sowie
ich, waren dort, sodern sogar Titas,
der ausnahmsweise Erlaubnis erhal
ten hatte, im Zimmer zu sein es
•sollte auch nicht ein Einziger unter
uns sein, dem etwas Zur Zufrieden-'
heit fehlte. Und ich kann, obgleich
es etwas ganz Nebensächliches ist, nicht
unterlassen, zu erwähnen, daß der
Hund sich neben meinen Stuhl legte
und von meiner Seite auch durch al
les Locken seines Herrn nicht fortzu
bringen war, ein Umstand^ welcher
William so amüsierte, daß er bis zum
Gutenachtsagen itt allerbester Laune
blieb.
ES waren zu wenig Kerzen in dem
Hause, mit das Zimmer einigermaßen
gut zu beleuchten, aber Lucettas fast
überirdische Schönheit und der Frie
den, welcher auf Loreens fyinpathi
scheu Zügen lag, ließen keinen Ge
danken a it Dunkelheit aufkommen und
machten selbst die etwas magere
Mahlzeit, welche Hannah uns auf
tischte, zu einem Festmahle. Die frohe
Hoffnung kommenden Glückes er
füllte uns, und als ich, nachdem bi?
Gäste sich verabschiedet hatten, den
beiden Mädchen in beut so büstereu
oberen Teile des Treppenhauses „Gu
te Nacht" sagte, geschah dies mit Emp
findungen, tvelche ihren treffendsten
Ausdruck in zwei Briefen finden, die
ich unmittelbar darauf in meinem
Zimmer schrieb. Ver erste derselbe«
lautete:
„Liebe Olivia!
Andere glücklich zu machen, ist daS
beste Mittel, unsere eigene Sehnsucht
zu vergessen. In diesem Hanse wird
in allernächster Zeit eine Heirat statt
finden. Bitte, bestelle für mich in ei
nem der Läden, loelchen ich gewöhn
lich meine Kundschaft zuzuwende«
Pflege, eilt weißseidenes Brautkleid,
das so elegant wie möglich garniert
sein muß. Füge diesem ein für
Ozeameifett geeignetes Kleid, fow
ein halbes Dutzend Kostüme, die sich
für ein südliches Klima eignen, hin
zu. All' dies muß sich für ein zar
tes, aber geistvolles und temperament
volles junges Mädchen eignen, daS
schwere Stunden durchgemacht hat,
jetzt aber glücklich werden soll, wenn
liebevolle Aufmerksamkeit und etwas
Geld dazu helfen können. Sparc
nichts, vermeide aber jegliche Extra
vaganz, denn sie ist ein scheues Vö
gelchen und leicht verschüchtert. Die
Maße lege ich bei und ebenso auch
diejenigen für eine zweite junge Da
me, loelche ebenfalls mit einem weißen
Kleide, das am Besten aus feinstem
Seidemuuslitt gemacht wird, versehen
werden muß. Die letztere junge Da
me iverde ich, sobald ich nach New Jork
komme, mitbringen, so daß Deine ge
genwärtige Einsamkeit dann durch ei
nen wirklich angenehmen Gast unter
brochen werden wird.
Mit herzlichen Grüßen und inti
mer Freundschaft Deine
Amelia Butterworth."
Der zweite Brief war kürzer und
wichtiger. Derselbe wurde von mit
an den Präsidenten ber Gesellschaft,
Ivel che Herrn Ostrander nach Süd
amerika feitben wollte, gerichtet, und
ich berichtete barin genug von be*
Vorgängen, bie beit jungen Mann
3c. zurückgehalten hatten, um den Prä
sidenten persönlich für das glückliche
Brautpaar zu interessieren. Sodann
bat ich ihn, Herrn Ostrander die Ver
säumnis zu verzeihen, und fügte hin
zu, wenn er demselben gestatten wolle,
mit dem nächsten Dampfer und in @e-

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