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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, September 29, 1943, Image 1

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Die Katholiken der ganzen Welt
find um das Schicksal des Hl. Vaters
besorgt, da er praktisch ein Gesänge
ner des Nazi-Feldmarschalls Kesselring
ist. Eine Anzahl Tankabwehrgeschütze
sind auf dem St. Petersplatze am Fu
ße der großen Treppe der Basilika
aufgefahren und Maschinengewehre
stehen längs der berühmten Kolonna
den. Weitere Fallschirmtruppen halten
rings um die Vatikanstadt Wache, um
Verbindungen zwischen der Stadt und
dem Hl. Vater zu kontrollieren. Glau
bigen ist es zur Zeit unmöglich, die
Erlaubnis zu erhalten, in der St.
Peterskirche zu beten oder einem Got
tesdienst beizuwohnen.
An Scheingründen für diese uner
hörte Verletzung der Neutralität der
Vatikanstadt fehlt es den jeden gött
lichen und menschlichen Satzungen
o n s rechenden Naziverfügungen
nicht. So hat ein Sprecher des Au
ßenarnts in Berlin erklärt, achsenfeind
liche Agenten seien auf dem St. Pe
tersplatz mit Diplomaten aus Vatikan
stadt zusammengetroffen und die Pla
cierung von Nazisoldaten um die Va
tikanstadt „macht dies jetzt schwieri
ger".
Die Nazibehörden 'in' Rom haben
ebenfalls die Radioprogramme der va
titanischen Rundfunkstation unter
strenger Kontrolle. Infolgedessen wer
den manche Sendungen stark verkürzt
oder ganz unterdrückt.
Das Chaos in Rom ist Schweizer
Berichten zufolge derart groß, daß al
le Kirchen außer St. Peters wegen
der Plündereien geschlossen wurden.
Papst Pius der Zwölfte soll mit dem
päpstlichen Staatssekretär Kardinal
Luigi Maglione über die Lage kon
feriert haben. Die Schweizer Garde
des Vatikans soll „volle Kriegsuni
'form" angezogen haben.
Es hat sich in der jahrhundertelang
gen Geschichte der Menschheit noch im
mer bewiesen, daß die „Weltgeschichte
das Weltgericht" ist, und „Qui mange
du Pape, en meurt!" Der schlaue, fei
ge und niederträchtige nazistische Plan,
„sich in den Falten des Kirchenmantels
zu verbergen", wird die Frechlinge
nicht retten. Wohl werden die Pro
teste der ganzen christlichen und alli
ierten Welt wirkungslos bleiben. Die
Nazi verstehen nur die Sprache der
Bomben und Kanonen, welche diesmal
die Gottes- und Menschenfeinde vom
Antlitz der Erde hinwegfegen werden
Wie aus Bern, Schweiz, berichtet
wird, ist, wie jetzt öffentlich bekannt
geworden, die diesjährige Fuldaer
Konferenz der katholischen Bischöfe
Deutschlands mit einer abermaligen
klaren Stellungnahme des Episkopats
gegen die Kirchenpolitik der Nazis be
endet worden. Ein dort beschlossener
Hirtenbrief der Bischöfe, der vom 19.
August datiert und am 29. August von
'den Kanzeln aller katholischen Kirchen
Deutschlands verlesen worden ist, gibt
dem Bedauern der Kirchenfürsten dar­
Jahrgang 71 Mittwoch, den 29. September 1943
UnpolitischeZeitlänfte
ber Ausdruck, daß „der Krieg gegen
die christliche Kirche selbst jetzt, mitten
in einer gefahrvollen, große Opfer er
fordernden Zeit" noch fortgesetzt
werde.
Affen Anschein nach haben die
Nazi die Kontrolle der Stadt Rom
ergriffen und den St. Petersplatz
besetzt, angeblich zum „Schutz des
zistischen Volkserziehungssystem, es
atele auf „Entchristianisierung" des
Deutschen Volkes, insbesondere seiner
Jugend, ab. Es sei soweit gekommen,
daß Kinder aus evakuierten Städten
sich nun in den Heimstätten, Schulen
und Jugendlagern, in denen sie unter
gebracht sind, weigerten, die Christen
lehre zu empfangen und die Kirche zu
besuchen. Es sei unter diesen Umstän
den den Priestern oft schwer, wenn
nicht unmöglich. Jugendlichen die Sa
kramente zu spenden. (Die Sakramen
te setzen nach katholischer Lehre bei
dem Empfangen den Gnadenstand und
damit in erster Linie den Glauben vor
aus.)
Das Urteil des Episkopates über
die nationalsozialistische Kirchenpolitik
gründet sich außerdem auf die Fest
stellung, daß die Christen im Reiche
vielfach „einem starken Druck" ausge
setzt sind. Im Warthegau sei „die Un
terdrückung der Kirche nachgerade
vollständig".
Der Hirtenbrief trägt die Unter
schrift des Kardinalfürstbischofs Ber
tram von Breslau, des Kardinals
Faulhaber von München und des Wie
ner Kardinals Jnnitzer. Ferner haben
noch 26 deutsche Erzbischöfe und Bi
schöfe und sechs andere katholische Füh
rer ihre Unterschrift unter die mutige
^f$7W .*
Tin Familienblatt für Wahrheit und Recht zur Belehrung und Unterhaltung
Erscheint wöchentlich tut Päpstliche» Collegium Joseph!«»«! zum Beste» der Priesterzögliage
Herausgegeben vom Päpstlichen Tollegium Josephinum. PreiS für ein Jahr tn den Vereinigten Staaten $2, in Kanada und allen anderen Staaten $2.60
Kundgebung gesetzt.
Die von nazistischer Seite verbrei
tete Mitteilung, daß Hitlers Truppen
den „Schutz des Vatikans" überneh
men würde, hat in katholischen und in
offiziellen Washingtoner Kreisen ern
ste Besorgnisse hervorgerufen. Der
Der Hirtenbrief s^gt von dem na- Ausdruck hat einen üblen Klang für
Nazi „beschütze«" den Vatikan
Vatikans". Alle Welt fragt sich:
gegen wen? Die Alliierten haben
bis jetzt bewiesen, daß sie das neu
trale Territorium des Vatikans re­
alle, die sich an frühere ähnliche deut
sche Mitteilungen erinnern, daß die
Wehrmacht den „Schutz" von Luxem
bürg oder irgend einem anderen neu
tralen Staat übernommen habe.
Bei dem Fehlen von direkten
Nachrichten vonseiten des amerikani
schen Vertreters im Vatikan indessen
sind die amtlichen Stellen vorsichtig
in ihrer Beurteilung der Lage. Es
wurde darauf verwiesen, daß, zumin
dest theoretisch, die Deutschen die ita
lienische Hauptstadt, ohne sich mit dem
Vatikan und seiner Tätigkeit zu be
fassen, ebensowenig kontrollieren kön
rtert, wie Mussolinis Regierung oder
die seines Nachfolgers Marschall Ba
do glio dies konnte.
Eine Sendung des römischen Rund
funks legte dar, daß das deutsche Mi
litär außerhalb der Hauptstadt blei°
ben würde, mit Ausnahme der Abtei
lungen zur Uebernahme des Radio,
der Polizei, des Telegraphen- und Te
lephonhauptamtes sowie der deutschen
Botschaft. Dies scheint auf den Wunsch
der Deutschen hinzudeuten, die Be
fürchtungen des Vatikans zu beschwich
tigen. Auf der anderen Seite ist fest
zustellen, daß die deutsche Mitteilung
keine direkte Zusicherung enthielt, daß
die Neutralität des Vatikans respek
tiert werden würde.
"'•**.:
No. 22
Zugegebenermaßen durfte die deut
sche Kontrolle über Rom nur kurzle
big sein, sofern das Nazioberkommando
beschlossen hat, seinen Hauptwiderstand
gegen die alliierten Truppen weiter
nördlich durchzuführen. Sollten in
dessen die Deutschen sich darauf ver
steifen, Rom und sein umliegendes
Gebiet zu halten, bis sie daraus tier-
iffllfrlgtlfr »illlMitffiilii
spektieren. Wie die Nazi die gewalt
sam annektierten Länder Europas
„beschützt" haben, hat die Geschichte
in blutigen Buchstaben aufgezeich
net.
jagt werden, dann sähen sich die Al
liierten wieder dem Problem gegen
über, wie sie ihre Schläge gegen den
Feind führen sollen, ohne aus dem
Vatikan ein Schlachtfeld zu machen.
Die deutschen Behauptungen, daß
deutsche Truppen in Rom eingezogen
sind und den Schutz der Vatikanstadt
übernommen haben, werden von den
Katholiken ganz allgemein als ver
hängnisvoll angesehen, erklärte Rev.
John La Farge, Herausgeber von
„America", der Wochenschrift des Fe
fuitenordens.
„Ich meine, das allgemeine Gefühl
der Katholiken wird das des äußer
sten Bedauerns fein, denn man kennt
ja den glaubenslosen und religions
feindlichen Charakter der Nazis."
„Es ist ein großes Unheil. Wir be
trachten es mit ernster Befürchtung
und großer Sorge, und die Situation
muß für den Heiligen Stuhl äußerst
ungehablich sein", sagte Pater La Far
ge und fügte hinzu, die vergangenen
deutschen Garantien und Versprechun
gen hätten sich insgesamt als wertlos
erwiesen.
Obgleich nicht offiziell bekanntgege
ben, wird mit Bestimmtheit angenom
men, daß vor kurzem Enrico Galeazzi,
(Fortsetzung auf Seite 12)

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