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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, September 29, 1943, Image 10

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(26. Fortsetzung)
„Ich kann's heute nicht, und un
verschämte Ansprüche weise ich ab. Ge
Winne ich nur Zeit bis zu meiner
Hochzeit, dann mag kommen, was
will. Als Schwiegersohn des Kommer
zienrates fürchte ich nichts mehr. Also
reden Sie zu ihm, machen Sie ihm die
glänzendsten Versprechungen. Ich hof
fe, ihn bei meiner Heimkunft nicht
mehr zu finden."
„Ich will mein Möglichstes tun",
erwiderte Rantzow ruhig „daß'er ab
reisen muß, sieht er ja selbst ein."
Graf Krasinski schritt, in Nachden
ken versunken, noch einige Mal auf
und ab, dann verließ auch er, nachdem
er einen Prüfenden Blick auf seine Uhr
geworfen hatte, das Zimmer.
Rantzow dachte, daß Michael zurück
kehren werde, und er sah sich in dieser
Erwartung nicht getäuscht.
„Wissen Sie nun, was wir von ihm
zu erwarten haben?" fragte der Ein
tretende höhnisch. „Sind Sie nun
überzeugt, daß er uns betrügen will?
Es ist nur zu wahr unsere Dro
hungen braucht er nicht zu fürchten.
Darauf pocht er, und wir mögen zu
sehen, wie wir unsere Rechte wahren."
Rantzow wiegte sinnend das Haupt.
„Wissen Sie einen Weg, auf dem sie
gewahrt werden können?" erwiderte
er.
„Wir müssen uns nehmen, was man
uns verweigert."
„Wo finden wir's?"
„Kommen Sie mit."
Rantzow erhob sich und folgte dem
Diener, der ihn in das Schlafzimmer
Krasinski's führte.
Die Wände dieses Zimmers waren
mit einer dunklen, holzfarbigen Ta
pete bedeckt. Michael zündete eine Ker
ze an und drückte mit dem Daumen
auf den Messingknopf eines Nagels,
der nur zu Garderobezwecken in die
Wand geschlagen zu sein schien.
Eine Tür, die Rantzow nicht Be
merkt hatte, öffnete sich geräuschlos.
Dicht hinter ihr zeigte sich eine zweite
eiserne Tür.
„So weit wären wir", sagte Mi
chael „jetzt gilt's, diese Tür zu öff
nen, und ich fürchte, Sie werden keine
leichte Arbeit haben."
„Ist dies der Geldschrank Krasin
ski's?" fragte Rantzow.
„Jawohl und zugleich ein Versteck
für ihn, falls er hier gesucht toitd.
Der Raum hinter der Tür ist groß
genug, um ein halbes Dutzend Men
schen aufzunehmen, und die Tapeten
tür entdeckt keiner, der von ihrer Exi
stenz feine Kenntnis hat."
„Und wie viel liegt dahinter?"
„Mindestens 30,000 Taler."
In den Augen Rantzows leuchtete
es auf. Er bückte sich, um das Schlüs
selloch zu betrachten.
„Sie haben den Schlüssel nicht?"
fragte er.
„Krasinski trennt sich nicht von ihm.
Ich fand nie Gelegenheit, einen Wachs
abdruck davon zu nehmen, sonst hätte
ich längst einen zweiten Schlüssel füt
mich machen lassen."
„Das ist fatal
„Sie werden die Tür gewaltsam
erbrechen müssen. Das erforderliche
Werkzeug werde ich Ihnen holen."
„Na, und Sie?"
„Ich mache inzwischen dem Korn
merzienrat einen Besuch", erwidert
Michael gelassen. „Wir wollen jetzt
mitnehmen, was wir bekommen kön
nen. Um acht Uhr ist das Geschäft ge
schlossen die Haustür bleibt his
neun Uhr offen, da werde ich wohl
eine passende Gelegenheit finden, mich
hineinzuschleichen. Und bin ich erst im
Kassenzimmer, dann kann ich mit al
ler Ruhe arbeiten hoffentlich lohnt's
der Mühe."
„So soll ich die Arbeit hier allein
verrichten?" fragte Rantzow ärgerlich.
„Ich arbeite ja auch, und wir haben
jetzt keine Zeit mehr zu versäumen.
Hämmern Sie nur fest darauf los.
Draußen hört's man nicht, und sollte
jemand läuten, so kümmern Sie sich
nicht darum. Sobald ich fertig bin,
komme ich hierher. Gleich nach zehn
Uhr fährt der Schnellzug, und mit
diesem müssen wir abdampfen."
„Und wenn Sie nun erwischt wer
den?" fragte Rantzow besorgt. „Wäre
es nicht ratsamer, Sie verzichten auf
das Geschäft, um mir hier beizuste
hen?"
„Mich erwischt man so leicht nicht",
spottete Michael, „sollte ich aber nicht
rechtzeitig hier fein, so machen Sie sich
mit dem Gel'de fort. Wir treffen dann
auf dem Bahnhof zusammen."
Er eilte hinaus und kam schon nach
einigen Minuten mit einem Kasten
Einbrecherwerkzeuge zurück.
„So da haben Sie alles, was Sie
bedürfen", sagte er „ich denke, Sie
werden's schon fertig bringen. Vor
neun Uhr bin ich wieder hier, dann
muß alles soweit geordnet sein, daß
wir teilen können. Krasinski wird wü
ten, wenn er sich betrogen sieht aber
ihm bleibt immer noch genug. Er
wird nicht wagen, uns zu verfolgen
und sollte er auch uns später noch ein
mal Begegnen, wie haBen diese Begeg
nung nicht zu fürchten."
Michael ging lachend hinaus. Rant
zow nahm aus dem Kasten einen schwe
ren Hammer und Begann die ArBeit.
Graf Krasinski war keineswegs so
ruhig, wie er sich den Anschein gab.
Die plötzliche Ankunft des Kassierers
flößte ihm ernstliche Besorgnisse ein.
Die Drohungen Michaels verachtete
er und daran, daß man ihn BerauBen
"önnte, dachte er nicht er wußte sein
Äeld sicher genug ausgehoBen. UeBer
dies kannte Michael die Gefahren, die
mit der gewaltsamen ErBrechung der
eisernen Tür verBunden waren. Kra
'inski zweifelte auch nicht daran, daß
'ein Genosse nicht säumen werde, die
Flucht zu ergreifen.
Ernster war ihm die Gefahr, die ihm
von anderer Seite drohte. Der Kassie
rer des Breslauer Hauses hatte in
Michael 'den UeBerBringer der falschen
Banknoten erkennt. Es war also im
merhin möglich, daß er daraufhin schon
jetzt Schritte tat, um sich die Vorteile
dieser üBerrraschenden Entdeckung zu
ichern. Es war sogar anzunehmen,
aß er sich sofort zum Kommerzien
rat BegeBen würde, um ihm diefe Ent
Deckung mitzuteilen ferner, daß er die
Verhaftung Michaels forderte und des-
fen
Herrn der Mitwissenschaft Beschul
digte.
War dies nicht geschehen, so durste
Erasinski wieder aufatmen, und über
ttacht mochte ihm wohl ein guter Ge
danke kommen, wie er sich am nächsten
Tage mit dem Kassierer einigen
rennte.
Oyu» W«ise»fr«u»d
Die Einigung wäre leicht gewesen,
hätte er sich nur einschließen können,
das Geld wieder zurückzugeBen aBer
es fiel ihm schwer, diesen Entschluß
zu fassen, und er fürchtete auch, sich
dem Kommerzienrat gegenüber eine
Blöße zu geBen.
Wenn nur jetzt noch keine Anzeige
gemacht worden war!
Er mußte Gewißheit haBen. War
der Kassierer noch nicht Bei dem Kom
merzienrat gewesen, dann war auch
vor dem nächsten Morgen nichts zu
Befürchten.
Die Freundlichkeit, mit Her Stein
feld den Eintretenden empfing, ließ
denselben erkennen, daß feine Be
fürchtung unbegründet sei.
„Bitte, nehmen Sie Platz", sagte
der Bankier, „ich werde sogleich zu
Ihrer Verfügung sein. Die Post war
teth nicht, und diese Briefe müssen
heute ABend noch fort."
„Lassen Sie sich nicht stören", er
widerte Krasinski autatmend, während
er sich in einen Sessel setzte „ich haBe
Zeit."
Der Kommerzienrat las die Briefe
flüchtig und unterzeichnete sie, dann
zog er an der Glocke und üBergaB die
Briefe dem eintretenden Gehilfen.
„Nun wäre die ArBeit dieses Ta
ges erledigt", scherzte er, seinem Gast
eine Zigarre anBietend. „Sie HaBen
Adelaide in wahrhaft fürstlicher Weise
üBerafcht die Damen sind ganz ent
zückt über den Schmuck."
Der Graf verneigte sich lächelnd.
Sein Blick ruhte erwartungsvoll aus
dem Gesicht des Bankiers.
„Ich bin Ihnen dankbar für diese
angenehme Mitteilung", sagte er
„aufrichtig gestanden, war mir dieser
Schmuck noch nicht schön genug, aber
der Juwelier konnte mir nichts Bes
seres vorlegen, und ich wollte auch
nicht warten, bis er ein neues Ge
schmeide angefertigt hätte."
„Sie scherzen wohl!" erwiderte
Steinfeld. „Ich erinnere mich nicht,
je einen prächtigeren Schmuck gesehen
zu haben. Meine Damen werden Ih
nen gewiß dasselbe sagen. Ich be
dauere nur, daß Sie nicht heute schon
ihren Dank in Empfang nehmen kön
nen sie sind eben ausgefahren, um
einer Einladung der Frau Gerichts
Präsidentin Folge zu leisten."
„Dann freilich werde ich mich gedul
den müssen."
„Wir erwarten Sie morgen zum
Diner", fuhr de Bankier fort, „der
wohlverdiente Dank wird Ihnen dann
sicher zuteil werden. In Bezug auf
Ihren Wunsch habe ich auch schon mit
meinen Damen Rücksprache genommen
ich kann Ihnen leidex nicht die ge
wünschte Auskunft geben. Meine Frau
findet gegen Ihren Wunsch nichts ein«
zu wenden, aber Adelaide kann sich
nicht damit befreunden vielleicht ge
lingt es Ihnen im Laufe der Zeit, ih
ren Widerstand zu besiegen."
Graf Krasinski hatte die Brauen zu
sammengezogen. Er kannte Adelaide
bereits genügend, um zu wissen, daß
sie den einmal geäußerten Entschluß
nicht ändern würde.
„Ich muß mich freilich in diesem
Punkte den Wünschen meiner Braut
fügen", sagte er nun mit scheinbarem
Gleichmut, während er langsam über
den schwarzen Bart strich. „Wenn
Adelaide sich nicht entschließen kann,
mich nach London zu begleiten, dann
werde ich diese Reise schon bald an
treten."
„Das wäre in der Tat das Beste,
was Sie tun konnten", erwiderte
Steinfeld. „Adelaide wünscht, daß der
i
Hochzeitstag erst nach einem halben
Jahre bestimmt werde bis dahin
konnten Sie Ihre Geschäfte geordnet
haben." z
Graf Krasinski blickte sinnend
den
Rauchwölkchen seiner Zigarre nach,
und wie Hohn zuckte es fluchtig über
sein Antlitz.
So nahe seinem Ziel, sollte er
der
Laune eines jungen Mädchens sich fü
gen und das schwer Errungene wieder
gefährdet sehen?
„Gewiß", erwiderte er mit erheu
chelter Ruhe, „unter diesen Verhält
nissen entschließe ich mich kurz viel
leicht trete ich schon morgen Abend
meine Reise an. Adelaide wünscht ja
auch, daß unsere Verlobung einstwei
len noch geheim bleiben möge. Wah
rend meiner Abwesenheit
„Bei ihrer Rückkehr werden Sie ei
ne frohe, glückliche Braut finden!"
unterbrach ihn der Bankier rasch.
„Ich hoffe es", nickte der Pole. „Sie
haben wohl mit einem Londoner
Bankhause Verbindung?"
„Gewiß ich werde Ihnen Briefe
mitgeben...."
„Darum wollte ich Sie bitten, und
zwar nicht um Empfehlungsbriefe al
lein, sondern auch um Wechsel."
„Sie können dieselben in jeder
Stunde erhalten."
„10,000 Pfund Sterling, wenn
ich bitten darf ich wede morgen Vor
mittag nach meinem Besuch bei Ih
ren Damen den Wechsel in Empfang
nehmen. Ich glaube nicht, daß ich nur
die Hälfte dieser Summe gebrauchen
Werlte, aber ich kann auch nicht wissen,
welche Forderungen drüben an mich
herantreten", fuhr er fort, als er den
Blick Äes Bankier voll Befremden auf
sich gerichtet sah „es ist wohl möglich,
daß ich die Agenten, welche den Ver
kauf meiner Güter betreiben, mit
namhaften Summen honorieren muß.
Ich bin entschlossen, Opfer zu bringen,
um diese Angelegenheit definitiv zu
ordnen. Die aus dem Verkauf erziel
ten Summen lasse ich auf dem gewohn
ten Wege in ihre Kasse fließen."
„Sie können zu jeder Zeit über den
verlangten Wechsel verfügen", sagte
der Kommerzienrat mit einer leichten
Verbeugung „ich werde ihn morgen
frhü ausstellen und das Londoner
Haus Benachrichtigen lassen. Sie wol
len also morgen ABend wirklich aBrei
sen?"
„Vielleicht wenn nicht morgen,
dann üBermorgen gewiß. Haben Sie
von dem Breslauer Hause Nachrich
ten erhalten, die mich Betreffen?"
„Neuerdings? Nein, wir müssen
nun aBwarten, oB es sich mit unserer
Antwort auf seine Forderung Begnü
gen wird."
„Schwelich!" sagte Krasinski gelas
sen. „Mir ist die Sache höchst fatal.
Ich muß zugeBen, daß diese Forderung
einigermaßen Berechtigt ist um so un
angenehmer ist es mir, da ich ihr nicht
Folge geBen darf. Ich würde meine
Interessen zu sehr gefährden, wenn ich
es täte, und doch könnte das Haus
mich zwingen, den Namen des Freun
des zu nennen, der meine Güter ver
waltet. Kommt die Sache dann zur
Kenntnis der russischen Regierung,
so darf ich mich auf große Unange
nehmlichkeiten gefaßt machen."
„Es ist allerdings eine mißliche La
ge", stimmte der Bankier Bei „jeden
falls müßten Sie darauf dringen, daß
Ihr eigener Name verschwiegen
BleiBt."
„Ich HaBe in diesem Sinne schon
an meinen Freund geschrieBen. Je un
ter Umständen werde ich wohl in den
sauren Apfel beißen und die Summe

Mittwoch, den 29. September 1943

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