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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, November 03, 1943, Image 10

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(2. Fortsetzung)
„Heute Nachmittag müssen Sie aber
doch diese Gefahr weniger hoch ange
schlagen haben. Sie sind tapfer ge
nug, Herr Blunt, um mir die Stirne
zu bieten wären Sie wirklich ein so
wankelmütiger Charakter, der binnen
Zwei Tagen zweimal anders spricht?"
„Nein, ich bin nicht wankelmütig,
deshalb sehne ich mich doch, nach Hau
se zu-kommen hier ist ein Zweig
lein auf Ihr Haar herabgefallen, gnä
diges Fräulein...."
„Wo?"
„Nein, nein, ich bitte, nehmen Sie
es nicht weg es kleidet Sie so aller
liebst."
„Herr Blunt, Sie sind ein
Schmeichler", sagte Edith mit einem
schwachen Versuche, zu lächeln. Dabei
nestelte sie den Zweig aus ihrem dun
kelbraunen Haar los und wollte ihn
dann ins Feuer werfen, wurde jedoch
von Blunt daran gehindert.
„Erlauben Sie", sprach er und
nahm das Zweiglein aus ihrer Hand,
„ein Neger würde es als böses Omen
deuten, wenn Sie grünes Blattwerk
verbrennen wollten."
„Nun wohl, Herr Blunt, weil Sie
so abergläubisch sind, erlaube ich Ih
nen, über diesen Fund nach Ihrem
Pelieben zu perfügen ich will mich
aber jetzt nach dem Wunsche der Mut
ter auf mein Zimmer begeben."
„Bleiben Sie noch einen Augen
blick", bat Blunt.
Das Fräulein sah ihn erwartungs
voll an.
„Ich habe Ihnen noch nicht gesagt,
aus welchen Gründen es mich heute
so drängte, heim zu kommen."
„Wahrhaftig, ich hatte darauf ver
gessen vielleicht auch um Ihrer Ge
sundheit willen?"
Der Sekretär lächelte zu dem of
fenbaren Sarkasmus dieser Frage und
erwiderte langsam: „Weil ich hoffte,
Ihnen eine kleine Freude zu machen
und Ihnen gefällig sein zu können."
„Ich kann mir's nicht recht erklä
ren, wie Ihre Gegenwart mich so
wesentlich beglücken möchte."
Sie zuckte verächtlich mit den Ach
fein.
„Ach, Verzeihung dann! Ich wollte
nicht anmaßend scheinen."
Dabei richtete er sich in seiner gan
zen hohen Gestalt auf und warf den
Kopf stolz in den Nacken zurück. Er
war in der Tat ein sehr schöner Mann.
So jugendkräftig und geschmeidig,
mit großen, leuchtenden Augen mit
einem edlen, blühenden Antlitz, das
eine Fülle blonder Locken umrahmte.
Besonders einnehmend aber war der
geistreiche Ausdruck, der aus diesen
Wgen leuchtete.
Dieser Mann verstand eS in der
Tat, echte Männlichkeit mit Weichheit
zu vereinen. Seine Stellung bei der
altadeligen Familie war mehr und
mehr eine vereinsamte geworden. Er
sah sich allerdings geschätzt und ge
achtet, dennoch war er mit klein
licher Unterscheidung von jeglicher
intimeren Berührung mit der Fami
lie ausgeschlossen. Dadurch hatte er
eine gewisse Verbitterung sich ange
eignet, die ihm manche schwere Stun
de bereitete.
Cr fühlte sich allen, mit denen er
auf Cozy Dell zusammentraf, an Bil
dung ebenbürtig, den meisten sogar
an Kenntnissen überlegen, und er
mußte nur deshalb, weil er kernen
Wappenschild und keine ritterlichen
Ahnen aufzuweisen hatte, der vorneh
men Gesellschaft fernbleiben, nach de
reit Umgang er sich merkwürdig
genug so lebhaft sehnte.
Edith war bisher die Einzige ge
wesen, welche den wahren, ganzen
Wert des jungen Sekretärs erkannte
sie allein hatte nicht nur keinen Un
terschied gemacht zwischen ihm und
ihren adeligen Freunden, sondern auch
jede Gelegenheit ergriffen, seine Ver
dienste glänzend hervorzuheben. Sie
kurzem aber war auch sie anders ge
worden und zeigte sich nun kalt, stolz
und zurückhaltend.
Der spöttische Ton' ihrer letzten
Worte hatte ihn gekränkt. Er schwieg
und stand mit abgewandtem Gesicht
beim Kamin.
Alsbald vernahm er das Rauschen
ihres seidenen GewandeS sie trat
näher und sagte sanft:
„Ich habe Ihnen vorhin wehe ge
tan verzeihen Sie mir."
Robert Blunt verharrte im Schwei
gen.
„Sind Sie mir wirklich böse?"
srug sie nach einer kurzen Pause.
„Nein, Fräulein Edith."
„Warum aber sprechen Sie nicht?"
„Weil mich Ihr sonderbares Be
nehmen befremdet Sie sind ein
Rätsel für mich. Ich kann Sie nicht
verstehen."
„Versuchen Sie es auch nicht
ich verstehe mich selbst nicht mehr."
Dann aber, gleichsam als fürchte
sie, schon zu viel gesagt zu haben, füg
te sie rasch hinzu: fassen Sie mich
jetzt endlich einmal hören, waS Sie
mir zu sagen wünschen."
„Ich will es tun, obgleich es mir
sehr schwer fällt. Sie entsinnen sich
vielleicht, vor einiger Zeit von einem
Gedichte gesprochen zu haben, dessen
Inhalt Sie hoch entzückte, als Sie
davon Einsicht erhielten."
„Ja, es führte den Titel: Kampf
und Arbeit. Es schilderte die Geschich
te meines eigenen Lebens in so frap
panter Weife, daß ich mir alle Mühe
gab, es mir zu verschaffen ich konnte
es aber leider nicht bekommen."
„Und würde Ihnen sein Besitz eine
kleine Freude machen?"
„Eine große Freude sogar."
Blunt zog ein kleines Paketchen aus
seiner Seitentasche und reichte es Edith
mit den Worten: „So, und nun sehen
Sie wohl, mein Fräulein, daß ich
heute wirklich imstande war, etwas zu
Ihrem Vergnügen beizutragen."
Ohne ihren Dank abzuwarten, ver
ließ er das Zimmer und nahm den
kleinen Hollunderzweig mit sich fort.
Sie stand überrascht und zerrte mit
einer gewissen Ungeduld den Schemel
vor dem offenen Fenster mit ihrem
kleinen Fuße hin und her. Trotz der
verletzenden Gleichgültigkeit, die sie
vorhin dem Sekretär gezeigt hatte, be
schäftigten sich jetzt ihre Gedanken mit
ihm, und gerade darüber war sie är
gerlich. Wie kam es denn nur, daß sie
seine geistige Ueberlegenheit empfand,
sobald er ihr gegenüber stand? Ihre
stolze Seele mußte sich dann unwill­
kürlich ihm unterwerfen. Wohl gab
sie Blunts Ueberlegenheit an Wissen
und Erfahrung zu, im Range aber
stand er ja doch weit, weit unter ihr.
Wer war er denn? Der bezahlte Un
tergebene ihres Vaters, sein geheimer
Sekretär und eines Küsters Sohn!
Sie fühlte eine gewisse Demütigung
in ihrem Innern, als sie sich jetzt
schmollend in den Rollstuhl beim Ka
mme zurücklehnte.
„Warum kreuzt denn dieser Mensch
überall und immer meinen Weg?
Warum steht er feindlich zwischen mir
und meinem Glück? Seine Gegen
wart ist mir peinlich warum mußten
wir einander überhaupt begegnen?
Ach, ich wollte, er verließe das Haus
und verschwände aus meinem Leben
und aus meiner Erinnerung, so daß
ich nie, nie wieder ihn sehen müßte."
Die kleine Stutzuhr auf dem Sims
.schlug eben sechs Uhr. Edith fuhr zu
sammen die Broschüre glitt von
ihrem Schöße zu Boden. ,Er ist mein
Fluch, ich hasse ihn", sagte sie halb
laut zu sich selbst „ein, es ist Un
recht, ihn zu hassen ich hasse ihn
nicht aber, Gott verzeihe mir's, ich
kann doch nicht anders."
Die Kohlenglut warf mattgelbe
und rötliche Streiflichter ins Zimmer.
Edith hatte das entfallene Heft wie
der aufgehoben und bemerkt, daß auf
dem Rande desselben etliche Worte
flüchtig mit Bleistift geschrieben stan
den.
„Weine nicht, du junges Leben,
Dem jetzt Bitt'res nur gegeben
Und des Daseins Lust vergällt
Mußt Vergang'nes nicht beklagen,
Mußt nicht leidenssatt verzagen.
Halte Hoffnung nur bereit!
Auch für dich kommt bess're Zeit
Auch für dich wird's endlich tagen."
Ihre Hände sanken langsam in den
Schoß zurück, während ihr Kopf sich
auf die Brust niederbeugte. „So ver
sucht er, mich aufzumuntern. Er fühlt
mit mir und fühlt meine Verlassen
heit", flüsterte sie mit weicher Stim
me. Dann erhob sie sich, ging zum
Fenster und sah hinaus in die dunkle
Nacht. „Schwarz und düster wie mein
Herz", sprach sie dumpf „auch in
meinem Leben ist endlose Nacht."
Sie barg ihr Gesicht in beide Hän
de und schluchzte leidenschaftlich: „O
ich Undankbare! Ich verdiene dieses
Mannes Achtung nicht."
Minute auf Minute verrann, und
noch immer saß sie in düsterem Sin
nen verloren, in einer Fensternische
und achtete nicht der flüchtigen Zeit.
Endlich lehnte sie sich müde gegen die
Wand und sank alsbald in tiefen
Schlaf. Laut und eintönig tickte die
Uhr, im Kamm erlosch die Flamme,
draußen aber pfiff der Wind durch die
Zedern, und der uralte Wetterhahn
auf dem Dache fuhr krächzend hin und
wider.
Zweites Kapitel
Ida Millworth saß in dem reizen
den Empfctngsfalon zu Cozy Dell
leicht und zierlich glitten die zarten
Finger über die Tasten des Pianos.
Frank Mordaunt hatte soeben ein
Duett mit ihr beendet und schritt jetzt
zu dem Sofa, auf dem ein zweites
junger Mann saß und ein eifriges Ge
spräch mit einer Dame Pflog, deren
Züge auffallende Ähnlichkeit mit de
nen Mord aunts zeigten, so daß man
sie sofort als Geschwister erkennen
mußte. Es war Helene Mordamtt,
Baron Franks Schwester, und der
junge Mann, mit dem sie plauderte,
war Herr Allyn Morris, der Freund
des Barons.
Mordaunt legte jetzt jedfem der bei
den Sprechenden eine Hand auf div
Schulter mit den Worten: „Ihr habt
nun lange genug beisammen gesessen
erlaubt, daß ich jetzt einige Worte al
lem mit Allyn spreche."
„Du mußt immer deinen Freund
an der Seite haben, Frank es ist or
dentlich, als ob ein wichtiges Geheim«
nis euch verbände."
Helene sprach das schnell und un
befangen, und doch war's, wie wenn
ein Steinchen, in einen Weiher ge
worfen, sofort .dessen ganze, glatte
Oberfläche in Aufruhr bringt eine
fast endlose Bewegung geht vom ge
troffenen Mittelpunkt aus und zit
tert, Kreis um Kreis bildend, immer
Weier, und alsbald ist das spiegelglatte
Bild des Wassers völlig umgewandelt.
Die jungen Männer begegneten sich
in einem raschen, bedeutsamen Blicke
und waren sichtlich mehr erschrocken,
als Helene ahnte, welche beifügte:
„Ich dächte, wenn man ein ganzes
Jahr miteinander reist, müßte sich
doch längst Gelegenheit zu völligem
Vertrauen geboten haben in der Hei
mat haben wir alle ein gewisses Recht
auf deine Unterhaltung, Frank."
„Niemand fragt so sehr nach mei
ner Gesellschaft, als mein Freund",
erwiderte Mordaunt. „Er ist mein
Kompaß, der bei Sturm und Sonnen
schein gleich redlich zu mir steht nicht
wahr, alter Junge?"
Der Angeredete war ein junger
Mensch von etwa 25 Jahren, nahezu
sechs Schuh hoch, mit niederer, aber
breiter Stirne und so stark hervor
springenden Backenknochen, daß sein
Kinn wie in einer Spitze auslief und
sein bleiches, eingefallenes Gesicht eine
widerliche, dreieckige Gestalt hatte.
Seine Nase war dünn und gerade
unter den hübsch gebogenen dunklen
Brauen lauerten zwei argwöhnische,
durchdringend schlaue Augen. Häufig
zuckte ein kaltes Lächeln um die schma
len Lippen, und auch jetzt beim Lobe
Mordaunts klang aus seiner Stimme
ein leiser Spott:
„Ja, man findet nicht viele, so
dankbare und anhängliche Freunde,
wie dich, liebster Frank."
„Ei, ich bin wirklich froh, von Jh
nett ein solches Lob meines Bruders
zu vernehmen", entgegnete Helene.
„Mein Gott! Es scheint, daß IN
noch nicht die Hälfte feiner Verdienste
gehört haben, verehrtes Fräulein.
Nicht wahr, Frank?"
„Sie weiß genug von mir", eH»
gegttete Mordaunt und drehte mit ei
niger Ungeduld das Ende seines
Schnurrbärtchens.
Morris lachte eS war ein son
derbares, hohles, unheimliches La
chen, welches den Baron augenschein
lich mit großem Unbehagen erfüllte,
denn er warf verstohlen einen ängstli
chen Blick nach ihm und wandte sich
dann zu seiner Schwester.
„Ich bitte dich, Helene, suche Fi cm
lein Ida aus und laß mich mit All^t
allein."
Nach einer neckenden Bemerkung,
wie Brüder so häufig die Gesellschaft
ihrer Schwester abzuschütteln verstän
den, erhob sich die junge Dame und
schritt über den weichen Teppich laut
los zu Jde Stillworth hin. Diese aber
hatte schon die ganze Zeit über die
Sprechenden beim Sofa, namentlich
Frank Mordaunt nicht aus den Au
gen verloren, während ihre Finger fast
mechanisch über die Tasten glitten. Als
jedoch Helene an sie herantrat, zuckte
fie plötzlich zusammen und schaute eis-

oder: Das GeheunmS von Cozy Dell
Oh»o Wa^e«^r«uck Mittwoch, ben 3. November 1943

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