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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, December 08, 1943, Image 10

Image and text provided by Ohio Historical Society, Columbus, OH

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10
v
1 I.
U4L
(7. Fortsetzung)
„Du, Edith, versuchst es schon seit
geraumer Zeit, mich nach und nach
aus des Vaters Herzen zu verdrängen
du erzeigst ihm jede denkbare Aus
merksamkeit und hast wohl Acht, daß
er auch um deine kindliche Aufopfe
rung wisse. Alles, was du ihm nur
irgend tun kannst, tust du, ohne mich
daran teilnehmen zu lassen. Oft, wenn
wir dich hier auf deinem Zimmer ver
muten, sitzest du bei ihm und träufelst
ihm das Gift der Abneigung wider
mich und meine Mutter Tropfen für
Tropfen ins Herz. Häufig schon be
gegnete ich dir, wenn du über den
dunkeln Korridor vom Bibliothekzim
mer hergeschlichen kamst, und da wußte
ich, daß du abermals bei ihm gewesen
und deine Saat der Zwietracht aus
gestreut hattest."
„Ida!" rief Edith in heftiger Er
regung. Aber die Stiefschwester fuhr
unbeirrt fort:
,Jch habe mir schon oft den Kopf
darüber zerbrochen, was denn der ei
frentliche Beweggrund deines Tuns
feht müsse, und ich kann mir immer
nur*'die einzige Absicht denken: Du
trachtest, dich in des Vaters Herz fest
zu schmeicheln, um dereinst alleinige
Erbin von Cozy Dell zu werden."
„Ja! Ida!" rief ihre Schwester
abermals im Tone schmerzlichster
Entrüstung. „Ich darf und will dich
nicht so reden hören! Wer um alles
in der Welt hat dir solch gräßliche
Gedanken in den Sinn gebracht?"
„Deine eigene Handlungsweise."
„Nimmermehr!"
„Gut wie kannst dn sie aber an
ders erklären?" 4
„Ida, habe ich dir denn nicht stets
lautere schwesterliche Liebe bewiesen?
Wie kannst du also so schwarze Ge
danken mir zumuten?"
„O ich kenne deine Liebenswürdig,
feit!"
Nur mühsam hielt jetzt Edith ihre
Tränen zurück. Das kränkende, unge
rechte Wort des Freundes verletzt ja
empfindlicher, als das eines Feindes.
„Erkläre mir dein Benehmen,
Edith, und sage, was ich von dir den
ken soll?"
Tief gekränkt schritt Edith in hef
tiger Erregung im Gemache auf und
ab und blieb endlich vor der jüngeren
Schwester stehen. „Ida, du verdienst
es nicht, daß ich dir eine Erklärung
gebe", sagte sie „denn du hast meine
treue, schwesterliche Liebe mit so maß
loser Härte und Böswilligkeit erwi
dert, dach ich dich eigentlich nur mit
schweigender Verachtung strstafen soll
te. Aber aus Mitleid für dich, aus
Hochachtung für unseren teuren Vo
ter und weil es edel ist, sich an seinen
Beleidigern mit verdoppelter Liebe zu
rächen, will ich noch ein letztes Wort
zu dir sprechen und versuchen, mich
von dem häßlichen Verdachte zu rei
nigen, der mich in deinen Augen so
furchtbar zu erniedrigen scheint."
Ida sah scheuen, fast ängstlichen
Blickes auf die Zürnende, welche also
fortfuhr:
„Du halst es vielleicht selbst kaum
für möglich, wenn ich dir sage, daß
ich im letzten Monat ein einziges Mal
dazu kam, mit meinem Vater zu spre
chen. Du weißt aber, daß er mit nie­
3 Qlx&he+i&clilaeae
mand verkehren mag als mit Herrn
Blunt, und ich hatte mich deshalb
so schwer es mich auch ankam doch
entschlossen, nur dann zu ihm zu font
men, wenn er mich rufen ließe. Du
weißt selbst, wie selten dies geschieht
denn du hast mich ja fast immer zu
ihm begleitet, wenn ich ihn besuchte.
Ich rede nicht mehr mit ihm, als du
auch aber ich liebe ihn innig und
kann's nicht ertragen, ihn nur so
selten zu sehen. Ich habe ja auf der
ganzen, weiten Welt außer ihm nie
mand, der an mir und meinem Schick
sal Anteil nimmt."
Hier hielt Edith eine kleine Weile
inne. Ida hob den Blick schüchtern
empor, senkte ihn jedoch sofort wie
der denn sie sah die Augen der
Schwester chehmütig auf sich gerichtet,
indem sie weiter sprach:
„Ja, ich sehne mich darnach, ihm
nahe zu sein, auch wenn er selbst nicht
einmal eine Ahnung hat, daß ich in
seiner Nähe weile. Ich schleiche gar oft
leise über den Korridor nach der al
ten Bibliothek und stehe heimlich an
des Vaters Bett und lausche seinen
Atemzügen. Ach Ida, wenn ich so still
und unbemerkt in seiner Nähe weile,
überkommt mich oft ein sehnliches
Verlangen nach gegenseitiger Mittei
lung. Dann möchte ich meine Arme
um seinen Hals egett, und ihn an
sehen, mir sein Vertrauen zu schen
ken und mir zu sagen, welch' ein un
heimliches Verhängnis ihn uns ent
fremdet und uns seine Liebe und sei
nen täglichen Umgang geraubt hat.
Aber du wirst mir glauben, daß ich
solche Wünsche bei mir behalte und
überhaupt niemals mit dem Vater
rede, wenn er es nicht ausdrücklich
verlangt und das geschieht jetzt im
mer seltener. Desto öfter drängt es
mich, ihn heimlicherweife zu sehen.
Als du mir nachmittags begegnetest,
kam ich eben wieder von einem solchen
Besuche aus der alten Bibliothek. Ich
wußte nicht, daß der Vater nach dir
geschickt hatte, sonst würde ich nicht
hingegangen fein."
„So hattest du also doch Ursache,
meine Begegnung zu scheuen."
„Nicht in dem Sinne, wie du
meinst. Ich kann es nun einmal nicht
ertragen, meine Liebe in irgend einer
Weise bespöttelt zu sehen, selbst nicht
die Liebe zu meinem Vater. Ich sage
dir das nur, weil du meine Schwe
ster und auch seine Tochter bist, wie ich
selbst. Ida, kennst du jenes Gefühl,
das uns alles ertragen, alles erdul
den läßt für jene Person, wie wir lie
ben? Wenn du dies verstehst, wenn du
es fassen kannst, so wisse: solche Liebe
empfinde ich für meinen Vater. Und
mit dieser Liebe für ihn in meinem
Herzen könnte es mir möglich sein,
diejenigen zu hassen, welche ihm
teuer sind? Muß ich dich nicht schon
um seinetwillen herzlich lieben? Ja,
ich liebe dich, Ida, liebe dich treu und
aufrichtig. Sonst gab es eine Zeit,
wo auch du stolz warst auf die Zu
neigung deiner Edith aber jetzt.."
Sie konnte nicht vollenden, denn
Tränen erstickten ihre Stimme, und
ein Zittern lief durch ihre zarte Ge
staftlt. Ida's Groll war verschwun
den. Bewundernd ruhten ihre Blicke
auf der seitwärts stMsden SchtzsUx»
Dhio Waisen freund Mittwoch, de» 8. Dezember 194U
die mit abgewandtem Gesichte frug:
„Wann hat der Vater das letzte Mal
nach dir geschickt, Ida?"
„Gestern."
„Und wann das vorletzte Mal?"
„Vor vier Tagen."
„Und ich, Ida, habe schon seit drei
Wochen kein Wort mehr mit ihm ge
sprochen. Das, meine ich, sieht nicht
aus, als wollte ich dich aus dem Her
zen des Vaters verdrängen."
„Nein", erwiderte Ida verlegen.
Sie wußte nicht, was sie glauben dür
fe. Ihre Mutter hatte sie versichert,
Edith gebe sich alle denkbare Mühe,
das große Besitztum für sich allein
zu gewinnen, und Edith hatte keinen
andern Beweis als ihr offenes Wort
gegen solche Behauptungen. Ein schwe
rer Kampf ging in Ida vor, und das
arme, unerfahrene Kind barg sein
Gesicht in beide Hände und schluchzte
bitterlich.
Und noch einmal trat Edith an sie
heran und sprach: „Siebe Ida! Der
Gedanke, dich um dein Erbe zu brin
gen, liegt mir so ferne, daß ich dir
in dieser Minute versichere, ich gäbe
gerne Geld und Gut und all' mein
Vermögen hin, wenn ich mir damit das
gleiche Maß deiner Liebe zurückkau
fen könnte, das ich dereinst besessen."
„Wirklich, das wolltest du?" rief
Ida ans und hob rasch das verwun
derte Gesicht in die Höhe. „Ich kann's
nicht glauben —ist gar zu un
wahrscheinlich sogar Herr Mor
daunt glaubt, daß dir sehr viel daran
liegt, alleinige Erbin auf Cozy Dell
zu werden er sagte mir so, er finde
dich entsetzlich verändert."
„Herr Mordaunt?"
„Warum sprichst du in so verächt
lichem Tone von ihm?"
„Weil er ebenfalls" man konnte
ihr die Anstrengung anmerken, die es
ihr kostete, den leidenschaftlichen Ton
niederzudrücken und ruhiger zu sa
gen: „weil er Gast unseres Hauses
ist, dem es keineswegs geziemt, Ver
hältnisse und Persönlichkeiten zu be
urteilen, die ihn nicht im Mindesten
etwasangehen."
Ida verstand gar wohl, daß dieser
Schluß durchaus nicht das sagte, was
die anfängliche Rede auszudrücken be
absichtigt hatte. Ihre Schwester war
offenbar aufgebracht über Herrn
Mordaunt, und Ida's Gesichtsaus
druck ließ deutlich erkennen, daß ihr
diese Entdeckung nichts weniger als
angenehm war. Und sie erwiderte:
„Wenn jene Bemerkung von einer
Persönlichkeit ausginge, die du lieb
hättest, Edith, so würdest du sie nicht
so verdrießlich aufgenommen haben."
„Wer sagt denn, daß ich Herrn
Mordaunt hasse?" entgegnete Edith
ausweichend.
„Ich will nicht eben sagen /hassen',
aber doch meine ich
„Was meinst du?"
„Du quälst mich, Edith, und fragst
um Dinge, die du selbst weißt. Sei
ganz offen: liebst du Frank Mor
daunt?"
„Sage mir zuerst, weshalb du bis
se Frage an mich richtest?"
„Wir alle glauben es. Wenn du
aber meine Fragen immer mit Gegen
fragen kreuzest, dann erfahre ich nie
die Wahrheit."
„Und was kann dir denn daran
liegen, über meine Gefühle für Frank
Mordaunt im Klaren zu sein?"
„Sehr viel mehr, als du denkst."
Diese Worte wurden so nachdrucks
voll Betont, daß Edith sich unwillkürlich
umwandte und ihrer Schwester voll
Ms Antlitz schMe. Jd^AA denM^
genden Blick ruhig aus und wiederholte
leise, aber bestimmt: Weit mehr, als
du denkst!"
„Was soll bies heißen, Ida?"
„Ehe ich antworte, mußt du mir
selbst eine Frage gestatten. Ich sehe
dein Erstaunen, aber höre meinen Vor
schlag: Vertrauen gegen Vertrauen.
Nimmst du dieses Anerbieten an?"
„Ja", sprach Edith freudig.
„So sage mir vor allem, Edith:
liebst du Frank Mordaunt?"
„Nein."
„In Ida's Antlitz blitzte es einen
Augenblick freudig auf, dann fuhr sie!
fort: „Kennst du ferne Gefühle für
dich?"
„Nein."
„So wisse, daß er um dich zu wer
ben gedenkt er bat mich sogar, bei
dir die Fürbitterin zu sein."
„Und hast du eS ihm schon der
sprechen?"
„Nein."
„Nach einer Pause begann Ida
neuerdings:
„Dann wirst du ihn nicht heira
ten?"
„Das sage ich nicht."
„Du sagst ja, daß du ihn nicht
liebst."
„Allerdings trotzdem kann ich ihn
aber doch heiraten."
Ein Schatten des Mißmuts verdü
sterte Ida's Antlitz, und sie frug mit
un cherer Stimme:
„Was willst du damit sagen?"
„Ich will nur andeuten, daß ich
vielleicht gezwungen werden könnte,
Frank Mordaunt zu heiraten."
„Durch wen gezwungen?"
„Frage nicht ich kann's dir
nicht sagen sprechen wir nichts mehr
davon es macht mich unglücklich.
Was kann dies alles dich interessie
ren, Ida?"
„Ich will dir's gestehen: den Mann,
welchen du verachtest, ich ich liebe
ihn."
Edith stand starr vor Erstaunen.
„Ja" fuhr Ida fort, indes sie
sich vertraulich zur Schwester nieder
beugte, und ihre Wangen erglühten
„ich liebe ihn mit ganzer Seele
und von ganzem Herzen."
„Du? Du, mein Kind?"
„Ich bin kein Kind mehr! Ich wür
de das Glück finden können, wenn
nicht eine Einzige mir im Wege
stände."
„Und diese Eine?" fragte Edith.
„Bist du selbst."
„Nein, nein!" rief jetzt Edith er
schrocken. „Das verhüte Gott."
Ida aber wandte sich zornig ab,
indem sie bitteren Tones sagte: „Du,
ja du stehst zwischen mir und meiner
Herzenswahl! Jetzt wirst du begrei
fen, weshalb wir nicht mehr für ein
ander fühlen können, wie sanft: wir
sind Feinde! Ja, ich hasse dich mit
glühendem Haß!"
„Schwester!" flehte Edith.
Ida hörte nichts mehr. Nur ihrer
blinden, entfesselten Leidenschaft fol
gend, hatte sie ungestüm das Zimmer
verlassen und die Tür heftig hinter
sich ins Schloß geworfen.
Edith blieb noch eine Weile wie
versteinert stehen dann aber rang sie
die Hände und sank weinend auf den
niederen Schemel beim Kamine.
Neuntes Kapitel
Das Kamin feuer in der alten Bi
bliothek war zusammengebrannt, und
seine sinkende Glut warf in der
Abenddämmerung einen roten Schim
mer auf die Züge eines alten Herrn,
der gebrochen mit dem Ausdruck völli-

oder: DaS Geheim«!» von Cozy Dell

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