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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, January 24, 1945, Image 10

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(17. Fortsetzung)
Die nächste Begegnung mit Ulrika
muß ich jedenfalls nach London zu ver
legen suchen, schon um Charlottens
willen, sie hat kein Glück, das arme
Ding, sagte sich Mr. Rockingham wäh
rend der Fahrt, nicht ohne ein gewif
ses Mitleid.
Seltsamerweise hatte auch Ulrika an
demselben Tage die Zeitungsnotiz ge
lesen, die Charlotte so sehr betrübte.
Selbst ihr unerfahrenes Auge hatte
in der besprochenen Witwe sofort ihre
Kusine Charlotte erkannt, allerdings
wäre ihr nicht eingefallen, daß Mr.
Rockingham der Diplomat fein könnte.
Diese Notiz hatte ihre Entrüstung
gegen Gilberts Witwe wieder zu hel
len Flammen angefacht, noch kein
Jahr war vergangen, seit ihr Vet
ter gestorben, und schon sprach man
in dem Klatschblatte von der Wieder
Vermählung seiner Witwe. Nicht ge
nug, daß Charlotte ihren Gatten nicht
geliebt hatte, sie prahlte förmlich mit
ihrer Gleichgültigkeit vor der ganzen
Welt. Noch trugen Ulrikas Züge den
Ausdruck dieser Empfindungen, als
Lady Neoyll gemeldet wurde.
„So haben also meine Tennislek
tionen ein plötzliches Ende gefunden",
sagte sie zerstreut, als Mr. Rocking
ham ihr bedauernd seine Abreise an
kündigte.
Vergebens suchte Charlotte eine Er
regung zu entdecken Ulrika wußte
kaum, waS sie sprach, ihre Gedanken
waren ganz von der Zeitungsnotiz ein
genommen.
„Wollen wir sie nicht durch Tanzlek
tionen ersetzen?" lächelte Mr. Rocking
ham bedeutungsvoll.
„Tanzlektionen, wozu? Man sagte
mir, daß hier in der Nachbarschaft seit
fünf Jahre» kein Schritt getanzt wor
den sei."
„Wer spricht von der Nachbar
schaft? Ich hoffe doch zuversichtlich,
wir begegnen uns im nächsten Früh
jähr auf Londoner Boden."
„O, Gräfin Eidringer denkt nicht
im entferntesten daran, nach London
Au gehen", fiel Charlotte heftig ein,
„sie ist nicht daran gewöhnt, in der
großen Welt zu leben." Die arme Ver
lassene hatte die Pläne des Verräters
sofort durchschaut.
„Ich sehe nicht ein, warum ich mich
nicht daran gewöhnen sollte, entgeg
nete Ulrika, nur um Charlotte zu wi
dersprechen.
„Ah, das klingt schon viel Hofs
nungsvoller", rief Mr. Rockingham,
„wenn ich nur meinen Urlaub schon
in der Tasche hätte, würde ich mich
sofort um den ersten Walzer bewer
ben."
„Du ahnst nicht, was eine Londoner
Saison bedeutet, wie ermüdend sie ist",
sagte Charlotte in fieberhafter Erre
gung.
„Mich zu ermüden, wäre keine leich
te Aufgabe", lachte Ulrika, durch
Charlottens Ton gereizt.
„Und würde es sich wohl mit der
Würde eines Gesandten vertragen, ei
nen Walzer zu tanzen?" wandte sich
Lady Neoyll zu Rockingham, mit ei
nem schwachen Versuche zu scherze«,
so schlecht dieS ihrer zitternden Stim
me auch gelang.
lächelte dieser, sich gegen Ulrika ver
neigend.
Charlotte erbleichte, sie fühlte sich
namenlos hilflos, ganz unvermögend,
den Strom der sich vernichtenden Er
eignisse in seinem Laufe aufzuhalten.
„Basil!" entrang es sich bebend ih
ren Lippen. Sie wußte kaum, daß sie
das Wort gesprochen, aber Ulrika hat
te es gehört, hatte den Blick bittern
Vorwurfs gesehen, der es begleitete.
Nun kannte sie den Mann, von dem
die Zeitungsnotiz sprach, und um ih
ren weichen Mund grub sich eine harte
Linie ein.
„Ich denke, es wird mir nichts an
deres übrig bleiben, als nach London
zu gehen", sagte sie laut, „notieren
Sie immerhin unfern Walzer, Mr.
Rockingham, der Tanzmeister mach den
Meister im Tennisspiel ablösen, wenn
er dies anstrebt."
Fünf Minuten später hatte sie diese
Worte vergessen, aber auf Charlot
tens Herzen lagen sie fortan schwer
und erdrückend wie Blei.
Es mußte so kommen, schluchzte sie
des Abends in ihrem einsamen Zim
mer, er ist wohl zwanzig Jahre älter
als sie, aber er ist verführerisch wie
keiner.
Einige Tage später war sie nahe
daran, zu entdecken, wie sehr sie sich
irre.
Ulrika hatte gehört, daß Lady Ne
oyll leidend sei, und Langeweile so
wohl als ein gewisses Mitleid bestimm
ten sie, -dieselbe aufzusuchen. Sie fand
Charlotte in ihrem Schlafzimmer re
gungslos auf einer Chaiselongue aus
gestreckt, und niemand hätte in der
bleichen, elenden Frau diejenige wie
dererkannt, die Mr. Rockingham noch
vor wenigen Monaten durch ihr plötz
liches Wiederaufblühen so sehr über
rascht hatte. Ihre kurze Glanzperiede
war vorüber, sogar ihr zerknitterter
Schlafrock bewies, daß sie wieder ganz
in die alte Gleichgültig zurückversun
ken war.
„Ich bewundere dich, daß du in die
ser Luft hier atmen kannst", rief Ul
rika eintretend, „man glaubt in einer
Flasche voll Kölnischwasser zu stecken,
laß mich wenigstens ein Fenster off
nen". Ohne Charlottens Antwort ab
zuwarten, riß sie einen Flügel auf.
Auf der Toilette lag Chrlottens
Witwenhaube, Ulrika hielt sie hoch
empor.
„Wie es scheint, hast du es schon
aufgegeben, Witwentrauer zu tragen",
sagte sie mit harter Stimme.
„Ah, meine Witwenhaube", mur
melte Charlotte, „ich räumte heute
unter altem Kram, da kam sie mir
unter die Hände."
Ulrikas Finger zitterten ein we
nig, als sie wie liebkosend über die
Haube strich. Wie oft hatte sie Char
lottens bleiches Goldhaar mit Neid
von diesem Häubchen gekrönt gese
hen, wie oft hatte sie vermeint, es ihr
vom Haupte zu reißen, ihr zurufen
zu müssen, ich allein habe ein Recht,
es zu tragen, denn dem Gefühle nach
bin ich seine Witwe, nicht du.
„Ich möchte wissen, wie die Haube
mich kleiden würde", sagte sie lachend,
aber man hätte dieses Lachen für ver
stecktes Schluchzen halten können.
„So schlecht wie jede andere", ant
wortete Charlotte mürrisch.
Ulrika überhörte diese Bemerkung,
beugte sich über den Spiegel und trank
ihr Blick förmlich sich.
O, wenn sie das Recht gehabt hätte,
Ohio Waije»jre»»d
Einer so großen Versuchung barf so vor der Welt zu erscheinen! Als sie
auch der Würdevollste unterliegen", sich endlich mit Widerstreben von dem
Spiegel abwandte, erblickte sie eine
Kassette, in deren Deckel, eingerahmt
von blauem Samt, ein Bild ihr Auge
nesselte. Es war das Porträt eines 15»
jährigen Knaben, aber Ulrika hatte
diese Aullen im Antlitz eines Mannes
gesehen, sie konnte sie nicht verkennen.
War dies auch alter Kram, der beiseite
gelegt werden sollte?
„Wessen Bild ist dies?" fragte sie
stockend und leise, denn die Erregung
drohte sie zu ersticken.
„Ach, ein altes Bild meines Gat
ten er gab mir diese Kassette an un
serem Hochzeitstage."
„Wie es ihm gleicht", rief Ulrika
mit tränen erstickter Stimme. Keines
der Bilder Gilberts, welche sie in Old
Hall gefunden, hatte die Erinnerung
an ihn so lebhaft in ihr wachgerufen,
als dieses Knabenbildnis von Meister
hand gemalt.
„Du kanntest Gilbert?" rief Char
lotte, trotz ihrer Abfpennung sichtlich
überrascht.
Ulrika bereute sofort das unüber
legte Wort bisher hatte sie es seiner
Witwe verschwiegen, daß sie Gilbert
in Oesterreich kennen gelernt.
Ich begegnete ihm einmal in mei
nem Vaterlande", sagte sie, sich ge
waltsam zur Ruhe zwingend, „ich
glaube, gelegentlich einer Gemsen
jagd."
Ah, in der Tat!" Wie gleichgül
tig dies klang, Charlotte hatte sich
nie um die Bekanntschaften ihres Gat
ten gekümmert.
Er liebte die Jagd?" fragte Ul
rika, nur um überhaupt etwas zu sa
gen.
Kann sein, jedenfalls war sie ihm
ein Vorwand, nicht daheim zu blei
ben."
Ulrikas Geheimnis lief große Ge
fahr obwohl sie mit übermenschlicher
Anstrengung ihre Stimme zur Ruhe
zwang, konnte sie doch den heißen
Blutwellen nicht gebieten, die immer
wieder ihre Wangen glühend färbten,
konnte die Tränen kaum zurückhalten,
die fortwährend hervorzubrechen droh
ten.
Hätte Charlotte die müden Augen
ihr nur für einen Augenblick zuge
wandt, so würben sie war sie doch
ein Weib sofort alles errate» ha
ben. Dieser eine Bilck hatte genügt,
sie zu belehren, wie falsch die Fährte
sei, auf welcher sie sich befand, und
ihr tausendfache Qual erspart aber
sie blickte nicht auf, und so hängt des
Menschen Schicksal oft an einem ein
zigen Faden.
1i Ii
Als der Winter nahte, schlief der
Verkehr zwischen dem alten und dem
neuen Herrenhaufe immer mehr ein.
Charlotte vergrub sich in ihre Ein
samkeit, und Ulrika nahm, um dem
Alleinsein zu entgehen, jete Einla
dung an, die sich ihr bot.
Sie war nun fest entschlossen, im
Frühjahr nach London zu gehen. Was
anfangs nur aus Widerspruch ausge
sprochen worden, interessierte sie nun
auf das lebhafteste, und sie sah dem
Beginne der Saison mit stets wach
sender Ungeduld entgegen. Noch er
regier als Ulrika war Mrs. Byrd ihr
war der große Coup gelungen, von
der reichen Erbin zur Begleiterin er
wählt zu werde». Der Gedanke, von
diesem kleinen Weibchen, ja überhaupt
von irgend jemand in der Welt gelei
tet zu werden, hatte zwar für Ulrika
etwas höchst Komisches, aber in dieser
Mittwoch, de» 24. 3mmt 1946
ihr fremden Welt mochte sich eine Füh
rerin als nützlich erweisen.
s
Außer Charlotte sah noch eine zwei
te Person dsm Beginn der Saison
grollend entgegen, Mr. Bolte, der alte
Ingenieur und Leiter der Entwässe
rungsarbeiten. Weder Sir Gilbert,
noch dessen Vater, noch sonst jemand
hatte seinen Arbeiten je so viel Inter
esse gezeigt, als die junge Herrin. Die
ses Stück Erde, dem er sozusagen sein
Leben geweiht, hatte auch sein ganzes
Herz gefangen genommen, es hing
an jedem Nelkenbusch, an jedem Tüm
pel des salzigen Wassers, an jedem
einzelnen Bindegras, das sich im
Winde wiegte.
„Aber wenn Sie nach London ge
hen, Miß, dann werden Sie ja nicht
hier sein, wenn der letzte Damm ge
schloffen wird", stammelte er fassungs
los, als Ulrika ihm ihre bevorstehende
Abreise ankündigte, „ich habe doch so
fest auf Ihre Anwesenheit gehofft.',
„Ach, den Dammschluß habe ich
ganz vergessen," rief Ulrika bedau
ernd, „wann sollen die Arbeiten voll
endet werden?"
„Nach meiner Berechnung beiläu
fig bei der letzten Ebbe im Juni, wir
werden die ganze Woche brauchen, um
uns für die Hochflut vorzubereiten
denn wenn diese nicht alle die vierzehn
Oeffnungen fest geschlossen findet, so
ist's um uns geschehe«. Diese hier
wird unS manche Schwierigkeiten be
reiten."
Der Ingenieur, der «eben Ulrika
auf dem Damm stand, zeigte «ach der
Oeffnung, die sich beinahe bis zu ih
ren Füßen erstreckte. „Je schmäler die
Oeffnung, desto tiefet das Loch, das
ist eine alte Regel", brummte er.
WaS Mr. Bolt höchst impoetijch als
Loch bezeichnete, war der natürliche
Kanal, welchen sich die Wogen zwi
schen den Dämmen gegraben hatten.
Es war gerade die Zeit der Ebbe, die
Fluten waren überall zurückgetreten,
nur in den Gräben stand das Wasser
acht bis zehn Fuß tief, man glaubte,
an kleinen grünen See» zu stehen,
und wie bei einem See lagen überall
am Ufer einige Fischerboote, bereit zu
schwimmen, sobald die Flut wieder
kehrte.
„Der Spa wird mir noch manche
schlaftose Nacht kosten", seufzte der al
te Ingenieur, „und «Mt solle« Sie
den letzten Spatenstich nicht sehen.
Miß!"
„Wozu sich vorderhand darüber
grämen?" lachte Ulrika. ,ES ist noch
gar nicht unterschrieben, ib ich im
Juni London nicht schon satt haben
werde jedenfalls lassen Sie eS mich
früher wissen, wenn der große Mo
ment einmal ganz festgesetzt ist."
„Gewiß werde ich dies, verehrte
Miß", versicherte Mr. Bolt freude
strahlend, schon durch den schwachen
Hoffnungsstrahl beglückt.
32. Am Rande deS Strudels
Jedermann weiß, daß London ein
recht häßlicher Erdenwinkel ist, und
es wäre lächerlich zu leugnen, dafe un
ter allen Hauptstädten Europas i«
keiner eine verräucherte, schmutzige,
rußige Anhäufung von Ziegeln und
Mörtel von der Sonne beschienen,
oder besser gesagt, nicht beschienen
wird, wie in der Hauptstadt Englands.
Um so bewunderungswürdiger ist eS
aber, daß dieses London während
dreier Monate deS Jahres beinahe
schön genannt werden könnte. Andere
Städte haben das Klima, die Lage, die
prachtvolle Baute«, herrliche Anlagen

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