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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, January 24, 1945, Image 5

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Eine Reise im
Jahre 1919
B»* Bsschpfarre?
(Fortsetzung)
Welch ein Spott der Wirklichkeit!
Ob. die einfachen Leute auf dem Zwi
schendeck der „Rotterdam" in ihrer
Charakterbildung des Präfidenten
ihn nicht für eine spätere GMichts
fchreibung vorgezeichnet haben?
Am Morgen des 1. Dezember, ge
gen 4 Uhr, sah ich fern im Osten
Lichter aus dem Meere aufsteigen.
Es war Boulogne-sur-mar an der
französischen Küste. Nach und nach
wurde alles lebendig. Die meisten Pas
sagiere sollten hier ausgeschifft wer
den. Andere fuhren weiter nach Rot»
terdam. Gegen 6 Uhr in der Frühe
sam Befehl, alle Passagiere der 3.
Klasse müssen sich vor der Landung
impfen lassen. Das schlug meinem jun
gen Begleiter auf die Nerven. Er
meinte, nach einer Impfung sei er
stets tagelang krank, und Kranksein
fei im Fran^osenlande für einen Ame
rikaner eine teure Sache, wie alle
Soldaten sagen, die während des Krie
ges in Frankreich waren.
Um ihn zufrieden zu stellen, gab
ich dem Obersteward $5. Der brachte
uns zu den Passagieren 2. Klasse. Mit
diesen gingen wir ungeimpft an Land.
2er Regen goß von otien in Strömen
hernieder. Dadurch erhielten wir
gleich eine Probe vom französischen
Dreck, von dem die amerikanischen
Soldaten so viel zu sagen wußten..
Knöcheltief wateten wir durch die neu
gepflasterten Straßen vom Hafen zum
Bahnhof. Gegen 9 Uhr trug uns der
Zug von Hier durch die französischen
Schlachtfelder nach Amiens.
In den verlassenen Schützengräben
sah man Tausende deutscher Kriegs
gefangener. Auf ihren graugrünen
Röcken war auf dem Rütfen ein P.
M. gezeichnet. Die französischen Stuf
seher standen Gewehr bei Fuß auf
den höhergelegenen Punkten. Andere
sah man vollbewaffnet zwischen den
Gefangenen auf- und abschreiten. Der
Anblick ging meinem deutsche« Emp
finden auf die Nerven. Es waren
Landsleute, brave Männer, die dort
wie Verbrecher behandelt wurden. Sie
suchten nach Handgranaten und ver
schütteter Munition. Andere sprengten
Betonwände und brachten den Stein»
schutt in die alten Schützengräben.
Ueberau war man Bemüht, den auf
gewühlten Grund wieder in Ackerland
umzuwandeln. Endlose Reihen weißer
Kreuze bezeichneten die Gräber der
gefallenen Franzosen, während Steine
oder schwarze Kreuze deutsche Krieger
graber anzeigten. Mehrere Male be
zeichnete eine wehende englische Fahne
einen Kirchhof der Engländer.
Einmal sah ich auch die amerika
nische Flagge, das weckte in meinem
Herzen eine wehmütige Erinnerung
an unsere braven Jungens, die auf
Wilsons Befehl weitab von ihrer Hei
mat für Morgans Interessen auf dem
französischen Boden verbluten muß
ten. Herrgott! Könnte ich doch alle die
se 5h:iegsgetomnler und Geldbanditen,
all die großen und kleinen Politiker,
die dieses entsetzliche Morden verschul
deten, könnte ich sie alle hier zusam
menbringen. Hätte ich die Macht, ich
würde sie verurteilen, bis an ihr se
liges oder unseliges Ende zwischen die­
sen endlosen Totenhügeln umherzugei
stern, damit sie stets diese unschuldigen
Opfer eines unseligen Kriegswahnes
vor Augen hätten.
Wer einmal diese entsetzlich zerris
sene Erde, diese unendlich langen und
weiten Totenfelder gesehn hat, müßte
nach meiner Ansicht von jedem Kriegs
fieber für immer geheilt fein!
In manchen der zerschossenen und
ausgebrannten Ortschaften waren die
Kriegsgefangenen haufenweise damit
beschäftigt, den Schutt aufzuräumen
und Straßen und alte Hausplätze frei
machen. An anderen Orten war man
eifrig mit Aufbauen beschäftigt. Meh
rere Ortschaften sah ich ganz neu auf-
gebaut. Sie hatten' ein freundliches
und gefälliges Aussehen. So rein und
appetitlich werden sie wahrscheinlich
vor dem Kriege nicht dreingeschaut ha
ben. Nur die zerschossenen Kirchen
mauern mit ihren leeren Fensterhöh»
len ragten dachlos über den Neubauten
heraus. Sie erinnerten noch an die
Hölle, die hier vor einigen Jahren
tobte.
Man kann es den Leuten von Her
zen gönnen, daß sie nach all den Sor
gen und Schrecken der Kriegsjahre an
stelle ihrer alten Häuser bessere er
stehen sehen. Mir jedoch könnten sie
den Verlust der alten Heimat nie er
setzen, wo einem aus jeder Ecke und
jedem verborgenen Winkel irgend eine
freundliche Erinnerung entgegenlacht.
Andere Ortschaften und Landes»
strecken lagen noch in demselben Zu
stande, wie sie die Krieger nach dem
Waffenstillstand verlassen hatten. To
tenstille ringsumher. Hier ist noch im
mer „Niemandsland." Wild und zer
rissen laufen die Schützengräben durch
den aufgewühlten Boden. Oede und
häßlich gähnen die Granattrichter nach
oben. Kein Quadratmeter Epde, der
nicht zernagt und auseinandergerissen
ist. Aus zerschossenen Mauern starren
leere Fensterhöhlen und halbverkohl
tes Holzwerk. Windschiefe Dächer und
überhängende Mauern gefährden das
Leben der Vorübergehenden. Es war
ein krasses Bild des männermordenden
Kriegshand Werkes.
Man vermeint jeden Augenblick,
waffenstarrende Männer hervorbre
chen zu sehen. Man sieht sie über die
Arbeiterkinder unter der Leitung I lung des N. C. W. C., in Rantoul,
s U. O. Clubs, der Frauenabtei- I III., nehmen ihre Mahlzeiten und
Trümmer klettern, sich niederwerfen,
schießen, dann hinter einer Mauerecke
Schutz suchen, um wiederum zu schie
ßen. Man hört Kanonendonner, Gra
naten krepieren, Kugeln zischen und
die Todesschreie verwundeter Krieger.
Hoch wie ein Krater wirft die Granate
Mauertrümmer, Menschenleichen, Er
de und Pflanzen in die qualmende
Lustregion. Zerrissene Baumleichen
und ragende Mauertrümmer heben sich
Erbarmen suchend gegen Himmel.
Hergott, ist das ein grausiges Bild
der menschlichen Zerstörungswut!
Niemals würden die wildesten Tiere in
solcher Weise auseiandergehen, als
hier, Menschen es tun, die sich nie im
Leben gesehen, nie einander ein Leid
angetan hatten. Und alles nur des
halb, weil die geldmacht- und beute
hungrigen Politiker sie aufeinander
hetzen. Kein Film, auch nicht der ge
schickteste Schreiber, kann das in sei
ner wirklichen Grauenhastigkeit schil
dern, was hier die Erde erzählt. Es
scheint, als ob die Natur das grau
sige Bild nicht sehen mag. Mitleidig
hat sie im letzten Jahre das weite
Trümmerfeld mit einem bunten
Pflanzenteppich überzogen. Fort
setzung folgt.
Friedens- und Haudelsschalmeieu
(Fortsetzung von Seite 3)
anderseits aber eine neue Kriegsgefahr
heraufbeschworen wird. Polen bildet
hier weniger einen Zankapfel als ei
nen Spielball und zwar als russische
Kolonie. Außer Polen werden, wie
diese Leute behaupten, Rumänien und
Bulgarien von Rußland abhängig
sein die Slawen mögen unter den
„Hammer und die Bichel", bezw. rus
sische Herrschaft kommen. Es läßt sich
denken, daß ein solcher Plan in un
serem Lande aus wirtschaftlichen, po
litischen und Freiheitsgründen auf
Widerstand stoßen wird.
Während Rußland auf seine Inter
essensphären bedacht ist, sieht England
nicht müßig zu. Churchill soll den
Franzosen die Zusicherung gegeben ha
ben, daß es die Kontrolle über die
deutschen Gruben erhält. Polen soll
einen Teil des deutschen Gebietes er
halten und Griechenland quasi unter
britische Kontrolle kommen. Während
die Engländer so freigebig beim Ber
teilen sind, denken sie nicht daran, von
Indien abzulassen, weil dies der
Macht und dem Einfluß Abbruch tun
würde. Es ist nicht ausgeschlossen, daß
Rußland einmal Ehina, Indien und
Arabien gegen den westlichen Impe
rialismus aufhetzt. England muß an
feinen Gebieten festhalten.
Der bevorstehende Wirtschastskampf
ist nicht mit dem Maßstab der Bor
kriegszeit zu messen. Faschismus, So
zialismus und Kommunismus sie
laufen alle auf dasselbe hinaus
werden Neuerungen fein, mit denen
alle Länder zu rechnen haben, entwe-
wohnen den Klubversannnlunge«
bei.
der, daß sie eine dahinlautende Regie
rungsform haben oder von anderen
Ländern beeinflußt werden. Was daS
zu bedeuten hat, läßt sich nicht aus
rechnen. Wo solche Regierungsformen
bestehen, hat die persönliche Freiheit
und die Unternehmungsfreiheit oufge
hröt, wie es bereits in Rußland der
Fall ist, wo es, wie Reisende berich
ten (wenngleich die Zeitungen anders
zu melden wissen) absolut keine Frei
heit für Individuen besteht.
Für die amerikanischen Republi
ken, die sich nicht in den Weltkrieg
hineinziehen ließen, find die Aussich
ten günstig. Vor allem stecken sie nicht
über die Ohren in Schulden finan
ziell und kommerziell sind sie in einer
besseren Stellung als vor dem Krieg.
In diesen Republiken liegt der In
dustrialismus sozusagen noch in den
Windeln. Die Länder haben das, was
europäische Länder, wenn sie nicht
von Rußland beliefert werden wollen,
verlangen und haben müssen Nah
rungsmittel und Rohstoffe. Europä
ische Länder werden kaum imstande
sein, bar zu bezahlen, aber sie ferti
gen das an, was Südamerika nötig
hat. Daher ist auf einen lebhaften
Tauschhandel zu rechnen. Weiter wer
den diese Republiken dadurch begün
stigt, daß geringe Stenerabgccken, bil
liges Land in Hülle und Fülle die
Produktionskosten herabsetzen und da
mit die Kaufkraft der Kunden in an
deren Ländern erhöht.
Halte Ordnung, liebe sie,
Ordnung spart dir Zeit und Müh'.

Mittwoch, de» 94. Jan««r 1945 Ohio Wsffe«f?eWch

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