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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, September 13, 1945, Ausgabe der 'Wanderer', Image 3

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Heilige deutsche Laien
Die hl. Ida von Herzfeld
(4. September)
Es ist durchaus nichts Ungewöhn
Hches, daß heranwachsende Söhne
oder Töchter ihren Eltern in's Ge
ficht sagen, sie verstünden die heutige
Zeit nicht, sie wären altmodisch, rück
ständig, fünfzig Jahre hinter der
Zeit zurück. Die Welt fe\ inzwischen
fortgeschritten, man würde sich mit
den alten Auffassungen lächerlich ma
chen, man lebe in der Gegenwart,
müsse sich ihr anpassen, und sie, der
Herr Sohn oder das Fräulein Tod)
ter, wollten keine Einzelgänger sein.
Als letzter Trumpf wird dann noch
ausgespielt: alle Art von Absonde
rung oder verblaßter Eigentümlich
feit hindere ihr Fortkommen. Es toä
re nun sicher verkehrt, die „gute alte
Zeit" in allem zu loben. Ja, man
kann getrost annehmen, daß die Lob
redner früherer, goldenen Zeiten in
ihrer Jugend nicht anders sprachen
Goethe, der Menschen und Menschew
Wege wie wenige kannte, meinte vor
hundertundfünfzig. Jahren: „Kinder
finden sich bald überall gehindert,
umso mehr, als jede neue Generation
neue unH frühere Anforderungen
macht, und die Eltern den Kindern
dagegen meistenteils nur gewähren
möchten, was sie selbst in früherer
Zeit genossen, da noch jedermann mä
feiger und einfacher zu leben sich be
quemte." Es zeigt sich aber auch, daß
sich ein fast krankhafter Drang nach
Neuem in den Häusern der Empor
kömmlinge findet und in Zeiten, wo
der Schein meher gilt als das Sein.
Man hat sich daran gewöhnt, in
unserer Zeitwelle der Demokratie ab
fällig und gar verächtlich vom Ge
burtsadel und den sogenannten Hü
tern der hergebrachten Ordnung zu
sprechen. Es waren aber im Lauf der
Zeiten niemals die Streber und Neu
reichen, die dem Staat und der Kirche
Halt und Bestand gaben, es waren
immer die „Alten", die fest in der
Vergangenheit wurzelten, im Besitz
eines Stücks Erde und im Hochhalten
der lieber lief er un g.
Die I. Ida entstammte dem El
saß. Ihr Vater, Graf Theoderich,
stand am Hofe Karls des Großen in
hohem Ansehen. Ihre Mutter, Theo
Stada, sorgte auf's beste für Idas
Ausbildung und religiöse Erziehung
sie war eine fromme Frau und wur
de nach dem Tode ihres Gatten Aeb
tiffin in Soissons. Die hl., Mönche
Adelhard und Wal waren ihre näch
sten Verwandten. Der Kaiser gab
Ida dem Grafen Egbert, einem Edlen
seines Hofes, zur Gemahlin und ver
lieh ihr in Anerkennung der Verdien
ste ihres Vaters ausgedehnten Besitz.
Egbert, den der Kaiser zum Herzog
von Sachsen ernannt hatte, zog mit
seiner jungen Gattin nach Hofstadt in
Westfalen. Durch ihr wahrhaft christ
liches Tun und ihr glückliches Ehele»
Ben wurde das Paar vorbildlich für
die bisher heidnischen Sachsen und
wirkte versöhnend auf das mißtraui
sche Volk.
Ida schenkte ihrem Gatten fünf
Kinder. Aber zu kurz war ihr gemein
särnes Glück. Graf Egbert starb früh.
Die junge Witwe lebte nur noch ihren
Armen und Kranken und barmherzi
gen Werken. Die großen Einkünfte
ihrer Güter verwandte sie hauptsäch
lich für die Linderung jeglicher Not.
Sie vermehrte ihre Bußübungen und
Fasten und Gebete. Sie ließ sogar in
der von ihr erbauten Kirche zu Hof
stadt eine Kapelle errichten, um dort
ungestörter beten zu können. Als ihr
Sohn Warin bei. den Benediktinern
zu Corvey Mönch wurde, zog sie sich
Npch Herzfeld zurück, wo sie ein Non
nenkloster gestiftet hatte.
In ihren letzten Lebensjahren hdt
te sie andauernd unter einer schmerz
haften Krankheit zu leiden. In vor
bildlicher Geduld und Ergebung er
trug sie auch dies Leid. Sie starb am
4. September 813 und wurde auf
dem Klosterfriedhof begraben. Von
vielen Wundern an ihrem Grabe er
zählt die Legende. Em Teil ihrer Re
liquien wurden in die Benediktiner
kirche zu Verden an der Ruhr über
tragen.
Die Legende erzählt noch, Ida.
habe
fich einen Steinsarg machen lassen, um
immer an den Tod erinnert zu wer
den. Diesen Sarg, heißt es weiter,
habe sie jeden Tag mit Lebensrnitteln
füllen lassen, die sie dann an die Ar
men ausgeteilt habe.
Es wäre nun zwecklos und unsin
nig, dir anzuraten, zu dem Leichen
Bestatter in eurer Nachbarschaft zu ge
hen und dir einen netten Sarg aus
zufuchen, ihn in dein Wohnzimmer
ftit stellen und täglich mit Sachen für
Bte Armen zu füllen. Einmal tyürde
solch ein Sarg nicht in die heutigen
Puppenwohnungen hineinpassen, und
dann würdest du auch nichts hinein
tun, wo du kaum ein Stück Brot für
die Armen erübrigst, ganz abgesehen
davon, daß die Armen heute kein
Brot, sondern Geld wollen. Aber ei
ne wirklich ernste Frage ist die: Hast
du in einem deiner Zimmer ein Bild
von dem Grab deiner Eltern? Deine
Wände hängen vielleicht voll von
nichtssagenden Bildern, und überall
stehen Photos herum von Leuten, die
dich nichts angehen. Weißt du über
haupt, an welchem Tag deine Eltern
starben? Und wo sie begraben lie
gen? Oder gehörst du auch zu denen,
die meinen, mit ein paar heiligen
Messen für ihre Selenruhe hättest du
deine Kindespflicht erfüllt, und lie
ßest Gott weiter sorgen? Wenn deine
Kinder nichts von deiner Ehrfurcht
merken, wie kannst du erwarten, daß
sie einmal dein gedenken, und daß du
bei ihnen weiterlebst?
Mehr noch. Unsere Zeit Ist Heim
los geworden. Sie ist ewig am wart
dern. Von einer Mietswohnung geht
es zur andern. Fühlst du es nicht
das ist das Große an unserer heiligen
Kirche, daß sie uns in unfern Heiligen
daran erinnert, wie ewig sie ist? Daß
sie uns sagt, wir müssen jetzt ein
Heim haben, um wirken zu können?
Daß sie uns mit der Vergangenheit
innig verbindet? Daß sie uns in die
einzig wertvolle Zukunft hineinhoffen
läßt, in unser aller Heim?
Traudl
Zehn Minuten vor Abgang des
Zuges.
Das Licht der grellen Bogenlam
pen flutet an dem frühen Wintermor
gen durch die Bahnhofshalle. Aber
die Maschine steht außerhalb der Hal
le in schwarzgähnender Finsternis.
Wäßriger Schnee fällt in schweren
Flocken aus einem Himmel nieder,
der undurchdringlich zu sein scheint,
angefüllt mit Nebel und fröstelnder
Nässe. Trostlos.
Die Maschine, längst zu Vollglut
angeheizt, zischt und braust, zittert
gewissermaßen an allen Gliedern wie
ein edler Renner, der es nicht mehr
erwarten kann, losgelassen zu wer
den, seinen Lauf beginnen zu dürfen.
Zehn Minuten noch.
Der Maschinenführer Niewald
kommt wankend und vierschrötigen
Ganges aus dem Dienstraum auf die
Maschine zu und stößt auf dem Bahn
steig an einen eilig vorüberschreiten
den Beamten an.
„Geben Sie doch acht!"
„Entschuldigen schon ."
Der Beamte bleibt stehen, sieht
ihm nach. Was hat der Mann? Tau
mel er nicht? Er wird doch nicht am
Ende betrunken fein?
Niewald klettert schwerfällig auf
die Maschine. Der Heizer begrüßt ihn
„Servus!" Dann mustert er ihn von
der Seite her: Ein bleiches, übernäch
tiges Gesicht, flackernde Augen, die
Haare hängen unter der Kappe her
vor wüst in die Stinte.
„Du! Was hast denn? Fehlt dir
was?"
»Mir? Was soll denn mir fehlen?"
„Bist krank?" fragt der Heizer teil
nahmsvoll.
„Keine Spur. Warum denn?"
„Ich hab's nur geglaubt.
Fünf Minuten noch bis zur Ab
fahrt.
Der Mafchinenführer beugt sich
weit hinaus, sucht gierig den langen
Bahnsteig ab. Die letzten Reisenden
kommen, steigen ein, Koffer werden
an der Waggonreihe entlang ge
schleppt, bis sie irgendwo verschwin
den. Aus den Fenstern, strecken sich
Hände und werden immer und im
mer wieder geschüttelt, eine weinen
de Frau wischt sich die Tränen aus
dem Gesicht immer das Gleiche,
vor jeder Abfahrt das Gleiche
Noch drei Minuten. Nein, jetzt nur
noch zwei.
Herr des Himmels, nur noch zwei
Minuten, nur noch hundertzwanzig
Sekunden.
Der Mafchinenführer hängt zit
ternd an der eisernen Anhaltestange
und starrt mit weit aufgerissenen Au
gen auf den Bahnsteig hinaus.
»Du!" sagt der Heizer und legt
ihm die Hand auf die Schulter.
„Ja?" Er dreht fich nicht um.
„Du! Du hast doch was! Dir ist
was passiert!"
Eine Minute noch. Die Eingangs
türen werden schon geschlossen. Nie
mand darf mehr*einsteigen.
Da da Ein Bub stürmt
durch die Halle, läuft an dem Zug
entlang nach borne, auf lie Maschine
zu.
OmOWÄISKNFRBÜND
„Franz!" schreit der Maschinen
führer. „Franz, bist da!?"
Der Bub kommt keuchend an, reicht
ihm einen Zettel hinauf, einen klei
nen, schmalen Zettel.
Er faltet ihn mit bebenden Fin
gern auseinander, hält ihn gegen den
Feuerschein der Esse.
Vier Worte, mit Bleistift eilig hin
geschrieben:
„Alles gut. Traudl gerettet."
Abfahrt. Die Maschine fängt zu
stampfen an, die Waggonreihe ächzt
wie aus bleischwerem Schlafe geris
sen, donnernd über krachende Wechsel
hinweg, an grellen Signalscheiben
vorbei, hinaus, hinaus in den schmut
zigen, nebeloerhängten Morgen. In
dicken Flocken wirbelt der Schnee nie
der.
Der Heizer schaut den Maschinen
führer an. Dem rinnen Tränen über
die Wangen in den struppigen Bart.
Er kann seine stürmischen Gefühle
nicht verbergen.
„Du!" schreit er, um die rasende
Maschine zu übertonen. „Jetzt machst
mir aber nichts mehr vor! Jetzt sagst
mir endlich, was dir ist!"
Ja, Jetzt redet er. Er muß reden.
Abgerissene Satzfetzen, mitten hinein
geschrien in das Dröhnen der Maschi
ne.
„Meine Traudl kennst sie ja
unsere Traudl, unsere Einzige
heut nacht auf einmal krank
Fieber ... der Doktor .. gleich in's
Spital zur Operation ... ich tele
phoniere in die Betriebskanzlei
kein Ersatz für mich möglich ... ich
muß fahren kannst dir denken!
da, vorhin der Nachbarsbub
bringt mir den Zettel von meiner
Frau kannst ihn lesen, aber mach'
ihn nicht schmutzig ... den muß ich
mir aufheben mein Lebtag ."
Ganz vorsichtig, wie etwas unge
mein Wertvolles, saßt der Heizer den
Zettel an, liest ihn, gibt ihn zurück.
„Ich gratulier' dir, Niewald!"
Sie schütteln sich die Hände, schauen
sich einen Augenblick lang an.
Nun rast der Zug schon durch freie
Landschaft. Er reißt Wälder an sich
und schüttelt sie wieder ab, um sich
auf neue hinzustürzen. Es wird licht.
Hier draußen ist der Schnee liegen
geblieben, wuchtet dick auf den ver
schränkten Armen der Tannen, deckt
ganze Dörfer ein, aus deren Schorn
steinen müder Morgenrauch qualmt.
Traudl, blondlockiges, süßes Kind
Gerettet.
Lieber Gott, ich danke Dir schon!
Ein paar hundert Menschen machen
sich's jetzt in den Waggons bequem,
holen geschwind noch ein Restchen ver
säumten Schlafes nach, plaudern,
tauchen, lesen die Morgenzeitungen.
Im Speisewagen wird das Frühstück
serviert.
Immer tiefer bohrt sich der Zug in
das Gebirge hinein. Ein Fluß, nur
an schmalen Uferrändern gefroren,
tobt ihm zur Seite. Jetzt jagt er über
eine hohe Brücke, die erschrocken auf
heult, jetzt klettert er an einer Berg
wand empor. Dort oben hat die Son
ne den Nebel schon besiegt. Aus quäl
vollen Träumen geht die Fahrt hin
auf in eine rosig erglühende Wirklich
keit. Traudl Traudl.
Rlosterzöglinge
Eine Skizze zum Schulbeginn von
I a S i e e
Zum erstenmal sitzen sie auf den
Braunen Holzbänken, schüchtern und
schweigsam, fremd in der fremden
Umgebung. Die wollenen, dunklen
Kleider sind noch ungewohnt, Beengen,
drücken, und die ungebrauchten, wei
ßen Kräglein strahlen in frischgewa
scheuster Reinheit. Die kurzen Zöpfe
legen sich steif und widerspenstig um
die Köpfchen nur da und dort stiehlt
sich ein fürwitziges Löcklem hervor
und kräuselt sich eigensinnig über der
hohen Kinderstirn. Alle Augen sehen
erwartungsvoll nach der Schwester
unter der weißen Haube, welche da
vorne so ruhig und unbewegt spricht,
als ginge sie alles nichts an, nicht die
lauschende Bangigkeit, nicht das auf
steigende Heimweh, welches in den
kleinen Herzen angstvoll pocht ober
aus den tränenumflorten Aeuglein
lächelt, wie die wetterwendische Son
ne heute, am allerersten Schultag,
Draußen liegt pralle Lichtflut über
den grauen Schulgebäuden, über den
Wipfeln der alten Klosterlinden, die
so lieb und leis hereinrauschen in die
dämmerige Stube. Der Heilige drü
ben am Sockel lächelt mild und nach
sichtig herüber. Er kennt das schon,
es ist ja ülle Jahre dasselbe: kleine
Menschenknospen, die einem neuen,
unbekannten Lebensabschnitt entge
gengehen, zum erstenmal allein, ohne
die schützende Hand der Eltern und
Geschwister. Einem neuen Dasein ent­
Auf stillen Wegen
Ein öder Wog durch's Feld, nur hier
am Ackersaum
Mit regenfeuchtem Laub ein alter
Apfelbaum.
Perlmutterfarb' umwölkt die weiche,
feuchte Lust,
Aus dem erquickten Feld ein kräfti
ger Bodenduft.
Ein Streifen Abendbrot am Horizon
te fern
Und ans dem Wolkenflor ein Strahl
vom Abendstern.
Kein Prachtstück der Natur, kein Won
neüberschwang
Und doch für Leib und Seel' fried
selig ist der Gang.
So schleicht im stillen hin manch dürf
tiges Geschick,
Doch glänzt auch über ihm des Him
mels Gnadenblick.
Karl Gerok.
R555MWWWU
gegen, einem Dasein voll Arbeit und
Anstrengung, voll Beten und Brav
fein voll Uebermut und jauchzender
Kinderglückseligkeit. O ihr herrlichen,
sorglosen Tage einer unbekümmerten,
wohlbehüteten Klosterjugend! Der
Heilige lächelt und die hellen Son
nenstrahlen spielen Maschen mit blin
kenden Glasscheiben und glänzenden
Gitterstäben. Wie kurz ist so ein er
ster Klostertag! Wie viel Neues, Ue
berraschendes!
Rote Kletterrosen tropfen über die
Lauben im Klostergarten. Eine Am
sel flöte im Geäst, die Sonne schickt
sich an zu scheiden. Hellrot flammen
die Ziegelmauern im letzten Glühen.
Unter der hohen Linde sieht eine klei
ne Schar, heute zum letztenmal. Die
Hände streichen spielerisch über die
gefesselten Zöpfe: morgen werden sie
frei in schicke Knoten gerafft. Mor
gen! Die Augen strahlen und die
Herzen pochen bei dem Worte. Frei
sein, aller Fesseln ledig, dem Leben
entgegenstürmen dürfen! Alles wird
ihr eigen fein: Jugend, Schönheit,
Glück. Die kleinen Hirnchen werden
nicht müde, Luftschlösser zu bauen
aus Sonne'ngold und Blattgrün, aus
Rosenduft und Amselschlag. Und die
Lippen plaudern in einem fort: Wir
werden, wir wollen, wir zwingen das
Leben, das Glück ist unser! O selige,
wundergläubige Jugendzeit! Der Hei
lige steht regungslos dtüben an der
Ecke und lächelt. Er ist alt und stei
nern und hat schon viele vordem so
rufen hören: Wir werden, wir wol
len. Unbeweglich lächelt er und sieht
in die Feme über die Dächer, hinter
welchen die Sonne versinkt in bunten
Abendwolken. Nach der grauen Wand
schaut er, die sich herausschiebt, mit
ten in den hellen Glast hinein, und
seine hellen Seheraugen lesen darin
das einzige, grausame Wörtlein: Wir
müssen. Die wuselige Jugend da un
ten aber weiß nichts davon, die trägt
heute noch eine rosige Binde vor den
Augen und die Herzen sind voll Ju
bel vor dem verheißungsvollen Mor
gen. Leicht ist der Abschiedsschmerz
überwunden vor den winkenden Freu
den des morgigen Tages, der hinaus
führt aus den schützenden Gitterstä
ben, hinaus in's volle, lachende Le
ben, zu Kamps und Sieg. O jugend
liches Hoffen!
Und wieder ist Meldetag! Im
Sprechzimmer harren die kleinen
Zöglinge. Dieselben pochenden Her
zen haben sie, dieselben schüchtern
ängstlichen Blicke, dieselben Wollkleid
chen und schneeweißen Kräglein. Nur
die sie tragen sind andere. Die kleinen
Finger klammern sich zum letztenmal
an die Mutterhand, die kosend über
die braunen Holzbänke streicht, auf
denen sie selbst einmal gesessen ist,
einst vor vielen Jahren. Der Garten
ist völlig unverändert geblieben. Die
selben Schwestern schreitend betend
durch die gewohnten Wege. Dieselben
Blumen und Sträucher sind da. Der
Heilige lächelt wie immer auf seinem
Eckposten an der Ziegelmauer, man
sieht es ihm gar nicht an, daß er um
zwanzig Jahre älter geworden ist.
Auf dem Gartenbänklein unter der
alten Linde sitzt schüchtern ein kleines
Madchen zwischen Mutter und Lehr
schwester. Zwei Augenpaare treffen
sich fragend über den blonden Zöpf
chen, und die vornehme Dame fragt
ein- um's andremal die fremde
Schwester: „Weißt du noch, Irene?"
Und sie blicken beide auf das zarte
Wesen, das da zwischen ihnen sitzt,
trennend und bindend zugleich.
Friede und feierliche Stimmung
liegen in der Luft, stiller Klostersrie
de, der doppelt wohltut nach dem lau.
ten, hastigen rängen der Welt. Die
graue Wand von einst ist hochgekom
men, hat oft für Augenblicke die Son
ne verdunkelt im Lebenskamps, in
stiller Entsagung. Aber die Sonne ist
immer wieder hochgekommen oben am
blauen Himmel und im Meitscfjcn
leben. Das Glück ist jedem geworden
nach schwerem, langem Kampfe, je
dem nach feiner Art in froher Mut
tersreude, in stillem Klosterfrieden.
Wer den besseren Teil erwählt hat?
Tas weiß vorläufig nur der Heilige
dort oben, denn er lächelt weiter, sein
unbeirrbares, rätselhaftes Lächeln,
das um so vieles weiß, was Jahr für
Jahr um ihn her geschah.
Tie Sonne steigt und fällt, oft und
ungezählte Male. Ein Tag ist wie der
andere. Nur die Ziegelwände sind ei
nen Schein bleicher und grauer ge
worden und Schnee und Wind haben
dabei dem Heiligen manch Ecklein ab
gebröckelt aus seinem steinernen Ge
wände. Neue Gebäude hat er auf
wachsen sehen, der anvertrauten
Schützlinge sind mehr geworden,
fremde Schwestern blicken unter den
weißen Hauben hervor. Nur die al
ten Linden rauschen noch immer das
selbe Lied und die Kletterrosen trop
fen in blutroter Fülle. Die alte Lau
be vermag die neue Schar nicht mehr
zu fassen, von nahen Spielplätzen
schallen ihre fröhlichen Stimmen her
über nur ab und zu huschen flinke
Füßlein an dem grünen Gartenbänk
lein vorüber und helle Kinderaugen
lugen scheu, vorwitzig nach der alten
Klosterfrau, welche dort betet und
durch ihre scharfgeschliffenen Brillen
gläfer ihnen jedesmal freundlich zu
nickt. Ehrfurchtsvollste Knixe, herzli
ches Grüßen wechselt herüber und hin
über, dann hastet die allzeit eilige Ju
gend weiter und die alte Schwester
sinnt ihnen lange nach. Sie kennt es
jetzt zur Genüge, das Kommen und
Gehen, Fortstürmen und Wieder
heimfinden. Es ist ja immer dasselbe,
wie der allzeit gleiche Lauf der Jah
reszeiten. Das Herz aber bleibt jung
in diesem ewig wechselnden, Himmel
stürmenden Jugendkreis. Gestern wa
ren es die Mütter, die hier tollten,
heute sind es Tochter und Enkel, und
andere werden folgen, mit demselben
kinderfrohen Lachen, demselben über
schäumenden Uebermut.- Sie waren,
sie sind, sie werden sein, diese allzeit
gleichen und doch ständig wechselnden
Klosterzöglinge.
Wind und Wasser
Wenn wir an der Grenze zwischen
Land und Wasser am Strande des
Meeres stehen und unsere Blicke über
die endlose Meeresfläche schweifen
lassen, können wir beobachten, wie sich
aus der spiegelglatten Ebene ein glit
zernder Streifen bildet, der Aus
druck eines Windhauchs, der, schnell
breiter werdend, sich mit leichtem Ge
kräusel nähert und die unendliche
Meeresoberfläche ganz überzieht.
Wenn sich dann das Blau des Him
mels in einen grauen Schleier hüllt
und die Farbe des Wassers dasselbe
kalte Grau annimmt wenn sich d»r
Himmel langsam verdunkelt und
schwarze Wolfen hoch über uns da
hinjagen wenn die Sonne ver
schwindet und das Wasser, das Spie
gelbild des Himmels, durch die dunkle
Farbe der Wolken erschreckt, sich stahl
blau verfärbt wenn dann die klei
nen Wellen mit einem Schlage ver
schwinden und das Meer wieder glatt
und leblos vor uns liegt, indem der
dem Sturme vorangehende Gegen
wind wieder verstummt wenn trotz
des in den hohen Luftschichten dahin
eilenden Sturmes auf der Erde noch
tiefe Stille herrscht, so fragen wir
uns: Was bedeutet das alles, was
bedeutet diese Stille? Vielleicht eine
letzte Warnung für alle Lebewesen
oder will uns die Natur das Schöne
durch den Kontrast noch schöner er
scheinen lassen?
Schon ehe der Sturm über uns
hereinbricht, warnen uns seine Vor
boten, deren Rufe wie ein hundert
faches Echo in unzähligen Natur
erscheinungen sich auswirken. Noch
zittert die warme Luft über dem Was.
fer, als ob sie sich vor dem kommen
den Naturereignis fürchte. In der
Ferne rauschen Wälder, von unsicht
baren Schwingen getragen bringt der
Klang von Glocken und Stimmen an
unser Ohr. Am Horizont bewegt sich
der Rauch eines fernen Dampfers mit
großer Geschwindigkeit fort, und die
lange dunkle Rauchsahne zeigt uns
die Richtung der atmosphärischen
Strömung. Am Strande schiebt sich
eine Staubwolke wirbelnd vorwärts.
Blätter tanzen in der Luft, die einen
eigenartigen Geruch annimmt: es
riecht nach Sturm!
Tie Temperatur fällt plötzlich kal
te Luftströmungen drängen aus grö
ßeren Höhen senkrecht zur Erde. Jetzt
greift der Sturm auf die Wasserfläche
über schlagartig ändert sich die Far
be des Meetes. Was sich vorhin in
entgegengesetzter Richtung langsam
abspielte, geht jetzt in wenigen Se
kunden vor sich. Das Meer antwortet
wieder zuerst in kleinsten Wellchen,
die überall erscheinen. Man sieht, wie
der Wind vom Wasser abspringt. Noch
einmal ändert das Meer seine Farbe:
am Horizont säumt sich das tiefe Tun
ke! mit Weiß. Tie kleinen Wellen wer
den großer, höher und länger. Sie
bewegen sich schneller und fangen an,
Kämme zu werfen. Bald wachsen sie
zu schäumenden Wellenbergen heran,
und wir sind nicht mehr imstande, die
Entwicklung im einzelnen zu verfol
gen.
Und nocheinmal ändert sich die
Stimmung des Meeres. Am Horizont
erscheint jetzt ein nebelartiger Strei
fen, der wie ein dichter Schleier aus
sieht und mit rasender Geschwindig
keit näherkommt. Fliegendes Wasser!
Ein Beweis für die zunehmende
Windstärke denn die Kraft des Win
des ist jetzt so groß geworden, daß er
die Schaumkämme von den Wellen
losreißt und durch die Lust mit sich
fortnimmt. Nach oben saugende
Windwirbel werfen ganze Wasser
massen in die Lust: Wasserhosen! Wie
Tonner dröhnt jetzt die Stimme des
Meeres. Riesige Wellen rollen in
Gruppen dahin, haushoch schäumt die
Gischt in gleichem Rhythmus am Ge
stein empor und eilt von dort tosend
zwischen den Felswänden und Rissen
zurück in's Meer.
Und wenn wir im Heulen des
Sturmes, im Rauschen und Brausen
der Wellen unsere eigene Stimme
nicht mehr hören können, so über
kommt uns ein Gefühl der Bewunde
rung für dieses.herrliche Element, das
wir Menschen „Wasser" nennen und
in welchem wir die Ausdrucksfähig
feit eines höheren Wesens erkennen
müssen. Und wenn dann am nächsten
Morgen die Luft wieder ruhig gewor
den ist, der Himmel blau erstrahlt
und nur das Getöse der Brandung
noch vom vergangenen Sturme
spricht wenn das böenhaste Gekräu
sei und auch die kleineren Wellen sich
verloren haben und nur noch die lan
ge, schaumlose Dünung Wind vor
täuscht, dann fragen wir uns unwill
kürlich: Wie ging das alles vor sich?
Es entsteht in uns der Wunsch, das
Meer besser zu verstehen, seine Eigen
tümlichkeiten und Schönheiten ge
nauer kennenzulernen. Und mit dem
besseren Verstehen wächst in uns die
Liebe und Verehrung für dieses herr
liche Wunder der Natur. Wenn wir
das Meer betrachten, möchten wir
meinen, daß seine Oberfläche ein will
kürliches .Durcheinander bilde. Tie
Natur aber hat allen ihren Schöpfun
gen den Stempel der Gesetzmäßigkeit
ausgedrückt, die zu suchen und zu er
gründen Ausgabe des denkenden Men
schen ist.
Unser £?aus
Unser Haus liegt an der Straße,
die breit, und gemächlich in die Un
endlichkeit der Landstraße hinein
führt.
Wir bekommen zuerst den Sturm,
der aus der Ebene zu uns herbraust
und ungestüm und toll an den alten
Fensterläden rüttelt. Wir hören aber
auch zuerst das Lied des Frühlings,
spüren sein Kommen und Werden
an dem lichten Grün, das er über un
fern Garten streut.
Tie Zugvögel grüßen als letztes
von der Stadt unser Haus aber im
Frühling werden wir als erstes ge
grüßt.
Tann sitzen die Stare im Kasta
nienbaum und zwitschern so.laut und
eindringlich, als könnte man sie am
Ende überhören. Wie die zarten Me
lodien zittern! Wie schwarz das
Gefieder glänzt! Sie suchen ihren
alten Kasten auf und beäugen scharf
und kritisch, ob alles in Ordnung ist.
Abends schlafen die Vögel irgend
wo in ihren Nestern. Und auch unser
Kind schläft. Im Hause ist.es still.
Kein Laut von draußen fällt in un
sere Welt und in das, was wir
Glück nennen in unsere fröhliche
Dreisamkeit.
Die Zugvögel grüßen als letztes
von der Stadt unser HauS
D.H.

13. September
Boa e o e i e P£M.,
Washington, D. C.
C.-St. d. C.-V.
Bon H. Christoffer
Von Manfred Curry

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