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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, September 13, 1945, Ausgabe der 'Wanderer', Image 8

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1
Ein Wort zur Vibellelung
Als unsere Kapläne anfingen, die
deutschen Kriegsgefangenen hierzulan
de mit Gebetbüchern und anderen Bü
chern zu versorgen, ging man sie im
mer wieder an mit der Bitte, für jene
Bibeln zu verschaffen. Als es sich als
unmöglich herausstellte, diesem Wun
sche zu entsprechen, wurden die Ka
Pläne bestürmt, Neue Testamente zu
besorgen. Auch diese waren in unserm
Lande nicht aufzutreiben. Einen Neu
druck hier durchzuführen, scheiterte
bisher an manchen Schwierigkeiten.
In Deutschland selbst wurde das
Bibellesen auf katholischer Seite seit
vielen Jahren gepflegt. Und zwar,
wie wir nun wissen, mit gutem Er
folg. So empfahl die Lektüre der Bi
bel vor etlichen Iahren der hochw'ste
Dr. Josef Kuinpfmüller, Bischof von
Augsburg, in nachfolgenden Worten:
„Auf der Innenseite des Einban
des eines frühen Bibeldruckes in der
Staatsbibliothek Tillingen, Donau,
findet sich der Vermerk, ein Bäcker
meister habe dies Buch um die sech
zehnte Jahrhundertwende erstanden
und vom ersten Adventsonntag bis
Lichtmeß mit seinem Eheweib ganz
durchgelesen.
„Tiefes Vorbild aus der Zeit he
roischer Bibelbewegung im Sturm
der Reformation dürfte für die mei
sten Christen der Zeit unerreicht und
unerreichbar dastehen. Auch ernste
Bibelleser werden gestehen müssen,
daß sie weite Strecken des Alten Te
stamentes nicht gelesen haben und
daß ihnen namentlich der Versuch, die
ganze Bibel von vorne bis hinten an
einem Stück zu lesen, nicht gelungen
ist. Wenn man erst eine Umfrage hiel
te, wieviel vom Worte Gottes die
Bibelfreunde unserer Tage gehört
oder laut gelesen haben, so stände
wohl das Bäckermeisterpaar von Dil
lingen unter den Laien unserer Tage
völlig allein da.
„Diese Tatsache aber ist ein Ver
lust. Es gibt keinen Katechismus und
kein theologisches Lehrbuch, die den
Heilsplan Gottes und die Heilsge
schichte der Menschheit mit der umfas
senden Lebensfülle darstellen könnten,
wie die ganze Bibel. Die ganze Bi
bel zu hören oder im lauten Lesen
sich zu Gehör bringen fidcs ex au
ditu (Glauben aus dem Hören)
und zwar um des heilsgeschichtlichen
Zusammenhanges willen an einem
Stück von Anfang bis zum Ende,
muß ernsthaft Ziel der katholischen
bibelbegeisterten Menschen sein und
bleiben.
„Das Ziel aber ist in erschreckender
Ferne. Ein erheblicher Teil der Hl.
Schrift stellt den Leser vor so gewal
tige Schwierigkeiten des exegetischen,
archäologischen, dogmatischen und per
sönlich-aszetischen Verständnisses, daß
er bald, sich im Einzelnen vergrabend,
den heilsgeschichtlichen Zusammen
hang verlieren wird. Es tut also in
dem gewaltigen Land der Bibel ein
Führer not, der den Weg durch Fel
sen und Klippen führt. Wenn dieser
Führer recht weiß, was er will, kann
er den Weggenossen, der zum ersten
mal die Reise macht, an manchem
Stück des Textes, das dem Unkundi
gen nur Anlaß zum Mißverständnis,
auch zur Ermüdung wäre, vorbeifüh
ren: er kann eine,Bibel in Auswahl'
zusammenstellen. Wer die ganz gele
sen hat, kennt sich dann aus und mag
den Mut finden, dem heroischen Bei
spiel von 1500 zu folgert."
Den Katholiken Teutschlands tier
half Herders Laienbibel zu einer sol
chen Wegführung. Worum es sich da
bei handelt, erklärt Bischof Kunips
müller in folgendem: „Man darf vie
les an dem Versuch als gelungen be
zeichnen. Da ist schon die Auswahl
der Stücke durchaus nicht von dem
einfachen Wunsche beeinflußt, die ,an
stößigen' Stellen vom Leser fernzu
halten die in allem dem Ziele
dient, die Christus-Verheißung (Al
tes Testament) und Christus-Verkün
digung (Neues Testament) deutlich
hervortreten zu lassen. Die Ueberset
zung folgt frei von aller Originali
tätslucht dem Wortsinn des heiligen
Textes, gestaltet aber in männlicher
und warmer Art wirklich deutsch und
dem Hörenden voll und rhythmisch
wohlklingend. Die Erläuterungen
s i n e s i k a e e i i n s o e
die Einzelwissen vermitteln: dieje
stehen am Schluß jedes Buches, da
mit durch sie die Aufmerksamkeit nicht
vom Ganzen abgelenkt werde und
solche, die die Auswahlstücke unter
sich verbinden und ihre heilsgeschicht
liche Bedeutung in häufig pneumato
logischer Exegese herausstellen: die
sind im Text selbst untergebracht und
s o e n w i e e e s e e e ö
nicht nur gelesen werden."
Wir besitzen nun in englischer Spra
che mehrere gute englische Ueberset
zungen des Neuen Testaments. Eine
„Laienbibel" kennen wir nicht. Ma
chen wir also den Anfang mit dem,
was uns zu Verfügung steht. Wir
bedürfen gerade zur Jetztzeit des Tro
stes und der Stärkung, die aus der
Frohbotschaft des Herrn fließt.
_C.'St. d. C..V.
Was braucht man, um gütig zu
sein? Nicht als wenig Vernunft und
ein wenig Frömmigkeit im Herzen.
Ergebung
Ein bekannter Vorkämpfer des
Freidenkertums sagt: „Kann es nach
dem Christentum eine ärgere Sünde
geben, als wenn der Mensch sich selbst
vertraut? Er gilt als hoffnungslos
verloren, wenn er den eigenen Kräf
ten vertraut. Aber Mut und Freude
sind die Fittiche zu großen Taten."
Mit diesem Ausspruch sucht der
Mann, der ihn geprägt hat, die christ
liche Ergebungslehre zu fressen, und
ermeint nun, er habe ihr den Herz
stoß versetzt. Aber nirgends in der
christlichen Religion findet sich etne
Lehre, die auch nur einen Schatten
von Recht zu einer solchen Behaup
tung und zu einem solchen Angriff
gäbe. Niemals hat das Christentum
etwas anderes gelehrt, als daß Mut
und Freude die Fittiche zu großen
Taten sind. Niemals hat das Chri
stentum von seinen Bekennern gefor
dert, daß sie die Hände falten bloß
zum Gebet und nie die Hand rühren
sollten zu emsigem Schaffen. Niemals
hat das Christentum es als Sünde
erklärt, wenn der Mensch sich selbst
vertraut. Die christliche Religion lehrt
allerdings, daß das menschliche Selbst
vertrauen oft jämmerlich in die Brü
che geht, wenn es nicht getragen ist
von dein Vertrauen auf den ewigen
Gott. Es lehrt allerdings, daß der
Mensch sich seiner Ziele und Schran
ken bewußt bleiben muß, wenn er
nicht in lleberinut verfallen will, der
zu hoch greift und zu weit plant und
allzu kühne Ziele sich setzt und nicht
daran denkt, daß ein Menschenleben
und seine blühende Kraft doch jeden
Augenblick in der Hand höherer
Mächte sich befinden. Das kleine Herz
iii unserer Brust schlägt Sekunde um
Sekunde und doch braucht es nur
einmal ein paar Sekunden auszuset
zen, und die Herrlichkeit unserer
selbstbewußten, schaffensfrohen Kraft
ist vorüber. Hinter der Stinte des
Menschen wohnen seine Gedanken,
Pfeilen gleich, die im nächsten Augen
blick losgeschnellt werden nach fernen
Zielen, vielleicht auch Raubtieren
gleich, die nur mühsam zurückgehal
ten werden können und sich gierig auf
ihre Beute stürzen möchten. Und doch
braucht in dein feilten und unendlich
verwickelten Bau eines Menschenge
Hirns nur eine Kleinigkeit, eine ganz
winzige Kleinigkeit in Unordnung zu
geraten, und die Gedankenpfeile lie
gen auf lahmer Sehne, und die Raub
tiere der wüsten Begierden stürzen sich
auf ihren Herrn, des Menschen eigenes
Ich, um ihn zu zerfleischen. Das Chri
stentum ist wie eine mahnende Ge
stalt, die mit der Hand zum Himmel
weist und den Finger leise erhebt und
spricht: „Du bist ein Mensch, laß alle
deine Kräfte knospengleich springen
und blütengleich sich entfalten. Aber
du bist bloß ein Mensch, und im Zau
berwalde deiner Träume werden die
Bäume nicht in den Himmel hinein
wachsen."
Das bedeutet aber nicht, daß das
Christentum den Menschen verurteile
zu stumpfer und dumpfer Resigna
tion, zu einem tiergleichen Einher
schreiten unter des Lebens schwerem
Joch. Irgend jemand ist von schwe
rem Unglück betroffen worden. Nun
sitzt er an einem nebelgrauen Win
termorgen an einem Kamin, in dem
die Flammen züngeln und ledern und
leise wimmern die Stimmen, die ein
mal Stimmen des Glückes gewesen
und nun Laute der Klage sind. Trübe
schaut ein mattes Augenpaar in die
langsam verflackernde Glut. Müde
schließen sich zwei Hände ineinander
und falten sich über dem Knie, zwei
Hände, aus denen ein unerbittliches
Schicksal etwas Liebes, etwas Uner
setzliches, etwas mit dem Menschen
ganz Verwachsenes herausgeschlagen
hat. Ties senkt sich fein Haupt auf die
Brust, das nun keines Gedankens
mehr fähig ist, und die zwei Hände
scheinen so gelähmt, als ob sie nie
mehr fest und sicher in die Speichen
des Lebensrades eingreifen wollten,
das hier von unsichtbarer Gewalt aus
seinem Geleise gehoben wurde. Ist
das nun die Stimmung, die die Reli
gion braucht, um in der Menschenseele
ihr Werk zu tun?
Nein, und nochmals nein! Die
Stimmung braucht Gott wirklich
nicht, wenn Er hineingreifen will in
ein Menschenherz.
Es mag sein, daß Er sie über dich
kommen ließ, um deine Härte zu
schmelzen und dich weich und gewis
sermaßen mürbe zu machen. Aber
dann hat das Leid sein Werk getan,
dann will die Religion einsetzen und
will iti diesem müden Augenpaar wie
der einen Funken von Gottvertrauen
und Selbstvertrauen aufblitzen lassen
und will diese Hände wieder stark
machen, daß sie rüstig das Steuer
umspannen und dem wogenumdräng
ten Lebensschifflein einen neuen Kurs
zu geben vermögen. Sie will gebro
chene Schwingen heilen, sie will Hem
mungen des Lebens hinwegräumen,
sie will die Bleisohlen des Jammers
und der Not von jedem Menschenfuß
entfernen, damit alle die Menschen
süße der Großen und der Kleinen, der
Schwachen und Beladenen und Müh
seligen eiligen Schritts dem Ziele ent
gegenwandern.
Ich möchte sagen, die Religion sei
wie eine der Orgelfugen von Bach.
omo WABBtrezuiro
Da quellen die Töne aus der Tiefe
auf, als kämen sie aus Grüften und
Kerkern und Gewölben, in denen See
len in Fesseln und Bande geschlagen
sind. Da fragen und suchen die Ak
korde und verwirren sich gegenseitig
in immer neue Dissonanzen, bis auf
einmal die Dunkelheit zur Helle wird,
bis der Schleier zerreißt und es ist,
als leuchte goldener Sonnenschein
über den weiten Fluren, auf denen
kurz vorher ein schweres Gewitter nie
derging. Wer hätte die wundersam
tröstende Macht solcher Musik noch
nicht empfunden?
So ähnlich, nur reiner, stärker und
zielbewußter wirkt die Religion. Sie
schärft wohl auch die Augen des Men
Ich en für die Dissonanzen des Lebens.
Aber sie zerteilt das wirre Gewebe
der Schicksalsfäden und läßt das gei
stige Auge hinübersehen in die Lande
der Klarheit und der ewigen Lösung
dessen, was auf Erden Rätsel und
Mißklänge gewesen sind.
Um ein anderes Bild zu gebrau
chen: Der religiöse Mensch kommt
nicht mühelos zur Höhe feiner Erge
bung. Er muß vielmehr mühsam em
porsteigen über scharfe Kanten, über
Klippen und Geröll, bis er zur Hoch
ebene kommt, die man das Leben in
Gott, das Leben im Glauben heißt.
„Er bewohnt bloß die Ebene auf dem
Gebirge," sagt Karoline Schlegel.
Allein, bis der Mensch auf diese Ebe
ne kommt, von der aus er die richtige
Distanz zu den Dingen erlangt, muß
er eben doch den Berg und das Ge
birge emporgestiegen sein aus eigener
Kraft, wenn auch geführt von ewiger
Hilfe und gelenkt von ewigen Ster
nen. Und dieses Emporsteigen vom
ersten Auffassen an bis zum ersten
leisen Jauchzen auf der befreienden
Höhe, das ist es, was die Religion
dem Menschen ermöglichen und er
leichtern will. Der Mensch, der Reli
gion besitzt, kann und will die Fit
tiche des Mutes und der Freude nicht
entbehren, die ihn emportragen zu
großen Taten. Und er soll diese
Schwingen tüchtig regen. Aber wenn
auf dem Wege zur Höhe ihn ein Stoß
erfaßt, wie die Luftfahrer manchmal
von Stößen nicht geahnter Luftströ
mungen berichten, dann weiß der re
ligiöse Mensch, daß er in Gott lebt,
in Gott sich bewegt und in Gott ist,
und daß nichts seine Wege kreuzen
kann, was ihm Gott nicht gesandt
hätte, und was nicht gut für ihn wä
re. Der religiöse Mensch ist wie der
Aar, der hoch über der Welt in den
Lüsten schwebt. Der muß die Flügel
schlagen und muß sein Adlerauge ge
brauchen und muß mit den Fängen
erhaschen, was ihn ernährt. Wenn der
königliche Vogel denken könnte, dann
wüßte er, daß es die Luft ist, die ihn
trägt. Der denkende Mensch soll sich
sagen, daß es Gott ist, der ihn trägt
und hält, und aus dieser Ueberzeu
gung heraus vermag er dann alles,
was über ihn kommt, mit Menschen
würde und hochherziger Ergebung
hinzunehmen.
Das ist der Sinn der christlichen
Ergebungslehre, und nichts anderes.
Die Religion will des Menschen Kraft
und Stärke sein und nicht ein bloßes
Hindämmern und Hinträumen. Re
ligion das ist nicht sentimentales
Schwelgen in Gefühlen und Ahnun
gen und Erinnerungen. Das ist nicht
der Gedanke des reif und groß ge
wordenen Menschen, der in die Ferne
zog und sich nun zurücksehnt nach dem
Paradies der Kindheit nach dem
Holunderbaum im Garten, unter dem
er als Kind gespielt und in den blauen
Himmel hinaufgeschaut nach der
duftenden Linde auf dem Dorfplatz,
unter der er mit sorglosen Gespielen
den Kinderreigen schlang. Religion,
das ist etwas ganz anderes. Sie ist
wie gebeugte Schultern, die doch noch
ein Kreuz zu tragen vermögen wie
zitternde Hände, die doch noch kraft
voll umspannen, was sie bezwingen
müssen wie grau gewordenes Haar,
unter dem doch noch blanke Augen
leuchten wie eiserne Rüstung, die
vernarbte Wunden bedeckt wie Son
nenblick vom Himmel mitten im wir
belnden Sturm wie ein Aufspringen
zu mannhaften Taten, wo einen alles
niederziehen möchte wie festgeschlos
sene Lippen, wo der Mund sich offnen
mochte zu klagendem Schrei wie das
Kreuz der Hoffnung auf dem Grabe
wie ein vertrauendes Kind an Vater
und Mutterhand wie gesprengte Fes
sein, die ein eben erwachter Mut zer
riß wie Glockenläuten, das einem
müden Wanderer die Nähe der trau
ten Heimat kündet wie ein Weih
nachtsoratorium, dessen Lieder und
Laute man anhört mit dem Bewußt
sein: Morgen mußt du wieder schaf
fen, aber du hast heute Klänge aus
der Ueberwelt vernommen, und sie
werden dich begleiten und werden
über all dein Ringen und Kämpfen
einen seligen Schimmer des Friedens
breiten. Religion ist ein mutiges
„Dennoch!", wo alles uns zuruft:
„Nein! Nein!"
Hat solche Ergebung in Gottes
Willen etwas Schwächliches und
Kraftloses an sich? Ist das nicht viel
mehr Stärke und Macht zu nennen?
Ergebung das bedeutet für den
Christen nicht: die Waffen strecken.
Das heißt vielmehr: die Waffen
mannhaft und hochherzig ergreifen,
sie zuerst hintragen vor Gott, auf daß
Er sie segne, und dann kämpfen und
streiten. Kämpfen und streiten in der
Ueberzeugung, daß der Siegespreis
mit unbedingter Sicherheit dem
treuen Kämpfer zuteil werden wird,
und daß der Augenblick, in dem wir
im Tode fallen, der Augenblick, da
das Schicksal mächtiger wird als un
ser Können und vielleicht einen Teil
oder das Ganze unseres Lebenswer
kes zerschlägt, daß dieser Augenblick
von keinem anderen bestimmt wird
als von Gott, und was Gott bestimmt,
ist immer gut. Und wenn wir uns er
geben, so ergeben wir uns Ihm. Und
das heißt schließlich doch nichts ande
res als Sieger sein.
Dr. J. Klug
Efl braucht nicht viel
zum Glücklichsein
Das Glück kommt nicht plötzlich wie
ein Lotterietreffer über uns, der in
nerhalb einer Stunde aus Armen
Reiche macht. Das Glück sieht man
nur zuweilen vorüberschweben wie
die Sonne an wolkigen, stürmischen
Wettertagen in der übrigen Zeit
muß mart sich mit feinem schönen,
schimmernden Nachglanz bescheiden.
Das Glück ist keine unerwartet auf
blühende Wunderblume, vor die man
sich staunend und träumend sein Leb
tag hinsetzen kann, bis sich zuletzt die
ganze Szenerie in das himmlische Pa
rabies verwandelt. Für solche wirk
lichkeitsfernen Phantasien hat unser
nüchternes Erdenleben auch in seinen
besten Stunden keine Erfüllung. Das
Leben ist eine prosaische Sache, man
muß ihm ganz nüchtern zu Leibe ge
hen, wenn man es meistern und ihm
von seinen Glücksschätzen etwas abge
winnen will.
Wenn wir auf die Glückssuche ge
hen, dürfen wir unsere Augen nicht
in uferlose Fernen schweifen lassen
sondern wir müssen des Weges ach
ten, aus dem wir fürbaß schreiten,
und all der kleinen Dinge, die da zer
streut und unscheinbar zwischen Staub
und Steinen liegen ja, wir müssen
jeden grauen Kiesel am Wege sorg
sam abklopfen, ob wir darin nicht den
Goldklang des Glückes hören. Wir
werden das Glück nie an einem einzi
gen Orte und auf einen Haufen ge
schüttet finden, sondern überall nur
ein Stücklein davon. Das ist es, was
vielen ungeduldigen Menschen das
Glücksuchen verleidet: sie wollen sich
mit den bescheidenen Portionen nicht
zufrieden geben, sondern alles auf
einmal haben sie wollen ihr Glück
nicht erst mühsam zusammenklauben,
sondern einen großen, auffehenerre
genden Fund machen, daß alle Welt
mit Fingern auf sie deutet und mit
neidischen Blicken spricht: „Sehet da
die Glücklichen
I" Solche Kinder-
träume müssen wir uns abgewöhnen,
denn sie führen nur zu Enttäuschun
gen und Daseinsüberdruß.
Zum Glücklichsein gehört vor al
lem Gesundheit des Leibes: nur ge
sunde Menschen können völlig glück
lich sein. Kranke vermögen, je mehr
ihre Seele über die Leiden und Ge
brechen des Körpers Herr geworden
ist, einen hohen Grad von Zufrieden
heit zu erreichen aber die volle, reiche
Beglücktheit, deren Gesunde fähig
sind, ist das nicht. Doch die Gesunden
nehmen täglich diese beste Gabe des
Glückes danklos in Empfang, als fei
es eine Selbstverständlichkeit, auf die
sie Anspruch haben. Wer seine Ge
sundheit nicht täglich als Gottesge
schenk betrachtet und dankerfüllten
Herzens genießt, ist wahrhaften
Glückes gar nicht fähig.
Wo Gesundheit ist, da kann das
Glück in tausenderlei Gestalten zukeh
ren. Zu dem einen kommt es in Form
eines überraschenden Geschenkes: ta
gelang freut er sich nun wie ein Kind
darüber und vergißt dabei, was ihn
sonst ärgerte, was er wünschte und
begehrte. Der andere hat ein gutes
Geschäft gemacht: du siehst es au sei
nem strahlenden Gesichte, daß das
Glück zu ihm gekommen ist. Ein Drit
ter hat eine längst erstrebte Stellung
erreicht: nun hängt ihm der Himmel
voller Geigen. In all diesen Fällen
hat sich nichts Großes, Außergewöhn
liches ereignet aber das Herz des
Menschen ist davon berührt worden
und in freudige Wallung geraten. Es
braucht ja nicht viel, um einen Men
schen glücklich zu machen, und man
cher könnte sich viel öfter das Glück
herbeirufen, wenn er fein eigenes Le
ben besser verstünde, weil Glück mehr
eine Stimmung des Herzens als eine
Folge äußerer Zufälligkeiten ist.'Der
Mensch kann viele Voraussetzungen
für ein glückliches Leben schaffen
aber jene erheben am meisten An
spruch auf Glück, die am wenigsten
dafür tun, ihm den Weg zu bereiten.
Wer sich auf der Welt nicht fleißig
tummelt und tapfer müht, hat keine
Hoffnung, daß ihm eines Tages ein
großes Glück in den Schoß geworfen
wird. Wer aber voranstrebt, in Be
ruf und Arbeit Tüchtiges leistet und
sich den Menschen nützlich und gefäl
lig erweist, darf hoffen, daß es ihm
zu gegebener Zeit an Glück nicht feh
len wird.
Der Mensch muß aber auch ein ge
wisses Geschick haben, das Glück her­
beizurufen. Man muß die vielen klei
nen Gelegenheiten benützen, die das
Leben jedem bietet. Es wird in jedem
Jahre Frühling, da die Erde voll
Sonnenschein und Blumen und Ge
sang der Vögel ist: was äst da beglük
fender, als nach trüber, kalter Win
terzeit hinauszuwandern
I Bleibst du
dennoch verdrossen und unzufrieden
hinter deinen vier Wänden sitzen, so
darfst du dich nicht über mangelndes
Glück beklagen. Du könntest dir und
deiner Familie zu jeder Jahreszeit
des Abends ein paar glückliche Stun
den bereiten, wenn du zu Hause bleibst
und dich mit den Deinen um den Tisch
setzest, um zu plaudern, ein schönes
Buch zu lesen, Bilder zu betrachten,
etwas zu basteln, zu musizieren oder
sonst eine Kurzweil zu pflegen. Tust
du das nicht, so gehst du deinem Glück
absichtlich aus dem Wegel
Vom Essen und Trinken, vom
Reich-, Gescheit- und Berühmtsein
wird man selten satt und glücklich.
Darum versucht es, wer klug ist, auf
andere Weise. In der Tat faben die
meisten Menschen ein heimliches Plätz
chen, wo sie sich nach des Tages Last
und Sorgen erfreuen. Es ist irgend
eine Lieblingsbeschäftigung nach der
eintönigen Berufsarbeit, ein nützli
cher oder unterhaltender Zeitvertreib.
O du tausendfältiges Glück, in wie
demütig schlichter Gestalt kommst du
oft zu den vielgeplagten Menschen!
Auch die reichen Leute gehen von ih
ren Festen hungrig heim und müssen
dich, wie alle Sterblichen, in einem
kleinen Winkel suchen!
Das Glück ist allezeit bei uns, so
lange wir atmen es geht mit seinem
Gabenkorbe immer neben uns her,
aber es reicht uns daraus mit müt
terlicher Vorsicht stets nur aus knappe
Zeit, um uns zu laben und zu er
freuen, aber nicht übermütig zu ma
chen. So setzt sich unser Lebensglück
aus lauter kurzem Stundenglück zu
sammen, und diese kleinen Glücks
spenden sind in Arbeit und Mühsal
eingewickelt: manche verstehen es
nicht, sie aus dieser reizlosen Umhül
lung zu lösen denn Arbeit und Be
russplage haben nach ihrer Anficht
mit Glück nichts zu schaffen. Sie ja
gen auf kühnem Roß Trugbildern
nach und gewahren nicht den Gold
glanz, der überall am Wege aus dem
grauen Gestein des Alltags schim
mert.
Dr. A. H.
Grundlutzliche Erklär
ung«! zur KeUwge
Resolutionen des Central-Bereius
(Schluß)
Gefahren inhumaner Kriegsführung
Ohne auf die Erörterung der in
Betracht kommenden sittlichen Aspekte
der Frage einzugehen, gibt der Ka
tholische Centrai-Verein der Hoff
nung Ausdruck, daß die Ver. Staa
ten die Verwendung der Atombombe,
der entsetzlichsten und verheerendsten
Kriegswaffe, die je erfunden wurde,
großherzig einstellen werden. Solch
eine Entscheidung würde einen Prä
zedenzfall herbeiführen und sollte die
Vereinten Nationen veranlassen, ein
wirksames Verbot zu legen auf diese
und alle ähnlichen Waffen, welche die
Zivilisation, die sie hervorgebracht
hat, zu vernichten droht.
Militärzwang in Friedenszeiten
Eines der Heilmittel, das unab
lässig für die Befriedung der Welt
und wenigstens von manchen
für die Stabilisierung der innerpoli
tischen Verhältnisse in Vorschlag ge
bracht wird, ist die Einführung des
Militärzwangs, der militärischen
Ausbildung der körperlich tüchtigen
Jugend des Landes.
Aus die Lehren der Geschichte uns
stützend bekennen wir uns zu der Ue
berzeugung, daß große stehende Heere
dem Völkerfrieden nicht förderlich
sind. Im Gegenteil, sie züchten und
nähren nationale Eifersucht, Furcht
und Haß und bilden einen unaufhör
lichen Anreiz, Konflikte mit Waffen
gewalt auszutragen, statt sie durch
friedliche Verhandlungen beizulegen.
In unserm Staats leben würde die
Einführung eines großen stehenden
Heeres wie die Erfahrungen der
fünften Vergangenheit zur Genüge
dartun zweifellos die jetzt schon
schwierigen wirtschaftlichen, sozialen
und finanzpolitischen Probleme, de
nen wir gegenüberstehen, noch kom
plizierter gestalten. Manche erwarten
von dem vorgeschlagenen Militär
zwang in Friedenszeiten, daß er der
Arbeitslosigkeit steuern und der In
dustrie Erleichterung schaffen würde.
Solche Vorteile aber sind im günstig
sten Fall nur von vorübergehender
Bedeutung. Auf die Stauer wird sich
der Militärzwang für die wirtschaft
liche und soziale Stabilität als schäd
lich erweisen. Und zudem steht der
Militärzwang in Friedenszeiten nicht
im Einklang mit den demokratischen
Grundsätzen, zu denen wir uns beken
nen, und widerstreitet der Tradition
des Landes. Weitere Argumente ge
gen die Vermilitarisierung unserer
Jugend, von noch stärkerer Beweis­
3k Septem&W
kraft als die auS wirtschaftlichen, po
litischen und fiskalischen Gründen
hergeleiteten, ergeben sich aus den
unleugbaren sittlichen Gefahren, die
mit dem Kasernenleben verbunden
sind. Jeder Soldat weiß, daß Got
teslästerung, Trunksucht und Unsitt
lichkeit im Armeeleben in wahrlich
beklagenswertem Maße bestehen. Auch
dürfen wir die nachteiligen Wirkun
gen nicht übersehen, welche der Mili
tärdienstzwang mit sich bringt durch
Störung der Bildungs- und Berufs
Vorbereitung junger Leute auf eine
ersprießlich Lebenstätigkeit.
Der Katholische Central-Verein er
hebt darum Einsprache gegen Mili
tärzwang in Friedenszeiten. Die be
stehenden Maßnahmen treffen in vol
lem Umfang Vorkehrungen für alle
augenblicklichen militärischen Erfor
dernisse. Zusätzliche militärgesetzliche
Maßnahmen sollten wenigstens solan
ge zurückgestellt werden, bis die Sol
daten, die unsere Schlachten geschla
gen haben, ihre Meinungen und
Wünsche bezüglich der geplanten Aen
Gerungen in einer wichtigen Phase un
seres Staatslebens zum Ausdruck
bringen können.
Es liegt ferner ein offensichtlicher
Widerspruch vor zwischen der Grün
dung des Weltbundes der Vereinten
Nationen, dessen ausdrücklicher Zweck
die Erhaltung des Weltfriedens ist,
und der Forderung nach Militär
dienstzwang in unserm Lande. Die
endgültige Entscheidung über die
Frage sollte darum nicht erfolgen,
bevor nicht Gelegenheit gegeben ist,
sie zu beurteilen im Lichte internatio
naler Entwicklungen unter der Lei
tung des Council der United Nations.
Endlich steht es denVer. Staaten
heute einer der mächtigsten Führer
in der Welt nicht an, das Beispiel
von Völkern nachzuahmen, die zu ih
rem verhängnisvollen Schaden ihr
Vertrauen auf bewaffnete Macht setz
ten, vielmehr obliegt ihnen die große
Verantwortung, die Führung zu über
nehmen auf dem Wege zu einer all
mählichen Abrüstung der Volker der
Erde zur Förderung des Friedens.
Geistige Hebungen für Heimkehrer
Seit Kriegsbeginn hat der Central
Verein sich aufrichtig bemüht um das
Wohlergehen der Männer, die zum
Dienst des Vaterlandes in der Armee
und Flotte berufen wurden. Unser
Verband hat damit die im ersten
Weltkrieg begonnene Fürsorgetätig,
feit erneuert. Hunderttausende von
Broschüren, deren Zweck es, war, die
Männer schützen zu helfen gegen ei
nige ihrer schlimmsten Feinde, wur
den veröffentlicht und daheim und
Übersee durch die Kapläne zur Ver
teilung gebracht. Diese Fürsorge soll
jetzt, da die Feindseligkeiten einge
stellt wurden, nicht kurzerhand abge
brochen werden'
Von den ersten Kriegstagen an hat
unser Verband die Bedürfnisse unse
rer Soldaten bei der Rückkehr in's
bürgerliche Leben nach Kriegsende im
Auge gehabt. Die Erkenntnis, daß in
dieser Uebergangszeit gewisse Aus
gleiche notwendig sind, legte die Emp
fehlung nahe, daß den zurückkehren»
den Soldaten jede geistige Hilfe zu
Gebote stehen müsse, um sich dem nor
malen Leben wieder anzupassen.
Wiederholt wurden darum geistli
che Hebungen angeraten. Die Neuver
tiefung in die Grundwahrheiten unse
rer heiligen Religion und die gesam
ten Lebensregeln, sodann die Gele
genheit, sich zurückzuziehen aus dem
Alltag und unter der Leitung eines
Seelenführers verwirrende Fragen
zu durchdenken, das dürfte am
besten geeignet sein, einem Mann die
•Schwierigkeiten und Probleme über
winden zu Helsen,.denen et sich bei der
Heimkehr vom Kriege gegenüberge»
stellt sieht.
Jetzt, da unsere jungen Leute zu
rückkehren und in Bälde in noch viel
größerer Zahl heimkehre» werden, ra
ten wir dringend, die wiederholt aus
gesprochene Empfehlung des Central
Vereins hinsichtlich der Abhaltung
von Retreats für die Heimkehrer über
all zu beachten. Unsere Zweigverbän
de könnten mancherorts das Patronat
über geschlossene Retreats überneh
men. Auch dürfte sich die Gelegenheit
bieten, den hochw. HH. Pfarrern be
hilflich zur Seite zu stehen, um Pfar
rei-Retreats für die heimgekehrten
Soldaten, Matrofen und Marine
truppen zu veranstalten.
Wir empfehlen insbesondere die
Verbreitung und Lesung der nützli
chen und zeitgemäßen Flugschrift „Re
treats for Soldiers, Sailors, Ma
rines", die kürzlich von der Central
Stelle des Central-Vereins veröffent
licht wurde. Die Verabreichung der
tSchrift an die Heimkehrer aus dem
Kriegsdienst wird von Nutzen fein,
daß sie sich des Trostes, der Hilfe und
Ermutigung teilhaftig machen, die
erne Retreat zu bieten vermag.
"Das größte der Güter ist die
WahrheitWahcheit, die äußerste Gren
ze der Schlechtigkeit ist die Lüge" (St.
Basilius).
Freude säet sich nur in die Fur
chen, welche Schmerz und Arbeit ge
graben haben. Wollt ihr Freude ha
ben, so lernt zuerst arbeiten und feul»

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