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Ohio Waisenfreund. [volume] (Pomeroy, O. [Ohio]) 1874-1953, October 27, 1945, Ausgabe der 'Wanderer', Image 7

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I
I,
i- 27. Oktober
tor MunÄerturm am Horizont
Historischer R»«a» Friedrich Si»ser
(Fortsetzung)
Hinten am Hochkopf hingen dicke
Wolkenmassen wie festgeklemmt und
prallten wieder zurück von der Berg
wand.
Jetzt schlug es los! Der Regen
prasselte auf 'das Dach, die Pflau
menbäume bogen sich, der Nußbaum
knackte im ganzen Gefüge.
„Gott Lob und Dank!" sagte die
Bäurin leise. „Endlich Wasser für's
durstige Feld!"
„Lob nicht zu früh!" warnte der
Mann.
Da was war das? Ein Ticken
und Trappeln hub an, ein Knattern
und Rattern, und jetzt schlug es
schwer auf's Dach und klingelte klöp
felnd an die Scheiben.
,.O Jesus Maria, es hagelt!" schrie
Euphrosine.
Der kleine Toni erwachte und wein
te jäh hinaus.
„Die Läden alle zu!" gebot die
Mutter.
Christian eilte art's Vorderfenster,
zu dem er vorhin noch hinausgespäht
hatte. Zu spät! Klirrend zerschlug ein
Eisstück, dick wie ein Taubenei, die
Scheibe! Der Sindelhofer stemmt sich
zwischen Tisch und Bank, reifet den
Fensterflügel auf, greift nach dem
Laden. Aufstöhnend läßt er die Hän
de sinken und zieht sie herein blut
überströmt! Und jetzt rasselt und
prasselt es zur zertrümmerten Schei
be herein, hüpft geisterhaft weiß auf
den Boden, trommelt gegen Tisch und
Schrank, Ofen und Wand, und ent
setzt jammernd fliehen die Frauen
aus der Stube in die Küche. Drau
ßen brüllt und tobt es höllisch, als
wäre der Weltuntergang gekommen.
„O die Ernte!" jammert die Bäu
rin.
„Der Wein ist getrunken!" sagt der
Bauer tonlos und schüttelt seine ver
beulten Hände.
Und nun hören sie ein Plätschern
und Gurgeln rings urn's Haus zum
verdeckt liegenden Küchenfenster hin
aus sieht der Bauer, wie es draußen
schwillt, kniehoch das Tälchen herab
kommt, um's ganze Anwesen her zur
Flut ansteigt, sich schauerlich fort
wälzt. Horch, vom Dorfe drinnen
wimmert die Glocke: Sturm!
„Ich muß fort!" ruft der Heim
bürge und stülpt einen Sack über den
„Du rennst in den Tod!" heult
Lioba.
Ter Hagel hat nachgelassen, und
der Regen rauscht gleichmäßig stark
durch die Nacht. Mutter und Tochter
greifen handvollweise nach den Ha
gelsteinen und füllen Korb für Korb.
Das Bübleinjiegt in der Elternkam
mer und ist weinend eingeschlafen.
Nun sind die Hageleier hinausge
schafft und in den Wiefengraben ge
leert aber der Stubenboden
schwimmt von Wasser.
„Wo mag nur der Vater sein?"
fragt Euphrosine angstvoll.
Breit schießen schwarzbraune Flut
massen schaumgekrönt an der Staffel
vorbei.
„Ein Wolkenbruch an der Grin
bei" schreien dem Heimburgen die
Leute entgegen, da er bis auf die
Haut durchnäßt in's Ort kommt.
Sechs Ellen hoch gestiegen, donnert
im' Talbach die Sturzwelle bergab
wärts, Männer mit Stangen rennen,
Weiber kreischen, Kinder wimmern.
„Dem Bachmärtel sein Haus!"
ruft eine schrille Stimme.
Der Heimburge wirft sich durch die
Menschenmenge, bricht in's Häusel
ein, nimmt zwei Kinder auf die Ar
me. Es sind dem Märtel seine Enkel,
der Großvater hat sie in der Verwir
rung vergessen mitzunehmen. Dicht
hinter'm Häusel schießt der Strom
vorbei, frißt an der Stützmauer,
spült sie weg das Dach neigt sich,
das Häusel sinkt wie ohnmächtig in
sich zusammen und jetzt ist es
verschwunden, ohne Spur im Meer
des Unheils versunken. Um den Ret
ter drängt sich das Volk, und unge
schickt schüttelt ihm die alte Bachmär
tel-Vev die Hand und wischt die Au
gen.
O wie sah es am andern Morgen
im Dorf und in der Gemarkung aus!
Kinderfaustgroße Hagelsteine lagen
noch in Gräben und Ecken und hauch
ten eisige Kälte aus. Die ganze
Herbsthoffnung war vernichtet, Gra
nitroacken und Grieß überdeckten Feld
und Gärten samt den Bachwiesen,
diese für immer unfruchtbar ma
chend.
Der Heimburge aber hatte zu lau
fen und zu trösten, aufzumuntern und
zu helfen wie der Basler-Lenz wei
land. Scharf hatte die Hand des Herrn
zugeschlagen, und mancher im Dorfe
fragte zweifelnd: „Wie haben wir das
verdient und was soll es bedeuten?"
Seltsame Dinge aber zeigten sich
im hungrigen Herbst: Als wollte der
Himmel den Schaden wieder gutma­
f*
chen, begannen zum zweiten Mal die
Obstbäume zu blühen und Früchte an
zusetzen Sie wurden allerdings nim
mer reif. Doch wo der Strich des Ha
gels nicht hingeschmettert hatte, ern
teten die Bauern einen edlen und rei
chen Weinherbst, der das Verlorene
doppelt und dreifach ersetzte.
Am Abend after standen die Men
schen auf den Gassen und starrten gen
Süden jetzt kam es heraus, wer die
Natur so aufgepeitscht und in Wirr
warr versetzt hatte!
„Seht Ihr ihn nicht?" rief der
Rübenjakob dem Sindelhofer zu, der
vom Ackern kam und stracks heim
wollte.
Dieser blieb verwundert stehen und
folgte dem weifenden Finger. Ei, dort
hing ein Stern über'm Horizont,
aber ein wunderbarlicher: hinten zog
er einen seltsamen, mattglänzenden
Schweif nach! Und Abend für Abend
wurde er größer, bis er zuletzt den
ganzen Westhimmel bedeckte.
„O du grundgütiger Schöpfer!"
jammerten die Leute. „Was hast Du
uns für neue Peinigungen aufge
spart mit Deiner Zuchtrute, die Du
bleich und schimmernd an den Blut
Himmel hängst?"
Und man lief in die Kirche denn
der greise Pfarrer Daniel Stünzig
hatte das vierzigstündige Gebet ange
ordnet zur Abwendung der Gefahren,
die zweifellos bevorstanden.
Grauenhafte Dinge fielen wie Zei
chen und Wunder in's Volk. Eines
Nachts noch im Winter des Kome
ten zuckte vom Schloßbuckel ein
greller Blitz über's Dorf, dem ein
dumpfhinrollender Donner folgte. Er
schreckt standen die Bewohner der näch
sten Häuser auf und eilten notdürf
tig bekleidet zum Burgberg. Aus den
Trümmern eines eingestürzten Kel
lergewölbes drang schwelender Pul
verruch.
„Der Kuhsepp ist schuld!" schrie
des Bachmärtels jüngster Sohn und
rannte int Burghof herum mit Blut
quellendem Armstumpf, den er gräß
lich wimmernd schlenkerte.
„Was ist den los, Ferdi?" rief ihn
der alte Schmied-Xaver an.
Der junge Bachmärtel sank in Ohn
macht.
Der Schmied schickte nach dem
Pfarrherrn und dem Heimburgen.
Der Verletzte aber, nachdem er ver
bunden dalag und wieder zu sich ge
kommen war, berichtete unter Stot
tern und Stammeln: „Sie müssen
noch drunten liegen unter'm Ge
mäuer!"
„Wer denn?"
Der Damian vom Lochhof riß ihm
das Wort vom Munde.
„Der Vater und der
Eine Fackel wurde in der Schmie
de geholt, die Bauern leuchteten und
gruben in die Trümmer, und richtig:
nach qualvoller Anstrengung gelang
es ihnen, die Leichen der beiden alten
Tunichtgute heraus zuscharren.
Der Bachmärtel, Ferdi, als man in
ihn drang, legte endlich ein Geständ
nis ab: Schon lange war in den bei
den Sippen die Rede gewesen von
dem Schatze, der noch im Burgkeller
lag. Der Kuhsepp sagte aber: Der
genaue Ort läßt sich nur ausmachen,
wenn man sich eine geweihte Hostie
verschafft denn so verfahren die
echten Schatzgräber. Der junge Bach
märtel wurde in die Lindenkirche ge
schickt und versorgte sich dort in schän
derischer Weise mit dem geweihten
Brot, das er im Kittelsack heim
schmuggelte. Die zwei geldgierigen
alten Schnapser schlichen sich mit dem
Burschen vor Mitternacht zur Burg,
bahnten sich den Weg zum Gewölbe
mit Kerzenstümpchen, legte die dem
Heimburgen im Sommer gestohlene
Sprengmine und wollten enteilen.
Doch der Schuß ging zu früh los und
tötete die frevlerischen Anstifter, riß
aber dem Gehilfen die Hand ab, die
das Heiligste gehalten. Die Hostie,
nach der nun der zitterige Pfarrer
sorgsam suchte, wurde am Morgen
unversehrt gefunden, der Schänder
aber starb reumütig.
Einen erschütternden Eindruck hat
te dieses Gottesgericht auf alle Bau
ern gemacht. „Seht ihr," sagten sie,
„es stimmt halt doch, was der Pfar
rer hundertmal gepredigt hat: Wie
gelebt, so gestorben! Hat er nicht auch,
ohne einen Namen zu nennen, im
mer wieder von einem heimlichen Ei
tergeschwür unserer Gemeinde gespro
chert Jetzt hat der Herrgott selber es
herausgeschnitten, nachdem Seine
Langmut zu Ende war. Und wer noch
wankt im Glauben, soll es sich zur
Warnung nehmen und sich bekehren!"
„Ach was," brätschte der Sauhänd
Ier_ höhnisch dazwischen, „es ist ein
Blödsinn, so was zu behaupten!
Schaut doch auf euern Mustermartrt,
den Heimburgen Benkeser! Trifft ihn
nicht auch ein Unglück um's andre?
OHIO WAISENFREUND
Und wie er einst endet, weiß auch noch
kein Teufel zu melden!"
Freilich, es hörte vorläufig nie
mand auf ihn, und er mochte seinen
Schnurrbar, der jetzt sauerkrautig zu
Boden hing, noch so zornig in die
Höhe zwirbeln: Alle Mühe blieb ver
gebens, und auch seinen Schnaps
mußte er als vereinsamter Gegner
des Sindelhosers allein durch die
Gurgel jagen.
Und doch sollte er recht behalten,
wenn auch in anderm Sinne, als er
ahnen konnte. Zwei Jahre nach der
Drohung des Kometen lief böfes Ge
rücht durch die Ottenau: Die Pest, in
Thüringen droben ausgebrochen, nah
te sich von Ort zu Ort der Heimat,
immer wieder weitergeschleppt durch
kranke Kaufleute und Reisende.
„Gelt, ich hab's gesagt," rief der
Schmied-Albert ärgerlich, „die Leute
haben damals dem fliegenden Kome
ten keine Beachtung geschenkt und die
Brunnen nicht gehörig zugedeckt vor
der giftigen Ausdünstung des Stern
schweifes!"
„Schwätz kein Zeug," belehrte ihn
sein ehemaliger Meister, der ihm die
Schmiede längst übergeben hatte,
„wenn's halt kommen soll, so Hilst
alle kluge Vorsorge nichts!"
Und der Schwarze Tod schlich sich
ungefragt ein in die kleine Ortschaft
am Grindefuß. Wohl, er trat diesmal
nicht so grausig auf wie in früheren
Seuchenjahren, aber er hielt doch
schaurige Mahd. Eines der ersten
Opfer war der Schmied-Albert und
der alte Xaver mußte nun, ob er
mochte oder nicht, selbst wieder an
den Amboß stehen und den Bauern
ihre Rosse und Ochsen beschlagen. Als
der Totengräber den siebten Pestge
storbenen beerdigt hatte, streckte er sich
auch, und es sand sich niemand, der
seine Stelle zu versehen wagte. End
lich, als die fressende Eiterbeulen
krankheit am schärfsten in die Sin
delhofersippe einbrach, gaben sich die
Zwillinge dazu her, die Grableger zu
machen. Ach, sie mußten ihren eige
nen Bruder Damian vom Lochhof
herabkarren und nacheinander zwei
feiner Mädchen! Den Heimburgen
und sein Weib Lioba traf der
Schmerz in's Innerste, und doch war
der Prüfung noch kein Ende: Ihre
große Tochter Adeline starb von vier
Kindern weg, und unter den nächsten
zwölf Männern war auch der Theres
ihr Mann vom Grobenhof. Und zu
allem hin kam die zehrende Angst, ob
die Zwillinge nicht auch angesteckt
würden. Sie aber taten ihren Liebes
dienst unbekümmert sie Hattert nichts
zu verlieren, sie hausten immer noch
ledig jelbartder im Mattenhof und
hielten so treu zusammen, daß jeder
mann sich ein Beispiel nahm an ihrer
seltenen Bruderliebe. Und ungefähr
deL hielten sie aus, bis die Seuche
erlosch und der Würgengel sich in an
dere Gegenden verlor.
Und doch hatten die Menschen keine
Zeit, dem traurigen Massensterben
lange nachzuhängen: Alles Geschehe
ne deckte ein viel gewaltigeres Schick
sal zu, das wie ein bleiernes Dach
sich dumpf auf das Denken von Man
nern und Weibern legte. In der
Traube saßen die Bauern beisammen
und sprachen in erregten Worten von
der schlimmen Botschaft, die von Osten
her durch's Reich flog.
„Habt Jhr's gehört, Heimburge?"
rief die Willmann-Klara dem Eintre
tenden entgegen. „Der Türk ist im
Anmarsch!"
»Ja, bös genug sieht's aus dies
mal, denn er kommt in Massen wie
nie zuvor, und Wien ist andern ver
loren."
„Ah, drum läutet's jetzt Sturm in
allen Dörfern ringsum!"
„Ja, der Hl. Vater hat das all
gemeine Gebet ausgeschrieben denn
die ganze Christenheit ist verloren,
wenn der Halbmond auf den Ste
phans-Dom kommt."
„Und rrnfre Gemeinde?" fragten
die Bauern den Heimburgen.
»Wir gehen heut mittag ebenfalls
auf die Prozession zur Lindenkirche
von allen Ortschaften kommen die
Menschen tausendweis gewallfahrtet,
um den Sieg zu erflehen für die
christlichen Waffen!"
„Gelt, ich hab's gesagt," schloß der
Steinhauer-Philipp, „der Komet!
Was hat er bedeutet? Nicht bloß
tückische Krankheit, sondern vorweg
einen krummen, bleichblutigen Tür
fett Jabel!"
So unter Hangen und Bangen
verging der Sommer. Endlich, im
September 1683, ging ein Aufatmen
durch's Land: Wien war durch ein
Heer aus kaiserlichen, polnischen und
Reichstruppen befreit, das feindliche
Fußvolk vernichtet, die Reiterei in
die Flucht geschlagen worden!
Und doch war die Türkengefahr
noch lange nicht vorbei. Lähmend
lang zögerten sich die nächsten Jahre
hin unter immerwährendem Hoffen
und Harren. Freilich, man vernahm,
wie die Heere des Kaisers immer tie
fer in^die Ostmarken vordrangen und
6in Stück Ungarn nach dem andern
dem funkelnden Halbmond entrissen.
Matt hörte auch in der Ortenau, wie
sich aus der Schar der tapfersten
Kämpfer immer strahlender der jun
ge Held aus der Nachbarschaft empor
hob,^der einem Morgensterne gleich
die Sonne des Friedens zu verkünden
schien. O, «igst kannte ihn schon gut»
V
•4 tjrH
den Markgrafen Ludwig Wilhelm
von Baden, der von Sieg zu Siege
flog und die östlichen Feinde vor sich
hertrieb wie gescheuchte Lämmer!
Aber man bebte auch insgeheim
vor dem lauernden Westseinde, den
man seit bald einem Halbjahrhun
dert als unruhigen Nachbarn kannte.
Würde er nicht die günstige Gelegen
heit ergreifen? Das Reichsheer war
ja im Osten gebunden, die Heimat
am Rhein von Truppen entblößt.
Richtig, im Herbst 1688 brachen
die Scharen Ludwigs XIV. in die
Pfalz ein, die er für seinen Bruder,
den Herzog von Orleans, und dessen
Gemahlin, die Pfälzerin Liselotte, er
obern wollte!
„So traurig es ist," meinte des
Heimburgen Weib Lioba, „aber we
nigstens gilt es diesmal nicht uns!"
„Frau," sagte der Sindelhofer,
..wir sind noch nicht über'm Graben!
Wer kann wissen, was aus der üblen
Sache noch wird."
Am Abend stiegen die Dorfbewoh
ner auf den Schloßbuckel und starr
ten hinaus in's Land. Fern drunten,
fast gen Mitternacht zu, sahen sie es
rot durch den Winterdunst schimmern.
Es war aber zu weit weg, als daß
man etwas Genaues ausmachen konn
te.
„Auf jeden Fall." versicherte der
Tchmied-Xaver, dessen scharfe Spä
heraugen vom Alter nicht getrübt
waren, „sieht es dort drüben bös
aus. Ich meine schier, die ganze Pfalz
verbrennt!"
Nur wie eine kurze Gnadenfrist
verbrachte man die nächsten Monate.
2o wartet ein unschuldig Eingeker
ferter auf sein Todesurteil! Man
wußte bereits: der ruchlose Raubkrieg
hatte sich verbreitert, die Pfalz war
eine Wüste geworden, und schon schick
ten sich die welschen Scharen an, in
die untere Marfgrq/schaft einzudrin
gen, um sengend und mordend wei
ter landaufwärts zu ziehen.
Immer noch zögerte man in St.
Lienhard mit der Flucht. Aber im
August 1689 trafen Versprengte aus
den markgräflichen Dörfern ein ab
gerissen und halb zu Tode gehetzt be
richteten sie, wie der unbarmherzige
fuiitd bereits Baden-Baden in einem
Flammenmeere hatte ertrinken las
se». Ter Heimburge schickte seine
Zwillinge auf den Hardtstein sie ka
nten noch am selben Vormittage den
itelfentoeg herabgerannt und mahn
ten zur Eile. Deutlich hatten sie ge
sehen, wie die hellen Brände Stein
dach, Stollhofen und Bühl verzehr
ten.
Schweren Herzens gab Christian
vor dem Rathaus den Befehl zur
Räumung des Dorfes. Daheim im
Sindelhofe lag fein Weib Lioba an
einer Lungenentzündung darnieder.
Deshalb hatte er auch so überlang
zugewartet und immer noch gehofft,
die Flucht würde unnötig werden
durch das Eintreffen kaiserlicher
Truppen. Jetzt aber wäre jedes Zau
dern Frevel gewesen an der ganzen
Gemeinde!
Gestern noch war der Physikus von
Achern heraufgekommen und hatte
einen Transport der Kranken streng
verboten. Denn sie konnte in ihren
Händen unterwegs sterben. Ta war
es nur ein Glück, daß wenigstens die
brave Euphrosine nicht von der Seite
ihrer Mutter wich! Sie ließ ihr die
aufopferndste Pflege zuteil werden
und weigerte sich auch, ihren Buben
herzugeben, den der Großvater mit
nehmen wollte. Die kranke Großmut
ter aber, die durch den Türfpalt das
Gespräch mit dem Arzt belauschte,
seufzte nur auf und flüsterte: „Wenn
schon gestorben werden soll, dann lie
6er in Ruhe daheim! Die fremden
Soldaten sind doch auch Christenmen
schen und werden ein Einsehen ha
ben."
Wider Erwarten weigerten sich
auch der Pfarrer.Daniel Küttzig und
der Schmied-Xaver. mit den andern
Bewohnern aufzubrechen.
»Ich steh gm Himmelstor." sagte
der Seelenhirte, „wie ich nun hinein
gerate, darauf kommt's nimmer an."
Und die beiden ehrwürdigen Grei
se blieben vor dein Pfarrhäusel in der
wärmenden September-Sonne sitzen
und sahen den Abziehenden nach, die
mit all ihrer fahrbaren Habe dem
Rabenloch zueilten.
Das Dorf lag jetzt leer da. Nur in
einem der untersten Häufer tieb sich
unbemerkt der Sauhändler herum,
der im Trotz verharrte, weil er nichts
mehr zu sagen hatte.
Als die Fliehenden in den Kessel
der Au gelangten, standen an der
Wegscheide Männer aus Neusatz. Sie
winkten und riefen: „Nachbarn, ihr
sollt hiiiüberkommcn zu uns! Die
Bauern der ganzen Gegend haben sich
drüben versammelt wir wollen uns
nicht berauben lassen und abschlachten
wie Vieh, sondern dem Franzmann
seinen Weg weisen!"
„Gut," antwortete Christian, „wir
kommen und stehn euch bei! Links
ab!"
Schwerfällig setzte sich die Wagen
schlange in Bewegung und zog in ge
waltigen Windungen zum Paß in's
Nachbartal. Die Frauen und Kinder
wurden gen Neusatzeck auf die Hoch
ebene geleitet, wo sie am Fuß des
Jmmensteins ihr Lager aufschlugen.
Die wehrhaften Märttte^ aber stiegen
-.1.'
TbiußA
Aj,'S1 ^fr,#"^'' A iJy W^^WW^VWW
Blittersdorf, Geheimrat des Mark
grafen, das Schloß Waldsteg besaß.
Er weilte bereits mitten unter den
Bauern, ließ Waffen verteilen, die
müden Flüchtlinge mit Brot und
Wein erquicken und leitete alle nöti
gen Vorbereitungen. Auch die from
men Väter von Ottersweier hielten
sich treu zu ihren Pfarrkindern und
feuerten das Volk zum äußersten Wi
derstande an.
Ein Bote kam das Tal herausge
rannt. „Bei der Lindenkirche lagern
die Franzosen!" schrie er. „Eine star
ke Abteilung hat sich gegen Neusatz
abgezweigt!"
Sofort befahl der Freiherr: „Die
besten Schützen rücken in die Schan
ze!"
Den linken Flügel besetzten die
Mannen von St. Lierthar^, in ihrer
Mitte der Heimburge, flankiert von
seinen starken Zwillingen. Kalten
Blutes erwartete man den Feind in
lautloser Stille.
Der ließ nicht lange auf sich war
ten: ahnungslos schob sich die franzö
sische Marschkolonne heran. An ihrer
ungesicherten Spitze schritt ein Ober
leutnant und unterhielt sich sorglos
mit einem blutjungen Fähnrich, dem
der Spaziergang über den Rhein bis
jetzt recht gut gefallen hatte. Hoffte
er doch auch heute reiche Beute zu ma
chen an Vieh und Nahrung!
Um den Rank biegend, sahen die
beiden Herren vor sich den frischauf
geworfenen Erdwall quer durch's
Tal ziehen. Sie stutzten und hielten,
aber zu spät: Eine Salve krachte und
fegte mitten in ihre Reihen! Ein
wahnsinniges Gebrüll erhob sich die
Welschen wichen zurück, versuchten
Umgebungen, wurden jedoch an bei
den Talhängen unsanft abgewiesen.
Wütend darüber, daß einfältiges
Bauernpack solchen Widerstand wag
te, stürmten sie nun in hellen Hau
fett gegen die Mitte der Front. Doch
das wohlgezielte Feuer der Verteidi
ger streckte immer neue Rotten nie
der. Die meisten Toten aber türmten
sich bor dein Schießstande der drei
Benkeser.
„Vorwärts!" schrieen plötzlich die
Zwillinge und stürzten aus der Ver
schattung mit geschwungenem Kolben
auf den Fähnrich, der bei dem zu est
gefallenen Oberleutnant kniete. Sie
rissen ihm den Degen weg, nahmen
ihn gefangen und schleppten ihn über
den Wall zurück. Die Hände hatten
sie ihm mit seiner eignen Schärpe
gefesselt.
„Was habt ihr wider unser Volk?
herrschte ihn der alte Plittersdorf in
französischer Sprache art.
Ter junge Fähnrich, mit Tränen
der Beschämung kämpfend, blickte
starr zu Boden.
„Haben wir euch das Geringste zu
leid getan?" fuhr der Freiherr fort.
„Nein, Sire!" gab der Franzose
schüchtern zur Antwort.
„Könnten unsre Volker nicht im
Frieden nebeneinander leben, wenn
jedes mit den Früchten seines Landes
sich zufrieden gäbe?"
„Allerdings!" versetzte errötend
der Franzose.
Der Freiherr riß die Fessel von
seinen Händen. „Scheren Sie sich zum
Teufel!" schrie er mit zornbebender
Stimme. „Melden Sie Ihrem Mord
brertnergeneral Turas, daß wir Ruhe
wollen und sonst nichts!" Er versetzte
ihm einen scharfen Backenstreich und
jagte ihn über die Schanze zurück.
In großen Sätzen raste der Jüng
ling davon, völlig verwirrt von der
Schmach und doch schon nach Rache
schnaubend.
Gegen Abend kamen die Welschen
mit neuer Uebermacht das Tal her
ein. Wiederum wurden sie zermalmt
vom granitharten Opfermute der
Verteidiger. Doch diesmal ließen sich
die erbosten Bauern nicht länger zu
rückhalten: es kam zu einem erbitter
ten Handgemenge vor der Schanze!
So furchtbar war der Zusammen
prall, daß die Franzosen unter Zu»
rüriflassung ihrer Toten und Verwun
deten flohen. Auch der Fähnr-f- atte
feine Schande vom Mittag mit dem
Tode getilgt.
(Fortsetzung folgt)
„Wie der Kranke ganz dem
Arzte, welchem er sein volles Zu
trauen schenkt, die Wahl der Arzneien
und die Art der Heilung überläßt, so
sollen auch wir es der Weisheit und
Güte Gottes überlassen, wie Er uns
helfen will" (St. Ambrosius).
OHA JOÜCÄ
Jüdischer Weltkongreß sendet Vati
kan eine Dankspende
Dr. Leon Kubowitzki, Generalsekre
tär des jüdischen Weltkongresses, gibt
bekannt, daß die Organisation vati
kanischen Wohltätigkeitsstellen zwei
Millionen Lire zur Verfügung gestellt
hat, „in Anerkennung des Werkes
des Hl. Stuhls bei der Rettung von
Juden vor faschistischer und Nazi
Verfolgung, die beträchtliche Kosten
verursachte". Die Spende, welche ei
nem Wert von $20,000 entspricht,
wurde, wie Dr. Kubowitzki erklärt,
auf Wunsch der Union italienischer
Gemeinden gemacht, und durch einen
dem stellvertretenden Staatssekretär
nach einem Empfang beim Papst
überreichten Scheck ausgeführt.
Katholiken Englands -greifen Rus
scnpolitik an
Allen Abmachungen und Verspre
chen sämtlicher Alliierten zum Trotz,
fahren die Russen in den von ihnen
kontrollierten und okkupierten Län
dern fort, ihre eigenen Ziele zu ver
folgen, indem sie persönliche oder
Parteidiktatur in einem möglichst
großen Gebiete aufrecht erhalten,
schreibt der ,Catholic Herald'. „Zu
einer solchen Politik .gehören-natür
lich Geheimpolizei, Verweigerung der
Redefreiheit und Verbannung aller
etwaigen Gegner," fährt das Blatt
fort. „Aus diesem Grunde herrscht
eine zunehmende Feindseligkeit gegen
die Christen, die sich nicht zum In
strument der Staatstyrannei machen
lassen wollen d. h. in anderen
Worten gegen alle Katholiken. Wel
che Proteste auch in osteuropäischen
Ländern hinsichtlich religiöser Frei
heit für .gute Katholiken', im Gegen,
satz zu .Faschisten' oder .Klerikalen'
gemacht werden, wir können sicher
sein, daß der Katholizismus immer
mehr öffentlich verfolgt werden wird,
solange die gegenwärtige Politik der
pseudodemokratischen Tyrannei wei
terbesteht."
Stimme gegen Laski
Der demokratische Abgeordnete
William B. Barry von New Aork
erklärte in einem Brief an Präsident
Truman, Harold Laski, der Vorsit
zende der britischen Arbeiterpartei,
habe am 24. September in New Uork
eine „typisch kommunistische Schmäh
attacke gegen die katholische Kirche"
unternommen, und bat den Präsiden
ten. Prime Minister Attlee aufzufor
dern. „Laskis Haltung zu desavouie
ren ober zu decken, damit wir wissen,
wo wir stehen".
lieber die provisorische Polen
regterunfl
.Wenn in irgendwelchen Kreisen
in's Dorf hinab, wo der Freiherr von irgendwelcher Zweifel darüber bestan­
(jJsdt
den haben sollte, daß die provisori
sche polnische Regierung von Sowjet
Rußland dominiert wird," schreibt die
.Catholic News', „so dürften sie durch
die Ankündigung des Warschauer
Radios, daß das neue Regime als
Ergebnis des Jalta-Abkommens, das
Konkordat, das zwischen dem Hl.
Stuhl und Polen seit 1925 bestand,
aufgekündigt hat. behoben sein. Po
len ist eines der katholischen Länder
der Welt. Tie provisorische polnische
Regierung ist für Polen ebensowenig
repräsentativ, wie es die von den Na
zis eingesetzten Regierungen in den
von ihnen Überfallenen Ländern wa
ren .. Es besteht fein Unterschied
zwischen einem von den Nazis domi
nierten Polen und einem von den
Russen dominierten, und einen sol
chen Unterschied kann niemand erken
nen, der es mit seiner Verteidigung
der Atlantic Charter, die die Grund
lage für den Frieden der Nachkriegs
welt bilden sollte, ernst nimmt."
Auffallende Ergebnisse der indu
striellcn Forschung
Wie von maßgebenden Kreisen in
Washington mitgeteilt wird, werden
erstaunliche Ergebnisse der wissen
schaftlichen Forschung auf allen Ge
bieten der Industrie verwertet wer
den, sobald die amerikanische Indu
strie sich vollständig auf Friedenspro
duktion eingestellt hat. Automobile,
Radios, Waschmaschinen. Refrtgera
toren und ähnliche Produkte werden
so erheblich verbessert sein, daß Kun
den die neuen Produkte werden ha
ben wollen, auch wenn ihre alten noch
gute Dienste leisten. Beobachter in
der Hauptstadt äußerten die Ansicht,
daß dadurch Tausende von Arbeits
stellen in bestehenden Industrien ge
schaffen werden würden. Neue Indu
strien würden weitere Tausende von
Arbeitslosen absorbieren können.
Nachstehend nur einige von den neuen
Produkten und Diensten, die als Er
gebnisse der Forschung der Industrie
erwartet werden können: Ein Auto
gasolin, das so gut wie Flugzeug
gasolin ist, zu keinen Mehrkosten in
der Fabrik zugeschnittene Häuser mit
standardisierten Teilen, zusammenge
setzt nach dem Entwurf des Besitzers
muttenr'este und nicht einschrumpfen
de^ Wollstoffe, die in der Fabrik mit
besonderen Chemikalien behandelt
wurden durchsichtige Fliegenfenster,
die sich wie ein Rouleau ausrollen
lassen Fenster aus polarisiertem
Glas, die eine Regulierung der
Stärke des einfallenden Lichts durch
Drehung eines Knopfes ermöglichen.
Alle Anzeichen weisen darauf hin, datz
die industrielle Forschung in der näch
sten Dekade noch erheblich beschleu
nigt wird.

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